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Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | 97. Nachwort

Dies ist eine sächsische Autobiographie als Fragment in 99 Fragmenten. Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philosophen nennen das coinci­dentia opposi­torum, d.h. Einheit der Widersprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

  97. Nachwort

»Lacht euren Herren ins Gesicht und wagt den aufrechten Gang«



Witwen
 

Und gute Witwer?




Gerhard Zwerenz
Gute Witwen weinen nicht
Kranichsteiner Literaturv. 2002
Das Buch bei Amazon  externer Link


Dem neuen imperialen Größen­wahn zu wider­stehen brauch­te es die Selbst­bestim­mung der Bedrohten. Die Deutschen haben den Siegern von 1945 die Ur-Er­fah­rung der Niederlage voraus. Die Sieger gefallen sich seitdem in neuen Kriegen, denen die Deut­schen sich, unklug geworden, an­schließen als sei etwas zu gewinnen. Unser Inter­esse aber ver­langte eine Welt ohne Kriege. Lässt sich also ein kriegs­ver­hin­derndes Gesell­schafts­modell ent­wickeln, das nicht vom herr­schenden Kapital-Imperium verfolgt und zerstört wird? Der Marxis­mus hat es versucht. Norbert Blüm dagegen: Marx ist tot, Jesus lebt! Da soll euer Herr Jesus also den unsäg­lichen heuti­gen Welt­zustand verant­worten? Wie wäre es mit: Jesus wurde zu Tode gekreuzigt und Marx zu Tode verleugnet? Der Marxis­mus ist tot, Marx hat über­lebt. Viel­leicht sind wir Athe­isten die letzten Gläubigen, die den ewigen Tanz ums Goldene Kalb so satt haben, dass sie ihn ver­weigern. Ein Rat von Ernst Bloch: »Lasst euch nicht bange machen, lacht euren Herren ins Gesicht und wagt den auf­rechten Gang.« Was aber ist hier und heute auf­rechter Gang? Von Marx/Engels bleibt das Manifest inklusive nach­folgender Kapi­tal-Ana­lysen. Die Revo­lutions-Theorie darf mit dem Ende der SU samt DDR als geschei­tert gelten. Marx hatte den Wecker zu früh gestellt und bald war es zu spät zum Aufwachen. Ab 1914 dementierte die deutsche Sozial­demokratie den Marxis­mus. Ihren Noske von 1918 kriegt die SPD nie mehr aus den Kleidern. In Russ­land siegte 1917 der vom kaiser­lichen Deutsch­land gespon­serte geniale Lenin, den ab 1924 Stalin besiegte, aus dessen Schat­ten die Kommunis­tischen Parteien kaum je heraus­kommen. Hitler und Stalin überleben in Ewig­keit, wäh­rend die USA die Fortsetzung einer Welt­erobe­rungs­poli­tik betreiben, deren Auf­takt der Völ­ker­mord an den Indianern bildete. Seither gilt Rot als Farbe des Feindes. Ist Gelb die Schluss­folgerung? Wer nicht bis nach Asien fahren will, darf daheim mit Jesus über Marx/Engels bis Kant, Hegel, Nietzsche und Bloch reisen. Es gibt eigene Reserven, die gegen die Kriege der besitzenden Macht-Monster helfen. Wenn Revo­lu­tionen zu Konter­revo­lutionen entfremden, ist Zeit für die per­manente pazi­fis­tische Revolte.
Immerhin wagten wir manche aufrechte Erinnerung, 1963 z.B. an 1848:



 

Alfred Schmidt
Der bürgerliche Mensch zwischen Marx, Adorno und den Freimaurern




Die Veranstaltung in der Pauls­kirche liegt neunund­dreißig Jahre zurück, von den Betei­ligten leben nur noch drei außer mir. Hat die Pauls­kirche sich oder uns über­lebt? Wir erin­nerten an den Vormärz 1848. Was hat das schon zu bedeuten im Zeitalter totaler Aktua­litäten­shows? Ge­hirne mit ein­gebauter Gedächt­nis­leiste gibt's dem­nächst im Super­markt. Der bür­ger­liche Mensch in der Revo­lution hieß 2005 der Vor­trag von Alfred Schmidt an unserem Frank­furter Bloch-Abend. Schmidt ver­starb am 28. August 2012 – Goethes Geburts­tag. Und wie­der ging ein wis­sens­durstiger Unruhe­stifter unserer Gene­ration dahin. Noch ein bürger­liches Original weniger. Sein Horizont reich­te von Feuer­bach bis Marx und Bloch, von Adorno und Hork­heimer bis zu den Gewerk­schaften und endlich bis zum humanis­tischen Frei­maurertum. Frank­furt ohne diesen deli­ziös un­profes­sora­len Pro­fessor ist wieder um ein Stück Kultur­ge­schich­te ärmer geworden. Wir erin­nern uns hier gern an er­strit­tene Gemein­samkeiten:


Der Abend wurde organisiert von Jörg-Herbert Klement


 

Gerhard Zwerenz bei Gertrude Meyer 1978 in Hindas/Schweden




Wer altert überlebt. Er wird immer einsamer. Wir trauern nicht, wir erinnern in der Hoffnung, erin­nert zu werden. Es ist wie in Platons Höhlen-Gleichnis – die Bil­der undeut­lich, an der Wand Schatten und Fetzen. Vom Vor­märz bis Ernst Bloch und Kurt Tucholsky – eine Reihe von Erin­nerungen an vergebliche oder ver­lorene Re­volu­tionen. Trotz­dem – »Gute Witwen weinen nicht« – den Satz von Meyer wählte ich als Buchtitel für meinen Tucholsky-Roman. Das klingt so schön lieb und den­noch oder gerade des­wegen aufrecht. In der Reprint­ausgabe heißt es dazu:



Im Rückblick auf die siebziger und achtziger Jahr­zehnte des vorigen Jahrhunderts und mit Blick auf unser hintergründiges Hausarchiv erstaunt mich selbst die Fülle der ange­sammelten Dokumente. Lange Zeit vermied ich es, über die Ursachen meiner irr­witzigen Aktivität nach­zudenken. Die letzte auto­biogra­phische Bestands­aufnahme zwingt zur Rechen­schaft. Blochs lebenslange Energie­leistung war mir in Leipzig plau­sibel gewor­den. Seine wie Tucholskys Anti­kriegs­haltung wur­zelten in der Ur­kata­stro­phe des 1. Weltkriegs. Tucholsky hatte bei kriegs­gericht­licher Voll­stre­ckung von Todes­ur­teilen bloß »die Akten gehal­ten«, was er nie ver­gaß, aber nur gelegentlich an­merkte. Was also, frage ich mich, wurde mein Antrieb? Als 1933 unsere Boden­kammer-Bücher in Gefahr gerieten, rea­gierte ich mit einer kindlich-jugend­lichen Wider­setz­lichkeit, die bis zu meiner Zeit in Warschau nach­wirkte.

Die Erinnerung an Warschau erst wurde zum realen Albtraum einer Höhle. Mitte August 1944 retteten wir, zwei Soldaten, uns in einen höhlenartigen Gang, wo wir niedersanken und vor Erschöpfung einschliefen. Am Morgen weckten uns Stimmen. Etwas oberhalb am Hang stritten russische Soldaten. Mein Beglei­ter verlor die Nerven, sprang auf, rief Polski – Polski und rannte weg. Ich hörte Rufe, dann Schreie, dann Schüsse. Vom nahen Feld pflückte ich Mohn­kapseln, kaute sie, wie ich es mir angewöhnt hatte, lag den ganzen Tag still. Gewitter und Artillerie­feuer ringsum. Wie gehe ich zu den Russkis, ohne von ihnen er­ledigt zu werden wie eben mein nerven­schwacher Kamerad, der Bruder Kopf­los? In der Höhle liegen bleiben ist das Märchen, das dir zum Herzens­wunsch gerinnt. Hans Pfeiffer und ich erzähl­ten uns in Leipzig aus glor­reicher Mili­tär­zeit. Er vom ampu­tierten Sol­daten­bein, das ihm der Sani-Feldw­ebel auf die aus­ge­streckten Arme legte: Zehn Knieb­eugen, Sie Scheißkerl! Ich deutete mein Warschau-Trauma an.
  Dieser Text-Ausschnitt stammt aus dem 66. Nachwort mit dem Titel: »Links im Land der Obersturm­bann­führer«. Bei den Höhlen­gesprächen mit Hans Pfeiffer er­innerte ich mich plötz­lich mit auf­störender Genauig­keit an vergessene Details. Der damalige Begleiter war geflüchtet, den Schüssen folgte Stille als wär's der Hall. Ich lag reglos, lauschte, riss das beiseite geworfene MG an mich, ging in Stellung, im Kopf nichts als die Wut, die es braucht, den Endpunkt zu setzen. Zweimal war mein Flucht­versuch miss­lungen, beim dritten Mal gehe ich nicht allein übern Jordan. Waren das damals wirklich meine Gedanken? Ungern glaub ich's. Falls aber doch? Russen, Polen, Deutsche, wer jetzt auftauchte, durch die Schießerei wild alarmiert, bewaff­net mit Hand­granaten, für den war ein Ent­kommen aus­geschlossen. Ich werde euch mitnehmen zur letzten Fahnen­flucht in den Himmel, zur Hölle, aus dem Alb­traum heraus.
  Ich hockte und lag und lauschte. Eisenzeit. Granatenzeit. MG-Zeit. Aus und vorbei. Es regte sich nichts am Höhlen­eingang. So hab ich bald vergessen, dass ich dort ein Stücklein Helden­tod gestorben bin. Und den Helden gleich mit begrub. Sieben Leben hat die Katze? Der Mensch hat die Wahl zwischen einem Leben kurz oder lang. Heute passt mir das Detail vom August 1944 endlich in die flotte Idee einer Dramaturgie des Auto­bio­graphischen. Eins unter hundert geschwin­delten Ich-Büchern sollte es wenigs­tens mit der irren Wahrheit versuchen.

Beim Überlesen bin ich unzufrieden. Die zurück­gewonnene Erin­nerung an die Ein­sam­keit des jungen Mannes mit dem MG, den ich aus dem Gedächt­nis pulte, als beträfe es einen ganz anderen, hatte zur Folge, dass ich mich schon in Leipzig in Front­stel­lung brachte. Beson­ders klug ist sowas nicht. Hilft dem Wis­senden aber zum Gewissen: »Geschichte ve­rstehe ich als Ent­wick­lung zu Tod und Unter­gang. ...« Die Fort­setzung steht in Kopf und Bauch, Seite 111. Die zurück­geholte und fixierte Erin­nerung an das Höhlen-Erlebnis erst im Gespräch mit Hans Pfeif­fer, dann beim Niederschreiben ließ mich künftige Gefahren­situationen gefasster über­stehen.
  Als 1957 die in der Leipziger Kongress­halle ver­sammelten Kultur­genossen die Vorwürfe gegen mich unge­rührt anhörten und dis­ziplinarisch geduckt schwiegen, wäh­rend ich mich zur Wehr setzte, lag ich wieder wie drei­zehn Jahre früher in der letzten Höhle, aus der es kein Zurück gibt oder du gibst dich auf. Als 1971 in Frank­furt / Main endlich mein Be­kennt­nisbuch Kopf und Bauch erschien, er­fasste selbst die Werbe­abtei­lung des S. Fischer Verlags den ge­schärften Doppel­sinn von Dekon­strukt und konträrer Erzähl­weise:



Die Frage ist, hält der Text, was von der Reklame versprochen wird, obgleich die Werbe-Adepten nicht durch­schauen, was sie da heraus­lassen? Und ist die auto­biographische Subversion des jede Sklaven­sprache verwei­gernden Subjekts adäquat fassbar?
  »Die vulgär­witzige Beschrei­bung eines Sach­verhalts offenbart den ganzen Johannes. Man muss die Sachverhalte zum Tanzen bringen. Wir gera­ten in exem­pla­rische Szenen.


 

Gisela May
Stimme aus Stahl gegen Saal­schlacht­drohung in der Westfalen-Halle



Heiner Halber­stadt, Klaus Vack:, im Club Voltaire Else, Rührt Euch, Genossen, das war unsere Schönheit, als wir noch um den Frieden fochten, Ostermarsch in Frankfurt, Hamburg, Bremen, Hannover, Dortmund, Nürn­berg, die Polizei mit Knüppeln gegen die Schönheit. Mann warum soll ich mich für euren Frieden verprügeln lassen. Papa hat viele Gestal­ten. Irgendwann Mitte der Sechziger in Dortmund. Rolf Hochhuth, dünne Stimme, besorgte Frie­dens­worte, immerzu Foto­grafen. Wer einen Apparat hatte, machte Auf­nahmen. Wir spielten mit in der Westfalen­halle. Harichs neue Frau aus Ostberlin vom Podium herab, Stimme aus Stahl, Lied einer alternden Kommunis­tin, ihren Wolfgang hat sie in der Tasche, der singt die zweite Stimme im Friedens­kampf. Gegen Ende Saal­schlachtdrohung. Die KP beherrscht die Halle, der SDS ist mit Hun­derten auf­gerückt, Wolff will zum Mikro, die kommunistischen Genossen kontern, Posten­ketten breits­chul­triger Prole­ten halten Wache gegen an­brandende Jungs. Prügelt für den Frieden. Die Geheim­poli­zisten und Spitzel atmen erregt, ich quatsche mir die Zunge aus dem Hals. Die Ver­mittlungs­ver­suche schlagen fehl. Die Genossin Sängerin und Wolfgang-Gattin aus Ostberlin mit ver­steintem Gesicht. Wie soll man singen können, sind die Lippen Stei­nstufen, Demon­stration unserer Ohnmacht. Schrift­steller ohne Einfluss, Aushänge­schilder (reden, ja reden durften wir, aber nichts sagen), Galions­figuren, nette Ornamente. In Macht­fragen sind wir Ballast, über Bord damit.

 

Publikums­beschimpfung
als Spiel oder Ernstfall?




Ich sage Euch, Genossen, Ihr brütet faule Eier aus
Peter Handke, der in Düssel­dorf sagte: Du reagierst zu konsequent und böse. Redete wie Columbus über Indien, glaubte das Land zu kennen, war nie dort gewesen. Was ist eine Publikums­be­schimpfung als Spiel gegenüber der Publikums­be­schimp­fung, der eine Prole­tarier-Ratte zeit­lebens aus­gesetzt ist?
Auf kurzer Taxifahrt vorn neben dem Fahrer. Drei andere hinter mir, die sich unter­halten. Reinhard Baumgart:
›Zwerenz sagt gar nichts. Der hasst uns alle!‹
Aus reiner Höflich­keit bestreite ich die Behaup­tung. Wie könnte ich plau­sibel ma­chen, dass dies nicht HASS ist und zu­gleich doch HASS. Ag­gres­sions­druck gegen das eigene Un­ver­mögen und infolge Unver­mögen. Aus der eigenen Person heraus und gegen sie. Gegen den Schrift­steller­stand und be­gründet im Verdacht, dass wir auch aus sub­jektiven Gründen so unzu­länglich sind. Aus Gründen der Be­quem­lichkeit, Inkon­se­quenz, Cha­rak­ter­schwäche, Fata­lität. Wenn man das ruhigen Ge­wis­sens immer auf die objek­tive Situation abwi­mmeln könnte. Sich selbst frei­sprechen, den Verhält­nissen alles auf­bür­­den, Gott oder dem Teufel in die Schuhe schieben. Die Kapita­listen, das Funk­tionärs­regime oder sonst­wen­undwas vor­schützen – wie gut das geht, wie wohl das tut, wie unbe­frie­digend das ist und zugleich hilf­reich, selbst­begütigend, demo­bili­sie­rend.
  Was hilft Höflichkeit. Was hilft's, das Wort zu be­streiten, das genau ins Zentrum trifft. Die tiefe Wahrheit des Aus­spruchs macht mich für einen Moment sprachlos. Der Mann weiß ja nicht, wie sehr er mich getroffen hat. Das Wort HASS ist kein Ausdruck für diese Essenz von Hass, die ich jahrel­ang empfunden habe für alles, was sich west­liche Intel­ligenz nennt. Ich gebe ganz den tiefen Eindruck des Wider­wärtigen zurück, den ich erhalte von diesen aus­ge­flippten Typen, die die Bewusst­seins­schlacht gar nicht erst schlagen und sich gleich eil­fertig-devot nach den Krumen bücken, die von den Tischen der Herr­schaft ab­fallen für sie.«

Soviel aus dem Gedächtnis-Koffer von 1971. Kennworte: Avant­gardis­tische Be­richt­er­stattung, Erlebtes aus dem indi­viduellen Memorial-Safe, Fremd­körper im Areal der Staats­ge­schichts­schreibung, statt Gehirn­wäsche Gehirn­konzen­trat im Tanz der Sätze beim Frank­furter Marathon. Gute Witwen weinen nicht? – Gute Witwer auch nicht. Die starke Linke von gestern schrumpf­te auf Vete­ranen­ver­bände ein. Eine rote Klasse verab­schiedet sich in die Urnen. Letzte Laut­sprecher refe­rieren das Über­leben aus der Unter­welt. Heute ist Mitt­woch, der 7. November 2012 – gegen 5 Uhr wird bekannt, der Frie­dens­nobel­preis­träger Obama darf seine Mord­drohnen wei­ter starten lassen. Der Spiegel vom Montag dieser Woche berich­tet über The End of Men – Das Ende der Männer – Info stammt auch aus den USA – warum das? Wegen Obama? Nein, sondern Sex ist banal. Das alles saust und saut auf den blutigen Witzen der Zeit­geschichte rasant dahin wie auf Seifen­kisten.

Wir stellen aus Notwehr unsere zeitlose Kamera auf:
Mao, Napoleon, Hitler, Stalin, Eisenhauer, Churchill, Obama, Adenauer, Ulbricht, Honecker sowie Mutter Maria, Rosa Luxemburg und Schwester Teresa sitzen in dem Bus, der sie von ihrer Irrenanstalt nach Schloss Hoheneck bringt, wo sie vergast werden sollen. Als sie den Bus ver­lassen, wird das Schloss bom­bardiert. Die Gruppe der Irren irrt durch den Ort. Als SS auftaucht, die die Flüchtigen erschießen will, gibt Hitler sich als der Führer zu erkennen. Die SS requiriert einen neuen Bus, den ein SS-General nach Warschau fährt, wo sie eine pol­nische Irren­anstalt beschlag­nahmen, die Patien­ten zu ihren Untergebenen machen und ein Führer­haupt­quartier einrichten. Als es zum Aufstand kommt, über­nimmt Napoleon das Kommando. Die Gruppe überquert die Weichsel und wird von Rot­armisten ge­fangen­genom­men. Kurz bevor alle er­schossen werden und nachdem die drei Frauen an­ständig vergew­altigt worden sind, gibt Stalin sich zu er­kennen und alle werden nach Moskau in den Kreml verfrachtet, wo Stalin sich an seinem Doppel­gänger delektiert. Beide Stalins besei­tigen im Kreml-Keller die Leiche des wahren Hitler. Der Doppel­gänger entmachtet den wirk­lichen Stalin, der fortan zu den Enteig­neten gehört und sich mit der Gruppe nach Kriegsende in den Westen repa­triieren lässt, denn im tiefsten Herzen war er längst Ant­ikommunist geworden..

Die Heimkehrer werden in Hadamar nahe Frankfurt / Main statio­niert und wandeln die alte Irren­anstalt zielstrebig in eine Akademie für Neusprech um. Jeder Ver­rückte macht seinen Doktor und wird Pro­fessor. Bis die gesamte Gruppe zur Talkshow ins Fernsehen geladen wird. Thema: Reha­bili­tation für alle. Der Talk findet in West­berlin an dem Tag statt, an dem das Bran­den­burger Tor sich offenbart. Die Runde erörtert die Ursachen der Ereig­nisse sowie die Zu­kunfts­aus­sichten und gelangt zur Ein­sicht, dass alle großen Männer der Ver­gangen­heit die Vor­läufer aller großen Männer der Gegen­wart sind. Nachdem das dem Volk ver­kündet wurde, schließen Mutter Maria, Rosa Luxem­burg, Schwes­ter Teresa sich zu einer krimi­nellen Gang zusammen und ver­giften die Heroen der Welt­geschich­te. Danach legen sie sich zum Sonnen auf eine große grüne Wiese in der Hoff­nung, wie einst Mutter Maria in aller Unschuld durch einen vor­über­gehenden Herrn Gott geschwän­gert zu werden. In der Zwischen­zeit erscheint der wohnungs­suchende Student Obama. Als er erfährt, was die drei Jung­frauen erwar­ten, bietet er seine Dienste an, denn »von irgend­etwas muss einer leben«. In einer kurzen Ver­schnauf­pause richtet der Student sich auf, breitet die Arme aus und ruft beinahe empha­tisch: »Mann, ist das geil. Ich komme mir vor wie Gott.« Darauf­hin beginnt die ganze Chose von vorn: Alle Haupt­figuren der Ver­gangen­heit treten aus der Kulisse und er­finden unsere himm­lische Zukunft.

Mögliche Bühnenfassung

Es wird keine paro­die­rende Ähn­lich­keit der Figuren ange­strebt. Das ganze geschieht als Talk-Runde. Die Spieler sitzen auf der Bühne, Schilder mit den Namen der von ihnen ge­spro­chenen Per­sonen um den Hals. Auf einen Mo­derator kann man ver­zichten. Die Spieler agieren als würden sie auf­ge­rufen, ge­fragt, geben Aus­kunft, nehmen übel, strei­ten mit­einander, sprin­gen auf, laufen herum, skiz­zieren die Gescheh­nisse, nehmen wieder Platz. Evtl. lässt man die Schluss-Szene kon­kret vor­führen. Die drei Damen legen die Kleider ab, strecken sich auf dem Boden aus, der Stu­dent Obama er­scheint. Nach­dem er seine wel­thisto­rischen Worte (We can usw.) von sich gegeben hat, bilden die drei Frauen eine ein­zige Mutter­figur, die den jungen Obama halten als wäre er das kleine Jesulein

PS: Wegen der keineswegs irr­witzigen Kon­stellationen müsste alles atem­berau­bend real und phan­tas­tisch gespielt werden.
Gerhard Zwerenz    12.11.2012    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Gerhard Zwerenz
Serie
  1. Wie kommt die Pleiße nach Leipzig?
  2. Wird Sachsen bald chinesisch?
  3. Blick zurück und nach vorn
  4. Die große Sachsen-Koalition
  5. Von Milbradt zu Ernst Jünger
  6. Ein Rat von Wolfgang Neuss und aus Amerika
  7. Reise nach dem verlorenen Ich
  8. Mit Rasputin auf das Fest der Sinne
  9. Van der Lubbe und die Folgen
  10. Unser Schulfreund Karl May
  11. Hannah Arendt und die Obersturmbannführer
  12. Die Westflucht ostwärts
  13. Der Sänger, der nicht mehr singt
  14. Ich kenne nur
    Karl May und Hegel
  15. Mein Leben als Prophet
  16. Frühe Liebe mit Trauerflor
  17. Der Schatten Leo Bauers
  18. Von Unselds Gegner zu Holtzbrincks Bodyguard
  19. Karl May Petrus Enzensberger Walter Janka
  20. Aus dem Notizbuch eines Ungläubigen
  21. Tanz in die zweifache Existenz
  22. General Hammersteins Schweigen
  23. Die Pleiße war mein Mississippi
  24. Im Osten verzwergt und verhunzt?
  25. Uwe Johnson geheimdienstlich
  26. Was fürchtete Uwe Johnson
  27. Frühling Zoo Buchmesse
  28. Die goldenen Leipziger Jahre
  29. Das Poeten-Projekt
  30. Der Sachsenschlag und die Folgen
  31. Blick zurück auf Wohlgesinnte
  32. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (I)
  33. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (II)
  34. Brief mit Vorspann an Erich Loest
  35. Briefwechsel mit der Welt der Literatur
  36. Die offene Wunde der Welt der Literatur
  37. Leipzig – wir kommen
  38. Terror im Systemvergleich
  39. Rachegesang und Kafkas Prophetismus
  40. Die Nostalgie der 70er Jahre
  41. Pauliner Kirche und letzte Helden
  42. Das Kickers-Abenteuer
  43. Unser Feind, die Druckwelle
  44. Samisdat in postkulturellen Zeiten
  45. So trat ich meinen Liebesdienst an …
  46. Mein Ausstieg in den Himmel
  47. Schraubenzieher im Feuchtgebiet
  48. Der Fall Filip Müller
  49. Contra und pro Genossen
  50. Wie ich dem Politbüro die Todesstrafe verdarb
  51. Frankfurter Polzei-buchmesse 1968
  52. Die Kunst, weder Kain noch Abel zu sein
  53. Als Atheist in Fulda
  54. Parade der Wiedergänger
  55. Poetik – Ästhetik und des Kaisers Nacktarsch
  56. Zwischen Arthur Koestler und den Beatles
  57. Fragen an einen Totalitarismusforscher
  58. Meine fünf Lektionen
  59. Playmobilmachung von Harald Schmidt
  60. Freundliche Auskunft an Hauptpastor Goetze
  61. Denkfabrik am Pleißenstrand
  62. Rendezvous beim Kriegsjuristen
  63. Marx, Murx, Selbstmord (der Identität)
  64. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (I. Teil)
  65. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (II. Teil)
  66. Der Bunker ...
  67. Helmut auf allen Kanälen
  68. Leipzig anno 1956 und Berlin 2008
  69. Mit Konterrevolutionären und Trotzkisten auf dem Dritten Weg
  70. Die Sächsischen Freiheiten
  71. Zwischen Genossen und Werwölfen
  72. Zur Geschichte meiner Gedichte
  73. Poetenladen: 1 Gedicht aus 16 Gedichten
  74. Der Dritte Weg als Ausweg
  75. Unendliche Wende
  76. Drei Liebesgrüße für Marcel
  77. Wir lagen vor Monte Cassino
  78. Die zweifache Lust
  79. Hacks Haffner Ulbricht Tillich
  80. Mein Leben als Doppelagent
  81. Der Stolz, ein Ostdeutscher zu sein
  82. Vom Langen Marsch zum 3. Weg
  83. Die Differenz zwischen links und rechts
  84. Wo liegt Bad Gablenz?
  85. Quartier zwischen Helmut Schmidt und Walter Ulbricht
  86. Der 3. Weg eines Auslandssachsen
  87. Kriegsverrat, Friedensverrat und Friedenslethargie
  88. Am Anfang war das Gedicht
  89. Vom Buch ins Netz und zur Hölle?
  90. Epilog zum Welt-Ende oder DDR plus
  91. Im Hotel Folterhochschule
  92. Brief an Ernst Bloch im Himmel
  93. Kurze Erinnerung ans Bonner Glashaus
  94. Fritz Behrens und die trotzkistische Alternative
  95. 94/95 Doppelserie
  96. FAUST 3 – Franz Kafka vor Auerbachs Keller
  97. Rainer Werner Fassbinder ...
  98. Zähne zusammen­beißen ...
  99. Das Unvergessene im Blick
    1. Nachwort
Nachworte
  1. Nachwort
    siehe Folge 99
  2. Auf den Spuren des
    Günter Wallraff
  3. Online-Abenteuer mit Buch und Netz
  4. Rückschau und Vorschau aufs linke Leipzig
  5. Die Leipziger Denkschule
  6. Idylle mit Wutanfall
  7. Die digitalisierte Freiheit der Elite
  8. Der Krieg als Badekur?
  9. Wolfgang Neuss über Kurt Tucholsky
  10. Alter Sack antwortet jungem Sack
  11. Vor uns diverse Endkämpfe
  12. Verteidigung eines Gedichts gegen die Gladiatoren
  13. Parademarsch der Lemminge und Blochs Abwicklung
  14. Kampf der Deserteure
  15. Fritz Bauers unerwartete Rückkehr
  16. Der Trotz- und Hoffnungs-Pazifismus
  17. Als Fassbinder in die Oper gehen wollte
  18. Was zum Teufel sind Blochianer?
  19. Affentanz um die 11. Feuerbach-These
  20. Geschichten vom Geist als Stimmvieh
  21. Von Frankfurt übern Taunus ins Erzgebirge
  22. Trotz – Trotzalledem – Trotzki
  23. Der 3. Weg ist kein Mittelweg
  24. Matroschka –
    Die Mama in der Mama
  25. Goethe bei Anna Amalia und Herr Matussek im Krieg
  26. Der Aufgang des Abendlandes aus Auerbachs Keller
  27. Jan Robert Bloch –
    der Sohn, der aus der Kälte kam
  28. Das Buch, der Tod und der Widerspruch
  29. Pastor Gauck oder die Revanche für Stalingrad
  30. Bloch und Nietzsche werden gegauckt ...
  31. Hölle angebohrt. Teufel raus?
  32. Zwischen Heym + Gauck
  33. Von Marx über Bloch zu Prof. Dr. Holz
  34. Kafkas Welttheater in Auerbachs Keller
  35. Die Philosophenschlacht von Leipzig
  36. Dekonstruktion oder Das Ende der Ver­spä­tung ist das Ende
  37. Goethes Stuhl – ein Roman aus Saxanien
  38. Meine Weltbühne im poetenladen
  39. Von Blochs Trotz zu Sartres Ekel
  40. Die Internationale der Postmarxisten
  41. Dies hier war Deutschland
  42. Kopfsprünge von Land zu Land und Stadt zu Stadt
  43. Einiges Land oder wem die Rache gehört
  44. Schach statt Mühle oder Ernst Jünger spielen
  45. Macht ist ein Kriegszustand
  46. Dekonstruktion als Kriminalgeschichte I
  47. Damals, als ich als Boccaccio ging …
  48. Ein Traum von Aufklärung und Masturbation
  49. Auf der Suche nach der verschwundenen Republik
  50. Leipzig am Meer 2013
  51. Scheintote, Untote und Überlebende
  52. Die DDR musste nicht untergehen (1)
  53. Die DDR musste nicht untergehen (2)
  54. Ein Orden fürs Morden
  55. Welche Revolution darfs denn sein?
  56. Deutschland zwischen Apartheid und Nostalgie
  57. Nietzsche dekonstruierte Gott, Bloch den Genossen Stalin
  58. Ernst Jünger, der Feind und das Gelächter
  59. Von Renegaten, Trotzkisten und anderen Klassikern
  60. Die heimatlose Linke (I)
    Bloch-Oper für zwei u. mehr Stimmen
  61. Die heimatlose Linke (II)
    Ein Zwischenruf
  62. Die heimatlose Linke (III)
    Wer ist Opfer, wer Täter ...
  63. Die heimatlose Linke (IV)
    In der permanenten Revolte
  64. Wir gründen den Club der
    heimatlosen Linken
  65. Pekings große gegen Berlins kleine Mauer
  66. Links im Land der SS-Ober­sturm­bann­führer
  67. Zweifel an Horns Ende – SOKO Leipzig übernimmt?
  68. Leipzig. Kopfbahnhof
  69. Ordentlicher Dialog im Chaos
  70. Büchner und Nietzsche und wir
  71. Mit Brecht in Karthago ...
  72. Endspiel mit Luther & Biermann & Margot
  73. Die Suche nach dem anderen Marx
  74. Wer ermordete Luxemburg und Liebknecht und wer Trotzki?
  75. Vom Krieg unserer (eurer) Väter
  76. Wohin mit den späten Wellen der Nazi-Wahrheit?
  77. Der Feind ist in den Sachsengau eingedrungen
  78. Die Heldensöhne der Urkatastrophe
  79. Die Autobiographie zwischen
    Schein und Sein
  80. Auf der Suche nach der verlorenen Sprache
  81. Atlantis sendet online
  82. Zur Philosophie des Krieges
  83. Deutsche, wollt ihr ewig sterben?
  84. Der Prominentenstadl in der Krise
  85. Der Blick von unten nach oben
  86. Auf der Suche nach einer moralischen Existenz
  87. Vom Krieg gegen die Pazifisten
  88. Keine Lust aufs Rentnerdasein
  89. Von der Beschneidung bis zur
    begeh­baren Prostata
  90. Friede den Landesverrätern
    Augstein und Harich
  91. Klarstellung 1 – Der Konflikt um
    Marx und Bloch
  92. Bloch & die 56er-Opposition zwischen Philo­sophie und Verbrechen
  93. Der Kampf ums Buch
  94. Und trotzdem: Ex oriente lux
  95. Der Soldat: Held – Mörder – Heiliger – Deserteur?
  96. Der liebe Tod – Was können wir wissen?
  97. Lacht euren Herren ins Gesicht ...
  98. Die Blochianer kommen in Tanzschritten
  99. Von den Geheimlehren der Blochianer
Aufsatz