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Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | 69. Nachwort

Dies ist eine sächsische Autobiographie als Fragment in 99 Fragmenten. Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philosophen nennen das coincidentia oppositorum, d.h. Einheit der Widersprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

  69. Nachwort

Ordentlicher Dialog im Chaos



   Amtsgericht Leipzig
und Bloch-Burg



Gerhard Zwerenz
Büchner und Nietzsche und wir

Bei seiner vorjährigen Preisrede nutzte Dieter Hildebrandt das Prinzip des mehrfachen Anfangs, und da schon Platon seine Schrift über die REPUBLIK siebenmal angefangen hatte, was also eine Tradition begründet, die von der griechischen Antike vor zweieinhalbtausend Jahren bis zur Preisrede Hildebrandts vor einem Jahr hier in Darmstadt reicht, schließe ich mich dem an und beginne auch mindestens siebenmal. Denn das ist ein literarisches Prinzip geworden, und ein politisches. Wir. möchten immer wieder gern neu anfangen. Die Pluralisierung des Anfangs kündet immerhin von unserm guten Willen.

Erster Anfang also: Schon gibt's die Schwierigkeit mit der Anrede. Soll ich sagen: Verehrte Alternative? Oder: Hochverehrte Freunde? Aber wer nun gar kein Freund sein will? Also etwa: Liebe Freunde und Feinde? Liebe - deine Feinde? Schon wird's zu christlich, das brachte Büchner schon gegen den tapfren Weidig vor.

Und was unterscheidet eine Alternativpreisrede von einer üblichen Preisrede? Vielleicht dies: Mach keine Sprüche, rede frei von der Leber weg und lass' die Luft raus.

So danke ich als erstes dem Stifter, der aus freien Stücken und ganz ohne Not und Hintergedanken mit seiner Preisstiftung den Ämtern und obwaltenden Göttern so nahe tritt, daß sie Bannkreisverletzung argwöhnen und Verlust angemaßter staatlicher Exklusivität. ja, darf der denn das ohne staatliche Erlaubnis? hätte Tucholsky ironisch gefragt.

Er darf nicht, er tut es.

Das wäre der Anfang. Und was kommt jetzt? Natürlich Büchner, der in „Dantons Tod“ seinen Helden sagen läßt: „Puppen sind wir von unbekannten Gewalten am Draht gezogen.“ Das Wort sei modifiziert. Zwar hängen wir puppengleich an Telefondrähten, Computerleitungen, Befehlssträngen, Karriereseilen, doch die Gewalten, die an uns ziehen, läßt unsere feige Trägheit unbekannt sein und unbenannt. Statt Geschichte gut zu produzieren, produzieren wir sie lieber schlecht und starten nach jedem Krieg geschichtliche Aufarbeitungs-Aktionen. Die einen tun das Falsche, die anderen sagen danach, der unterlassene Widerstand täte ihnen leid. Beim nächsten Akt wiederholt die Arbeitsteilung sich in schöner Monotonie.

Nein, so hart anzufangen wäre unhöflich. Ein anderer Anfang also. Warum zwei Büchner-Preise? Den staatlichen und den alternativen? Verkam des jungen Autors Wink nicht längst zur bloßen Schulbuch-Lektüre? Sind seine Stücke nicht Lückenbüßer, spielplanfüllend, kaum noch das Parkett? Verkehren Akademien und Jurys den Rebellen nicht aus guten Gründen zum bequemen Halbklassiker?

Bestenfalls amüsiert ei; läßt ein windeliebender postmoderner Regisseur den Woyzeck wie beschrieben auf offener Bühne furzen, was die Kritik zur Anmerkung inspiriert, endlich habe einer den Duft der Blumen des Bösen unparfümiert dargeboten. Im Rostocker Atelier-Theater führten neulich dreizehn Schauspieler den „Woyzeck“ für acht Besucher auf. -

Ein neuer Versuch des Beginns: In den siebziger Jahren hielt ich für den Übersetzer und PEN-Generalsekretär Janheinz Jahn auf dem Waldfriedhof die Totenrede. Der um Darmstadt verdiente Oberbürgermeister und Autor Heinz Winfried Sabais, der bald nachfolgte in den Tod, war dabei, Karl Krolow sprach zarte Gedichte, Wolfgang Weyrauch, der Begräbnisse scheute, hatte seine Frau geschickt, sie stand neben Ernst Kreuders

Witwe. Es war ein vom Sarg ausgehender Sog zu spüren, der aristotelische Horror vacui. Wenig respektvoll dachte ich: In Darmstadt möchte einer nicht begraben sein. Daß zur selben Zeit eines meiner Bücher von der Darmstädter Jury zum „Buch des Monats“ ernannt wurde, schreckte mich auf. Was hatte ich falsch gemacht?

In diesen Tagen schrieb ich den Monolog, den zu Beginn Joseph Lorenz vertrug, und den ich als höfliche Bitte an die Akademie verstehe, die Mahnung des Hofpredigers in „Leonce und Lena“ zu beherzigen und, das Reich Popo wie das Reich Pipi verlassend, einen Präsidentenspruch zu dementieren, der da lautet: „Alle Untertanen werden aufgefordert, die Gefühle Ihrer Majestät zu teilen.“

Stattdessen wäre ein anderes Büchner-Wort aus „Dantons Tod“ angebracht: „ Was ist das, was in uns lügt, hurt, stiehlt und mordet?“

Aber nein, der Anfang mit Mord ist zu brutal. Ich versuche einen vierten: Büchner 1835 aus Straßburg an Gutzkow: „Das Verhältnis zwischen Armen und Reichen ist das einzige revolutionäre Element in der Welt... “

Ein gefährlicher, ein überholter Satz. Wir, die Reichen dieser Welt antworten den Armen, wenn und wo sie revoltieren, mit Grundgesetzänderung, mit NATO-Eingreiftruppen, elektronisch gesteuerten, ihr Ziel suchenden Massakerraketen. Kein revolutionäres Element darf unseren abendland-fürstlichen Reichtum antasten. Im Frieden bestimmen wir die Rohstoffpreise, im Krieg die Tötungsraten. Unsere Priester gebieten den armen Völkern karnikkelhafte Vermehrung, unsere Dichter definieren fremde Völker, wenn sie aufbegehren, als todessüchtige Nazi-Massen und unsere Söldner tun dann auf Befehl nichts als ihre Pflicht, wozu der Militärbischof Dyba als Fundi von Fulda die Waffen segnet. Da mag

Die Kriege werden nicht mehr erklärt, sondern erlogen – Man muss doch auf Teufel komm raus damit beginnen können. Ohne Grund geht's nicht rund. – Was ich dich schon immer mal fragen wollte: Warum ist der Leipziger Kopfbahnhof der größte Europas? – Damals hatten die Leipziger noch viel Geld. – Nein. Und das ist schon sehr lange her. – Frankfurt am Main hat auch einen Kopfbahnhof. – Aber nicht den größten. – Muss doch nicht immer der größte sein. – Dafür ist Fritz J. Raddatz auf Frankfurts Hbf verun­glückt und wie! – Wie denn? – Er ist dort mit Goethe zu­sammen­geprallt. – Mit Goethe, dem größten Sohn Leipzigs? – Dem größten Sohn Frankfurts, meinen die Frank­furter. – Die Leip­ziger bieten Goethe über­lebenslang Exil in Auerbachs Keller. – Mephisto, Faust und Gretchen, jeder hat sein eigenes Poetchen. Wie sind Johann Wolfgang und Fritz Jott auf dem kleinen Frankfurter Kopf­bahnhof verun­glückt? – Das hat der berühmte Raddatz in der ZEIT genau beschrieben. Als Chef vom Feuilleton. Und der west­deutsche Leser hat's brav geglaubt. Bis ein Außen­seiter entdeckte, zu Goethes Zeiten gab's noch gar keine Eisenbahn. Noch nicht mal einen Kopf­bahnhof in Frankfurt oder Leipzig. – Und warum musste Leipzig gleich den größten bauen? – Archi­tekten sind meistens Männer, da will jeder den größten haben. – 1813 passierte die Völkerschlacht von Leipzig, da musste ein klotziges Schlachthaus her, dazu ein unüber­sehbarer Riesen­kopf­bahn­hof. – Zum Ankommen oder Weg­fahren, wie die Zeiten grad' laufen? – Der Leipziger Kopf­bahnhof ist auch ein Kopf-ab-Bahnhof. – Was denn, etwa der größte euro­päische Kopf-ab-Bahnhof? – Denk ans Reichs­gericht, für den Genossen Marinus van der Lubbe nur als Beispiel, mit Kopf zum Prozess, mit hängendem Kopf im Prozess und mit Kopf-ab auf'n Friedhof.
Marinus van der Lubbe – ein Feuer­teufel? – Kopf ab
– Merke dir, mit erho­benem Kopf durchs Leben, das macht's gefährlich. Es beginnt schon mit den Christen. Der Papa opfert den Sohn, den er der unschul­digen Mama Maria als ne Art umge­dreh­ter Pallas Athene einpflanzte, die der Zeus dem erho­benen eigenen Haupt ent­springen ließ, weil er sich ne Lieb­lings­tochter wünsch­te, die er hegte und förderte, während der liebe Christen-Gott seinen Sohn der Folter und dem Kreuz auslie­ferte. Was stellt der vorm Kreuz betende Glaubens-Christ dar? Nietzsche rettet sich ängstlich in die Formel vom Tod Gottes. Wahr ist: Die Gläubi­gen bringen einen um, weil sie jemanden zur Anbe­tung brauchen, der ihnen, bilden sie sich ein, die Untat verzeiht. Also opfern sie einen, um sich später davon und von allen Folge­folterern und Folge­morden frei­spre­chen zu lassen. – Und auf so was kommst du vom Leipziger Kopf­bahn­hof aus? Wo bleibt die Logik? – Kopf­bahnhof, Kopf­hoch­bahn­hof, wer es riskiert, landet schnell beim Kopf­abbahnhof. Volker Schlön­dorf macht gerade einen Film über den Kopf-ab-van-der-Lubbe. – Vom Schlön­dorf gibt's einen Film über Die Blech­trommel von Grass? – Sein neuer Film handelt von Ernst Jünger. Der soll als Haupt­mann in Paris einen Wehr­machts­deser­teur erschießen lassen haben. – Auf Befehl. Und nicht in den Kopf – Aber schön kunstvoll beschrie­ben hat er's, der Herr Hauptmann, das lernte ich in der Schule. Das zeigt uns der Schlön­dorf jetzt im Kino? – Im Fernsehen. Dafür gibt's bestimmt einen Preis. Einen Frie­dens­preis. Büchnerpreis. Nobel­preis und so was. Zu den 1941 in Frank­reich von der Wehrmacht erschos­senen Geiseln zählt der sieb­zehn­jäh­rige Kommunist Guy Moquet. Sein Ab­schieds­brief wird jedes Jahr an seinem Todes­tag in den franzö­sischen Schu­len verlesen. Was immer gegen Sarkozy spricht, dieses Gedenken hat er angeordnet. Am Reichs­gericht in Leipzig heißt der Dimi­troff­platz nicht mehr so. Warum? Der Mann, der Göring widersprach und wider­stand, war Kom­munist. – Immerhin trägt der Platz nicht den Namen Hermann Göring. – Warum verfilmt Schlön­dorf jetzt den Hauptmann Jünger? Die Kultur braucht Wider­stands­kämpfer, so denk ich's mir. – Aber – Aber, immer nur aber – Ernst Jünger leitete die Exeku­tion eines Wehr­macht­deser­teurs auf höheren Befehl, dem Fahnen­treue-Eid gehorsam ver­pflichtet. Ist das Kultur? Hat Zukunft? – Kopf hoch heute und Kopf ab morgen oder gestern, das sind so Zei­tungs­geist­fragen. – Ich glaube das nicht. – Glauben oder nicht glauben. – Es geht um Kopf und Kragen und den vollen Magen. – Es geht um was ganz anderes. – Um was anderes? – Es geht, bitte sehr, um die totale Literatur. Verstehen Sie? Litera­tur ist Kunst. Die totale Kunst und die totale Lite­ratur sind ins totale Leben integriert. – Ich begreife nicht, was Sie damit sagen wollen. – Wer überlebt und die Macht besitzt, sich unum­gäng­lich zu machen, erscheint der Nach­welt als tota­les Kunst­werk. – Ich befinde mich lieber auf Bahn­steig 10 im Leipziger Kopf­bahn­hof. Vor einem Halb­jahr­hundert fuhr ich von dort ab und kam dort an, bis ich nicht mehr ankam. Für die dort war ich zur Kopf-ab-Person geworden. Dabei liebte ich meine Genos­sen. Selbst meine Genossen Ver­folger liebte ich so hassvoll wie reinen Herzens …

Der lyrische Chaos-Dialog bricht hier ab, bevor das Fragment sich zum Drama am Stück aus­breitet. Die boden­losen Stimmen müssen Namen und Kontur erhalten. Wie passt das ins Zeitalter von Staatstrojanern als Staatsgewalt und Houellebecq-Melancholien? Der Holocaust wird Tango, Brechts Drei­groschenoper zum Schlager der Protestmoderne, am Ende erhält paranoide Parodie die lang vermisste Dimension Schiller­scher Tragö­dien: Wallenstein als Baller­mann auf Bahnsteig 10 im Kopf­abbahnhof. Dabei wurde er nur erstochen, weil der Kaiser ihn fürchtete und die Kommuni­kation fehlte. Facebook war noch nicht erfunden. Man musste selber rangehen. Der Spiegel vom 17.10.2011: „Brauner Bluff … Auf der Jagd nach Wähler­stimmen warben CDU und SPD in der Nachkriegszeit um die Veteranen der Waffen-SS … Am Abend des 7. August 1953 … Die Bundes­tags­wahl steht bevor, und der Redner, ein klein­gewach­sener, schnei­diger ehemaliger Ober­leutnant, wirbt um Hitlers einstige Elitetruppe. Als alter Kriegskamerad müsse er sagen, dass er ›immer das Gefühl beson­derer Zuver­sicht‹ gehabt habe, wenn die Waffen-SS neben ihm kämpfte. Leider würden deren Ange­hörige oft mit denen der Gestapo ver­wechselt und zu Unrecht angeklagt, berichtet später erfreut eine Zeit­schrift der Waffen-SS-Vete­ranen über die Veranstaltung.“
  Jahre nach 1945 warb SPD-Genos­se Hel­mut Schmidt bei der HIAG – be­währ­ten SS-Kämp­fern – um Wäh­ler­stim­men – 2003 gibt's immer noch Reste der SS-Hilfs­organi­sation z. B. in Ost­sachsen  

Der SS-Wahl­lob­redner war Helmut Schmidt. Wenn er neben der SS kämpfte, erfüllte ihn Zuver­sicht. Ein Held neben Helden. Als Ernst Bloch 1977 starb, be­dau­erte Schmidt, mit dem Philo­sophen nie über Hoff­nung und Utopie disku­tiert zu haben. Bloch unter­schied zwischen Hoff­nung und Zuver­sicht. Er hatte auch nie neben der SS gekämpft. Nie für die SPD bei SS-Veteranen um Wählerstimmen geworben. Aber, ent­gegnet man uns, was ist mit Stalin? Es ist Usus, mit der Formel Hitler gleich Stalin der deutschen Kriegs­vergan­gen­heit zu entkommen. Das wünschen die Helden von gestern und morgen sich aus tiefster Seele.

Mit den Braunen gegen die Roten
und umgekehrt und immer bis
an die Zähne ein Volk in Waffen:
Ihr Affen! Leid tut's mir nur
um eure unsre Toten.

(Die Venusharfe,
Droemer/Knaur, München, Seite 21)


Nach einer tv-Diskussion sagte mir ein teilnehmender Bundeswehrgeneral, der es schon unter Hitler zum Stabsoffizier gebracht hatte: „Bitte verübeln Sie mir nicht, dass ich Sie als jemanden einschätze, der aus dem Krieg als seelisch Beschädigter heimkehrte.“ Ich versicherte dem netten älteren Herrn, dass mir seine Gesundheit als das schwerere Leiden erscheine.
  Bei einer Lesung in Marburg fiel mir ein prägnantes, gutes Gesicht im Publikum auf. Danach, im Gespräch, erfuhr ich, der Mann stammte aus Breslau, studierte kurz nach dem Krieg Theologie und war jetzt gerade als Pastor in den Ruhestand getreten. Als junger Artillerieoffizier und vorgeschobener Beobachter hatte er die Wirkung des Beschusses von Leningrad beobachtet und befehls­gemäß seiner Batterie gemeldet: „Wir sahen die Wirkung bei den Bewohnern der Stadt und registrierten sie, ohne auch nur auf den Gedanken zu kommen, dass wir Unrechtes taten.“ Wir sahen uns in die Augen und verstanden uns: In welch einer tödlichen Welt lebten wir. Zur Beantwortung der Frage und um Distanz zu damals zu gewinnen hatte er zur Theologie gefunden und ich in die lite­rarische Tretmühle. Wie der damalige vorge­schobene Artil­lerie­beobachter die Stadt, so beobachteten wir uns selbst in unserer vormaligen fatalen Gestalt. Das nenne ich Aufarbeitung der Vergangenheit, um eine andere Gegenwart zu gewinnen. Bei den zu Politikern aufgestiegenen vormaligen Wehr­machts­offizieren verab­scheute ich die nach­haltige, zum System ver­festigte Unbuß­fertigkeit. Keiner dieser pflicht­getreuen Kame­raden brachte jemals den Mut auf, die frühere Blutschuld zu bekennen. Von ihnen waren nur gewundene Entschul­digun­gen, weit­maschig gestrickte Aus­flüchte zu hören und zu lesen, so dass gerade diese Offi­ziers­ehr­pusse­lig­keit die jungen Nach­kriegs­oppo­sitionellen zur Ver­zweif­lung bringen musste. Wer aus eigenem Willen schießt und tötet, ist ein Mörder. Stehen ihm aber welche gegenüber, die auf Befehl geschossen und getötet haben, ohne dies in Wort und Tat zu bereuen, so setzt sich die Blutspur durch die Geschichte fort. Dies der grundlegende Unter­schied zwischen den unbe­wältigten Offi­zieren und einem Martin Niemöller, dies auch der Grund, weshalb wir Niemöller nahe­standen, ja ihn liebten, der, als ich ihn einmal auf seine Vergangenheit als kaiserlicher U-Boot-Kommandant ansprach, schlicht eingestand, er wisse gar nicht, wie viele Menschen er damals auf den Grund des Meeres geschickt habe, aber: "Ich kann die Toten nicht zum Leben erwecken, jedoch dafür kämpfen, dass ihnen keine weiteren Opfer nachfolgen müssen." Es gab in unserem Volk zu wenige Niemöller und zu viele Strauß, Dregger, Schmidt, und so wurde eine einzigartige Chance nach Ende des Zweiten Weltkriegs vertan, leichthin, leichtfertig und um billiger Polit-Karrieren willen, wo Zivilcourage vonnöten gewesen wäre statt erneuten Waffendienstes und militärischen Gehorsams.

Unter den vielen Besuchern, die bei uns anfielen, ist mir ein stiller, bärtiger Mann in Erinnerung, ein Mönch, der nach zwanzig Jahren das Kloster verließ und danach im pädagogisch- sozialen Dienst arbeitet. Wie er mir gestand, gehörte er als junger Mann der SS an, und offenbar nicht im niedrigsten Rang. Das Einge­ständnis war eine Frage. Ich hatte darauf nur zu antworten, dass es mich nicht interessiere. Vergangen­heit entschwindet unter der Gegenwart. Es kommt nicht darauf an, was einer war, aber darauf, was einer ist, weil er etwas grundsätzlich anderes daraus zu machen wusste. Schönhubers Bestseller Ich war dabei wäre ein anderes Buch geworden, hieße es: Ich bin nicht mehr dabei.
  Ich bin, das lässt sich nicht leugnen, beim letzten Krieg dabei gewesen und hab' seitdem oft genug das Hemd nassgeschwitzt, bis ich konterte. Jedes Wort, das ich über meine Soldatenzeit niederschrieb, verschaffte mir den Genuss eines Trittes, mit dem die deutsche Vergangenheit verabschiedet wird, auf dass sie nie zurückkehre.

 

Marx/Engels – Noske/Ulbricht – wieviel Sozialisten sind das?


       

Werner Tübke, Neo Rauch, Wolfgang Mattheuer:
Weltberühmte Leipziger Schule – Bildende Kunst blüht


Mit der Rechten brauche ich nicht abzurechnen. Das geschah zum letzten Mal in der Warschauer Höhle, als mein Begleiter in Panik geriet, weil wir russische Worte hörten. Panik, Flucht, Tod (?) und ich allein auf dem Fußmarsch Fremde Heere im wilden Osten. Bleibt unsere wirre Linke von heute, an der wir herzschmerzend leiden, weil sie stets Revolution plus Freiheit verspricht und von den faustischen Marx /Engels auf die luziferischen Noske/Ulbricht abfällt.
  Mit dem Verrat der Sozis von 1914 an Marx verkam die stolze deutsche Arbei­ter­bewe­gung Bebels zum Zer­falls­produkt. Burg­frie­dens­politik. Schloss­poli­tik. Kriegs­politik. Vonwegen Friede den Hütten, Krieg den Palästen. Das kehrten sie blöde um. Georg Büchner auf der Flucht vor der sozial­demo­kratischen Palast­wache. 1914 Friedens­ver­rat. 1918 Revo­lutions­verrat und vorwärts in die euro­päische Ur­katas­trophe. Der Doppel­mord an Luxem­burg/Lieb­knecht besiegelt den Nieder­gang. War 1933 vorgeplant? Der Tanz ums Goldene Kalb beginnt als Parade­marsch der braunen Ochsen. Aber die Kommu­nisten? Macht euch nichts vor. Die deutsche Linke revo­lutionär zu revita­lisieren ist mit dem Ende der DDR end­gültig misslungen. Linke Mino­ritäten bringen nur die Wahl zwischen Diktatur und Oppor­tunismus zustande, mit Marx im 18. Brumaire gesprochen zwischen Tragödie und Farce.

Soviel als Regieanweisung für unser Welttheater am Pleißenstrand zwischen Auerbachs Keller und Völker­schlacht­denk­mal, diesem Goethe-Nietzsche-Ulbricht-Quadrat, das den Bloch-Dimi­troff-Komplex zum Zentrum hat. Das Reichs­gericht samt Vorplatz als Mahnmal an Dimitroff und Marinus van der Lubbe am west­lichen Pleißenufer und ostwärts die Bloch-Festung, vormals Amtsgericht, dann Kreis­ver­waltung zwischen Harkort-Beet­hoven-Dimitroff-Straße und Peters­stein­weg gelegen. Ich halte am Bloch-Komplex Wache, hier wurde im Ost­flügel ver­boten gedacht, im West­flügel einge­sperrt, auch todes­gestraft, erschos­sen oder geköpft. Im Stand heid­nischer Unschuld muss ich mich befunden haben, als ich einst direkt an Ort und Stelle beides in einem kecken Satz verband und dachte, ich hätte mich nur gewitzt ausge­drückt. Minister Mielke hat's sehr bald anders gerichtet. „Wer vorne im Philosophischen Institut richtig denkt, kann an der Hinterfront gleich abgeurteilt werden“, hatte ich noch geblödelt und die baldigen Gladia­toren­kämpfe nicht geahnt. Während die Leipziger Schule der Bildkunst trotz diverser Konflikte ihren geographischen und partei­staat­lichen Zwängen weltweit ent­wachsen konnte, wurde die Leipziger Schule der Philosophie 1957 von der Staats­gewalt radikal zer­schla­gen. Wer wider­stand, wurde repres­siert. Wer sich dis­zipli­nieren ließ, erlahmte. Die Verräter durften Karriere machen. In Sachen Phi­lo­sophie ver­stand der Polizei­staat keinen Spaß, seine Parole hieß Mielke, der mischte sich am Ort des Geschehens ein, den Genossen Ulbricht mit noch mehr schlech­ten Gründen versor­gend als sie sowieso schon erstunken worden waren. In Berlin hatte Harich sich mit seinen West­verbin­dun­gen hysterisch unklug verhalten. In Leipzig gab es keinen einzigen Fall von West­ein­wirkung. Hier war die juris­tische, geheim­dienst­liche und polizei­liche Unter­drückung nichts anderes als partei­staatliche Krimina­lität. Die fatale Sach­lage wurde bisher von keiner Seite hin­reichend geklärt. Soviel zu den Ursachen verblei­bender Fremd­heit. Allerdings galten die Tübinger Schüler des aus Leipzig ver­triebenen Philo­sophen dort ebenfalls als Blochs Brut. Auch dies ein Stück vorweggenommener deutscher Einheit in frei­heit­licher Denk­faulheit.
  Der von Mielke lancierte ulbrichtsche Vorwurf der Konter­revolution beruht auf Misstrauen und Geschwätz. Harich wollte Bloch als Präsi­denten der DDR und eines künftig vereinten Deutsch­land sehen. Das war reine Phan­tasie. Notizen aus einem Bloch-Seminar über den tapferen Philo­sophen, frei­kirch­lichen Theologen und Pädagogen Come­nius (1592 – 1670) ließen ein verderb­lich auf­klärendes „Come­nius-Modell“ arg­wöhnen. Das wog schon schwerer. Die Schüler des Meisters, über die Lehr­anstalten des Landes ver­streut, verbreiten ein neues Denken. Wo das Konter­revo­lution sein soll, regieren geistige Arm­leuchter.

Grundmotiv der durch Verfolgung zur Geheimlehre beförderten Philosophie Blochs ist die Dekonstruktion. Wie ich darauf gekommen bin? Ganz einfach durch Brechts, Benjamins, Blochs eingreifendes Denken. An Blochs Titel Das Prinzip Hoffnung missfiel die prioritäre Hoffnung. Dem Band 1 entnahm ich die aufs Theater gezielte Formulierung Trotz und Hoffnung. So entstand mein erstes Büchlein. In den Beiträgen für die Weltbühne wurde ich so lästig, dass sich aus dem ZK Protest meldete. Die Herren Obergenossen argwöhnten zuviel Blochtrotz. Mein am 1. Juli 1956 im Sonntag abgedrucktes Gedicht Die Mutter der Freiheit heißt Revolution war die Aufkündigung der Sklavensprache. Jetzt galten Trotz und Hoffnung als gefahrvolle Konsequenz des Moskauer Tauwetters. Vor neuer Vereisung ging ich lieber nach Westberlin statt nach Bautzen.

Gerhard Zwerenz | Nicht alles gefallen lassen
Gerhard Zwerenz
Nicht alles gefallen lassen
Schulbuchgeschichten
Fischer Verlag 1972

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Und was ist mit der Dekon­struktion? Die Kurz­geschichte Nicht alles gefallen lassen, seit Jahr­zehnten ein Schul­buch-Dauerseller, dekon­struiert den Krieg glatt als Fami­lien­streit­geschich­te mit Welt­unter­gang. Ganz simpel und plau­sibel wie es ist. Im Roman Casanova oder der Kleine Herr in Krieg und Frieden wird die Illu­sions­losig­keit des schwar­zen Humors mit so realen wir irrealen Phan­tasien vita­lisie­rend aufge­mischt. Der Erfolg war Lust, Freude, Kasse, nur wurde mir die im Buch ent­haltene Existenz-Bedrohung zu sehr auf die leichte Schulter genommen. Zuviel Spaß bei soviel Tod? Also folgte Kopf und Bauch als wütende Korrektur einer zu harm­losen Rezeption durch das Publikum. Gleich­wohl machte auch die total schwarze Prosa von sich reden und, im preis­werten Taschen­buch, sogar Auflage. Der poeto­logi­sche Schreck wirkt modisch exklusiv genießbar.
  Soviel zu den Eckpunkten einer De­kon­struk­tions-Drama­turgie, wie ich sie, angeregt von Brechts und Blochs Kopfsprüngen, aus dem eigenen Erlebnismaterial filterte, was nicht so ganz schwer fiel, hieß es doch bald, sich von Verfolgung zu Verfolgung durchzuschlagen. Das rhytmisiert und belebt als wärs vom Onkel Doktor Eisenbart.


Die Linkspartei riskierte neulich einen Programm-Parteitag, der selbst skeptische Sympathi­santen fast beglücken konnte. Zwar viel Gerede, aber keine Meuterei. Beschlüsse nahezu ohne Quertrei­bereien. Am Tag danach Rück­fall­geräusche. Jeder Linke misstraut den Linken. Jeder Marxist ist der anderen Marxisten Feind und umgekehrt. Dazu die schrägen Kontraste. Beim Kapital der Konkurrenz­kampf um Marktmacht. Bei Marxisten der Kampf um Bewusst­seinsmacht, die notwenig ist, vollmundig unterzugehen. Immerhin wirkt diese Linkspartei schon fast unglaublich nüchtern im deutsch­stämmigen Euro-Irr­garten zwischen Akropolis und Bran­den­burger Tor(-heit). Am 23.10.2011 führte der ARD-Talk-Spitzen­dompteur zwei Sozi­zwillinge vor: Atom­raketen­helmut empfiehlt den nicht weniger geschei­terten Stein­brück als Nach­folger der Firma Schröder/Merkel. Hat das Zukunft? Wir wissen, Ober­leutnant Schmidt kämpfte schon an der Ostfront neben der SS mit „Zuversicht“. Da kann Peer S. nicht nur beim Schachspiel vom bewährten Front­offizier lernen. Apropos Waffen-SS, im Nachwort 62 wurde notiert: „Am 10.6.2011 klagt Herta Müller in der FAZ über ihren Vater: ›Immer wünsche ich mir, diesen Vater noch im Nachhinein daran hindern zu können, ein SS-Soldat geworden zu sein.‹“ Das ist brav gewünscht, Herta, einfach nobel. Es gab bei uns mal die 68er, die mit ihren schwarz­braunen Eltern tat­sächlich abrech­neten, was dem deutschen Vaterland alles andere als genehm war. Frau Müller darf sich beim Genossen H. Schmidt Rat holen, der an der Ostfront in SS-Nachbar­schaft Zuver­sicht fühlte. Ganz anders Günter Grass, der immer aufs große Maul setzte, doch die SS-Schnauze hielt, bis es zu spät war. Tapfer trommelte er für die SPD, ein Willy-Freund, der keinen Schimmer davon hatte, dass Brandt einst als SAP-(per) zu den Kommunis­ten neigte, bis er sich glücklich den Frauen und weniger glücklich den Berufs­verboten zuwendete. Da machte ihn der Genosse Wehner von Moskau aus madig. Wir erinnern uns: Willy solle regieren, nicht erigieren. Soviel fürs kurz­geschorene Gedächtnis und über zwei Nobellierte. Sonst wird J. Gauck eifersüchtig. Er ist tapfer für den Krieg am Hindu­kusch, gegen die Banken­protes­tierer und für geheimd­ienstliche Über­wachung der Linken. Ein Christ sui generis und aus gutem bürgerlichen Hause. Des Pastors Papa war Gottsei­dank nicht in der SS, nur in der SA seit 1934, die Mama als alte Kämpferin in der NSDAP seit 1932. Keiner kann für seine Eltern. Muss ihnen aber von Jahr zu Jahr auch nicht fatal ähnlicher werden. SPD und Grüne wünschten sich den Herrn inniglich als Bundes­präsi­denten, der Friedens­nobel­preis steht ihm gewiss bevor – ach du liebe aufrechte Links­partei, nun mach mal bei so vielen Bürger­rechtlern was aus deinem schönen Programm, bevor's zu spät sein wird. Die Ideen der Freiheit und sozialen Gerech­tig­keit haben einen längeren Atem als ihre geschichts­verleug­nenden Wider­sacher. Der Fehlschlag russischer Staats­sozia­listen dis­kre­ditiert keine Weltidee, solange ihre Anhänger nicht aufgeben Also liebe Genossen, streitet und ärgert euch weniger. Dass es euch gibt, grenzt nahezu an ein Wunder. Wer weiß wie lange noch. Linke in deutschen Landen bilden die Kaste der Unberühr­baren. Kein Dialog mit Kommunisten. Sahra Wagenknecht darf neuer­dings ab und zu vor Kamera und Mikrofon einen Gedanken fast zu Ende führen. Gysi hat bei Nachrichten aus dem Bundes­tag mitunter Platz für mehr als zwei Sätze. In der Talk-Show riskiert er sogar zwölf Sätze, wozu die Moderations­beauftrag­ten nervös plapper­maulend auf ihren Sitzen herum­rutschen. Gesine Lötzsch sucht Wege zum Kommunis­mus? Welch ein Glück, dass SS, SA, NSDAP mit Papa samt Mama und Wehrmacht den Genossen Stalin und die Rote Armee ins deutsche Heimat­reich lockten, wo sie sich wie die Sieger aufführten. Das liefert für alle Ewig­keiten anti­kommunistische Argumente. Linke in Deutschland – ei der Daus! – und wenn die nun auch noch witzig, fröhlich, grundgütig, kurzum herzhaft aufträten, das wär ein Glücks­fall nach dem anderen.

Ingrid Zwerenz (Hg.)
Anonym
Schmäh- und Droh­briefe an Promi­nente
Im Jahr 1968 brachte Ingrid Zwerenz bei Rütten + Loening die Sammlung AnonymSchmäh- und Droh­brie­fe an Prominente heraus. Zu den Hasstiraden gegen Juden, linke und liberale Intel­lektuelle gesellte sich eine Steri­lisierungs­ankün­digung für den ZEIT-Redak­teur Dr. Theo Sommer: „Über Ihre Eier ist bereits verfügt. Die leeren Eier­scha­len können von Ihren Ange­hörigen abge­holt oder von Ihnen als Christ­baum-Schmuck benutzt werden … Unter­schrift: Dr. Saeckel.“ Der Anony­mus von damals hat überlebt oder es arti­ku­liert sich einer seiner Nachkommen. Unter dem Pseudo­nym bimbo binder mailt er am 26.10.2011 über den poetenladen: „Zwerenz, dir sollte man die Eier abschnei­den, kurz und schmerzhaft!“ Diese Sprache gehört offen­bar zum bril­lanten deutschen Volks­ver­mögen. Unser 68. Nachwort trug den Titel Leipzig – Kopfbahnhof. Manche verstehen nur Sack­bahn­hof.

Die Ideologen des Totalitarismus – Stalin gleich Hitler – suchen Ver­gangen­heiten und Täter­schaften der eigenen Seite abzu­mildern, indem die Gegenseite überdimen­sioniert, mindestens in die Rolle des operativ Angeklagten versetzt wird. Die deutsche Rechte äfft gern das Spiel der jungen Pariser Philosophen von anno dazumal nach, die den Moskauer 20. Parteitag mit Chruschtschows Anti-Stalin-Rede nutzten, sich von Stalin, Lenin und Marx abzuwenden und der KPF samt Sartre den Rücken zu kehren. Inzwischen entsteht zwar eine neue Sehn­sucht nach Marx, doch der irrationale Antimarxismus der Antitotalitären richtet sich gegen China. Was wären die Folgen, gäbe es einen chinesischen Gorbatschow? Chinas Zerfall bewirkte eine Welt­konter­revolution als letzten Nagel zum Sarg des Westkapitalismus.
  Bevor Honecker 1987 zur Staatsreise in die BRD aufbrach, veröffentlichte die taz am 23.4. unser Schreiben Freiheit für die Fantasie – Erklärung ehemaliger DDR-Bürger. Wolfgang Leonhard, unterwegs in den USA, wurde von Elke Leonhard einbezogen, Erich Loest, eben bei uns zu Besuch, tanzte den Walzer noch nicht rechtsherum, Karola Bloch stimmte von Tübingen her telefonisch zu, Ingrid humani­sierte den Text bis zum Limit und ich hatte gerade was für die Kommunikationstheorie von Habermas übrig. Reden wir miteinander. Die Schlusszeilen meines Gedichts Die Mutter der Freiheit heißt Revolution lauten: „… Die Freiheit ist Tochter, Partei ist der Sohn.“ Das hatten die Genossen am 30.1.1957 in der Leipziger Kon­gress­halle ver­worfen. Also wurde das Ge­sprächs­angebot 30 Jahre und 3 Monate später ein wenig spezi­fiziert wiederholt. Und leider erneut abgelehnt. Der Staats­rats­vor­sitzende wollte mit uns nicht sprechen, zog westliche Staatsgrößen von Kohl bis Strauß vor und glaubte eine offi­zielle Aner­kennungs­reise nach Bonn und München zu unternehmen. Daraus wurde eine aber­kennende Abschieds­tournee. Die Mächtigen mögen nun mal keine Kommuni­kation mit Leuten, die nicht buckeln. Lieber richten sie sich selber zuschanden. In der Habermas'schen Kommuni­kations­theorie fehlt eben der Übergang von der Skla­ven­sprache zur Sprach­revolte.


Am 24.10.2011 blicken Schmidt&Steinbrück als siamesische Sozi-Zwil­linge vom Spiegel-Cover. Helmut über Peer: „Er kann es.“ Was kann er? Weiter im Spiegel: „Helmut Schmidt über seinen Kanzler­kandi­daten Peer Steinbrück.“ Sein Kandidat also. Arme SPD. Die FAZ am Tag danach: „Talk als Tanz“, das geht gegen alle tv-Talk-Tänze, bei denen das Blatt nicht mitschwoft. Alles dreht sich a) um ein gerade erschei­nendes Buch der beiden SPD-Genossen, das auf die Seller-Liste muss, und b) um Peers Panther­sprung ins Bundes­kanzler­amt, das Angela die Große seit langem besetzt hält. Als Requisit beim Dialog dient ein Schachbrett, mit dem Helmut&Peer ihre Intellektualität illustrieren. Von Ernst Bloch, mit dem der damalige Bundeskanzler Schmidt mal über Utopie disku­tieren wollte, stammt die Aufforderung, Schach statt Mühle zu spielen. Bei Schmidt und Stein­brück reicht es noch nicht mal zu einer Partie Mensch ärgere dich nicht. Ihre brave SPD ärgert sich schon gewaltig. So ist das, wenn Helmut und Peer erläu­tern, wie literaturläufig sie heideggern und poppern wollen. Soviel ist klar wie dicke Tinte: Der Doppel­beschluss-Schmidt bildete mit Ober­leutnant Strauß und Hauptmann Dregger das Trojaner-Trio im Bauch des Gauls, in dem Hitlers Wehr­machtsgeist in die Bonner Republik einge­schmug­gelt wurde. Hoch­gerüstet und krisen­schwer steht ihr Deutsch­land endlich am EURO-Abgrund. Für sie ist und bleibt der Krieg der Vater aller Dinge. Mit dem hier falschen Griechen Heraklit haben sie mächtig auf Sand gebaut. Wir kommen drauf zurück.
Gerhard Zwerenz    07.11.2011    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Gerhard Zwerenz
Serie
  1. Wie kommt die Pleiße nach Leipzig?
  2. Wird Sachsen bald chinesisch?
  3. Blick zurück und nach vorn
  4. Die große Sachsen-Koalition
  5. Von Milbradt zu Ernst Jünger
  6. Ein Rat von Wolfgang Neuss und aus Amerika
  7. Reise nach dem verlorenen Ich
  8. Mit Rasputin auf das Fest der Sinne
  9. Van der Lubbe und die Folgen
  10. Unser Schulfreund Karl May
  11. Hannah Arendt und die Obersturmbannführer
  12. Die Westflucht ostwärts
  13. Der Sänger, der nicht mehr singt
  14. Ich kenne nur
    Karl May und Hegel
  15. Mein Leben als Prophet
  16. Frühe Liebe mit Trauerflor
  17. Der Schatten Leo Bauers
  18. Von Unselds Gegner zu Holtzbrincks Bodyguard
  19. Karl May Petrus Enzensberger Walter Janka
  20. Aus dem Notizbuch eines Ungläubigen
  21. Tanz in die zweifache Existenz
  22. General Hammersteins Schweigen
  23. Die Pleiße war mein Mississippi
  24. Im Osten verzwergt und verhunzt?
  25. Uwe Johnson geheimdienstlich
  26. Was fürchtete Uwe Johnson
  27. Frühling Zoo Buchmesse
  28. Die goldenen Leipziger Jahre
  29. Das Poeten-Projekt
  30. Der Sachsenschlag und die Folgen
  31. Blick zurück auf Wohlgesinnte
  32. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (I)
  33. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (II)
  34. Brief mit Vorspann an Erich Loest
  35. Briefwechsel mit der Welt der Literatur
  36. Die offene Wunde der Welt der Literatur
  37. Leipzig – wir kommen
  38. Terror im Systemvergleich
  39. Rachegesang und Kafkas Prophetismus
  40. Die Nostalgie der 70er Jahre
  41. Pauliner Kirche und letzte Helden
  42. Das Kickers-Abenteuer
  43. Unser Feind, die Druckwelle
  44. Samisdat in postkulturellen Zeiten
  45. So trat ich meinen Liebesdienst an …
  46. Mein Ausstieg in den Himmel
  47. Schraubenzieher im Feuchtgebiet
  48. Der Fall Filip Müller
  49. Contra und pro Genossen
  50. Wie ich dem Politbüro die Todesstrafe verdarb
  51. Frankfurter Polzei-buchmesse 1968
  52. Die Kunst, weder Kain noch Abel zu sein
  53. Als Atheist in Fulda
  54. Parade der Wiedergänger
  55. Poetik – Ästhetik und des Kaisers Nacktarsch
  56. Zwischen Arthur Koestler und den Beatles
  57. Fragen an einen Totalitarismusforscher
  58. Meine fünf Lektionen
  59. Playmobilmachung von Harald Schmidt
  60. Freundliche Auskunft an Hauptpastor Goetze
  61. Denkfabrik am Pleißenstrand
  62. Rendezvous beim Kriegsjuristen
  63. Marx, Murx, Selbstmord (der Identität)
  64. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (I. Teil)
  65. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (II. Teil)
  66. Der Bunker ...
  67. Helmut auf allen Kanälen
  68. Leipzig anno 1956 und Berlin 2008
  69. Mit Konterrevolutionären und Trotzkisten auf dem Dritten Weg
  70. Die Sächsischen Freiheiten
  71. Zwischen Genossen und Werwölfen
  72. Zur Geschichte meiner Gedichte
  73. Poetenladen: 1 Gedicht aus 16 Gedichten
  74. Der Dritte Weg als Ausweg
  75. Unendliche Wende
  76. Drei Liebesgrüße für Marcel
  77. Wir lagen vor Monte Cassino
  78. Die zweifache Lust
  79. Hacks Haffner Ulbricht Tillich
  80. Mein Leben als Doppelagent
  81. Der Stolz, ein Ostdeutscher zu sein
  82. Vom Langen Marsch zum 3. Weg
  83. Die Differenz zwischen links und rechts
  84. Wo liegt Bad Gablenz?
  85. Quartier zwischen Helmut Schmidt und Walter Ulbricht
  86. Der 3. Weg eines Auslandssachsen
  87. Kriegsverrat, Friedensverrat und Friedenslethargie
  88. Am Anfang war das Gedicht
  89. Vom Buch ins Netz und zur Hölle?
  90. Epilog zum Welt-Ende oder DDR plus
  91. Im Hotel Folterhochschule
  92. Brief an Ernst Bloch im Himmel
  93. Kurze Erinnerung ans Bonner Glashaus
  94. Fritz Behrens und die trotzkistische Alternative
  95. 94/95 Doppelserie
  96. FAUST 3 – Franz Kafka vor Auerbachs Keller
  97. Rainer Werner Fassbinder ...
  98. Zähne zusammen­beißen ...
  99. Das Unvergessene im Blick
    1. Nachwort
Nachworte
  1. Nachwort
    siehe Folge 99
  2. Auf den Spuren des
    Günter Wallraff
  3. Online-Abenteuer mit Buch und Netz
  4. Rückschau und Vorschau aufs linke Leipzig
  5. Die Leipziger Denkschule
  6. Idylle mit Wutanfall
  7. Die digitalisierte Freiheit der Elite
  8. Der Krieg als Badekur?
  9. Wolfgang Neuss über Kurt Tucholsky
  10. Alter Sack antwortet jungem Sack
  11. Vor uns diverse Endkämpfe
  12. Verteidigung eines Gedichts gegen die Gladiatoren
  13. Parademarsch der Lemminge und Blochs Abwicklung
  14. Kampf der Deserteure
  15. Fritz Bauers unerwartete Rückkehr
  16. Der Trotz- und Hoffnungs-Pazifismus
  17. Als Fassbinder in die Oper gehen wollte
  18. Was zum Teufel sind Blochianer?
  19. Affentanz um die 11. Feuerbach-These
  20. Geschichten vom Geist als Stimmvieh
  21. Von Frankfurt übern Taunus ins Erzgebirge
  22. Trotz – Trotzalledem – Trotzki
  23. Der 3. Weg ist kein Mittelweg
  24. Matroschka –
    Die Mama in der Mama
  25. Goethe bei Anna Amalia und Herr Matussek im Krieg
  26. Der Aufgang des Abendlandes aus Auerbachs Keller
  27. Jan Robert Bloch –
    der Sohn, der aus der Kälte kam
  28. Das Buch, der Tod und der Widerspruch
  29. Pastor Gauck oder die Revanche für Stalingrad
  30. Bloch und Nietzsche werden gegauckt ...
  31. Hölle angebohrt. Teufel raus?
  32. Zwischen Heym + Gauck
  33. Von Marx über Bloch zu Prof. Dr. Holz
  34. Kafkas Welttheater in Auerbachs Keller
  35. Die Philosophenschlacht von Leipzig
  36. Dekonstruktion oder Das Ende der Ver­spä­tung ist das Ende
  37. Goethes Stuhl – ein Roman aus Saxanien
  38. Meine Weltbühne im poetenladen
  39. Von Blochs Trotz zu Sartres Ekel
  40. Die Internationale der Postmarxisten
  41. Dies hier war Deutschland
  42. Kopfsprünge von Land zu Land und Stadt zu Stadt
  43. Einiges Land oder wem die Rache gehört
  44. Schach statt Mühle oder Ernst Jünger spielen
  45. Macht ist ein Kriegszustand
  46. Dekonstruktion als Kriminalgeschichte I
  47. Damals, als ich als Boccaccio ging …
  48. Ein Traum von Aufklärung und Masturbation
  49. Auf der Suche nach der verschwundenen Republik
  50. Leipzig am Meer 2013
  51. Scheintote, Untote und Überlebende
  52. Die DDR musste nicht untergehen (1)
  53. Die DDR musste nicht untergehen (2)
  54. Ein Orden fürs Morden
  55. Welche Revolution darfs denn sein?
  56. Deutschland zwischen Apartheid und Nostalgie
  57. Nietzsche dekonstruierte Gott, Bloch den Genossen Stalin
  58. Ernst Jünger, der Feind und das Gelächter
  59. Von Renegaten, Trotzkisten und anderen Klassikern
  60. Die heimatlose Linke (I)
    Bloch-Oper für zwei u. mehr Stimmen
  61. Die heimatlose Linke (II)
    Ein Zwischenruf
  62. Die heimatlose Linke (III)
    Wer ist Opfer, wer Täter ...
  63. Die heimatlose Linke (IV)
    In der permanenten Revolte
  64. Wir gründen den Club der
    heimatlosen Linken
  65. Pekings große gegen Berlins kleine Mauer
  66. Links im Land der SS-Ober­sturm­bann­führer
  67. Zweifel an Horns Ende – SOKO Leipzig übernimmt?
  68. Leipzig. Kopfbahnhof
  69. Ordentlicher Dialog im Chaos
  70. Büchner und Nietzsche und wir
  71. Mit Brecht in Karthago ...
  72. Endspiel mit Luther & Biermann & Margot
  73. Die Suche nach dem anderen Marx
  74. Wer ermordete Luxemburg und Liebknecht und wer Trotzki?
  75. Vom Krieg unserer (eurer) Väter
  76. Wohin mit den späten Wellen der Nazi-Wahrheit?
  77. Der Feind ist in den Sachsengau eingedrungen
  78. Die Heldensöhne der Urkatastrophe
  79. Die Autobiographie zwischen
    Schein und Sein
  80. Auf der Suche nach der verlorenen Sprache
  81. Atlantis sendet online
  82. Zur Philosophie des Krieges
  83. Deutsche, wollt ihr ewig sterben?
  84. Der Prominentenstadl in der Krise
  85. Der Blick von unten nach oben
  86. Auf der Suche nach einer moralischen Existenz
  87. Vom Krieg gegen die Pazifisten
  88. Keine Lust aufs Rentnerdasein
  89. Von der Beschneidung bis zur
    begeh­baren Prostata
  90. Friede den Landesverrätern
    Augstein und Harich
  91. Klarstellung 1 – Der Konflikt um
    Marx und Bloch
  92. Bloch & die 56er-Opposition zwischen Philo­sophie und Verbrechen
  93. Der Kampf ums Buch
  94. Und trotzdem: Ex oriente lux
  95. Der Soldat: Held – Mörder – Heiliger – Deserteur?
  96. Der liebe Tod – Was können wir wissen?
  97. Lacht euren Herren ins Gesicht ...
  98. Die Blochianer kommen in Tanzschritten
  99. Von den Geheimlehren der Blochianer
Aufsatz