POETENLADEN - neue Literatur im Netz - Home
 
 
 
 
 
 
 

Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | Folge 23

Dies ist eine sächsische Autobiographie als Fragment in 99 Fragmenten. Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philosophen nennen das coincidentia oppositorum, d.h. Einheit der Widersprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

23

Die Pleiße war mein Mississippi

Gerhard Zwerenz und Erich Loest
Loest-Zwerenz vor dem Verrat?
Der SAX war das 25 Zentimeter lange gefürchtete Kurzschwert der Germanen, heißt es. Es war aber die Waffe der heidnischen Sachsen, die als letzter Volksstamm von den Merowingern unterworfen wurden. Karl, der sogenannte Große ließ ihrer 4.500 (falls es stimmt) bei Verden an der Aller köpfen. Der Rest zog sich listigerweise für die nächsten tausend Jahre ins sichere Gebiet zwischen Pleiße, Elbe und Erzgebirge zurück, wo alsbald Gewerbe und Künste erblühten, so dass der SAX als Waffe vergessen werden konnte und jener Antoine-Joseph SAX an seine Stelle trat, der das SAXOPHON erfand. Aus Krieg wurde Musik (Richard Wagner), Philosophie (Friedrich Nietzsche) und Abenteuerliteratur (Karl May). Der Sachse erkennt keine Grenze an. Beginnt als Heinzelmännchen und endet als unheimlicher Riese. Übersetzt das Sächsische ins Chinesische und umgekehrt. Ehrlich gesagt: Sachsen wird so chinesisch wie die Pleiße der Mississippi der Neandertaler war und die Elbe der Swimmingpool der Argonauten ist. Der Osten rächt sich am Westen? Die Pleiße führt über alle Begrenzungen bis in die fernsten Meere und verkörpert panta rei – alles fließt oder anders gesagt: Jeder Mensch ist ein Genie, wenn er nur riskiert, es zu sein. Jetzt heißt es, fremde Dimensionen zu erfahren statt nur im eigenen Saft zu schwimmen.

Einstein fügte den bekannten drei Dimensionen die Zeit als vierte hinzu? Die Zahl ist unbegrenzt. Wir zitieren modernste Forschungsergebnisse und erkennen, für Ameisen ist ihr Haufen Heimat. Könnten sie sprechen, nennten sie die Außenwelt Himmel. Dem Löwen, den der Tierarzt betäubt, um ihn zu behandeln und verortbar zu machen, erscheint dieser weißbekittelte Mensch als Bewohner fremder Sterne und nicht seiner Welt. Wenn das Tier könnte, verspeiste es ihn. Wäre der Löwe imstande zu sprechen, bereute er danach die Tat und betete den Getöteten als Gottheit an.

Ein vorletztes Mal die Dreiheit Nietzsche, Wagner, May: In und mit ihren Werken stießen sie in Dimensionen vor, die sich jenseits der Ameisen, Löwen und Politiker erstreckten. Man stelle sich in Leipzig ans Völkerschlacht­denkmal, in Dresden vor den Zwinger, in Chemnitz zum Karl-Marx-Kopf und man wird von der Dimension des Phantastischen betroffen sein. Der unbetroffene Rest wird der Armut im Geiste überlassen. Der Sachse ist kleiner Leute Kind. Wird ihm die Bescheidenheit zu langweilig, richtet er sich auf und erprobt eine neue Dimension. Na endlich, murmelt die vorbeiflanierende Pleiße.

Kopf hoch, Sachse, auch beim Aussterben! ruft die Pleiße. Die zahlen­akrobatischen Kammerdiener der Politik wissen bereits, wann es soweit ist, dass der letzte Sachse seinen Sarg von innen verschließt. Sollte sich erweisen, der Tod führt direkt in den Himmel oder zur Hölle, werden die Reichen versuchen, sich aus Höllenangst tausend Lebensjahre zu erkaufen. Da wird der letzte Sachse seinem Sarge entsteigen. Besitzt er nicht den Schlüssel dazu?

Der Zukunftssachse wird angelsächsisch parlieren und als Zweitsprache chinesisch. Jedenfalls gilt: Der Sachse ist vigilant, d.h. anders als sein Zerrbild aus dem reichsdeutschen Panoptikum. Der Sachse ist auch ohne Nachkommen unsterblich. Die DDR war ein Groß-Sachsen, dessen Dauer verhindert wurde, um es nicht gelingen zu lassen. Wie wir aus erst jüngst erschlossenen Quellen erfahren, gab es in Zwickau an der Mulde ein ganz und gar geheim entwickeltes Trabant-, also Trabi-Modell, das aus Kostengründen nicht realisiert werden konnte und, in den Westen geschmuggelt, dort den Golf I hervorbrachte, statt den sächsischen Automobilbau weltweit zum Erfolg zu führen wie einst Horch, DKW, Autounion ...


Dies ist mein Loblied auf den klassischen Sachsen. Ein deliziöses Mal zur Erinnerung. Die Dreieinigkeit von Nietzsche, Wagner, May belegt das phantastische Potential des Landes, seine Fähigkeit der Grenzüberschreitung mit Bodenhaftung. Hört auf mit Behinderung und Beschimpfung. Loblieder lassen sich auch auf andere Gegenden singen. Nur wenn die Bewohner fahnenschwingend ihre idiotische Nationalhymne freilassen, reagiere ich aus Erfahrung skeptisch. Die Republik ist als Bund ihrer Länder konstituiert und so tüchtig wie sympathisch, so liebens- wie überlebenswert. Ich benötige zwischen den Bundesländern und Europa kein deutsches Stiefvaterland der Krisen und Kriege. Einigkeit macht stark, gackert es. Einigkeit macht Quark. Es werde Land ohne Schlagbäume, Europa ohne Abgrenzungen, Welt grenzenlos und ohne Herr und Knecht. Am Morgen des 24. Dezember 2006 erschien die Pleiße in Oberreifenberg im Taunus. Sie floss parallel zum Bach hinter dem Zaun herbei und trat auf einen Sprung an meinen Schreibtisch. Wen hast du am Wickel? erkundigte sie sich höflich. Dich, antwortete ich, und spätestens jetzt liegt es an mir, einzugestehen, alle meine guten und bösen Figuren und Geschichten wuchsen nicht aus meinem Gedächtnisspeicher samt angeschlossenem Herzeleid – nein, hier sprach und spricht Frau Pleiße höchstselb. Um es offen einzugestehen, die Herren Kreuzritter kehren zurück. Man trägt wieder Religion. Die Kirchen streiten um ihre Schafherden. Weltweit missioniert das Militär mit NATO-Stacheldraht, Raketen und Clusterbomben. Beim Wort zum Sonntag reißen tv-Geistliche sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf, auf dass die Einschaltquoten steigen. Der Horizont ist mit Kruzifixen versperrt. Kopftücher wehen als Fahnen. Wo früher Staaten und Völker waren, entstehen Ethnien, die gegeneinander anbeten, bevor sie einander umbringen. Dann schicken wir brave Friedenssoldaten hin, die von Feldpredigern begleitet werden. Sogar auf See, wenn unsere Marine losfährt und die Feldprediger eigentlich Seepastoren heißen müssten oder Wasserprediger, was in unserer Militärkirchen-Sprachgesetzgebung aber nicht auftaucht. Überall reden unsere Politiker und Pfarrer für den Frieden. Leider werden immer mehr Kriege daraus. Eugen Drewermann hält Krieg für eine Krankheit. Sollte das zutreffen, wäre der Normalzustand der Menschheit das Krank-, statt das Gesund-sein, denn die Geschichte weist ca. 1500 Kriege auf mit schätzungsweise 4-5 Milliarden Getöteten, die wir Gefallene nennen, obwohl sie Ermordete sind.

Ich bin ein ziemlich ungläubiger Fluss, warf die Pleiße ein.

Das sporne mich nur noch mehr an, entgegnete ich, Nietzsches Bonmot von Gottes Tod wäre genauer zu reflektieren, und falls der Herr tatsächlich tot sein sollte, was nicht ganz unlogisch scheint, wäre zu fragen, ob er gestorben ist, umgebracht wurde oder Suizid beging. Gegen die Sterbethese steht der Lehrsatz von der Unsterblichkeit. Selbsttötung wäre unwahrscheinlich, denn ein Christ darf sich nicht mit eigener Hand entleiben, was freilich auf die abgeleitete Frage hinlenkte, ob Gott ein Christ ist bzw. gewesen ist, was uns wiederum in einige Verwirrung stürzt, hätte er dann doch die Religion seines Sohnes annehmen müssen, woraus resultierte, dass Gott vor der Taufe kein Christ, also ein Ungläubiger, gar Heide gewesen sein müsse, falls er nicht andersgläubig gepolt war. Wir wollen doch nicht annehmen, Gott wäre Atheist gewesen, der irgendwann den Entschluss fasste, gläubig zu werden und einen Stammhalter zu schaffen zwecks Gründung der Römischen Kirche.

Sind wir erst soweit gelangt, können wir Nietzsches Postulat leichter akzeptieren, denn ein überlebender Gott hätte die Weltkriege des 20. Jahrhunderts sicher verhindert, so wie er Holocaust, Pest, Cholera, Aids, Maul- und Klauenseuche, BSE hätte nicht geschehen lassen, von Massentierzucht, Käfighaltung, Tier- und Menschenexperimenten samt der Erhebung eines sprachlosen Unglücks zum US-Präsidenten sowie Herrschers der Ober- und Unterwelt nicht zu reden. Es steht also nichts so fest wie der Tod Gottes. Wir erwarten seine Auferstehung, es sei denn, Gott wäre Kommunist geworden, wie einige Prediger annehmen, während andere ihn als Antikommunisten einschätzen und wieder andere Gott des Kommunismus schon deshalb verdächtigen, weil er kein Eigentum ansammelte und die freie Liebe verkündete. Zurück zur Auferstehung, denn wenn der Papa den Sohn von den Toten auferwecken konnte, so wird er seine kosmischen Ewigkeitsenergien auch auf sich selbst anzuwenden vermögen und also auffahren zum Himmel, der ohne ihn leer bliebe, abgesehen von allerhand Astronauten, Raumstationen, Raketen und jenem heidnischen Müll, den zu produzieren Gläubige wie Ungläubige als ihren Lebenszweck betrachten. Zur Hölle also mit ihnen samt ihrer Bagage und freie Bahn dem wiederauferstehenden Gott. Wobei wir uns entscheiden müssten, ob es der Gott der Christen, Islamisten, Juden sei, von anderen Gläubigen zu schweigen, die ihn für sich in Anspruch nehmen.

Die Pleiße schwieg leicht erschöpft. So konnte ich den Gedanken endlich zum Abschluss bringen. Was uns Atheisten betrifft, argumentierte ich vorsichtig, stehen wir nicht ganz allein, denn Gläubige wie Ungläubige beten unisono den Gott Mammon an, früher Goldenes Kalb genannt. Auch stehen Katholiken, Protestanten und ca. 77 weitere Kirchen, Orthodoxien und Sekten soweit auseinander, dass ihr Gott eine Vielheit sein muss, statt Gott also eine Götterei, eine GmbH mit Vorsitz des Herrn, den die USA für sich reservieren und der endlich mal den regierenden Chief des Weißen Hauses andonnern sollte wie der frühere Jehova weiland den Saulus: Saul – Saul – warum verfolgst du mich? Und der Angesprochene fiele pardauz auf den Boden und erhöbe sich als eine Art Paulus II., auf dass die Welt vielleicht in waffenloser Liebe gerettet werde, auch wenn unser kampfeslustiger Sozi-Theologe Richard Schröder lauthals verkündet, Pazifismus sei eine fundamentalistische Verirrung des Christentums. Lasset uns also hoffnungsträchtig beten. Wer aber versorgte dann die Waffenfabriken mit Aufträgen?

An meinen Ufern werden keine Schießgewehre oder Uniformen mehr hergestellt. Hier rattert jetzt die Kapitalmaschine, frisst Arbeitsplätze, spuckt Arbeitslose aus – wendet Frau Pleiße ein.

Und was tun unsere tüchtigen Sachsen, wenn sie nichts mehr zu tun haben, erkundige ich mich besorgt.

Arbeitslose sind Scheintote. Sie leben ohne zu leben und sind tot ohne zu sterben. Sie hoffen auf diesen oder jenen Jackpot, spielen Toto und Publikum bei Wer wird Millionär und wer bleibt die arme Sau bei Hartz siebzehn und vier. Der Arbeitslose hat jeden Tag Feiertag. Sie nennen es ihre ewige Scheintotenfeier. Kluge Soziologen reden vom relativen Tod in der Vermassung der Postmoderne. Manchem Mann stirbt die Frau, mancher Frau der Mann weg, sie gehen weiter miteinander ins Bett und wundern sich, weil sich nichts rührt.

Meine liebe, gute und ewige Pleiße! sagte ich, lass uns über etwas Positives sprechen. Sie ging gerne auf meine Anregung ein, komme geradenwegs aus dem Altenburger Land und bringe ein Geschenk mit.

Ziegenkäse! rief ich, Der Grüne Altenburger aus dem Pleißenland. Davon schwärmte schon Old Shatterhand bei den Indianern. Die Pleiße schwenkte ein Blatt, darauf diese Verse zu erkennen waren:


»Su en soft'gen Zeegenkase
Dan kreit d'r armste Mann nich satt,
n scheensten duh mer salwer asse,
De annern schoff mer in de Schdadt.
Dan hie, dan schick mer Eich glei zu,
Drum asst'n nar mit vullen Freeden
Ihr kunnt Euch dran a Giedchen duh,
Mer hun'n o glei ongeschneeden.«

(Der Text wurde aus dem Pleißenwasser in den PC
übertragen von Dr. Waltraud Seidel, Tegkwitz)

Zugegeben, man muss das mehrmals lesen, aber es lohnt sich. Verblüffend die Ehrlichkeit der Hersteller – ihren schönsten Käse essen sie selber, den anderen schaffen sie in die Stadt, doch scheint der Altenburger Zeegenkase so gut zu sein, daß auch der Zweitbeste die Kundschaft noch entzückt. Man kriegt ihn nicht über und kann sich daran eine Güte tun. Ich will das gern bestätigen und fahre meilenweit, um dieser Spezialität habhaft zu werden. Es gibt sie inzwischen auch im Westen, man muß nur ein klein wenig danach suchen.

Ein wahrhaft klassisches Gedicht, meinte ich, ein wahrhaft klassischer Käse, kostete einen Bissen von dem lebenspendenden Geschenk und fühlte meine Ganglien glühen. Die Pleiße trat näher heran, was hat sie vor, dachte ich und rief: Getauft wurde ich schon in der Kindheit!

Doch mit Weihwasser statt Pleißenwasser, korrigierte sie und spuckte mir beinahe zeremoniell aufs schüttere Haar.

Liebe Genossin Pleiße, wie lebt sich's denn so mit den Erinnerungen, fragte ich.

Mein Gedächtnis reicht bis vor die Eiszeit zurück, aus mir tranken schon die liebenswerten Neandertaler. Das Wort Pleiße bedeutet die Fließende – ich fließe dahin, kapierst du?


Panta rei – GZ im Fluss
Ach, antwortete ich, panta rei, alles fließt, wussten schon die alten Griechen.

Was heißt hier alt, wenn es erst zweieinhalbtausend Jahre her ist, korrigierte sie meinen altklugen Einwurf, ich bin zwanzigmal so alt, das Land von Chemnitz über Zwickau, Altenburg, Leipzig wurde zu Kaiser Barbarossas Zeiten respektvoll terra plisensis genannt. Früher war ich eine Idylle und bei Tauwetter eine Naturkatastrophe. Mit der Industrialisierung wurde ich ungeheuer wichtig und bald Weltspitze. Eben noch erträglich war's im Kaiserreich. Am besten gefiel mir die Weimarer Republik. Da tat sich was an meinen Ufern. Das Dritte Reich war langweilig. Immer nur graues Uniformtuch. In der DDR dann klotzten sie ran, dabei ging mir beinahe die Luft aus – Arbeit in drei Schichten. Damit ist jetzt Sense. Die Webstühle haben ausgeklappert. Die Spinnereien sind ausgesponnen. In den Färbereien rostet der Rost. Eine Ruhe wie in der Eiszeit!

Ich: Als junger Kupferschmied kroch ich unter den Färbereibottichen herum. Rohre ausbessern! Überall Schlamm und Nässe: Leitungswasser, Talsperrenwasser, Pleißenwasser.

Sie: Das hat dich imprägniert fürs Leben, nicht wahr?

Ich: Als ich von der Wehrmacht stiften ging, musste ich durch den Bug schwimmen.

Sie: Wer die Pleiße in den Adern hat, übersteht auch Bug und Weichsel.

Ich: Du weißt ne Menge über mich, wie?

Sie: Alles weiß ich. Zum Beispiel über deine Kunst vorlauter Voraussagen.

Ich: Das trug mir viel Ärger ein. Die Zukunft zu prophezeien ist eine Krankheit.

Sie: Du bist jedes Mal gerade noch so davongekommen.

Ich: Meine liebe Frau Pleiße, mir ist zumute als stammte ich wie du aus der Eiszeit. Da sitze ich hier und spiele seit 30 Jahren den stillen Schopenhauer mit Pudel. Die mainischen Konterfundis treten Quark zu Kapital und stinken nach Gammelfleisch. Als wir bauten, stand ringsum Wald. Inzwischen reiht sich Haus an Haus, der dichtbesiedelte Millionenhügel reicht um die sechs- bis siebenhundert Meter in die Höhe, eine architektonische zweite Natur zu Füßen der mit Felsbrocken um sich werfenden Jungfrau Brunhilde – Brunsthilde. Der Zweimetermann, den wir weißer Riese nannten, und der ein Konsum-Imperium regierte, dieser Nachbar erschoß sein Weib und dann sich selbst, seither strömen die verrücktesten Geldsäcke hierher und klotzen Bungalow neben Bungalow. Unser bescheidener Bach murmelt immer leiser Protest, wer willl schon das tüchtige Kapital abschrecken – seht her, Leute, dort drüben verlief der römische Limes, hier herüben sonnten Kelten sich und Germanen, die Quelle weiter unten diente Joschka Fischer samt Putzgruppe als Sammelpunkt, das in Grundmauern restaurierte Römerkastell hätte Joachim Fest und Kameraden bei imperialen Übungen beobachten können, wäre es schon kamerabewehrt wie der Frankfurter Römer, ach ja, ich blicke von der Terrasse unseres Hauses ins Tal samt anschließenden kulturellen Niederungen hinab wie dereinst im sächsischen Geburtsort Gablenz vom Kirchberg aufs Dorf und die glitzernden Teiche. Die Pappeln meiner Kindheit rascheln und flirren als wären nicht über achtzig Jahre vergangen. Hundert Meter südwestlich ragt ein einsamer Baukran in den Morgenhimmel und unser einst fabulöser Wohnplatz im Taunustal am Feldberg wuchert ins Quadrat. Knapp hundertzwanzig Meter südöstlich liegt eine abgeschossene Me 109 begraben. Wo sie anno 1944 in den Boden pfeilte, öffnet sich der irdische Schlund und unser toter Pilot schlüpft raus, schüttelt sich und erklettert die Terrasse. Ich stelle ihn ungerührt der Frau Pleiße vor, der er galant die Hand küsst.

Alles fließt, sage ich.

Ich verteidigte das Reich wie einst die Römer ihr Imperium, erläutert er.

Ich bin die Pleiße, sagt die Pleiße.

Ich auch, sage ich.

Kennst du den Leipziger Schriftgelehrten Erich Loest? fragt sie, etwas zaghaft, wie es scheint. Und ich: Der hat eine gute Vergangenheit aufzuweisen. Als er uns im Westen besuchen durfte, schlief er im Gästebett, in dem auch Rudi Dutschke übernachtete, wohnte er bei uns. War Rudi da, spielten die Westgeheimen verrückt. Bei Loests Besuchen waren Ostgeheime fleißig. Aber das ist lange her und vorbei.

Die Pleiße schüttelt sich. Von wegen lange her. Loest ist ein architektonischer Marx-Töter geworden, dich nennt er Verräter. Die Pleiße errötet, so peinlich ist ihr die Botschaft. Ich suche ihr zu helfen. Das kann nicht der Erich Loest sein, den ich kenne. Den ich kannte, korrigiere ich mich. Mit seinem Hass auf Marx würde er seine gute Vergangenheit zurücknehmen. Da bliebe nur der frühere Werwolf, der verführte Fähnleinführer aus Mittweida übrig, dort in seiner Heimatstadt wächst brauner Ungeist nach, um den könnte Loest sich kümmern, falls ihm sein Kampf gegen Marx noch etwas Zeit dazu lässt.


Die Pleiße legt mir beruhigend eine Hand auf die Schulter. Ich erschrecke. Die Hand fühlt sich brennend heiß an. Ich begreife, die Dame ist ausgekocht. Gleich sehe ich mich mitten in Leipzig am Pleißenufer stehen, im Rücken das wuchtige Dimitroff-Museum, über Fluss und Straße drüben der Gebäudekomplex, wo zu unseren hurtigen DDR-Zeiten Historiker und Theologen koexistierten und der unvergessliche Philosoph Ernst Bloch so scharf dachte, dass er von Walter Ulbricht der Konterrevolution bezichtigt wurde. Heute wird hier Vergangenheit unterschlagen.

Walterchen! rufe ich, wir Deserteure müssen zusammenhalten. Und er in seinem typischen, gefistelten Sächsisch: Gerhard – siehst du den Genossen van der Lubbe? Meine Güte, denke ich, was wird denn noch alles eingespielt. Wieder schleppen Uniformierte den zum Tode Verurteilten aus dem Reichsgericht, zerren ihn über Pleiße und Straße und durch eine geöffnete Tür. Gleich wird ihm der Kopf abgeschlagen. Ein dumpfer Fall. Die Pleiße ruft: Kopf hoch, Sachse! Oder ruft sie: Kopf hoch, Sachsen? Ich rufe ihr zu: Du bist der ewige Herzfluss! Du hältst alles in Betrieb! Wo ich auch lebte, ich verspürte deinen Pulsschlag! Und sie: Ich wurde umgeleitet, trockengelegt, vergiftet, verachtet, durch Wassermühlen gedreht, in Fabriksäle und Färbereien geschleust, fürs Ersäufen benutzt, von Furten gequert und Brücken überzogen, an mir verzweifelte Napoleon, in mir badeten Goethe, Nietzsche und Walter Ulbricht, an meinen Ufern stahl und betrog Karl May, hier redeten August Bebel und Rosa Luxemburg zu den Proletariern, als es sie noch gab …

Ich höre unseren Herzfluss all dies rekapitulieren, gebe dem Traum einen sanften Tritt, sitze im Haus am Feldberg an meinem Schreibtisch und lese der Pleiße, meiner geschätzten Besucherin aus der alten Heimat den Schluss ihrer Biographie vor: Als die Weimarer Republik endete, stand der Reichstag in Flammen. War van der Lubbe der Täter? 4.000 Genossen wurden verhaftet. Das Volk nahm es hin. Wer die Revolte schuldig bleibt, endet in Krieg und Niederlage. Die Frau Pleiße haut ab in ihr viele Jahrtausende altes Bett und spendet ein Hochwasser voll vitalisierender, radonschwangerer Heilkraft. Uns ist als wäre ganz Sachsen ein riesiges Radiumbad Oberschlema, wo der Heilige Petrus seine zweitausend Jahre endlich zur zweiten Jugend auskuriert.

Hier sei seine Dramaturgie, der gefolgt wurde, auf gebotene Kürze gebracht: Als rote Spur durchziehen Friedrich Nietzsche, Karl May, Richard Wagner diese Seiten, mit Leben und Werk Sachsens Genius beweisend – Fakten plus Phantasie ergeben den sächsischen Weg: Aus- und Aufstieg durch Intensität, die Kunst des Staunens und die Lust am Überraschenden. Der Rest ist Ameisendasein. Wer das nicht mag, wählt seine ganz eigene Höllenfahrt ins Himmelreich zwischen Pleiße und Elbe. Salut Saxonia!

Am Montag, den 25. Februar 2008, erscheint das nächste Kapitel.

Gerhard Zwerenz   18.02.2008   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   Seite empfehlen  empfehlen

Gerhard Zwerenz
Serie
  1. Wie kommt die Pleiße nach Leipzig?
  2. Wird Sachsen bald chinesisch?
  3. Blick zurück und nach vorn
  4. Die große Sachsen-Koalition
  5. Von Milbradt zu Ernst Jünger
  6. Ein Rat von Wolfgang Neuss und aus Amerika
  7. Reise nach dem verlorenen Ich
  8. Mit Rasputin auf das Fest der Sinne
  9. Van der Lubbe und die Folgen
  10. Unser Schulfreund Karl May
  11. Hannah Arendt und die Obersturmbannführer
  12. Die Westflucht ostwärts
  13. Der Sänger, der nicht mehr singt
  14. Ich kenne nur
    Karl May und Hegel
  15. Mein Leben als Prophet
  16. Frühe Liebe mit Trauerflor
  17. Der Schatten Leo Bauers
  18. Von Unselds Gegner zu Holtzbrincks Bodyguard
  19. Karl May Petrus Enzensberger Walter Janka
  20. Aus dem Notizbuch eines Ungläubigen
  21. Tanz in die zweifache Existenz
  22. General Hammersteins Schweigen
  23. Die Pleiße war mein Mississippi
  24. Im Osten verzwergt und verhunzt?
  25. Uwe Johnson geheimdienstlich
  26. Was fürchtete Uwe Johnson
  27. Frühling Zoo Buchmesse
  28. Die goldenen Leipziger Jahre
  29. Das Poeten-Projekt
  30. Der Sachsenschlag und die Folgen
  31. Blick zurück auf Wohlgesinnte
  32. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (I)
  33. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (II)
  34. Brief mit Vorspann an Erich Loest
  35. Briefwechsel mit der Welt der Literatur
  36. Die offene Wunde der Welt der Literatur
  37. Leipzig – wir kommen
  38. Terror im Systemvergleich
  39. Rachegesang und Kafkas Prophetismus
  40. Die Nostalgie der 70er Jahre
  41. Pauliner Kirche und letzte Helden
  42. Das Kickers-Abenteuer
  43. Unser Feind, die Druckwelle
  44. Samisdat in postkulturellen Zeiten
  45. So trat ich meinen Liebesdienst an …
  46. Mein Ausstieg in den Himmel
  47. Schraubenzieher im Feuchtgebiet
  48. Der Fall Filip Müller
  49. Contra und pro Genossen
  50. Wie ich dem Politbüro die Todesstrafe verdarb
  51. Frankfurter Polzei-buchmesse 1968
  52. Die Kunst, weder Kain noch Abel zu sein
  53. Als Atheist in Fulda
  54. Parade der Wiedergänger
  55. Poetik – Ästhetik und des Kaisers Nacktarsch
  56. Zwischen Arthur Koestler und den Beatles
  57. Fragen an einen Totalitarismusforscher
  58. Meine fünf Lektionen
  59. Playmobilmachung von Harald Schmidt
  60. Freundliche Auskunft an Hauptpastor Goetze
  61. Denkfabrik am Pleißenstrand
  62. Rendezvous beim Kriegsjuristen
  63. Marx, Murx, Selbstmord (der Identität)
  64. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (I. Teil)
  65. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (II. Teil)
  66. Der Bunker ...
  67. Helmut auf allen Kanälen
  68. Leipzig anno 1956 und Berlin 2008
  69. Mit Konterrevolutionären und Trotzkisten auf dem Dritten Weg
  70. Die Sächsischen Freiheiten
  71. Zwischen Genossen und Werwölfen
  72. Zur Geschichte meiner Gedichte
  73. Poetenladen: 1 Gedicht aus 16 Gedichten
  74. Der Dritte Weg als Ausweg
  75. Unendliche Wende
  76. Drei Liebesgrüße für Marcel
  77. Wir lagen vor Monte Cassino
  78. Die zweifache Lust
  79. Hacks Haffner Ulbricht Tillich
  80. Mein Leben als Doppelagent
  81. Der Stolz, ein Ostdeutscher zu sein
  82. Vom Langen Marsch zum 3. Weg
  83. Die Differenz zwischen links und rechts
  84. Wo liegt Bad Gablenz?
  85. Quartier zwischen Helmut Schmidt und Walter Ulbricht
  86. Der 3. Weg eines Auslandssachsen
  87. Kriegsverrat, Friedensverrat und Friedenslethargie
  88. Am Anfang war das Gedicht
  89. Vom Buch ins Netz und zur Hölle?
  90. Epilog zum Welt-Ende oder DDR plus
  91. Im Hotel Folterhochschule
  92. Brief an Ernst Bloch im Himmel
  93. Kurze Erinnerung ans Bonner Glashaus
  94. Fritz Behrens und die trotzkistische Alternative
  95. 94/95 Doppelserie
  96. FAUST 3 – Franz Kafka vor Auerbachs Keller
  97. Rainer Werner Fassbinder ...
  98. Zähne zusammen­beißen ...
  99. Das Unvergessene im Blick
    1. Nachwort
Nachworte
  1. Nachwort
    siehe Folge 99
  2. Auf den Spuren des
    Günter Wallraff
  3. Online-Abenteuer mit Buch und Netz
  4. Rückschau und Vorschau aufs linke Leipzig
  5. Die Leipziger Denkschule
  6. Idylle mit Wutanfall
  7. Die digitalisierte Freiheit der Elite
  8. Der Krieg als Badekur?
  9. Wolfgang Neuss über Kurt Tucholsky
  10. Alter Sack antwortet jungem Sack
  11. Vor uns diverse Endkämpfe
  12. Verteidigung eines Gedichts gegen die Gladiatoren
  13. Parademarsch der Lemminge und Blochs Abwicklung
  14. Kampf der Deserteure
  15. Fritz Bauers unerwartete Rückkehr
  16. Der Trotz- und Hoffnungs-Pazifismus
  17. Als Fassbinder in die Oper gehen wollte
  18. Was zum Teufel sind Blochianer?
  19. Affentanz um die 11. Feuerbach-These
  20. Geschichten vom Geist als Stimmvieh
  21. Von Frankfurt übern Taunus ins Erzgebirge
  22. Trotz – Trotzalledem – Trotzki
  23. Der 3. Weg ist kein Mittelweg
  24. Matroschka –
    Die Mama in der Mama
  25. Goethe bei Anna Amalia und Herr Matussek im Krieg
  26. Der Aufgang des Abendlandes aus Auerbachs Keller
  27. Jan Robert Bloch –
    der Sohn, der aus der Kälte kam
  28. Das Buch, der Tod und der Widerspruch
  29. Pastor Gauck oder die Revanche für Stalingrad
  30. Bloch und Nietzsche werden gegauckt ...
  31. Hölle angebohrt. Teufel raus?
  32. Zwischen Heym + Gauck
  33. Von Marx über Bloch zu Prof. Dr. Holz
  34. Kafkas Welttheater in Auerbachs Keller
  35. Die Philosophenschlacht von Leipzig
  36. Dekonstruktion oder Das Ende der Ver­spä­tung ist das Ende
  37. Goethes Stuhl – ein Roman aus Saxanien
  38. Meine Weltbühne im poetenladen
  39. Von Blochs Trotz zu Sartres Ekel
  40. Die Internationale der Postmarxisten
  41. Dies hier war Deutschland
  42. Kopfsprünge von Land zu Land und Stadt zu Stadt
  43. Einiges Land oder wem die Rache gehört
  44. Schach statt Mühle oder Ernst Jünger spielen
  45. Macht ist ein Kriegszustand
  46. Dekonstruktion als Kriminalgeschichte I
  47. Damals, als ich als Boccaccio ging …
  48. Ein Traum von Aufklärung und Masturbation
  49. Auf der Suche nach der verschwundenen Republik
  50. Leipzig am Meer 2013
  51. Scheintote, Untote und Überlebende
  52. Die DDR musste nicht untergehen (1)
  53. Die DDR musste nicht untergehen (2)
  54. Ein Orden fürs Morden
  55. Welche Revolution darfs denn sein?
  56. Deutschland zwischen Apartheid und Nostalgie
  57. Nietzsche dekonstruierte Gott, Bloch den Genossen Stalin
  58. Ernst Jünger, der Feind und das Gelächter
  59. Von Renegaten, Trotzkisten und anderen Klassikern
  60. Die heimatlose Linke (I)
    Bloch-Oper für zwei u. mehr Stimmen
  61. Die heimatlose Linke (II)
    Ein Zwischenruf
  62. Die heimatlose Linke (III)
    Wer ist Opfer, wer Täter ...
  63. Die heimatlose Linke (IV)
    In der permanenten Revolte
  64. Wir gründen den Club der
    heimatlosen Linken
  65. Pekings große gegen Berlins kleine Mauer
  66. Links im Land der SS-Ober­sturm­bann­führer
  67. Zweifel an Horns Ende – SOKO Leipzig übernimmt?
  68. Leipzig. Kopfbahnhof
  69. Ordentlicher Dialog im Chaos
  70. Büchner und Nietzsche und wir
  71. Mit Brecht in Karthago ...
  72. Endspiel mit Luther & Biermann & Margot
  73. Die Suche nach dem anderen Marx
  74. Wer ermordete Luxemburg und Liebknecht und wer Trotzki?
  75. Vom Krieg unserer (eurer) Väter
  76. Wohin mit den späten Wellen der Nazi-Wahrheit?
  77. Der Feind ist in den Sachsengau eingedrungen
  78. Die Heldensöhne der Urkatastrophe
  79. Die Autobiographie zwischen
    Schein und Sein
  80. Auf der Suche nach der verlorenen Sprache
  81. Atlantis sendet online
  82. Zur Philosophie des Krieges
  83. Deutsche, wollt ihr ewig sterben?
  84. Der Prominentenstadl in der Krise
  85. Der Blick von unten nach oben
  86. Auf der Suche nach einer moralischen Existenz
  87. Vom Krieg gegen die Pazifisten
  88. Keine Lust aufs Rentnerdasein
  89. Von der Beschneidung bis zur
    begeh­baren Prostata
  90. Friede den Landesverrätern
    Augstein und Harich
  91. Klarstellung 1 – Der Konflikt um
    Marx und Bloch
  92. Bloch & die 56er-Opposition zwischen Philo­sophie und Verbrechen
  93. Der Kampf ums Buch
  94. Und trotzdem: Ex oriente lux
  95. Der Soldat: Held – Mörder – Heiliger – Deserteur?
  96. Der liebe Tod – Was können wir wissen?
  97. Lacht euren Herren ins Gesicht ...
  98. Die Blochianer kommen in Tanzschritten
  99. Von den Geheimlehren der Blochianer
Aufsatz