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Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | 18. Nachwort

Dies ist eine sächsische Autobiographie als Fragment in 99 Fragmenten. Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philosophen nennen das coincidentia oppositorum, d.h. Einheit der Widersprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

  18. Nachwort

Was zum Teufel sind Blochianer?

 



Unheilige Dreieinigkeit

Karl May
Gerhard Zwerenz
Ernst Bloch

In meiner frühen Leipziger Zeit begegnete ich dem geköpften van der Lubbe öfter am Pleißen­graben. Hartwig Runge erlebte Ähnliches am Dimitroff­platz, der inzwischen schamhaft umbe­nannt worden ist, ohne dass wir unsere verlink­ten Abenteuer löschen müssen. Unter dem Bild-Montage-Namen ingografrunge schuf der rastlose Hartwig inzwischen eine Anzahl Kunst­köpfe, gut zu plazieren in der Gesellschaft des Chemnitzer Marx-Monuments und so folgten auf Ballack und Richard Wagner Ernst Bloch und Karl May, die meinen Nischel rechts und links flankieren, auf dass wir die unheiligen drei roten Könige aus dem Sachsen­land spielen. Unser Montage­künstler merkt dazu an: „Ein geiles Panoptikum, ein Triumvirat provo­kanter Drei­einig­keit, eine in deren individuell so unter­schied­lich in gesell­schaft­liche Geschichte und Gescheh­nisse hinein- und heraus­blickende Drei­männer­freundschaft, die durch Leid und Freud, durch erlebte Niederlagen und erdachte Siege hindurch das Maß sucht, Mit­menschlich­keit, also humanis­tische Demo­kratie mit auf den Weg zu bringen – für alle Indianer auf der Welt und nicht nur im antiken Rom … Herzlich Hartwig am 23.02.2010.“
Am Beginn der Folge 4 dieser Serie ist zu lesen: Mein Lieblings-Pseu­donym ist Gert Gablenz, genannt nach meinem Geburts­ort, der inzwischen in die Stadt Crimmitschau an der Pleiße eingemeindet worden ist. Gert Gablenz also berichtet: Am 5. Juni 2005 feierten wir im Leipziger Mendels­sohn-Haus den 120. Bloch-Geburts­tag. Antike Feind­selig­keiten ballten sich dort zu Theater­donner und fuhren als Blitze zur Hölle, die für Momente ausge­leuchtet wurde wie ein Bühnenbild von Bertolt Brecht. Die Szene geriet in Bewegung. Napoleon floh im fliegenden Ritt zu Pferde, von Kosaken und Preußen verfolgt, die Sachsen wechselten listig von den Besiegten zu den Siegern. Richard Wagner keuchte die Treppen im Hause Gold­schmidt­straße 12 zur Mendels­sohn-Wohnung empor, ein lustiges anti­semiti­sches Liedlein auf den Lippen, dass es fast klang, als wolle er auf einer Bachschen Fuge trium­phierend in Adolfs Walhalla Einzug halten. In meiner Eigen­schaft als Gert Gablenz sprang ich zur Eingangstür, rief Wagner ein don­nerndes sächsi­sches „Guten Tag, Sie exrevo­lutionäres Arschloch!“ entgegen, wies mit dem steilen Daumen nach oben und erläuterte: Dort hockt Zwerenz in seiner Studentenbude und schickt sich an, einen bolsche­wistischen Filosofen ins Leben zurückzurufen. Der eitle Richard, noch zittrig von den Mühen der Ebene samt anschließendem Treppen­steigen, hielt auf­geschreckt inne. In die Ecke, Besen, Besen! rief ich, von der Logik des Ortes befeuert und schon erschien Goethe, verkleidet als Leipziger Studiosus in der Tür, die ihm der Thomas­kantor Bach generös aufhielt. Mendels­sohn Bartholdy lächelte dem großen Johann Sebastian herzlich zu. Goethe blickte leicht beleidigt zur Seite. Der Nachmittag verlief so ange­nehm irr­witzig, wie ein Sancho Pansa es sich nur wünschen kann ...
Erinnern wir uns an das Gespräch mit Franz Kafka vor der Tür zu Auerbachs Keller. Höchste Zeit für FAUST 3. Teil? Schon die zahlreichen Szenen­bilder im Restaurant-Inneren zeigen, alle Wände haben Türen, es kann nicht beim Sauf- und Fresskeller bleiben. Leipzig steckt voller Tücken aus feinstem Märchen­stoff. Die von Gert Gablenz geschilderte Feier 2005 fand so und nicht anders wirklich statt und steigert sich heuer – am 8. Juli 2010 liegt Blochs Geburtstag exakt 125 Jahre zurück. Am 4. August wird er seit 33 Jahren tot sein, aber nicht der tote Hund, zu dem ihn seine Feinde samt assozi­ierten Lange­weilern verunstalten, und da ich am kommenden 3. Juni tatsächlich auf 85 Lebensjahre zurück­zublicken mich ermuntere, sei die Gelegenheit zur allfälligen Auf­erstehung des für tot Erklärten genutzt.

Bloch als Souffleur aus dem Philosophen­himmel
3 Köpfe-Montage von Hartwig Runge

Am Anfang dieses 18. Nachwortes ist das Kopf-Trio Bloch-May-Zwerenz zu sehen. Zwei geborene Sachsen und ein Fanal aus Ludwigs­hafen. Jetzt nehmen wir das zweite Trio dazu: Zweimal Zwerenz und mitten­mang der soufflie­rende Bloch. Ingrid aus Liegnitz, Gerhard vom Oberlauf der Pleiße und Ernst als über­lebens­langer Exilant. Alle aber trafen sich auf dem Leipziger Dimi­troff­platz, wo die Pleiße, unser sächsi­scher Arbeiter­klassen-Mis­sisippi, zeit­los da­hin­murmelt.
Und noch ne freundliche kleine Rückblende auf die Folge 4: Als der Staat DDR, den ich liebte und kriti­sierte, um ihn zum besseren zu verändern, anno 1990 verschwand, blieb ich unerstaunt, ich hatte es voraus­gesagt. Für Ingrid, die aus Liegnitz / Nieder­schlesien stammte und im Branden­burgischen landete, war Leipzig später zur Wahlheimat geworden. Für mich, den mit Pleiße­wasser Getauften, verkörperte Leipzig die maßgebliche Stadt in der Nähe, in der ich mein Leben verbringen wollte. Das scheiterte auf der ganzen Linie. Erst heute weiß ich, wir haben noch einen Koffer in Leipzig und der ist auszupacken.
Als wir nun am 5. Juni 2005 meinen 80. und den kurz bevor­stehenden 120. Geburts­tag von Ernst Bloch zu einem Treffen im Mendels­sohn-Haus der Pleiße-Stadt nutzten und dort in der Gold­schmidt­straße auf die zahl­reichen Besucher blickten, die zusammen­gedrängt und erwar­tungs­voll vor uns saßen, wurde mir so nostal­gisch wie romantisch zumute. Viele waren nach dem Krieg gleich uns hoff­nungs­froh aufge­brochen, ein neues deutsches Land zu begründen. Gealtert, ent­täuscht sahen wir uns damit rigoros geschei­tert, bald würde auch noch die letzte Erin­nerung an diese Zeit vergehen. Wenn wir es zulassen.
Die Geschichte der sächsischen Arbeiter­bewegung weist 7 Brüche auf: 1914 der Burg­frieden genannte Kriegs­kurs, 1918 Ebert-Noske, 1923 Eberts Sach­sen­schlag, 1933 Hitlers Sieg, 1945 Hitlers Nieder­lage und Stalins Sieg, 1957 Refor­mations-Versuch und Restalini­sie­rung, 1989 friedliche Revolution mit Übergang zu neuen Krisen und Kriegen. Was von diesen sieben Übeln meinem Roman­entwurf, nicht aber den geschicht­lichen Tatsachen entspricht, werden phanta­sie­blinde Historiker gewiss herausfinden und beamten­getreu leugnen. Einer der Herren ist Helmut Schmidt, unser Doppel­be­schluss­held, der sich, als Oberleut­nant von Stalin­orgeln aus Russland vertrieben, am alten Breschnew rächte und so doch noch in Moskau siegte. In diesen Wochen geistert das sozial­demo­kratische Urgestein wieder durch aller­lei Talkshows, weil ihn weder Tod auf dem Schlachtfeld noch Herzinfarkt fällten, und so darf er sich weiter so dumm stellen wie eh und je: Von Kon­zen­trations­lagern und Juden­ver­nich­tung erfuhr er erst nach Kriegs­ende durch ameri­kanische Ver­nehmungs­offi­ziere. In den Mitter­nachts­spitzen des WDR ist der Ex-Bundes­kanzler als Smoky in der Rolle seines Lebens zu sehen, assistiert von Ehefrau Loki. Auch Richard von Weizsäcker zählt zu den unschul­digen Kameraden, die 1939 in Polen einfielen. Er marschierte durch bis vor Leningrad. Natürlich war diese Elite innerlich immer gegen Hitler, für den sie gehorsam Krieg führte. Offenbar stützte sich die Wehrmacht vorwiegend auf eine Offi­ziers­kaste von Blinden und Ertaubten. Da können die bösen Anti­faschisten sich nur schuldig fühlen, weil sie Wider­stand leisteten. (zu Weizsäcker siehe auch Nachwort 13, zu Schmidt u.a. Folge 85)
Nach dem kurzen Abstecher zu den tapfren Kriegskameraden setzen wir die Vertei­digung Sachsens mit der Feier des 120. Geburts­tages von Ernst Bloch in Leipzig fort.


So die Einladung. Aus der Fülle der durch den Verlag Schwartz­kopff gesam­melten Presse­stimmen hier ein Bericht aus opp! Zeitung des PDS Landes­vorstandes Sachsen vom 7.8.2005:


Am 8. Juli 2010 wird Blochs Geburtstag 125 Jahre zurückliegen, am 4. August sind 33 Jahre seit seinem Tod 1977 in Tübingen vergangen. Wie wir hören, sollen Erinnerungstreffen stattfinden. Wir steuern hier den Entwurf bei, mit dem wir vor 5 Jahren das Leipziger Treffen vorbereiteten:
Die Pleiße, die Stadt und der Philosoph
(Alternativer Titel: Bloch statt braun Leipzig statt Orwell)

Reden über Blochs 120. Geburtstag
Reden über Revolution und Konterrevolution
Reden über die unvollendete Reformation
Reden über die Spuren einer subversiven Philosophie
Reden über Sklavensprache und Revolte
Das Buch Sklavensprache und Revolte besteht aus einem Teil unserer Autobiographie und einem Teil Bloch-Biographie. Es hält sich an Blochs Titel Spuren. Wir gehen diesen Spuren nach, soweit sie über 50 Jahre hinweg Ein­drücke hinterließen. Wir sehen in Bloch den geistigen Vater der intel­lek­tuel­len DDR-Oppo­sition von 1956, weil er in dieser Zeit philo­sophisch die Möglich­keit des Sozia­lismus postulierte. Zugleich fragte Fritz Behrens, wie eine so­zialis­tische Ökonomie aussehen könnte und Wolfgang Harich probierte zusammen mit einer Berliner Gruppe die oppo­sitionelle Praxis. Von Belang sind daneben eine Anzahl weiterer Oppo­sitions­versuche: Robert Havenmanns Theorie-Abwei­chungen, Jürgen Kuczynskis Differen­zie­rungen, Rudolf Bahros Entwurf einer Alternative. Da alle erfolglos blieben, erhebt sich mit dem allgemeinen Scheitern von 1989/90 die Frage, was von der Revo­lution bleibt, will man nicht resig­nieren und davon ausgehen, dass dem Global­kapital kein Wider­stand mehr erwächst und dessen Diktatur künftig so uni­versell wie unendlich sein wird.
Wir schätzen die sozialis­tischen Korrek­turversuche von Have­mann, Kuczyns­ki, Bahro und Harich als zeitlich bedingte und mit der DDR vergangene Aktivitäten ein. Behrens Frage nach einer möglichen sozialis­tischen Ökonomie ist mit dem Ende der Sowjetunion negativ entschieden worden, erfährt jedoch im dualen chine­sischen Experiment neue Dringlichkeit. Ebenso dringlich zu klären bleibt Blochs Versuch, den revo­lu­tionären Marxismus durch Univer­salität zu refor­mieren und zu plurali­sieren. Nichts geringeres war gemeint, als der Philosoph 1956 forderte „endlich Schach statt Mühle zu spielen.“ Sein zeitbedingter Irrtum bestand in der Hyposta­sierung der Leninschen Revo­lutions­lehre. Seine Parteinahme war progressiv­anti­faschis­tisch, exkul­pierte aber die spätere sowjetische Führung und wertete Opposi­tionelle wie Trotzki gegenüber dem Macht­inhaber Stalin unan­gemes­sen ab.
Von 1949 an erzwang die Partei- und Staats­diszi­plin ein Doppel-Leben und -Denken mit Sklaven­sprache. Bloch musste die Spreng­kraft seiner Philo­sophie tarnen, wo nicht gar partiell verleug­nen. Erst die nachholende Analyse erweist ihn als revolu­tionären Refor­mations-Import. Nicht politisch, jedoch philo­sophisch wurde Bloch zum Trotzki der Theorie – das russisch Natio­nalis­tische und das dog­matisch Abhän­gige des DRR-Regio­nalis­mus ließen nur wenig Klartext zu, der dem Polit­büro aber ausreichte, den Oppo­sitions­denker 1957 zu evaluieren und per Priva­tisierung sowie Isolation zu ent­schärfen. Als Tübinger Studenten 1977 nach dem Tode Blochs der dortigen Uni­versität seinen Namen geben wollten, verwahrte sich die Professo­renschaft dagegen und defi­nierte die Initiatoren herab­set­zend als „Blochs Brut“. So wurde der Wirkung seiner Philo­sophie in zwei Staaten unter­schied­lich und doch unisono entgegnet, um sie zu behindern wo nicht zu ver­hindern.
Die neuen Fragen lauten:

1. Was wollte Bloch in Leipzig erreichen?
2. Was erreichte er wirklich?
3. Welchen Stellenwert haben die Leipziger Jahre in Blochs Leben und Werk?
4. Wie ist Blochs Wirkung auf die Oppositions­bewegung von 1956 ein­zu­schätzen?
5. Was bleibt von Bloch nach dem Ende des Staats­sozialismus und angesichts einer drohenden weltweiten Industrie- und Finanz­diktatur mit reli­giösem Funda­mentalis­mus?
Die Erkenntnisse des 5. Walter-Markov-Kolloquiums von 1997 über Emst Blochs Leipziger Jahre werden vorausgesetzt und sollten fortgeschrieben werden.
Als das Programm soweit gediehen war, fragten wir uns selbst nach der Identität der Program­mierer und entwarfen, auch zum Spaß, einen kleinen feinen Zettel, gut an die Wand zu pinnen. Die Idee der ent­ideolo­gisierten Uni­versalität hatte es uns besonders angetan. Bei Brecht heißt es: „Sie sind an etwas interessiert, das außer ihnen liegt.“ (Lied über die guten Leute) Wir sind auch an dem interessiert, das in uns liegt, damit es sich äußert.


Seit dem Sieg von West über Ost werden die Besiegten unentwegt zur Selbst­erforschung aufgefordert. Kehren wir das mal um. Ost fragt West: Wie hältst du's mit deiner Vergangenheit? Deinen Wehr­machtsvätern, SS-Onkeln, Gehlen- und CIA-Kameraden? Schmidt Helmut wusste nichts von Dachau-Buchen­wald und Auschwitz? Die Ossis sind für Bautzen und Hohen­schön­hausen verantwortlich? Der spätere Global­diplomat Genscher versuchte als Jungsoldat der Armee Wenk den Führer aus dem Berliner Bunker zu retten – Schwamm drüber. Der Chemnitzer Eiskunst­läufer und -Trainer Ingo Steuer ließ sich im gleichen jugendlichen Alter als IM anwerben – steht darauf lebens­lang? Heidegger zahlte seinen Hitler­partei­beitrag brav bis zum Unter­gang des Dritten Reiches, Bloch aber ist ein Stalinist. Ulbricht musste die Oder-Neiße aner­kennen und sich dafür von Adenauers Heer­scharen be­schimp­fen lassen. Erika Steinbach erkannte die Grenze noch 1990 nicht an, die Vor­rechte der unbe­lehr­bar selbst­gewissen Ver­treibungs-Rächerin gelten bis zur Erpres­sung von Regierungen. Wir sind im Krieg vom Hindukusch bis zur Elbe samt Oder-Neiße, unsere Pleiße nicht zu vergessen, wo Dimitroff ille­gali­siert wird und Van der Lubbe mit dem Kopf unterm Arm ums Reichs­gericht herumirrt, bis ihn ein Bundes­verdienst­kreuz erlösen könnte, das bisher mit allem Pomp Erich Loest und Wolf Biermann ange­heftet wurde, nachdem sie ihre bessere Ver­gangen­heit in die Tonne traten, Marx mit Dreck bewarfen und der Welt­revolution ab­schworen.
Im Anschluss an die Veranstaltung im Mendelssohn-Haus gab es ein gut­besuch­tes Treffen bei der sächsi­schen Rosa-Luxemburg-Stiftung in der Harkort­straße, wohin die PDS Leipzig eingeladen hatte, was mich freute, schließ­lich war ich ein MdB ihrer Partei, wenn auch kein Mitglied, als Trotzkist und Blochianer jedoch, das walte Mielke, jahr­zehnte­lang gebannt und verbannt. Ein unbe­schwerter 80. Geburts­tag unter Studien­kollegen und Genos­sen war das, der sich zum 85. nicht wieder­holen kann, denn: Schau heimwärts Engel, aber auch: Es führt kein Weg zurück. So zwei Romantitel von Thomas Wolfe.
Im Spiegel-Essay „Humanismus ist ein Aber­glaube“ des briti­schen Philo­sophen John Gray heißt es, er drehe „die berühmte elfte These von Marx zu Feuerbach um: Es geht nicht darum, die Welt zu verändern, sondern darum, sie richtig zu sehen.“ (Nr. 9 vom 1.3.2010) Dazu zitierten wir erst neulich im 17. Nachwort Lichtenberg: „Das Buch ist ein Spiegel. Wenn ein Affe hinein­schaut, kann kein Apostel heraus­blicken.“ Wahr­schein­lich ist Lichtenberg Spiegel-Leser irgendwo hoch da droben. Als vormals Linker sollte der bri­tische Philosoph wissen, was es mit der 11. Feuer­bach-These von Marx auf sich hat. In Köpfen, denen Hitler schon vier Tage nach Macht­antritt den Marxismus zur Ver­nich­tung freigab, ist im 21. Jahr­hundert nichts anderes angesagt. Schlimmer noch, dieser Marx wurde auch im Reich des pro­klamier­ten Marxis­mus verleug­net und zensiert. Ernst Bloch brachte 1949 die Manuskripte des Prinzip Hoffnung aus dem US-Exil mit. Das Kapitel über die 11. Feuer­bach-These wurde erst an der Pleiße eingefügt, dem traditionellen Industrie­fluss der Arbeiter­bewe­gung. Es ist eine Welt­formel, aber in Skla­ven­sprache inter­pre­tiert. Und als es 1956 in Moskau zur Abrech­nung kam, durfte ein Jahr später „Stalin, der verdiente Mörder des Volkes“ (Brecht) von Leipzig aus ein letztes Mal siegen – an der Karl-Marx-Uni­ver­sität war eine Refor­mation versucht worden.
Unterdessen dringt aus Dresden frohe Kunde zu uns. Stanislaw Tillich gründete mit seiner CDU eine Denk­fabrik Sachsen. Ich melde auf der Stelle mein Copy­right an, schlug ich das doch bereits in Folge 61 vor, wenn auch nicht unter schwarzem Vor­zeichen. Der anpas­sungs­willige sächsi­sche Minister­präsident folgt dem Düs­sel­dorfer Arbeiter­führer Rüttgers im Spon­soring-Angebot zeit­weiser per­sonaler Vermietung, wie es bisher nur in Stunden­hotels üblich gewesen ist. Die Käuf­lich­keit dringt vom Rhein bis an die Elbe vor. Früher kam das Licht aus dem Osten, kommt heute das Gelichter aus dem Westen?

Ernst Bloch: Das letzte Exil

In Chemnitz erinnert der Marx-Kopf an eine andere Bot­schaft. An der Leipziger Karl-Marx-Univer­sität erinnerte Ernst Bloch daran, bis er weggehen musste ins letzte Exil. Die 11. Feuer­bach-These bleibt als exis­tentiel­le Wahr­heit gültig. Wir werden darauf zurück­kom­men müs­sen. Im Spiegel-Essay vom 1.3.2010 drück­te sich der Autor um die Konse­quen­zen herum. Er wurde auch nicht heraus­gefor­dert.

Und noch drei schöne Brechtzeilen aus Die Liebenden:

„Sieh jene Kraniche in großem Bogen!
Die Wolken, welche ihnen beigegeben
Zogen mit ihnen schon, als sie entflogen
Aus einem Leben in ein andres Leben.“

Ein weiteres Nachwort ist für Montag, den 15.03.2010, geplant.

Fotos zur Lesung mit Gerhard Zwerenz aus der Sächsischen Autobiographie am 19.11.2009 im Haus des Buches, Leipzig   externer Link

Lesungs-Bericht bei Schattenblick  externer Link

Interview mit Ingrid und Gerhard Zwerenz bei Schattenblick  externer Link

Gerhard Zwerenz   08.03.2010    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
Gerhard Zwerenz
Serie
  1. Wie kommt die Pleiße nach Leipzig?
  2. Wird Sachsen bald chinesisch?
  3. Blick zurück und nach vorn
  4. Die große Sachsen-Koalition
  5. Von Milbradt zu Ernst Jünger
  6. Ein Rat von Wolfgang Neuss und aus Amerika
  7. Reise nach dem verlorenen Ich
  8. Mit Rasputin auf das Fest der Sinne
  9. Van der Lubbe und die Folgen
  10. Unser Schulfreund Karl May
  11. Hannah Arendt und die Obersturmbannführer
  12. Die Westflucht ostwärts
  13. Der Sänger, der nicht mehr singt
  14. Ich kenne nur
    Karl May und Hegel
  15. Mein Leben als Prophet
  16. Frühe Liebe mit Trauerflor
  17. Der Schatten Leo Bauers
  18. Von Unselds Gegner zu Holtzbrincks Bodyguard
  19. Karl May Petrus Enzensberger Walter Janka
  20. Aus dem Notizbuch eines Ungläubigen
  21. Tanz in die zweifache Existenz
  22. General Hammersteins Schweigen
  23. Die Pleiße war mein Mississippi
  24. Im Osten verzwergt und verhunzt?
  25. Uwe Johnson geheimdienstlich
  26. Was fürchtete Uwe Johnson
  27. Frühling Zoo Buchmesse
  28. Die goldenen Leipziger Jahre
  29. Das Poeten-Projekt
  30. Der Sachsenschlag und die Folgen
  31. Blick zurück auf Wohlgesinnte
  32. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (I)
  33. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (II)
  34. Brief mit Vorspann an Erich Loest
  35. Briefwechsel mit der Welt der Literatur
  36. Die offene Wunde der Welt der Literatur
  37. Leipzig – wir kommen
  38. Terror im Systemvergleich
  39. Rachegesang und Kafkas Prophetismus
  40. Die Nostalgie der 70er Jahre
  41. Pauliner Kirche und letzte Helden
  42. Das Kickers-Abenteuer
  43. Unser Feind, die Druckwelle
  44. Samisdat in postkulturellen Zeiten
  45. So trat ich meinen Liebesdienst an …
  46. Mein Ausstieg in den Himmel
  47. Schraubenzieher im Feuchtgebiet
  48. Der Fall Filip Müller
  49. Contra und pro Genossen
  50. Wie ich dem Politbüro die Todesstrafe verdarb
  51. Frankfurter Polzei-buchmesse 1968
  52. Die Kunst, weder Kain noch Abel zu sein
  53. Als Atheist in Fulda
  54. Parade der Wiedergänger
  55. Poetik – Ästhetik und des Kaisers Nacktarsch
  56. Zwischen Arthur Koestler und den Beatles
  57. Fragen an einen Totalitarismusforscher
  58. Meine fünf Lektionen
  59. Playmobilmachung von Harald Schmidt
  60. Freundliche Auskunft an Hauptpastor Goetze
  61. Denkfabrik am Pleißenstrand
  62. Rendezvous beim Kriegsjuristen
  63. Marx, Murx, Selbstmord (der Identität)
  64. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (I. Teil)
  65. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (II. Teil)
  66. Der Bunker ...
  67. Helmut auf allen Kanälen
  68. Leipzig anno 1956 und Berlin 2008
  69. Mit Konterrevolutionären und Trotzkisten auf dem Dritten Weg
  70. Die Sächsischen Freiheiten
  71. Zwischen Genossen und Werwölfen
  72. Zur Geschichte meiner Gedichte
  73. Poetenladen: 1 Gedicht aus 16 Gedichten
  74. Der Dritte Weg als Ausweg
  75. Unendliche Wende
  76. Drei Liebesgrüße für Marcel
  77. Wir lagen vor Monte Cassino
  78. Die zweifache Lust
  79. Hacks Haffner Ulbricht Tillich
  80. Mein Leben als Doppelagent
  81. Der Stolz, ein Ostdeutscher zu sein
  82. Vom Langen Marsch zum 3. Weg
  83. Die Differenz zwischen links und rechts
  84. Wo liegt Bad Gablenz?
  85. Quartier zwischen Helmut Schmidt und Walter Ulbricht
  86. Der 3. Weg eines Auslandssachsen
  87. Kriegsverrat, Friedensverrat und Friedenslethargie
  88. Am Anfang war das Gedicht
  89. Vom Buch ins Netz und zur Hölle?
  90. Epilog zum Welt-Ende oder DDR plus
  91. Im Hotel Folterhochschule
  92. Brief an Ernst Bloch im Himmel
  93. Kurze Erinnerung ans Bonner Glashaus
  94. Fritz Behrens und die trotzkistische Alternative
  95. 94/95 Doppelserie
  96. FAUST 3 – Franz Kafka vor Auerbachs Keller
  97. Rainer Werner Fassbinder ...
  98. Zähne zusammen­beißen ...
  99. Das Unvergessene im Blick
    1. Nachwort
Nachworte
  1. Nachwort
    siehe Folge 99
  2. Auf den Spuren des
    Günter Wallraff
  3. Online-Abenteuer mit Buch und Netz
  4. Rückschau und Vorschau aufs linke Leipzig
  5. Die Leipziger Denkschule
  6. Idylle mit Wutanfall
  7. Die digitalisierte Freiheit der Elite
  8. Der Krieg als Badekur?
  9. Wolfgang Neuss über Kurt Tucholsky
  10. Alter Sack antwortet jungem Sack
  11. Vor uns diverse Endkämpfe
  12. Verteidigung eines Gedichts gegen die Gladiatoren
  13. Parademarsch der Lemminge und Blochs Abwicklung
  14. Kampf der Deserteure
  15. Fritz Bauers unerwartete Rückkehr
  16. Der Trotz- und Hoffnungs-Pazifismus
  17. Als Fassbinder in die Oper gehen wollte
  18. Was zum Teufel sind Blochianer?
  19. Affentanz um die 11. Feuerbach-These
  20. Geschichten vom Geist als Stimmvieh
  21. Von Frankfurt übern Taunus ins Erzgebirge
  22. Trotz – Trotzalledem – Trotzki
  23. Der 3. Weg ist kein Mittelweg
  24. Matroschka –
    Die Mama in der Mama
  25. Goethe bei Anna Amalia und Herr Matussek im Krieg
  26. Der Aufgang des Abendlandes aus Auerbachs Keller
  27. Jan Robert Bloch –
    der Sohn, der aus der Kälte kam
  28. Das Buch, der Tod und der Widerspruch
  29. Pastor Gauck oder die Revanche für Stalingrad
  30. Bloch und Nietzsche werden gegauckt ...
  31. Hölle angebohrt. Teufel raus?
  32. Zwischen Heym + Gauck
  33. Von Marx über Bloch zu Prof. Dr. Holz
  34. Kafkas Welttheater in Auerbachs Keller
  35. Die Philosophenschlacht von Leipzig
  36. Dekonstruktion oder Das Ende der Ver­spä­tung ist das Ende
  37. Goethes Stuhl – ein Roman aus Saxanien
  38. Meine Weltbühne im poetenladen
  39. Von Blochs Trotz zu Sartres Ekel
  40. Die Internationale der Postmarxisten
  41. Dies hier war Deutschland
  42. Kopfsprünge von Land zu Land und Stadt zu Stadt
  43. Einiges Land oder wem die Rache gehört
  44. Schach statt Mühle oder Ernst Jünger spielen
  45. Macht ist ein Kriegszustand
  46. Dekonstruktion als Kriminalgeschichte I
  47. Damals, als ich als Boccaccio ging …
  48. Ein Traum von Aufklärung und Masturbation
  49. Auf der Suche nach der verschwundenen Republik
  50. Leipzig am Meer 2013
  51. Scheintote, Untote und Überlebende
  52. Die DDR musste nicht untergehen (1)
  53. Die DDR musste nicht untergehen (2)
  54. Ein Orden fürs Morden
  55. Welche Revolution darfs denn sein?
  56. Deutschland zwischen Apartheid und Nostalgie
  57. Nietzsche dekonstruierte Gott, Bloch den Genossen Stalin
  58. Ernst Jünger, der Feind und das Gelächter
  59. Von Renegaten, Trotzkisten und anderen Klassikern
  60. Die heimatlose Linke (I)
    Bloch-Oper für zwei u. mehr Stimmen
  61. Die heimatlose Linke (II)
    Ein Zwischenruf
  62. Die heimatlose Linke (III)
    Wer ist Opfer, wer Täter ...
  63. Die heimatlose Linke (IV)
    In der permanenten Revolte
  64. Wir gründen den Club der
    heimatlosen Linken
  65. Pekings große gegen Berlins kleine Mauer
  66. Links im Land der SS-Ober­sturm­bann­führer
  67. Zweifel an Horns Ende – SOKO Leipzig übernimmt?
  68. Leipzig. Kopfbahnhof
  69. Ordentlicher Dialog im Chaos
  70. Büchner und Nietzsche und wir
  71. Mit Brecht in Karthago ...
  72. Endspiel mit Luther & Biermann & Margot
  73. Die Suche nach dem anderen Marx
  74. Wer ermordete Luxemburg und Liebknecht und wer Trotzki?
  75. Vom Krieg unserer (eurer) Väter
  76. Wohin mit den späten Wellen der Nazi-Wahrheit?
  77. Der Feind ist in den Sachsengau eingedrungen
  78. Die Heldensöhne der Urkatastrophe
  79. Die Autobiographie zwischen
    Schein und Sein
  80. Auf der Suche nach der verlorenen Sprache
  81. Atlantis sendet online
  82. Zur Philosophie des Krieges
  83. Deutsche, wollt ihr ewig sterben?
  84. Der Prominentenstadl in der Krise
  85. Der Blick von unten nach oben
  86. Auf der Suche nach einer moralischen Existenz
  87. Vom Krieg gegen die Pazifisten
  88. Keine Lust aufs Rentnerdasein
  89. Von der Beschneidung bis zur
    begeh­baren Prostata
  90. Friede den Landesverrätern
    Augstein und Harich
  91. Klarstellung 1 – Der Konflikt um
    Marx und Bloch
  92. Bloch & die 56er-Opposition zwischen Philo­sophie und Verbrechen
  93. Der Kampf ums Buch
  94. Und trotzdem: Ex oriente lux
  95. Der Soldat: Held – Mörder – Heiliger – Deserteur?
  96. Der liebe Tod – Was können wir wissen?
  97. Lacht euren Herren ins Gesicht ...
  98. Die Blochianer kommen in Tanzschritten
  99. Von den Geheimlehren der Blochianer
Aufsatz