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Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | Folge 1
Gerhard Zwerenz
Gerhard Zwerenz, 1925 in Sachsen geboren, verfasste mehr als hundert Bücher, vom Roman über politische Schriften bis hin zu erotischer Literatur. Seine Karriere als Autor begann Mitte der fünfziger Jahre nach seinem Studium bei Ernst Bloch in Leipzig. 1957 wurde er aus der SED ausgeschlossen und floh in den Westen. Freundschaften mit Arthur Koestler oder Rainer Werner Fassbinder gehören ebenso zu seiner Biografie wie sein politisches Engagement – etwa als Mitglied des Deutschen Bundestags 2004.
Lesung von Gerhard Zwerenz November 2009

Was Gerhard Zwerenz über Sachsen und über Sachsen hinaus mitzuteilen hat, darauf dürfen die Leser des Poetenladens gespannt sein – immer wieder montags.

Dies ist eine sächsische Autobiographie als Fragment in 99 Fragmenten. Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philosophen nennen das coincidentia oppositorum, d.h. Einheit der Widersprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

I

Wie kommt die Pleiße nach Leipzig?


Wie es anfing: In den ersten Nachkriegsjahren brachen die Sachsen auf, eilten herbei aus dem Erzgebirge, Vogtland und den vorgelagerten tiefer liegenden Bach- und Flusslandschaften, aus verschlafenen Klein- und Mittelstädten, den Dörfern dazwischen, hunderte Geburtsorte sind verzeichnet als Ausgangspunkte dieses Ansturms auf Hochschulen und Universitäten. Bürgertum? Ja, im Westen des Landes. Im Osten waren es andere. Nach dem Ende von 1990 und mit Beginn des 21. Jahrhunderts blickten sie, gealtert und evaluiert zurück, sollten sich schämen, Schuld empfinden, als wäre da Fehler auf Fehler akkumuliert worden. Zu ihnen gesellten sich ausgestoßene Schlesier, Ostpreußen, Sudetenländler, manche auch aus dem bürgerlich restaurierten saturierten Westen, andere mit KZ-Erfahrungen, entronnene Wehrmachtsoldaten – sie alle traten der neuen Lehre bei, das alles sollte jetzt falsch und nahezu kriminell gewesen sein, vergleichbar der verhängnisvollen Entscheidung der vielen im Jahre 1933?

Ich verteidige meine Genossen und Ex-Genossen, denn schuldbegründende Entschlüsse fallen in den oberen Gremien. Das betrifft Bonn wie Ostberlin. Wenn Borniertheit, Charakterlosigkeit, Feigheit, Eigensucht aufeinander folgender Eliten zu strukturbildender Geschichte gerinnen, haben nicht die Völker versagt, sondern Intellektuelle, die der politischen Klasse abgestandene, nicht mehr zeitgemäße Ideen zuliefern statt revolutionärer Impulse, zuviel Luther und zu wenig Münzer. In verlorenen Bauernkriegen werden Bauern zu Opfern, in Bürgerkriegen gehen Bürger zuschanden, nach der proletarischen Revolution von Lenin und Trotzki führte die Diktatur des Proletariats zur Diktatur über das Proletariat, bis es als Klasse verschwand. In China freilich experimentieren inzwischen ca. 70 Millionen Parteimitglieder, angeleitet vom Politbüro, mit dem Kapitalismus im eigenen Lande. Falls die Koexistenz von Kapital und Kommunismus misslingt, werden beide zum Teufel gehen. Sollte es glücken, könnten die Sachsen von den Chinesen lernen. Ihre Emsigkeit, Bescheidenheit, Klugheit, Erneuerungsfähigkeit ließen es zu, falls ihre Vordenker nicht wie ihre vielfachen Verhinderer sind.

Die Chemnitzer Freie Presse erregte Ärger in Plauen, wo Sachsens Kulturminister Stefan Flath der Karl-Marx-Gesamtschule einen Namenswechsel nahegelegt und bei Verweigerung mit Entzug der Fördermittel gedroht haben soll. Flath dementierte, er habe „nur einen Witz gemacht“, über den die „offenbar roten Vogtländer“ jedoch nicht lachen konnten. Wie Augenzeugen versichern, lachte stattdessen der Karl-Marx-Kopf in Chemnitz. Es gibt noch mehr Grund zur Heiterkeit. Nehmen wir nur das international bekannte sächsische Bad Schlema. Die wegen Uranabbau nahezu verschwundene Kleinstadt ist auferstanden und könnte eine große Zukunft haben. Hat sie aber nicht, weil sie schrumpft. Zwar schrumpfen auch im Westen Dörfer und Städte, im Osten aber ist das Staatsprogramm. Fabriken verrotten, Kindergärten und Schulen schließen. Handelsketten geben auf. Das Verkehrsnetz dünnt aus. Die Jugend geht weg. Der Rest ist Melancholie.

Als ich 1990 das erste Mal wieder nach Leipzig kam, stellte ich mich vor dem Reichsgericht aufs Pflaster, unter dem mein heimatliches Pleißeflüsschen glucksend seinen Weg suchte. Von Dimitroff und Van der Lubbe sowie den 4000 verhafteten Kommunisten des Jahres 1933 wollen die meisten nichts mehr wissen. Dem Reichsgericht gegenüber aber steht jenes umfangreiche historische Gebäude, dessen östlicher Teil zu unseren Zeiten die Historiker, Theologen und Philosophen der Karl-Marx-Universität beherbergte. Davon wollen die meisten auch nichts mehr wissen. Nochmal 15 Jahre später stellten wir fest, der ganze Komplex war inzwischen der höheren Polizeiverwaltung zugewiesen worden. So wird ein Stück widerständiger Vergangenheit ausgelöscht. Ich versuche mir im Gelächter zu helfen, was mich auf die Nachbarschaft des Lachens zum Gelächter bringt.

Wie ich in eitler Bescheidenheit meine, wird der Sachse durch drei Übermenschen charakterisiert. Da ist Friedrich Nietzsche, der dem erträumten Riesen den Namen Übermensch verpasste: „Ich lehre Euch den Übermenschen“ lautet der fatale Satz in Also sprach Zarathustra, den – noch fataler – ein gewisser Hitler, Adolf las, mißverstand und fortan eisern daran glaubte, einer zu sein. Vor Jahren schlug ich vor, die fünf verdammten Worte sächsisch auszusprechen: Ich lähre eich dän Ibermänschen! Der Rest ist Gelächter. So auch beim Dresdner Revoluzzer Richard Wagner. Man führe sich die alljährliche Promi-Parade vorm Bayreuther Festspielhaus zu Gemüte – wer da jetzt nicht herzhaft gelächtert, der gehört schon dazu. Endlich Karl May als dritter übermenschlicher Sachse. Er war humorlos, doch selber ein übermenschliches Gesamtkunstwerk. Sein Werk entstand in jenem engen geographischen Raum, der von Pleiße, Mulde und Elbe begrenzt wird, aber dem grenzenlosen Potential Phantasie entspringt, der ersten und letzten Ressource unseres Landes in der Mitte des Kontinents.

Wir Ureinwohner stellen uns hier auf die Zehenspitzen, verachten die kriegerischen Preußen, gemeinden die Thüringer ein und erklären selbst die Angelsachsen zu Stammesbrüdern und -schwestern. Von hier stammten die meisten deutschen Revolutionäre, wir stellten das DDR-Stammpersonal, und als es schief ging, spielten wir in Leipzig Heldenstadt, während Dresden immer noch August den Starken mimt und den Februar 1945 als apokalyptischen Weltuntergang nicht vergessen kann. Zwischen Pleiße, Mulde und Elbe erstreckt sich Karl-May-Land. Es ist der ausladend flache Boden von Leipzig her mit den anwachsenden grünen Hügeln, die über Zwickau und Chemnitz ins Vogtland und Erzgebirge übergehend Höhe gewinnen. Es ist ein historisches Natur- und Industrieland, voll von Pionier- und Erfindergeist, aber auch ein deutsches Irland mit Emigrantenströmen rein und raus, von Flüchtigen innen und außen. Ostberlin war zeitweise von Sachsen besetzt wie das sächsische Königreich einst von den Preußen. Für den so eigensinnigen wie vigilanten Sachsen ist sein Land der Nabel der Welt, inklusive Nabelbruch, doch der ist operabel. Bleibt die weltbewegende Frage: Wie kommt die Pleiße nach Leipzig? Unterwegs besteht sie aus frühzeitlicher Kultur- und Industriegeschichte. Wilhelm Liebknecht, August Bebel, Rosa Luxemburg standen am Flussufer. Städte mit Schornsteinwäldern nebelten den Himmel grau. Fabriken soffen den Fluss durstig aus. Färbereien machten ihn braun und gelb und rot. Die Pleiße kurvte geschickt durch Wälder und Felder, schwoll dicke an und gab sich dann wieder sächsisch klein und sachte. Nach Leipzig kommt die Pleiße zu Fuß und unterirdisch wie ein tüchtiger Bergarbeiter aus Zwickau oder dem blanken Erzgebirge. Hinter Leipzig geht die Pleiße in die Elster, Saale und Elbe, dann nordwärts von Hamburg in die Nordsee und weiter durch den Atlantik in die Welt. Mehr kann man von ihr nicht verlangen und erwarten. Oder doch?

An den Ufern der Pleiße geboren zu sein, wäscht kein saurer Regen ab. Ich erlebe das Land meiner Herkunft im ständigen Wechsel von Wut und Melancholie. Darauf folgen Trauer und Resignation. Dann sage ich mir: Das darf nicht so bleiben. So nicht. Nein.

Wird Sachsen also bald chinesisch? Ist das ein Ausweg? Was 1,2 Milliarden Chinesen können, schaffen schrumpfende, von allen guten Geistern verlassene Sachsen auch? Seit 1990 ist das Land schwarz. Vorher war es 100 Jahre rot. Jetzt hagelt es Sensationen. Was gestern als bodenloser Sumpf der organisierten Kriminalität galt, trocknet heute zur Pfütze ein. Die Landesbank erwirtschaftete ein klaffendes Milliardenloch. Die regierende Staatspartei bastelt guten Willens am Aggregationszustand einer funktionierenden demokratischen Parodie. Alle sind tüchtig mit roten Ohren auf schwarzer Seele dabei. Die gestrige Staatspartei sieht staunend zu, wie sie spielend übertroffen wird. Sie habe einst Antifaschismus verordnet, heißt es anklagend. Die Nachfolger verordnen ihn mitnichten. So fehlt er eben. Stattdessen herrschen Arbeitslosigkeit und bezuschusste Resignation. Beides zusammen lässt die braune Brühe hochkochen. Ausbrüche von Ausländerhass sollen die letzten aktiven Sachsen daran hindern, sich mit China aus den schwarzen Löchern herauszuarbeiten. Schon wird in der FAZ die Gelbe Gefahr und Spenglers Untergang des Abendlandes beschworen. Mag sein, dass die Abendländer untergehen. Die DDR, dieser Versuch eines Großsachsen ist auch perdu. Das kulturelle Prinzip Sachsen aber geht auf, wenn seine Christen christlich und seine Sozialisten sozialistisch zu sein verstehen. Bis dahin halte ich es mit der 5. Internationale, deren Prinzip das Gelächter auf Distanz ist.

Am Montag, den 17. September, erscheint das 2. Kapitel  externer Link.

Gerhard Zwerenz   10.09.2007   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   Seite empfehlen  empfehlen

Gerhard Zwerenz
Serie
Die Verteidigung Sachsens ...
  1. Wie kommt die Pleiße nach Leipzig?
  2. Wird Sachsen bald chinesisch?
  3. Blick zurück und nach vorn
  4. Die große Sachsen-Koalition
  5. Von Milbradt zu Ernst Jünger
  6. Ein Rat von Wolfgang Neuss und aus Amerika
  7. Reise nach dem verlorenen Ich
  8. Mit Rasputin auf das Fest der Sinne
  9. Van der Lubbe und die Folgen
  10. Unser Schulfreund Karl May
  11. Hannah Arendt und die Obersturmbannführer
  12. Die Westflucht ostwärts
  13. Der Sänger, der nicht mehr singt
  14. Ich kenne nur
    Karl May und Hegel
  15. Mein Leben als Prophet
  16. Frühe Liebe mit Trauerflor
  17. Der Schatten Leo Bauers
  18. Von Unselds Gegner zu Holtzbrincks Bodyguard
  19. Karl May Petrus Enzensberger Walter Janka
  20. Aus dem Notizbuch eines Ungläubigen
  21. Tanz in die zweifache Existenz
  22. General Hammersteins Schweigen
  23. Die Pleiße war mein Mississippi
  24. Im Osten verzwergt und verhunzt?
  25. Uwe Johnson geheimdienstlich
  26. Was fürchtete Uwe Johnson
  27. Frühling Zoo Buchmesse
  28. Die goldenen Leipziger Jahre
  29. Das Poeten-Projekt
  30. Der Sachsenschlag und die Folgen
  31. Blick zurück auf Wohlgesinnte
  32. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (I)
  33. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (II)
  34. Brief mit Vorspann an Erich Loest
  35. Briefwechsel mit der Welt der Literatur
  36. Die offene Wunde der Welt der Literatur
  37. Leipzig – wir kommen
  38. Terror im Systemvergleich
  39. Rachegesang und Kafkas Prophetismus
  40. Die Nostalgie der 70er Jahre
  41. Pauliner Kirche und letzte Helden
  42. Das Kickers-Abenteuer
  43. Unser Feind, die Druckwelle
  44. Samisdat in postkulturellen Zeiten
  45. So trat ich meinen Liebesdienst an …
  46. Mein Ausstieg in den Himmel
  47. Schraubenzieher im Feuchtgebiet
  48. Der Fall Filip Müller
  49. Contra und pro Genossen
  50. Wie ich dem Politbüro die Todesstrafe verdarb
  51. Frankfurter Polzei-buchmesse 1968
  52. Die Kunst, weder Kain noch Abel zu sein
  53. Als Atheist in Fulda
  54. Parade der Wiedergänger
  55. Poetik – Ästhetik und des Kaisers Nacktarsch
  56. Zwischen Arthur Koestler und den Beatles
  57. Fragen an einen Totalitarismusforscher
  58. Meine fünf Lektionen
  59. Playmobilmachung von Harald Schmidt
  60. Freundliche Auskunft an Hauptpastor Goetze
  61. Denkfabrik am Pleißenstrand
  62. Rendezvous beim Kriegsjuristen
  63. Marx, Murx, Selbstmord (der Identität)
  64. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (I. Teil)
  65. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (II. Teil)
  66. Der Bunker ...
  67. Helmut auf allen Kanälen
  68. Leipzig anno 1956 und Berlin 2008
  69. Mit Konterrevolutionären und Trotzkisten auf dem Dritten Weg
  70. Die Sächsischen Freiheiten
  71. Zwischen Genossen und Werwölfen
  72. Zur Geschichte meiner Gedichte
  73. Poetenladen: 1 Gedicht aus 16 Gedichten
  74. Der Dritte Weg als Ausweg
  75. Unendliche Wende
  76. Drei Liebesgrüße für Marcel
  77. Wir lagen vor Monte Cassino
  78. Die zweifache Lust
  79. Hacks Haffner Ulbricht Tillich
  80. Mein Leben als Doppelagent
  81. Der Stolz, ein Ostdeutscher zu sein
  82. Vom Langen Marsch zum 3. Weg
  83. Die Differenz zwischen links und rechts
  84. Wo liegt Bad Gablenz?
  85. Quartier zwischen Helmut Schmidt und Walter Ulbricht
  86. Der 3. Weg eines Auslandssachsen
  87. Kriegsverrat, Friedensverrat und Friedenslethargie
  88. Am Anfang war das Gedicht
  89. Vom Buch ins Netz und zur Hölle?
  90. Epilog zum Welt-Ende oder DDR plus
  91. Im Hotel Folterhochschule
  92. Brief an Ernst Bloch im Himmel
  93. Kurze Erinnerung ans Bonner Glashaus
  94. Fritz Behrens und die trotzkistische Alternative
  95. 94/95 Doppelserie
  96. FAUST 3 – Franz Kafka vor Auerbachs Keller
  97. Rainer Werner Fassbinder ...
  98. Zähne zusammen­beißen ...
  99. Das Unvergessene im Blick
    1. Nachwort
Nachworte
  1. Nachwort
    siehe Folge 99
  2. Auf den Spuren des
    Günter Wallraff
  3. Online-Abenteuer mit Buch und Netz
  4. Rückschau und Vorschau aufs linke Leipzig
  5. Die Leipziger Denkschule
  6. Idylle mit Wutanfall
  7. Die digitalisierte Freiheit der Elite
  8. Der Krieg als Badekur?
  9. Wolfgang Neuss über Kurt Tucholsky
  10. Alter Sack antwortet jungem Sack
  11. Vor uns diverse Endkämpfe
  12. Verteidigung eines Gedichts gegen die Gladiatoren
  13. Parademarsch der Lemminge und Blochs Abwicklung
  14. Kampf der Deserteure
  15. Fritz Bauers unerwartete Rückkehr
  16. Der Trotz- und Hoffnungs-Pazifismus
  17. Als Fassbinder in die Oper gehen wollte
  18. Was zum Teufel sind Blochianer?
Aufsatz