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Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | 91. Nachwort

Dies ist eine sächsische Autobiographie als Fragment in 99 Fragmenten. Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philosophen nennen das coinci­dentia opposi­torum, d.h. Einheit der Widersprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

  91. Nachwort

Klarstellung 1 – Der Konflikt um Marx und Bloch



 

Von Stalin bleibt die Stalinorgel. Sie scheuchte die deutschen Sieger via Stalingrad heim ins Reich




Ernst Bloch und Georg Lukács orientierten sich noch vor dem 1. Weltkrieg Rich­tung Marx-Lenin und suchten nach Lenins Tod die fatale Ent­wicklung
  a) durch deklarative Parteinahme
  b) mit intellektueller Sklaven­sprache zu beeinflussen, was sie letzlich scheitern ließ. Mit der Ex­kommuni­kation 1956/57 legte sich die Partei auf einen neuen alten Kurs fest, der ihr Ende bestimmte, womit Bloch und Lukács ihre Denk­freiheit zu­rück­gewan­nen. Der ursprüng­liche, ergo prästalinsche Marx war verfüg­bar zur Fort­ent­wicklung. Sie wurde versäumt.
  Das Musterbeispiel Blochscher De­konstruktion bietet Erbschaft dieser Zeit, scharf gegen Nazi-Deutschland gerichtet, jedoch in gebotener Distanz zum KP-Anti­faschismus, statt Deko­ration also Dekon­struktion falscher, ver­fälschender Allge­meinheiten. Wer die Distanz zu Stalin nicht erkennen will, lese Blochs Nach­schrift 1962 im Erb­schafts­band Erweiterte Ausgabe. Der ist zwar 1962 der Erst­ausgabe von 1935 nach­geliefert, doch ohne Rücksicht auf sprach­liche Diplomatie. Wäre Chruschtschows Ent­stali­ni­sie­rungs-Coup in Moskau 1956 gelungen, hätte Blochs Erb­schafts­band selbst mit der kritischen Erwei­terung noch im Ostberliner Aufbau Verlag erscheinen können. Es kam anders. Bloch ging von Leipzig nach Tübingen und vom Aufbau zu Suhrkamp.
  Hier ist Klarstellung mit Rückblick angebracht. Unser 33. Nachwort am 18.7.2010 begann wie folgt:
  »Unter dem Titel Auf der Epochenschwelle steht in der jungen Welt vom 8. Juli 2010 zum 125. Ernst-Bloch-Geburts­tag geschrieben: „Für den Anti­kom­munis­mus einiger seiner Schüler Günter Zehm, Sander, Gerhard Zwerenz z.B. – ist er weder subjektiv noch ob­jek­tiv ver­antwort­lich zu machen …«
  So dekre­tiert vom Herrn KP-Genossen Prof. Dr. und Philo­sophen Hans Heinz Holz. Jeder Vorwurf des Anti­kommunis­mus lässt fragen, geht er gegen Kom­munis­ten, die andere Kom­munis­ten umbringen oder gegen welche, die von Kom­munis­ten umge­bracht worden sind. Über den jW-Artikel musste ich lachen.

 


Carl Schmitt und Hans-Dietrich Sander
Werkstatt-Discorsi.
Briefwechsel 1967 bis 1981
Edition Antaios 2009
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  Als ich ihn und die Fort­setzung am nächsten Tag gelesen hatte, sagte ich mir, was soll's, der Ver­fasser hat sich bemüht, doch auf dem falschen Bein gesungen – H-D Sander, dies nur als Exempel, war nie ein Bloch-Schüler. Aber ein rechter Bewun­derer und Spieß­geselle des Der Führer schützt das Recht-Carl-Schmidt.
  In früheren Zeiten, als die stärkste der Parteien der Arbeiter­klasse dem Antikommunismus-Vorwurf die Untat folgen ließ, wäre ich alarmiert gewesen. Wie war das – ließ Trotzki den Genossen Stalin ermorden oder Stalin den Genossen Trotzki? Heute ist dies alles das Geschäft von Märchen­erzählern, die für sanft ein­schlafende Kindlein sorgen sollen. Das ist eben so in der Vorlaufzeit zum Weltuntergang. Kurt Tucholsky am 15.12.1935 an Arnold Zweig: ›Man muss von vorn anfangen, nicht auf diesen lächerlichen Stalin hören, der seine Leute verrät, so schön, wie es sonst nur der Papst vermag – nichts davon wird die Freiheit bringen. Von vorn, ganz von vorn.‹

 
An Zweig schrieb Tucholsky vor seinem Freitod einen seiner letzten Briefe


»Wer Holz kennt, wird sich nicht wundern, dass er den Revi­sionismus von Chruscht­schow geißelt.« So Herbert Hörz im nd vom 23.2.2012 in einer empfeh­lenden Be­spre­chung der 3 Bände Auf­hebung und Ver­wirk­lichung der Philo­sophie von Prof. Hans Heinz Holz. Blei­bender Doll­punkt ist also Chruscht­schows Anti­stalin-Rede auf dem 20. Partei­tag 1956, die ihm von der ein­geros­teten ortho­doxen Seite als Revi­sionis­mus verübelt wird. Die Frage, exakt gestellt, lautet aber: Ist Chruschtschow Revi­sionist, weil er Ent­stali­nisie­rung betrieb oder weil er sie nur halb­herzig betrieb (betreiben konnte) ... Darauf gibt es bisher drei Antworten:

 


Wolfgang Harich
Zum Fraktionsverbot


Nicht wenige Kommunisten glauben, sie seien dem Marxismus-Leninismus schul­dig, in ihren Partei­statuten am Fraktions­verbot fest­zuhalten, und häufig werden sie von bürger­licher Seite, unter Umkehrung des bewähr­ten Vor­zeichens, darin bestärkt.

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1. Chinas KP plus Kapital – 2. Das DKP-Sektierertum von Holz mit ideologischem Sektfrühstück – 3. Die verlegene Ignoranz der vielerlei in Enttäuschung ver­harren­den Linken. Eine vierte Antwort wäre eine Linke, die sich re-intel­lektua­lisie­rend vom abge­brauchten Marxis­mus zu Marx vor­zustoßen traut statt rote Kirchen­lieder zu singen. Von Hans Heinz Holz brachte die junge Welt am 14.3.2011 auf zwei Seiten die Stalin-Apologie Erklären, nicht verharml­osen. Vor einem Halb­jahr­hundert wäre das schon nicht mehr akzep­tabel, doch disku­tier­bar gewesen. Heute nur noch soviel: Der Stali­nis­ierung der Bolschewiki diente das Leninsche Frak­tions­verbot von 1921 zur konter­revolu­tionären Beseitigung der alten revolu­tionären Garde und zur Ent­intel­lek­tuali­sierung der Partei. Der Rest reichte noch zum Sieg über Hitler-Deutsch­land, nicht für Aufbau und Ver­teidigung eines lebens­werten Sozia­lismus. Was in China nach Mao möglich wurde, war mit Stalin und nach ihm nicht möglich. Warum nicht? Die DDR hätte Plan B sein können, die Alternative mit Chruscht­schows Versuch der Ent­stalinisierung. Es siegte aber das Fraktions­verbot von 1921 in Ewigkeit als wärs in Stein gehauen.


 



Jetzt wirbt dagegen eine kleine
opposi­tionelle Zeitung
um Gehör: Leipzigs Neue.




Apropos Fraktionsverbot: Die Leipziger Volkszeitung – LVZ – ist mir aus stalinis­tischen Vorzeiten noch in übler Erin­nerung. 1990 war das Blatt, gemäß seiner frü­hen guten sozialis­tischen Tra­dition, um Aufa­rbeitung und Ver­gebung bemüht, seither mangelt es an Schwung, Elan und Mut. Jetzt wirbt dagegen eine kleine opposi­tionelle Zei­tung um Gehör: Leipzigs Neue. Glück auf, Genossen! Spät kommt ihr, aber viel­leicht noch nicht zu spät? Euch gibt's schon seit einigen Jahren. Ich blicke manch­mal in eine Seite. Klein und fein. Ihr hab euch an die Niederlagen gewöhnt. Die Pleiße ist nicht breit und groß, das Wasser des sächsischen Flusses härtet aber Badende wie Drachenblut den Siegfried. Wir erzählen die Story in den 99 Folgen mit fröh­lichen Ver­weisen auf Pro­minente von Ulbricht bis Merkel, die immerhin in Leipzig studierte, ins Flusswasser tauchten beide zu ihrer Zeit. Nur die Stelle unter der Schulter, auf die bei Old-Sieg­fried ein Linden­blatt fiel, blieb ver­wundbar. Ulbricht wie Merkel schrieben Weltgeschichte. Unend­lich sind sie nicht. Soviel aus der Märchenkiste. Unsere Ostdeutschen brauchen Glück, Aufmun­terung und Seelen-Energie. Dazu soviel Kapital wie Bayern sich einst holte.
  Kurze Erinnerung an die Vorgeschichte: Ab 1923 schlug die Revolution in Deutschland zur Konter­revolution um. Im selben Maße ver­kannte der Moskauer Marxismus die neuen Reali­täten. Theorie und Praxis differierten, was trotz Volks­front später bis zum Hitler-Stalin-Bündnis gegen Polen führte. Danach Hitlers Welteroberungskrieg und seine Niederlage. 1956 Chruschtschows Anti-Stalin-Rede als Versuch, die Partei wieder auf realistischen Kurs zu bringen, was misslang. In der Folge scheiterte das gesamte sowjetische Revolutions-Experiment. Was ist daran neu – was alt? Wo warst du? Dagegen – dafür? Die Sprachlosigkeit der Eliten in Ost wie West drückt sich als Teil des öffentlichen Geschwät­zes aus, das neuerdings den Wutbürger hervorbringt, der nach Veränderung giert, seines bisherigen Lebens überdrüssig, doch noch unsicher, wohin er will. Er weiß nur, es ist ihm zuwider, dass es so wie bisher weiterläuft. Also springt er aus seiner Haut wie der Selbstmörder aus dem Fenster oder aufs Gleis vor den nächsten Zug.
  Der Marxismus als vierte Buch-Religion teilte mit den drei anderen Gottes­anbeter-Instal­latio­nen deren Tota­lität – die Stärke und Schwäche ge­schlos­sener Systeme. Der Glaube strebt nach Einheit. So wird Verfolgung, Zelle, Ker­ker daraus. Die Reli­giösen wollen alle Welt missio­nieren. Ihre bewaf­fneten Feld­züge nennen sie konse­quent und gedan­kenlos Mission, denn der Allein­ver­tretungs-Anspruch verlangt Feind­schaft gegen Anders­gläubige, gehe es auch nur um minimale Diffe­renzen. Der er­starrte Marxis­mus als Religion Nummer vier erweist sich als fatales Missverständnis. Das Kapital von Marx ist aber Resul­tat einer prag­matisch-genialen Dekon­struk­tion des realen Kapi­tals, dieser kannibalischen Ökonomie-Religion. Marx hat sich die Revolution dagegen ein ganzes Leben kosten lassen.
  Die Analysen und Dekon­struk­tionen des Kapitals, wie Marx/Engels sie er­arbei­teten, werden igno­riert, abge­lehnt, bekämpft. Das von aller Logik und Ethik befreite Kapital gerät so in seine offen irr­ationale, chao­tische Endphase, auf die nur Ver­nich­tung folgen kann. Im Osten wurde Marx in internen Macht­kämpfen ver­schlissen, im Westen als Folge von Klassen­kämpfen igno­riert und verfolgt. Was kann die Linke in dieser Situation unter­nehmen, ohne zwi­schen den Fronten zer­rieben zu werden?

Zurück zum Antikommunis­mus-Vorwurf des Prof. Holz. Als ich mich 1957 gegen Verfolgung zur Wehr setzte, wurde ich Antikommunist. Nicht Anti-Marxist. Als Ex-Kommunist versuchte ich, unsere Leipziger Ideen vom Westen aus zu propa­gieren und zu vertreten. Die Foto­montage von Hartwig Runge illustriert eine Triade – mit Ingrid und mir als Duo, dazu Bloch aus dem Philo­sophen­himmel ein­geblendet. Das war so nicht vorgesehen. Erst als wir bemerk­ten, wie fürsorglich Linke wie Rechte Ernst Bloch schon zu Leb­zeiten in Tübingen ein­sargten, verstärkte sich unsere Gegen­wehr. Bloch-Schüler sind wir nicht, dafür wären wir inzwischen auch zu alt – so bleiben wir unver­leug­nete Blochianer, auf dass die von Gauck gepre­digte bour­geoise Freiheit nicht zum Frei­tod verkomme. Der Teil­zeit-Leipziger Bloch kam mit seinem revolu­tionären Gegen­konzept direkt aus der Weimarer Republik an die Pleiße. Zwischen­aufenthalte in Wien, Prag, Paris, USA und sonstigen Welt­geist­adressen.
 
 

Nicht „Bloch-Schüler“,
aber Blochianer



Unsere Blochiaden im poetenladen Leipzig tragen Früchte. Bloch geht um. Jürgen Kaube in der FAZGeis­tes­wissen­schaften (12.9.2012) recht kennt­nis­reich über den Begriff Ungleich­zeitigkeit: »1935 nutzte der Philosoph Ernst Bloch … in seinem Buch Erbschaft dieser Zeit die Vorstellung, ältere Zeiten wirkten in der Gegenwart unter­schiedlich nach, um die hetero­gene Anh­änger­schaft Hitlers zu erklären. ›Auf dem Land gibt es Gesichter, die bei all ihrer Jugend so alt sind, dass sich die ältesten Leute in der Stadt nicht mehr an sie erinnern.‹ Die Jugend sehne sich nach Vaterfiguren, die sie im Ersten Weltkrieg verloren hatte, die Mittelschicht träume sich in die Zeit vor diesem Krieg zurück.
  Schon bei Bloch tritt ein Merkmal aller Behauptungen von gegenwärtiger Ungleich­zeitig­keit deutlich hervor. Ein selbst­gewisser, hier marxis­tischer Begriff von Zeit­gemäßheit, der es erlauben soll, Entwick­lungs­defizite und Rückstände, hier: falsches Bewusst­sein aufgrund eines ›ungleich­zeitigen Über­baus‹, festzustellen. Die öko­nomischen Inter­essen, so der Marxist, hätten alle diese Bevöl­kerungs­gruppen dem Faschis­mus gegenüber immun machen müssen, da sie aber kulturell und ›mental‹ in einer älteren Zeit lebten, fielen sie ihm zu.«
  Soweit so gut. Da mir jedoch bei langstreckiger FAZ-Lektüre auffiel, wie zwanghaft oft Martin Heidegger, Carl Schmitt und Ernst Jünger gewürdigt wurden, machte ich mich gelegent­lich lustig über die drei schwarz­braunen FAZ-Haus­heili­gen. Das Blatt jedoch, ur­plötz­lich lern­fähig, schränkte seine rechts­lastige Ver­gan­gen­heit ein wenig ein und öffnete sich kri­sen­bedingt gar links­liberal bis hin zu Sahra Wagen­knecht und Oskar Lafontaine. Die FAZ als dritte Links­zeitung neben Neues Deutsch­land und junge Welt? Zu Zeiten der Gruppe 47 gras­sierte der Spruch über die FAZ: Schwarz in der Politik, weiß in der Wirtschaft und rot im Feuilleton. Ersatz­weise schwarze Politik, rotes Feuilleton, goldene Wirt­schaft, passt auch nicht mehr. Soweit etwas Pfeffer für die werte Kapi­tal­seite. Doch die Anti­kapital­seite darf nicht zu kurz kommen. Kriegt die deut­sche Bourgeoisie ihren hausge­machten Adolf nicht aus dem Schädel, hängt dem sozia­listischen Citoyen der alte Wis­sariono­witsch auf dem Buckel – »Aus den Erin­nerungen von H.H. Holz an Peter Hacks: Der Sturm und Drang der siebziger Jahre lag hinter uns. Zwei Jahr­zehnte des theore­tischen Wider­stands gegen den von Chruscht­schow einge­leiteten Revi­sionis­mus hatten jeden von uns scharf­sichtiger gemacht (...) Wir aber waren uns einig in der Hoch­schätzung von Walter Ulbricht, in der Ver­urteilung der Politik, die aus dem XX. Parteitag der KPdSU resultierte, in der Bewer­tung des Anti­stalinismus als einer bürger­lichen Strategie zur Destruk­tion des Selbst­bewusstseins von So­zialis­ten.« (Quelle: junge Welt“ 27.2. 2007)
  Diese unlustig linksfatale Weißwäscherei für Stalin wird auch noch durch Verweise auf Ernst Bloch ausgeschmückt. Wir setzen einen anderen Bloch da­gegen, der 1962 in der Nachschrift zu Erbschaft dieser Zeit unge­scheut von den »Francoländern der Ostseite« sprach, denn »Der Kapita­lis­mus mit dem Produkt zweier Weltkriege und dem Fascis­mus hat nicht nötig, sich wichtig zu machen, doch die Ko­rruption des Besseren wird trotz Phari­säern, die oft nicht einmal das Recht haben, rechtzuhaben, nicht heller. Es fehlt der Frei­heits­klang des alten Antriebs (…) des auf­rechten Gangs (…)« Den vermissten Freiheitsklang gibt es überdies ganz und gar konkret. Wir zi­tierten ihn im 33.Nachwort aus den Leipziger Abhör­protokollen, Treffbericht GI Lorenz vom 7.12.1957, wobei der Abhörer eine Wanze ist, die den Philo­sophen über­liefert: »Ich habe gesagt, dass ich mich zur DDR bekenne, das ich diesen dritten Weg für disku­tierbar halte (…) es gibt nur die Selbst­reinigung des Marxismus, das ist eine alte Theorie von mir. Das heißt aber nicht, also Moment, zur DDR kann ich mich bekennen, zur Regie­rung nicht.«
  Das heißt, erst verließ die Regierung den Marx, dann verließen die Regierten die Regie­rung. Der Versuch, die DDR zu retten misslang, weil gemeinsam mit der Bonner Repu­blik gegen Marx gerichtet. So folgte der Ostkrise bald die Westkrise und dem Unter­gang Ost die Alter­nativ­losig­keit West. 1914 war das Volk seinen Obrigkeiten in den Krieg gefolgt, 1918 folgte etwas Volk der Revo­lution, bis die Obrig­keiten die Konter­revolution pro­grammierten. 1989/90 der gleiche fata­le Wechsel. Warnung vor der deut­schem Macht-Elite: Sie siegt sich stets zu Tode. Aus dem Sieg der West­gruppe über die Ost-Gruppe erwuchs die heutige Situation. Wie Bismarck die deutschen Länder unter Preu­ßens Vor­herr­schaft mit List und Druck zum Deutschen Kaiserreich einigte, so rigoros packte Helmut Kohl unsere DDR in seine BRD ein. Fragt sich, ob Europa der DDR nach­folgen will, wie Gaucks Frei­heits­begriff es inau­guriert.

Unseren Spiegel-Exkurs vom vorigen Nachwort fort­setzend verweisen wir auf Spiegel-online zum Heft 38/2012, wo über eine Veranstaltung 1962 in Wuppertal-Barmen zu erfahren ist: »In Scharen strömten die Menschen zu der Podiums­diskussion ›Spieglein, Spieglein an der Wand – wer ist Verräter in unserem Land?‹ Der große Festsaal im Gewerk­schafts­haus war bis auf den letzten Platz besetzt, die Stimmung aufgeladen.
  Was die Redner, darunter der renommierte Bremer Rechtsanwalt Heinrich Hannover und der aus der DDR aus­gewanderte Schrift­steller Gerhard Zwerenz damals nicht wussten: Polizisten in Zivil proto­kollierten den Ge­sprächs­verlauf. Ihr Bericht wurde später auch an den NRW-Landes­verfas­sungs­schutz weiter­gegeben. Wer Zwerenz 50 Jahre später auf die SPIEGEL-Affäre anspricht und fragt, warum er in Wupper­tal gesprochen habe, spürt immer noch seine ehrliche Ent­rüstung. ›Was für eine unsäg­liche Sache! Für so blöd habe ich Adenauer nicht gehalten‹, schimpft er los.
  Dann erklärt er: ›Ich war damals gerade aus der DDR ins west­deutsche Exil geflohen, und jetzt erlebte ich aus­gerechnet dort dasselbe noch einmal. Das war ein Schlag für mich. Ich habe gedacht, ich müsste konse­quenter­weise direkt weiter­exi­lieren.‹ Die Aktion gegen den SPIEGEL habe er als Polizei­willkür und ›Versuch eines begin­nenden Staats­streichs‹ empfunden und sich gefragt: ›Wenn das möglich ist, was kommt dann?‹
  So ähnlich redete er auch damals, und zog Vergleiche zur ›Versklavung‹ durch das System Ulbricht, während Rechts­anwalt Hannover Paral­lelen zu Deutsch­land um 1933 erkannte. Als ein dritter Redner, Chef­redak­teur einer Regional­zeitung, dagegen Stellung bezog und Zwerenz bizarrer­weise eine ›Ein­sargung der Demo­kratie‹ vorwarf, kam es laut Polizei-Protokoll zu ‹tumult­artigen Szenen›. Dem Redner wurde erst das Wort entzogen, dann durfte er weiter­machen.«
  So machen und leben wir seit­dem weiter. Im Rücken die Schatten der Monster, von ihren Priestern zu Über­menschen vergöttert. Danach verleugnet und den je­wei­ligen Feinden zuge­schoben. Neue Meister­denker der Ideo­logien tauchen auf und setzen ihre frü­heren Götter einander gleich. Aller­dings: Von Stalin bleibt die Stalin­orgel. Sie führte die deut­schen Sieger über Stalin­grad heim ins Reich. Das ist die Dif­ferenz. Im Krieg zwi­schen Hitler und Stalin bot die Stalin-Option den einzig gang­baren Weg. Die Offi­ziere des 20. Juli 1944 erkannten das zu spät. Nach Hitlers Ende ver­späte­ten sich die Über­winder Stalins. Seitdem rühren sich die Marx-Über­winder. Karl tat ihnen bei­zeiten Bescheid in Die heilige Familie: »Wir, unsere Hirten an der Spitze, befanden uns nur einmal in Gesell­schaft der Frei­heit, am Tag ihrer Be­erdigung.« Da ist Bloch mit seiner Devise »Kampf, nicht Krieg« der vielleicht letzte Optimist.
  Die Frage, was die Linke heute unternehmen könne, »ohne zwischen den Fronten zer­rieben zu werden« bleibt offen. Als Ernst Bloch 1977 in Tübingen ver­storben war, kon­dolierte Helmut Schmidt per Tele­gramm der Witwe Karola Bloch und be­dauerte, dass er nicht, wie er sich lange vor­genom­men hatte, noch mit dem Phi­lo­sophen über Utopie habe dis­ku­tieren können. Das ist, soweit es die SPD betrifft, bis heute Ver­spätung als Partei­programm.
Gerhard Zwerenz    01.10.2012    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Gerhard Zwerenz
Serie
  1. Wie kommt die Pleiße nach Leipzig?
  2. Wird Sachsen bald chinesisch?
  3. Blick zurück und nach vorn
  4. Die große Sachsen-Koalition
  5. Von Milbradt zu Ernst Jünger
  6. Ein Rat von Wolfgang Neuss und aus Amerika
  7. Reise nach dem verlorenen Ich
  8. Mit Rasputin auf das Fest der Sinne
  9. Van der Lubbe und die Folgen
  10. Unser Schulfreund Karl May
  11. Hannah Arendt und die Obersturmbannführer
  12. Die Westflucht ostwärts
  13. Der Sänger, der nicht mehr singt
  14. Ich kenne nur
    Karl May und Hegel
  15. Mein Leben als Prophet
  16. Frühe Liebe mit Trauerflor
  17. Der Schatten Leo Bauers
  18. Von Unselds Gegner zu Holtzbrincks Bodyguard
  19. Karl May Petrus Enzensberger Walter Janka
  20. Aus dem Notizbuch eines Ungläubigen
  21. Tanz in die zweifache Existenz
  22. General Hammersteins Schweigen
  23. Die Pleiße war mein Mississippi
  24. Im Osten verzwergt und verhunzt?
  25. Uwe Johnson geheimdienstlich
  26. Was fürchtete Uwe Johnson
  27. Frühling Zoo Buchmesse
  28. Die goldenen Leipziger Jahre
  29. Das Poeten-Projekt
  30. Der Sachsenschlag und die Folgen
  31. Blick zurück auf Wohlgesinnte
  32. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (I)
  33. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (II)
  34. Brief mit Vorspann an Erich Loest
  35. Briefwechsel mit der Welt der Literatur
  36. Die offene Wunde der Welt der Literatur
  37. Leipzig – wir kommen
  38. Terror im Systemvergleich
  39. Rachegesang und Kafkas Prophetismus
  40. Die Nostalgie der 70er Jahre
  41. Pauliner Kirche und letzte Helden
  42. Das Kickers-Abenteuer
  43. Unser Feind, die Druckwelle
  44. Samisdat in postkulturellen Zeiten
  45. So trat ich meinen Liebesdienst an …
  46. Mein Ausstieg in den Himmel
  47. Schraubenzieher im Feuchtgebiet
  48. Der Fall Filip Müller
  49. Contra und pro Genossen
  50. Wie ich dem Politbüro die Todesstrafe verdarb
  51. Frankfurter Polzei-buchmesse 1968
  52. Die Kunst, weder Kain noch Abel zu sein
  53. Als Atheist in Fulda
  54. Parade der Wiedergänger
  55. Poetik – Ästhetik und des Kaisers Nacktarsch
  56. Zwischen Arthur Koestler und den Beatles
  57. Fragen an einen Totalitarismusforscher
  58. Meine fünf Lektionen
  59. Playmobilmachung von Harald Schmidt
  60. Freundliche Auskunft an Hauptpastor Goetze
  61. Denkfabrik am Pleißenstrand
  62. Rendezvous beim Kriegsjuristen
  63. Marx, Murx, Selbstmord (der Identität)
  64. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (I. Teil)
  65. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (II. Teil)
  66. Der Bunker ...
  67. Helmut auf allen Kanälen
  68. Leipzig anno 1956 und Berlin 2008
  69. Mit Konterrevolutionären und Trotzkisten auf dem Dritten Weg
  70. Die Sächsischen Freiheiten
  71. Zwischen Genossen und Werwölfen
  72. Zur Geschichte meiner Gedichte
  73. Poetenladen: 1 Gedicht aus 16 Gedichten
  74. Der Dritte Weg als Ausweg
  75. Unendliche Wende
  76. Drei Liebesgrüße für Marcel
  77. Wir lagen vor Monte Cassino
  78. Die zweifache Lust
  79. Hacks Haffner Ulbricht Tillich
  80. Mein Leben als Doppelagent
  81. Der Stolz, ein Ostdeutscher zu sein
  82. Vom Langen Marsch zum 3. Weg
  83. Die Differenz zwischen links und rechts
  84. Wo liegt Bad Gablenz?
  85. Quartier zwischen Helmut Schmidt und Walter Ulbricht
  86. Der 3. Weg eines Auslandssachsen
  87. Kriegsverrat, Friedensverrat und Friedenslethargie
  88. Am Anfang war das Gedicht
  89. Vom Buch ins Netz und zur Hölle?
  90. Epilog zum Welt-Ende oder DDR plus
  91. Im Hotel Folterhochschule
  92. Brief an Ernst Bloch im Himmel
  93. Kurze Erinnerung ans Bonner Glashaus
  94. Fritz Behrens und die trotzkistische Alternative
  95. 94/95 Doppelserie
  96. FAUST 3 – Franz Kafka vor Auerbachs Keller
  97. Rainer Werner Fassbinder ...
  98. Zähne zusammen­beißen ...
  99. Das Unvergessene im Blick
    1. Nachwort
Nachworte
  1. Nachwort
    siehe Folge 99
  2. Auf den Spuren des
    Günter Wallraff
  3. Online-Abenteuer mit Buch und Netz
  4. Rückschau und Vorschau aufs linke Leipzig
  5. Die Leipziger Denkschule
  6. Idylle mit Wutanfall
  7. Die digitalisierte Freiheit der Elite
  8. Der Krieg als Badekur?
  9. Wolfgang Neuss über Kurt Tucholsky
  10. Alter Sack antwortet jungem Sack
  11. Vor uns diverse Endkämpfe
  12. Verteidigung eines Gedichts gegen die Gladiatoren
  13. Parademarsch der Lemminge und Blochs Abwicklung
  14. Kampf der Deserteure
  15. Fritz Bauers unerwartete Rückkehr
  16. Der Trotz- und Hoffnungs-Pazifismus
  17. Als Fassbinder in die Oper gehen wollte
  18. Was zum Teufel sind Blochianer?
  19. Affentanz um die 11. Feuerbach-These
  20. Geschichten vom Geist als Stimmvieh
  21. Von Frankfurt übern Taunus ins Erzgebirge
  22. Trotz – Trotzalledem – Trotzki
  23. Der 3. Weg ist kein Mittelweg
  24. Matroschka –
    Die Mama in der Mama
  25. Goethe bei Anna Amalia und Herr Matussek im Krieg
  26. Der Aufgang des Abendlandes aus Auerbachs Keller
  27. Jan Robert Bloch –
    der Sohn, der aus der Kälte kam
  28. Das Buch, der Tod und der Widerspruch
  29. Pastor Gauck oder die Revanche für Stalingrad
  30. Bloch und Nietzsche werden gegauckt ...
  31. Hölle angebohrt. Teufel raus?
  32. Zwischen Heym + Gauck
  33. Von Marx über Bloch zu Prof. Dr. Holz
  34. Kafkas Welttheater in Auerbachs Keller
  35. Die Philosophenschlacht von Leipzig
  36. Dekonstruktion oder Das Ende der Ver­spä­tung ist das Ende
  37. Goethes Stuhl – ein Roman aus Saxanien
  38. Meine Weltbühne im poetenladen
  39. Von Blochs Trotz zu Sartres Ekel
  40. Die Internationale der Postmarxisten
  41. Dies hier war Deutschland
  42. Kopfsprünge von Land zu Land und Stadt zu Stadt
  43. Einiges Land oder wem die Rache gehört
  44. Schach statt Mühle oder Ernst Jünger spielen
  45. Macht ist ein Kriegszustand
  46. Dekonstruktion als Kriminalgeschichte I
  47. Damals, als ich als Boccaccio ging …
  48. Ein Traum von Aufklärung und Masturbation
  49. Auf der Suche nach der verschwundenen Republik
  50. Leipzig am Meer 2013
  51. Scheintote, Untote und Überlebende
  52. Die DDR musste nicht untergehen (1)
  53. Die DDR musste nicht untergehen (2)
  54. Ein Orden fürs Morden
  55. Welche Revolution darfs denn sein?
  56. Deutschland zwischen Apartheid und Nostalgie
  57. Nietzsche dekonstruierte Gott, Bloch den Genossen Stalin
  58. Ernst Jünger, der Feind und das Gelächter
  59. Von Renegaten, Trotzkisten und anderen Klassikern
  60. Die heimatlose Linke (I)
    Bloch-Oper für zwei u. mehr Stimmen
  61. Die heimatlose Linke (II)
    Ein Zwischenruf
  62. Die heimatlose Linke (III)
    Wer ist Opfer, wer Täter ...
  63. Die heimatlose Linke (IV)
    In der permanenten Revolte
  64. Wir gründen den Club der
    heimatlosen Linken
  65. Pekings große gegen Berlins kleine Mauer
  66. Links im Land der SS-Ober­sturm­bann­führer
  67. Zweifel an Horns Ende – SOKO Leipzig übernimmt?
  68. Leipzig. Kopfbahnhof
  69. Ordentlicher Dialog im Chaos
  70. Büchner und Nietzsche und wir
  71. Mit Brecht in Karthago ...
  72. Endspiel mit Luther & Biermann & Margot
  73. Die Suche nach dem anderen Marx
  74. Wer ermordete Luxemburg und Liebknecht und wer Trotzki?
  75. Vom Krieg unserer (eurer) Väter
  76. Wohin mit den späten Wellen der Nazi-Wahrheit?
  77. Der Feind ist in den Sachsengau eingedrungen
  78. Die Heldensöhne der Urkatastrophe
  79. Die Autobiographie zwischen
    Schein und Sein
  80. Auf der Suche nach der verlorenen Sprache
  81. Atlantis sendet online
  82. Zur Philosophie des Krieges
  83. Deutsche, wollt ihr ewig sterben?
  84. Der Prominentenstadl in der Krise
  85. Der Blick von unten nach oben
  86. Auf der Suche nach einer moralischen Existenz
  87. Vom Krieg gegen die Pazifisten
  88. Keine Lust aufs Rentnerdasein
  89. Von der Beschneidung bis zur
    begeh­baren Prostata
  90. Friede den Landesverrätern
    Augstein und Harich
  91. Klarstellung 1 – Der Konflikt um
    Marx und Bloch
  92. Bloch & die 56er-Opposition zwischen Philo­sophie und Verbrechen
  93. Der Kampf ums Buch
  94. Und trotzdem: Ex oriente lux
  95. Der Soldat: Held – Mörder – Heiliger – Deserteur?
  96. Der liebe Tod – Was können wir wissen?
  97. Lacht euren Herren ins Gesicht ...
  98. Die Blochianer kommen in Tanzschritten
  99. Von den Geheimlehren der Blochianer
Aufsatz