Pastor Gauck oder die Revanche für Stalingrad
Angela – die Männerfallgrube – flüstert es angstvoll in hochgestellten CDU-Kreisen. Nachdem Merkel die Erderwärmung proklamiert hatte, kam ein extrem strenger Winter. Koch ging von Bord, Köhler hinterdrein. Kachelmann als jüngstes Opfer wird einer Vergewaltigung beschuldigt. Weigerte er sich, den Winter in Sommer umzutaufen? Geschichtsbewusste wissen, alles Elend kommt wie Angela nach dem Fall der Mauer. Als die Römer ihren Limes nicht mehr halten konnten, war der Kampf um Rom entschieden d. h. verloren. Auf Mauerfall folgt Machtverfall. Ich aber sage euch, das ist alles Ideologie, also gelogen wie die Parteiräson es verlangt. In Wirklichkeit simuliert die Regierung das Regieren. Irgendwer muss schließlich die Leerstelle im Kopf der Nation besetzen, damit nicht die Simulanten der Opposition eindringen und so tun als könnten sie es besser. Jetzt soll der sanfte Herr Wulff den weggelaufenen Herrn Köhler als Bundespräsident ersetzen. Das ist als rekrutiere man den Schiedsrichter eines Fußballspiels aus dem Fan-Club einer der beiden gegeneinander antretenden Mannschaften. Als Hessens Koch das Handtuch warf, wurde Sachsens großer Sorbensohn Tillich als rechter Nachfolger in Merkels Kabinett avisiert. Der aber, heimat- und elbverbunden, lehnte erschreckt ab, obwohl eine kleine aber tüchtige DDR- und FDJ-Vergangenheit nicht unbedingt von Nachteil sein muss. SPD und Grüne bringen Joachim Gauck als Bundespräsidenten ins Spiel. Widerstandskämpfer an die Front? Vielleicht sollte Die Linke den zu Guttenberg vorschlagen. Wenn alle lebenden und toten sowie in Zukunft toten Soldaten für den Adel optieren, wird ihm die Mehrheit sicher sein. Soviel vom Theater im Panoptikum, weil die Anstalt pausiert. Im Hausarchiv fand sich eben ein Aufruf zum Ostermarsch aus dem Jahr 1963 in Frankfurt/Main. Die Namensliste reicht von Niemöller bis – nun ja Z wie Zwerenz, der seinen SED-Zensoren schon sechs Jahre zuvor enteilt war und sich ungescheut unter die westdeutschen Friedenshetzer mischte. Das Plakat offeriert Sozialisten, Christen, Pazifisten, Beamte, Professoren, Autorinnen, Kabarettisten und Kommunisten – lauter Gutmenschen also, die von ihren Gegnern damals wie heute nicht als gut, sondern als so schlecht wie dämlich definiert werden.
Vom Friedensmarsch 1963 zum Kriegsmarsch 2010 – in Afghanistan wird blutig gekämpft zur Verteidigung unserer ewig bedrohten Freiheit, in Berlin führen SPD und Grüne den bewähren Freiheitshelden Joachim Gauck gegen Christian Wulff ins Gefecht um die Präsidentschaft. Ein sehr sensibler Einfall. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung leistet am 5.6.2010 Schützenhilfe: „… Gauck ist christlich, bürgerlich, liberal“, kurzum: „Es ist Sonne über Berlin.“ Offenbar war Horst Köhler Mond über der Spree. Der Ex-Pastor selbst äußert generös: „Für die CDU würde ich auch antreten!.“ (Bild 4.6.2010) Er kennt keine Parteien mehr. Nur noch deutsche Christen. Schon verkauft Der Spiegel den Mann prophetisch als „besseren Präsidenten“. Ich hielt und halte Gustav Heinemann für den besten Präsidenten und Gauck, den kalten Kriegskämpen für absolut ungeeignet. Die Gründe sind nachzulesen in der Zeitschrift Ossietzky vom 28.6.2008 und im poetenladen in den Folgen 39 und 41 sowie im Nachwort 20. Hier ein Auszug aus Folge 39: Die Zeitschrift stern erkundigte sich am 5.6.08 bei Joachim Gauck, womit er beschäftigt sei, nachdem er in seiner Behörde von Frau Birthler abgelöst wurde. Der Abgelöste bedauerte seine Amtslosigkeit. Als tv-Talker an der Quote gescheitert, als Politiker ungefragt, dämmert er als ehrenamtlicher Vorsitzender des Vereins Gegen das Vergessen … dahin, nutzte aber das stern-Interview, um Gregor Gysi aufs Korn zu nehmen, was mich an den 18.11.1996 erinnert. Damals gab ich als parteiloser PDS-Bundestagstags- Zwerenz: Guten Tag, Herr Gauck, mein Name ist Zwerenz. Gauck: Ich weiß. Ich kenne Sie doch, Herr Zwerenz. Zwerenz: Von allen heute hier Anwesenden habe ich wohl die längste Stasi-Akte. Sie reicht von 1956 bis 1989. Gauck: Aber das weiß ich doch, Herr Zwerenz. Zwerenz: Und ich weiß, dass Sie das wissen, Herr Gauck. Gauck: Deshalb verwundern mich doch manche Ihrer Äußerungen. Zwerenz: Darüber sollten wir mal sprechen, Herr Gauck. Gauck: Ja, darüber sollten wir wirklich mal sprechen, Herr Zwerenz. Ich erkläre hiermit erneut meinen Wunsch nach einem Gespräch mit Herrn Gauck, intern, wenn es sein muss, lieber aber öffentlich, am liebsten in Bonn als nachdenkliche Begleitung der Ausstellung. Mögliches Thema: Vom Sinn und Wahnsinn der Stasi-Aktenberge oder Haben wir noch die freie Wahl zwischen Rache und Versöhnung? Zugleich schlage ich vor, der Staatssicherheitsausstellung am gleichen Ort im Bundestag die Wanderausstellung ›Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944‹ des Hamburger Instituts für Sozialforschung folgen zu lassen. Das ist notwendig, weil der Kalte Krieg aus dem 2. Weltkrieg resultierte, die Verbrechen der Wehrmacht heute noch von Politikern und Militärs relativiert werden und die Hamburger Ausstellung diskreditiert wird. Weil schließlich neuentdeckte Dokumente zeigen, dass die Wehrmacht noch schuldhafter am rassistischen Vernichtungskrieg beteiligt war, als es selbst die Hamburger Ausstellung zeigen konnte. Der Umstand, dass der Bundeskanzler die Hamburger Ausstellung nicht mag, sollte die Parlamentarier nicht an der Horizonterweiterung hindern, die so möglich würde. Überdies würde ich mit Herrn Gauck auch gern über die Wehrmachts-Ausstellung öffentlich reden, denn in der Abfolge von Ursache und Wirkung sowie der Analyse von Nazismus und Antinazismus sind gewiss einige Klarstellungen notwendig. Beide Ausstellungen, dazu noch an solchem Ort, können nur der Aufklärung und Information dienen, woran bei den Volksvertretern gewiss allseits Interesse besteht. Unabhängig von ihrer Parteizugehörigkeit und ganz der Wahrheit und ihrem Gewissen verpflichtet.“ Diese meine Bonner Aufforderung aus dem Jahr 1996 blieb von Joachim Gauck bis heute ohne Antwort. Dabei hat er doch inzwischen Zeit genug. Der Vorsitzende des Vereins Gegen das Vergessen … wird doch nicht die Ursachen der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert vergessen haben? Da er und seine Nachfolgerin in der Behörde so gern von den „zwei deutschen Diktaturen“ sprechen, bitte ich sie als leidgeprüfter Kenner beider Diktaturen höflich um eine öffentliche Diskussion über diese Fragen. Mit Frau Birthler hatte ich schon mal einen interessanten Dialog in Leipzig über den 17. Juni 1953. Ich schlage einen Trialog vor mit dem Titel: Parallele und Differenz zwischen Auschwitz und Bautzen… Es ist ein deutsches Thema wie kein anderes. Soweit das Zitat aus Folge 39, jetzt einige Sätze aus dem Nachwort 20: Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung am 14. März 2010: „Opa Achim erzählt vom Krieg“ - so die Überschrift. Dann heißt es „War Honecker nicht Bundeskanzler? Die Jugend weiß wenig über die DDR. Ein Fall für Joachim Gauck: Der Herr der Akten hat eine neue Mission …“ So ist es. Gauck predigt den Abiturienten der Gustav-Heinemann-Schule im hessischen Rüsselsheim die reine Wahrheit über die DDR, in der er bis zuletzt als braver Pastor seinen festen Platz gefunden hatte, bevor er zum Herrscher über die Stasi-Hinterlassenschaften verbeamtet wurde und vor den Schülern sogar Helmut Kohl und Wolfgang Schäuble zu rügen wagt, weil sie das geheime Aktenmaterial „zu vernichten“ gefordert hatten. Der Herr J. G. ist mutig. Redet als Jahrgang 1940 über den Krieg, den er als Kleinkind erlitt, und über den Widerstand in Hitler-Deutschland, den er im Nachhinein aus eigener Unkenntnis darstellt, so wie er die Opposition in der DDR pünktlich entdeckte, als das SED-Politbüro das Handtuch geworfen hatte. Ab Oktober 1989 jedenfalls übte unser christlicher Held den aufrechten Gang in der Öffentlichkeit von Meckpom. Im November 1997 erhielt er einen Hannah-Arendt-Preis, die Namenspatronin kann sich nicht mehr wehren und ist mit dem nach ihr benannten Dresdner Institut schon gestraft genug. Lebte sie noch, müsste sie ihrem Wort von der Banalität des Bösen das von der Banalität des Guten (Christenmenschen) hinzufügen. Heinemann übrigens war der Bundespräsident mit der zeigefingerstreckenden Hand, bei der drei Finger auf den Ankläger zurückweisen. Arendt und Heinemann sind tot. Gauck lebt in Frau Birthler inkarniert in Ewigkeit fort, die sich eben mal dem Fall Ronald Lötzsch zuwendet. Springers flotte Federn – Holzauge sei wachsam – nahmen den Ehemann „der designierten Linkspartei-Chefin Gesine Lötzsch (48) ins Visier … er soll IM des Ministeriums für Staatssicherheit gewesen sein.“ Warum reagierte keiner, als herauskam, Rainer Eppelmanns Papa war als Waffen-SSler im Dritten Reich KZ-Wächter gewesen? Da ich unlustig bin, immer auf eigene Texte zu verweisen, sei den autonomen Welt-Analphabeten die Lektüre von Erich Loest's Buch Prozesskosten angeraten, Steidl Verlag 2007, ab Seite 173, und falls der Grips noch ausreicht: Die Zeitschrift Utopiekreativ 72 vom Oktober 1996 ab Seite 76. Dort findet sich ein Ronald-Lötzsch-Artikel: Russland im Umbruch – Modernisierungsversuche in der neueren und neuesten russischen Geschichte. Jeder vollsinnige Mensch weiß den exzellenten Sprachwissenschaftler Lötzsch zu schätzen, die Westsieger hingegen evaluierten, was sie nicht verstehen. Zu Zeiten, in denen die heute als asymmetrisch definierten Kriege noch altertümlich symmetrisch waren, galt der gefangene Feind nicht mehr als Feind. Heutzutage ist das anders. Die westlichen Triumphatoren und ihre maulflinken Medienrüssel befeinden die Besiegten im Osten immer heftiger. So langsam beginne ich meine oppositionelle Haltung in der DDR zu bereuen. Und warum waren wir Deserteure im Krieg so blöde, das kleine Leben zu riskieren, wenn wir an der Front die Wehrmachtshelden aufforderten, die Waffen niederzulegen und dafür beschossen wurden? Opa Achim erklärt das gewiss den Heinemann-Gymnasiasten von heute. Er weiß das alles hinterher viel besser, denn er war nirgendwo dabei. Doch als Herr der Akten, als Pastor und Beamter ist er überall im Nachhinein große Klasse, der Dr. h.c. und Bundesverdienstkreuzträger.
Köhler ging ab. Wulff wird zur Machtprobe zwischen CDU und FDP. Gauck ist für die Freiheit. Über die Freiheit von Faschismus und Krieg schweigt er vielsagend, während die Medien den frommen Rückstrahler des Kalten Krieges bejubeln. Da tritt Luc Jochimsen an. Die Presse schäumt: Anti-Gauck – Linkspartei nominiert Jochimsen – Ein Riesenfehler, der empört – Wen wohl? Sind diese Linken nicht schon 1933 und 1989/90 endgültig besiegt worden? Bertolt Brecht in „Neue Zeiten“: Der Stier, er kann nichts Rotes sehn./ Da können wir nichts zu sagen. / Die roten Fahnen werden wehn. / Er wird's schon müssen ertragen. PS: Das 29. Nachwort war eben abgeschlossen, als am 11. Juni pünktlich 21 Uhr 45 Pastor Gauck via ARD den Raum betrat. In der Sendung Farbe bekennen gab er den perfekten deutschen Christen mit Kriegsbekenntnis. Mir fällt ein: Nach dem Reichstagsbrand vergruben wir unsere linken Bücher aus Angst im Wald. Nach dem 20. Juli 1944 wusste ich, dieses Reich ist nur noch den Untergang wert, und ging davon. Am 30. Januar 1957 erklärte meine Partei, die SED in der Leipziger Kongresshalle mein Freiheitsgedicht für parteifeindlich. Ich wurde illegal und musste gehen. Das sind so Kehren in der großen Geschichte und im kleinen Leben, wenn einer zu widerstehen sucht. Die jeweiligen Eliten sind dazu jeweils unfähig. Die kommende Wahl des Bundespräsidenten ist keine Kehre. Nur deren politische Metapher. Ein weiteres Nachwort ist für Montag, den 21.06.2010, geplant.
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Gerhard Zwerenz
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