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Kritik
Romane, Erzählungen, Kurzprosa, Lyrik, Theorie, Literarisches
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Antonio Scurati – Das Kind, das vom Ende der Welt träumte
Roman | Rowohlt Verlag 2010
Roland Steiner    03.09.2010
Antonio Scurati | Das Kind, das vom Ende der Welt träumte  
Die Ideologie der Hyper-Täuschung

Im Herbst 2007 bezichtigt ein ehemaliger Zögling des katho­lischen Priester­seminars von Bergamo dessen hono­rigen Leiter des sexuellen Übergriffs, zwei weitere Anzeigen sollten folgen. Wenig danach erschüt­tern auch die nach dem kommunis­tischen Kinder­buchautor Gianni Rodari benannten Kinder­gärten und Grund­schulen, an denen erstmals boli­vianische Kinder die Mehrzahl stellen, Anzeigen gegen zwei Erzie­herinnen und eine nigeria­nische Koordi­natorin der Ausländer­kinder­integration.

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Klaus Merz – Aus dem Staub
Gedichte | Haymon Verlag 2010
Michael Braun    28.08.2010
Klaus Merz | Aus dem Staub  
Widerstand gegen die Ausführlichkeit

Dem Schweizer Dichter Klaus Merz genügen wenige Pinselstriche, um zum Kern der Dinge zu gelangen und die schwankenden Fundamente des Weltgebäudes freizulegen.

Dieser Autor ist ein Meister der Kürze, der sich extrem zurücknimmt und lieber die Phänomene selbst sprechen lässt, anstatt ihnen von außen Bedeutungen aufzunötigen.

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Sudabeh Mohafez – Das Zehn-Zeilen-Buch
Ultrakurze Geschichten | edition AZUR 2010
Carola Gruber    18.08.2010
Sudabeh Mohafez | Das Zehn-Zeilen-Buch  
Die Piratin der kleinen Form

Die Regeln sind klar: „max zehn minuten schreiben, max zwei mal über­arbeiten, max achthundertfünfzig zeichen mit leerzeichen.“ Fast wie die Anleitung zu einem Spiel lesen sich die selbst­auferlegten Vorschriften, die sich Sudabeh Mohafez für ihre kurzen Texte gegeben hat.

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Ron Winkler (Hrsg.) – Die Schönheit ein deutliches Rauschen
Connewitzer VBH 2010
Armin Steigenberger    13.08.2010
Die Schönheit ein deutliches Rauschen  
Ostsee(l)isches

Das Meer. Die Möwen. Strandboxen, Buhnen, Bodden – und große Bühne für über 100 neue, junge Ostsee­gedichte. 49 Dichte­rinnen und Dichter schreiben zusammen eine Lyrik­anthologie, die von Ron Winkler heraus­gegeben wurde und die vor kurzem unter dem von Steffen Popp bei­ge­steuerten Titel Die Schönheit ein deutliches Rauschen erschienen ist.

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Elke Erb – Sonanz
Urs Engeler 2008
Tom Pohlmann    09.08.2010
Elke Erb | Sonanz  
Schwingungsverhalten

Ein Gedichtband, der 2008 bei Urs Engeler erschien, doch von der Öffentlichkeit kaum wahr­genommen wurde, ist Elke Erbs Buch „Sonanz“. Sie selbst hat ihren Band mit dem ungewöhnlichen Untertitel „5-Minuten-Notate“ versehen, beschreibt in ihrer einleitenden Bemerkung, dass der Arbeitsprozess an den Texten mit einer Niederschrift von Notaten begann, die nach und nach bearbeitet wurden.

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Ulrike Ulrich – fern bleiben
Roman | Luftschacht Verlag 2010
Armin Steigenberger    06.08.2010
Ulrike Ulrich | fern bleiben  
Ein Rail-Movie mit Schlüsselreizblumen und andere Kapricen

„Sie sitzt nicht gern in stehenden Zügen” – eine gute Exposition und ein sehr gutes Wortspiel noch dazu. Lo – Kurzform für Lotte – ist Anfang dreißig, ungebunden und hat ihren Job im Computerbereich an den Nagel gehängt; sie gewann beim Millionenquiz. Gefragt, was sie mit dem Geld anfinge, antwortete Lo, „sie hätte noch keinen Plan, sie hätte sich da” – man beachte das Wortspiel!

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Florian Neuner – Ruhrtext
Eine Revierlektüre | Klever Verlag 2010
Adrian Kasnitz    31.07.2010
Florian Neuner | Ruhrtext  
Ein Sympathisant der Brache

Das Ruhrgebiet ist ein Gebiet und leider keine Stadt, sonst wäre es womöglich Europas größte. Es zerfällt in seine Verwaltungseinheiten und ist landschaftlich gegliedert in urbane Räume, postmontane Brachen, Auto­bahnen, Schienen, ländliche Strukturen, die abrupt aufeinanderprallen, deren Grenzen verwischen oder willkürlich anmuten und somit der Interpretation bedürfen.

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Volker Braun – Werktage. Arbeitsbuch 1977 – 1989
Suhrkamp Verlag 2009
Dietmar Jacobsen    29.07.2010
Volker Braun | Werktage. Arbeitsbuch 1977 – 1989  
Auf Brechts Spuren
Volker Braun hat auch mit 70 Jahren nichts von seiner kämpferischen
Halung eingebüßt

Volker Braun ist kein Brecht-Apologet. Dass er aus der Brecht-Schule kommt, kann er freilich nicht verleugnen. Gerade die beiden neuesten Publikationen des im vergangenen Jahr 70 Jahre alt Gewordenen – die an den Roman Machwerk (2008) anschließende kleine Textsammlung Flickwerk sowie das voluminöse, rund 1000-seitige Werk-Tage­buch (Werktage-Buch) der Jahre 1977 bis 1989 ...

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Gabriele Weingartner – Tanzstraße
Roman | Limbus Verlag 2010
Michael Buselmeier    28.07.2010
Gabriele Weingartner | Tanzstraße  
Edenkoben – eine sterbende Stadt?
Gabriele Weingartners vierter Roman Tanzstraße

Relativ spät, mit 48 Jahren, hat die als Journalistin tätige Gabriele Weingartner ihren ersten Roman Der Schneewittchensarg (1996) veröffentlicht, eine geradlinig erzählte Geschichte, die in ironischem Ton von den Erlebnissen eines neurotischen Anpassers in Westberlin berichtet. Auch im Mittelpunkt ihres zweiten Romans, Bleiweiß (2000), steht ein Anti-Held, dessen krummen Wegen und Blicken die Erzählerin zur Zeit der Wende folgt, eine spannende Ost-West- Geschichte.

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Natascha Wodin – Nachtgeschwister
Roman | Antje Kunstmann 2009
Johannes Kistner    17.07.2010
Natascha Wodin | Nachtgeschwister  
Poetisch. Radikal. Fiktional

Natascha Wodins Roman „Nachtgeschwister“ präsentiert sich empfindsam und souverän. Radikal auch gegen sich selbst beschreibt die Erzählerin den Sog, den die Dichtung des ihr zuerst unbekannten Jakob Stumm auf sie ausübt. Sie lotet diesen Sog und das Liebesverhältnis, das daraus entsteht, in ihrem Roman mit seltener Konsequenz aus.

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Drei weitere Kritiken zum Buch: Natascha Wodin | Nachtgeschwister

Michael Buselmeier: Er oder ich   externer Link
Katrin Ernst: Ein zweifelhafter Nachruf  externer Link
Dietmar Jacobsen: Begegnung in der Wüste  externer Link

Natascha Wodin – Nachtgeschwister
Roman | Antje Kunstmann 2009
Michael Buselmeier    16.07.2010
Natascha Wodin | Nachtgeschwister  
Er oder ich
Natascha Wodins Roman über ihr Leben mit Wolfgang Hilbig

Eine so extreme Liebes- und Hassgeschichte wie diese wird mancher für poetische Erfindung halten. Da gerät im Frühjahr 1986 der in Nürnberg lebenden Ich-Erzählerin der Gedichtband eines in Leipzig wohnhaften Schriftstellers in die Hand, und sie ist wie vom Blitz getroffen.

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Zwei weitere Kritiken zum Buch: Natascha Wodin | Nachtgeschwister

Katrin Ernst: Ein zweifelhafter Nachruf  externer Link
Dietmar Jacobsen: Begegnung in der Wüste  externer Link

Natascha Wodin – Nachtgeschwister
Roman | Antje Kunstmann 2009
Katrin Ernst    12.07.2010
Natascha Wodin | Nachtgeschwister  
Ein zweifelhafter Nachruf

Im Literaturstudium lernt man, klar zwischen Fiktionalität und Realität zu unterscheiden – und das nicht grundlos, wie die Rezeption von Natascha Wodins Roman „Nachtgeschwister” gezeigt hat. Die Öffentlichkeit identifi­zierte die Hauptfigur Jakob Stumm als den Schriftsteller Wolfgang Hilbig, der zu diesem Zeitpunkt leider schon etwas zu tot war, um Wodins privatpoe­tische Abrechnung noch kommentieren zu können.

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Natalja Kljutscharjowa – Endstation Rußland
Roman | Suhrkamp Verlag 2010
Tillmann Severin    17.07.2010
Natalja Kljutscharjowa | Endstation Rußland  
Russland: vierte Klasse ins Paradies

„Das Glück waren Küsse auf der Kussbrücke. Muntere Fischlein in der müden Moika. Das Glück stahl in den Läden fades Petersburger Brot und Brodsky-Taschentücher. ... Jenes auf ewig neunzehnjährige Glück lebt im Gedächtnis als endlose Musik.”

Doch ab neunzehn hat das Glück im gegenwärtigen Russland leider andere Sorgen: ...

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Weitere Kritik: Dietmar Jacobsen: Von radikalen Studenten ...   externer Link

Natalja Kljutscharjowa – Endstation Rußland
Roman | Suhrkamp Verlag 2010
Dietmar Jacobsen    30.06.2010
Natalja Kljutscharjowa | Endstation Rußland  
Von radikalen Studenten, Wanderphilosophen und grauhaarigen Komsomolzen
Natalja Kljutscharjowas Held Nikita reist im Romanerstling der jungen russischen Autorin durch ein Land der Extreme

Nikita heißt der knapp 20-jährige Student aus Sankt Petersburg, der in Natalja Kljutscharjowas Romandebüt die Hauptrolle spielt. Ähnlich wie sein berühmter Vorfahr Wenjamin aus der Reise nach Petuschki ist er im Zug unterwegs. Und was er erlebt auf seinen Fahrten kreuz und quer durch das heutige Russland ähnelt wohl nicht von ungefähr den Alkoholfantasien jenes auf dem Weg zu seiner Geliebten immer betrunkener werdenden Helden aus Jerofejews 1973 erschienenem Kultroman.

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Lisa Fritsch – Wannen Wonnen
Sonderzahl Verlag 2009
Franz Schuh    27.06.2010
Lisa Fritsch | Wannen Wonnen  
im Badezimmer lauern Voyeurismus, Todesgefahr und feuchte Träume

»Bei Thomas Mann habe ich etwas läuten hören von der „verstohlene(n)und zehrende(n) Sehnsucht nach den Wonnen der Gewöhnlichkeit“. Davon kann man in den Wannen einiges erleben, wenngleich sie sich für Schicksalsschläge, auch für Mordanschläge besonders gut eignen. …«

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Peter Wawerzinek – Das Desinteresse
Hasenverlag 2010
Simone Trieder    24.06.2010
Peter Wawerzinek | Das Desinteresse  
Lyrisches Lebensziel
Der Hallenser Dichter „Matthias“ Baader Holst

Er war auf der Suche nach einem „Dichter mit Mumm“, nach einem Freund, der „bereit war, alles zu geben und neben sich den anderen Dichter zu erdulden.“ Peter Wawerzinek, an dem sich der Literaturbetrieb regelmäßig die Zunge zerbricht (dabei ist es ganz einfach, er spricht sich, wie er sich schreibt: Wa-wer-zi-nek), findet Baader, dem der gleiche Literaturbetrieb Das Desinteresse entgegenbrachte, das der Autor zum Titel seines Buches machte.

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Adrian Kasnitz – Den Tag zu langen Drähten
Gedichte | parasitenpresse 2009
Crauss.    16.06.2010
Adrian Kasnitz | Den Tag zu langen Drähten  
das gelb des haltestellengeländers
Adrian Kasnitz zieht gedichte wie drähte aus einem trügerischen idyll

„eine einzige silbe, ein fremder in diesem landstrich“ – es braucht fast nichts, um denjenigen zu erkennen, der nicht in die gegend gehört, nicht oder nicht mehr von hier kommt.

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Grit Kalies – Auf Zeit
Gedichte | Mitteldeutscher Verlag 2008
Crauss.    16.06.2010
Grit Kalies | Auf Zeit  
man rief wohl nach bäumen – und bekam etwas plastik

mit diesem gedichtband ist es mir, ehrlich gesagt, nicht gut ergangen. das lag zum teil an mir, teils an den gedichten. die poetische probe auf dem umschlag, die begann mit „wir hacken das eis auf / und werfen den hund / in das ewig willige wasser“ hatte mich neugierig gemacht. als ich den band aufschlug, schimmerte mir dann „im gegenlicht ein falke / über dem berg­baufolgesee“ entgegen: das erste kapitel mit texten über das „rückhal­tebecken stöhna“ und die „hochhalde trages-espenhain“ beschäftigt sich mit der gegend und dem tagebau südlich leipzig. und schon war ich draussen: mir fiel nämlich ein, dass vor einigen jahren bereits einmal ein ehrwürdiger dichter versucht hatte, diese gegend zu poetisieren.

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Clemens Meyer – Gewalten
S. Fischer 2010 | Ein Tagebuch
Ewart Reder    15.06.2010
Clemens Meyer | Gewalten  
Planet Meyer:
Ein großer Außenseiter umkreist den LiteraTurm

Was gegenwärtig real ist, war auf dem Frank&furter Festival LiteraTurm zu erfahren. Unter dem Motto „radikal gegenwärtig“ sprachen 27 Podien über den „zeit­diag­nostischen Roman“. „Wirklich“ hieß da unter anderem: das nicht von Göttern und auch nicht von Menschen Gelenkte. Zum Beispiel die Bankenwelt (sic!).

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Alek Popov – Für Fortgeschrittene
Residenz Verlag 2009
Dietmar Jacobsen    10.06.2010
Alek Popov | Für Fortgeschrittene  
Werri-najß to mit ju!
Die ausgewählten Erzählungen des Bulgaren Alek Popov werfen grell-groteske Lichter auf die Nachwendezeit im Balkanland

Auch im heutigen Bulgarien bieten sich bessere Job-Perspektiven für Män­ner und Frauen mit Englischkenntnissen. Doch weil Englisch im ehemaligen Ostblock nicht die Fremdsprache Nummer 1 war, müssen viele, die an ihrem Weiterkommen im Beruf interessiert sind, nach Feierabend noch einmal die Schulbank drücken.

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Simone Trieder – Barcodes
Gedichte | Hasenverlag 2010
Christian Kreis    09.06.2010
Simone Trieder | Barcodes  
Rezension von Christian Kreis mit Einwürfen von Christine Hoba

Simone Trieder hat einen originellen Lyrikband vorgelegt, in dem die Waren und ihre Käufer in ein Verhältnis gesetzt werden. „Barcodes“ heißt er und erscheint beim Halleschen Hasenverlag, nun in einer zweiten Auflage.

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