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Kritik
Romane, Erzählungen, Kurzprosa, Lyrik, Theorie, Literarisches
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Serhij Zhadan – Hymne der demokratischen Jugend
Erzählungen | Suhrkamp 2010
Dietmar Jacobsen    06.02.2010
Serhij Zhadan | Hymne der demokratischen Jugend  
Chancenlos in Charkiw
Serhij Zhadan wirft mit Hymne der demokratischen Jugend einen satirischen Blick auf die Ukraine von heute

Serhij Zhadans (Jahrgang 1974) sechs neue Erzählungen, vereinigt unter dem ironischen Titel Hymne der demokratischen Jugend, bilden just diese Situation auf bissig-sati­rische Weise ab. Ihr Autor, neben Jurij Andrucho­wytsch der im Moment wohl inter­national bekann­teste ukra­inische Schrift­steller, ist in seiner Heimat vor allem als Lyriker populär geworden.

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Michael Basse – skype connected
Ein Liebesbrevier | Verlag Ralf Liebe 2010
Arnim Steigenberger    02.02.2010
Michael Basse – skype connected  
Ich ist ein anderes Du

Hier lieben sich zwei. Ein männliches Ich, ein weibliches Du – das ist vermutlich der älteste Topos überhaupt: In Michael Basses Neuerscheinung erfreuen wir uns an 42 Liebes­gedichten, in denen es nicht nur um Liebe geht.

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Herta Müller – Atemschaukel
Roman | Hanser 2009
Ulrich Bergmann    29.01.2010
Herta Müller | Atemschaukel  
Eine Allianz mit der Seelen-Sprache der Leidenden

Iris Radischs Kritik in der Zeit vom 20.8.2009 ist nicht nur polemisch, sondern vernichtend.
...
Radisch übersieht das surplus an Dialektik, das die metaphorische Sprache dieses Romans erzeugt: Die expressive Bildsprache zitiert eine Zeit, in der extreme Desil­lusionierung und Hoff­nungs­losigkeit umschlugen in neue Hoffnung.

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Weitere Kritik | W. F.Schmid: Atemschaukel  externer Link

Peter Sloterdijk – Philosophische Temperamente
Von Platon bis Foucault | Diederichs Verlag 2009
Arnim Steigenberger    26.01.2010
Philosophische Temperamente - von Platon bis Foucault  
19 + 1 Vorwort zur Philosophie

Wer meint, er wisse doch bereits einiges über Philo­sophie und brauche deshalb dieses Buch nicht, liegt völlig falsch; wer meint, es handle sich hier um eine konventionelle Philo­sophiegeschichte, ähnlich der vor 40 Jahren erschienen Philo­sophischen Hintertreppe von Wilhelm Weischedel – nur eben aus Sloterdijkschem Blick –, liegt ebenso falsch.

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Ulrich Greiners Lyrikverführer
Lyrik/Theorie | C.H.Beck 20099
Arnim Steigenberger    19.01.2010
Ulrich Greiners Lyrikverführer  
Ein Verführer alter Schule

Eine neue Einführung in die Lyrik? Eins ist klar: Ein solches Buch muss sich ganz besonders anstrengen. Wer heute einen Verführer zu etwas nicht wirklich Populärem wie Poesie auf den Markt bringt, braucht – damit dieser gelesen wird – gute Gründe.

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Georg Bydlinski – Jahrzehnteschnell
Gedichte | Edition Razamba 2009
Christian Teissl    12.01.2010
Georg Bydlinski | Jahrzehnteschnell  
60 Gedichte aus 30 Jahren


Bei Angehörigen meiner wie auch der nach­fol­genden Generation weckt der Name Bydlinski schöne Kind­heits­erin­nerungen. Schließlich war es dieser Autor, von dem man gelernt hat, dass man „Lama“ auf „Pyjama“ reimen kann, dass jedes Ding, und sei es noch so unschein­bar, träumen kann und dass Freunde eigentlich immer wich­tig sind.

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Matias Faldbakken – Unfun (u.a.)
Triologie | Blumenbar (u.a.) 2009
Tillmann Severin    09.01.2010
Matias Faldbakken |  Unfun  
Slave of the system master of the flesh
Faldbakkens skandinavische Misanthropie in drei Romanen

„Schlagt euch die fucking europäischen Großstädte aus dem Kopf.“ Ist das nicht ein Stück nach­voll­ziehbar? Angenommen man sitzt in einem Café in einer dieser Groß­städte, um einen herum schlürfen schöne junge Menschen Latte macchiato und sprechen über ihre Kultur­projekte.

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Robert Littell – Das Stalin-Epigramm
Roman | Arche 2009
Dietmar Jacobsen    07.01.2010
Robert Littell | Das Stalin-Epigramm  
„Sorgen Sie dafür, dass man Sie vergisst“
Robert Littells Roman Das Stalin-Epigramm wirft noch einmal einen Furcht erregenden Blick zurück ins Jahrhundert der Ismen

Dichter – und nicht nur die – wollen frei sein. Ist das zu viel verlangt? Sich ausdrücken, wie es einem beliebt: ein Menschenrecht, sollte man meinen. Loben und geißeln – die da unten genauso wie die da oben. Keine Rücksicht nehmen müssen. Auf niemanden und nichts.

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Clemens Meyer – Treffpunkt
Reihe Stich-Wort
Mario Osterland    05.01.2010
Clemens Meyer | Treffpunkt  
Neues von ihm?


Das erste Kapitel eines „noch unveröffentlichten Episodenromans“ ver­sprach ein Flyer, der am 15. Dezember 2009 zur Lesung mit Clemens Meyer einlud. Nach den Erfolgen des Debutromans Als wir träumten (2006) und der Storysammlung Die Nacht, die Lichter (2008) ist es für den 32-jährigen ein Kinderspiel in seiner Heimatstadt einen Saal zu füllen.

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Lyrikstationen 2009
 
Theo Breuer    22.12.2009
FM  
Im Wortgestrüpp • Landen • usw.


Bereinigt um Bücher, deren nur scheinbar poetische Wortansammlungen ich auf keiner Seite lesenswert fand, versammle ich in der die Lyrikstationen 2009 abschließenden zwölften Station alle mir in diesem Jahr in die Hände gefallenen und gelesenen Lyrikeditionen mit der Zahl 2009 im Impressum, die ich in diesem Essay – exemplarisch – vorstelle und zum Abschluß einer jeder Station ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücke ...

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Jutta Voigt – Westbesuch. Vom Leben in den Zeiten der Sehnsucht
Aufbau 2009
Dietmar Jocbsen    15.12.2009
Jutta Voigt | Westbesuch  
Dicker Max und armer August
Jutta Voigt schaut zurück in die Zeit, als die Sonne für ein paar Jahrzehnte im Westen aufzugehen schien

Es waren immer die anderen und meist nicht einmal die intelli­­genteren Kinder, die untereinander Matchboxautos tauschten und in der großen Pause ihre Milchschnitte in den Dienst illegalen Wissens­­erwerbs stellten.

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Nancy Hünger – Deshalb die Vögel
Instabile Texte | Edition AZUR 2009
Christophe Fricker    10.12.2009
Nancy Hünger | Deshalb die Vögel  
Befreit durchatmen

Was sind „instabile Texte“? Als Cézanne zu malen begann, sagte man, seine luftigen, das Papier nicht deckenden Kombinationen von Farbflächen seien instabil, und das war kein Kompliment. Wegweisend war seine Betonung des Materiellen doch. Und schön, kenntlich. ...

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Christophe Fricker – Larkin Terminal
Reiseessays | Plöttner 2009
Matthias Kehle    07.12.2009
Christophe Fricker: Larkin Terminal  
Von fremdem Ländern und Menschen

„Freiheit besteht nicht nur darin, tun zu können, was man will, sondern auch darin, nicht verstehen zu müssen, was man tut. Bewegung kann sich selbst genügen.“ Der das schreibt, ist ein junger Dichter, Christophe Fricker, geboren 1978. Gerade erschienen ist sein neues, zweites Buch „Larkin Terminal“, gesammelte Essays eines leidenschaftlichen Reisenden. ...

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Marius Hulpe (Hg.) – Privataufnahme
Anthologie | Dahlemer Verlagsanstalt 2009
Matthias Kehle    07.12.2009
Marius Hulpe (Hg.) | Privataufnahme  
Junge deutschsprachige Lyrik

Vor einiger Zeit – es waren gerade die Anthologien Lyrik von Jetzt 2 und Neubuch erschienen – wurde auf den einschlägigen und viel gelesenen Websites und Blogs heftig gestritten. Es ging um Sinn oder Unsinn von Anthologien mit Gedichten der „jungen Generation“, der ab 1970 geborenen Nachwuchsdichter. ...

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Ralf Rothmann – Feuer brennt nicht
Roman | Suhrkamp 2009
Adrian Kasnitz    06.12.2009
Ralf Rothmann | Feuer brennt nicht  
Zwischen Himmeln und Höllen

Zwei in den letzten Monaten erschienene Romane beschäftigen sich mit der prekären Lage, in der sich der Schrift­steller befindet. Diesmal jedoch nicht unter dem finanziellen sondern unter dem sozialen Aspekt. Während viele andere Berufstätige ein Netzwerk von Kontakten und Bezie­hungen aufbauen können, bleibt die selbst gewählte Isolation, in der ein Künstler agiert, zwar einerseits der Garant für Unabhängigkeit, andererseits offenbart sie die Schwach­stellen des Systems, wenn er Gefahr läuft, durch die Maschen zu fallen. ...

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Axel Kutsch (Hrsg.) – Versnetze_zwei
Lyrikanthologie | Ralf Liebe 2009
Theo Breuer    04.12.2009
Axel Kutsch (Hrsg.) –  Versnetze_zwei  
Versnetze über den Sprachraum legen

Es ist also auch bei der Lektüre von Versnetze_zwei wie immer: Ich will eigent­lich bloß ein paar Seiten anlesen und stelle Stunden später fest, daß ich noch nicht gefrühstückt habe. Kutsch hält, was er im Vorwort verspricht ...

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Philippe Claudel – Brodecks Bericht
Roman | Kindler Verlag 2009
Karen Lohse    02.12.2009
Philippe Claudel | Brodecks Bericht  
„Der Mensch ist ein Tier, das immer wieder neu anfängt“

Mit „Brodecks Bericht“ beendet Phillip Claudel seine Trilogie über die Verführ­barkeit des Menschen zur Gewalt

Es gibt eine Schmetterlingsart, die in größeren Gruppen zusammenlebt. In friedlichen Zeiten akzeptieren sie auch artfremde Exemplare. In bedrohlichen Situationen aber schließen sie diese aus der Gemeinschaft aus, um das eigene Überleben zu sichern ...

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Jo Lendle – Mein letzter Versuch die Welt zu retten
Roman | DVA 2009
Tillmann Severin    24.11.2009
Jo Lendle | Mein letzter Versuch die Welt zu retten  
Castorchaos vs. Eigenheim

Hinfahrt – Rückfahrt. Zwei Tage, ein Atemzug in den sich Jo Lendles neuer Roman Mein letzter Versuch die Welt zu Retten gliedert. Am Anfang steht Florian Beutler, genannt Flo, der uns zwei Dinge unmissverständlich klar macht: Das eine, dass er es ist, der uns seine Geschichte erzählt, und das andere, dass er bereits tot ist.

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Martin von Arndt – Der Tod ist ein Postmann mit Hut
Roman | Klöpfer & Meyer Verlag 2009
Ewart Reder    01.12.2009
Martin von Arndt – Der Tod ist ein Postmann mit Hut  
Chapeau, Monsieur le facteur!

Findet einer da, wo im geordneten Weltbau seine Identität vorgesehen wäre, nichts vor, irritiert ihn das. Oder es inspiriert ihn. Seit Max Frisch (spä­tes­tens) ist die Leerstelle Identität ein Dauerthema der Literatur. Immer häufiger werden Romane geschrieben über das, was die Psychologie Ich-Schwäche nennt.

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Max Frisch – Antwort aus der Stille
Suhrkamp 2009
Dietmar Jacobsen    23.11.2009
Max Frisch: Antwort aus der Stille  
Zwischen Tat und Tod
Max Frisch wollte von seiner zweiten Prosaarbeit später nichts mehr wissen – fast zwei Jahrzehnte nach dem Tod des Autors hat sein Verlag sie nun neu aufgelegt

Es ist schon raffiniert, wie der junge Max Frisch – 1911 geboren, ist er zum Zeitpunkt der Niederschrift von Antwort aus der Stille 25 Jahre alt – seinen Helden Stück für Stück Kontur gewinnen lässt.

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Hans-Jost Frey – Dante. Fünfundzwanzig Lesespäne
Urs Engeler Editor 2008
Norbert Lange    19.11.2009
Hans-Jost Frey | Dante. Fünfundzwanzig Lesespäne  
Über Hans-Jost Freys: Dante

Wie geht das: Lesen? Erstaunt und naiv möchte ich diese Frage stellen. Besonders wenn ich ein Buch wie das von Hans-Jost Frey lese. Und einmal mehr, weil es zu den Büchern gehört, die in den vergangenen Jahren erschienen sind und denen offenbar nur wenig Aufmerksamkeit entgegen­gebracht wurde.

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A. Kramer u. J. V. Röhnert (Hg.): Die endlose Ausdehnung von Zelluloid
Anthologie | Edition Azur 2009
Léonce Lupette    17.11.2009
Die endlose Ausdehnung von Zelluloid  
In gestochner Schärfe Flimmern

„Statt von allem, was jemals geblüht hat, eine Trockenprobe im Herbarium aufzubewahren und somit Vergangenes zu archivieren, sollte [die Antho­logie] sich besser als meteoro­logisches Register bewähren; sollte dartun, was uns blüht.“ Felix Philipp Ingolds Anmer­kungen zu Anthologien, jüngst in Volltext erschienen, bieten in ihrer vehementen Kritik an der grassie­renden Archi­vierung sinnvolle Kriterien zur Beurtei­lung solcher Sammlungen.

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Auferstanden aus Ruinen?
Zwei neue Anthologien besichtigen die Lyrik der DDR
Michael Braun    10.11.2009
DDR-Lyrik  
Auferstanden aus Ruinen?

Sie stand am Anfang einer neuen Zeit – und wagte es, die angeb­lichen „Errungen­schaften“ dieser neuen Zeit mit poetischem Eigen­sinn in Frage zu stellen. Sie fragte nach der Haltbar­keit der neuen sozialis­tischen Utopien – und fand so viele skep­tische Antworten, dass den politischen Administra­toren dieser Utopie Hören und Sehen verging.

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Uljana Wolf – falsche freunde
Gedichte | kookbooks 2009
W. F. Schmid    07.11.2009
Uljana Wolf | falsche freunde  
Bilinguale Kippfiguren

Als Uljana Wolf 2006 mit gerade einmal 26 Jahren der Peter-Huchel-Preis für ihr Debüt verliehen wurde, war die Überraschung groß im kleinen Lyrik­betrieb. Die Erwartungen auf den Nachfolgeband, für den sich die Dichterin vier Jahre lang Zeit gelassen hat, hingen entsprechend hoch.

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Siegfried Lenz – Landesbühne
Suhrkamp 2009
Dietmar Jocbsen    05.11.2009
Siegfried Lenz | Landesbühne  
Manchmal kann die Wahrheit nur erfunden werden
In seinem neuen Erzähltext Landesbühne übermalt Siegfried Lenz die Realität ganz im romantischen Stil

Eigentlich kennt man Siegfried Lenz mehr als handfesten Realisten. Seine Figuren stehen beidbeinig in der Wirklichkeit. Die Konflikte in die sie geraten, konfrontieren sie mit ihrer Zeit und ihrer Welt.

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Johannes Weinberger – Das kleine Tao der Tiere
Luftschacht 2009
Roland Steinerr    04.11.2009
Johannes Weinberger | Das kleine Tao der Tiere  
Angst im Rohrschachtest

Weinbergers jüngstes Werk legte dem Verlag wohl ein Etikettierungsrätsel auf: Welcher Gattung könnte man diese 50 Traum­sequenzen und Wirk­lichkeits­kader eines einzigen, weil ewig dauernden Tages zuordnen? Die Rezeption aber funktioniert auch ohne Label.

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A. J. Weigoni – Vignetten
Novelle | Edition Das Labor 2009
Theo Breuer    27.10.2009
A. J. Weigoni | Vignetten  
Lachfalten im Gesicht der Zeit

Ein schmaler Band – 64 Seiten einschließlich des Vorworts von Holger Benkel und des Nachworts von Enrik Lauer: Die Poesie des 21. Jahr­hunderts ist synästhetisch. Eine Novelle, zwei Kapitel (Mäander und Uräus). 53 Seiten. Kurz, knapp, aber nicht lakonisch.
     Eingehüllt in weißen festen Einband, von ranker Vignette geziert. Signiert und numeriert. Ein schmales Buch, ein schlichtes Buch, ein schönes Buch.

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Tom Schulz – Kanon vor dem Verschwinden
Gedichte | Berlin Verlag 2009
Henning Heske    06.10.2009
Tom Schulz | Kanon vor dem Verschwinden  
Zeilensprunghaft

Der Titel des neuen Buches von Tom Schulz kam mir irgendwie bekannt vor. Lag es daran, dass Kollegin Andrea Heuser im letzten Jahr einen Lyrikband mit der Aufschrift „vor dem verschwinden“ vorgelegt hatte oder weckte er Erinnerungen an Hans Magnus Enzensbergers Gedichtsammlung „Die Furie des Verschwindens“, die 1980 in sattem Orange in der legen­dären edition suhrkamp erschienen war?

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Thomas Brasch – Ich merke mich nur im Chaos
Suhrkamp 2009
Madeleine Prahs    03.10.2009
Thomas Brasch | Ich merke mich nur im Chaos  
Der Seismograph
Interviews mit dem Lyriker, Schriftsteller, Filme­macher und Drama­tiker Thomas Brasch

Der Schriftsteller Thomas Brasch konnte über das Erzählen und das Schreiben so präzise wie poetisch sprechen. Aber er konnte in Gesprächen ebenso scharfsinnig widersprechen, wenn versucht wurde, Literatur auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu bringen: den politisch-geographischen.

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Thomas von Steinaecker – Schutzgebiet
Roman | Frankfurter Verlagsanstalt 2009
Dietmar Jocbsen    24.09.2009
Thomas von Steinaecker | Schutzgebiet  
Unsicherheitsfaktor Mensch
Thomas von Steinaecker mischt in seinem neuen Roman deutsche Kolonial­geschichte mit Franz Kafka und Jules Verne

Es sind alles Gescheiterte, die sich da Anfang des zweiten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts in der fiktiven deutschen Kolonie Tola am westlichen Rand des afrikanischen Kontinents zusammenfinden. Henry Peters, wenn man so will die Zentralfigur des Romans, erleidet gleich zu Anfang Schiffbruch im wahrsten Sinne des Wortes.

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Roman Graf – Herr Blanc
Roman | Limmat 2009
Johanna Hemkentokrax    19.09.2009
Roman Graf | Herr Blanc  
Anleitung zum Unglücklichsein

Herr Blanc liebt die Schweiz, die Ruhe, Ordnung, Gemüt­lichkeit und feste Rituale. Er ist der perfekte Klein­bürger. Risiken, Abenteuer und Unbe­rechen­bar­keiten sind ihm ein Graus.

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Andreas Maier – Sanssouci
Roman | Suhrkamp 2009
Tillmann Severin    14.09.2009
Andreas Maier | Sanssouci  
Im Lustgarten von Sanssouci

„Für Anni Schmidt war der westdeutsche Regisseur ein sehr angenehmer Nachbar gewesen.“ Soviel erfahren wir im ersten Satz über Hornung, der zu Anfang des Romans Sanssouci in Frankfurt beerdigt wird; vielmehr aber auch bis zum Schluss nicht.

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Herta Müller – Atemschaukel
Roman | Hanser 2009
Walter F. Schmid    05.09.2009
Herta Müller | Atemschaukel  
Als die Hautundknochenzeit da war

„Wir waren alle in keinem Krieg, aber für die Russen waren wir als Deutsche schuld an Hitlers Verbrechen.“ Nicht weniger als 80.000 Rumäniendeutsche trieb diese auferlegte Schuld nach dem Sturz und der Hinrichtung des Diktators Antonescu ins russische Arbeits­lager. Alle Männer und Frauen zwischen 17 und 45 sollten deportiert werden, um Russland beim „Wiederaufbau“ zu helfen.

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Nicolas Dickner – Nikolski
Roman | Frankfurter Verlagsanstalt 2009
Carola Gruber    03.09.2009
Nicolas Dickner | Nikolski  
Eine herrliche Verschwendung

Am Anfang kann es helfen, Blatt und Stift bereitzuhalten. Denn hier scheint jeder mit jedem verwandt zu sein oder doch zumindest in enger Verbindung zu stehen – teils, ohne es selbst zu wissen. Und überhaupt hängt in Nicolas Dickners Debütroman Nikolski unwahr­scheinlich viel mit unwahr­schein­lich vielem zusammen ...

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Ruth Johanna Benrath – Rosa Gott, wir loben dich
Marc Degens – Abweichen
Daniel Ketteler    29.08.2009
Marc Degens – Abweichen  
Game over oder Reset?

Ammann und Engeler stellen den Betrieb ein, Kookbooks in Nöten und die Regale voll mit Fun und Fantasy. Dazu die aktuellsten Blut-und-Sperma-Operetten, Tankstellen­literatur nebst den neusten Spiessbürgerlichkeiten irgendeines einsam vor sich hindämmernden, selbst­erklärten Kulturchefs. Was ist los in unseren Buch­handlungen? Game over in der Verlags­landschaft (Standard, Dante Andrea Franzetti, 21.08.09)? Oder Neustart?

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Walter Helmut Fritz – Gesamtwerk
Verlag Hoffmann und Campe 2009
Matthias Kehle    26.08.2009
Walter Helmut Fritz  | Gesamtwerk  
Entwicklung von ruhiger Konsequenz

„Seine Gedichte kommen ohne großen Stimmaufwand aus, sie haben Behutsamkeit, Zartheit, Strenge, sind – trotz gelegentlicher Ver­schwie­gen­heit – offen für die Verständigung mit dem Leser.“ Was Walter Helmut Fritz über die Lyrik eines Kollegen schrieb, gilt auch für seine eigenen Gedichte. Heute wird der große Karlsruher Dichter achtzig Jahre alt.

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Tom Schulz (Hrsg.) – alles außer Tiernahrung
Neue politische Gedichte | Rotbuch 2009
Walter F. Schmid    24.08.2009
Tom Schulz (Hrsg.) | alles außer Tiernahrung  
Wenn Dichter mit Flaggen wedeln

Wenn Lyrik und Politik aufeinander Kurs nehmen, ist fast immer ein Konflikt in der Gedichtpolitik vorprogrammiert. Die einen meinen, die Politik tauge nicht als Thema für die Lyrik, die anderen, dass Gedichte kein probates Dar­stellungsmittel für die Politik sind. Der Streitpunkt der Verein­barkeit beider Bereiche wird sich nur schwer beseitigen lassen, und das ist gut so.

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Daniel Kindslehner – Das Leben der Wünsche
Roman | Hanser 2009
Daniel Kindslehner    21.08.2009
Thomas Glavinic | Das Leben der Wünsche  
Durch den Raum und gegen die Zeit

„Eine Sekunde! Setzen wir uns auf die Bank vor diesem Brunnen! Ich möchte Ihnen ein Angebot machen.
Meinen Sie mich?
Ich meine Sie.“

Unmittelbarer könnte ein Einstieg in eine Geschichte wohl kaum von­statten­gehen als in Thomas Glavinics neuem Roman.

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Valeria Parrella – Zeit des Wartens
Roman | C. Bertelsmann Verlag 2009
Tillmann Severin    20.08.2009
Valeria Parrella | Zeit des Wartens  
Zwischen Kopf und Zahl

Jeder kennt das: Was hätte ich antworten sollen? Und so ver­strickt man sich in Tagträumereien, Fiktionen und flieht mögli­cher­weise zu ihnen. Bei Maria, der 42jährigen Erzählerin in Valeria Parrellas neuem Buch „Zeit des Wartens“, wäre das zunächst nichts Ungewöhnliches:

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Olga Tokarczuk – Unrast
Schöffling 2009
Adrian Kasnitz    14.08.2009
Olga Tokarczuk |  Unrast  
Immerwährendes Boarding

„Mir scheint, dass für unsere Zeit Unrast ein solches Wort sein könnte“, schreibt Olga Tokarczuk über ihre Suche nach einer etikettierenden Be­zeichnung für die heutige Gesellschaft, für den Zustand des äußerst mobilen Menschen.

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Selma Mahlknecht – Es ist nichts geschehen
Roman | Edition Raetia 2009
Dietmar Jocbsen    10.08.2009
Selma Mahlknecht | Es ist nichts geschehen  
Im Schatten der großen Mutter
Das Romandebüt der Südtiroler Autorin ist ein kraftvolles Familienporträt mit archaischen Zügen

Sie heißen Sandy und Bess – und sie sind Schwestern. Sandy, die um drei Jahre Jüngere, hat die Schule abgebrochen und versucht, als Mädchen für alles in einem Südtiroler Hotel Fuß zu fassen. Bess zählt zur so genannten Generation Praktikum und schreibt Bewerbung um Bewerbung, ohne auch nur in die Nähe eines akzeptablen Jobs zu kommen.

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Ludwig Steinherr – Kometenjagd
Gedichte | Lyrikedition 2000, 2009
Walter F. Schmid    09.08.2009
Ludwig Steinherr | Kometenjagd  
Ein Lichtstrahl von Arkadien nach Elysium

Am Anfang war das Wort. Falsch. Am Anfang der Kometenjagd steht die „selbstvergessene Schöpfung“. Das Wort dagegen führt bei Steinherr zur Auftrennung in Geist und Materie, weil es den unbenennbaren geistigen Rest nicht tragen kann.

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Johann Lippet – Im Garten von Edenkoben
Lyrikedition 2000, 2009
Michael Wüstefeld    31.07.2009
Johann Lippet | Im Garten von Edenkoben  
Gern liegen Dichter in Gärten herum

Erst tummelt sich William Blake im Garten „der Liebe“, dann verlängert Thomas Rosenlöcher seine Beine „im Garten bei Kleinzschachwitz“, nun begibt sich Johann Lippet „ins schöne Babylon“ von Edenkoben, wo es inmitten pfälzischer Weingärten ein Künstlerhaus gibt, in dem schon viele Dichter zu Gast waren.

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Anna Ditges – Begegnungen mit Hilde Domin
Dokumentarfilm
Andreas Noga    26.07.2009
Begegnungen mit Hilde Domin  
Ich will dich – Begegnungen mit Hilde Domin

Am 27. Juli wäre Hilde Domin 100 Jahre alt geworden. Zum runden Geburts­tag strahlen WDR, SWR, 3sat und RBB derzeit einen Doku­mentar­film aus, der die bei Drehbeginn 95jährige auf poetische, sehr persönliche und unkonventionelle Weise näher bringt.

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Jean Daive – Unter der Kuppel | Erinnerungen an Paul Celan
Urs Engeler 2009
Walter F. Schmid    18.07.2009
Jean Daive | Unter der Kuppel  
Der Schatten Paul Celans

Die Zusammenarbeit zwischen den beiden Lyrikern Jean Daive und Paul Celan beginnt mit der Übersetzung von Gedichten aus Sprachgitter. Die bis zur Verzweiflung treibende Schwierigkeit, Celan zu übersetzen, in die Unter der Kuppel hineinleuchtet, verhindert aber dennoch keine Entfaltung einer intensiven Freundschaft, und Celan entschließt sich im Gegenzug zu einer Übertragung des Gedichtbandes Décimale blanche;

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Karen Lohse – Der Flug der Libelle
Roman | Kein & Aber 2009
Karen Lohse    15.07.2009
Michael Ebmeyer | Der Neuling  
Der Flug der Libelle

Drei aus Zeit und Raum gefallene Menschen treffen an einem Ort auf­einander, an dem es nicht nur eine Realität gibt, sondern viele. Matthias Bleuel, Logistiker aus Stuttgart besucht eine Filiale seiner Firma im für ihn entlegensten Winkel der Welt: Kemerowo, eine Stadt im Westen Sibiriens.

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Anton G. Leitner (Hg.) – power / relax / smile
Lyrik | dtv 2009
Peter Kapp    12.07.2009
Anton G. Leitner (Hg.) | power / relax / smile  
Lyrik statt Schokolade

Trotz aller Begeisterung und dem großen Engagement kleiner und größerer Dichterzirkel kann nicht darüber hinweg gesehen werden, dass Lyrik heute leider selten beim breiten Lesepublikum ankommt: Bekanntlich gibt es in Deutschland schon lange mehr Lyrikschreiber als Lyrikleser.

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Wulf Kirsten – Brückengang
Essays und Reden | Ammann 2009
Dietmar Jacobsen    19.06.2009
Wulf Kirsten | Brückengang  
Die lange Brücke zum eigenen Werk
Mit einer Sammlung von Wulf Kirstens Essays aus den letzten 10 Jahren gratuliert ihm sein Verlag zum 75. Geburtstag


Der Dichter Wulf Kirsten macht es seinen Lesern nie einfach. Den am 21. Juni 1934 in Klipphausen nahe dem sächsischen Meißen Geborenen zu lesen, war und ist immer mit Anstrengung verbunden.

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Heiner Müller – Traumtexte
Bibliothek Suhrkamp 2009
Walter F. Schmid    17.06.2009
Heiner Müller | Traumtexte  
Er·träumt die Freiheit schizophrener Textruinen

„‚Ich habe kurz vor dem Aufstehen was geträumt.‘ Und er [Heiner Müller]: ‚Schreib's auf! So wie's dir in den Kopf kommt, schreib's auf!‘ Vor der Probe, während der Riesenstab sich sammelte und ich mich eigentlich umziehen mußte, saß ich und kritzelte auf ein Papier, was ich geträumt hatte, und das gab ich Heiner. Und Heiner gab es Bob Wilson.

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Rayk Wieland – Ich schlage vor, dass wir uns küssen
Roman | Antje Kunstmann 2009
Dietmar Jacobsen    16.06.2009
Rayk Wieland | Ich schlage vor, dass wir uns küssen  
„Die DDR war nie mein Lieblingsfilm“
In Rayk Wielands Romansatire erlebt der Leser die Geburt eines Unter­grund­dichters wider Willen


Jahrelang haben die Feuilletons in den frühen 90ern nach dem ultimativen Wenderoman Ausschau gehalten, ohne ihn je zu bekommen. Dann hat sich ein gewichtiger Autor genau in der Mitte des ersten Jahrzehnts nach dem Beitritt an einem solchen versucht und ist gescheitert.

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C.-C. Elze – Gänge | C. Kreis – Nichtverrottbare Abfälle
Gedichte | mdv 2008, Connewitzer 2009
Daniel Ketteler    12.06.2009
C.-C. Elze: gänge | C. Kreis: Nichtverrottbare Abfälle  
Nichtverrottbare Jenseitspiloten

„gänge“ von Carl-Christian Elze, sein zweiter Gedichtband, beginnt mit einem „Aufgang“, genau genommen mit einem Aufstieg in höchste Höhen, mit einem Flug: „wenn menschen fliegen, ist das kein fliegen, // wenn vögel fliegen, ist das kein fliegen // fliegen ist gar nicht zu spüren auf erden“.

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Thomas Pynchon – Gegen den Tag
Roman | Rowohlt 2008
Jens Kassner    08.06.2009
Thomas Pynchon | Gegen den Tag  
Ein glitzernder Trümmerberg

Ein glitzernder Trümmerberg Die Romane des großen Unbekannten der amerikanischen Gegenwartsliteratur haben Gewicht – 1600 dichtbedruckte Seiten wie bei Gegen den Tag ignoriert man nicht so leicht. Thomas Pynchon muss niemandem mehr etwas beweisen, seinen Platz in der Litera­tur­geschichts­schreibung hat er sicher.

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Lutz Rathenow – Gelächter, sortiert
Gedichte | Ralf Liebe, Weilerswist 2009
Matthias Kehle    05.06.2009
 
Durchwachsen

Er nennt sich einen „etablierten Außenseiter“, der eher „merkwürdige Literaturpreise“ bekommen habe und 15.000 Seiten eigener Stasi-Akten zur Kenntnis habe nehmen müssen. Tatsache ist, dass Lutz Rathenow einer der wichtigen Gegenwarts­lyriker ist. Außerdem ist der vielseitige Schriftsteller mit einem bemerkens­werten Bildband über Ostberlin und einem hübschen Kinderbuch zum Bestsellerautor geworden.

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Ewart Reder – Verfasste Landschaft
Gedichte | axel dielmann – verlag 2008
Gerald Brandt    28.05.2009
 Ewart Reder | Verfasste Landschaft  
Für Grenzgänger und Widerleser

Dass Ewart Reder schreiben kann, dürfte inzwischen hinreichend bekannt sein, muss nicht weiter ausgeführt werden. Und doch schafft er es immer wieder, seine Leserinnen und Leser zu überraschen. Mit Gedichten, die so gründlich gegen den Sprachstrich gebürstet sind, dass es gelegentlich beinahe schmerzt. Die sich dem Lesenlassen zunächst widerborstig verweigern, um einen dann überfallartig mit wunderbaren Assoziationen und sprachschöpferischem Eigensinn zu beeindrucken und innehalten zu lassen.

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Ludvik Kundera – do Ra Da (da)
Gedichte | Arco Verlag und Poesiealbum 2008
Volker Sielaff    25.05.2009
 Ludvik Kundera | el do Ra Da (da)  
Sommerbuch der kleinen Wünsche

Schon auf dem Deckblatt stehen, als Name und Buchtitel, zwei Verse: „Ludvík Kundera / el do Ra Da (da)“. Sein Name dürfte auch wenig er­fahrenen Lyriklesern ein Begriff sein, denn Kundera zählt heute zu den bekanntesten tschechischen Dichtern der Gegenwart, und vielmaschig ist inzwischen das Netz der Korrespondenzen zwischen ihm, dem 1920 im böhmischen Litomerice geborenen Poeten, und seinen (lebenden und toten) deutschen Freunden und Kollegen, die er fast alle auch ins Tschechische übersetzt hat: Peter Huchel, Franz Fühmann, Günter Kunert, Heinz Czechowski, Erich Arendt, Hanns Cibulka und viele andere.

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Eberhard Häfner – In die Büsche geschlagen
Gedichte | Lyrikedition 2000, 2008
Michael Wüstefeld    23.05.2009
Eberhard Häfner | In die Büsche geschlagen  
Schön verquer

Wo andere Dichter Das ist ja das geniale an der von Heinz Ludwig Arnold gegründeten „Lyrik Edition 2000“: den Lesern werden vergriffene Lyrikbände wieder zugänglich und abgegriffene Lyriker zu Novitäten gemacht. So hat sich diese Editionsreihe zu einer wahren Fundgrube mit inzwischen über 100 Bänden entwickelt.

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Michael Köhlmeier – Idylle mit ertrinkendem Hund
Prosa | Deuticke im Paul Zsolnay Verlag 2008
Dietmar Jocbsen    22.05.2009
Michael Köhlmeier | Idylle mit ertrinkendem Hund  
„Worte sind das Werkzeug des Narren“
Michael Köhlmeiers Novelle Idylle mit ertrinkendem Hund ist große Kunst und berührende Trauerarbeit in einem

Kunst ist Kunst und Realität Realität. Wer Literatur macht, ist sich dessen in der Regel bewusst und genießt es, die tristen Gegebenheiten des Daseins auf ein paar Dutzend oder Hunderten von Seiten einmal beiseite lassen zu können, sich zum Demiurgen einer Parallelwelt aufzuschwingen, in der die Kontraste schärfer, die Figuren konturierter, die Konflikte tödlicher sind.

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100 Gedichte aus der DDR – Buchwald / Wagenbach (Hg.)
Anthologie | Wagenbach 2009
Michael Wüstefeld    15.05.2009
100 Gedichte aus der DDR | Hg. Christoph Buchwald und Klaus Wagenbach  
Merkwürdigkeiten einer Anthologie

Wo andere Dichter Der Jubiläumismus hat die Verlage fest im Griff. 20 Jahre Mauerfall und 20 Jahre Deutsche Einheit gestalten die Programme maßgeblich mit, auch im Wagenbach Verlag. Schon zu Zeiten des Kalten Krieges waren dort Bücher von DDR-Autoren wie Christa Reinig, Peter Huchel und Wolf Biermann erschienen, die zum Teil im „Leseland“ nicht gelitten waren.

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Erika Burkart – Geheimbrief
Gedichte | Ammannn 2009
Walter F. Schmid    12.05.2009
Erika Burkart | Geheimbrief  
Jenseits der Menschen die Lieder

Wo andere Dichter schon aufgehört haben zu schreiben, weil sie vom ewigen Selbstzitieren genervt sind, schreibt Erika Burkart fleißig weiter. Der Vorwurf des Selbst­zitierens trifft auf den ersten Blick wohl bei niemandem sonst so deutlich zu. Auf den ersten Blick.

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Volker Braun – Machwerk
Suhrkamp 2008
Dietmar Jacobsen    07.05.2009
Volker Braun | Machwerk  
Inmitten des „Großen Umsonst“
Volker Brauns Flick von Lauchhammer ist ein armer Schelm des anbrechenden dritten Jahrtausends

Mit seinem Gedicht Das Eigentum hat Volker Braun im Sommer 1990 als einer der ersten deutschen Autoren einen poeti­schen Kom­mentar zur Lage im öst­lichen Teil seines Vaterlands am Vorabend der Wieder­ver­einigung abgegeben. Es wird seither viel zitiert, doch leider auch nicht selten miss­verstanden. Denn nicht von jammer­satter Ostalgie, eher von Paradoxie sollte wohl die Rede sein, wenn es heißt: „Was ich niemals besaß, wird mir entrissen. / Was ich nicht lebte, werd ich ewig missen.“

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Hélène Berr –  Pariser Tagebuch 1942-1944
Hanser 2009
Antonín Dick    24.04.2009
Hélène Berr  |  Pariser Tagebuch 1942-1944  
Ein atemberaubendes Zeugnis

„Ich schreibe hier, weil ich nicht weiß, mit wem ich reden soll“. So eine der ersten Tage­buchnotizen einer Einund­zwanzig­jährigen im nazi­besetzten Paris. Das Aufschreiben beru­higt sie. Nach Eintrag einer längeren Ge­schich­te resümiert sie: „Es genügt, daß ich sie dir erzählt habe, mein Blatt Papier; schon ist alles besser.“

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Walle Sayer –  Kerngehäuse
Prosagedichte | Klöpfer & Meyer 2009
Matthias Kehle    23.04.2009
Walle Sayer | Kerngehäuse  
Eine Innenansicht des Wesentlichen

„Stell einen Notenständer ins Freie, schon sammeln sich darauf Schwalben.“ Solche wunderbaren Bilder finden sich in dem neuen Buch des Horber Dichters Walle Sayer zu Hauf. „Kerngehäuse. Eine Innenansicht des Wesentlichen“ nennt er die Sammlung von kurzen Prosastücken, die meisten kaum länger, oft kürzer als eine halbe Seite.

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Antonin Artaud – Van Gogh, der Selbstmörder durch die Gesellschaft
Matthes & Seitz 2009
Tobias Roth    18.04.2009
Antonin Artaud | Van Gogh, der Selbstmörder durch die Gesellschaft  
Mit Kunst über den Ernst der Kunst

Antonin Artaud, über den es etwa bei Derrida irrwitzig komplizierte Dinge zu lesen gibt, hat selbst nicht leicht geschrieben, wie er auch nicht leicht gelebt hat. Die Leidens­erfahrung der Psychia­trie als Ort des blanken Ter­rorismus, die etwa in Sylvère Lotringers Buch Ich habe mit Antonin Artaud über Gott gesprochen eindrucks­voll geschildert wird, und die ganz und gar nicht psychiatrie­bedürftige Beschäf­tigung mit Erzeugung von Kunst reihen Artaud in den martyro­logischen Baum ... der genialen Wahn­sinnigen (Derrida, Die soufflierte Rede) ein, den er selbst als erster skizzierte.

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Andre Rudolph – fluglärm über den palästen unsrer restinnerlichkeit
Gedichte | luxbooks 2009
Walter F. Schmid    14.04.2009
Andre Rudolph | fluglärm über den palästen unsrer restinnerlichkeit  
Es leuchten Buchstaben über der Stadt

wie verstreut aufgepinselt aus dem Restlicht verglühender Sterne, die in eingerosteter Himmels­mechanik gerade noch ein aus­gefranst poröses Bild ausstrahlen: Die lyrische Person im geschundenen Morgen öffnet die Hitzekammer der unbewussten Schichten, die an der kalten Oberfläche aus­glüht.

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Thomas Stangl – Was kommt
Roman | Droschl 2009
Roland Steiner    10.04.2009
Thomas Stangl | Was kommt  
„Die Wirklichkeit ist Lüge“

Mit Karsamstag endete die im öster­rei­chi­schen Parlament gezeigte Aus­stellung zum Jubiläum „90 Jahre Republik Öster­reich“. Heikelster Zeit­abschnitt in der nach groß­koalitionärem Proporz erfolgten Konzeption dieser Schau waren die Jahre des austro­faschis­tischen „Stände­staates“ 1933/34-1938, die man offenbar wie jene der NS-Diktatur zu den republika­nischen zählte.

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M. Schwitter, E. St. Aubyn, G. Adair, Z. Jenny, M. Cărtărescu, Ch. Herwartz
Sammelrezension
Ewart Reder    09.04.2009
Die Wissenden  
Fremd im Eigenen
Sechs Häuser suchen sich ihren Roman

Wenn die Redensart recht hat und das Leben Straßen benutzt, sind Häuser deren Kreu­zungen. Fragt man die Mode, scheinen zwar viele ein Outdoor-Dasein zu fristen. Ihre Autos sind so hässlich wie die Kleinwagen vor vierzig Jahren und so groß wie damals die Häuser. Aber das täuscht, der gegen­wärtige Mensch verlässt sein Haus, außer um in ein anderes zu gehen, nur um allein zu sein oder der Auto­werbung nach­zuträumen.

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Natascha Wodin – Nachtgeschwister
Roman | Antje Kunstmann Verlag 2009
Dietmar Jocbsen    06.04.2009
Natascha Wodin | Nachtgeschwister  
Begegnung in der Wüste
Natascha Wodin schreibt nach Wolfgang Hilbigs Tod das Gegenstück zu seinem Roman Das Provisorium

„Er war hier angekommen wie in einer Hypnose. Hypno­tisiert hatten ihn seine eigenen Gedanken, und diese kreisten um die Gestalt einer Frau. Sie kreisten um ihre Gestalt und um ihr Bild, und es war ihm absolut nicht gelungen, sie zu einer wirklichen Frau für sich werden zu lassen. Das war ihm bei noch keiner Frau gelungen.“ Die Sätze stammen aus Wolfgang Hilbigs (1941 – 2007) letzten Roman Das Provisorium (2000).

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Jan Wagner, Björn Kuhligk (Hg.) – Lyrik von JETZT zwei
Gedichte | Berlin Verlag 2008
Alexander Nitzberg    02.04.2009
Jan Wagner, Björn Kuhligk (Hg.) | Lyrik von JETZT zwei  
Und weiter weiß man nicht ...

Junge Lyrik kann einiges bedeuten: zum Beispiel frisch, riskant und witzig. Oder auch unreif, schülerhaft und grün.
Der zuverlässigste Indikator für das poetische Können ist immer noch die Metaphorik, „that ocean where each kind / Does straight its own resemblance finde“ (Andrew Marvell): Hier spannt sich jenes feinmaschige Netz von Analogien, welches die sprachlichen Funde einfängt und ordnet.

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Leopold Maurer – Miller & Pynchon
Graphic Novel | Residenz 2009
Roland Steiner    31.03.2009
Leopold Maurer | Miller & Pynchon  
Humannumerik und wölfische Kommunikation

Rational bestimmte Obsessionen und unge­sunde Verlust­kompen­sationen schweiß­ten die Welt vermessenden Helden in diesem exzel­lenten Comic­roman zusammen, ein Werwolf­junge wird sie trennen. Die Helden, das sind Pynchon und Miller, ihre Helfer Hoffmann und Coraghessan. Freunde von literatur­geschicht­lichen Anspielungen und Quer­verweisen werden so denn ihre doppelte Freude an dieser in hart kontrastiertem Schwarz-Weiß gehaltenen Graphic Novel haben ...

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Björn Kuhligk – Von der Oberfläche der Erde
Gedichte | Berlin Verlag 2009
Marcus Roloff    28.03.2009
Björn Kuhligk | Von der Oberfläche der Erde  
Zwischen hier und der Fliehkraft

Björn Kuhligk gehört zur unprätentiösen Sorte Dichter, die sich von Dingen, die es nicht gibt, fernhalten. Für den der sagt, was er sieht, existiert zum Beispiel der Himmel (zumindest tagsüber) lediglich als Quelle von Licht. Schon gar nicht muss er als metapho­rischer Kuppel­bau herhalten, der dabei helfen soll, die Sprache wie einen geweihten Schluck Wasser rüber­geschoben zu kriegen, aus dem die semantisch beladenen Blasen aufsteigen, mittels derer das so genannte Gemeinte dann ausgedrückt wird.

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Lukas Kollmer – Anomia
Luftschacht 2009
Walter F. Schmid    25.03.2009
Lukas Kollmer | Anomia  
Burroughs, W.S.: Frankenstein. Wien: Luftschacht 1984

Wo Anomie eigentlich die Diskrepanz zwischen kulturellen Zielen und institu­tionali­sierten Mitteln meint, wo Orientierungs­losigkeit, soziale Bindungs­losigkeit und normativer Geltungs­verlust entsteht; wo die Anomietheorie eigentlich eine konkrete Handlungsanleitungbegründung für abweichendes Verhalten liefert, verschiebt Kollmer den Begriff in eine funktionale Gesellschaftstheorie: die politische Maschine.

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Michaela Falkner – Kaltschweißattacken
Prosa | Residenz 2009
Roland Steiner    23.03.2009
Michaela Falkner | Kaltschweißattacken  
Ein Kammerdrama des Devotionsschreckens

Ivan, der (begehrte) Schreckliche, Ivan, der (zwei Meter) Große: Diese Schläge aus­teilende und darin Euphorie auslösende monströs über­höhte Figur ist das Liebes- und Lebens­zentrum von Michaela Falkners namen­loser Ich-Erzählerin. Orientierte sich Michael Stavarič in seinem gewaltigem Ro­man Böse Spiele an griechischer Epik, erzählt die öster­reichische Radikal­künstlerin im Theatralik­duktus einer griechi­schen Tra­gödie von sich unbedingt verausgabender Devotion.

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Kathrin Schmidt – Du stirbst nicht
Roman | KiWi 2009
Walter F. Schmid    19.03.2009
Kathrin Schmidt | Du stirbst nicht  
Life in a glasshouse

In raschen Wechseln der Erzählperspektive wirft Kathrin Schmidt den Leser in ihren neuen Roman. Erst im zweiten Kapitel entrollt sich der Protagonistin selbst ihre Identität und ihr Schicksal: Ihr platzte ein Hirnaneurysma, sie erlitt eine Amnesie, eine Aphasie. Kathrin Schmidt, Spezialistin erinnerter Geschichte durch individuelle Schicksale, verlässt auch in Du stirbst nicht ihr Sujet nicht.

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Francisca Ricinski – Zug ohne Räder
lyrische Prosa | Editura Fundatiei Culturale Poezia 08
Andreas Noga    18.03.2009
Francisca Ricinski | Zug ohne Räder  
Texte sind Räume ...

Ricinskis Texte sind Räume. Räume, in denen Möbel aus Literatur, Musik, Theater, Kunst, autobiographischer Realität und Fiktion zu einem surrealen, melancholischen Ensemble verschmelzen. Im ersten Abschnitt des Buches sind diese Worträume als verspätete Briefe an längst verstorbene Dichte­rinnen und Dichter gerichtet.

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Bodo Kirchhoff – Erinnerungen an meinen Porsche
Roman | Hoffmann und Campe 2009
Dietmar Jacobsen    11.02.2009
Bodo Kirchhoff | Erinnerungen an meinen Porsche  
Ursel, Selma und Helene, Bankenkrach und Penisnot
Bodo Kirchhoffs aktueller Roman präsentiert sich als unernstes Pan­dämonium unserer krisengeschüttelten Gegenwart

Daniel Deserno heißt der Held in Bodo Kirchhoffs neuem Roman Erinnerungen an meinen Porsche. Der 39-Jährige – aus­gestattet mit sämtlichen Erkennungs­zeichen seines aktuell stark in Verruf geratenen Berufs­stands – ist ein Hans Dampf in allen Gassen des Investment­bankings. Da der Leser ihm begegnet, treibt ihn aller­dings mehr als die kolla­bie­renden Fonds seiner Bank ein intimes Problem um: Sein Porsche röhrt nicht mehr und das macht ihm zu schaffen.

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Daniel Glattauer – Alle sieben Wellen
Roman | Deuticke 2009
Dorothea Gilde    09.03.2009
Daniel Glattauer | Alle sieben Wellen  
Gefühlsschrank und Berührungspunkt

Was wäre wenn… Shakespeare eine Home­page gehabt hätte? Nun, dann hätte Ephraim Kishon* vielleicht keine Fortsetzung mehr schreiben müssen. Sie wissen schon, Romeo und Julia. Weil Shakespeare sie, getrieben vom inter-netten Drängen der edlen Damen, selbst geschrieben hätte? Daniel Glattauer jedenfalls hat es getan. In seinem neuen Buch Alle sieben Wellen spinnt er die virtuelle Liebesgeschichte von Emmi und Leo aus Gut gegen Nordwind weiter.

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Michael Wüstefeld – Das AnAlphabeth
Seidl 2007
Wolfgang Hädecke    05.03.2009
Michael Wüstefeld  |  Das AnAlphabeth  
Eine Schatztruhe voller Schaumkraut
Der Dresdner Dichter Michael Wüstefeld fischt kunstvoll nach Wörtern

Die berühmte dänische Lyrikerin Inger Christensen schrieb vor Jahren ein Lang­gedicht „Alphabet“, das mit dem Doppelvers beginnt: „Die Apri­kosen­bäume gibt es. Die Aprikosen­bäume gibt es.“ Vom Buch­staben A führte sie, jeweils Wörter mit dem folgenden Anfangs­buchstaben häufend, den Text bis zum N und brach nach 321 N-Versen ab ...

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Jürg Halter – Nichts, das mich hält
Gedichte | Ammann 2009
Konstantin Ames    01.03.2009
Jürg Halter | Nichts, das mich hält  
Noch'n Tranzendentalbelletrist

Satt mattrot der Ballon, der den pechschwarzen Stockschirm in den stark bewölkten Coverhimmel trägt; oder wird der Schirm von einem Sturm in Richtung Wolkenfront getragen, und der Ballon klebt an ihm? Oder … Die rätselhafte Zeichnung ist das Cover des schmalen, properen Gedichtbands Nichts, das mich hält. Jürg Halter, sein Autor hat sich mit dieser Figura etymologica gleich selbst ein kleines Denkmal gesetzt ...

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Theo Breuer – Wortlos
Gedichte | Silver Horse Edition 2009
Andreas Noga    28.02.2009
Theo Breuer | Wortlos  
du! (ruchu dur spruchu ust dus guducht)

In seinen jüngsten Essays (nachzulesen unter anderem in poetenladen) hat sich Theo Breuer mehrfach skeptisch über die Lyrik­produktion jüngerer Auto­rinnen und Autoren geäußert. Es mangele an Bänden, die unter die Haut gehen, im Kopf bleiben und auch im Bauch über die Lektüre hinaus nachwirken, weil sie Leben in sich aufgesogen haben.

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Wilhelm Genazino – Das Glück in glücksfernen Zeiten
Roman | Hanser 2009
Dorothea Gilde    26.02.2009
Wilhelm Genazino | Das Glück in glücksfernen Zeiten  
Halbtagsleben-Blues

Die Lektüre vom Glück in glücksfernen Zeiten kann, wie das Mittelmäßige Heimweh, Rat­losigkeit und Irritation hinterlassen. Die Haupt­figur Gerhard Warlich betreffend, ist das wohl Ziel des Romans gewesen. Woher aber kommt der unbequeme Grundton, der nach­hallt.

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Jorie Graham – Region der Unähnlichkeit
Gedichte | Urs Engeler Editior 2008
Jan Kuhlbrodt    24.02.2009
Jorie Graham | Region der Unähnlichkeit  
Detail aus der Schöpfung

„und aus dem äußersten Ende der Nacht der blühende Weißdorn aufstand.“
Wenn es noch Argumente gebraucht hätte, mit diesem Vers hätte sie mich gehabt. Im anti­ki­sie­renden Rhythmus bricht sich eine Erfahrung Raum die die Enden von Sinnlichkeit und Re­flexion zusammenbiegt zu einer auf der Seite liegenden Acht, und der blühende Weiß­dorn ist geradezu zu riechen.

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Sibylle Lewitscharoff – Apostoloff
Roman | Suhrkamp 2009
Dietmar Jacobsen    23.02.2009
Sibylle Lewitscharoff | Apostoloff  
Kinder der deutsch-bulgarischen Freundschaft
Sibylle Lewitscharoffs neuer Roman ist die Geschichte einer Abrechnung

Ruben Apostoloff ist Chauffeur. Keiner aus Pro­fession, sondern einer aus Freund­schaft, später gar Liebe. An Bord seines klapprigen kleinen Daihatsu hat er zwei Schwestern. Eine davon ist die Ich-Erzählerin. Als die um zwei Jahre Jüngere sitzt sie hinten. Es ist zugleich ihre Lieblings-, weil die Position, aus der heraus sie die Dinge im Griff hat. Man reist durch Bulgarien, von Veliko Tarnovo nach Schumen, weiter nach Varna und Nessebar, schließlich über Plovdiv nach Sofia.

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Thomas Bernhard – Meine Preise
Eine Bilanz | Suhrkamp 2008
Tobias Roth    21.02.2009
Thomas Bernhard | Meine Preise  
Ich danke dieser Jury

Der Literaturbetrieb hat die mäzenatische Dauer­förderung schon lange weitgehend durch den Literatur­preis ersetzt. Das hat den Nachteil, dass die Ehrungen und Besol­dungen nun Glücks­fälle und isolierte Karriere­momente sind, aber den großen Vorteil, dass man bei Belieben nicht nur Gutes über die Stifter zu reden und zu schreiben hat. Es bleibt über­lebens­wichtig in finan­ziellen Nah­tod­erfahrungen und verspricht gebündelte Auf­merk­samkeit – was auch immer man in diese Auf­merksamkeit hineinstellt.

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