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Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | Folge 93

Dies ist eine sächsische Autobiographie als Fragment in 99 Fragmenten. Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philosophen nennen das coincidentia oppositorum, d.h. Einheit der Widersprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

93

Kurze Erinnerung ans Bonner Glashaus

  Drei linke Musketiere aus Sachsen: Graf Einsiedel aus alt­sächsischem Adels­geschlecht, Stefan Heym aus Chemnitz, Gerhard Zwerenz aus Gablenz / Crimmitschau  



Das Bonner Stadtmagazin Schnüss schickt zwei Interviewer. Ich sitze über drei Wochen Posteingang. Das Papier türmt sich. Das Telefon quengelt, Nina hat Termine auszumachen. Heinrich Einsiedel kommt aus Moskau, Washington oder Tunis zurück, erstickt fast an seinen Neuig­keiten, die er unbedingt los­werden will. Es ist Frühjahr 1998, die Bundes­tags­wahl im Herbst droht, die zwei von Schnüss sitzen vor mir am Schreib­tisch, von links nudelt das Parla­ments­fern­sehen dazwischen und der Raum ist prall gefüllt.
Wir sind etwas beengt, erkläre ich das Offen­sichtliche. Die junge Frau wirkt verwundert bis unzufrieden. Der Redakteur heißt Markus Peters und verkörpert mit Leib, Seele, Gesicht, Alter und Kleidung die gute westdeutsche Vergangenheit unserer heimatlosen, dafür weder herz- noch hirnlosen Linken. Wir fallen in angeregte Gespräche, verlieren uns in vielfältige Geschichten: SDS, APO, Ostermarsch, Friedensdemo, Anti-Atom, Anti-Raketen, Anti-Vietnam­kriegs-Kund­gebungen, wann setzten wir den Bonnern das viel­gehasste Deserteurs­denkmal vor die Nase? Mit Rädern dran zum Wegrollen. Peters und ich schwelgen in damaligen Zeiten herum. Wir waren jünger, voller Hoffnungen, Pläne, Ziele.
1939 – 1989: 50 Jahre
2009 plus 20 Jahre und munter gehts in neue Kriege.
Drüben in Beuel gab's am Abend der großen Demo mein Drei-Szenen-Stück Deutschreichs Helden­vaterland, in den wich­tigsten Rollen Hauptmann Dregger, dann Otto Ohlendorf, der Intellek­tuelle und Massen­mörder sowie die Verkör­perung aller Generäle in einem einzigen Schau­spieler, wann war das? Premiere 2. September 1989, das Theater hieß Brot­fabrik, die Darsteller firmierten als „Jubi­läums­ensemble“, waren das heiße Zeiten kurz vor der Ver­un­einigung. (General auf den Dichter zeigend: Sowas wie Sie hätte nie über­leben dürfen! Dichter: Churchill und Roosevelt lehnten leider ab, was Stalin vorschlug – fünfzig­tausend deutsche Offiziere erschie­ßen zu lassen – peng-peng-peng... Haus­hälterin: Und wie das hier wieder aussieht – leere Flaschen, Gläser, auf dem Teppich Flecken und Krümel...) Wir halten ein, ernüchtert, ohne zuvor auch nur einen Tropfen getrunken zu haben. Der Inter­viewer erinnert sich an den Zweck seines Besuches, die junge Frau ist noch unzu­frie­dener als vorher, ihr Idealis­mus kommt zu kurz, ihre Einwände gegen die Parlamentsarbeit zeugen von ungetrübter linker wie feministischer Energie, tut mir leid, Genos­sin Dame, Markus Peters und ich wechseln den Blick geprügelter Hunde samt einverständigem Blinzeln, gelegentlich beißen wir zurück.
Jetzt aber gibt's die drollige Absause, die Pflicht zwingt uns rüber ins Parlament, als ich auf die Flex-Straße trete, sehe ich weiter unten Heinrichs wehenden Sommer­mantel. Der Schnüss-Artikel erschien im Juniheft 1998, ein wunder­sames Märchen voll von Nostalgie und dem Charme unserer großen vergan­genen Zeiten.
„Der Ehrenvorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Dr. Alfred Dregger, MdB: ›Die Wehrmacht war weder eine Verbrecherorganisation noch ein Instrument des Naziterrors‹“ – diese Überschrift prangt auf Seite 1 der Zeitung Der Heimkehrer Nr.3/4 vom 1. April 1997, was jedoch nicht als Aprilscherz verstanden sein sollte. Denen ist es ernst damit. Frage: Weshalb sagt Hauptmann Dregger nicht, was die Wehrmacht wirklich war – eine euro­päische Befrei­ungs­bewegung? Bekundungen dieser stupiden Ungeister im SS-Gefolge rücken mich näher an die PDS, ich wünsche ihr nicht die Stärke einer Volks­partei, damit soll die SPD beschäftigt bleiben, die PDS mit sicheren 10-12% wäre das beste Stärkemittel für die Sozial­demokraten, nachdem sie ihren linken Flügel lahmlegten und zum Neutrum tendieren, der deutsche Michel als Zwitter geschlechts­loser Mitte, und Schröder als ihr Prophet. Irgendwann, wenn die FDP ihren letzten freiheitlichen Liberalen mit Pomp und Öffent­lichem Gelöbnis beerdigt haben wird und die Gelben nichts mehr als das goldige Kapital­interesse vertreten, wird die SPD sich mit der Industrie- und Bankenpartei zusammen­tun und die anstehenden Fragen intern aushandeln, so wie heute Arbeitnehmer und ihre arglos sogenannten Geber bei­sammen­hockend Schicksal spielen.
Vorsicht, hier reite ich mein Steckenpferd zuschanden. Analyse statt Polemik bitte! Europa eifert den USA nach: Zwei Parteien, Demo­kraten und Repu­bli­kaner machen unter sich aus, wer zuerst an die Futter­krippen darf. Jede der beiden Parteien besteht aus instabilen Unter­parteien, Gruppen, Spontan­vereinen, Bürger­einbildungs­initiativen, der Rest ist Anarchie, das Ganze Orwell plus Kafka, ein paar Kritiker verkommen als kaba­rettistische Possen­reißer im Fernseh­programm, dessen Kurz­schlüssigkeit von hoch­honorierten Modera­toren garantiert wird – eine Elite von Weihnachts­männern, Osterhasen und Pfingst­ochsen, die von den beiden Volks­betretungs­parteien wechselseitig zur Produkt­werbung samt ange­schlos­senem Schwachsinn benutzt werden.
Mein Pseudonym Gert Gablenz tritt aus dem Wandschrank, drückt mir einen schmatzenden Kuss auf die Stirn und löst mich ab. Wenn der kalte Zorn sich in brodelnde Wut aufzulösen droht, tut ein Glas Rotwein gut. Danach gleich ab in die Koje. GG übernimmt die Wacht am Rhein und erinnert sich an meiner Stelle. Hier ist eines seiner zahllosen Werke:
Als ich 1957 aus der DDR in den Westen kam, wuchsen hier die links­radikalen Schriftsteller wie rote Äpfel auf den Bäumen. Walser hielt feurige Reden an allen Straßen­ecken. Böll stritt sich mit seinem Kardinal, den er wahrheits­gemäß dumm nannte, im Dom herum und Enzensberger ver­donnerte die FAZ mit Mao- und Castro-Zitaten. Nur Grass servierte tapfer Danziger Schnecken in rosa SPD-Soße. Statt den Sozis Salz auf den Schwanz zu streuen, blies er ihnen Puderzucker in den Arsch.
Da wir gerade so nett über die Bonner Deutsch­land­vergangenheit schwätzen, gleich noch eine liebens­würdige Szene über die Herren Kohl und Augstein: In Kohls letzten Regierungs­jahren näherten seine Majestät und der Spiegel, das Hamburger publi­zistische Wach­bataillon, sich einander an. Der Kanzler schottete sich nicht mehr ab wie Adenauer, die Ketten­hunde der Vierten Gewalt kauften sich Hüte und übten, sie höflich zu ziehen. Im Zweikampf mit dem Konkur­renz­magazin Focus wurde Sympathie­bericht­erstat­tung ein­trai­niert, die Großen entdeckten gegen­seitig mensch­liche Züge am jeweils anderen, so ent­stand in den Abgangs­jahren der 2. Republik die Abteilung image­pflegerischer Großreportage aus den Innenräumen der Macht. Für die Traditions­pflege der kriti­schen Journaille wurden FAZ-Goldfedern hinzu­gekauft, die Kläffer von Enzens­berger bis Biermann und ein Dutzend weiterer gewendeter Bürger­rechts­kriegs­helden standen wohldotiert bereit, ihre früheren Freunde und Genossen zu verbellen, also leistete man sich die Wende zur unheimlichen Sympathi­santen­schaft mit den Kommandanten der politischen Klasse. Das brachte Einfluss auch für kommende Minister­generationen. Die Ent­stehungs­geschichte des NEUEN SPIEGEL ist auf den 19.1.1997 datierbar, ich weiß es, denn ich war eingeladen, als Rudolf Augstein das 50. Jubiläum seines Blattes aus­gerechnet im Bonner Historischen Museum feiern durfte, wo Helmut Kohl als heimlicher Hausherr fungierte, der nun plötzlich, obzwar bisher Intimfeind, vor Augstein brav Männchen machte, wie die Genehmigung plus Anschluss­vorgang belegt, denn Rudolf durfte rein ins Museum, die Wehrmacht­ausstellung, wer wundert sich da auch, aber nicht. Augi saß vorn erhöht, las vor, nein, schwächelte, ließ vorlesen, oder war er's doch selbst? Die Stimme krähte, der historische Moment weiherte, Kohls Glück­wunsch schwebte durch den Raum, in dem die Politklasse samt arbeitsfähigen Charakter­kopf­masken versammelt saß, stand, sich an den Luxus­buffetts gütlich tat. Wir von der feindlichen Partei waren auch vertreten, tranken, lauschten, standen uns die Beine in den Bauch, Spiegel- Leute, stern-Leute, Focus-Leute wimmelten aufgeheizt umher, sah man da nicht Erich Böhme? Ehmcke? Ist das etwa Gauck? Wär' kein Wunder, doch der Anklage­flüsterer war's nicht, aber Gaus, der am Rande der Riesenfestivität mit Alexander Kluge dialogisierte, leicht abseits, wie sich's für ewig kritische Geister gehört, wenn die kritische Spiegel -Front schwankend feiert.
Am Ende der Lesung, oder war's ein Vortrag, gar ein Gedicht des Augi, der sich beschwerte? Jetzt erinnern wir uns links wie rechts, Augstein war eben am Arm operiert worden, ein bolschewis­tischer Granatsplitter von anno dazumal – in der Ukraine oder geschah es bei Stalingrad? Egal, die Sowjets waren die Verursacher, der fabulöse Journalist mit dem Granat­splitter-Arm im leuchtend weißen Verband las und extemporierte, die smarte Dame bei ihm blätterte lächelnd die Seiten um, der Anblick schmerzte, unser später Kriegslädierter, der nicht selbst umzublättern vermochte, wirkte so mensch­lich anheimelnd wie sein Blatt, das vom Blattschuss lebt, die smarte Dame geleitete endlich die Hauptperson des Abends quer durchs gestaute Publikum zum Nebenraum, und während Honoratioren von Regierung, Parlament und weiteren Instanzen Grußadressen verkündeten, auch Herr Kohl ließ von über der Straße (Adenauer­allee), Bundes­kanzleramt, nächste Nachbarschaft, nunmehr den genauen Text der höchsten Huld vernehmen, dass Egon Bahr brummelte: Augstein, Augstein, wohin haste dir verirrt – während die elitäre Masse fraß und soff, hatten vier starke Damen im Nebenraum Augi auf einen Tapeziertisch gelegt, und auf einem Tisch daneben formte eine Pop-art-Kondito­rmeisterin aus Lübeck einen ori­ginal­getreuen lebens­kleinen Augstein aus bestem Marzipan.
Als das Kunstwerk fertig war und die zugelassenen drei Bonner Hof-Foto­graphen ihre Bilder geschos­sen hatten, gab der amtierende Spiegel-Chef­redakteur den Marzipan-Augi frei zur künstle­rischen Ver­wertung durch die anwesende Promi­nenten­schar. Inzwischen war, leicht verspätet, Militär­minister Rühe samt sieben Generälen eingetroffen, die sich mit gezücktem Säbel auf das delikate Gebilde warfen und die besten Stücke heraus­hackten, während ihr Minister, der gelernte Pädagoge andeutend geschmäck­lerisch Luft kaute (eine Hamburger Krähe hackt der anderen kein Marzipan aus dem Auge (i). Endlich brach die Masse über die Kunstfigur herein und verschlang sie, denn ein jeder wollte einen Splitter vom Spiegel haben, um ihn später respektvoll auszuscheiden. Was indessen bis heute intern blieb, als Geheimnis im Safe der Zeitgeschichte, tief eingebunkert, auf dass ich es pünktlich ausplaudere, ein extra dazu delegierter Professor der Chirurgie, CDU-Mitglied naturgemäß, hatte, von der Chefredaktion ermächtigt, vorher die Hoden (im Volksmund Klöten, auch Eier genannt) entfernt und über die Adenauer­allee hinüber ins Bundes­kanzleramt getragen, angeblich für Hanne­lore, was eine giftige Falsch­meldung ist, denn die Dame des Hauses musste gerade wegen ihrer Galle Diät halten, der Gemahl jedoch durchaus nicht, und so servierte sie ihm am Morgen danach den verbliebenen Rest vom vormals im Zweifelsfall linken Herrn Chef­heraus­geber. Der Kanzler ließ sich das Frühstück, wird vom Leib­wächter berichtet, auf beinahe frivole Art munden. Hernach tat er laut und deutlich kund, ein unleug­barer Bei­geschmack von Elbe­schlamm&Drucker­schwärze habe den Genuss beein­trächtigt, jeder Saumagen sei besser und leichter verdaulich.
Soweit Gert Gablenz, mein Pseudonym Nr. 1. Es ist anstandshalber anzu­nehmen, dass sein exquisites Marzipan-Kapitel nicht in einen Doku-Bericht gehört, sondern in einen Roman über ein Hamburger Weltmagazin, Spiegel genannt, anfangs ein Pseudonym für Augstein (später umgekehrt), der uns, seinen jahrzehntelang treusorgenden Lesern, die Weltpolitik und -Kultur so vollendet soufflierte, dass wir alle Spiegel-süchtig jeden Montag ersehnten. Den Bonner Roman, den ich schreiben wollte, brach ich nach der Marzipan-Episode ab, denn, so mein Großvater Franz, gegessen ist gegessen, außerdem hatte ein gewisser Fernseh-Karasek gerade sämtliche sexual­patholo­gischen Geheimnisse des Magazins restlos ausgeplaudert, bis in die Bonner Mystifikationen hinein. Hinter alldem steckt sicher ein gewisser Marcel Reich, der Rache nehmen wollte für superbe Hamburger Rufmorde, mit denen man ihn gesegnet hatte. Karasek wiederum zahlte für sein Werk mit dem Verlust seiner hansestädtischen Existenz, na sagen wir, sein Publi­zisten-Pfaffen­spiegel war hinfort im Buchhandel nicht mehr offen existent, wie vom Norden her weitreichend verkündet und verfügt. Was macht das schon, der plauder­freudige Autor hockt nun in einer Berliner Chef­redaktion, darf im ZDF-Quartett als Lotterbube auch mal Widerspruch anmelden, vermochte kurzzeitig gar sein Buch in die Kamera zu halten, sieben Tapfre erwarben es tags darauf heimlich und lasen's durch mit glühend roten Ohren. Geht Sankt Rudolf demnächst friedens­stiftend mit Hellmut K. so spazieren wie mit Jesus, Bismarck, Heidegger, Walser? Wenn das alles und noch mehr einmal abschließend geklärt sein sollte, werde ich meine Roman-Fragmente vervoll­ständigen und den großen deutschen Vereinigungs-Roman vorlegen – ganz aus Marzipan zum Auffressen á la Kohl. Karasek aber sei getröstet: Die schönsten Bücher sind die ver­gessenen.
Zugegeben, das sind gelungene Montagen von Realität und Comic-Serie, durch die unsere reichs­bundes­deutsche Geschichte nach­fühlbar wird, feinste Märchen­erzählungen unterm Motto Warum war es am Rhein so schön. Inzwischen sitzt Augstein gelangweilt in Walhalla herum und Kohl als Loreley auf dem rheinischen Felsbrocken, wo er die blonden Haare seiner Perücke schüttelt, dass das Staats­schiff havariert. Die Volks­genossen aber, die lieben guten alten Kameraden, wählen in Berlin treuherzig Paul von Hindenburgs Witwe Angela. Der Dalei Lama wird ihr Kriegs­minister, weil er weltweit so innig für den Frieden zu beten versteht. Wir sollten allen im Leipziger Völker­schlacht­denkmal günstige Stehplätze bereithalten. Nur, was fangen wir dann mit den über­flüssigen Helden an, die das vereinte Deutschland in neue Allerweltskriege führen …
Als Reich-Ranicki vor laufender Kamera nach dem Buch Feuchtgebiete von Charlotte Roche gefragt wurde, schüttelte er sich. Das war oberlehrerhaft. Jeder Medizinstudent lernt schon im ersten Semester drei Dinge: Seife ist notwendig zur Hygiene und verteilt doch oft nur die Keime. Zahnpasta nützt nichts, hilft aber beim Zähneputzen. Zum Lebens­ende hin richtet sich alle Aufmerk­samkeit auf Verdauung und Ausscheidung. Die frühere tv-Moderatorin Roche ist viel zu intelligent, um nicht mehr zu sein als ihre Kunstfigur. Mit sicherem Griff rückte sie die Hämorrhoide in den Fokus und Lokus unver­brauchter, unver­dorbener Jugendlichkeit. Die schwindelfreie Grat­wande­rung zwischen dem geforderten parfü­mierten, unten enthaarten, oben modisch gestylten Girl und Analverkehr ergibt den Erzählstrang des Romans und ist meisterinnenhaft gestrickt. Die Story wird derart hinterfotzig veraftert, dass mit Zugriff auf Freud die Zustandsanalyse gegenwärtiger Kultur und Literatur herauskommt, und nicht mal als schwere Geburt, es flutscht nur mal so in die Welt.
Am Ende einer auslaufenden Klassen­gesellschaft ist auch der Enddarm zu Ende. Schluss mit Hämorrhoide. Charlotte, die gnadenlose Best­seller­dich­terin, geht hernach wieder einem tv-Job nach, denn das Medium ist die Botschaft vom Schluss am Sterbebett des Abendlandes.
Unser bewährter Berichterstatter aus dem Saarland, Michael Mansion, lange Jahre tätig für die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft im DGB, heute im sogenannten Ruhestand, mailte dieses Stimmungsbild:
„Hier ist es brüllend heiß und ich musste die Fensterläden schließen. Nach einem Krankenhaus-Besuch benötigte ich gestern fast eine Stunde für lächerliche 15 km von Völklingen nach Saarlouis. Wegen einem brennenden LKW war wirklich alles vollständig zugefahren und selbst mit meiner guten alten MZ musste ich Schleichwege wählen. Die Autobahn stand über eine Strecke von ca. 20 km komplett und zweispurig zu.
Unser pri­vater Saar­land-Kor­res­pondent Michael Mansion mit dem er­folg­rei­chen August-Bebel-Nach­folger Oskar Lafontaine.
In Saarlouis war gestern die Eröffnung des sog. Altstadtfestes. Es handelt sich dabei um ein relativ kulturloses Dauer­sauf­gelage (der OB ist anderer Ansicht) und bei dieser Gele­gen­heit zeigt sich dann auch die politische Regional-Prominenz. Irgend­wann stand Oskar Lafontaine neben mir und es ergab sich ein Gespräch über länge­res Lauf­training. Er brächte es – so Herr L. – mittler­weile auf 18 (!) km, und ich staunte mal wieder nicht schlecht, weil ich mich frage, wo die Leute die Zeit herholen. Sein Kontakt mit dem einfachen Volke wird übri­gens begleitet von einer Dame mit Sofort­bild­kamera. Sie hat uns dann auch abge­lichtet und mir das langsam vor sich hin trock­nende Foto über­reicht. Irgendwie ist das alles sehr komisch samt dem Herrn L. mit seinem seltsam ent­rückten Augen­aufschlag. Kann es sein, dass wir uns in einem völlig irr­witzigen Theater befinden, oder meinet­wegen auch in einem Parallel­universum?“
Am 2.9. des Jahres wurde Oskar Lafontaine samt der Partei Die Linke am Ende der Sendung Hart aber fair von Guido Westerwelle der Kriegs­verwei­gerung beschuldigt. Ohne Kriegs­teilnahme keine Akzeptanz auf Bundes­ebene. Jedes seiner rabulis­tischen Argumente war so falsch wie widerlegbar, sprach jedoch den versammelten Promi-Christen aus dem Herzen. Zählt die kriegs­verwei­gernde Linke in Deutschland zur Kaste der Unberührbaren? Die post­faschis­tischen Herren trauern noch heute, weil sie nicht am Vietnamkrieg teilnehmen konnten. In Afghanistan wird endlich bewiesen, wo der deutsche Bundes­wehrsoldat steht, kommt kein Terrorist hin. Engländer wie rote Russen zogen einst geschlagen vom Hindukusch ab. Das Trio Westerwelle-Jung-Merkel hält eisern die Front wie die stolze Wehrmacht in Stalingrad. Krieg ist die Vergangenheit der Wehrmacht und die Zukunft der Bundeswehr.
Am 9.9.09 tagte Plasberg mit seiner Hart aber fair-Runde direkt zum neudeutschen Bombenkrieg und forderte die zögerlichen Afghanis auf, endlich selber unseren Krieg in ihrem Lande zu führen. Schließlich brauchen wir unsere NATO-Bundes­wehr-Sol­daten für die nächsten Schlachten in Pakistan, im Iran und Jemen, von Indien, China, Afrika und dem Kaukasus mal ab­ge­sehen. Afghanistan als Vorspiel zum 3. Welt­krieg hat dann seine Aufgabe erfüllt wie Franco-Spanien vor dem 2. Weltkrieg.

Das nächste Kapitel erscheint am Montag, den 21.09.2009.

Gerhard Zwerenz   14.09.2009    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
Gerhard Zwerenz
Serie
  1. Wie kommt die Pleiße nach Leipzig?
  2. Wird Sachsen bald chinesisch?
  3. Blick zurück und nach vorn
  4. Die große Sachsen-Koalition
  5. Von Milbradt zu Ernst Jünger
  6. Ein Rat von Wolfgang Neuss und aus Amerika
  7. Reise nach dem verlorenen Ich
  8. Mit Rasputin auf das Fest der Sinne
  9. Van der Lubbe und die Folgen
  10. Unser Schulfreund Karl May
  11. Hannah Arendt und die Obersturmbannführer
  12. Die Westflucht ostwärts
  13. Der Sänger, der nicht mehr singt
  14. Ich kenne nur
    Karl May und Hegel
  15. Mein Leben als Prophet
  16. Frühe Liebe mit Trauerflor
  17. Der Schatten Leo Bauers
  18. Von Unselds Gegner zu Holtzbrincks Bodyguard
  19. Karl May Petrus Enzensberger Walter Janka
  20. Aus dem Notizbuch eines Ungläubigen
  21. Tanz in die zweifache Existenz
  22. General Hammersteins Schweigen
  23. Die Pleiße war mein Mississippi
  24. Im Osten verzwergt und verhunzt?
  25. Uwe Johnson geheimdienstlich
  26. Was fürchtete Uwe Johnson
  27. Frühling Zoo Buchmesse
  28. Die goldenen Leipziger Jahre
  29. Das Poeten-Projekt
  30. Der Sachsenschlag und die Folgen
  31. Blick zurück auf Wohlgesinnte
  32. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (I)
  33. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (II)
  34. Brief mit Vorspann an Erich Loest
  35. Briefwechsel mit der Welt der Literatur
  36. Die offene Wunde der Welt der Literatur
  37. Leipzig – wir kommen
  38. Terror im Systemvergleich
  39. Rachegesang und Kafkas Prophetismus
  40. Die Nostalgie der 70er Jahre
  41. Pauliner Kirche und letzte Helden
  42. Das Kickers-Abenteuer
  43. Unser Feind, die Druckwelle
  44. Samisdat in postkulturellen Zeiten
  45. So trat ich meinen Liebesdienst an …
  46. Mein Ausstieg in den Himmel
  47. Schraubenzieher im Feuchtgebiet
  48. Der Fall Filip Müller
  49. Contra und pro Genossen
  50. Wie ich dem Politbüro die Todesstrafe verdarb
  51. Frankfurter Polzei-buchmesse 1968
  52. Die Kunst, weder Kain noch Abel zu sein
  53. Als Atheist in Fulda
  54. Parade der Wiedergänger
  55. Poetik – Ästhetik und des Kaisers Nacktarsch
  56. Zwischen Arthur Koestler und den Beatles
  57. Fragen an einen Totalitarismusforscher
  58. Meine fünf Lektionen
  59. Playmobilmachung von Harald Schmidt
  60. Freundliche Auskunft an Hauptpastor Goetze
  61. Denkfabrik am Pleißenstrand
  62. Rendezvous beim Kriegsjuristen
  63. Marx, Murx, Selbstmord (der Identität)
  64. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (I. Teil)
  65. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (II. Teil)
  66. Der Bunker ...
  67. Helmut auf allen Kanälen
  68. Leipzig anno 1956 und Berlin 2008
  69. Mit Konterrevolutionären und Trotzkisten auf dem Dritten Weg
  70. Die Sächsischen Freiheiten
  71. Zwischen Genossen und Werwölfen
  72. Zur Geschichte meiner Gedichte
  73. Poetenladen: 1 Gedicht aus 16 Gedichten
  74. Der Dritte Weg als Ausweg
  75. Unendliche Wende
  76. Drei Liebesgrüße für Marcel
  77. Wir lagen vor Monte Cassino
  78. Die zweifache Lust
  79. Hacks Haffner Ulbricht Tillich
  80. Mein Leben als Doppelagent
  81. Der Stolz, ein Ostdeutscher zu sein
  82. Vom Langen Marsch zum 3. Weg
  83. Die Differenz zwischen links und rechts
  84. Wo liegt Bad Gablenz?
  85. Quartier zwischen Helmut Schmidt und Walter Ulbricht
  86. Der 3. Weg eines Auslandssachsen
  87. Kriegsverrat, Friedensverrat und Friedenslethargie
  88. Am Anfang war das Gedicht
  89. Vom Buch ins Netz und zur Hölle?
  90. Epilog zum Welt-Ende oder DDR plus
  91. Im Hotel Folterhochschule
  92. Brief an Ernst Bloch im Himmel
  93. Kurze Erinnerung ans Bonner Glashaus
  94. Fritz Behrens und die trotzkistische Alternative
  95. 94/95 Doppelserie
  96. FAUST 3 – Franz Kafka vor Auerbachs Keller
  97. Rainer Werner Fassbinder ...
  98. Zähne zusammen­beißen ...
  99. Das Unvergessene im Blick
    1. Nachwort
Nachworte
  1. Nachwort
    siehe Folge 99
  2. Auf den Spuren des
    Günter Wallraff
  3. Online-Abenteuer mit Buch und Netz
  4. Rückschau und Vorschau aufs linke Leipzig
  5. Die Leipziger Denkschule
  6. Idylle mit Wutanfall
  7. Die digitalisierte Freiheit der Elite
  8. Der Krieg als Badekur?
  9. Wolfgang Neuss über Kurt Tucholsky
  10. Alter Sack antwortet jungem Sack
  11. Vor uns diverse Endkämpfe
  12. Verteidigung eines Gedichts gegen die Gladiatoren
  13. Parademarsch der Lemminge und Blochs Abwicklung
  14. Kampf der Deserteure
  15. Fritz Bauers unerwartete Rückkehr
  16. Der Trotz- und Hoffnungs-Pazifismus
  17. Als Fassbinder in die Oper gehen wollte
  18. Was zum Teufel sind Blochianer?
  19. Affentanz um die 11. Feuerbach-These
  20. Geschichten vom Geist als Stimmvieh
  21. Von Frankfurt übern Taunus ins Erzgebirge
  22. Trotz – Trotzalledem – Trotzki
  23. Der 3. Weg ist kein Mittelweg
  24. Matroschka –
    Die Mama in der Mama
  25. Goethe bei Anna Amalia und Herr Matussek im Krieg
  26. Der Aufgang des Abendlandes aus Auerbachs Keller
  27. Jan Robert Bloch –
    der Sohn, der aus der Kälte kam
  28. Das Buch, der Tod und der Widerspruch
  29. Pastor Gauck oder die Revanche für Stalingrad
  30. Bloch und Nietzsche werden gegauckt ...
  31. Hölle angebohrt. Teufel raus?
  32. Zwischen Heym + Gauck
  33. Von Marx über Bloch zu Prof. Dr. Holz
  34. Kafkas Welttheater in Auerbachs Keller
  35. Die Philosophenschlacht von Leipzig
  36. Dekonstruktion oder Das Ende der Ver­spä­tung ist das Ende
  37. Goethes Stuhl – ein Roman aus Saxanien
  38. Meine Weltbühne im poetenladen
  39. Von Blochs Trotz zu Sartres Ekel
  40. Die Internationale der Postmarxisten
  41. Dies hier war Deutschland
  42. Kopfsprünge von Land zu Land und Stadt zu Stadt
  43. Einiges Land oder wem die Rache gehört
  44. Schach statt Mühle oder Ernst Jünger spielen
  45. Macht ist ein Kriegszustand
  46. Dekonstruktion als Kriminalgeschichte I
  47. Damals, als ich als Boccaccio ging …
  48. Ein Traum von Aufklärung und Masturbation
  49. Auf der Suche nach der verschwundenen Republik
  50. Leipzig am Meer 2013
  51. Scheintote, Untote und Überlebende
  52. Die DDR musste nicht untergehen (1)
  53. Die DDR musste nicht untergehen (2)
  54. Ein Orden fürs Morden
  55. Welche Revolution darfs denn sein?
  56. Deutschland zwischen Apartheid und Nostalgie
  57. Nietzsche dekonstruierte Gott, Bloch den Genossen Stalin
  58. Ernst Jünger, der Feind und das Gelächter
  59. Von Renegaten, Trotzkisten und anderen Klassikern
  60. Die heimatlose Linke (I)
    Bloch-Oper für zwei u. mehr Stimmen
  61. Die heimatlose Linke (II)
    Ein Zwischenruf
  62. Die heimatlose Linke (III)
    Wer ist Opfer, wer Täter ...
  63. Die heimatlose Linke (IV)
    In der permanenten Revolte
  64. Wir gründen den Club der
    heimatlosen Linken
  65. Pekings große gegen Berlins kleine Mauer
  66. Links im Land der SS-Ober­sturm­bann­führer
  67. Zweifel an Horns Ende – SOKO Leipzig übernimmt?
  68. Leipzig. Kopfbahnhof
  69. Ordentlicher Dialog im Chaos
  70. Büchner und Nietzsche und wir
  71. Mit Brecht in Karthago ...
  72. Endspiel mit Luther & Biermann & Margot
  73. Die Suche nach dem anderen Marx
  74. Wer ermordete Luxemburg und Liebknecht und wer Trotzki?
  75. Vom Krieg unserer (eurer) Väter
  76. Wohin mit den späten Wellen der Nazi-Wahrheit?
  77. Der Feind ist in den Sachsengau eingedrungen
  78. Die Heldensöhne der Urkatastrophe
  79. Die Autobiographie zwischen
    Schein und Sein
  80. Auf der Suche nach der verlorenen Sprache
  81. Atlantis sendet online
  82. Zur Philosophie des Krieges
  83. Deutsche, wollt ihr ewig sterben?
  84. Der Prominentenstadl in der Krise
  85. Der Blick von unten nach oben
  86. Auf der Suche nach einer moralischen Existenz
  87. Vom Krieg gegen die Pazifisten
  88. Keine Lust aufs Rentnerdasein
  89. Von der Beschneidung bis zur
    begeh­baren Prostata
  90. Friede den Landesverrätern
    Augstein und Harich
  91. Klarstellung 1 – Der Konflikt um
    Marx und Bloch
  92. Bloch & die 56er-Opposition zwischen Philo­sophie und Verbrechen
  93. Der Kampf ums Buch
  94. Und trotzdem: Ex oriente lux
  95. Der Soldat: Held – Mörder – Heiliger – Deserteur?
  96. Der liebe Tod – Was können wir wissen?
  97. Lacht euren Herren ins Gesicht ...
  98. Die Blochianer kommen in Tanzschritten
  99. Von den Geheimlehren der Blochianer
Aufsatz