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Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | Folge 33

Dies ist eine sächsische Autobiographie als Fragment in 99 Fragmenten. Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philosophen nennen das coincidentia oppositorum, d.h. Einheit der Widersprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

33

Sächsische Totenfeier für Fassbinder (2. Teil)

Gerhard Zwerenez | Der langsame Tod des Rainer Werner Fassbinder
Gerhard Zwerenz | Alexanderplatz
Am Nachbartisch mischen die beiden später hinzugekommenen jungen Damen mit. Ich weiß nicht warum, doch sind sie schon wieder beim Thema, vielleicht ist Föhn in München und der treibt in den Leuten das Unterste nach oben und umgekehrt. Jedenfalls haben sie nun Charles beim Wickel sowie seine verschiedenen Kammerdiener, dabei weiß doch jeder, dass Camilla ihren Prinzen fest im Griff und im Bett hatte. Richtig ist, dass Lady Di magersüchtig wurde. Weibliche Rundungen sollten Charles nicht irritieren, während er für Nachwuchs sorgte. Der Monarch mit den Segelohren ist nun durchgehechelt, die Damenrunde wendet sich wieder Kir Royal zu. Eine durchgestylte Blonde nennt es Kill Royal. Ich wollte nun endlich wissen, wie dieser Cocktail schmeckte und bestellte mir einen Kir Royal. Bis der serviert wurde, vertrieb ich mir die Zeit, indem ich versuchte, mir alle meine Toten ins Gedächtnis zu rufen.

Das begann in Sizilien. Juli 1943 – den Tod vorher gab es nicht im Plural. Ich hing sehr an meiner Großmutter. Sie starb 1938, als ich dreizehn Jahre alt war – ein schwerer und früher Schlag, der mich traf. Vorher glaubte ich nicht an den Tod. Jetzt fühlte ich mich, als wäre ich selbst gestorben. Dann gab es fünf Jahre lang keine Toten. Der erste, den ich sah, lag auf der Straße und hatten keinen Kopf. Da ich den Jungen nicht gekannt hatte, traf mich das nicht. Rudi Hanke dagegen kannte ich gut. Wir waren schon in Utrecht zusammengewesen. Er richtete sich im Schützenloch auf und sondierte das Gelände. Der Bequemlichkeit halber knickte er leicht in den Knien ein, lehnte mit dem Rücken gegen die Grabenwand. „So kannst du den Feind nicht sehen”, warnte ich. Er blieb ganz still und hatte statt des linken Auges ein Loch. Rudi war der erste Kriegstote, den ich eigenhändig verscharrte.

Am Nebentisch drehen sie weiter die Prominenz durch die Mangel, jetzt sind sie bei Thurn und Taxis, auch Tut und Tat nix genannt. Dabei war der Fürst sehr aktiv und ausgestattet mit praller Brieftasche immer auf einer ganz speziellen Pirsch. Dann hatte er eine schwere Lungenentzündung, stand in der Abendzeitung, was vermutete da der Volksmund?

„Ab in den Sarg?” wirft die Jüngste vom Damenkränzchen ein.

„Nein”, berichtigt ihre Nachbarin, „kein Aids, es war wirklich ne Lungenentzündung.”

„Tee-und-Tee treff ich seit Jahrhunderten in jedem Nachtschuppen, neulich in New York in einem besonderen Etablissement, wo er sich um zwei junge, spitze Typen bemühte. Die klassischen Stricher, doch waren die so high, dass sie gar nicht rafften, auf welche Goldader sie bei diesem Mann stießen ... ”

„Die Heirat mit Gloria passierte ja auf den letzten Drücker, der Fürst brauchte unbedingt nen Erben.”

„Wieso? Kann ihm doch egal sein, was nach seinem Tode aus den Schlössern wird?”

„Nicht beim Adel. In sowas sind die traditionell, da müssen leibliche Nachkommen her.”

„Und du meinst, die bringt ihm jetzt dieser steile Besen?”

„Gloria schafft das nebenbei, auch wenn sie immer in Talkshows und auf sämtlichen Parties rumfegt.”

„Vorgestern traf ich den früheren Jungen von Bernstein.”

„Bernstein?”

„Leonard Bernstein. Hat der Maestro in Deutschland zu tun, treffen sich die beiden wie gewohnt. Aber nur platonisch. Ist alt geworden, der Mann, hat aber immer noch dieses starke Gesicht -”

„Claudia kann vom Fenster ihres New Yorker Apartments direkt in die Bernstein-Wohnung gucken, nee, nich ins Schlafzimmer, wozu auch, da ist er doch drüber weg ... ”

„Was sagst du da? Karajan auch schwul?”

Ich drehe mich unempört um und erkläre kühl: „Und dazu Hildebrandt, Kroetz, Wallraff, J.R., Rühmann sowie Schmidt und Kohl –”

„Und Sie?”

„Ich? Mir reicht schon, dass ich mit so vielen Allerweltsarschlöchern Tag für Tag reden muss.”

Die Runde verbeißt sich weiter in Karajan. Ins Feld geführt wird seine schöne, kühle Blonde – die Alibi-Arlette. Die Stimmen gehen nun wirr durcheinander – komisch ist – bei Karajan merkst du's nicht, doch Bernstein hatte zuletzt etwas leicht Tuntiges ...


Ich spreche leise in mein Glas hinein: Tratsch und Trash, faktoidische Megalomanie, Zungenkrebs zum Gehirn durchwuchernd, ach, Kinder in all eurem uferlosen Gequatsche, wie seid ihr zu beneiden, in mir spüre ich das kleine Teufelchen Eifersucht. Ach ja, meine Generation grub sich gegenseitig das Gedärm aus dem Leib, öffnete einander die Hirnschalen, damit die Politiker und Generäle lustig daraus saufen konnten. Ihr habt zwar vor allem Blödsinn im Kopf, aber ihr lebt. Reines Selbstmitleid packt mich, in dem Alter war ich des verfluchten Führers Grenadier in den Pontinischen Sümpfen, malariaverseucht, die Knochen zerfetzt ... ein Volk das andere notschlachtend und ab gings zur nächsten Freibank. Im großen Rausche wendeten die Welt wir in die Eiszeit zurück. Und neben mir sitzt das junge Kroppzeug, quasselt und entrollt die Fahne des Kokains, des Konsumrausches und der gebenedeiten Genusssucht.

Gerhard Zwerenez | Der langsame Tod des Rainer Werner Fassbinder
Gerhard Zwerenz
Der langsame Tod des Rainer Werner Fassbinder
Knaur 1983

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„Prost Fassbinder!” rufe ich laut. Die Runde vom Nebentisch glotzt verständnislos zu mir rüber. „Prost Rainer!” fahre ich trotzig fort: „Es lebe die Liebe, es lebe der Tod!”

Ich erhebe mein Glas, kehre es um. Geleert. Der letzte Tropfen benetzt die Kulisse. Aus diesem Nektar wird eine neue Welt entstehen. Ich kapiere mit atemberaubender Geschwindigkeit, einfach durch Zusammendrücken der Zeitpartikel auf eine majestätische Fingerspanne, dass wir ein Herz, ein Abscheu und ein Untergang sind. Meine Generation hatte zu wählen zwischen Tod und Teufel, Krieg und Gefangenschaft, Hitler und Stalin. Was wir auch taten, es war falsch. Wohin wir uns auch wendeten, wir gelangten an ein fremdes Ziel, das wir nie erstrebt hatten. Meine Generation verstreute ihre Gebeine in vieler Herren Länder, nur unsere Herzen bleiben unauffindbar. Und unsere Köpfe wurden schon lange vorher requiriert.

Unsere Töchter und Söhne aber haben zu wählen zwischen Hasch und Prosecco, Speed und Kokain, Pest und Cholera, Krebs und HIV. Und über allem das Ozonloch und das Atom und die Bomben und kein Wasser im Wasser und die Muttermilch vergiftet. So sitzen sie in ihren Schulstuben und Discos und Karossen und dröhnen sich zu und machen aus jedem Schnupfen einen Fall von Aids. Zwischendurch vergessen sie ihre Angst und hauen tüchtig auf den Putz. Dann treffen sie sich auf den Friedhöfen, die als Versammlungsplätze wieder in sind und werfen eine letzte Schaufel Sand in die Grube und eine Rose auf den Sarg. Machs gut, Freund, es war kein Schnupfen. Ich denke an Truman Capote, das US-Lästermaul im Quadrat. Hatte der doch die tote Marilyn Monroe von Erol Flynn behaupten lassen, der Mime habe mit dem Schwanz Klavier gespielt: „You are my Sunshine ... ” Amerika, du hast es besser, du marschierst voran auf dem Weg in die lichte Zukunft des Sex und der Verdrängung, der Mafia, Drogensucht und Kommunistenfurcht.

Ich rufe den fünf so ängstlichen wie hochgemuten Figuren am Ecktisch zu: „Ihr seid alle große Poeten und weil es euch gibt, brauche ich euch nicht erst zu erfinden!” Und als ich es gerufen habe, sehe ich den toten Fassbinder vorn durch die Tür in die Kulisse kommen, und meine adrenalin-ausschüttungs­geweiteten Pupillen erweitern sich ein weiteres Mal auf Größen, die der liebe Gott für Schuhe vorsah.

„Setz dich, Junge”, sage ich zu Rainer und denke, der hat Nerven, sich ausgerechnet jetzt wieder unter Großstadtmenschen zu begeben, wo die Gefahren sich potenzieren und die Seuche seucht.

Seine alten Kumpane werden Augen machen, wenn sie ihn sehen. Wird das eine Aufregung geben in der Deutschen Eiche, in Lederkneipen und Schwulentreffs.

Und er, als hätte er meine Gedanken erraten, was diese vom Tode

Auferstandenen laut neuerer Horrorliteratur ja können, er also mit dröger Stimme halblaut vor sich hinmurmelnd: „Ist nicht mehr viel los in der Szene ...”

Hatte er sich also schon umgetan und wusste Bescheid.

„Ich glaub, ich bin genau im rechten Zeitpunkt abgetreten, nach mir die Sintflut...” Er lacht meckernd, mit leicht eingerosteter Stimme.

„Nicht die Sintflut, Rainer, aber Aids, Bürgerkrieg und keine Arbeit. Das wird schlimmer als die lässige Flut.”

Ich bestelle einen Whisky für ihn, für mich einen Roten. Informiere ihn im Stenogrammstil über den Schwabinger Wasserstand.

Er kann sich nicht recht daran erwärmen. Kein Wunder, nach so langer Lagerung in der Kälte. Ich entschließe mich, ihm Mut zu machen. Auch Tote wollen leben, haben sie sich erst dazu entschlossen, ich war schon immer ein Humanist.

„Lass dir wegen diesem Dingsda, dem Aids bloß keine grauen Haare wachsen, dich betriffts schließlich nicht, soweit meine anatomischen Kenntnisse, was Lemuren anbelangt, reichen. Als Toter auf Urlaub gehst du unbeschädigt durch die Zeit wie der Wind durch die Ruinen des Nürnberger Reichsparteitaggeländes. Keine Ansteckungs­gefahr, Junge, mangels realer Berührungspunkte und -flächen. Im übrigen finde ich den Schulausflug an deine früheren Wirkungsstätten mutig. Deutschland zum Jahrtausendende. Das soll dir erstmal einer nachmachen, zumal du seit Jahren luxuriös auf dem Friedhof wohnst. Ich hoffe nur, du besuchst deine liebe Mutti in der Possartstraße und gibst ihr wegen ihres Interviews eins auf die keusche Nase. Also lassen wir jetzt unerörtert, dass das Zeitalter der Fliegen und des Fliegendrecks begonnen hat.”

Er hockt am Tische, brütet abgeschieden vor sich hin, ganz wie in alten Tagen, ist schlecht rasiert und riecht nach Whisky. Hanna Schygulla schwebt vorüber, leicht abgehoben, ein Engel mit Füßen, die den Boden nicht berühren. „Hallo Rainer”, dringt ihre Flüsterstimme aus den ozongeschädigten oberen Luftschichten, und sie fliegt weiter, wahrscheinlich muss sie pinkeln. Jetzt taucht in der Ferne Kurt Raab auf, vormaliger Lieblingsfreundfeind, Schauspieler, Seelenanalytiker, ich winke ihm verstohlen zu, einen Wutausbruch des Heimgekehrten befürchtend. Obendrein treibt die stolze Ingrid Caven herbei, das gibt ein Schlachtfest, denke ich erbleichend, die beiden waren mal verheiratet.

Rainer, zum Glück im Tode noch ebenso kurzsichtig wie im Leben, guckt mürrisch umher, schnuffelt, schnieft, zieht ein Döschen aus der Lederjackentasche und sich die übliche Dosis rein, was mich leicht enttäuscht denken lässt, dass Sterben auch nicht von allen Süchten heilt.

Jetzt naht festen Schrittes die germanische Lichtgestalt Joachim C. Fest, der Republik berühmtester Rechtsumintellektueller, Journalist, früherer FAZ-Herausgeber, Verleger, Spiegel-Bild-tv und Filmdrehbuch-Zulieferer, der über Hitler allerlei hochgerühmte Standardwerke fabrizierte und sich von des Führers Lieblingsarchitekten entzückt auf den Rollmops laden ließ, weil Speer so anheimelnd bürgerlich parfümiert roch, während er die auf Himmlers Befehl äußerst knappbemessenen Konzentrationslager-Baracken entwarf und deren Bau überwachte. Indessen gab Speer später auf Fest's höflich-devote Fragen manierlich Auskunft. So perfekt hatte er schon im Nürnberger Prozess gelogen. Fassbinder wirft einen relativ uninteressierten Blick auf den Überdeutschen. Ist das die komische Figur, die uns beide zu antisemitischen Moskau-Buben ernannte? Rainer improvisiert frei von der Leber weg, in seiner Kindheit schon hatte er sich in Lyrik versucht: Der Tod ist ein festgebrannter Hitlerjunge aus Deutschland, der sich aus des Führers Bunker an der Nase direkt auf den nächsten Heldenfriedhof führen lässt ... Der Tod ist ein Architekt aus Deutschland, der seinen Hagiographen liebt wie der ihn, wenn im Land der toten Seelen, das sie ihren Himmel nennen, die Hölle los ist ...

Während der Filmemacher sich in sorgfältig gewählten Worten ergeht, taucht plötzlich Hermann Kant auf, erblickt J.C. Fest und erstarrt zur volkseigenen Salzsäule. Ich mache Kant mit Fassbinder bekannt, weise mit des Daumens Schräge auf den Hitler- und Speer-Biographen und erläutere: Für ihn kann ich nichts. Hermann Kant steht immer noch da wie schockgefrostet. Er ist vom Umkreis der Stalin und Honecker an viel Schrott gewohnt, doch unser Münchner Treffen mit dem genasführten Naseweis geht ihm an die Nieren. Verstohlen frage ich mich, ob ich korrekt im Gedächtnis habe, dass Fest der große Historiker ist, der bei der Münchner Räteregierung nachzählte, wie viele Juden daran beteiligt waren. Beiläufig informiere ich Fassbinder, der das schöne Detail für seinen übernächsten Film vorsieht.

Die Geschichte geht noch weiter, worüber ich gelegentlich berichten werde. Jetzt nur soviel: Unerwartet erscheint Sebastian Haffner in unserer dissonanten Runde, erblickt Fest und begrüßt ihn formvollendet mit „Guten Tag, Herr Speer!”, was den Angesprochenen vor Stolz erröten lässt. Ich bin mir jetzt vollkommen sicher, falls dieser Fest einmal sterben sollte, würde Albert Speer am Heldengrab die Trauerrede halten. Noch aber ist es nicht soweit, und um uns herum brummt und dröhnt das satte Großstadtleben der beliebten südlichen Metropole München, dieser Leberkäsfettfleck des deutschen Vaterlandes überdauert alle Höllenzeiten. Rainer mustert die im Staunen erstarrten Yuppies am Ecktisch nebenan und all die Maxe und Faxe und Nixen, die im Lokal sitzen und tuscheln und nicht die Bohne merken, dass sie selbst und Fassbinder und ich und Marylin Monroe, Truman Capote, Hanna Schygulla, Hitler, Fürst von Thurn und Taxis, Stalin, Karajan, Bernstein und Prinz Charles, Krebs und Aids alle miteinander schon so ungefähr seit Jahrtausenden vergangen und verwest sind, geronnene Erinnerungen des Schwabinger Märchenklatsches, noch einmal hervorgeholt von einem Sachsen zur erschaudernden Belustigung der Nachgeborenen, aufgeführt als leichtfüßig-leichtfertige Komödie (Regie Franz Xaver Kroetz) in den Münchner Kammerspielen gleich hinter der Kulisse.

Ich bin mir sicher, RWF ist nur aus Versehen im Nachkrieg in Bayern geboren worden. Er hätte ebenso an der Pleiße auf die Welt geworfen werden können. Und dann seinen unaufhaltsamen Lauf begonnen:

  Ich, Fassbinder, an den Ufern der Isar,
drei Tage vor meinem Abgang, wende
euch mein Fleisch zu, FKK, unerlaubt.
Wär's erlaubt, trüg ich als Verstoß
einen Anzug. Seht mein Gesicht an:
Blickt so einer unter der Stirn vor,
der nicht weiß, was die Stunde schlug?
ENDE stand schon geschrieben unterm
Manuskript, dem Drehbuch, Fragment.
Den Film bleib ich schuldig. Denn
der, der riss lange schon mich
mittenzwei.
(Gerhard Zwerenz Die Venusharfe, Knaur-TB, München 1985)

Da ich dies zitiere, entdecken meine frühlingsgeröteten Allergie-Augen, ich schmuggelte damals dem Knaur-TB ein langes RWF-Epos rein. Und weil mich der Teufel holen soll, ließe ich ne neue Ausgabe zu, sollen hier zum Abschluss daraus ein paar teure Verslein vom schönen Abgang stehen:

Am Sarge sah man sie vereint im Leid.
Die Hanna trug ihr hellstes Kleid.
Das hatte ER noch ausgesucht.
ER hat die Hanna wohlbetucht.

Die Irm beweinte ihn als Kind,
wie Kinder eben wirklich sind.
Dem Herzen nah, dem Schoß so fern.
Sie hatte ihn doch wirklich gern.

Vom SPIEGEL stand der Karasek
am Sarg, an seinem langen Eck,
ganz wie in guten alten Zeiten stinkbesoffen,
von Tod und Leben schwer betroffen …

… Da stieg Schygulla auf den Sarg
Lilly Marleen erklang. Der Deckel
brach. Die Menge schrie.
Die Hanna hatte Blut am Knie …

… Dem WDR, dem tut es leid, dem
fehlt der Filmemacher sehr,
dem war er doch ein Zeitvertreib,
doch nein, der Rainer dreht nicht mehr.

Das Publikum, das Unikum, das
alles sieht und kaum versteht,
das sitzt herum und glotzt.
Wer wird von BILD nun angekotzt?

Wer macht den Ärger jetzt mit dunklen
Bildern, wo alle Sitten sich verwildern
der Biberkopf, stieg er ins Bett,
da räkelte das Weib sich nett.

Dann fehlte es am Lichte, wurde Nacht,
ist das Kultur, wenn keiner weiß,
wie Biberkopf den Akt vollbracht?
Die Hörerbriefe liefen heiß.

Die Leserbriefe, Seherbriefe waren
Schweiß der vielen, die nicht
sahen, was sie gar nicht sehen wollten.
Ach, wenn doch endlich Köpfe rollten.

Ist das Kultur? Für soviel Geld?
Regiert denn nur noch Geld die Welt?
Ein jeder möcht' es selber haben,
was die dem schwulen Filmer gaben.

Dafür, dass niemand recht erblickt,
wie Biberkopf die Weiber fickt.
Dem Döblin eine Gasse?
Später ja – rings um die Welt –
macht sowas Kasse …

Am Montag, den 12. Mai 2008, erscheint das nächste Kapitel.

Gerhard Zwerenz   05.05.2008   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   Seite empfehlen  empfehlen

Gerhard Zwerenz
Serie
  1. Wie kommt die Pleiße nach Leipzig?
  2. Wird Sachsen bald chinesisch?
  3. Blick zurück und nach vorn
  4. Die große Sachsen-Koalition
  5. Von Milbradt zu Ernst Jünger
  6. Ein Rat von Wolfgang Neuss und aus Amerika
  7. Reise nach dem verlorenen Ich
  8. Mit Rasputin auf das Fest der Sinne
  9. Van der Lubbe und die Folgen
  10. Unser Schulfreund Karl May
  11. Hannah Arendt und die Obersturmbannführer
  12. Die Westflucht ostwärts
  13. Der Sänger, der nicht mehr singt
  14. Ich kenne nur
    Karl May und Hegel
  15. Mein Leben als Prophet
  16. Frühe Liebe mit Trauerflor
  17. Der Schatten Leo Bauers
  18. Von Unselds Gegner zu Holtzbrincks Bodyguard
  19. Karl May Petrus Enzensberger Walter Janka
  20. Aus dem Notizbuch eines Ungläubigen
  21. Tanz in die zweifache Existenz
  22. General Hammersteins Schweigen
  23. Die Pleiße war mein Mississippi
  24. Im Osten verzwergt und verhunzt?
  25. Uwe Johnson geheimdienstlich
  26. Was fürchtete Uwe Johnson
  27. Frühling Zoo Buchmesse
  28. Die goldenen Leipziger Jahre
  29. Das Poeten-Projekt
  30. Der Sachsenschlag und die Folgen
  31. Blick zurück auf Wohlgesinnte
  32. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (I)
  33. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (II)
  34. Brief mit Vorspann an Erich Loest
  35. Briefwechsel mit der Welt der Literatur
  36. Die offene Wunde der Welt der Literatur
  37. Leipzig – wir kommen
  38. Terror im Systemvergleich
  39. Rachegesang und Kafkas Prophetismus
  40. Die Nostalgie der 70er Jahre
  41. Pauliner Kirche und letzte Helden
  42. Das Kickers-Abenteuer
  43. Unser Feind, die Druckwelle
  44. Samisdat in postkulturellen Zeiten
  45. So trat ich meinen Liebesdienst an …
  46. Mein Ausstieg in den Himmel
  47. Schraubenzieher im Feuchtgebiet
  48. Der Fall Filip Müller
  49. Contra und pro Genossen
  50. Wie ich dem Politbüro die Todesstrafe verdarb
  51. Frankfurter Polzei-buchmesse 1968
  52. Die Kunst, weder Kain noch Abel zu sein
  53. Als Atheist in Fulda
  54. Parade der Wiedergänger
  55. Poetik – Ästhetik und des Kaisers Nacktarsch
  56. Zwischen Arthur Koestler und den Beatles
  57. Fragen an einen Totalitarismusforscher
  58. Meine fünf Lektionen
  59. Playmobilmachung von Harald Schmidt
  60. Freundliche Auskunft an Hauptpastor Goetze
  61. Denkfabrik am Pleißenstrand
  62. Rendezvous beim Kriegsjuristen
  63. Marx, Murx, Selbstmord (der Identität)
  64. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (I. Teil)
  65. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (II. Teil)
  66. Der Bunker ...
  67. Helmut auf allen Kanälen
  68. Leipzig anno 1956 und Berlin 2008
  69. Mit Konterrevolutionären und Trotzkisten auf dem Dritten Weg
  70. Die Sächsischen Freiheiten
  71. Zwischen Genossen und Werwölfen
  72. Zur Geschichte meiner Gedichte
  73. Poetenladen: 1 Gedicht aus 16 Gedichten
  74. Der Dritte Weg als Ausweg
  75. Unendliche Wende
  76. Drei Liebesgrüße für Marcel
  77. Wir lagen vor Monte Cassino
  78. Die zweifache Lust
  79. Hacks Haffner Ulbricht Tillich
  80. Mein Leben als Doppelagent
  81. Der Stolz, ein Ostdeutscher zu sein
  82. Vom Langen Marsch zum 3. Weg
  83. Die Differenz zwischen links und rechts
  84. Wo liegt Bad Gablenz?
  85. Quartier zwischen Helmut Schmidt und Walter Ulbricht
  86. Der 3. Weg eines Auslandssachsen
  87. Kriegsverrat, Friedensverrat und Friedenslethargie
  88. Am Anfang war das Gedicht
  89. Vom Buch ins Netz und zur Hölle?
  90. Epilog zum Welt-Ende oder DDR plus
  91. Im Hotel Folterhochschule
  92. Brief an Ernst Bloch im Himmel
  93. Kurze Erinnerung ans Bonner Glashaus
  94. Fritz Behrens und die trotzkistische Alternative
  95. 94/95 Doppelserie
  96. FAUST 3 – Franz Kafka vor Auerbachs Keller
  97. Rainer Werner Fassbinder ...
  98. Zähne zusammen­beißen ...
  99. Das Unvergessene im Blick
    1. Nachwort
Nachworte
  1. Nachwort
    siehe Folge 99
  2. Auf den Spuren des
    Günter Wallraff
  3. Online-Abenteuer mit Buch und Netz
  4. Rückschau und Vorschau aufs linke Leipzig
  5. Die Leipziger Denkschule
  6. Idylle mit Wutanfall
  7. Die digitalisierte Freiheit der Elite
  8. Der Krieg als Badekur?
  9. Wolfgang Neuss über Kurt Tucholsky
  10. Alter Sack antwortet jungem Sack
  11. Vor uns diverse Endkämpfe
  12. Verteidigung eines Gedichts gegen die Gladiatoren
  13. Parademarsch der Lemminge und Blochs Abwicklung
  14. Kampf der Deserteure
  15. Fritz Bauers unerwartete Rückkehr
  16. Der Trotz- und Hoffnungs-Pazifismus
  17. Als Fassbinder in die Oper gehen wollte
  18. Was zum Teufel sind Blochianer?
  19. Affentanz um die 11. Feuerbach-These
  20. Geschichten vom Geist als Stimmvieh
  21. Von Frankfurt übern Taunus ins Erzgebirge
  22. Trotz – Trotzalledem – Trotzki
  23. Der 3. Weg ist kein Mittelweg
  24. Matroschka –
    Die Mama in der Mama
  25. Goethe bei Anna Amalia und Herr Matussek im Krieg
  26. Der Aufgang des Abendlandes aus Auerbachs Keller
  27. Jan Robert Bloch –
    der Sohn, der aus der Kälte kam
  28. Das Buch, der Tod und der Widerspruch
  29. Pastor Gauck oder die Revanche für Stalingrad
  30. Bloch und Nietzsche werden gegauckt ...
  31. Hölle angebohrt. Teufel raus?
  32. Zwischen Heym + Gauck
  33. Von Marx über Bloch zu Prof. Dr. Holz
  34. Kafkas Welttheater in Auerbachs Keller
  35. Die Philosophenschlacht von Leipzig
  36. Dekonstruktion oder Das Ende der Ver­spä­tung ist das Ende
  37. Goethes Stuhl – ein Roman aus Saxanien
  38. Meine Weltbühne im poetenladen
  39. Von Blochs Trotz zu Sartres Ekel
  40. Die Internationale der Postmarxisten
  41. Dies hier war Deutschland
  42. Kopfsprünge von Land zu Land und Stadt zu Stadt
  43. Einiges Land oder wem die Rache gehört
  44. Schach statt Mühle oder Ernst Jünger spielen
  45. Macht ist ein Kriegszustand
  46. Dekonstruktion als Kriminalgeschichte I
  47. Damals, als ich als Boccaccio ging …
  48. Ein Traum von Aufklärung und Masturbation
  49. Auf der Suche nach der verschwundenen Republik
  50. Leipzig am Meer 2013
  51. Scheintote, Untote und Überlebende
  52. Die DDR musste nicht untergehen (1)
  53. Die DDR musste nicht untergehen (2)
  54. Ein Orden fürs Morden
  55. Welche Revolution darfs denn sein?
  56. Deutschland zwischen Apartheid und Nostalgie
  57. Nietzsche dekonstruierte Gott, Bloch den Genossen Stalin
  58. Ernst Jünger, der Feind und das Gelächter
  59. Von Renegaten, Trotzkisten und anderen Klassikern
  60. Die heimatlose Linke (I)
    Bloch-Oper für zwei u. mehr Stimmen
  61. Die heimatlose Linke (II)
    Ein Zwischenruf
  62. Die heimatlose Linke (III)
    Wer ist Opfer, wer Täter ...
  63. Die heimatlose Linke (IV)
    In der permanenten Revolte
  64. Wir gründen den Club der
    heimatlosen Linken
  65. Pekings große gegen Berlins kleine Mauer
  66. Links im Land der SS-Ober­sturm­bann­führer
  67. Zweifel an Horns Ende – SOKO Leipzig übernimmt?
  68. Leipzig. Kopfbahnhof
  69. Ordentlicher Dialog im Chaos
  70. Büchner und Nietzsche und wir
  71. Mit Brecht in Karthago ...
  72. Endspiel mit Luther & Biermann & Margot
  73. Die Suche nach dem anderen Marx
  74. Wer ermordete Luxemburg und Liebknecht und wer Trotzki?
  75. Vom Krieg unserer (eurer) Väter
  76. Wohin mit den späten Wellen der Nazi-Wahrheit?
  77. Der Feind ist in den Sachsengau eingedrungen
  78. Die Heldensöhne der Urkatastrophe
  79. Die Autobiographie zwischen
    Schein und Sein
  80. Auf der Suche nach der verlorenen Sprache
  81. Atlantis sendet online
  82. Zur Philosophie des Krieges
  83. Deutsche, wollt ihr ewig sterben?
  84. Der Prominentenstadl in der Krise
  85. Der Blick von unten nach oben
  86. Auf der Suche nach einer moralischen Existenz
  87. Vom Krieg gegen die Pazifisten
  88. Keine Lust aufs Rentnerdasein
  89. Von der Beschneidung bis zur
    begeh­baren Prostata
  90. Friede den Landesverrätern
    Augstein und Harich
  91. Klarstellung 1 – Der Konflikt um
    Marx und Bloch
  92. Bloch & die 56er-Opposition zwischen Philo­sophie und Verbrechen
  93. Der Kampf ums Buch
  94. Und trotzdem: Ex oriente lux
  95. Der Soldat: Held – Mörder – Heiliger – Deserteur?
  96. Der liebe Tod – Was können wir wissen?
  97. Lacht euren Herren ins Gesicht ...
  98. Die Blochianer kommen in Tanzschritten
  99. Von den Geheimlehren der Blochianer
Aufsatz