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Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | Folge 87

Dies ist eine sächsische Autobiographie als Fragment in 99 Fragmenten. Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philosophen nennen das coincidentia oppositorum, d.h. Einheit der Widersprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

87

Kriegsverrat, Friedensverrat und Friedenslethargie

Genscher, Lambsdorff, Zwerenz a) als Soldaten und b) als MdB
Deutscher Bundestag Pressedokumentation 1995


Vor jedem Krieg muss die Ordensvergabe gesetzlich neu geregelt werden. Das zählt zum strategischen Fortschritt der Kultur. Die eisernen Kreuze verbürgten Kontinuität vom Eisernen Kanzler Bismarck, der 1871 Frankreich besiegte, über Kaiser Wilhelm, der von 1914 – 1918 tapfer aus der hohlen Hand Eiserne Kreuze an willige Schlachtopfer verteilte, bis zum bitteren Ende von 1945, als der deutsche Führer dem letzten HJ-Helden lobend in die Wange kniff.
Danach begann die furchtbare ordenslose Zeit. Keine neuen Tapfer­keits-Ehrenzeichen. Wer eines aus seinem alten Sortiment tragen wollte, musste zur Feile greifen. Dem Ex-Major Mende baumelte sein Ritterkreuz ohne Hakenkreuz unterm MdB-Adamsapfel. Auch die Bundesluftwaffe durfte sich mit Kreuzen schmücken, ohne Haken ganz wie im glorreichen 1. Weltkrieg, der auch schon verloren ging, das walte Versailles. Das Kreuz ist offizielles Hoheitszeichen der Bundeswehr, die neugeregelte Ordensfrage aber stieß jetzt auf Definitions-Schwierigkeiten bei Volk und Führungselite. Unklar war, ist der Krieg einer oder keiner. Sind Tote Gefallene oder Verkehrsopfer. Alte Kameraden samt BW-Reservistenverband votierten vaterländisch fürs traditionelle EK, das es im 2. Weltkrieg über 2 Millionen mal für die ewige Tapferkeit gab. So originalgetreu wollte man's nicht. Also schuf man phantasiebeschwingt ein „Ehrenkreuz für Tapferkeit“, das für „gefährliche Einsätze“ verliehen wird. Das trifft auf unsere BW-Mädels und -Jungs in Afghanistan zu, wo schon viele Eindringliche aus dem Land getrieben wurden, zuletzt die SU, die fahrlässig auf die Beihilfe der DDR-NVA verzichtete, während die USA ihre BW-Kameraden nicht entbehren möchte, weshalb unsere Ordensindustrie künftig viel zu tun haben wird. Am 6. Juli verlieh, wie Bild berichtete, Bundes­kanzlerin Merkel die Tapfer­keits­medaillen an 4 Soldaten, die sich im Oktober 08 nach einem „Selbstmord-Anschlag bei Kundus … um ihre Kameraden gekümmert hatten. Bei dem Attentat waren 2 deutsche Soldaten gefallen und 5 afghanische Kinder getötet worden.“ Da können wir natürlich nicht ruhmlos und feige abziehen wie 1988 die Sowjetische Armee, diese weicheiernden Bolschewiken. In der Truppe gibt's geteilte Ansichten. Luftwaffenpiloten, die gegen Jugoslawien dabei waren, wollten schon damals öffentlich geehrt werden, wie die Süddeutsche Zeitung herausfand. Ein Oberstleutnant a. D. klärte am 7.9.06 in der FAZ kategorisch die Lage: „Zum Wesen und Selbstverständnis des Soldaten gehört der Krieg und damit der Kampf.“ Und: „Denn der Soldat ist sui generis kein bewaffneter Sozialarbeiter.“ Da wissen wir doch, woran wir sind, egal, was diverse Kriegsminister beschönigen. Auch Kanzlerin Merkel zeichnet nur Soldaten aus, „die sich um ihre Kameraden gekümmert hatten“, Sozialarbeiter also. Unter uns Landsern hieß es: Kameraden gibt's nicht mehr, der letzte starb in Stalingrad. Heute führt Nietzsches Satz von der ewigen Wiederkehr des Gleichen zur Freiheitsverteidigung an den Hindukusch, wie Kaiser Wilhelm seine Hunnen im Jahr 1900 gegen den Boxeraufstand nach China befahl. Einigkeit und Recht und Freiheit ist uns immer ein paar schöne Tapferkeitsmedaillen wert.
Die Frage ist, wie lange so eine simple Tapferkeitsmedaille ausreicht. Schon die Wehrmacht erfand dafür Steigerungen je nach Kriegs-Eskalation. Auf EK II und EK I folgten das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes; das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes mit Eichenlaub; das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes mit Eichenlaub und Schwertern; das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes mit Eichenlaub, Schwertern und Brillanten; das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes mit goldenem Eichenlaub, Schwertern und Brillanten. Die Kreuze eskalieren mit den Schlachten.
Zur Zeit der Wehrmacht­ausstellung erklärte ein Juraprofessor und CDU-Bundestagsabgeordneter, der auch kurze Zeit Verteidigungsminister gewesen ist, sein Vater sei in Stalingrad gefallen, jedoch kein Verbrecher. Diese Aussage signalisiert die Verlegenheit der honorig-bürgerlichen Familie. Normalerweise steht der Name von „Gefallenen“ auf dem Kriegerdenkmal und ihrer wird ehrenvoll gedacht. Was aber, handelt es sich um einen „Angriffs- und Vernichtungskrieg“? Was war dann Stalingrad? Teil des Verbrechens? Was waren die deutschen Soldaten in Stalingrad? Auf welchem Weg vom einzelnen Soldaten zum allgemeinen Desaster wurde der Angriff auf die Stadt zum Verbrechen? Für Deutsche heißt Stalingrad Untergang einer Armee. Von fast einer Viertelmillion Soldaten marschierten etwa 90.000 in Gefangenschaft, spärliche 6.000 kehrten zurück. Der tv-Blick auf die jämmerlich frierenden und halbverhungerten Gefangenen vermittelt ein Bild des Abschieds. Von neunzig Soldaten werden nur sechs überleben. Was vorher war, ist Hitlers Schuld, der seinen Generälen den Rückzug verbot. Wer aber befahl und befolgte den Angriff? Fragt jemand, wie viele Menschen der Feind verlor? Es kann die dreifache, wenn nicht vierfache Anzahl sein. Daran denkt der Sohn nicht, dessen Vater „in Stalingrad blieb“, ohne Verbrecher gewesen zu sein. Denn die Teilhabe an einem Verbrechen ist höchstens strafbar, handelt es sich um eine kriminelle Vereinigung. Das aber sagten selbst die Alliierten nicht von der Wehrmacht, nur von der SS. Die leistete an der Wolga bloß Beihilfe.
Nun, das sind vergangene Zeiten. Im Moment ist die Russenfeindschaft wieder en vogue. Von Merkel bis zur FAZ kriegt der Osten sein Fett weg. Auch die Chinesen sind schon wieder böse, obwohl Mao längst durchs gelbe New-Deal-Programm ersetzt wurde. „Die Kommunisten sind noch nicht tot“, schreit es aus der FAZ vom 21. 11. 07, Seite 3, und Schäuble fordert auf Seite 2: „Mehr Soldaten für Afghanistan!“. Ran an den Feind?
Ja, sie bekämpfen den Terrorismus. Das taten schon ihre Väter und Großväter. Laut Abkommen zwischen SS und Wehrmacht sollten die Ein­satz­gruppen im Osten zusätzlich Emigranten, Saboteure und Ter­roristen umbringen, welche Zielpersonen Generaloberst Halder noch ausdrücklich um Kommunisten und Juden ergänzte. Göring und Heydrich hatten 1941 bereits vor dem Angriff im Osten festgelegt, dass die Truppe wissen solle, „wen sie praktisch an die Wand zu zu stellen habe.“ (Jürgen Förster Die Wehrmacht im NS-Staat) Was von oben angeordnet wurde, fand bei der Truppe volles Verständnis. Befehl der 12. Infanterie­division vom 21.6.1940 für den Angriff auf Frankreich: „Gefangene Reichs­deutsche ...sind, soweit es sich um sogenannte Emigranten handelt ... zu erschießen.“
Erich Kuby, zweiter von links
Nicht alle Wehrmacht­soldaten waren gehorsam. Der renitente Obergefreite Erich Kuby schrieb ganz Bücher über Gehorsam und Ungehorsam. Er war so unbequem, dass er in unseren Medien endlich vergessen gemacht werden musste. Mit Kuby zusammen werden heute viele aus dem Gedächtnis gestrichen, die nach 1945 nie wieder in den Krieg ziehen lassen wollten. Wenn Roland Koch zur hessischen Wahl seinen toten Partei­bruder Alfred Dregger für den Kampf auferstehen lässt, klingt es wie Donnerhall über die Helden­friedhöfe. Als die FAZ sich in ihrem Frage­bogen erkundigte, welche militärischen Leistungen Dregger am meisten bewundere, antwortete er: „Die Stand­haftigkeit von Teilen der Wehrmacht in der Niederlage von 1945 mit dem Ziel, die ost­deutsche Bevöl­kerung vor der Roten Armee retten.“
Dregger war vom ersten Kriegstag an bei der Wehrmacht. Wer wurde da gerettet? Sie fallen als gepanzerte Heuschrecken in fremde Länder ein, marschieren bis Moskau, Leningrad, Stalingrad, Kreta, Tobruk, Athen, an den Ebrus, und wenn ihnen der angegriffene Feind heimleuchtet, retten sie „die ostdeutsche Bevölkerung“, die ohne ihre tapferen Soldaten gar nicht in die rettungs­lose Lage geraten wäre, was einzusehen den Horizont der Helden übersteigt. Deutschland über alles.
In Ossietzky, Heft 11 vom 2.6.07 zitiere ich unter dem Titel „Kriegsverrat oder Friedensverrat“ den CSU-MdB Norbert Geis, der am 10. 5. 07 im Deutschen Bundestag zu Protokoll gegeben hatte: „Wer desertiert, um die eigene Haut zu retten … hat sich nach allen Maßstäben der zivilisierten Welt verwerflich verhalten ... Durch eine von der Linksfraktion geforderte Aufhebung dieser damaligen Urteile wegen Kriegsverrats würde solch ein verwerfliches Verhalten nachträglich sanktioniert werden.“ Abgesehen davon, dass Geis für seine Partei den antinazistischen Widerstand in Misskredit bringt und diese Verteidigung des Angriffskrieges auch noch der “zivilisierten Welt“ zuschreibt, dekonstruiert er sich selbst intellektuell und charakterlich. Das will bewiesen sein. Dazu ein Beispiel: Am 8.1.1944 erfolgte gegen den Schützen Anton P. vom XV. Fest.lnf. Btl. 999 Tatbericht wegen Kriegsverrats. Am 25. 1.44 folgt das Todesurteil, das durch keinen Geringeren als General­feld­marschall von Kleist aufgehoben wird, obwohl gegen Angehörige des Strafbataillons 999 Todesurteile leicht und schnell ausgesprochen und vollstreckt wurden. Derselbe von Kleist weist auch ein zweimal verhängtes Todesurteil gegen einen anderen 999er zweimal zurück und erreicht Strafminderung auf 8 Jahre Haft.
Wäre das nicht ein schöner Bericht für Panorama? Ein Hitlerscher Feld­marschall kämpft unverdrossen um das Leben zweier wegen Kriegs­verrat zum Tode verurteilten Strafsoldaten und 63 Jahre später kämpft der CSU-Bundestagsabgeordnete Geis im Namen der christlichen Parteien gegen die von der Linksfraktion geforderte Rehabilitierung der wegen Kriegsverrat verurteilten Soldaten. Aber nein, die Herren Christen wollen nur Einzelfallprüfung? Das nehme ich ihnen sogar ab. Der nächste und bereits jetzt gegen Recht und Grundgesetz geführte Krieg soll seinen präheroischen Freispruch erhalten, und wer widersteht, soll als Kriegsverräter verurteilt werden. Das ist die subkutane Botschaft der Friedensverräter, die den Kriegsverrat, statt ihn zur Bürgerpflicht zu erheben, kriminalisieren.
Die Gruppe der Kriegsverräter wurde bisher von der Rehabilitierung der verurteilten Deserteure ausgenommen. Wie viele Soldaten als Kriegsverräter galten ist unbekannt. Es lebt keiner mehr. Die andauernde Verschleppung der Debatte, die nun am 26. August 09 auf einer Sondersitzung des Bundestages ein Ende finden soll, ist in ihrer Geschichtsverspätung 64 Jahre nach Kriegsende nur noch gespenstisch. Nicht weniger gespenstisch erscheint mir der Beitrag meines Geburtslandes Sachsen zu dieser gesamtdeutschen Rückständigkeit. 600 Jahre Universität Leipzig - Aus Tradition Grenzen überschreiten heißt eine Festschrift, ein großformatiger, reichbebilderter Band, den ich mit Gewinn las, obwohl Bundesminister a. D. Hans Dietrich Genscher im Vorwort eigentumssüchtig von „meiner Universität“ spricht, wozu der Leipziger Ehrendoktor mehr als ein Dutzend Sätze braucht. Dafür wird Thomas Münzer, Ernst Bloch, Hans Mayer nur jeweils ein Satz zur Vorstellung zugebilligt. Lobend erwähnt wird auch „die spätere Bundes­kanzlerin Angela Merkel, damals Physikstudentin an der Leipziger Universität.“ Vier verunklarende Sätze handeln von den Opfern „der beiden Zwangsherrschaften des 20. Jahrhunderts.“ Bei der Lektüre begriff ich, weshalb die Universität als Vorbereitung auf die 600-Jahrfeier im Jahr 2004 Bloch und Mayer mit einer rudimentären Ausstellung abtun wollte. „Lasst uns streiten!“ hieß es damals immerhin. Aber der Kustos und Universitäts-Archivar Prof. Gerald Wiemers wusste auch, bei Bloch „liegt noch zu viel im Dunkeln“, denn der sei „ein Stalinist gewesen, der sich zum Oppor­tunisten wandelte.“ Offenbar liegt dort 5 Jahre später immer noch soviel im Dunkeln, dass „der interessante Mann der Zeit- und Uni­versi­täts­geschichte“ (Wiemers) mit einem einzigen Satz abgefrühstückt werden musste.
Blochs Versuch, von Leipzig aus dem Orwellschen Untergangsmodell 1984 einen Nietzscheanischen Marxismus als so revolutionären wie gangbaren 3. Weg entgegenzustellen, soll nicht benannt und gar näher erläutert werden. Bloch als Klassiker einer erneuerten Existenz­philosophie kriegt von unwissend-eilfertigen Administra­toren den Stalinismus-Vorwurf ans Bein gewischt. Wir äußerten uns dazu in Folge 80 dieser Serie. Wenn es um Sachsens revolutionäre Vergangenheit geht, teilt die zeitgemäß postmoderne Reaktion sich in zwei Gruppen, die eine betreibt ein Verschweigekartell, die andere lügenhaftes Denunziantentum.
Als neulich Bundeskanzlerin Merkel dem US-Präsidenten Obama geflis­sent­lich nach Buchenwald folgte, erinnerte ich mich meiner Anfrage an die Bundesregierung, ob es nicht an der Zeit sei, den jährlichen Holocaust­gedenktag am 27. Januar in Buchenwald zu begehen, um dort die Opfer zu würdigen. Zu meinem Erstaunen beschloss ausgerechnet der Sächsische Landtag die Reise. Es geht also, führte aber zu der deutsch­peinlichen Frage, ob dort auch des auf Führerbefehl ermordeten Ernst Thälmann gedacht werden dürfe.
Der Besuch sächsischer Politiker in der thüringischen Gedenkstätte illustriert ein gesamtdeutsches Dilemma: Wer grenzt wen aus? Als Modell dient, so scheint mir, der traditionelle, inzwischen modernisierte Spießrutenlauf in den Medien und mit deren Beihilfe. Die Gretchenfrage lautet: Wer darf reden? Wer darf öffentlich, also im Fernsehen auftreten? Wer darf nicht? Es wird taktisch eliminiert und symbolisch liquidiert. Wer die Macht hat, verleiht Auftritts­lizenzen und indirekte Verbote. Solange er keine direkten Mordlizenzen erteilen darf, leidet er an seinen beschnittenen Machtbefugnissen. Das geht bei uns seit 1945 so gehemmt zu. Der berühmte Staatsrechtler Carl Schmitt mümmelte vordem, souverän sei, wer über den Notstand gebiete. Seither streben alle Mächtigen die volle Souveränität an.
Üben wir uns stattdessen im Spurenlesen: Im August 1942 zerbombte die deutsche Luftwaffe eine Woche lang Stalingrad, um es sturmreif zu schießen. Verluste der Bevölkerung: ca. 40.000. Im Juli/August 1943 gab es eine Woche lang alliierte Luftangriffe (Unternehmen Gomorrha) auf Hamburg. Verluste der Bevölkerung: ca. 40.000. Vom 13. – 15. Februar 1945 hagelte es alliierte Bomben auf Dresden. Verluste der Bevölkerung: ca. 30 - 40.000. Das Buch Hiob endet mit den Worten: „Und Hiob starb alt und Lebens satt.“ (42/17) Was ist mit den ungefähr 120.000 Bombentoten von Stalingrad, Hamburg, Dresden, die nicht alt und Lebens satt werden durften? Sie begehrten nicht auf wie Hiob und starben gehorsam. Anfang August 1944 durchquerte ich das Warschauer Trümmerfeld. Was ist, dachte ich schaudernd, wenn Deutschland das alles heimgezahlt wird? Der Gedanke war unsereinem nicht fremd. Er wurde nur schnell beiseite geschoben. Was denn, wenn die strahlend wiedererrichtete Dresdner Frauenkirche vergessen lässt, was gewesen ist? War das Trümmerdenkmal, dieser Torso, nicht ehrlicher? Als ich dies notierte, informierte mich die Zeitung unter der Überschrift: „Dresden glänzt“ – Unterzeile: „Nach 67 Jahren endlich wieder der Ball in der Semperoper.“ Weiter im Text: „1939 brach die Tradition ab, 1944 lag das Opernhaus in Trümmern und in den 45 langen Jahren danach waren bürgerliche Vergnügungen dieser Art tabu ...“ Hebt mit dem Opernball endlich wieder die tabulose Zeit an? Dazu ein Foto mit den Worten: „Landeseltern im Wiegeschritt: Georg Milbradt mit Gattin Angelika.“ Das walte der Wiegeschritt. Das Paar sah nicht besonders beglückt drein. Warum soll Dresden nicht wie Wien, München, Frankfurt am Main ein rauschender Opernball gegönnt sein? Die Millionäre und Prominenten samt Tratsch- und Klatschbediensteten wollen ihre Spielwiese haben. Wir wissen doch längst, der plötzliche Übergang vom Normalmenschen zum Übermenschen ist Resultat einer Negativauslese, von der wir in Deutschland nie mehr überrascht werden können; schließlich ist unsere vaterländische Geschichte voll von regressiven Mutationen, denen zufolge Menschen sich über Affen zurückverwandeln auf Schleimbeutelgrößen und Amöbendimensionen.
Gerhard Zwerenz
Kurt Tucholsky
Biographie eines guten Deutschen
C. Bertelsmann 1989

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Natürlich kann auch eine sächsische Landes­regierung aus­nahmsweise oder öfter mal klug und liberal denken und handeln, braucht sie doch nicht auf frühere Befind­lich­keiten Rücksicht zu nehmen, wie es nach 1945 bei der Bonner Republik geboten war, wo F.J. Strauß von München her Diktatoren hofierte und 1961 den Emigranten Willy Brandt fragte:„Was haben Sie zwölf Jahre lang draußen gemacht? Wir wissen, was wir drinnen gemacht haben.“ Da fällt uns doch gleich der Stuttgarter Minister­präsident Fil­binger mit seiner kriegs­richter­lichen Vergan­genheit ein, auf die er stolz war. Weshalb also handelten Bieden­kopf und seine Nachfolger als sei in Sachsen nach 1989/90 die Uhr auf die Bonner fünfziger Jahre zurückgedreht worden? An der Elbe musste kein Nazistall mit des Führers alter Garde über­lebender brauner Kampf­hähne übernommen werden. Weshalb dann dieser rasende Trieb, gegen den toten Tucholsky und die paar überlebenden Wehrmachts­deserteure zu giften? Sind die Politiker an der Elbe ernsthaft der Meinung, kriminell sei, wer aus Hitlers Heer deser­tierte, doch wer den Krieg noch über den Dresdner Unter­gang im Februar 1945 gehorsamst weiterführte sei hingegen so gerechtfertigt wie vorbildlich? Im feindseligen Umgang mit Tucholskys pazifis­tischem Wort „Soldaten sind Mörder“ und in der Behandlung deutscher Fahnen­flüchtiger offenbart sich der defekte deutsche Seelen­zustand. Muss der Freistaat Sachsen sich da unbedingt anschließen?
Das Land hat besseres verdient als seinen jetzigen angehaltenen Zustand. In Industrialisierung und Arbeiterbewegung, im Widerstand gegen Hitler, mit den unter schwierigen Bedingungen an die SU geleisteten Reparationszahlungen inklusive der erzwungenen Uran-Förderung, im öffentlichen Protest gegen eine falsche Politik der sowjetischen Besatzungsmacht und den von ihr abhängigen Politbüros war Sachsen vital und wegweisend. Warum verharrt es in der Resignation, wohin ist der Elan von 1989/90?

Sächsische Bundesrats­initiative   (Zoom per Klick)

Inzwischen liegt der 6. Juli 09 mit Merkels Ordensverleih an vier Bundeswehr-Feldwebel schon einige Zeit hinter uns. Die 2 Millionen Träger des Eisernen Kreuzes aus dem 2. Weltkrieg applau­dieren aus ihren Massen­gräbern. Laut Spiegel vom 6.7.09 fordert Steffen Heitmann für die sächsische CDU mehr sächsi­schen Dialekt im MDR-Sende­gebiet. Der Landtags­abgeord­nete und vor­malige Dresdner Justizminister, der gar als Bundes­präsident ange­boten wurde, dieser Hans Dampf in allen Sack­gassen hatte im März 1996 die „Sächsische Bundes­rats­initiative“ gegen den Tucholsky-Satz Soldaten sind Mörder eingebracht. Ich war damals als MdB in Bonn Mitglied im Ver­tei­digungs­ausschuss und erstmals versucht, gegen alle Vereini­gungen mit den alten wie neuen Kriegern zu stimmen. Heute riecht es aus ihrer Feldküche wieder nach Blutsuppe.
Am zweihundertfünfzehnten Tag des Nürnberger Kriegs­verbrecher­prozes­ses, Freitag 30. August 1946 erklärte Oberst Telford Taylor, beigeordneter Ankläger der USA: „Der deutsche Mili­tarismus wird, wenn er wiederkommt, nicht unbedingt unter der Ägide des Nazismus auftreten. Die deutschen Militaristen werden sich mit jedem Mann und jeder Partei verbünden, die ihnen eine Wiedergeburt der deutschen bewaffneten Macht verspricht.“ Der Herr Oberst war ein Prophet. Wir werden uns mit seiner Weisheit noch ein wenig befassen müssen.
Schnell wie der Teufel reagierte schon am 7.7.09 die FAZ als Flaggschiff der Rückwende zu herrlichen Kriegszeiten. „Für Tapferkeit“ schreit und hallu­ziniert es im üblichen Heldensound: „ …unter Einsatz ihres Lebens … tapfer den Kampfauftrag … Einsatz in Afghanistan …“ Endlich wird eine Ordens-Sonderstufe gefordert für „jene Politiker … die seine Einführung (und den Einsatz in Afghanistan) tapfer verteidigen.“ Als pazifizierender Sachse schlage ich den hitzigen Kriegsdichtern und ihren so einsatz­besessenen Politikern ein abkühlendes Bad in der radiumhaltigen Pleiße vor. Am vor­maligen Leipziger Reichsgericht und nach­maligen Dimitroff-Museum ist ein schöner Platz dafür freigehalten, und sie können dort sogar dem geköpften van der Lubbe begegnen, falls ihre Phantasie weiterreicht als bis zum Hindukusch.

Das nächste Kapitel erscheint am Montag, den 20.07.2009.

Gerhard Zwerenz   13.07.2009    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
Gerhard Zwerenz
Serie
  1. Wie kommt die Pleiße nach Leipzig?
  2. Wird Sachsen bald chinesisch?
  3. Blick zurück und nach vorn
  4. Die große Sachsen-Koalition
  5. Von Milbradt zu Ernst Jünger
  6. Ein Rat von Wolfgang Neuss und aus Amerika
  7. Reise nach dem verlorenen Ich
  8. Mit Rasputin auf das Fest der Sinne
  9. Van der Lubbe und die Folgen
  10. Unser Schulfreund Karl May
  11. Hannah Arendt und die Obersturmbannführer
  12. Die Westflucht ostwärts
  13. Der Sänger, der nicht mehr singt
  14. Ich kenne nur
    Karl May und Hegel
  15. Mein Leben als Prophet
  16. Frühe Liebe mit Trauerflor
  17. Der Schatten Leo Bauers
  18. Von Unselds Gegner zu Holtzbrincks Bodyguard
  19. Karl May Petrus Enzensberger Walter Janka
  20. Aus dem Notizbuch eines Ungläubigen
  21. Tanz in die zweifache Existenz
  22. General Hammersteins Schweigen
  23. Die Pleiße war mein Mississippi
  24. Im Osten verzwergt und verhunzt?
  25. Uwe Johnson geheimdienstlich
  26. Was fürchtete Uwe Johnson
  27. Frühling Zoo Buchmesse
  28. Die goldenen Leipziger Jahre
  29. Das Poeten-Projekt
  30. Der Sachsenschlag und die Folgen
  31. Blick zurück auf Wohlgesinnte
  32. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (I)
  33. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (II)
  34. Brief mit Vorspann an Erich Loest
  35. Briefwechsel mit der Welt der Literatur
  36. Die offene Wunde der Welt der Literatur
  37. Leipzig – wir kommen
  38. Terror im Systemvergleich
  39. Rachegesang und Kafkas Prophetismus
  40. Die Nostalgie der 70er Jahre
  41. Pauliner Kirche und letzte Helden
  42. Das Kickers-Abenteuer
  43. Unser Feind, die Druckwelle
  44. Samisdat in postkulturellen Zeiten
  45. So trat ich meinen Liebesdienst an …
  46. Mein Ausstieg in den Himmel
  47. Schraubenzieher im Feuchtgebiet
  48. Der Fall Filip Müller
  49. Contra und pro Genossen
  50. Wie ich dem Politbüro die Todesstrafe verdarb
  51. Frankfurter Polzei-buchmesse 1968
  52. Die Kunst, weder Kain noch Abel zu sein
  53. Als Atheist in Fulda
  54. Parade der Wiedergänger
  55. Poetik – Ästhetik und des Kaisers Nacktarsch
  56. Zwischen Arthur Koestler und den Beatles
  57. Fragen an einen Totalitarismusforscher
  58. Meine fünf Lektionen
  59. Playmobilmachung von Harald Schmidt
  60. Freundliche Auskunft an Hauptpastor Goetze
  61. Denkfabrik am Pleißenstrand
  62. Rendezvous beim Kriegsjuristen
  63. Marx, Murx, Selbstmord (der Identität)
  64. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (I. Teil)
  65. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (II. Teil)
  66. Der Bunker ...
  67. Helmut auf allen Kanälen
  68. Leipzig anno 1956 und Berlin 2008
  69. Mit Konterrevolutionären und Trotzkisten auf dem Dritten Weg
  70. Die Sächsischen Freiheiten
  71. Zwischen Genossen und Werwölfen
  72. Zur Geschichte meiner Gedichte
  73. Poetenladen: 1 Gedicht aus 16 Gedichten
  74. Der Dritte Weg als Ausweg
  75. Unendliche Wende
  76. Drei Liebesgrüße für Marcel
  77. Wir lagen vor Monte Cassino
  78. Die zweifache Lust
  79. Hacks Haffner Ulbricht Tillich
  80. Mein Leben als Doppelagent
  81. Der Stolz, ein Ostdeutscher zu sein
  82. Vom Langen Marsch zum 3. Weg
  83. Die Differenz zwischen links und rechts
  84. Wo liegt Bad Gablenz?
  85. Quartier zwischen Helmut Schmidt und Walter Ulbricht
  86. Der 3. Weg eines Auslandssachsen
  87. Kriegsverrat, Friedensverrat und Friedenslethargie
  88. Am Anfang war das Gedicht
  89. Vom Buch ins Netz und zur Hölle?
  90. Epilog zum Welt-Ende oder DDR plus
  91. Im Hotel Folterhochschule
  92. Brief an Ernst Bloch im Himmel
  93. Kurze Erinnerung ans Bonner Glashaus
  94. Fritz Behrens und die trotzkistische Alternative
  95. 94/95 Doppelserie
  96. FAUST 3 – Franz Kafka vor Auerbachs Keller
  97. Rainer Werner Fassbinder ...
  98. Zähne zusammen­beißen ...
  99. Das Unvergessene im Blick
    1. Nachwort
Nachworte
  1. Nachwort
    siehe Folge 99
  2. Auf den Spuren des
    Günter Wallraff
  3. Online-Abenteuer mit Buch und Netz
  4. Rückschau und Vorschau aufs linke Leipzig
  5. Die Leipziger Denkschule
  6. Idylle mit Wutanfall
  7. Die digitalisierte Freiheit der Elite
  8. Der Krieg als Badekur?
  9. Wolfgang Neuss über Kurt Tucholsky
  10. Alter Sack antwortet jungem Sack
  11. Vor uns diverse Endkämpfe
  12. Verteidigung eines Gedichts gegen die Gladiatoren
  13. Parademarsch der Lemminge und Blochs Abwicklung
  14. Kampf der Deserteure
  15. Fritz Bauers unerwartete Rückkehr
  16. Der Trotz- und Hoffnungs-Pazifismus
  17. Als Fassbinder in die Oper gehen wollte
  18. Was zum Teufel sind Blochianer?
  19. Affentanz um die 11. Feuerbach-These
  20. Geschichten vom Geist als Stimmvieh
  21. Von Frankfurt übern Taunus ins Erzgebirge
  22. Trotz – Trotzalledem – Trotzki
  23. Der 3. Weg ist kein Mittelweg
  24. Matroschka –
    Die Mama in der Mama
  25. Goethe bei Anna Amalia und Herr Matussek im Krieg
  26. Der Aufgang des Abendlandes aus Auerbachs Keller
  27. Jan Robert Bloch –
    der Sohn, der aus der Kälte kam
  28. Das Buch, der Tod und der Widerspruch
  29. Pastor Gauck oder die Revanche für Stalingrad
  30. Bloch und Nietzsche werden gegauckt ...
  31. Hölle angebohrt. Teufel raus?
  32. Zwischen Heym + Gauck
  33. Von Marx über Bloch zu Prof. Dr. Holz
  34. Kafkas Welttheater in Auerbachs Keller
  35. Die Philosophenschlacht von Leipzig
  36. Dekonstruktion oder Das Ende der Ver­spä­tung ist das Ende
  37. Goethes Stuhl – ein Roman aus Saxanien
  38. Meine Weltbühne im poetenladen
  39. Von Blochs Trotz zu Sartres Ekel
  40. Die Internationale der Postmarxisten
  41. Dies hier war Deutschland
  42. Kopfsprünge von Land zu Land und Stadt zu Stadt
  43. Einiges Land oder wem die Rache gehört
  44. Schach statt Mühle oder Ernst Jünger spielen
  45. Macht ist ein Kriegszustand
  46. Dekonstruktion als Kriminalgeschichte I
  47. Damals, als ich als Boccaccio ging …
  48. Ein Traum von Aufklärung und Masturbation
  49. Auf der Suche nach der verschwundenen Republik
  50. Leipzig am Meer 2013
  51. Scheintote, Untote und Überlebende
  52. Die DDR musste nicht untergehen (1)
  53. Die DDR musste nicht untergehen (2)
  54. Ein Orden fürs Morden
  55. Welche Revolution darfs denn sein?
  56. Deutschland zwischen Apartheid und Nostalgie
  57. Nietzsche dekonstruierte Gott, Bloch den Genossen Stalin
  58. Ernst Jünger, der Feind und das Gelächter
  59. Von Renegaten, Trotzkisten und anderen Klassikern
  60. Die heimatlose Linke (I)
    Bloch-Oper für zwei u. mehr Stimmen
  61. Die heimatlose Linke (II)
    Ein Zwischenruf
  62. Die heimatlose Linke (III)
    Wer ist Opfer, wer Täter ...
  63. Die heimatlose Linke (IV)
    In der permanenten Revolte
  64. Wir gründen den Club der
    heimatlosen Linken
  65. Pekings große gegen Berlins kleine Mauer
  66. Links im Land der SS-Ober­sturm­bann­führer
  67. Zweifel an Horns Ende – SOKO Leipzig übernimmt?
  68. Leipzig. Kopfbahnhof
  69. Ordentlicher Dialog im Chaos
  70. Büchner und Nietzsche und wir
  71. Mit Brecht in Karthago ...
  72. Endspiel mit Luther & Biermann & Margot
  73. Die Suche nach dem anderen Marx
  74. Wer ermordete Luxemburg und Liebknecht und wer Trotzki?
  75. Vom Krieg unserer (eurer) Väter
  76. Wohin mit den späten Wellen der Nazi-Wahrheit?
  77. Der Feind ist in den Sachsengau eingedrungen
  78. Die Heldensöhne der Urkatastrophe
  79. Die Autobiographie zwischen
    Schein und Sein
  80. Auf der Suche nach der verlorenen Sprache
  81. Atlantis sendet online
  82. Zur Philosophie des Krieges
  83. Deutsche, wollt ihr ewig sterben?
  84. Der Prominentenstadl in der Krise
  85. Der Blick von unten nach oben
  86. Auf der Suche nach einer moralischen Existenz
  87. Vom Krieg gegen die Pazifisten
  88. Keine Lust aufs Rentnerdasein
  89. Von der Beschneidung bis zur
    begeh­baren Prostata
  90. Friede den Landesverrätern
    Augstein und Harich
  91. Klarstellung 1 – Der Konflikt um
    Marx und Bloch
  92. Bloch & die 56er-Opposition zwischen Philo­sophie und Verbrechen
  93. Der Kampf ums Buch
  94. Und trotzdem: Ex oriente lux
  95. Der Soldat: Held – Mörder – Heiliger – Deserteur?
  96. Der liebe Tod – Was können wir wissen?
  97. Lacht euren Herren ins Gesicht ...
  98. Die Blochianer kommen in Tanzschritten
  99. Von den Geheimlehren der Blochianer
Aufsatz