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Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | 26. Nachwort

Dies ist eine sächsische Autobiographie als Fragment in 99 Fragmenten. Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philosophen nennen das coincidentia oppositorum, d.h. Einheit der Widersprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

  26. Nachwort

Der Aufgang des Abendlandes aus Auerbachs Keller


Versuch einer biographischen Dekonstruktion
 

Gerhard Zwerenz
Walter Ulbricht
Archiv der Zeitgeschichte
Scherz 1966
Das Buch bei Amazon  externer Link
 
Anno 1955/56 verfügte die oberste Behörde, die Weltbühne solle/dürfe diesen des Pazifismus verdächtigen Zwerenz nicht mehr drucken. Nun erschienen gerade zwei kleine Bücher von mir und statt der Weltbühne, die mich tapfer ertragen hatte, aber nicht mehr durfte, öffnete mir der aufmüpfige Sonntag seine Seiten. Das Resultat sah so aus:

 

Im selben Papier steht geschrieben:
„An der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig gab es folgende Diskussionen:
a) Dozent Gen. Tübke:
Ist der Meinung, dass es in den Jahrgängen um 1924 und jünger wenig Parteilose und Genossen gibt, die die Auffassung haben, dass der Marxismus-Leninismus als eine exakte Wissenschaft die Grundlage einer Weltanschauung sei.
Er selbst kann sich die Frage auch nicht beantworten“

 

Da ich von meinen drei aufgelisteten Verfehlungen nichts zurückzunehmen hatte, bleibt es bis heute dabei: Die Mutter der Freiheit heißt Revolution. Der Beginn der Leipziger Schule ist auf 1956/57 datierbar. Mehr über Werner Tübke ist in Folge 90 unserer Serie nachzulesen. Inzwischen fand sich auch das Original der handschriftlichen Antwort Tübkes im Archiv:

Ab März 1954 war ich in Leipzig zwischen die Fronten geraten. Bald schaltete sich der aus Moskau zurückgekehrte Alfred Kurella ein. Da ich an der Bus-Haltestelle häufig mit ihm ins Gespräch geriet, begriff ich bald, er war noch so gegen Brecht und Bloch als läge die Expressionismus-Debatte von 1937/38 nicht anderthalb Jahrzehnt zurück. Hellhörig und misstrauisch geworden begann ich Bloch insgeheim über die sich zuspitzende Lage an der Philosophenfront zu informieren. Die 11. Feuerbach-These gewann Aktualität und Dringlichkeit – es ging darum, die Partei durch Neu-Interpretation zu verändern. Die durch Dogmen verunstaltete und verkommene Revolution bedurfte der Dekonstruktion, die wir „eingreifendes Denken“ nannten und die sich als Sprach-Revolte anbot. Sklavensprache und Revolte – unser später Buch-Titel wurde in den semantischen Grabenkämpfen zum Motto.

 

Aus dem Bühnenhintergrund ist die Frage zu vernehmen, was die alten Geschichten uns heute noch angehen. Sie sind aber Gegenwart. Die Ostkrise von damals gleicht strukturell der Westkrise von heute. Sieger der Geschichte werden zu Verlierern.

 

Fiel Ulbricht Chruschtschow in den Rücken?

Die Dekonstruktion kann selbst­mörderisch sein, sind die davon betrof­fenen und entblößten Macht­inhaber stark genug zurück­zu­schlagen. Nicht ein Kind ruft die Nackt­heit des Kaisers aus, sondern Menschen wie du und ich. Das kann den Kopf kosten, bist du nicht resistent. 1957 fiel Walter Ulbricht dem Refor­mator Chruschtschow in den Rücken und rettete damit seine eigene Macht­position. Später versuchte er zu ver­mitteln. 1971 war alles vorbei. Den Rest der SED-DDR besorgte Honecker. In dem von Frank Schumann vor­züglich reche­rchierten Band Lotte und Walter (Das Neue Berlin 2003) heißt es am Ende: „Der Antifaschist Walter Ulbricht war einer der wenigen Staatsmänner von Format, die die DDR hervorgebracht hat.

 

 Wie sie sich selber sahen

Ulbricht trug aber maß­gebliche Verant­wortung dafür, dass die SED 1947/48 ihren Gründungs­kon­senz verließ und zu einer stalinis­tischen Partei ›neuen Typs‹ wurde, in der die inner­partei­liche Demo­kratie aus­geschaltet war und Kritiker in unter­schied­licher Weise verfolgt wurden. ›Im Stalin­schen Geist‹ wuchs und reinigte sich unter Ulbrichts Füh­rung fort­während die SED, was zur Folge hatte, dass sich über Jahr­zehnte keine linke Opposition in der DDR ent­wickelte, was sich bis auf den heutigen Tag nach­teilig auswirkt. Das zentra­listisch geführte System, dem Walter Ulbricht am Ende selber zum Opfer fiel, war von ihm mit­geschaffen worden.“

 

In der Zeitung steht heute, die Russen könnten sich nicht von Stalin lösen, weil sie durch seine Verfol­gungen noch trauma­tisiert waren. Aber ja doch, und das starke Blatt vom Main war bis vor wenigen Wochen noch so von Hitler trauma­tisiert, dass es erst jetzt über die zahlreichen Nazis in den eigenen Diensten zu berichten wagte. Die alten Kameraden sind ja inzwischen im Besitz reich­licher Pensionen bzw. verstorben. Da kann man sich leicht von den eigenen Kriegs­kriminellen distanzieren. Man lernt eben dazu.

 

Höchste Zeit, unsere in verschie­denen Texten verstreuten Argumente zur Ver­teidigung der Ost­deutschen, inklusive der aus unter­schiedlichen Gründen Aus­gestoßenen und Ver­triebenen zu vereinigen. Nach zwei Jahrzehnten ver­fälschender Einheit ist von keinem Ost­deutschen noch Ent­schuldigung, Selbst­verleugnung, Unterwerfung zu erwarten. Die Entscheidung, nach 1945 ein anderes Deutschland zu schaffen, beruhte auf unserer Kriegs­erfahrung. Wir haben uns 1945 die sowje­tischen Sieger ebenso wenig ausgesucht wie die Westdeutschen ihre Amerikaner, Engländer und Franzosen. Unser Sozialismus­versuch stand zwar unter einem unglück­lichen Stern, war jedoch legal und legitim, so wie jedes Engagement für den neuen deutschen Staat legal und legitim war. Die Existenz der DDR ist auch geschicht­lich zu rechtfertigen, schließlich garantierte die Bonner Regierung erst 1989/90 unter Kohl und gezwunge­nermaßen die deutsch-polnische Nachkriegs­grenze. Vorher wäre die Bundeswehr an Oder/Neiße unter der kriege­rischen Parole „Deutschland dreigeteilt – niemals!“ ein reales Schieß­kriegs­risiko gewesen.

 

Die Friedensverpflichtung der DDR wirkte auch im Sinne eines pädagogisch erfolgreichen Antifaschismus, der sich weiterwirkend in einer verstärkten ostdeutschen Ablehnung neuer deutscher Kriegsbeteiligungen ausdrückt. So verfehlt das SED-Politbüro oft handelte, so erklärlich sind zugleich alle Hoffnungen gewesen, dieser Staat werde sich doch noch versozialisieren. Zumal Kohl dies öffentlich-scheinheilig unterstützte, Strauß es egozentrisch finanzierte und die SPD mit der SED friedlichst kommunizierte. Sollten da etwa SED-Genossen Widerstand leisten und das Volk aufstehen? Das geschah erst, als der Große Bruder in Moskau sichtbar pleite ging. Die DDR jedenfalls war in vier Jahrzehnten sozialistischer und effizienter geworden als die siegreiche Sowjetunion in sieben Jahrzehnten, und der Anteil deutscher Kriegshelden am Unglück der Sowjetunion lastete uns Ostdeutschen auch noch auf der Seele wie die Reparationsleistungen auf dem Geldbeutel.

 

Ich kann meine ostdeutschen Lands­leute nur bewundern für ihre Lebens­leistung, die ihnen nicht anerkannt werden soll von selbst­gewissen Karrieristen, die sich als Sieger aufführen wie ihre Väter in früher eroberten Ländern. So aber haben wir nicht gewettet. Noch ist keines­wegs entschieden, wo die Berliner Republik landen wird. Von wegen als Friedens­engel starten und als Tornado Raketen spucken. Wenn das die neue deutsche Politik sein soll, was war dann die alte unter Kaiser Wilhelm, dessen Berliner Schlossgartenlaube unsere Neo-Demokraten mit goldigen Herzen und gedanken­leeren Hirnen wieder aufrichten möchten, nachdem Kaiser und Könige schon fürstlich abgefunden sind, auf dass die Renten gekürzt und die Benzinpreise drastisch erhöht werden.

 

Da ist es in der gloriosen Wüstenlandschaft der Medien Brauch geworden, unsere alten Genossen, früher SED, dann PDS, als Betonköpfe zu denunzieren. Ich bin mir nicht sicher, ob die Zahl der ostdeutschen Betonköpfe pro Quadrat­kilometer die der west­deutschen übersteigt. Meine Erfahrungen aus den Gesprächen weisen eher ins Gegenteil. Bei allen Diffe­renzen, die sich ergeben, lernte ich gerade die tüchtigen roten Panther der PDS zu schätzen. Von den fast zwei­einhalb Millionen SED-Mitgliedern landete ein Vierund­zwanzigstel in der PDS, ich wünschte, es wären mehr. Dabei nehme ich keinen früheren NVAler oder Stasi aus, wenn er ein engagierter Sozialist wurde und nicht klagend und lahmend ins Jammertal der Resignation flüchtet. Da staffierte, soviel nur als Exempel, ein FAZ-Heraus­geber den Führer-Liebling Albert Speer jahr­zehnte­lang als demokratischen Medienstar aus, obwohl die Lügen, die den Star-Architekten vor dem Nürnberger Galgen bewahrten, zum Himmel stanken, spät erst gestand der vormalige Panegyriker kleinlaut Selbst­täuschung ein und die Medienmeute wedelte dazu mit dem Schwanz.

 

Sowas soll die Ostdeutschen erziehen und belehren? Höchste Zeit für diese Vertreter westdeutscher Hybris, in sich zu gehen und um Entschuldigung zu bitten. Nach vielen Jahren falscher oder mangelhafter Vereinigung sind weit­reichende Korrek­turen bitter notwendig. Voraus­gesetzt ist das Eingeständnis derer, die diese Politik und Fehlwirtschaft zu verantworten haben, damit die ganze Misere nicht als ewige Last den Schwestern und Brüdern im Osten aufzubürden ist.

 

Auf meinen Lesereisen durch ein Land, das mir von den Polit­bürokraten jahrzehntelang verschlossen und verboten gewesen ist, traf ich auf so viele interessierte, wissbegierige, aufrechte Menschen, dass ich bald begriff, an ihnen war die DDR nicht zugrunde­gegangen. Im Gegenteil, ihre Kultur- und Literatur­leistungen sind ebenso staunens- und erinnerns­wert wie ihre LPG's und Poli­kliniken, die sich in den Provinzen der Arbeitslosigkeit so mancher zurückwünscht, weil die Berliner Republik des Kapitals segmentiert Menschen, Kultur und Landschaft verkommen lässt. Gefiltert durch die Freiheits­erfah­rungen von 1989/90, als die Polit­büro­kratie verdampfte und der mono­polisierte Kapita­lismus­schwindel noch nicht total herrschte, ist eine Ahnung entstanden, dass es nicht ewig Herren und Knechte geben muss, ganz wie 1945 in der Republik Schwarzenberg, als die Wehrmachtshelden geflohen, Amerikaner und Russen aber noch nicht eingerückt waren. Das sind so Zeitmomente, die zu erinnern sich lohnt gerade in den uns bedrän­genden Erfahrungs­welten, da gestrige Pazifisten laut zu Kriegen aufrufen, Linke zu Rechten mutieren und der Antifaschismus von Staat, Parteien und Nach­folge­kameraden zielstrebig derart diffamiert wird, dass von allen guten Geistern verlassene Jugendliche grölend in den Sumpf des Nazismus marschieren. Da haben wir, die wir von der viel­geschmähten östlichen Sozia­lisation geprägt wurden, andere Politik- und Moral­vorstel­lungen, für die ein­zustehen vielleicht eine Last, sicher aber auch eine Lust ist. Lassen wir also die Traumata derer, die sich schuldig gemacht haben sowie derer, die sich Schuld einreden ließen, obwohl es sie nicht betrifft, hinter uns und probieren wir eine vernünftige, abgesicherte Politik. Es war bitter notwendig, die Diktatur einer Partei zu bekämpfen, doch wer daraus eine Verfolgung pluraler Sozialisten und Kommunisten macht, ähnelt den zuvor Bekämpften, wenn er sich ihnen nicht gar völlig angleicht.

 

Die Mussolinikurve droht. Von unten links nach oben rechts. Die Politkommandeure der Massen­vernichtungs­waffen haben diese Kurve längst hinter sich. Ob eine Atommacht wie die USA die Bombe bereits einsetzte oder wie andere in Bereitschaft stapelt, ändert nichts an der höllenhaften Bedenken­losigkeit. Wer diese Waffen zu verantworten hat, zählt sich zu den vor Gott und der Welt Unverant­wortlichen. Das Unmaß des realisierbaren Genozids transzendiert jede menschliche Moral. Noch nicht einmal die Todesstrafe taugte zur Erwiderung, es sei denn, sie ließe sich vor dem Armageddon vorbeugend verhängen. Die Herren Massenhenker aber halten vor fanatischer Religiosität triefende Reden, ihre Wasserstoffbomben kommen im Talar daher und General Teufel säuft sich mit Weihwasser Mut an für die letzte Stunde.

 

Es ist an der Zeit, ein Kerngesetz gegen die Willkür der Postmoderne zu formulieren. Hegels Triade These-Antithese-Synthese erscheint bei Bloch transformiert als die Triade Philosophie-Sklaven­sprache-Revolte. Am Anfang stehen Information und Analyse. Sie unter die Leute zu bringen, müssen Widerstände überwunden werden, was zur List der Sklavensprache führt. Danach kann, je nach Möglichkeit, die Revolte als Schritt in die öffentliche Praxis folgen. Unter den Natur­wissen­schaftlern verweigern sich vielleicht die etablierten Honoratioren. Anders bei den Gesellschafts- und Geistes­wissen­schaften, wo sich politische bis existentielle Feindseligkeiten formieren mögen. Kann sein, der Revolteur unterliegt. Er ist dann verbrannt, wie die Geheimdienste es nennen. Aber lieber verbrannt sein, denn als lebender Leichnam weiter zu vegetieren und den neuen Helden zu spielen.

 

Im Herbst 1933 waren unsere Bücher von Autoren wie Marx, Lenin und Trotzki am Waldrand vergraben worden. Daheim brütete ich über den verbliebenen Romanen von Remarque, Renn, Barbusse, Arnold Zweig und lernte, sie zu verschweigen. Also redete ich über Karl May.

 

Am 7.5.2010 berichtet der versierte Kunstkenner Eduard Beaucamp in der FAZ über „Versteckte Seiten eines Malers – Tübkes Tagebücher“. Der klug gewählte Titel lautet: „Vorwärts geträumt.“ Das ist, stelle ich mit Freuden fest, beste Leipziger Schule: Bloch & KarlMay & KarlMarx & AugustBebel & RosaLuxemburg & FriedrichEngels & KarlLiebknecht & LeoTrotzki … individuell fortzusetzen … Nicht ganz interesselos kam ich mal in Leipzig vorbei und erkannte, Bloch hatte eine Philosophie in Arbeit, die zu meinem Vorleben passte. Auch Ingrid Hoffmann, ehemals Liegnitz, dann Branden­burg, fand sich ein, wir schmissen unser bisschen Kram zusammen. Mein Freund Hans Pfeiffer, ebenfalls in Schlesien geboren, vertrat mir die Vielzahl der von daheim Ausge­triebenen, die am neuen Ort desto heftiger Wurzeln schlugen. Schuldig oder schuldlos? Ein Viertel der Ost­deutschen sind Geflohene oder nicht gerade freiwillig Umgesiedelte, wer ist berechtigt, ihnen ihr DDR-Engage­ment zu verübeln? Hans wurde bei der Wehrmachts­aus­bildung zum Sanitäter ein eben frisch amputiertes Bein auf die ausge­streckten Arme gelegt – Parademarsch, du Arschloch von Rekrut! Ich fragte ihn: Warum hast du's nicht abgeworfen? Er: Ein drittes Bein hilft beim Flüchten! Schlesierwitz. Wie wär's mit einem Griechenwitz? Deutschland erlässt Griechenland sämtliche Rüstungsschulden und die Griechen versenken die teuren Waffen, U-Boote inklusive, im blauen Mittelmeer.

 

Wenden wir uns wieder den Ostdeutschen zu: Großartig, dass ihr da seid, obwohl ich uns allen bessere Verhältnisse wünschte. Ihr kamt zu früh und zu spät. Prof. Michael Stürmer, in günstigeren Zeiten Kohl-Berater, am 26. 1. 1997 im Südwest­rundfunk: „Wenn Europa stagniert, kommt die deutsche Frage zurück.“ Am 16.1.1994 hatte er bereits erkannt: „Noch ist nicht ausgemacht, dass der politische Westen den Zusammen­bruch des politischen Ostens überleben wird.“ Der Professor hörte halt manchmal das Gras wachsen. Da fällt mir doch glatt Hans Pfeiffers drittes Fluchtbein ein. Sanitäter an die Front? Lech Walesa wollte auch mal Sanitäter spielen: „Ich habe ja gewarnt. Ich hatte ein anderes Konzept für die Wieder­vereinigung. Ich wollte erst Polen, Ungarn, die Tschechoslowakei und die DDR an die EG anschließen – erst danach wollte ich die Wiedervereinigung. Das wäre billiger geworden. Aber mindestens einmal haben sich die Deutschen als sentimental erwiesen, und jetzt weinen sie.“ (stern/38/1993)

 

Walesa stand mit seinem Vorschlag nicht allein. Nur wollten die Deutschen davon nichts hören und wissen. Soviel Vernunft wäre dem Volk nicht vermittelbar gewesen. Offenbar ist die Vernunft an den Kehren der Geschichte in Deutschland nie vermittelbar. Immer wenn die Deutschen aus einer größeren Solidargemeinschaft ausscherten und ihre engen nationalen Interessen voranstellten, scheiterten sie und mussten bald weinen, wie Walesa es verniedlicht.

 

Reden wir Fraktur: Die Antisozialisten, die der Linken Utopismus vorwerfen, verfielen der Utopie, wonach die Welt in Ordnung sei, ist nur der Moskauer Kommunismus besiegt. Nun fallen sie, nach ihrem Sieg, aus allen Wolken. Weil mit den Sowjets deren Ordnungsfunktion außer Betrieb gesetzt wurde, kommt es zur vorangegangenen alten Weltordnung der nationalen und religiösen Kriege, gesteigert noch durch moderne Technik und Brutalitäten.

 

Wer mit dem Finanzkapitel zu Bette geht, ist für die Jungfrauen­geburt verloren, auch wenn's nur Merkels evangelische Variante ist. Sie predigt in jeder zweiten Zeile den „Einsatz“ im schön geredeten asiatischen Krieg. Der Begriff wurde von Sternberger/Storz/Süskind in ihrem Dauerseller Aus dem Wörterbuch des Unmenschen als zugehörig abgehandelt. Den dtv-Band habe ich zweimal und schicke 1 Exemplar per Einschreiben ans Bundes­kanzlerin­nen­amt zu Händen von Frau Dr. Merkel, die mal an der Pleiße studierte. Da muss doch ein Restbestand Vernunft über Bonn nach Berlin mitgekommen sein.

 

Aufgang oder Untergang des Abendlandes? (O. Spengler)

Der Untergang des Abendlandes ist misslungen. Wir drehen es um und beginnen mit dem Aufbau aus Auerbachs Keller, wo Goethes Faust dem schwarzen Herrn Mephisto heim­leuchtete. Das Licht kommt, so wusste schon Genosse Ulbricht, aus dem Osten: Er ist schon lang ins Fabel­buch geschrieben; / Allein die Menschen sind nicht besser dran; / Den Bösen sind sie los, die Bösen sind geblieben. (Mephisto, Faust, Hexenküche)

 

Bertolt Brecht: Die Maske des Bösen … Mitfühlend sehe ich / Die geschwollenen Stirnadern, andeutend / Wie anstrengend es ist, böse zu sein.

 

Liebe Angela M. im ständi­gen Kriegs-Einsatz, schau heim­wärts, Engel. In Auerbachs Keller sitzend, nannte Nietzsche die „christ­lichen Priester“ eine „tückische Art von Zwergen“, wo nicht „Unter­irdische“. (Die Geburt der Tragödie)

 

Heute wär's Kabarett im Völkerschlachtdenkmal. Dieser nationale Knall der Europäer, in Stein gemeißelt, wird in drei Jahren 100 Jahre alt. Im Jahr darauf, 1914 der große Knall, und die Deutschen zogen samt Sozial­demokraten in ihren Weltkrieg statt in die Weltrevolution. Blut muss fließen, weil ihr Gott sich weigert, Hirn vom Himmel herunter zu schicken.

 

Die Bonn-Berliner Elite begreift nie, dass Marx die Dekonstruktion ihrer Herrschaft ist. Der Tanz ums Goldene Kalb endet im asymmetrischen Schlachtfest. Gott straft die Tänzer ab, sie werden erwürgt und das Kalb zum Pfingstochsen umgerüstet.

 

Als Walter Ulbricht 1956/57 die Ent­stalini­sierungs-Aktivitäten Chruschtschows konterte, war das Ende der DDR besiegelt. „Noch ist nicht ausgemacht, dass der politische Westen den Zusammenbruch des politischen Ostens überleben wird.“ (Stürmer) Kommt die deutsche Frage zurück? Vielleicht als deutsche Mark? Moslems erwarten ihr Jungfrauen-Glück im Paradies. Merkel lobt den Schneider­beruf, man braucht weiße Toten­hemden mit großen Taschen zum Geldtransport in den Himmel. Zur Verteidigung des Euro am Hindukusch sind wieder Helden gefragt. Im Spiegel glaubt der fromme Matussek schon daran. Helmut, das Schmidtchen wollte Visionäre zum Onkel Psychiater schicken. Angela pfeift auf den Arzt und gibt selbstgewiss die Visionärin der Physik. Für knapp eine Billion € verkaufte sie Deutschland an die Deutsche Bank. So landen wir alle bei Ackermann und sind außer Papst auch noch Krösus. Und Kohl-Merkels Euro landet im Orkus.

 

Noch ein dankbarer Blick zurück auf Walesas kecken Vorschlag. Ein Schritt weiter und wir gelangen von seinem Klein-Europa zum Groß-Europa inklusive Russland. Ein visionärer 3.Weg analog zum chinesischen Wunder? Weigert euch, ihr nationalen Flickschuster und eure Vaterländereien werden bald nur noch Chinas verlängerte Werkbank sein. Ein Aufbruch sieht anders aus.

 

 Der hatte was am Ritterkreuz

Am 12.5. wollte Daniel Bahr (FDP) in der Sendung hart aber fair der SPD-Poli­tikerin Hanne­lore Kraft jedes Gespräch mit der Linken unter­sagen, weil eine linke Lehrerin im Inter­view mit Report Mainz die DDR nicht, wie angeordnet, als abso­luten Un­rechts­staat verdammte. Wann verdammten diese Freien Demokraten eigent­lich das von Hitler verlie­hene Ritter­kreuz, mit dem sich ihr Partei­führer Erich Mende voller Stolz schmückte und das ihm noch lange nach Kriegsende unterm Hals­knorpel baumelte? Und wie viele Soldaten hatten für diesen Nazi-Orden ins Gras beißen müssen? Die Linke sollte bei diesen gesprächs­verwei­gernden Muster­demo­kraten einfach mal anfragen.

Ein weiteres Nachwort ist nach Pfingsten für Montag, den 31.05.2010, geplant.

Fotos zur Lesung mit Gerhard Zwerenz aus der Sächsischen Autobiographie am 19.11.2009 im Haus des Buches, Leipzig   externer Link

Lesungs-Bericht bei Schattenblick  externer Link

Interview mit Ingrid und Gerhard Zwerenz bei Schattenblick  externer Link

Gerhard Zwerenz   17.05.2010    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
Gerhard Zwerenz
Serie
  1. Wie kommt die Pleiße nach Leipzig?
  2. Wird Sachsen bald chinesisch?
  3. Blick zurück und nach vorn
  4. Die große Sachsen-Koalition
  5. Von Milbradt zu Ernst Jünger
  6. Ein Rat von Wolfgang Neuss und aus Amerika
  7. Reise nach dem verlorenen Ich
  8. Mit Rasputin auf das Fest der Sinne
  9. Van der Lubbe und die Folgen
  10. Unser Schulfreund Karl May
  11. Hannah Arendt und die Obersturmbannführer
  12. Die Westflucht ostwärts
  13. Der Sänger, der nicht mehr singt
  14. Ich kenne nur
    Karl May und Hegel
  15. Mein Leben als Prophet
  16. Frühe Liebe mit Trauerflor
  17. Der Schatten Leo Bauers
  18. Von Unselds Gegner zu Holtzbrincks Bodyguard
  19. Karl May Petrus Enzensberger Walter Janka
  20. Aus dem Notizbuch eines Ungläubigen
  21. Tanz in die zweifache Existenz
  22. General Hammersteins Schweigen
  23. Die Pleiße war mein Mississippi
  24. Im Osten verzwergt und verhunzt?
  25. Uwe Johnson geheimdienstlich
  26. Was fürchtete Uwe Johnson
  27. Frühling Zoo Buchmesse
  28. Die goldenen Leipziger Jahre
  29. Das Poeten-Projekt
  30. Der Sachsenschlag und die Folgen
  31. Blick zurück auf Wohlgesinnte
  32. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (I)
  33. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (II)
  34. Brief mit Vorspann an Erich Loest
  35. Briefwechsel mit der Welt der Literatur
  36. Die offene Wunde der Welt der Literatur
  37. Leipzig – wir kommen
  38. Terror im Systemvergleich
  39. Rachegesang und Kafkas Prophetismus
  40. Die Nostalgie der 70er Jahre
  41. Pauliner Kirche und letzte Helden
  42. Das Kickers-Abenteuer
  43. Unser Feind, die Druckwelle
  44. Samisdat in postkulturellen Zeiten
  45. So trat ich meinen Liebesdienst an …
  46. Mein Ausstieg in den Himmel
  47. Schraubenzieher im Feuchtgebiet
  48. Der Fall Filip Müller
  49. Contra und pro Genossen
  50. Wie ich dem Politbüro die Todesstrafe verdarb
  51. Frankfurter Polzei-buchmesse 1968
  52. Die Kunst, weder Kain noch Abel zu sein
  53. Als Atheist in Fulda
  54. Parade der Wiedergänger
  55. Poetik – Ästhetik und des Kaisers Nacktarsch
  56. Zwischen Arthur Koestler und den Beatles
  57. Fragen an einen Totalitarismusforscher
  58. Meine fünf Lektionen
  59. Playmobilmachung von Harald Schmidt
  60. Freundliche Auskunft an Hauptpastor Goetze
  61. Denkfabrik am Pleißenstrand
  62. Rendezvous beim Kriegsjuristen
  63. Marx, Murx, Selbstmord (der Identität)
  64. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (I. Teil)
  65. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (II. Teil)
  66. Der Bunker ...
  67. Helmut auf allen Kanälen
  68. Leipzig anno 1956 und Berlin 2008
  69. Mit Konterrevolutionären und Trotzkisten auf dem Dritten Weg
  70. Die Sächsischen Freiheiten
  71. Zwischen Genossen und Werwölfen
  72. Zur Geschichte meiner Gedichte
  73. Poetenladen: 1 Gedicht aus 16 Gedichten
  74. Der Dritte Weg als Ausweg
  75. Unendliche Wende
  76. Drei Liebesgrüße für Marcel
  77. Wir lagen vor Monte Cassino
  78. Die zweifache Lust
  79. Hacks Haffner Ulbricht Tillich
  80. Mein Leben als Doppelagent
  81. Der Stolz, ein Ostdeutscher zu sein
  82. Vom Langen Marsch zum 3. Weg
  83. Die Differenz zwischen links und rechts
  84. Wo liegt Bad Gablenz?
  85. Quartier zwischen Helmut Schmidt und Walter Ulbricht
  86. Der 3. Weg eines Auslandssachsen
  87. Kriegsverrat, Friedensverrat und Friedenslethargie
  88. Am Anfang war das Gedicht
  89. Vom Buch ins Netz und zur Hölle?
  90. Epilog zum Welt-Ende oder DDR plus
  91. Im Hotel Folterhochschule
  92. Brief an Ernst Bloch im Himmel
  93. Kurze Erinnerung ans Bonner Glashaus
  94. Fritz Behrens und die trotzkistische Alternative
  95. 94/95 Doppelserie
  96. FAUST 3 – Franz Kafka vor Auerbachs Keller
  97. Rainer Werner Fassbinder ...
  98. Zähne zusammen­beißen ...
  99. Das Unvergessene im Blick
    1. Nachwort
Nachworte
  1. Nachwort
    siehe Folge 99
  2. Auf den Spuren des
    Günter Wallraff
  3. Online-Abenteuer mit Buch und Netz
  4. Rückschau und Vorschau aufs linke Leipzig
  5. Die Leipziger Denkschule
  6. Idylle mit Wutanfall
  7. Die digitalisierte Freiheit der Elite
  8. Der Krieg als Badekur?
  9. Wolfgang Neuss über Kurt Tucholsky
  10. Alter Sack antwortet jungem Sack
  11. Vor uns diverse Endkämpfe
  12. Verteidigung eines Gedichts gegen die Gladiatoren
  13. Parademarsch der Lemminge und Blochs Abwicklung
  14. Kampf der Deserteure
  15. Fritz Bauers unerwartete Rückkehr
  16. Der Trotz- und Hoffnungs-Pazifismus
  17. Als Fassbinder in die Oper gehen wollte
  18. Was zum Teufel sind Blochianer?
  19. Affentanz um die 11. Feuerbach-These
  20. Geschichten vom Geist als Stimmvieh
  21. Von Frankfurt übern Taunus ins Erzgebirge
  22. Trotz – Trotzalledem – Trotzki
  23. Der 3. Weg ist kein Mittelweg
  24. Matroschka –
    Die Mama in der Mama
  25. Goethe bei Anna Amalia und Herr Matussek im Krieg
  26. Der Aufgang des Abendlandes aus Auerbachs Keller
  27. Jan Robert Bloch –
    der Sohn, der aus der Kälte kam
  28. Das Buch, der Tod und der Widerspruch
  29. Pastor Gauck oder die Revanche für Stalingrad
  30. Bloch und Nietzsche werden gegauckt ...
  31. Hölle angebohrt. Teufel raus?
  32. Zwischen Heym + Gauck
  33. Von Marx über Bloch zu Prof. Dr. Holz
  34. Kafkas Welttheater in Auerbachs Keller
  35. Die Philosophenschlacht von Leipzig
  36. Dekonstruktion oder Das Ende der Ver­spä­tung ist das Ende
  37. Goethes Stuhl – ein Roman aus Saxanien
  38. Meine Weltbühne im poetenladen
  39. Von Blochs Trotz zu Sartres Ekel
  40. Die Internationale der Postmarxisten
  41. Dies hier war Deutschland
  42. Kopfsprünge von Land zu Land und Stadt zu Stadt
  43. Einiges Land oder wem die Rache gehört
  44. Schach statt Mühle oder Ernst Jünger spielen
  45. Macht ist ein Kriegszustand
  46. Dekonstruktion als Kriminalgeschichte I
  47. Damals, als ich als Boccaccio ging …
  48. Ein Traum von Aufklärung und Masturbation
  49. Auf der Suche nach der verschwundenen Republik
  50. Leipzig am Meer 2013
  51. Scheintote, Untote und Überlebende
  52. Die DDR musste nicht untergehen (1)
  53. Die DDR musste nicht untergehen (2)
  54. Ein Orden fürs Morden
  55. Welche Revolution darfs denn sein?
  56. Deutschland zwischen Apartheid und Nostalgie
  57. Nietzsche dekonstruierte Gott, Bloch den Genossen Stalin
  58. Ernst Jünger, der Feind und das Gelächter
  59. Von Renegaten, Trotzkisten und anderen Klassikern
  60. Die heimatlose Linke (I)
    Bloch-Oper für zwei u. mehr Stimmen
  61. Die heimatlose Linke (II)
    Ein Zwischenruf
  62. Die heimatlose Linke (III)
    Wer ist Opfer, wer Täter ...
  63. Die heimatlose Linke (IV)
    In der permanenten Revolte
  64. Wir gründen den Club der
    heimatlosen Linken
  65. Pekings große gegen Berlins kleine Mauer
  66. Links im Land der SS-Ober­sturm­bann­führer
  67. Zweifel an Horns Ende – SOKO Leipzig übernimmt?
  68. Leipzig. Kopfbahnhof
  69. Ordentlicher Dialog im Chaos
  70. Büchner und Nietzsche und wir
  71. Mit Brecht in Karthago ...
  72. Endspiel mit Luther & Biermann & Margot
  73. Die Suche nach dem anderen Marx
  74. Wer ermordete Luxemburg und Liebknecht und wer Trotzki?
  75. Vom Krieg unserer (eurer) Väter
  76. Wohin mit den späten Wellen der Nazi-Wahrheit?
  77. Der Feind ist in den Sachsengau eingedrungen
  78. Die Heldensöhne der Urkatastrophe
  79. Die Autobiographie zwischen
    Schein und Sein
  80. Auf der Suche nach der verlorenen Sprache
  81. Atlantis sendet online
  82. Zur Philosophie des Krieges
  83. Deutsche, wollt ihr ewig sterben?
  84. Der Prominentenstadl in der Krise
  85. Der Blick von unten nach oben
  86. Auf der Suche nach einer moralischen Existenz
  87. Vom Krieg gegen die Pazifisten
  88. Keine Lust aufs Rentnerdasein
  89. Von der Beschneidung bis zur
    begeh­baren Prostata
  90. Friede den Landesverrätern
    Augstein und Harich
  91. Klarstellung 1 – Der Konflikt um
    Marx und Bloch
  92. Bloch & die 56er-Opposition zwischen Philo­sophie und Verbrechen
  93. Der Kampf ums Buch
  94. Und trotzdem: Ex oriente lux
  95. Der Soldat: Held – Mörder – Heiliger – Deserteur?
  96. Der liebe Tod – Was können wir wissen?
  97. Lacht euren Herren ins Gesicht ...
  98. Die Blochianer kommen in Tanzschritten
  99. Von den Geheimlehren der Blochianer
Aufsatz