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Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | 48. Nachwort

Dies ist eine sächsische Autobiographie als Fragment in 99 Fragmenten. Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philosophen nennen das coincidentia oppositorum, d.h. Einheit der Widersprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

  48. Nachwort

Ein Traum von Aufklärung und Masturbation


Gerhard Zwerenz | Vergiss die Träume Deiner Jugend nicht   Gerhard Zwerenz
Vergiss die Träume Deiner Jugend nicht
Rasch und Röhrung 1989
Das Buch bei Amazon


Demnächst soll ein Buch mit Briefen deutscher Autoren an das Schlachtross Ernst Jünger erscheinen. Die alerte FAZ erfreute ihre Leser am 4.11.2010 mit dem Abdruck dreier Bitt-Schreiben. Als erster ist Wolfdietrich Schnurre dran, das „Gründungsmitglied der Gruppe 47“, wofür die Gruppe nicht kann, obwohl ihr der Hohn sicher ist. Schnurres ranschmeißerische Epistel an den Blutverspritzer stammt vom 20.12.1945 und hätte auch an den Weihnachts­mann gerichtet sein können. Der zweite Brief, verfasst von Heiner Müller am 16.7.1987, ist fünfzehn Zeilen kurz und voller Kunst­honig sowie Weih­rauch. Resultat: Der geheiligte Krieger Jünger empfing den unheiligen DDR-Müller und beide schimpften kamerad­schaft­lich auf den Genossen Wolfgang Harich. Das dritte Schreiben verfasste der pubertäre, also unschul­dige Hubert Fichte am 20.2.1960 in der franzö­sischen Provinz, von wo er vom Pour-le-meritter Lektorat und Protek­tion für eigene Dichtung erbittet. Leider wurde bisher nicht ver­raten, ob und wie der Ange­schmachtete, Angebetete auf die Post reagierte. Soviel von der Poetenfront.

Entdeckt Joschka Fischer hier gerade die AA-Gespen­ster­bilder?

Nun zur politi­schen Elite samt ihren publi­zisti­schen Kanne­gießern und Kammer­dienern. Außen­minis­ter Joschka lief im Außen­minis­te­rium mal schnell ne Hinter­treppe runter und stieß dabei auf unpas­sende Vor­gänger. Sie hingen als Bilder an der Wand statt am Nürn­berger Strick, doch Fischer erschrak vor den Gespens­tern und so schu­fen vier tüchtige Histo­riker ein Buch von fast 1000 Seiten und nannten es Das Amt. Bald sprach sich herum, den Titel hatte anno 1978 schon Günther Nollau besetzt – Unter­zeile: 50 Jahre Zeuge der Geschichte. Genauer gesagt hätte es heißen müssen: Vom Kom­munisten verfol­genden Dresd­ner SA-Mann zum Kom­munis­ten ver­folgenden Bonner Präsi­denten des Verfas­sungs­schutz­amtes, was er lieber ungesagt ließ. Die Histo­riker­kommis­sion von 2010 aber sah sich veran­lasst, den Titel lustig-luftig zu erwei­tern. Das liest sich nun so: Das Amt und die Vergan­gen­heit. Deutsche Diplo­maten im Drit­ten Reich und in der Bundes­repu­blik. Alles klar? Aber klar doch. Unver­züg­lich liefen alle Politiker und Publizis­ten die vordem unent­deckte AA-Hinter­treppe runter, sahen die Mene­tekel an der Wand und ent­setzten sich im ehrlichen Kollek­tiv vor den bösen Geistern, die einst allerlei erklärte und unerklärte Kriege geführt hatten. Ein FAZ-Herr fiel gar aus allen Wolken und dichtete am 24.10.2010 in seinem Sonntagsblatt:



Wir sollten großmütig sein und der Gruppe Schirrmacher die späte Einsicht nicht verübeln. Blind geboren und nichts dazu­gelernt hat schon manche Karriere gefördert. In großen Zeiten ist das die einzige Voraussetzung.

Hans-Jürgen Döscher
Seilschaften
Die verdrängte Vergangenheit des Auswärtigen Amts
Das Buch bei Amazon  externer Link

Der Bericht der Historiker­kommis­sion über Das Amt … hatte Vorläufer. Von 1987-1995 erschien eine Trilo­gie von Hans-Jürgen Döscher. Der dritte Band heißt Seilschaften – Die verdrängte Vergan­genheit des Aus­wärtigen Amtes (Propyläen Verlag 2005) Der reso­lute Histo­riker, geboren 1943 in Ebers­walde bei Berlin, wurde in der FAZ im Brust­ton empörter Über­zeugung der „Pflege von Res­senti­ments“ beschuldigt. Frühe Auf­klärungen in der Frankfurter Rundschau und von Robert Kempner, dem ameri­kanischen Ankläger im Nürn­berger Wilhelm­straßen­pro­zess 1951, bekamen gleich mit die Rote Karte gezeigt. Die FAZ-Macher benö­tigten eben volle 60 Jahre bis zur Erkenntnis, dass das Auswärtige Amt „systematisch an der Juden­ver­nichtung beteiligt“ war.
  Nun erschien am 5.11.2010 schon wieder ein erschrockener Aufklä­rungs­artikel im welt­läufigen Finanz­blatt an den Ufern des Main. Das Amt und der Fried­hof lautet die Über­schrift. Noch ein Amt? frage ich mich. Offen und neidlos eingestanden – dieser FAZ-Text über das Amt kommt nicht 60 Jahre zu spät, sondern um 6 Jahre:

Das Amt und der Friedhof

Ein deutscher General-
konsul schied im
Dissens aus dem
Auswärtigen Amt. Er
hatte sich geweigert, auf
dem Soldatenfriedhof
Costermano auch
NS-Verbrecher zu
ehren. Nach der
Veröffentlichungen von
„Das Amt“ erzählt
er uns seine Geschichte.


Soviel zum Vortext. Den Artikel sparen wir ein und drucken stattdessen diesen Offenen Brief ab:
Gegen Verdrängung und Ehrenrhetorik auf dem
Soldatenfriedhof Costermano in Italien! Für eine neue Gedenktafel

An Herrn Reinhard Führer Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegs­gräber­fürsorge Zur Kenntnis

An Herrn Bundespräsident Johannes Rau, Schirmherr des VDK
An Herrn Joschka Fischer Bundesminister des Auswärtigen, aus dessen Haushalt der VDK mitfinanziert wird
25. April 2004
Sehr geehrter Herr Führer,

die Arbeit des Volksbundes steht unter dem Motto „Ver­söhnung über den Gräbern – Arbeit für den Frieden“. Wir, deutsche wie italienische Unter­zeichner dieses offenen Briefes, teilen mit Ihnen dieses Ziel. Es setzt aber Wahr­haftigkeit vor der Geschichte und den Verzicht auf mili­taristische „Ehren­bezeu­gung“ voraus. Im Fall der deutschen Sol­daten­fried­höfe in Italien fehlt es an beidem. Man verdrängt die Tat­sache, dass unter den uni­formierten „Kriegs­opfern“, die dort begraben wurden, auch Täter sind.
Als negatives Bei­spiel möchten wir Costermano in der Provinz Verona ansprechen. In einer „Ehrenhalle“ befinden sich dort „Ehrenbücher“ aus Metall mit den eingra­vierten Namen der Toten – wenn auch nicht aller: Anfang der 90er Jahre ent­schloss sich der Volks&bund, drei Namen schleifen zu lassen: Die von Christian Wirth, Franz Reich­leitner und Gottfried Schwarz, dreier SS-Führer, die das Morden während des „Eutha­nasie­programms“ lernten und später KZ-Leiter in Belzec, Sobibor, Treblinka, San Sabba waren.
Diese Tilgung löst aber nicht das Problem. In den Ehren­büchern bleiben zu viele Namen von Angehörigen der SS und der Wehr­machts­verbände, die Krieg „auch gegen Frauen und Kinder“ führten (so lautete der Befehl, der die Massaker an der Zivilbevölkerung zur Folge hatte, wie in Marza­botto oder Sant' Anna di Stazzema). Ihre Namen stehen zudem neben denen von Soldaten, die den Tod nicht „auf dem Feld der Ehre“ fanden, sondern durch deutsche Er­schießungs­kommandos, weil sie mit den Partisanen zusammen gearbeitet hatten. Oder weil sie sich weigerten, weiter unter dem Hakenkreuz zu dienen. Einige ihrer Verwandten erleben die späte Erwähnung in den „Ehren­büchern“ als Hohn.
Angesichts der wider­sprüch­lichen Schicksale und der unter­schiedlichen indivi­duellen Verant­wortung und Schuld scheint jede Form einer pauschalen „Ehrung“ verlogen. Deswegen bitten wir Sie, solche „Ehrenbücher“ zu entfernen.
Man könnte auch auf die martia­lische Sprache in den Publi­kationen des Volksbundes verzichten und auf die inflationären Hinweise auf „Ehrenhallen“ und „Ehren­male“. „Gedenk­halle“ oder „Mahnmal“ würden reichen. So wie es besser wäre, wenn der Volks­bund am „Volks­trauertag“, in Costermano und anderswo, nicht mehr zu „Totenehrungen“ einladen würde. Es schlichtes, mahnendes Gedenken scheint uns angemessener.
Bei Kritik an Costermano pflegt der Volksbund auf eine Gedenk­tafel hinzuweisen, die dort 1992 angebracht wurde und mit der „der Opfer des Krieges, des Unrechts und der Ver­folgung“ gedacht wird. Dieser scheinbar gut­gemeinte Text ist aber miss­verständ­lich und ungenügend, weil er die Art des „Unrechts“ nicht benennt. Im Sprach­gebrauch des Volks­bundes sind alle gefallenen Uni­formierten „Kriegs­opfer“, also auch SS-Führer wie Wirth, Reich­leitner und Schwarz. Auf der Tafel werden sie still­schweigend mitbedacht. Sie sollte durch eine neue Inschrift ersetzt werden, die das erlittene Unrecht benennt. Wir schlagen folgenden Text vor:

NIE WIEDER KRIEG
„Auf diesem Friedhof sind einige Ver­ant­wortliche der Juden­vernich­tung in Europa und der Tötung von Schwachen und Kranken beerdigt. Wir gedenken ihrer Opfer. Wir gedenken auch der Männer, Frauen und Kinder, die in Italien von den deutschen Besatzern ermordet wurden, und der hundert­tausende italieni­scher Zivi­listen und Soldaten, die unter un­mensch­lichen Bedin­gungen in Deutsch­land Zwangs­arbeit leisten mussten oder in den Kon­zen­trations­lagern starben.
Auf diesem Fried­hof liegen auch deutsche Soldaten, die den national­sozialis­tischen Krieg ablehnten. Sie wurden als Verräter oder Deserteure von der Wehrmacht er­schossen. Einige hatten mit den italie­nischen Parti­sanen weitergekämpft. Sie alle werden wir dankbar in Erinnerung behalten.“
Falls der Volks­bund eine solche Tafel auf dem Friedhof von Costermano nicht anbrin­gen möchte, haben wir als deutsch-italienische Bürger­initiative vor, sie in beiden Sprachen vor dem Friedhof aufzustellen.“

Die Liste der Erst­unter­zeichner des deutsch-italieni­schen Offenen Briefes von 2004 reicht von „Raul Adami, Vor­sit­zender des National­ver­bandes der italieni­schen Parti­sanen (Anpi) in der Provinz Verona“ über den Maler Willi Sitte bis zu „Gerhard Zwerenz, Schrift­steller (Schmitten)“ Unter­schrieben haben u.a. auch Erich Kuby und „Manfred Stein­kühler, früherer General­konsul in Mailand“, eben jener tapfre Mann, der sich wei­gerte, auf dem Soldaten­friedhof Costermano NS-Verbrecher zu ehren. Wie schön, wenn so etwas 6 Jahre nach unserem Offenen Brief von der FAZ zur Kenntnis genommen werden darf.

16 Tote auf einen Schlag
(Soldaten­friedhof Cairo bei Cassimo)
Inzwischen erschien in der FAZ am Sonnabend, dem 6.11. ihr Grabenkämpfer Jünger gleich auf Seite 1 als heldenhafte Comic-Figur: „Vom Jahr­hundert gezeichnet … Der Ästhet des Schreckens …“ Auf Seite 33 (1933) gibt's noch mal Jünger mit Motiven und Heiligenbildchen dazu. Mag ja sein, im 2. Weltkrieg leisteten wir uns Kriegsverbrechen, wie man verspätet einzugestehen gezwungen ist, im sauberen 1. Weltkrieg aber galt: Jeder Stoß ein Franzos – Jeder Schuss ein Russ. Man wird doch noch seine Heroen feiern dürfen. Im Nachwort 47 verwiesen wir bereits auf die Ernst-Jünger-Ausstellung im Deutschen Literatur­archiv Marbach. Wie wär's zur Abwechslung mit einer Deserteurs-Präsentation an eben diesem Ort? Für so eine Unhelden-Ausstellung im berühmten Literatur-Archiv oder sonstwo auf dem Mond hätte ich manches kleine Abenteuer anzubieten: „Ich schaute zurück zu den Kameraden mit dem Maschinen­gewehr. Da gab es eine Bewegung, und als ich wieder zu Eberhard hinsah, stand er da, hatte seine Knarre weg­geworfen, hielt die Hände hoch, und vor ihm stand ein riesenhafter Kerl. Er meinte es also doch ehrlich, dachte ich verwundert. Er hatte sich vorge­nommen, sich zu ergeben, jetzt ergab er sich tatsächlich. Das ist eine gute Gelegen­heit, dachte ich und wollte meine Knarre auch wegwerfen. Da erhob der riesenhafte Kerl dort vor Eberhard seine Waffe, stieß sie vor und rammte Eberhard das Bajonett in den Hals. Ich hörte einen kräch­zenden Laut, etwas Rosa­rotes sprang aus Eberhards Hals. Fast hätte man denken können, es sei Leucht­spur­munition. Aber das war es nicht. Es war Eberhards helles Blut. Und Eberhard fiel nicht zu Boden, aus irgendwelchen Gründen blieb er stehen, während der Amerikaner sich bemühte, sein Bajonett wieder aus Eberhards Hals heraus­zuziehen, wobei er Eberhard nun mit Tritten traktierte. Ja, dachte ich, man rennt eben seinem Feind das Bajonett in den Bauch oder zwischen die Rippen, aber nicht in den Hals. Und für diesen sträflichen Leichtsinn wirst du nun zahlen. Der Amerikaner versuchte noch immer, sein Bajonett heraus­zu­bringen; es knarrte und krächzte. Viel­leicht hatte sich das Bajonett in der Wirbel­säule verfangen. Immerhin sank der Tote nun zu Boden. Jetzt trat der Amerikaner seinem Feind, ganz wie er es gelernt hatte, auf die Brust und wuchtete sein Bajonett heraus. Das hatte zu lange gedauert. Mir war klar geworden, was einem blüht, der sich diesem Gemüts­menschen ergibt. Ich legte an, sah seinen massiven Schädel in der Verlängerung von Kimme und Korn und drückte ab. Wo dem Amerikaner ein Stück Ohr unterm modischschräg aufgesetzten Helm hervorlugte, klaffte ein Loch, aus dem eine Blut­fontaine herausspritzte, wie vorher aus Eberhards Hals. Er sank in die Knie, legte seine Knarre vor sich auf die Erde, verbeugte sich in Richtung Osten, so halb kniend hielt er sich. Ich ging hin, hielt ihm den Karabiner an den Hinter­kopf und drückte ein zweites Mal ab. Es gab einen dumpfen Knall. Mir sprangen Schädel­knochen, Gehirnmasse und Fleisch­fetzen ins Gesicht, ich konnte nichts mehr sehen, warf mich auf den Boden, griff nach Gräsern, wischte mir das Zeug aus den Augen. Endlich brach ich Eberhards Erkennungsmarke ab, steckte sie ein, stapfte zurück, mich zu melden beim Kompanie­gefechts­stand.“

(Vergiss die Träume deiner Jugend nicht, Rasch und Röhring Verlag, Hamburg 1989) – siehe auch Nachwort 14 dieser Serie.


 Der Autor noch nicht
 vor der Tür
Wenn Amerika das Land der unbegrenzten Unmög­lich­keiten ist, wird es vom Reich des unbe­grenzten germani­schen Über­menschen noch über­troffen. Im Spiegel vom 8.11.2010 wird die Kriegs­repor­tage WAR des US-Journalisten Sebastian Junger mit Wunder der Sehnsucht angezeigt. Die Sehnsucht ist die nach dem Krieg auf den Krieg. Im vorigen Nachwort äußerten wir uns schon zu dem Buch. Im Spiegel folgt auf die romantische Überschrift: Nähe und Erfah­rung statt Distanz und Metaphorik die Erläu­te­rung: „Wie unter­schied­lich ameri­kanische und deutsche Autoren über den Krieg schreiben. Von Georg Diez.“ Der Verfasser ist mir bisher nicht auf­gefallen, laut www.single-generation.de gehört er zur Gene­ration Golf, wurde 1969 in München geboren und stu­dierte Geschichte und Philo­so­phie, das scheint aber frucht­los gewesen zu sein, es sei denn, Diez hat auf der Uni Kriegs-Geschichte belegt, attes­tiert er doch dem Autor Wolfgang Borchert, ein „weiner­liches Heim­keh­rer­drama“ ge­schrie­ben zu haben, womit tat­säch­lich Draußen vor der Tür gemeint sein soll.
  Die Nach­fahren derer, die immer schon drinnen zu Tische sitzen, wenn andere später erschei­nen, mögen weinerlich nennen, wenn welche „nach Hause kommen, die dann doch nicht nach Hause kommen“, wenn also Borchert/Beckmann fragt: „Soll ich mich weiter morden lassen und weiter morden?“ Noch ein Borchert-Zitat:


Derlei Einsichten sind inzwischen unmodern geworden. Den Spiegel-Rezensenten bewegt die Frage, „ob es wohl möglich sei, während eines Feuergefechts zu masturbieren.“ In Folge 72 dieser Serie zitiere ich aus meinem Buch Soldaten sind Mörder:
Wilhelm Strasser zählte zwanzig Jahre, als ihn nahe Adrano in der sizilia­nischen Gluthitze des 4. August 1943 ein riesiger dolchartiger Splitter ins Herz traf. Wir lagen unter den ausge­brannten Ske­letten abge­schos­sener Panzer, die uns vor den gutgezielten Garben eines feind­lichen MG schützten. Der Granat­split­ter musste seitlich knapp über der Erde in den schmalen Spalt eingedrungen sein. Ich nahm dem Toten die Erken­nungs­marke ab, sammelte seine paar Hab­selig­keiten ein und schickte sie abends mit dem Melder zum Kompaniegefechtsstand zurück. Ende September lag ich im sächsischen Freiberg im Lazarett. Strassers Vater besuchte mich, um etwas mehr über den Tod seines Sohnes zu erfahren, dabei ließ er die Zeitungsanzeige da, die ich einsteckte und erst nach der Abreise des Mannes las: „Unsagbar hart und schwer traf uns ganz unerwartet die überaus traurige Nachricht, dass unser einziger über alles geliebter, herzensguter Sohn, Neffe und Kusin Wilhelm Strasser – Gefreiter, MG-Schütze in der Division Hermann-Göring – im blühenden Alter von 20 Jahren, getreu seinem geschwo­renen Fahneneide, für Führer und Heimat am 4. August 1943 bei den harten Abwehr­kämpfen auf Sizi­lien den Heldentod fand. Sein Heldengrab liegt etwa 2 km von Adrano in fremder Erde, doch uns wird er unver­gesslich bleiben. Wer ihn kannte, weiß, was wir mit ihm verloren haben. Sein stets geäußerter Wunsch, seine Lieben und seine Heimat wiederzusehen, blieb ihm unerfüllt. Das hl. Requiem findet am Mittwoch, den 15. September 1943 um 10 Uhr vormittags in der Pfarrkirche zu Hoflau statt. In unsagbarem Schmerz und tiefer Trauer – Johann und Anna Strasser – Eltern – im Namen aller Ange­hörigen und Verwandten.“

Ich wage nicht zu ent­scheiden, was bornierter ist, die unsägliche Terminologie in der Todesanzeige von 1943 oder die Frage im Spiegel von 2010 nach möglicher Masturbation beim Feuergefecht. Die Generation Golf als Generation Wichser?
  In der Folge 72 behalf ich mir mit dem Abdruck eines Gedichts, das ich während der Schlacht von Monte Cassino schrieb, ganz ohne zu masturbieren:

ihr meine onkels – lieben tanten
euch soll man mit torpedos schießen
auf euren glatzen sollen fallschirmjäger landen
und eurem ohr wird stacheldraht entsprießen
und endlich all ihr alten würdenträgerkrüppel
euch wünsch den buckel ich voll knüppel
und siebzehn eheweiber untern bauch
und blasensteine in den schlauch

euch soll der teufel in der hölle braten
elektrisch und ganz langsam heiß
und wenn euch hungert nehme man oblaten
und klebe sie auf euren steiß

Spiegel-Rezensent Diez bettete seine Selbst­befriedi­gungs­frage, die er dem besprochenen Buch entnahm, generös in einen noch viel umfassenderen Kontext ein: „Es geht um die Frage, ‹ob es wohl mental möglich sei, während eines Feuergefechts zu masturbieren. Das wäre, zuge­gebener­maßen, der Mount Everest der Masturbation›. Worauf ein Soldat zu Junger sagte: ›Wir sind wie die Tiere, nur schlimmer. ‹ Solch ein Satz findet sich in keinem der beiden deutschen Romane. Er findet sich nur da, wo es blutig ist und grausam, manchmal auch zärtlich und sogar schön.“ Mit dieser wunderbaren, wo nicht wundersamen herzerweichenden Ästhetik endet der Artikel. Wir sind beeindruckt.
  Ich will ja der Generation Golf nicht zu nahetreten, was sich für Ange­hörige der Generation Maschinen­gewehr auch nicht ziemt, zumal ich seit 30 Jahren Saab fahre. Heute sind außer Auto­tagen vorwiegend Buß- und Bettage angesagt. Am 8.11.2010 durfte Hans-Jürgen Döscher in der FAZ eine Rezen­sion veröffent­lichen und daneben hochachtet ein Leser­brief­schreiber diesen Histo­riker sogar, weil dessen Buch Die Seilschaften den Zusammen­hang zwischen Aus­wärtigem Amt und End­lösung schon vor Jahren aufgedeckt hatte. Offenbar soll Döscher doch bitte vergessen, wie er für seine vorzeitige Auf­klärung in der FAZ gerüffelt worden war, bevor Joschka Fischers Hand­streich die fatale Wahrheit unwiderruflich ans Licht brachte.


Im Spiegel ging es früher ähnlich kritisch zu. Ein gewisser Rudolf Augstein hatte in Heft 10/ 1988 den Krieg glattweg ver­worfen und gar Israel hart zu tadeln gewagt unter dem Titel: Vom Kriege oder Kindern die Knochen zu brechen. Im Spiegel Heft 12 durfte daraufhin Prof. Dr. Manfred Messer­schmidt, damals leitender Historiker beim Militär­geschicht­lichen For­schungs­amt in Freiburg/Breisgau, den Kommentar Augsteins kriegsvölkerrechtlich substantivieren.
  Messerschmidt ist inzwischen pensioniert, Augstein ver­storben. Die Zeiten haben sich geändert. Spiegel-Cover vom 22.11.2006: Die Deut­schen müssen das Töten lernen. Da nimmt sich Augstein mit seinen Antikriegsflausen recht deplaziert aus. Wir schulden dem WAR-Rezensenten Diez noch Auskünfte zu seinen Soldaten-Penis-For­schungen. Nun denn, bei der Wehr­macht gab's die Schwanz­parade, so hieß der morgend­liche Appell in der Kaserne: Aufstehen, Glied vor­zeigen, Vorhaut zurückziehen! Und alles wegen der Hygiene. Ordnung muss sein in Reih' und Glied. Wo bleiben da die von Diez ange­mahnte Zärt­lichkeit und Schönheit? Meine Antwort findet sich im Gedicht von Monte Cassino, wo es in Fortsetzung der drei zärtlich schönen Verse heißt:

und wenn euch dürstet sollt ihr feuer saufen
man gieß es euch mit kannen in den schlund
und solltet ihr den bart euch raufen
befehle ich: kv-gesund

und ab mit euch gleich in die nächsten schlachten
im gleichschritt marsch drei vier
so wills die order von dem wiederaufgewachten
auferstandnen musketier


Der 18jährige GZ im Schützenloch noch ohne PTBS

Statt auf den Kriegerfriedhöfen in Sizilien, bei Monte Cassino oder Costermano zu liegen, ziehe ich es vor, draußen vor der Tür zu stehen und glücklich am posttraumatischen Belastungssyndrom zu leiden wie die drei Bitt-Briefeschreiber, mit denen dieses Nachwort begann. Offensichtlich hat auch der Spiegel-Autor eine Art von PTBS – seine Generation kriegt sowas schon von der bloßen Lektüre einer Kriegsreportage. Wenn das kein Fortschritt ist?
Zum Schluss noch ein Spruch aus dem 1989er Buch Vergiss die Träume deiner Jugend nicht:

Gerhard Zwerenz    15.11.2010    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Gerhard Zwerenz
Serie
  1. Wie kommt die Pleiße nach Leipzig?
  2. Wird Sachsen bald chinesisch?
  3. Blick zurück und nach vorn
  4. Die große Sachsen-Koalition
  5. Von Milbradt zu Ernst Jünger
  6. Ein Rat von Wolfgang Neuss und aus Amerika
  7. Reise nach dem verlorenen Ich
  8. Mit Rasputin auf das Fest der Sinne
  9. Van der Lubbe und die Folgen
  10. Unser Schulfreund Karl May
  11. Hannah Arendt und die Obersturmbannführer
  12. Die Westflucht ostwärts
  13. Der Sänger, der nicht mehr singt
  14. Ich kenne nur
    Karl May und Hegel
  15. Mein Leben als Prophet
  16. Frühe Liebe mit Trauerflor
  17. Der Schatten Leo Bauers
  18. Von Unselds Gegner zu Holtzbrincks Bodyguard
  19. Karl May Petrus Enzensberger Walter Janka
  20. Aus dem Notizbuch eines Ungläubigen
  21. Tanz in die zweifache Existenz
  22. General Hammersteins Schweigen
  23. Die Pleiße war mein Mississippi
  24. Im Osten verzwergt und verhunzt?
  25. Uwe Johnson geheimdienstlich
  26. Was fürchtete Uwe Johnson
  27. Frühling Zoo Buchmesse
  28. Die goldenen Leipziger Jahre
  29. Das Poeten-Projekt
  30. Der Sachsenschlag und die Folgen
  31. Blick zurück auf Wohlgesinnte
  32. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (I)
  33. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (II)
  34. Brief mit Vorspann an Erich Loest
  35. Briefwechsel mit der Welt der Literatur
  36. Die offene Wunde der Welt der Literatur
  37. Leipzig – wir kommen
  38. Terror im Systemvergleich
  39. Rachegesang und Kafkas Prophetismus
  40. Die Nostalgie der 70er Jahre
  41. Pauliner Kirche und letzte Helden
  42. Das Kickers-Abenteuer
  43. Unser Feind, die Druckwelle
  44. Samisdat in postkulturellen Zeiten
  45. So trat ich meinen Liebesdienst an …
  46. Mein Ausstieg in den Himmel
  47. Schraubenzieher im Feuchtgebiet
  48. Der Fall Filip Müller
  49. Contra und pro Genossen
  50. Wie ich dem Politbüro die Todesstrafe verdarb
  51. Frankfurter Polzei-buchmesse 1968
  52. Die Kunst, weder Kain noch Abel zu sein
  53. Als Atheist in Fulda
  54. Parade der Wiedergänger
  55. Poetik – Ästhetik und des Kaisers Nacktarsch
  56. Zwischen Arthur Koestler und den Beatles
  57. Fragen an einen Totalitarismusforscher
  58. Meine fünf Lektionen
  59. Playmobilmachung von Harald Schmidt
  60. Freundliche Auskunft an Hauptpastor Goetze
  61. Denkfabrik am Pleißenstrand
  62. Rendezvous beim Kriegsjuristen
  63. Marx, Murx, Selbstmord (der Identität)
  64. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (I. Teil)
  65. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (II. Teil)
  66. Der Bunker ...
  67. Helmut auf allen Kanälen
  68. Leipzig anno 1956 und Berlin 2008
  69. Mit Konterrevolutionären und Trotzkisten auf dem Dritten Weg
  70. Die Sächsischen Freiheiten
  71. Zwischen Genossen und Werwölfen
  72. Zur Geschichte meiner Gedichte
  73. Poetenladen: 1 Gedicht aus 16 Gedichten
  74. Der Dritte Weg als Ausweg
  75. Unendliche Wende
  76. Drei Liebesgrüße für Marcel
  77. Wir lagen vor Monte Cassino
  78. Die zweifache Lust
  79. Hacks Haffner Ulbricht Tillich
  80. Mein Leben als Doppelagent
  81. Der Stolz, ein Ostdeutscher zu sein
  82. Vom Langen Marsch zum 3. Weg
  83. Die Differenz zwischen links und rechts
  84. Wo liegt Bad Gablenz?
  85. Quartier zwischen Helmut Schmidt und Walter Ulbricht
  86. Der 3. Weg eines Auslandssachsen
  87. Kriegsverrat, Friedensverrat und Friedenslethargie
  88. Am Anfang war das Gedicht
  89. Vom Buch ins Netz und zur Hölle?
  90. Epilog zum Welt-Ende oder DDR plus
  91. Im Hotel Folterhochschule
  92. Brief an Ernst Bloch im Himmel
  93. Kurze Erinnerung ans Bonner Glashaus
  94. Fritz Behrens und die trotzkistische Alternative
  95. 94/95 Doppelserie
  96. FAUST 3 – Franz Kafka vor Auerbachs Keller
  97. Rainer Werner Fassbinder ...
  98. Zähne zusammen­beißen ...
  99. Das Unvergessene im Blick
    1. Nachwort
Nachworte
  1. Nachwort
    siehe Folge 99
  2. Auf den Spuren des
    Günter Wallraff
  3. Online-Abenteuer mit Buch und Netz
  4. Rückschau und Vorschau aufs linke Leipzig
  5. Die Leipziger Denkschule
  6. Idylle mit Wutanfall
  7. Die digitalisierte Freiheit der Elite
  8. Der Krieg als Badekur?
  9. Wolfgang Neuss über Kurt Tucholsky
  10. Alter Sack antwortet jungem Sack
  11. Vor uns diverse Endkämpfe
  12. Verteidigung eines Gedichts gegen die Gladiatoren
  13. Parademarsch der Lemminge und Blochs Abwicklung
  14. Kampf der Deserteure
  15. Fritz Bauers unerwartete Rückkehr
  16. Der Trotz- und Hoffnungs-Pazifismus
  17. Als Fassbinder in die Oper gehen wollte
  18. Was zum Teufel sind Blochianer?
  19. Affentanz um die 11. Feuerbach-These
  20. Geschichten vom Geist als Stimmvieh
  21. Von Frankfurt übern Taunus ins Erzgebirge
  22. Trotz – Trotzalledem – Trotzki
  23. Der 3. Weg ist kein Mittelweg
  24. Matroschka –
    Die Mama in der Mama
  25. Goethe bei Anna Amalia und Herr Matussek im Krieg
  26. Der Aufgang des Abendlandes aus Auerbachs Keller
  27. Jan Robert Bloch –
    der Sohn, der aus der Kälte kam
  28. Das Buch, der Tod und der Widerspruch
  29. Pastor Gauck oder die Revanche für Stalingrad
  30. Bloch und Nietzsche werden gegauckt ...
  31. Hölle angebohrt. Teufel raus?
  32. Zwischen Heym + Gauck
  33. Von Marx über Bloch zu Prof. Dr. Holz
  34. Kafkas Welttheater in Auerbachs Keller
  35. Die Philosophenschlacht von Leipzig
  36. Dekonstruktion oder Das Ende der Ver­spä­tung ist das Ende
  37. Goethes Stuhl – ein Roman aus Saxanien
  38. Meine Weltbühne im poetenladen
  39. Von Blochs Trotz zu Sartres Ekel
  40. Die Internationale der Postmarxisten
  41. Dies hier war Deutschland
  42. Kopfsprünge von Land zu Land und Stadt zu Stadt
  43. Einiges Land oder wem die Rache gehört
  44. Schach statt Mühle oder Ernst Jünger spielen
  45. Macht ist ein Kriegszustand
  46. Dekonstruktion als Kriminalgeschichte I
  47. Damals, als ich als Boccaccio ging …
  48. Ein Traum von Aufklärung und Masturbation
  49. Auf der Suche nach der verschwundenen Republik
  50. Leipzig am Meer 2013
  51. Scheintote, Untote und Überlebende
  52. Die DDR musste nicht untergehen (1)
  53. Die DDR musste nicht untergehen (2)
  54. Ein Orden fürs Morden
  55. Welche Revolution darfs denn sein?
  56. Deutschland zwischen Apartheid und Nostalgie
  57. Nietzsche dekonstruierte Gott, Bloch den Genossen Stalin
  58. Ernst Jünger, der Feind und das Gelächter
  59. Von Renegaten, Trotzkisten und anderen Klassikern
  60. Die heimatlose Linke (I)
    Bloch-Oper für zwei u. mehr Stimmen
  61. Die heimatlose Linke (II)
    Ein Zwischenruf
  62. Die heimatlose Linke (III)
    Wer ist Opfer, wer Täter ...
  63. Die heimatlose Linke (IV)
    In der permanenten Revolte
  64. Wir gründen den Club der
    heimatlosen Linken
  65. Pekings große gegen Berlins kleine Mauer
  66. Links im Land der SS-Ober­sturm­bann­führer
  67. Zweifel an Horns Ende – SOKO Leipzig übernimmt?
  68. Leipzig. Kopfbahnhof
  69. Ordentlicher Dialog im Chaos
  70. Büchner und Nietzsche und wir
  71. Mit Brecht in Karthago ...
  72. Endspiel mit Luther & Biermann & Margot
  73. Die Suche nach dem anderen Marx
  74. Wer ermordete Luxemburg und Liebknecht und wer Trotzki?
  75. Vom Krieg unserer (eurer) Väter
  76. Wohin mit den späten Wellen der Nazi-Wahrheit?
  77. Der Feind ist in den Sachsengau eingedrungen
  78. Die Heldensöhne der Urkatastrophe
  79. Die Autobiographie zwischen
    Schein und Sein
  80. Auf der Suche nach der verlorenen Sprache
  81. Atlantis sendet online
  82. Zur Philosophie des Krieges
  83. Deutsche, wollt ihr ewig sterben?
  84. Der Prominentenstadl in der Krise
  85. Der Blick von unten nach oben
  86. Auf der Suche nach einer moralischen Existenz
  87. Vom Krieg gegen die Pazifisten
  88. Keine Lust aufs Rentnerdasein
  89. Von der Beschneidung bis zur
    begeh­baren Prostata
  90. Friede den Landesverrätern
    Augstein und Harich
  91. Klarstellung 1 – Der Konflikt um
    Marx und Bloch
  92. Bloch & die 56er-Opposition zwischen Philo­sophie und Verbrechen
  93. Der Kampf ums Buch
  94. Und trotzdem: Ex oriente lux
  95. Der Soldat: Held – Mörder – Heiliger – Deserteur?
  96. Der liebe Tod – Was können wir wissen?
  97. Lacht euren Herren ins Gesicht ...
  98. Die Blochianer kommen in Tanzschritten
  99. Von den Geheimlehren der Blochianer
Aufsatz