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Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | 28. Nachwort

Dies ist eine sächsische Autobiographie als Fragment in 99 Fragmenten. Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philosophen nennen das coincidentia oppositorum, d.h. Einheit der Widersprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

  28. Nachwort

Das Buch, der Tod und der Widerspruch


  Angela Merkel in ihrer
Paraderolle als Urban Priol


Momentaufnahmen: Der Außen­minister ein Dampf­schwätzer. Der Finanz­minister ein schwer ange­schlagener Mann zwischen Schreib­tisch, Roll­stuhl und Kranken­bett. Der Wirt­schafts­minis­ter ein ständiger Aus­fall oder Reinfall. Im Bundes­kanzlerin­amt eine Eiserne Lady aus Blech wie bei Neues aus der Anstalt, wo Urban Priol sie so realis­tisch darstellt, dass Prof. Sauers Zurück­haltung rein politisch verständlich wird. Wer will schon tagtäglich mit dem Irrwisch Priol verheiratet sein. Das hält selbst Georg Schramm kaum aus und Schmickler wie Steimle nur ab und zu. Die vom Volk gewählte Regierung funktio­niert. Unsere Freiheit in Afghanistan mit immer stärker eskalierenden Millionenkosten verteidigend, bietet sie zwischen Spree und Rhein den Euro zum Ausverkauf an. Mit Milliarden, die sie nicht hat, rettet sie Länder, die Milliarden brauchen, ihre Schulden­milliarden zu vervielfachen. Das heißt: Es gibt keine Alternative, Unheil von einer Bevölkerung abzuhalten, die treu und brav ihre angeborenen Parteien wählt. Die CDU von wegen christlich, die SPD als Stell­ver­treterin, die FDP wegen der Knalleffekte im luftleeren Raum. Die Grünen, emanzipiert und separiert von einem vormaligen Joschka, der nach seinem langen Lauf zu sich selbst unauffindbar geworden ist. Gibt's noch die von allen gehasste Linke. Als sie 1933 endgültig abgeschafft werden konnte, marschierten die Deutschen siegreich bis Stalin­grad voran. Davon können die Enkel und Enkelinnen heute nur noch träumen, weshalb der jüdisch-bolsche­wis­tische Riesen­zwerg Gregor per Rakete demnächst auf den Mond ge­schos­sen wird, gemeinsam mit dem Sozi-Dauer-Rebellen Oskar: Gysi & Lafontaine, wer so heißt, kann nur Vaterlandsverräter sein. Inzwischen lernten auch die einge­meindeten Ost­deutschen demo­kratisch zu wählen. Sie dritteln zwischen Christ­sozialen, Sozis und roter Heimat­partei. Egal wer endsiegt, sie sind bei allen dabei. Und wenn NATO samt EURO krachend abstürzen bleibt immer noch die Wahl zwischen Ost- und Westmark. Notfalls Reichs­mark. Mit der schafften es die Vorväter zur Vertei­digung bis kurz vor Moskau. Man kann auch warten, bis die Chinesen da sind. Deutsch­land als verlängerte Werk­bank der roten Gelben ist immer noch besser als am Hindukusch zu siegen und in Europa mit dem Stahlhelm in der Hand betteln zu gehen.

 

Ich bin gegen alle diese Staatsakte. Wir lebten in kleinen Verhältnissen. Als ich gezeugt worden war, warteten meine Eltern auf die Zuteilung einer Wohnung. Stattdessen kam ich. Der Versuch, mich am Mutter­mund festzuhalten, um drin zu bleiben, misslang. Die Geburt fand in der Bodenkammer statt. Am Fußende des Bettes stand eine Lade, Schiffskoffer genannt, darauf ein ovaler Korb. Stand meine Mutter auf, legte sie mich in den Korb. In dem Schiffskoffer darunter warteten fast 300 Bücher auf mich. Vier Jahre lang lebte ich in der Zweizimmerwohnung der Großeltern, weil Papa und Mama in die Stadt arbeiten gingen. Ich schlief im Bett meiner Großmutter, hielt mich für ihren Mann und war's zufrieden. Nach meinem vierten Geburtstag siedelte mich die Großmutter, die ich Mutter nannte, in die Bodenkammer um. So schlief ich wieder im Geburts­bett. Am Morgen, so allein aufgewacht, öffnete ich den Schiffskoffer und entdeckte die gestapelten Bücher.

 

Ich wusste nicht, was es damit auf sich hatte und lüge mir vor, eine Stimme sagte: Das ist dein Leben. Wer weiß denn, was Leben ist. Ich dachte, ich sei mit der Verbannung aus Mutter-Großmutters Bett gestorben. Und warum denn nicht. Das Bett, in dem ich geboren worden war, diente als Totenbett. Kinderlogik. So ist das Leben unter Erwachsenen.

 

Mir wurde Sprache geschenkt. Im Alter von zwei Jahren nahm mich meine Großmutter-Mutter an die Hand und wir gingen ums Haus. Im Vorgarten des Nachbarn umringten Frauen einen an die Sonne geschobenen Kinderwagen mit einem Neugeborenen. Wir näherten uns. Als meine Mutter sich über das Baby beugte, verlor ich ihre Hand. Ein unbe­schreiblicher Schmerz explodierte in mir. Allein, verlassen stand ich in der Welt, die Ahnung durchzuckte mich, dass es nie mehr anders werden würde. Eine Nachbarsfrau beugte sich über mich. Was ist? Was hast du? Sie lachte hell auf. Hast Angst? Du hast Angst, ja? Deine Mutter kann sich nicht mehr um dich kümmern, sie hat jetzt ein anderes kleines Kind. Siehst du? Ich sah die Gestalt meiner Mutter, vom kalten Licht umflossen, gebeugt über den Kinderwagen. Die Szene schrieb sich in mein Herz ein. Jedes­mal in meinem Leben, wenn ein Verlust drohte, spürte ich den Schmerz an der gleichen Stelle. Bis es gelang, mir die dummen Worte der Nachbarin ins Gedächtnis zu rufen. Sie sprach genau aus, was Ich fühlte. Lieh mir Sprache, die ich selbst noch nicht besaß. So erinnere ich mich als Erwachsener an meinen ersten frühen Eifer­suchts­schmerz. Seither quält Verlorenes mich nicht mehr.

 

Für das, was man hinter sich hat, kann man nicht; man kann sich nur zu seinen Einsichten bekennen. Ich erwarte von niemandem etwas, was und wer er auch sei. Mit Revolutionären sympathisiere ich aus gewissermaßen natürlichen Gründen. Wahrscheinlich gibt es nur zwei Möglichkeiten. Entweder Rebell oder Gottes­knecht sein. Ganz ohne mein Zutun befand ich mich stets auf Seiten der Rebellen. Wenn die Rebellen aber gerade dabei sind, den Sieg zu erringen, beginne ich meine Koffer zu packen. Geht das nicht, richte ich mich auf schwerere Zeiten ein. Siegreiche Rebellen haben eine Anzahl unangenehmer Eigenschaften. Die unange­nehmste ist ihre Verwandlung von Rebellen in Ordnungsfetischisten. Siegreiche Rebellen trennen sich wie die Schlange von ihrer alten Haut. Sieg­reiche Rebellen hassen nichts mehr als Rebellion. Ich habe das oft genug studieren können und weiß, es handelt sich um einen Vorgang von natürlichen, also zwangs­läufigen Konse­quenzen. Die erbittertsten Feinde der Rebellen sind die gewesenen Rebellen. Der beste Schutz vor der Verfolgung durch siegreiche Rebellen ist die Flucht in den Scheintod. Der lässt sich auf Teufel komm raus dementieren.

 

Als ich bei einer der Nachtsitzungen im Hause Blochs zum ersten Mal die Geschichte vom Schüler Ernst hörte, der von Ludwigs­hafen aus in die Mannheimer Schlossbibliothek strebte, um in uralten Wälzern die noch älteren antiken Philosophen zu studieren, gab mir mein angeborener Pleißen­rappel ein, so trocken wie widerspenstig anzumerken: Da hatt' ich's besser – geboren hautnah bei einer Bücherkiste in der Bodenkammer.

 

Zarathustra alias Nietzsche
mit Säbel

MG 42:
die heilige Nuttte des Todes

Daraus folgt eine saftige Pointe. Unter den 300 Bän­den befand sich Nietzsches Also sprach Zarathustra. Das Exemplar schleppte ich noch als Soldat im Brot­beutel mit mir rum. Auf dem Nachlass-Blatt, das meine Mutter erhielt, als die liebe Wehrmacht mich vermisste, sind zwei Bücher verzeichnet. Eins davon ist der Zarathustra. Mit fünf Jahren hatte ich den aus der Kiste gekramt, zum Lesenlernen aber Karl May vorgezogen. Mit achtzehn Jahren hockte ich im Schützen­loch vor Monte Cassino. Wenn's Bomben und Granaten zuließen, las ich beim sächsi­schen Friederich: „Ich sage euch: der gute Krieg ist es, der jede Sache heiligt.“ Da ich nicht ahnte, dass Jahr­zehnte später beflis­sene FAZ-Legionäre auf­marschierten, um die dumpfen Worte glasklarer Sätze als Spiel­theorie zu definieren, küsste ich getröstet das MG 42, die heilige Nutte des Todes. Zum Glück half unsereinem ein Kerl mit dem Vornamen Karl über den deutschen als Tiefsinn getarnten Schwach­sinn hinweg. Und noch eins draufgesetzt: Bloch war Nietzscheaner, bevor er Marx entdeckte. Der Fund kam nicht zu spät.

 

Das Buch. Das andere Buch. Es gibt zu viele Bücher, zu viele gemachte und kalkulierte Bücher. Sie halten vom Leben ab, verwässern und langweilen. Sie drücken nicht das Leben aus. Gerade in der inflato­rischen Hochflut von Gedruck­tem und Gebundenem wird das BUCH wieder wichtig, das geschrieben werden und gelesen werden muss und wie das Leben eines Menschen selbst ist – einmalig, unwieder­bringlich, un­wieder­holbar, unüber­schaubar, nicht restlos zu begreifen. So ein Buch ist die physische Existenz der Liebe selbst, eine Ejakulation, KOPF und BAUCH haben eja­kuliert, sind aufgegeilt und ausgepresst worden. Das ist nicht Beschreibung, Schilderung, Denken, Fühlen, Angst, Glück, Tod, Leben, Vögeln, Impotenz, Blut, Krebs, Papier, das ist dies alles und noch viel mehr und wirklich der Versuch ALLES zu sein, zu werden, zu geben, das ist gänzliche Rück­sichts­losigkeit sich selbst gegenüber und gegenüber den Freunden, Feinden, Kritikern, Staaten, Ideologien, ästhetischen Wertungen, die völlige Auf­hebung aller Traditionen, Formen, Verständigungs­kategorien, das Ende der Polemik, die Auslieferung des Ich, die gleichmütige, ungerührte Hinnahme von Miss­verständ­nissen, Strafexpeditionen, von Gewalt, Hohn und dem fantastischen Reichtum menschen­fresserischer Exzesse. Das ist ein Buch, das sich und seinen Urheber ungeschützt in die Freiheit der Todes­kultur, in die dampfen­den Hallen der Schlacht­höfe entlässt – die Stirn dem Bolzenschuss, die Kehle dem Messer geboten, dies ist mein Leib, den IHR fressen wollt, dies mein Kopf, den IHR gekocht und garniert in die Schaufenster stellt. So nehmt denn hin, Konsumenten. Ich werde zwischen EUREN Zähnen zermahlen, wandere in EURE Mägen, kreise durch EURE Adern, besetze EURE Nerven und Gehirnzellen von innen. Ich werde in EUER Sperma eingehen und EURE Nachkommen zeugen und sie aufrüh­rerisch machen und gegen EUCH sich erheben lassen. So nehmt denn hin, Kannibalen.

 

Die 99 Folgen und anschließenden Nachworte dieser Sachsen-Serie im poetenladen enthalten Kurzgeschichten, Essays, Vorlesungen, Gedichte, Artikel, Tagebuchnotizen, Briefe, Satiren, Polemiken, Zitate, eine Mischung, die ich in Kopf und Bauch 1971 erstmals riskiert hatte. Die Fragmente-Montage hatte schon Vorbilder. Mir ging es mehr um die Ungleich­zeitigkeit des Gleich­zeitigen. Die Brüche, die wir erlebten und durchlitten, soweit die Schmerz­empfind­lichkeit reichte, sollten nicht geleugnet werden. Das erforderte Versuche mit dem bisher Abgelehnten. Allen Gewohnheiten entgegen enthielt das damalige Cover außer dem Titel und Untertitel – Die Geschichte eines Arbeiters, der unter die Intel­lektuel­len gefallen ist – weder ein Grafik­kunstwerk noch ein exquisites Foto als Kaufanreiz, sondern eine melancholische Notiz vom 1.3.1971. Das schwierige Buch brachte es gleichwohl inklusive der TB-Ausgabe auf über hundert­tausend Käufer. Heute fehlt es dazu an Leser-Energie, Empathie, Erfahrungs­bereit­schaft und existentieller Lernbegierde. Mich erstaunt heute, was ich dem Publikum damals zumutete. Selbst­verges­sen klopfe ich dem Autor auf die Schulter, die Berührung erst lässt erkennen, ich bin es selbst (gewesen). Zum Beispiel der Tanz mit den Dekonstrukten. Die guten Neuen Franzosen erklärten den Allge­meinheiten – Universalien – den Wortkrieg. Ich konnte 100.000 Leser ins Feld führen. Ein Kampf um Begriffe statt um Rom? Ein Kampf um Moskau, wo ein noch von Stalin traumatisiertes Politbüro sich anschickte, den Verrat an der Revolution zu vollenden. Vor der daraus folgenden Resignation sollte die Notiz auf dem Umschlag von Kopf und Bauch warnen:

 

Am 25. und 26. Oktober 1991, kurz nach dem Ende der DDR veranstalteten Friedrich-Ebert-Stiftung, Schriftstellerverband und der Rat der Stadt Leipzig wohlgemut ihr Symposium Poetik des Widerstandes als Versuch einer Annäherung. Ich fiel drauf rein, versuchte die An­näherung, las am Abend aus Kopf und Bauch und blieb unverstanden wie am 30. Januar 1957, als ich den versammelten Genossen eines meiner Herzstücke als Gedicht servierte. Es ist in keiner Lyrik-Ver-Sammlung enthalten, kein Kunstwerk, sondern eine schlichte Botschaft, wie es hätte weitergehen können. 1957 gab es dafür verbale Prügel und Strafe, 1991 schieres Desinteresse. Am 1./2 Juli 2006 druckte Neues Deutschland das Freiheits­gedicht in ganzer Länge ab, das ja zuvor im DDR-Bereich lediglich am 1. Juli 1956 im exquisiten Sonntag erschienen war. Auf die ND-Veröffentlichung hin fand sich nicht mal ein einziger Leserbrief, so konsequent ist das kollektive Gedächtnis, das ich hiermit dementiere:

 

Die Poetik verging. Mit ihr die Revolution. 34 Jahre später war die revolutionäre Lyrik längst vergessen, auch die Warnung von 1971 vor drohender Resignation fand nicht den erhofften Nachhall. Mein Schlusswort zur Poetik des Widerstandes (Wo blieb die tapfre Dame?) klang so:

 

„Wir haben in unserer Tradition großartige Potentiale, die wir nicht genutzt haben. Das reicht im vorigen Jahr­hundert von Georg Büchner über Schopenhauer bis Nietzsche und denen, die danach gekommen sind und davon gelebt haben. Und da soll man sich nicht ideologisch ein Brett vor den Kopf wieder nageln lassen und sagen, das sind doch Reaktionäre. Es geht nicht darum nachzuplappern, was die vorgeplappert haben, sondern es geht darum, bei diesen letzten Koryphäen unserer Geschichte, die noch nicht versaut sind, zu lernen, wie man scharf, individuell, rebel­lisch denken, sprechen und schreiben lernen kann. Und genau darum geht es. Dann werden wir auch wieder unbequemer in diesem Land, dann werden sie uns wieder als welche benennen, die verflucht und verdammt werden müssen, und genau das ist die Aufgabe des Schriftstellers. Es ist nicht die Aufgabe des Schrift­stellers, gern gesehen zu sein, begrüßt zu sein, bei Hofe empfangen zu werden, ob der Hof nun hier in Leipzig oder in Ostberlin oder in Bonn steht, das ist völlig Wurscht. Sondern es ist die Aufgabe des Schrift­stellers, diesen Herrschaften weh zu tun, damit sie aufschreien, damit sie sauer sind. Das ist unsere Aufgabe, und dahin müssen wir wieder kommen.“

 

Vorm Reichsgericht Dimitroff, dem man seinen Platz in Leipzig
weggenommen hat (Fotomontage Heartfield)

An der Pleiße zwischen Dimitroff­platz, Bloch-Reservat und Hörsaal 40 existierte die Leipziger Denkschule. Der Philosoph empfahl das linke Ghetto zu verlassen um dem Kältestrom mit einem verita­blen Wärme­strom zu begegnen. Der kleine Fluss dort am Ort war Natur, Industrie und Metapher. Unsere franzö­sischen Neudenker befanden sich noch im Kindergarten, in der KPF oder auf dem Langen Marsch zu Mao. Mit einem Buch in der Hand sitze ich vor dem Stalin­denkmal und lese: „Wir, unsere Helden an der Spitze, befanden uns immer nur einmal in Gesellschaft der Freiheit, an Tage ihrer Beerdigung.“ (Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie – Einleitung) Als ich am 30. Januar 1957 in der Kongress­halle in aller Unschuld, wo nicht Naivität Die Mutter der Freiheit heißt Revolution deklamierte, gesellten sich selbst­gewisse Partei­hierarchen und stolze Kultur­arbeiter zu den deutschen Helden an der Spitze. Nicht das Abendland ging unter, sondern die Linke wurde heimatlos. Wer wusste schon, wer weiß schon auf wie lange.

 

Im Nachwort 23 wurden Brechts Zeilen zitiert: Und ich dachte immer: die aller­einfachsten Worte/ Müssen genügen. Wenn ich sage, was ist/ muss jedem das Herz zerfleischt sein.
Um die allereinfachsten Worte nicht hören zu müssen, legen die Herzen Panzer an. Ist das beherzt? Oder Herzverfettung und Gehirnverkalkung?
1955 wurde mir die Weltbühne verschlossen. Sie erschien wöchentlich. 52 Jahre später, anno 2007 begann meine wöchent­liche Kolumne im Leipziger poetenladen. Wenn das keine Kontinuität ist? Wieder schaue ich auf das Foto von 1903, auf dem die mit meiner Mutter schwangere Groß­mutter zu sehen ist – die Arbeiter­bewegung war gerade beim Crimmitschauer Textil­arbeiter­streik angekommen. Von 1903 bis 2010 sind es glatt 107 Jahre. Es ist der Zeitraum meiner fragmen­tarischen Bericht­erstattung über unser unter­gründiges Überleben im Bauch der Geschichte, dieser menschen­fresserischen Zyklopin.

 

Da Leipzig verlassen werden musste, galt es im neuen Umfeld bei Verlagen und Redaktionen die eigenen Worte und Sätze zum Tanzen zu bringen. Gelegenheit macht Liebe. Der Spiegel brauchte eine Rezension? Ich lieferte sie als Short Story über die Homburger Hochzeit von Ernst Herhaus oder über Hans Fricks Tagebuch einer Entziehung. Der stern wollte einen ausführlichen Text über Walter Ulbricht. Da schlug ich so heftig auf den Busch, dass der Luxemburg-Liebknecht-Mörder Major Pabst fluchend aus der Deckung fuhr. Warum erwähne ich in diesem Nachwort 27 den Zweijährigen, der die Hand der „Mutter“ verliert und seine Verlustangst in der Sprache einer Nachbarin erfährt? Das stand schon in der Folge 98 und ich deklamierte es im MDR-Film Der Unbeugsame. Es ist der Refrain zum Überlebens-Vers. So lernte ich, Verluste weg­zustecken ohne aufzugeben. Ich muss Stadt und Land verlassen? Ein Halb­jahrhundert vergeht und schon bin ich übern poetenladen-Pfad wieder drin. Die bisherige Hundert­schaft meiner Bücher wird nicht wieder aufgelegt? Zweitausend Seiten übers Internet verstreut sind die letzte Botschaft. Meine Vertei­digung Sachsens wird im erschreckten Land streng gemieden. Der heimatlose Linke soll wie seine Genossen heimatlos bleiben. Die nächste junge Generation, die Sachsen auf Jobsuche verlassen muss, wird meine enzyklo­pädische Landes­verteidigung als Kultur­geschichte der Subjekte begreifen, denn die Zukunft gehört den Wander­arbeitern. Ich war und bin einer der ersten von dieser Genossenschaft.

 

Das Netz bewahrt auf und speichert. Ich denke mir eine verrückte Dokumentation aus: Eine Luxus-Ausgabe in Samt in je einem Exemplar für jeden genannten Ort im Lande, neben dem Goldenen Buch auf dem Rathaus zu präsen­tieren. Ich erwarte eine 20bändige preiswerte TB-Reihe für den Buch­handel und wegen der geforderten Schul­bildung kostenlose Teil­aus­gaben für den mutter­ländischen Unterricht. Man kann die inte­grierten Mär­chen­stücke in Theatern aufführen und die Ernst Bloch zu verdankende Geheimlehre geflis­sent­lich zur Welt­ver­bes­serung nutzen. Falls man das noch kann. Die Kultur­oberlehrer sprachen von einer in West und Ost zwei­geteilten Literatur. Ich lieferte die Literatur des 3. Weges, der kein Mittelweg, sondern die Suche nach einem Weg aus dem Gewirr der Holzwege ist.

 

Der Sachse Herbert Wehner riet einst Willy Brand, er sollte regieren statt zu erigieren. Hier muss ich Herbert korri­gieren. Wer nicht mit Kopf und Bauch so erigieren wie regieren kann, sollte zu Bette geh'n um in Ruhe auszuschlafen. Im übrigen kommt die Pleiße immer noch nach Leipzig. Noch ist Groß­sachsen nicht verloren. Als friedliche Traum­landschaft reicht es von der Wartburg bis ins Chinesische Meer. Der Westen kann sich ja gelegentlich anschließen, falls er seinen Pleiten und Kriegen zu entkommen vermag. Brecht: Die guten Leute erkennt man daran / Daß sie besser werden.

 

Letzte Nachricht aus dem Verwunderland: Die Köche und Köhler verlassen die sinkende Merkel-Kombüse.

Ein weiteres Nachwort ist für Montag, den 14.06.2010, geplant.

Fotos zur Lesung mit Gerhard Zwerenz aus der Sächsischen Autobiographie am 19.11.2009 im Haus des Buches, Leipzig   externer Link

Lesungs-Bericht bei Schattenblick  externer Link

Interview mit Ingrid und Gerhard Zwerenz bei Schattenblick  externer Link

Gerhard Zwerenz   07.06.2010    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
Gerhard Zwerenz
Serie
  1. Wie kommt die Pleiße nach Leipzig?
  2. Wird Sachsen bald chinesisch?
  3. Blick zurück und nach vorn
  4. Die große Sachsen-Koalition
  5. Von Milbradt zu Ernst Jünger
  6. Ein Rat von Wolfgang Neuss und aus Amerika
  7. Reise nach dem verlorenen Ich
  8. Mit Rasputin auf das Fest der Sinne
  9. Van der Lubbe und die Folgen
  10. Unser Schulfreund Karl May
  11. Hannah Arendt und die Obersturmbannführer
  12. Die Westflucht ostwärts
  13. Der Sänger, der nicht mehr singt
  14. Ich kenne nur
    Karl May und Hegel
  15. Mein Leben als Prophet
  16. Frühe Liebe mit Trauerflor
  17. Der Schatten Leo Bauers
  18. Von Unselds Gegner zu Holtzbrincks Bodyguard
  19. Karl May Petrus Enzensberger Walter Janka
  20. Aus dem Notizbuch eines Ungläubigen
  21. Tanz in die zweifache Existenz
  22. General Hammersteins Schweigen
  23. Die Pleiße war mein Mississippi
  24. Im Osten verzwergt und verhunzt?
  25. Uwe Johnson geheimdienstlich
  26. Was fürchtete Uwe Johnson
  27. Frühling Zoo Buchmesse
  28. Die goldenen Leipziger Jahre
  29. Das Poeten-Projekt
  30. Der Sachsenschlag und die Folgen
  31. Blick zurück auf Wohlgesinnte
  32. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (I)
  33. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (II)
  34. Brief mit Vorspann an Erich Loest
  35. Briefwechsel mit der Welt der Literatur
  36. Die offene Wunde der Welt der Literatur
  37. Leipzig – wir kommen
  38. Terror im Systemvergleich
  39. Rachegesang und Kafkas Prophetismus
  40. Die Nostalgie der 70er Jahre
  41. Pauliner Kirche und letzte Helden
  42. Das Kickers-Abenteuer
  43. Unser Feind, die Druckwelle
  44. Samisdat in postkulturellen Zeiten
  45. So trat ich meinen Liebesdienst an …
  46. Mein Ausstieg in den Himmel
  47. Schraubenzieher im Feuchtgebiet
  48. Der Fall Filip Müller
  49. Contra und pro Genossen
  50. Wie ich dem Politbüro die Todesstrafe verdarb
  51. Frankfurter Polzei-buchmesse 1968
  52. Die Kunst, weder Kain noch Abel zu sein
  53. Als Atheist in Fulda
  54. Parade der Wiedergänger
  55. Poetik – Ästhetik und des Kaisers Nacktarsch
  56. Zwischen Arthur Koestler und den Beatles
  57. Fragen an einen Totalitarismusforscher
  58. Meine fünf Lektionen
  59. Playmobilmachung von Harald Schmidt
  60. Freundliche Auskunft an Hauptpastor Goetze
  61. Denkfabrik am Pleißenstrand
  62. Rendezvous beim Kriegsjuristen
  63. Marx, Murx, Selbstmord (der Identität)
  64. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (I. Teil)
  65. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (II. Teil)
  66. Der Bunker ...
  67. Helmut auf allen Kanälen
  68. Leipzig anno 1956 und Berlin 2008
  69. Mit Konterrevolutionären und Trotzkisten auf dem Dritten Weg
  70. Die Sächsischen Freiheiten
  71. Zwischen Genossen und Werwölfen
  72. Zur Geschichte meiner Gedichte
  73. Poetenladen: 1 Gedicht aus 16 Gedichten
  74. Der Dritte Weg als Ausweg
  75. Unendliche Wende
  76. Drei Liebesgrüße für Marcel
  77. Wir lagen vor Monte Cassino
  78. Die zweifache Lust
  79. Hacks Haffner Ulbricht Tillich
  80. Mein Leben als Doppelagent
  81. Der Stolz, ein Ostdeutscher zu sein
  82. Vom Langen Marsch zum 3. Weg
  83. Die Differenz zwischen links und rechts
  84. Wo liegt Bad Gablenz?
  85. Quartier zwischen Helmut Schmidt und Walter Ulbricht
  86. Der 3. Weg eines Auslandssachsen
  87. Kriegsverrat, Friedensverrat und Friedenslethargie
  88. Am Anfang war das Gedicht
  89. Vom Buch ins Netz und zur Hölle?
  90. Epilog zum Welt-Ende oder DDR plus
  91. Im Hotel Folterhochschule
  92. Brief an Ernst Bloch im Himmel
  93. Kurze Erinnerung ans Bonner Glashaus
  94. Fritz Behrens und die trotzkistische Alternative
  95. 94/95 Doppelserie
  96. FAUST 3 – Franz Kafka vor Auerbachs Keller
  97. Rainer Werner Fassbinder ...
  98. Zähne zusammen­beißen ...
  99. Das Unvergessene im Blick
    1. Nachwort
Nachworte
  1. Nachwort
    siehe Folge 99
  2. Auf den Spuren des
    Günter Wallraff
  3. Online-Abenteuer mit Buch und Netz
  4. Rückschau und Vorschau aufs linke Leipzig
  5. Die Leipziger Denkschule
  6. Idylle mit Wutanfall
  7. Die digitalisierte Freiheit der Elite
  8. Der Krieg als Badekur?
  9. Wolfgang Neuss über Kurt Tucholsky
  10. Alter Sack antwortet jungem Sack
  11. Vor uns diverse Endkämpfe
  12. Verteidigung eines Gedichts gegen die Gladiatoren
  13. Parademarsch der Lemminge und Blochs Abwicklung
  14. Kampf der Deserteure
  15. Fritz Bauers unerwartete Rückkehr
  16. Der Trotz- und Hoffnungs-Pazifismus
  17. Als Fassbinder in die Oper gehen wollte
  18. Was zum Teufel sind Blochianer?
  19. Affentanz um die 11. Feuerbach-These
  20. Geschichten vom Geist als Stimmvieh
  21. Von Frankfurt übern Taunus ins Erzgebirge
  22. Trotz – Trotzalledem – Trotzki
  23. Der 3. Weg ist kein Mittelweg
  24. Matroschka –
    Die Mama in der Mama
  25. Goethe bei Anna Amalia und Herr Matussek im Krieg
  26. Der Aufgang des Abendlandes aus Auerbachs Keller
  27. Jan Robert Bloch –
    der Sohn, der aus der Kälte kam
  28. Das Buch, der Tod und der Widerspruch
  29. Pastor Gauck oder die Revanche für Stalingrad
  30. Bloch und Nietzsche werden gegauckt ...
  31. Hölle angebohrt. Teufel raus?
  32. Zwischen Heym + Gauck
  33. Von Marx über Bloch zu Prof. Dr. Holz
  34. Kafkas Welttheater in Auerbachs Keller
  35. Die Philosophenschlacht von Leipzig
  36. Dekonstruktion oder Das Ende der Ver­spä­tung ist das Ende
  37. Goethes Stuhl – ein Roman aus Saxanien
  38. Meine Weltbühne im poetenladen
  39. Von Blochs Trotz zu Sartres Ekel
  40. Die Internationale der Postmarxisten
  41. Dies hier war Deutschland
  42. Kopfsprünge von Land zu Land und Stadt zu Stadt
  43. Einiges Land oder wem die Rache gehört
  44. Schach statt Mühle oder Ernst Jünger spielen
  45. Macht ist ein Kriegszustand
  46. Dekonstruktion als Kriminalgeschichte I
  47. Damals, als ich als Boccaccio ging …
  48. Ein Traum von Aufklärung und Masturbation
  49. Auf der Suche nach der verschwundenen Republik
  50. Leipzig am Meer 2013
  51. Scheintote, Untote und Überlebende
  52. Die DDR musste nicht untergehen (1)
  53. Die DDR musste nicht untergehen (2)
  54. Ein Orden fürs Morden
  55. Welche Revolution darfs denn sein?
  56. Deutschland zwischen Apartheid und Nostalgie
  57. Nietzsche dekonstruierte Gott, Bloch den Genossen Stalin
  58. Ernst Jünger, der Feind und das Gelächter
  59. Von Renegaten, Trotzkisten und anderen Klassikern
  60. Die heimatlose Linke (I)
    Bloch-Oper für zwei u. mehr Stimmen
  61. Die heimatlose Linke (II)
    Ein Zwischenruf
  62. Die heimatlose Linke (III)
    Wer ist Opfer, wer Täter ...
  63. Die heimatlose Linke (IV)
    In der permanenten Revolte
  64. Wir gründen den Club der
    heimatlosen Linken
  65. Pekings große gegen Berlins kleine Mauer
  66. Links im Land der SS-Ober­sturm­bann­führer
  67. Zweifel an Horns Ende – SOKO Leipzig übernimmt?
  68. Leipzig. Kopfbahnhof
  69. Ordentlicher Dialog im Chaos
  70. Büchner und Nietzsche und wir
  71. Mit Brecht in Karthago ...
  72. Endspiel mit Luther & Biermann & Margot
  73. Die Suche nach dem anderen Marx
  74. Wer ermordete Luxemburg und Liebknecht und wer Trotzki?
  75. Vom Krieg unserer (eurer) Väter
  76. Wohin mit den späten Wellen der Nazi-Wahrheit?
  77. Der Feind ist in den Sachsengau eingedrungen
  78. Die Heldensöhne der Urkatastrophe
  79. Die Autobiographie zwischen
    Schein und Sein
  80. Auf der Suche nach der verlorenen Sprache
  81. Atlantis sendet online
  82. Zur Philosophie des Krieges
  83. Deutsche, wollt ihr ewig sterben?
  84. Der Prominentenstadl in der Krise
  85. Der Blick von unten nach oben
  86. Auf der Suche nach einer moralischen Existenz
  87. Vom Krieg gegen die Pazifisten
  88. Keine Lust aufs Rentnerdasein
  89. Von der Beschneidung bis zur
    begeh­baren Prostata
  90. Friede den Landesverrätern
    Augstein und Harich
  91. Klarstellung 1 – Der Konflikt um
    Marx und Bloch
  92. Bloch & die 56er-Opposition zwischen Philo­sophie und Verbrechen
  93. Der Kampf ums Buch
  94. Und trotzdem: Ex oriente lux
  95. Der Soldat: Held – Mörder – Heiliger – Deserteur?
  96. Der liebe Tod – Was können wir wissen?
  97. Lacht euren Herren ins Gesicht ...
  98. Die Blochianer kommen in Tanzschritten
  99. Von den Geheimlehren der Blochianer
Aufsatz