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Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | Folge 81

Dies ist eine sächsische Autobiographie als Fragment in 99 Fragmenten. Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philosophen nennen das coincidentia oppositorum, d.h. Einheit der Widersprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

81

Der Stolz, ein Ostdeutscher zu sein

1954 in Leipzig uraufgeführt
Johannes R. Becher
Winterschlacht
Aufbau-Verlag Berlin 1953

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Dieser Tage brachten ein paar mediale Eier­köpfe wiedermal den hausbackenen Streit in die Schlag­werk­zeilen, ob die DDR ein oder kein Rechts­staat gewesen sei. Ein letztes Mal zum Mit­buch­stabieren auch für Lese-Anfänger: Die DDR war kein Rechts­staat, sondern ein angefangener, abgetriebener Linksstaat. Die Bonner Republik war ein rechter Staat in der Nachfolge des Dritten Reiches. Der Führer ging, zu viele seiner Generäle und Beamten blieben. Die DDR begann als Diktatur der siegenden Sowjet­armee und entwickelte sich zur Diktatur über das Prole­tariat, wie Trotzki die angestrebte, aber miss­ratene Diktatur des Proletariats beizeiten nannte, bevor das Prole­tariat als Prekariat verstummte.
Vordem hatten deutsche Arbeiter in Wehr­macht- und Waffen-SS-Uniform die als Rot­armisten verkleideten russischen Arbeiter zu vernichten gesucht. In Wahlkämpfen und je länger die DDR vergangen ist desto lauter geben sich immer mehr tapfre Widerstandskämpfer zu erkennen. Hinzu kommen West-Knaben, die als beamtete Schriftsteller getarnt, ihre Leser mit Büchern malträtieren, indem sie mit diesen auf gefesselte Köpfe einschlagen, was als chinesische Folter bekannt ist. Inzwischen begreifen wir, Kommunisten sind Nazis, Hitler irrte, als er Thälmann erst jahrelang einsperrte und dann erschießen ließ, bevor der Gröfaz selbst zu einem Opfer des Kommunismus wurde.
In Bonn besorgten die Regierenden unter der Losung „Deutschland drei­geteilt – niemals“ die Zweiteilung, bis Moskau das Politbüro an Helmut Kohl verkaufte und eine Einheit ausbrach, die mit viel gutem Willen und großen Hoffnungen gepflastert war. Es wurden Arbeitslosigkeit, Insolvenzen und Kriege daraus, und wer beizeiten warnte, geriet unter bösen Linksverdacht. Bundestagspräsident Thierse sah den Osten auf der Kippe, wurde dafür gerüffelt und übt danach ein aufrechtes Schweigen, das er schon als DDR-Bürge­rrechtler in Kultur­amts­stuben praktiziert hatte. Im übrigen folgte die Einheitspleite der SED-Insolvenz. Der Bankrott blüht und blüht, ganze Dörfer laufen leer, Schulen, Kranken­häuser, Schwimm­bäder und Bibliotheken schließen. Wer jung ist, will weg, älter geworden flüchtet er in den Westen, bevor der auch im Ruin endet, den die hilflose Tante SPD durch Wähler­ver­graulen schon fleißig vorbereitet, während die CDU auf ihre Chance wartet, ihre Wähler durch Sozialabbau gleichfalls scharenweise zu vertreiben. Noch aber ist Ostdeutschland ein wenig bevölkert. Ostpreußen, Pommern, Schlesien und Sudentenland fielen den Folgen Hitlerscher Politik zum Opfer. Wir wissen, was Heimatverlust bedeutet. Deshalb wollen wir unseren verbliebenen mittel­deutschen Osten erhalten. Vielleicht aus angeborener Anhänglichkeit oder bloßer Vernunft.
Wir Ex-DDR-Bürger am früheren Wohnort oder in der Diaspora wissen, wie schmerzlich Niederlagen wirken. Wir wissen auch, die Sieger überfressen sich an ihren Siegen. Die Hitler und Stalin kommen und gehen. Auch die Adenauer, Ulbrichts und Kohls. Schröder hörte auch bald auf mit dem Kommen und ging zu Putin. US-Soldaten und Rot­armisten reichten sich einst auf der Brücke bei Torgau die Hände. Dann hauten sie ab nach Vietnam, Afghanistan und in den Irak zum Kriegführen. Wir Ostdeutschen überleben alle Besatzer. Selbst die vielen Milliarden, die das Kapital bei uns investierte, um sie doppelt wieder einzukassieren, reichten nicht aus, uns aufzukaufen. Als es Moskau versuchte, waren wir noch naiv und gutwillig. Wir allein blechten für ganz Deutschland mit unendlichen Kriegsreparationen. Als Kohl uns übernahm, begriff er nicht, dass er keine Kolonie erworben hatte. Wir Ostdeutschen wurden x-mal beschwindelt, verlästert, enteignet und betrogen. Jetzt bedroht man uns mit der Demographie. Die einen wandern aus, die andern werden gar nicht erst geboren. Die kapitalen Ostlanderoberer sollten sich nicht zu früh freuen. Irgendwann werden wir den Gebärstreik aufgeben. Dem Sieg in den Betten wird der Sieg an den Wahlurnen nachfolgen. Und wohin sollen die letzten Westler dann entsorgt werden, wenn die Ost­deutschen den Trauer­mantel eingeschüchterter Verlierer abstreifen und ihren produktiven Stolz hervorholen? Eines Tages werden selbst die stolzen Reichen, die im Kapita­lismus wie in einem individuellen Kommunismus leben, einsehen, dass es nur noch um die Entscheidung zwischen den Weltkriegen des Kapitals und einem so menschlichen wie demokratischen Sozialis­mus gehen kann. „Ich bin stolz, Deutscher zu sein“ ist ein saudummer rechter Spruch. „Ich bin stolz, ein Ost­deutscher zu sein“ dagegen eine nützliche und notwendige Aussage. Ohne aufrechte Ost­deutsche und ihre Erfah­rungen ist der Adler, das alte Wappentier, ein kranker Vogel mit gebro­chenem linken Flügel. Erst sollten wir Jahrzehnte hindurch von der Sowjetunion siegen lernen. Bis die Moskauer Genossen unsere DDR an die Westdeutschen verschacherten. Die predigen uns nun, der Export von Arbeitsplätzen erzwinge den Ausverkauf des bisherigen Sozialstaats, mit dem man uns köderte. Leidgeprüft, doch nicht gewissen- und humorlos begreifen wir: Wer 150 Jahre deutscher Arbeiter­bewegung mit dem Bankrott des Sozial­staates beenden will, kann nicht auf unsere Stimmen rechnen.
Inzwischen ist schon wieder eine neue Geschichtsepoche angebrochen. Enttäuschte SPD-Genos­sen und Gewerkschafts­kollegen probten den Ab­sprung von Godesberg und experi­mentieren in munteren Meetings mit einer neuen Partei­gründung. Was kann daraus werden? Politikwissenschaftler, die schon immer mit ihren Weisheiten auf dem falschen Fuß erwischt wurden von Klio, der Geschichts­verfälscherin, reichen einander die Mikrophone. Vor den Kameras sitzen die Talkgötter und lesen die Zukunft aus den Einge­weiden der Prominenzen und Exzel­lenzen. Ein Neptun, der sich Köhler nennt, ist an Bord des Flaggschiffs aufgetaucht und spielt den Kapitän. Zungenflink gibt er den künftigen Kurs an und erntet Applaus wie Gottschalk in „Wetten, dass ...“
Ein Ruck geht durch die Mannschaft der Leichtmatrosen, und schon hockt man havariert auf den Klippen der Arbeitslosigkeit. Gemächlich versinkt die SPD, der träge Tanker, in den Hochwasserfluten sozialer Unzufriedenheit. In der Hand der schwarzen superchristlichen Merkel flattert stürmisch die Freibeuterflagge. Wäre ich Köhler, sagte ich: Die Vereinigung ist misslungen, weil wir die organisierten Dummheiten und Feindschaften beider deutscher Staaten miteinander vermischten. Das Ende der DDR erwies die Unfähigkeit des sowjetischen Sozialismus. Der rheinische Kapita­lismus, ebensowenig überlebensfähig, endet im Berliner Sozialabbau. In seinen Deutsch-deutschen Erinnerungen schrieb Alexander Schalck-Golodkowski 2002, die DDR war „nicht in der Lage, Lösungen für die massiven Probleme zu entwickeln“, was zweifellos richtig ist, doch sah er in der „Marktwirtschaft das effizientere System. Sie schafft … mehr gesellschaftlichen Wohlstand … Die Idee der sozialen Marktwirtschaft … finde ich heute überzeugend.“ Schrieb's auf und trat weg, was ihn davor bewahrte, seinem sozialistischen Widerruf einen kapitalistischen anzuhängen. Schalck: „Seit meinem Grenzübertritt im Dezember 1989 hat sich nicht nur mein Leben, sondern auch mein Denken verändert.“ Ostdeutsche, die nicht wie er von F.J.S. und dem BND aufgefangen wurden, haben ihr Leben und Denken auch verändern müssen. Wäre ich Köhler, sagte ich: Lasst uns nochmal von vorn anfangen und statt der Borniertheiten von Ost und West beider Weisheiten und Vorzüge vereinigen. Ich bin nicht der Bundespräsident, sag's aber trotzdem. Lieber zwei halbe Deutsche als ein ganzer nationaler Schwachkopf, der mit Volldampf in die Krise donnert, weil's eine wahnsinnig gewordene Finanz- und Politelite so will. Vor 1945 folgten sie der voranflatternden Fahne. Die Westdeutschen riskierten nie eine Revolution. Wir Ostdeutschen sind da um ein paar revolutionäre Nieder­lagen klüger. 1932 schrieb Leo Trotzki: „Die gegenwärtige Todeskrise des Kapitalismus zwingt die Sozial­demokratie, auf die Früchte des langen wirtschaftlichen und politischen Kampfes zu verzichten und die deutschen Arbeiter auf das Lebensniveau ihrer Väter, Großväter und Urgroßväter hinabzuführen.“ Wer hätte gedacht, dass sich der Niedergang exemplarisch dort abspielt, wo einmal die Wiege der Sozial­demokratie stand, die von Schröder und Genossen zum Sarkophag umgebaut wurde.
In der Frankfurter Allge­meinen Sonntags­zeitung vom 18. Juli 2004 war der Wirtschaftsteil wahrheitsgemäß übertitelt mit der Aussage: „Das Ende des Klassen­kampfes“. Deshalb feiern wir ja den 3. Oktober als Tag der Einheit. In den Medien waschen uns seitdem westliche Fachleute die Gehirne, während 20 bis 30 theologische Widerstandskämpfer in der Gauck-Birthler-Behörde darüber wachen, dass keine vormaligen IM-Klassenkämpfer die Ordnung spekulierender Milliardäre stören. Wenn Marx tot ist, haben seine Nachkommen mindestens scheintot zu sein. Zwar predigte die vormalige Goebbels-Lobrednerin Dr. Elisabeth Noelle in der FAZ vom 21. Juli 2004, man müsse „mehr miteinander sprechen“, damit Deutschland zusammen­wachse, statt im Zustand getrennter Staaten zu verharren, doch die Westdeutschen reden lieber separat mit ihresgleichen sowie den drei Dutzend theolo­gischen Widerstands­kämpfern aus der DDR, die als tapfere Bürgerrechtler die Revolution bis zum Sieg der Konterrevolution führten. Das aufständische Volk freilich soll auch etwas davon haben, so stehen für die Arbeitslosen genügend unrenovierte Plattenbauten zum Quadratmeter­preis von zwei Euro leer und bereit. Bis zu 25 Quadratmeter pro Person wird auch noch die Miete übernommen. Da wohnen die Helden von 1989 dann mit sich und der Welt zufrieden in übersichtlicher sozialer Ordnung und nehmen am freiheitlichen Fernsehen aktiv teil: Entweder ist Fußball, Tennis, Schwimmen bzw. Autorennen oder man erlebt die Tragödien von Tannenberg bis Stalingrad. Hitler, Hindenburg, Stalin, Adenauer treten auf, Olympia wird zelebriert und Boxen am Samstagabend nach dem Wort zum Sonntag. Um 21 Uhr 45 versammelt sich sonntags die intellektuelle Crème de la Crème bei Anne Will, früher bei Sabine Christiansen. Dafür hat es sich schon gelohnt, Revolution zu machen.
Im Jahr vor dem Fall der Mauer reiste ich mit meinem Buch Soldaten sind Mörder – Die Deutschen und der Krieg von Stadt zu Stadt, und für die zahlreichen Streit­gespräche in Funk und Fernsehen stellte die Koblenzer Innere Führung mehrere Oberst­leutnante ab, die tatsächlich etwas zu sagen hatten und den Eindruck einer gewissen strategischen Intel­lektualität vermittelten. Es gab eben Fortschritte. Marschierte die Wehrmacht noch bis vor Moskau, um sich blutige Köpfe zu holen, besiegten ihre nachfolgenden Bundeswehrgeneräle die hochgerüstete Sowjetunion vom Kartentisch aus ohne jeden Schuss. Tatsache, Stalingrad gibt's nicht mehr, Leningrad wurde wieder Petersburg und Moskau braucht selbst zum Auftauchen seiner U-Boote westlichen Beistand. Mein Respekt vor der BW-Generalität litt erst ein wenig, als ich die Burschen etwas näher kennenlernen musste. Kaum war so ein Naumann an die Spitze der Truppe gerückt, gefiel er sich in Wehrmachts­romantik und faselte von Tapferkeit, Heldentum und tragischer Verstrickung. Die meisten Generäle landeten, kaum außer Dienst gestellt, am rechten Rand, wo sie wie alte Schlachtrösser wiehern. Es gab Ausnahmen wie Jörg Schönbohm, der im Bonner Verteidigungs­ausschuss als Staats­sekretär eifrig herumwuselte, aber von seinem Minister Rühe possierlich an kurzer Leine gehalten wurde. Schönbohms späterer weltweiter Ruhm rührte vom Sieg über die Nationale Volksarmee her, deren Generäle auf Gorbi-Anweisung die Pistole wie einen Löffel abgaben. General Schönbohm erhob sich heldenhaft auf die gestiefelten Zehenspitzen und beklagte, dass an der einstigen DDR-Grenze „Menschen wie Hasen abgeschossen“ worden seien. Welch ein Fortschritt, dachte ich, wenn ein Nachfolge-General einige hundert Tote bedauert, nachdem seine Vorgänger-Generäle -zig Millionen Menschen ohne Bedauern abschießen ließen. Inzwischen zum Brandenburger Innenminister aufgestiegen, entwickelte sich unser Patriot weiter zum analysierenden Soziologen in Sachen verproletarisierter östlicher Landbevölkerung. Hatte „Töpfchen“-Pfeiffer schon vor Jahren konstatiert, dass die gemeinsame Darm­entleerung von DDR-Kleinkindern üble kollektivistische Folgen mit sich brachte, zog Schönbohm die Linie von den Nacht- zu den Blumentöpfen, in die eine von christlichen Eltern abstammende, jedoch DDR-sozialisierte Frau neun Neugeborene einpflanzte und auf den Balkon stellte, um, wie sie anmerkte, ihren Kindern „nahe zu sein“. Zugegeben, seit unser General als branden­burgischer Innenminister auch für das Innere von Pflanzgefäßen und Ost-Seelen zuständig ist und sich so fundiert dazu äußerte, betrachte ich die vielen Blumentöpfe auf den Balkonen und in den Gärten Brandenburgs etwas misstrauisch, denn so ein Innenminister, als Herr über die Geheimdienste, weiß natürlich mehr als er sagt, wenn er schon etwas sagt. Der beklagenswerte demographische Schrumpfungs­prozess der Ostdeutschen und die steigenden Verkaufszahlen von Pflanzgefäßen machen es deutlich. Die Mutter der neun getöteten Säuglinge lehnte als gelernte Christin jede Form der Verhütung ab. Ihre Untaten beging sie allerdings überwiegend nach dem Mauerfall und der sich anschließenden Befreiung von den Arbeitsplätzen.
Waren das noch Zeiten, als wir 1988/89 über Tucholskys Satz „Soldaten sind Mörder“ diskutierten. Nach zwei Jahr­zehnten christlicher und sozial­demokra­tischer Freiheits­kultur stehen unsere Soldaten als Friedens­bote­n vom Balkan bis zum Hindukusch. Mag sein, irgendwann werden junge Leute erstaunt von uns wissen wollen, weshalb wir das zuließen und nicht nachfragten. Nachgefragt haben wir schon, nur Antworten gab's keine, und das ist eben so in der Demokratie. Nachdem der bayerische Edmund vor seinem Abgang den branden­burgischen Jörg sogar noch überstoiberte und den Bürgern der Ex-DDR mangelnde Ent­scheidungs­kompetenz und Intel­ligenz bescheinigt, was sie, von rechts besehen, wahlunfähig mache, bekenne ich mich ausdrücklich und stolz als Ostdeutscher, obwohl ich das Land dort vor Jahr­zehnten verließ. Man lernt eben immer noch hinzu, wenn es gilt, das Grundgesetz gegen seine Verderber und Verächter zu verteidigen. Da müssen plurale Sozialisten ran.
Mielke
„Ich wollte mich weder von General Mielke ...
Gehlen
noch von General Gehlen verfolgen lassen ...“
In Wahlkämpfen eskalieren die gegenseitigen Vorwürfe. Sieger gegen Besiegte. Ein neuer Volkssport. Haust du meinen Genossen, hau ich deinen Bürgerlichen. Und Erich Mielke in der Volks­kammer mit dem Rücken zur Wand: Ich liebe euch doch alle. Seinen Satz übernehme ich gern. Erst kommt die Liebe, dann das Fressen und Gefressen­werden. Ich wollte mich weder von General Mielke noch von General Gehlen verfolgen, will mich weder von Präsident Köhler noch von Kanzlerin Merkel über den Osten belehren lassen. Im Roman Die Liebe der toten Männer fertigte ich 1959 wutanfällig den Dichter und Minister Johannes R. Becher als seelisch zerrüt­tete Vogel­scheuche ab. Das war nicht gerecht. Kommunist in Moskau bedeutete auf des Messers Schneide leben wie in Berlin. Als seine Dramatische Dichtung Winter­schlacht 1954 in Leipzig uraufgeführt wurde, besprach ich die Premiere in der Weltbühne und erhielt einen nach­denk­lichen Dankesbrief vom Autor, der mir bestätigte, im Stück seien die Weltkrieg-II-Soldaten zu stark als naive Weltkrieg-I-Soldaten gezeichnet. Dennoch fehlt es im Text nicht an War­nungen: „Merkt euch: Für Feinde führt kein Weg nach Moskau! Den Freunden aber öffnen wir das Herz…“ Die Doppeldeutigkeit der Aussage, den Freunden das Herz zu öffnen, kann Becher nicht entgangen sein. Ich entschuldige mich beim toten Dichter. Die heutigen BW-Nachfahren der Wehr­machts­soldaten sollten sich dazu einen lakonischen Spruch Brechts, den die Herren der westlichen Postmoderne offenbar missachten möchten, einprägen:
„Das große Karthago führte drei Kriege.
Es war noch mächtig nach dem ersten.
Noch bewohnbar nach dem zweiten.
Es war nicht mehr auffindbar nach dem dritten.“
Heute schützen Bundeswehr-Flieger den baltischen Luftraum? BW-Soldaten sollen als NATO-Krieger die Ukraine und Georgien verteidigen, wo noch die Knochen ihrer bewaffneten Ahnen bleichen? Letztes Mal ging es gegen jüdische Bolschewisten. Jetzt geht's gegen die Russen wie anno 1914. Das, nur als Beispiel, war zu DDR-Zeiten undenkbar. Wir Ostdeutschen wissen das und sollten es nicht vergessen. Soviel vereinigtes Unrecht verlangt nach Aufkündigung des geplanten Schreckens ohne Ende.
Einlage in Auerbachs Keller: Wir erinnern uns – vor 1989 galten die Sachsen in Berlin als 5. Besatzungsmacht. Das war ein gar nicht so unfeiner Spott. Die vier offiziellen Besatzungsmächte hatten als Sieger den Frieden erzwungen. Die zweimal besiegten Ostdeutschen können sich als 5. Besatzungsmacht bewähren, fordern sie die grundgesetzlich verbürgte Friedenspflicht ein. Seit der SPD-Reichspräsident Ebert 1923 mit dem Sachsenschlag den Einmarsch der Reichswehr nach Sachsen samt Regierungssturz verfügte, wird dem Freistaat die eigene Identität verwehrt. In der Folge drangen die Nazis von Bayern aus über Zwickau an Mulde, Pleiße und Elbe vor und Sachsens Antifa zerfiel in Walter Ulbricht und Herbert Wehner. Wer fügt zusammen, was gefügt gehört? Das ist nur ein Wortspiel. Ein Sprach-Gag wie die friedliche Revolution. Goethe leicht angesoffen in Auerbachs Keller: „Uns ist ganz kannibalisch wohl, als wie fünfhundert Säuen … Das Volk ist frei: seht an wie wohls ihm geht … Ich hätte Lust, um abzufahren … Gib nur erst acht, die Bestialität wird sich gar herrlich offenbaren …“
In Bechers Winterschlacht findet sich dazu der passende Epilog: Der Offizier rief: Grab den Juden ein! Der Russe aber sagte trotzig: Nein! Da stellten sie den ins Grab hinein. Der Jude aber blickte trotzig: Nein. Der Offizier rief: Grabt die beiden ein! Da trat ein Deutscher vor und sagte: Nein! Der Offizier rief: Stellt ihn zu den zwein! Grabt ihn mit ein! Der will ein Deutscher sein! Und Deutsche gruben auch den Deutschen ein…
Ich stelle mir vor, Bechers Winterschlacht um Moskau 1941 hätte einen für Deutschland siegreichen Verlauf darstellen müssen und wir erblickten unsere tüchtigen patentdemokratischen Wahlkämpfer heute in sauberen HJ-, SA-, SS-Uniformen. Da denkt es in unsereinem: Welch ein Glück, dass der Krieg verloren ging.
Ich höre schon, wie mir entgegnet wird, das seien doch alles alte Geschichten. Gerade sorgt die neueste Spiegel-Titelstory über „Hitlers europäische Helfer beim Judenmord“ für landesweite Empörung in Polen, denn „Die Deutschen waschen sich rein.“ Alles Vergangenheit? Die DDR erkannte die Oder-Neiße-Grenze 1950 im Görlitzer Vertrag an. Die BRD lehnte das ab und folgte erst gezwungenermaßen vier Jahrzehnte später, weil die Westmächte es verlangten. Alte Geschichten oder Vorleistungen der DDR?
PS: Gerade war diese Folge hier fertig geworden für den E-mail-Versand zum poetenladen in Leipzig, da melden die Medien, Frau Merkel habe auf Vorschlag ihrer Berater(-innen) ausgeplaudert, die Stasi versuchte sie einst anzuwerben. Was heißt hier versucht. Angela wurde angeworben und ist erfolgreicher als es Günter Guillaume je gewesen ist. Ein Grund mehr, auf ostdeutsche Herkunft und akademische Ausbildung stolz zu sein.

Das nächste Kapitel erscheint am Montag, den 01.06.2009.

Gerhard Zwerenz   25.05.2009    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
Gerhard Zwerenz
Serie
  1. Wie kommt die Pleiße nach Leipzig?
  2. Wird Sachsen bald chinesisch?
  3. Blick zurück und nach vorn
  4. Die große Sachsen-Koalition
  5. Von Milbradt zu Ernst Jünger
  6. Ein Rat von Wolfgang Neuss und aus Amerika
  7. Reise nach dem verlorenen Ich
  8. Mit Rasputin auf das Fest der Sinne
  9. Van der Lubbe und die Folgen
  10. Unser Schulfreund Karl May
  11. Hannah Arendt und die Obersturmbannführer
  12. Die Westflucht ostwärts
  13. Der Sänger, der nicht mehr singt
  14. Ich kenne nur
    Karl May und Hegel
  15. Mein Leben als Prophet
  16. Frühe Liebe mit Trauerflor
  17. Der Schatten Leo Bauers
  18. Von Unselds Gegner zu Holtzbrincks Bodyguard
  19. Karl May Petrus Enzensberger Walter Janka
  20. Aus dem Notizbuch eines Ungläubigen
  21. Tanz in die zweifache Existenz
  22. General Hammersteins Schweigen
  23. Die Pleiße war mein Mississippi
  24. Im Osten verzwergt und verhunzt?
  25. Uwe Johnson geheimdienstlich
  26. Was fürchtete Uwe Johnson
  27. Frühling Zoo Buchmesse
  28. Die goldenen Leipziger Jahre
  29. Das Poeten-Projekt
  30. Der Sachsenschlag und die Folgen
  31. Blick zurück auf Wohlgesinnte
  32. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (I)
  33. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (II)
  34. Brief mit Vorspann an Erich Loest
  35. Briefwechsel mit der Welt der Literatur
  36. Die offene Wunde der Welt der Literatur
  37. Leipzig – wir kommen
  38. Terror im Systemvergleich
  39. Rachegesang und Kafkas Prophetismus
  40. Die Nostalgie der 70er Jahre
  41. Pauliner Kirche und letzte Helden
  42. Das Kickers-Abenteuer
  43. Unser Feind, die Druckwelle
  44. Samisdat in postkulturellen Zeiten
  45. So trat ich meinen Liebesdienst an …
  46. Mein Ausstieg in den Himmel
  47. Schraubenzieher im Feuchtgebiet
  48. Der Fall Filip Müller
  49. Contra und pro Genossen
  50. Wie ich dem Politbüro die Todesstrafe verdarb
  51. Frankfurter Polzei-buchmesse 1968
  52. Die Kunst, weder Kain noch Abel zu sein
  53. Als Atheist in Fulda
  54. Parade der Wiedergänger
  55. Poetik – Ästhetik und des Kaisers Nacktarsch
  56. Zwischen Arthur Koestler und den Beatles
  57. Fragen an einen Totalitarismusforscher
  58. Meine fünf Lektionen
  59. Playmobilmachung von Harald Schmidt
  60. Freundliche Auskunft an Hauptpastor Goetze
  61. Denkfabrik am Pleißenstrand
  62. Rendezvous beim Kriegsjuristen
  63. Marx, Murx, Selbstmord (der Identität)
  64. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (I. Teil)
  65. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (II. Teil)
  66. Der Bunker ...
  67. Helmut auf allen Kanälen
  68. Leipzig anno 1956 und Berlin 2008
  69. Mit Konterrevolutionären und Trotzkisten auf dem Dritten Weg
  70. Die Sächsischen Freiheiten
  71. Zwischen Genossen und Werwölfen
  72. Zur Geschichte meiner Gedichte
  73. Poetenladen: 1 Gedicht aus 16 Gedichten
  74. Der Dritte Weg als Ausweg
  75. Unendliche Wende
  76. Drei Liebesgrüße für Marcel
  77. Wir lagen vor Monte Cassino
  78. Die zweifache Lust
  79. Hacks Haffner Ulbricht Tillich
  80. Mein Leben als Doppelagent
  81. Der Stolz, ein Ostdeutscher zu sein
  82. Vom Langen Marsch zum 3. Weg
  83. Die Differenz zwischen links und rechts
  84. Wo liegt Bad Gablenz?
  85. Quartier zwischen Helmut Schmidt und Walter Ulbricht
  86. Der 3. Weg eines Auslandssachsen
  87. Kriegsverrat, Friedensverrat und Friedenslethargie
  88. Am Anfang war das Gedicht
  89. Vom Buch ins Netz und zur Hölle?
  90. Epilog zum Welt-Ende oder DDR plus
  91. Im Hotel Folterhochschule
  92. Brief an Ernst Bloch im Himmel
  93. Kurze Erinnerung ans Bonner Glashaus
  94. Fritz Behrens und die trotzkistische Alternative
  95. 94/95 Doppelserie
  96. FAUST 3 – Franz Kafka vor Auerbachs Keller
  97. Rainer Werner Fassbinder ...
  98. Zähne zusammen­beißen ...
  99. Das Unvergessene im Blick
    1. Nachwort
Nachworte
  1. Nachwort
    siehe Folge 99
  2. Auf den Spuren des
    Günter Wallraff
  3. Online-Abenteuer mit Buch und Netz
  4. Rückschau und Vorschau aufs linke Leipzig
  5. Die Leipziger Denkschule
  6. Idylle mit Wutanfall
  7. Die digitalisierte Freiheit der Elite
  8. Der Krieg als Badekur?
  9. Wolfgang Neuss über Kurt Tucholsky
  10. Alter Sack antwortet jungem Sack
  11. Vor uns diverse Endkämpfe
  12. Verteidigung eines Gedichts gegen die Gladiatoren
  13. Parademarsch der Lemminge und Blochs Abwicklung
  14. Kampf der Deserteure
  15. Fritz Bauers unerwartete Rückkehr
  16. Der Trotz- und Hoffnungs-Pazifismus
  17. Als Fassbinder in die Oper gehen wollte
  18. Was zum Teufel sind Blochianer?
  19. Affentanz um die 11. Feuerbach-These
  20. Geschichten vom Geist als Stimmvieh
  21. Von Frankfurt übern Taunus ins Erzgebirge
  22. Trotz – Trotzalledem – Trotzki
  23. Der 3. Weg ist kein Mittelweg
  24. Matroschka –
    Die Mama in der Mama
  25. Goethe bei Anna Amalia und Herr Matussek im Krieg
  26. Der Aufgang des Abendlandes aus Auerbachs Keller
  27. Jan Robert Bloch –
    der Sohn, der aus der Kälte kam
  28. Das Buch, der Tod und der Widerspruch
  29. Pastor Gauck oder die Revanche für Stalingrad
  30. Bloch und Nietzsche werden gegauckt ...
  31. Hölle angebohrt. Teufel raus?
  32. Zwischen Heym + Gauck
  33. Von Marx über Bloch zu Prof. Dr. Holz
  34. Kafkas Welttheater in Auerbachs Keller
  35. Die Philosophenschlacht von Leipzig
  36. Dekonstruktion oder Das Ende der Ver­spä­tung ist das Ende
  37. Goethes Stuhl – ein Roman aus Saxanien
  38. Meine Weltbühne im poetenladen
  39. Von Blochs Trotz zu Sartres Ekel
  40. Die Internationale der Postmarxisten
  41. Dies hier war Deutschland
  42. Kopfsprünge von Land zu Land und Stadt zu Stadt
  43. Einiges Land oder wem die Rache gehört
  44. Schach statt Mühle oder Ernst Jünger spielen
  45. Macht ist ein Kriegszustand
  46. Dekonstruktion als Kriminalgeschichte I
  47. Damals, als ich als Boccaccio ging …
  48. Ein Traum von Aufklärung und Masturbation
  49. Auf der Suche nach der verschwundenen Republik
  50. Leipzig am Meer 2013
  51. Scheintote, Untote und Überlebende
  52. Die DDR musste nicht untergehen (1)
  53. Die DDR musste nicht untergehen (2)
  54. Ein Orden fürs Morden
  55. Welche Revolution darfs denn sein?
  56. Deutschland zwischen Apartheid und Nostalgie
  57. Nietzsche dekonstruierte Gott, Bloch den Genossen Stalin
  58. Ernst Jünger, der Feind und das Gelächter
  59. Von Renegaten, Trotzkisten und anderen Klassikern
  60. Die heimatlose Linke (I)
    Bloch-Oper für zwei u. mehr Stimmen
  61. Die heimatlose Linke (II)
    Ein Zwischenruf
  62. Die heimatlose Linke (III)
    Wer ist Opfer, wer Täter ...
  63. Die heimatlose Linke (IV)
    In der permanenten Revolte
  64. Wir gründen den Club der
    heimatlosen Linken
  65. Pekings große gegen Berlins kleine Mauer
  66. Links im Land der SS-Ober­sturm­bann­führer
  67. Zweifel an Horns Ende – SOKO Leipzig übernimmt?
  68. Leipzig. Kopfbahnhof
  69. Ordentlicher Dialog im Chaos
  70. Büchner und Nietzsche und wir
  71. Mit Brecht in Karthago ...
  72. Endspiel mit Luther & Biermann & Margot
  73. Die Suche nach dem anderen Marx
  74. Wer ermordete Luxemburg und Liebknecht und wer Trotzki?
  75. Vom Krieg unserer (eurer) Väter
  76. Wohin mit den späten Wellen der Nazi-Wahrheit?
  77. Der Feind ist in den Sachsengau eingedrungen
  78. Die Heldensöhne der Urkatastrophe
  79. Die Autobiographie zwischen
    Schein und Sein
  80. Auf der Suche nach der verlorenen Sprache
  81. Atlantis sendet online
  82. Zur Philosophie des Krieges
  83. Deutsche, wollt ihr ewig sterben?
  84. Der Prominentenstadl in der Krise
  85. Der Blick von unten nach oben
  86. Auf der Suche nach einer moralischen Existenz
  87. Vom Krieg gegen die Pazifisten
  88. Keine Lust aufs Rentnerdasein
  89. Von der Beschneidung bis zur
    begeh­baren Prostata
  90. Friede den Landesverrätern
    Augstein und Harich
  91. Klarstellung 1 – Der Konflikt um
    Marx und Bloch
  92. Bloch & die 56er-Opposition zwischen Philo­sophie und Verbrechen
  93. Der Kampf ums Buch
  94. Und trotzdem: Ex oriente lux
  95. Der Soldat: Held – Mörder – Heiliger – Deserteur?
  96. Der liebe Tod – Was können wir wissen?
  97. Lacht euren Herren ins Gesicht ...
  98. Die Blochianer kommen in Tanzschritten
  99. Von den Geheimlehren der Blochianer
Aufsatz