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Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | 92. Nachwort

Dies ist eine sächsische Autobiographie als Fragment in 99 Fragmenten. Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philosophen nennen das coinci­dentia opposi­torum, d.h. Einheit der Widersprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

  92. Nachwort

Bloch & die 56er-Opposition zwischen Philosophie und Verbrechen



   

In Collage-Technik von W. S. Burroughs und Heinrich Heine bis Angela Merkel




Der Begriff Bloch-Kreis wurde zur Verteidigung gewählt, weil die Bezeich­nung Bloch-Gruppe unter ein Frak­tions-Ver­bot fiel, das Partei und Staat streng ein­ge­halten sehen wollten. Bleiben wir also beim Kreis. Der aber wurde im Osten ver­folgt und zer­schlagen und im Westen ver­hindert. So bilden wir einen vir­tuellen Bloch-Kreis nach dem Motto: Was wäre, wenn die Blochianer so konti­nuier­lich hätten sich ent­wickeln und agieren können wie die Schüler und Anhänger Adornos? Wir sammeln stell­ver­tre­tend Fakten, was das Wir­ken einer mög­lichen Gruppe oder Frak­tion ahnen lässt, auch wenn es sie nicht geben durfte. Hier auf­geführ­te Dokumente und Frag­mente belegen prak­tische Versuche der 56er, die zwar besiegt wurden, sich aber nicht geschla­gen geben. Eine plurale Re­volte ist zu veri­fi­zieren, die dem Ver­gessen über­lassen werden soll von denen, die sich je­weils als Sieger der Ge­schich­te wähnen. William S. Burroughs, Idol der ameri­kani­schen Beat­niks und Hippies, erfand mit den Cut-Ups eine besondere Collage-Tech­nik, indem er die Erzähl­zeit durch Schocks der Anar­chie ersetzte. Wie mo­derne Hirn­for­scher ver­raten, stellt erst unser Gehirn die Zeit­folge her, also vermag unser Wille sie auch pro­duktiv zu zerstören, was den Zufall zum Regis­seur unseres Er-Lebens werden lässt. Die vor­lie­genden Do­kumente wurden im Cut-Ups-Ver­fahren geheftet, denn der Wahn ist die Konti­nuität, die in den Rache­feld­zügen herrscht. Man hüte sich, einzelne Details für bare Münze zu nehmen. Das Ganze aber instal­liert im Reich der Lügen eine Dime­nsion, die sich zwi­schen Swift, Grimmels­hausen, Kafka und Orwell er­streckt. Ein veri­tabler Roman? Und alles nur, weil Bloch die Ur­katas­trophe des Ersten Welt­kriegs zum Anlass seines Nach­denkens nahm und der christ­lichen Völ­ker­schlacht­seele den Teufel aus­zu­trei­ben suchte. So reicht die Wirkung Blochs und der Blochia­ner durch das 20. Jahr­hundert und über die Grenze ins 21. hinein als ein roter Faden, der sich noch dort findet, wo ihn keiner ver­muten will – bei den Gehei­men Diens­ten samt ihren publi­zisti­schen Wir­kungs­fel­dern und Heimat­gemein­den. Unsere Auswahl von Frag­menten belegt die weit­ver­zweigten Folgen des Bloch-Kreises und der 56er Bewe­gung in Ost und West. Sie erweist, es gibt Links- und Rechts-Blochia­ner sowie einige wenige Lumpen-Blochia­ner. Wir können nur Spuren legen. Stellen uns aber unver­dros­sen vor, so wie unsere sub­ver­sive Zweier­gruppe sich ein­mischte, könnten ein paar hundert Sub­ver­santen das Blochianer­tum in die Welt tragen als eine er­neuerte Frei­maure­rei mit fri­schen Ideen und Prak­ti­ken. Wir fordern andere auf, unsere Belege und Erfah­rungen durch eigene Mate­rialien und Stories zu ver­voll­stän­digen. Wir wissen, auf dem schmalen Pfad zum »auf­rechten Gang« sind manche Ver­leug­nungen und Ver­beu­gungen nötig, was akzep­tabel ist, wird der Umweg nicht zum Endziel ent­würdigt.


 



Mit Karl May
und Ernst Bloch
für alle Rothäute




  Mit diesen Sätzen kündigten wir 2004 unser Buch Sklavensprache und Revolte an. Unter­titel: Der Bloch-Kreis und seine Feinde in Ost und West, was die Freunde unerwähnt ließ. Man darf sie suchen. Im Text sind welche zu finden. Ein ge­planter 2. Band ent­fiel. Der Verlag, der Band 1 gewagt hatte, schwä­chelte. Andere Ver­lage wag­ten es gar nicht erst. Ab 2007 gingen wir online ins www., dem wir die Frei­heit unge­hinderter Re­flexion ver­danken. Der Titel Die Ver­tei­digung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte ist allen Rot­häuten gewidmet. Der Leipziger www.poetenladen.de ortet einen geo­graphi­schen Punkt, von dem aus die Welt in die Angeln zu heben ist. Nicht mehr, nicht weniger, das aber links mit List und Gelächter.
  Sobald die USA sich bedroht fühlen, entsenden sie ihre Kriegs­schiffe und Drohnen, um die gewohnte Welt­herrschaft wieder her­zu­stel­len. Quiz­frage: Bestün­de das alte Rom noch heute, hätte es genü­gend Kriegs­schiffe, Flug­zeug­träger und Droh­nen auf den Weg bringen können? Antwort: Keine Welt­herr­schaft dauert ewig. Keine besaß genug Waffen. Aller­dings trat auch keine frei­wil­lig ab. Das Ende war stets ver­heeren­der als jeder noch so schwie­rige Beginn. Im ato­maren Zeit­alter droht das Ende regional und uni­versal. F. J. Strauß, 1945 noch abge­wrack­ter Wehr­machts­offi­zier, hallu­zinierte 1963 einen bevor­ste­henden sowjeti­schen Atom­schlag und wollte dem per Prä­ventiv­schlag mit der Atom­bombe in der Leder­hose zuvor­kom­men. (Meldung u.a. in der FAZ vom 25.9.2012). Auf der Gegen­seite saß für die Sowjet­union der respek­table Aus-Kund­schafter Rainer Rupp im Brüs­seler NATO-Haupt­quartier, der den Russen die Furcht von einem ato­maren Angriff aus dem Westen nahm, indem er ihnen geheime Papiere zukommen ließ, mit denen bewiesen wurde, die NATO wollte die SU ab­schaf­fen, jedoch keinen ato­maren Erst­schlag. Rupp flog nach Ende der Sowjet­union auf, wurde verhaftet und ver­urteilt und schreibt heute blitz­gescheite Arti­kel für die junge Welt statt im Spiegel oder als nütz­licher geheimer Regie­rungs­berater. Könner und Kenner werden in die Ecke ver­bannt, Rechts­aus­leger mit Verdienst­kreuzen und Ämtern belohnt. Ade­nauer, Strauß, Schmidt, Kohl speku­lierten mit Atomkrieg vom Doppel­beschluss bis zum Doppel­beschuss. Rupp unter­grub unsern kol­lekt­iven Unter­gang. Weg also mit dem Kriegs­saboteur! ver­langen die Gegner. An schar­fen Analy­tikern und Geistern fehlt es keines­wegs in der j W, nur an Lesern, die lieber Bild bevölkern. Arnold Schölzel als Chef­redak­teur des linken Blat­tes, ver­dienst­voll einst aus der Bundes­wehr in die DDR deser­tiert, ent­wickelte sich zur energie­gela­denen Stalin­orgel der Frie­dens­bewe­gung. Deser­teure mit Leib und Seele geben nie auf. Das Philo­sophie­studium in der weiland DDR führte ihn wie andere an die zu eng gezo­genen Grenz­linien. Das Stalin-Herz über die Hürde zu werfen sind die braven Genossen nicht coura­giert genug. So bauen sie ihre nächsten unver­meidlichen Nieder­lagen ein. Sorry, Towari­schtschi, wir müssen euch in euren kargen Ver­geb­lich­keiten ein wenig de­kon­stru­ieren.


 

Arnold Schölzel –
Stalin-Herz über
die Hürde werfen?




Die ersten Sätze dieses 92. Nachworts wurden immer mal wieder hier wie dort zitiert, gedruckt und im Fernsehen oder Radio gesendet. Hier stehen sie als Kürzest­version, die unser Buch Sklaven­sprache und Re­volte sowie die poeten­laden-Serie auf Brief­marken­größe minimiert, die Lang­fassung aber nicht ersetzt, was nieman­den abschrecken sollte, der sein bisheriges Geistesleben auf die üb­lichen Lang­strecken­klassiker gegen die rechten Marathon­läufer stützte. Wir sitzen ganz einfach metaphysisch wieder­gebürtig an den miss­achteten indus­triel­len Ufern der Pleiße und führen das Leben dort fort, wo die Trog­lodyten uns austrieben. Wir – das sind alle, die den Atem nicht anhalten mögen, weil das irgendwelchen Kreuz­züglern in den Kram passte. Als freundliche Beweis­führung und auch ein wenig zum Ergötzen hier ein Zitat aus der jungen Welt vom 27.2.2007 in seiner vergrößerten Ein­bettung: »Aus Anlass des 80. Geburtstages von Hans Heinz Holz am 26. Februar erscheint dieser Tage im Berliner Eulenspiegel Verlag unter dem Titel Nun habe ich Ihnen doch zu einem Ärger verholfen ein Buch mit Briefen, Texten und Erin­nerungen, das Zeugnis ablegt von der Begegnung des Philo­sophen und Publi­zisten Holz mit dem philo­sophisch gelehrten Dichter Peter Hacks (1928-2003). Der Band enthält auch den um­fang­reichen Brief­wechsel zwischen Peter Hacks und Hans Heinz Holz: Es treffen aufeinander ein Poet, Dramatiker und Essayist, der sich mit der fort­geschrit­tensten Philo­sophie der Epoche ausge­stattet hat, und ein Universal­gelehrter, der die Pro­vokation kennt, die Kunst für den Begriff be­deutet. Es ist nicht überliefert, dass es eine solche Kons­tel­lation in der Geschichte schon einmal gab … schreibt Heraus­geber Arnold Schölzel in seinem Nachwort. Lesen Sie im folgenden eine stark gekürzte Fassung der in dem Band erstmals ver­öffent­lichten Erin­nerungen von Hans Heinz Holz an Peter Hacks: Wir lebten nicht nur in zwei deutschen Staaten. Wir lebten in zwei Welten; zwar zusammen­gewachsen in der Über­liefe­rung einer Kultur, einer Sprache, einer Geschichte; zu­sammen­gewach­sen in einem poli­tischen Wollen und Zukunfts­hoffen. Doch die Köpfe Nacken an Nacken, janus­gesichtig, in ent­gegen­ge­setzte Rich­tungen schauend, zugleich eines und zwei, anderes wahr­nehmend, an anderen Fronten kämpfend. So trafen sich Men­schen gleicher Gesin­nung, gleichen Alters, zur Freund­schaft bestimmt, erst nach jener Schick­sals­wende, die uns zwang, unsere Köpfe in eine Rich­tung zu drehen und einer Medusa ins Antlitz zu schauen, ohne zu ver­steinern. Erst nach 1990 lernte ich sie kennen: Hanfried Müller, Kurt Gossweiler, Inge von Wan­gen­heim und so manche andere, mit denen ich eigentlich schon immer zu­sammen­gehörte. So auch Peter Hacks. Die Verbin­dung stiftete Sahra Wagen­knecht. Sie entflammte damals gerade, eine Art kom­munis­tische Jung­frau von Orléans, die Stand­haften in der PDS zum Widerstand gegen die Partei­führung, die den Sozialis­mus und das Erbe der DDR verriet. Bei einer Verans­taltung der ›Kom­munis­tischen Platt­form‹, zu der sie mich als Redner ein­geladen hatte, begeg­neten wir uns. Mit ihrer provokanten Bemerkung in einem Interview, Goethe habe sie zur Kommunistin gemacht, eroberte sie das Herz von Peter Hacks.«
  Soweit die stalingeschwängerte Liebes­lyrik des werten Genossen Hans Heinz Holz, dessen Recht auf über­bordende Nostal­gie so unbe­stritten bleiben soll wie die Nostal­gie der Stahl­helmfraktion auf der rechten Seite des deutschen Spek­trums. Fragt sich nur, wes­halb eine Zeitung, deren Info-Wert am linken Rand unbestritten, wo nicht bitter not­wendig bleibt, sich derartige Blößen gibt. Das ist bei dieser j W wie beim nd spiegel­bild­lich dasselbe wie im (spieß-) bürger­lichen Blätterwald, man quält sich durch und nutzt den Rest. Linker­hand fehlt zudem Kapital, man möchte alle Linken erreichen und so wird der Stalin-Trotzki-Konflikt nicht bis zur Klärung aus­gefoch­ten, was zum Er­reichen linker Arti­kula­tions­frei­heiten nötig wäre.

Im Dezember 1962 hatte Peter Hacks mit seinem Stück Die Sorgen und die Macht den höchsten Un­willen Ul­brichts erregt, sodass der Walter den Peter als ab­schrecken­des Beispiel hin­stellte. (Hans Mayer, Lehmstedt Verlag Leipzig 2007) Von welcher Definition sich Hacks in seiner Liebe zu Ulbricht nicht beirren ließ. Gerüffelte Partei­mitglieder hatten Selbstkritik zu üben, unser frei­willig anbetender West­genosse leistete sich den Luxus maso­chis­tischer Genüsse. Während ich vom Westen her in späte­ren Jahren in schwer errun­gener Objekti­vität Ulbrichts Staat­leistung kons­tatierte, ohne die frag­würdigen, auch schandbaren Techni­ken der Macht­erhaltung zu bagatel­lisieren, stol­zierte Hacks als Papier­tiger durchs Leben, wie es sich bei gezähmten Zeit­genossen geziemt. Tage­buch­notiz: In Ost wie West ist kein re­gierender Darm eng genug als dass nicht ein Proselyt hinein- und ein Prei­sträger heraus­kommen könnte. Die Elite nimmt Stiefel­tritte in skla­ven­hafter Demut entgegen. Wo die Liebe eben einst hi­nge­fallen ist …

Bloch hält den Marxschen Hoffnungshorizont offen und erweitert ihn durch sein Angebot neuer Aspekte. Nachdem die Lenin-Trotzki-Option vergangen war, was zur dogmatischen Erstar­rung und opportunistischen Cha­rakter­losig­keit führte, bezieht Bloch die Dekon­struk­tion des stark ange­schlagenen Marxis­mus in sein Denken ein, ohne auf Marx zu ver­zichten, wie es die antiquierten neuen franzö­sischen Philo­sophen und dekadenten Meister­schüler Hei­deggers tun. Der Marx-(Engels) des Kommunis­tischen Mani­fests und des Kapitals bleibt als Grund­lage und Aus­gangs­basis. In der Klassen­frage wird der Begriff des Prole­tariats Richtung Pre­kariat korrigiert, das nicht mehr als mögliche Klasse an sich zur Klasse für sich werden kann und trotz Wut­bürgern, Piraten und Palast­revol­ten im mainstream mitströmt, weshalb die alte Bar­barei im Gefolge des Fort­schritts der Ver­nichtungs­poten­tiale eska­liert. Blochs Philo­sophie enthält ihrerseits von Anbeginn das Potential, mit der Marx'schen Dekon­struk­tion des Kapitals auch die rus­sische Okto­ber­revo­lution mit ihren Aus- und Nach­wirkungen zu dekon­struieren und aufzuheben, d. h. sie sowohl zu akzep­tieren wie zu histo­risieren. Der Sieg über Hitler-Deutsch­land war mit Stalin möglich, viel­leicht oder wahrscheinlich nur mit einer revolu­tionären Sowjet­union, die sich ihrers­eits des zaristischen Erbes bediente. So eingeklemmt zwi­schen Peter dem Großen, Karl Marx und Ivan dem Schrecklichen verlor der östliche Marxis­mus das Duell mit dem Kapital. Aus Stalin wurde Chruscht­schow, der schei­terte, aus Chruscht­schow wurde Gorbatschow, der an Jelzin scheiterte. Aus Komsomol-Funktio­nären wurden milliar­den­schwere Oligarchen, die den Sieg des Kapitals aufs wider­lichste personifizieren wie Adolf der Hitler den blutigen deutschen National­kapita­lismus, der noch post­nazistisch zu überleben versucht.


   


Marx in Russland eingeklemmt zwischen Ivan dem Schrecklichen, Peter dem Großen und Josef Wissarionowitsch




Am Anfang steht der 29.11.1956, als Wolfgang Harich bei seiner Rückkehr aus Hamburg verhaftet wurde. Seine Gespräche mit Rudolf Augstein erhöhen sein DDR-Schuldkonto wegen Verdacht auf Landesverrat. Den wirft 1962 die Gruppe Ade­nauer/Strauß auch Augstein und dem Spiegel vor. Doch der Versuch, die Aus­drucks­freiheit des Wortes autoritär zu unter­binden, scheitert, was der Bonner Teilrepublik unschätz­bare Vorteile einbringt. Im Gegensatz dazu setzt das SED-Polit­büro seinen anti­quierten autoritären Marxismus stalinscher Prägung gegen die DDR-Reformer durch. Es herrschte wieder Ruhe im Land. Das überlie­ferte Frak­tions­verbot wirkt als wäre die Welt stehen­geblieben. Von 1956/57 an gibt es zwar unge­zählte Verstöße gegen das Verbot, doch jeder ein­zelne Fall wird repres­siert, keiner erreicht den Hoff­nungs­horizont von 1956 – das exakt ist es, was die Gegner und Verächter von Chruscht­schows Anti­stalin-Rede heute noch oder wieder ver­treten. Die Nach­kommen der Liquidateure von 1956/57 verfolgen den sozia­listischen Plura­lismus. Jeder vom Politbüro nicht lizen­sierte Gedanke gehört ausgelöscht. Nur fehlt ihnen die Macht dazu. Sie sollten sie end­lich durch Ver­nunft ersetzen. Was die Frage der Horizonte angeht, so wünschte Harich sich Ernst Bloch als Staats­präsidenten der DDR und später Gesamt­deutsc­hlands. Das war liebens­würdige linke Lüftl­malerei, aber ver­nünftiger als der rück­ständige West-Vollzug mit Merkel&Gauck. Listig, wo nicht arglistig schob der inhaf­tierte Harich bei seinen Verneh­mungen alle Schuld für seine Oppo­sition auf Ernst Bloch. Das traf auch zu. Es war eine so­zialis­tische Be­freiungs­schuld zu be­gleichen. Wer ödet uns jetzt, ein Halb­jahrhundert danach, mit den Stalinschen Gehirn­metas­tasen an? Wer trauert seinen Über­macht-Phan­tasien von vor­gestern nach? Schmerz­lich genug, dass die Chancen von 1956/57 nicht genutzt werden konnten. Wer's heute noch nicht kapiert hat, wird's nie begreifen.


Ich spreche autobiographisch für mich und die verstummten Verfolgten. Für mich gab es drei Frontlinien.1933 die Bücherverbrennung, sie veranlasste den acht­jährigen Jungen, beim Verbergen der bedrohten Lite­ratur mitzuhelfen. Die Erfahrung hielt stand. Als neun­zehn­jähriger Wehr­machts­soldat Desertion von der Hitlertruppe zur Roten Armee. Deutschland ging umgekehrt mit Hitler gegen Stalin bis an die Wolga und unfrei­willig in Eile zurück. Dies die Frontlinie eins. Die zweite ergab sich 1956, als in der DDR Lehren und Werke von Bloch und Lukács ver­dammt wurden. Der Abschied von Stalin war über­fällig und fiel leicht, der Abschied von der Heimat fiel ver­dammt schwer.
  Die dritte Frontlinie entstand 1962. Als die westdeutsche Kampf­gruppe Ade­nauer/Strauß den Spiegel stürmen und Augstein samt Redak­teuren festsetzen ließ, war ich mir sicher, nicht im Wunsch­land meiner Sehn­süchte angelangt zu sein. Die Freiheit des Wortes ver­teidigen? Das ist mir zu gewichtig formuliert. Und zu leichthin. Ich habe nur die drei Frontlinien meines kleinen Lebens zu ver­teidigen, für die es kein Bundes­verdienst­kreuz gibt, von mir aber den so geschul­deten wie herz­lichen Dank an alle unsere Lehrer, Freunde, Begleiter und Genossen. Wir sind nur noch wenige Über­lebende aus der großen Klasse der Ver­dammten dieser unbe­wohnbar werdenden Erde.

An die Stelle einer deutschen Vereinigung als Friedens­vertrag zwischen West und Ost trat 1990 mit Helmut Kohl die deutsche Wieder­vereinigung in Kraft als Speer­spitze des NATO-Westens gegen den rudi­mentierten Osten. So miss­lang die Ver­eini­gung mit dem Wieder zur frag­ment­arisch-nationalen Sturz­geburt alter Strate­gien. Ebenso droht die europäische Vereinigung in die Binsen zu gehen, weil die Euro-Süd­länder wenig Neigung zeigen, ein dem Ende der DDR glei­chen­des Schick­sal im hungrigen Bauch des Deutsch-Euro nach­zuvoll­ziehen.
  Am Vorabend des 3. Oktober 2012 mixte die ARD bei Maischberger eine disparate Runde mit Lafon­taine und Sarrazin zur ver­uneinig­ten Rat­losig­keit zu­sammen. Wie kann's denn weiter­gehen? Einge­spielte Rede-Aus­schnitte bewie­sen, wie früh Lafon­taine warnte. Nutzte alles nichts. Links geht unter, rechts trium­phiert – zumindest bis zum nächsten Unter­gang.
  In Junge Welt, zu ihrer Ehre sei's notiert, erscheint ein Dreiteiler von Otto Köhler, der die Wieder­vereinigung am Exempel Helmut Kohl dekon­struiert. Was in der Kanzler-Bio­graphie von Hans-Peter Schwarz unter den Schreib­tisch fiel, hier wird's Ereignis. Künftige Gene­rationen von Histo­rikern dürfen sich zum Ausgraben rüsten.

Deutschland wiedervereinigt oder die exemplarische Karriere des Esels:
Drei Jahrzehnte lang hatte der Esel in der Mühle brav gear­beitet und Mark­stück auf Markstück zurück­gelegt fürs Alter. Wenn die Herren der Welt ihre Kriege führten, war unser Esel, einge­denk seiner früheren Fehl­tritte, besonnen daheim geblieben, auf dass es ihm wohl erginge im Joch und auf der satten Weide. Eines Morgens stach ihn der Hafer, und er ging aufs Eis tanzen. Danach engagierte er fremde Esel für die Arbeit in der Knochen­mühle, veränderte die Grenzen seines Grundstücks und for­derte Bär, Löwe und Kro­kodil zum Tanz ums Goldene Kalb auf. Die tanzten aber nicht, sondern fraßen es ratzeputz weg. Am Tag darauf schaffte der Esel seine gute Wäh­rung ab, schickte seine jün­geren Esel hinaus in alle Welt, um sich in fremde Streitig­keiten einzu­mischen, und gefiel sich rück­fällig im Schwin­gen großer Reden. Gerade als er sich in Position stellte, die Esel in fernen Ländern zu er­mahnen und zu belehren, kamen Bär, Löwe und Kro­kodil vorbei. Sie hatten das Goldene Kalb bis auf den letzten Rest verzehrt und waren gut gelaunt, so dass sie dem Redner zuhörten, der seine Arbeits­losig­keit beklagte, denn er war von seinem Herrn Knall auf Fall ent­las­sen worden. Der Bär sagte, ein Esel ohne Arbeit ist ein unnütz Ding. Der Löwe meinte: Ich bin zwar satt, doch diesen Esel hab' ich zum Fressen gern. Das Kro­kodil schrie: Als Nach­tisch passt der Esel noch rein. Und so fraßen sie ihn weg vom Fleck.

PS: Die FAZ vom 1. Oktober 2012 enthält 13 Fotos von einem FAZ-Kongress der Alfred Herr­hausen Gesell­schaft unter dem Motto: Denk ich an Deutsch­land. Der zweite Teil des Heine-Satzes von 1844 aus dem Zyklus Zeit­stücke: Dann bin ich um den Schlaf gebracht, bleibt ein­gespart. Zu sehen sind auf der farben­frohen Zei­tungs­seite ein Bild mit Frau, ein Bild mit zwei Frauen sowie zweimal Merkel über­dimen­sional mit Vorstands­vor­ständen. Der Rest sind Manns­bilder mit Schlaf­defi­ziten.
Gerhard Zwerenz    08.10.2012    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Gerhard Zwerenz
Serie
  1. Wie kommt die Pleiße nach Leipzig?
  2. Wird Sachsen bald chinesisch?
  3. Blick zurück und nach vorn
  4. Die große Sachsen-Koalition
  5. Von Milbradt zu Ernst Jünger
  6. Ein Rat von Wolfgang Neuss und aus Amerika
  7. Reise nach dem verlorenen Ich
  8. Mit Rasputin auf das Fest der Sinne
  9. Van der Lubbe und die Folgen
  10. Unser Schulfreund Karl May
  11. Hannah Arendt und die Obersturmbannführer
  12. Die Westflucht ostwärts
  13. Der Sänger, der nicht mehr singt
  14. Ich kenne nur
    Karl May und Hegel
  15. Mein Leben als Prophet
  16. Frühe Liebe mit Trauerflor
  17. Der Schatten Leo Bauers
  18. Von Unselds Gegner zu Holtzbrincks Bodyguard
  19. Karl May Petrus Enzensberger Walter Janka
  20. Aus dem Notizbuch eines Ungläubigen
  21. Tanz in die zweifache Existenz
  22. General Hammersteins Schweigen
  23. Die Pleiße war mein Mississippi
  24. Im Osten verzwergt und verhunzt?
  25. Uwe Johnson geheimdienstlich
  26. Was fürchtete Uwe Johnson
  27. Frühling Zoo Buchmesse
  28. Die goldenen Leipziger Jahre
  29. Das Poeten-Projekt
  30. Der Sachsenschlag und die Folgen
  31. Blick zurück auf Wohlgesinnte
  32. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (I)
  33. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (II)
  34. Brief mit Vorspann an Erich Loest
  35. Briefwechsel mit der Welt der Literatur
  36. Die offene Wunde der Welt der Literatur
  37. Leipzig – wir kommen
  38. Terror im Systemvergleich
  39. Rachegesang und Kafkas Prophetismus
  40. Die Nostalgie der 70er Jahre
  41. Pauliner Kirche und letzte Helden
  42. Das Kickers-Abenteuer
  43. Unser Feind, die Druckwelle
  44. Samisdat in postkulturellen Zeiten
  45. So trat ich meinen Liebesdienst an …
  46. Mein Ausstieg in den Himmel
  47. Schraubenzieher im Feuchtgebiet
  48. Der Fall Filip Müller
  49. Contra und pro Genossen
  50. Wie ich dem Politbüro die Todesstrafe verdarb
  51. Frankfurter Polzei-buchmesse 1968
  52. Die Kunst, weder Kain noch Abel zu sein
  53. Als Atheist in Fulda
  54. Parade der Wiedergänger
  55. Poetik – Ästhetik und des Kaisers Nacktarsch
  56. Zwischen Arthur Koestler und den Beatles
  57. Fragen an einen Totalitarismusforscher
  58. Meine fünf Lektionen
  59. Playmobilmachung von Harald Schmidt
  60. Freundliche Auskunft an Hauptpastor Goetze
  61. Denkfabrik am Pleißenstrand
  62. Rendezvous beim Kriegsjuristen
  63. Marx, Murx, Selbstmord (der Identität)
  64. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (I. Teil)
  65. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (II. Teil)
  66. Der Bunker ...
  67. Helmut auf allen Kanälen
  68. Leipzig anno 1956 und Berlin 2008
  69. Mit Konterrevolutionären und Trotzkisten auf dem Dritten Weg
  70. Die Sächsischen Freiheiten
  71. Zwischen Genossen und Werwölfen
  72. Zur Geschichte meiner Gedichte
  73. Poetenladen: 1 Gedicht aus 16 Gedichten
  74. Der Dritte Weg als Ausweg
  75. Unendliche Wende
  76. Drei Liebesgrüße für Marcel
  77. Wir lagen vor Monte Cassino
  78. Die zweifache Lust
  79. Hacks Haffner Ulbricht Tillich
  80. Mein Leben als Doppelagent
  81. Der Stolz, ein Ostdeutscher zu sein
  82. Vom Langen Marsch zum 3. Weg
  83. Die Differenz zwischen links und rechts
  84. Wo liegt Bad Gablenz?
  85. Quartier zwischen Helmut Schmidt und Walter Ulbricht
  86. Der 3. Weg eines Auslandssachsen
  87. Kriegsverrat, Friedensverrat und Friedenslethargie
  88. Am Anfang war das Gedicht
  89. Vom Buch ins Netz und zur Hölle?
  90. Epilog zum Welt-Ende oder DDR plus
  91. Im Hotel Folterhochschule
  92. Brief an Ernst Bloch im Himmel
  93. Kurze Erinnerung ans Bonner Glashaus
  94. Fritz Behrens und die trotzkistische Alternative
  95. 94/95 Doppelserie
  96. FAUST 3 – Franz Kafka vor Auerbachs Keller
  97. Rainer Werner Fassbinder ...
  98. Zähne zusammen­beißen ...
  99. Das Unvergessene im Blick
    1. Nachwort
Nachworte
  1. Nachwort
    siehe Folge 99
  2. Auf den Spuren des
    Günter Wallraff
  3. Online-Abenteuer mit Buch und Netz
  4. Rückschau und Vorschau aufs linke Leipzig
  5. Die Leipziger Denkschule
  6. Idylle mit Wutanfall
  7. Die digitalisierte Freiheit der Elite
  8. Der Krieg als Badekur?
  9. Wolfgang Neuss über Kurt Tucholsky
  10. Alter Sack antwortet jungem Sack
  11. Vor uns diverse Endkämpfe
  12. Verteidigung eines Gedichts gegen die Gladiatoren
  13. Parademarsch der Lemminge und Blochs Abwicklung
  14. Kampf der Deserteure
  15. Fritz Bauers unerwartete Rückkehr
  16. Der Trotz- und Hoffnungs-Pazifismus
  17. Als Fassbinder in die Oper gehen wollte
  18. Was zum Teufel sind Blochianer?
  19. Affentanz um die 11. Feuerbach-These
  20. Geschichten vom Geist als Stimmvieh
  21. Von Frankfurt übern Taunus ins Erzgebirge
  22. Trotz – Trotzalledem – Trotzki
  23. Der 3. Weg ist kein Mittelweg
  24. Matroschka –
    Die Mama in der Mama
  25. Goethe bei Anna Amalia und Herr Matussek im Krieg
  26. Der Aufgang des Abendlandes aus Auerbachs Keller
  27. Jan Robert Bloch –
    der Sohn, der aus der Kälte kam
  28. Das Buch, der Tod und der Widerspruch
  29. Pastor Gauck oder die Revanche für Stalingrad
  30. Bloch und Nietzsche werden gegauckt ...
  31. Hölle angebohrt. Teufel raus?
  32. Zwischen Heym + Gauck
  33. Von Marx über Bloch zu Prof. Dr. Holz
  34. Kafkas Welttheater in Auerbachs Keller
  35. Die Philosophenschlacht von Leipzig
  36. Dekonstruktion oder Das Ende der Ver­spä­tung ist das Ende
  37. Goethes Stuhl – ein Roman aus Saxanien
  38. Meine Weltbühne im poetenladen
  39. Von Blochs Trotz zu Sartres Ekel
  40. Die Internationale der Postmarxisten
  41. Dies hier war Deutschland
  42. Kopfsprünge von Land zu Land und Stadt zu Stadt
  43. Einiges Land oder wem die Rache gehört
  44. Schach statt Mühle oder Ernst Jünger spielen
  45. Macht ist ein Kriegszustand
  46. Dekonstruktion als Kriminalgeschichte I
  47. Damals, als ich als Boccaccio ging …
  48. Ein Traum von Aufklärung und Masturbation
  49. Auf der Suche nach der verschwundenen Republik
  50. Leipzig am Meer 2013
  51. Scheintote, Untote und Überlebende
  52. Die DDR musste nicht untergehen (1)
  53. Die DDR musste nicht untergehen (2)
  54. Ein Orden fürs Morden
  55. Welche Revolution darfs denn sein?
  56. Deutschland zwischen Apartheid und Nostalgie
  57. Nietzsche dekonstruierte Gott, Bloch den Genossen Stalin
  58. Ernst Jünger, der Feind und das Gelächter
  59. Von Renegaten, Trotzkisten und anderen Klassikern
  60. Die heimatlose Linke (I)
    Bloch-Oper für zwei u. mehr Stimmen
  61. Die heimatlose Linke (II)
    Ein Zwischenruf
  62. Die heimatlose Linke (III)
    Wer ist Opfer, wer Täter ...
  63. Die heimatlose Linke (IV)
    In der permanenten Revolte
  64. Wir gründen den Club der
    heimatlosen Linken
  65. Pekings große gegen Berlins kleine Mauer
  66. Links im Land der SS-Ober­sturm­bann­führer
  67. Zweifel an Horns Ende – SOKO Leipzig übernimmt?
  68. Leipzig. Kopfbahnhof
  69. Ordentlicher Dialog im Chaos
  70. Büchner und Nietzsche und wir
  71. Mit Brecht in Karthago ...
  72. Endspiel mit Luther & Biermann & Margot
  73. Die Suche nach dem anderen Marx
  74. Wer ermordete Luxemburg und Liebknecht und wer Trotzki?
  75. Vom Krieg unserer (eurer) Väter
  76. Wohin mit den späten Wellen der Nazi-Wahrheit?
  77. Der Feind ist in den Sachsengau eingedrungen
  78. Die Heldensöhne der Urkatastrophe
  79. Die Autobiographie zwischen
    Schein und Sein
  80. Auf der Suche nach der verlorenen Sprache
  81. Atlantis sendet online
  82. Zur Philosophie des Krieges
  83. Deutsche, wollt ihr ewig sterben?
  84. Der Prominentenstadl in der Krise
  85. Der Blick von unten nach oben
  86. Auf der Suche nach einer moralischen Existenz
  87. Vom Krieg gegen die Pazifisten
  88. Keine Lust aufs Rentnerdasein
  89. Von der Beschneidung bis zur
    begeh­baren Prostata
  90. Friede den Landesverrätern
    Augstein und Harich
  91. Klarstellung 1 – Der Konflikt um
    Marx und Bloch
  92. Bloch & die 56er-Opposition zwischen Philo­sophie und Verbrechen
  93. Der Kampf ums Buch
  94. Und trotzdem: Ex oriente lux
  95. Der Soldat: Held – Mörder – Heiliger – Deserteur?
  96. Der liebe Tod – Was können wir wissen?
  97. Lacht euren Herren ins Gesicht ...
  98. Die Blochianer kommen in Tanzschritten
  99. Von den Geheimlehren der Blochianer
Aufsatz