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Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | Folge 69

Dies ist eine sächsische Autobiographie als Fragment in 99 Fragmenten. Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philosophen nennen das coincidentia oppositorum, d.h. Einheit der Widersprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

69

Mit Konterrevolutionären und Trotzkisten auf dem Dritten Weg

GZ
GZ – gesucht wegen menschlichem Sozialismus des Dritten Weges
Und wissen wir auch nicht, was ich 1956 wirklich schrieb und drucken lassen wollte, so dienen die poli­zei­lich gesammel­ten Brief- und Text-Frag­mente doch als Beleg dafür, dass es die Wider­spenstigkeiten einmal gab, während Ulbrichts Biograph sie ver­niedlicht wo nicht ignoriert, im Gegen­satz zu seinem damaligen Chef, dem die sicher­gestell­ten Papiere gute Dienste leisteten, als er auf dem 33. Plenum des ZK der SED Kurt Hagers demütige Selbst­kritik wegen dessen früherer Nähe zu Bloch per Zwi­schen­rufen noch dring­licher machte. Gegen den „mensch­lichen Sozia­lismus“ gerichtet, ent­wickelte sich folgender Dialog:
Hager: Das gilt vor allem für Professor Bloch und seinen Kreis. In dieser Forderung nach dem „menschlichchen Sozialismus“, die ganz offen von einem ehemaligen Blochschüler, von Zwerenz, in einem Artikel im Telegraf erhoben worden ist, drückt sich das Bestreben aus, scheinbar einen Weg zu suchen, der angeblich die Härte unseres Weges vermeidet. Es gibt aber keine Verwirklichung des Sozialismus ohne Arbeiter- und Bauernmacht, ohne den Kampf gegen die Imperialisten und ihre Agenturen und ohne harte Schläge gegen diejenigen, die sich unserem sozialistischen Aufbau entgegenstellen und die Machenschaften der Militaristen und Liberalisten befürworten.
Das vorgelegte Material beweist, dass nach dem 20. Partei­tag Ernst Bloch mehr und mehr eine Position bezog, die in einem bestimm­ten Teil der Intel­ligenz, der Stu­denten und der jungen Künstler dazu führte, konter­revolu­tionäre Stim­mungen und Hand­lungen zu nähren.
Walter Ulbricht: Nicht nur nährte, sondern erzeugte.
Hager: Ja, erzeugte und zugleich auch nährte.
Zuruf: Er hatte doch seinen Plan für die Konterrevolution!
Hager: Offensichtlich. Das Material zeigt, dass ein ganzer Kreis von so­genann­ten Schülern vorhanden war, die in dieser Richtung unter dem Einfluss des Lehrers wirkten.
Zuruf: Hunderte von Studenten sind dabei verbraucht worden!
Hager: Ich muss durchaus die Kritik akzeptieren, die vom Genossen Walter Ulbricht geäußert worden ist, dass die Auseinandersetzung mit Bloch nicht offen und konsequent geführt worden ist.
Großversion per Klick
Geheimprotokoll des 33. SED-Plenums (Großversion per Klick)
Was veranlasste Ulbricht auf dem 33. Plenum zu seinen er­bosten Zwischen­rufen bei Hagers Rede und warum reagierte der Ge­schol­tene derart devot? Ganz einfach, er stand selbst im Verdacht zu enger Bloch-Nähe. Wie das mit Ver­dächten so läuft – Hager hatte den Philo­sophen lange ab­geschirmt und geschützt und musste nun einknicken. Ulbricht misstraute Bloch, saß auf einem Packen bedenklicher Papiere, fühlte sich nicht nur miss­achtet (Bloch: Ulbricht fehle es an Sex-Appeal), welche Sottise der Genosse WU noch wegsteckte, doch anderes ging ihm zu weit. Das von Mielke gesammelte oppo­sitio­nelle Material studierte er sorgfältig, danach korrigierte er seine Politik, bis er selbst in Moskau und im eigenen Polit­büro angezweifelt und attackiert wurde und darüber stürzte.
Kurz zusammengefasst: Unser Haussuchungsprotokoll vom 9.9.1957 gelang­te über Markus Wolf/Erich Mielke zu Ulbricht, der es im Oktober auf dem 33. ZK-Plenum sofort nutzte. Aus seinem Vorwurf eines Bloch-Plans zur Konterrevolution destillierte Mielke rasch eine ihm geläufige Trotzkismus-Beschuldigung, die aus den bei uns beschlagnahmten Papieren resultierte, aber auf Bloch nicht zutraf, war er doch, brachte ich Trotzki ins Gespräch, stets ins Geschichts­wissen­schaflliche ausgewichen. Zur Illustration eine Anek­dote: Laut Geheimbericht der Quelle Wild vom 17.12.1957 bemerkte Bloch zu Hans Mayer, „… seine Frau habe zweifellos einen trotzkistischen Zug.“ Da lag das 33. Plenum erst wenige Wochen zurück. Die Information dürfte Mielke gefreut haben, zwar konnte er Ernst Bloch nicht direkt bezichtigen, doch die Ehefrau Karola war dem erklärten Hauptfeind Trotzki keineswegs abgeneigt.
Zum chronologischen Ablauf 1956/57: Das Projekt Philosophie in Aktion, mit Wolfgang Harich im Vorjahr anhand von Platon in Syrakus kurz erörtert, wird mit Chruschtschows Rede in Moskau unerwartet aktuell. Ich versuche beim Greifenverlag noch, das druckfertige Manuskript über Aristoteles und Brecht auf den neuesten Stand zu bringen. (Brief vom 24. 3. 1956 – Bezug auf 20. Parteitag)
Briefe vom 8.9. und 16.9.56 an die Sonntag-Redaktion: Veränderungs-Über­legungen wegen 20. Parteitag. Ebenso Schreiben vom 14.8. / 25.10./ 26.10/ 1956 an Pilz und Just. Im Brief an Pilz vom 25.10. wird Artikel über Bloch zurückgezogen. Im Brief an Bloch vom 2.11.56 informiere ich ihn und lege den zurück­gezogenen Artikel in Kopie bei.
Da die sichergestellten Haus­suchungs-Mate­rialien nur in Zitaten bekannt sind, müssen wir uns darauf beschränken. Das Projekt Eingreifendes Denken, später auch Sklavensprache und Revolte, war damals angedacht. Als Ziel setzte ich mir, mit Blochs Philosophie konkret, also praktisch zu werden. Bei der Weltbühne war damit früh Schluss, beim Sonntag erst nach den Verhaftungen. Die 11. Feuerbach-These anzuwenden fällt sauschwer.
Im Oktober 56 Ungarn-Aufstand. Wird nieder­geschlagen. Blochs Rückzieher, Markow rät Bloch zur Absicherung, so entsteht die Bagatel­lisierung, deren Graf sich in seinem Ulbricht-Buch noch 2008 bedient. Bloch hatte sich zu weit vorgewagt. Ulbricht griff ihn politisch scharf an, die philosophisch formulierte Verdammung druckte Neues Deutschland am 19.12.56 – Autor R.O. Gropp: „Idealistische Verirrungen unter anti­dogmatischem Vorzeichen“.
Ab Anfang 1957 war Bloch der Zutritt zum Philosophischen Institut nicht mehr erlaubt. Markow und anderen älteren Genossen fiel es nach ihren anti­faschis­tischen Kämpfen schwer, neue Risiken einzugehen. Das mussten Jüngere wie wir tun. So bewertete ich es bei meinem letzten Leipziger Gespräch mit Bloch.
Dass die DDR trotz der 1956 verweigerten Veränderungen noch bis 1989 durchhielt, überraschte mich ebenso wie der von F.J. Strauß veranlasste Kredit für Honecker. Verlängert wurde nur der Todeskampf. Der versäumte Paradigmenwechsel, die bald zurück­genommene Ent-Stalinisierung führten zum Ende des Modells Ost-Sozialismus, was die regierenden Eliten nicht wahrhaben wollten. Regieren macht blind. Karriere ist Negativ­auslese, tröstet mich der kleine Anarchist im linken Ohr.
Neueste Nachrichten aus Sachsen: Der Milbradt nach­folgende Minister­präsident Stanislaw Tillich verlieh am 16.1.2009 dem russischen Minister­präsidenten Wladimir Putin einen sächsischen Dankesorden. Slawen unter sich? Stanislaw pro Wladimir?
Sachsens Urgermane August der Starke war sächsischer und polnischer König. Polen und Russen sind Slawen, doch wenig brüderlich. So wenig wie der vergangene Bürgerrechtler Werner Schulz, ein widerspenstiger geborener Zwickauer, der seinen sorbischen Ministerpräsidenten Tillich bösartig mit dem giftigen Satz „Blockflöte für Tschekisten“ bewirft. So greifen Intellektuelle und Politiker tief in die sonst gern verschwiegene Geschichte, um die Gegenwart in den Griff zu kriegen. Der grüne, aber niemandem Grüne will endlich Europaabgeordneter werden. Die Blockflöte Tillich ist schon was. Der Tschekist Putin jedoch kann Gas geben – oder auch nicht. Davon abgesehen, höre ich gern vom Ordensgeschenk des Sorben an den Russen und von der Schulz-Polemik dagegen. Der duckmäuserisch stille Freistaat wird doch nicht etwa polemisch werden, bevor er wegen Einwohnerschwund schließt und Tillich sich in August's Nachfolge zu Polen schlägt?
Kurz bevor Walter Ulbricht im Oktober 1957 auf dem 33. ZK-Plenum den Philosophen Bloch der Konterrevolution beschuldigte, gab es in Leipzig eine Kulturtagung … zur Vorbereitung der Kulturkonferenz des ZK der SED mit Paul Wandel, Kurella und anderen, darunter der frühere Pastor und nachmalige Philosophiedozent Heinrich Schwartze mit seinem Vortrag über Die Illusion vom dritten Weg:
„Zweifellos übt der ›ethische‹ Sozialismus auf Kulturschaffende und Kultur­beflissene anziehende Wirkung aus. Auch wenn wir wissen, dass sich dahinter Gift verbirgt. Ob überlegt oder unüberlegt bleibe dahingestellt, erscheint in der heutigen Ausgabe der Sozialdemokratischen Tageszeitung Telegraf In Berlin ein Beitrag von Gerhard Zwerenz unter der Überschrift: ›Die Gedanken sind frei. Ernst Bloch und seine Gegner.‹
Diesem Beitrag sind kurze redaktionelle Bemerkungen vorangesetzt, in denen gesagt wird, es gebe bei uns in der Deutschen Demokratischen Republik einen politisch- geistigen Konflikt zwischen denen, die zum Zentralkomitee unserer Partei stehen, und den Intellektuellen, die eine Regeneration des Marxismus zum ›menschlichen‹ Sozialismus leidenschaftlich befürworten. Der Repräsentant dieser Befürworter des menschlichen Sozialismus sei der Leipziger Professor der Philosophie Dr. Ernst Bloch. Zwerenz erklärt nun näher, welcher Art diese alten, nicht erst aus diesem Jahr stammenden Differenzen seien und sagt auf sehr billige und ungründliche Art, diese Differenzen würden mit der Intellektualität von Ernst Bloch zusammenhängen; Bloch sei nämlich Philosoph, er sei ein Mann, der nicht wiederkäue, sondern selbständig schaffe, und er sei Marxist. (Heiterkeit)
Liebe Genossen! Hier muss man einen Augenblick verhalten und fragen, worin denn der von Zwerenz und vom Telegraf behauptete Marxismus in Blochs Philosophie liegt? Genosse Wagner wies heute im Referat nach, dass in der Philosophie Blochs nichts Marxistisches enthalten ist. Genosse Fröhlich hat das noch unterstrichen. Kurz gesagt die ›Hoffnungsphilosophie‹ von Ernst Bloch und die Ausführungen des Genossen Duncker über unsere sozialistische Zukunft unterscheiden sich wie die Nacht vom Tag …
Ich kehre zu den Gedankengängen von Zwerenz zurück. Zwerenz sieht Im XX. Parteitag eine Chance für den Sozialismus, ›menschlich‹ zu werden. Er sieht in Bloch .das Haupt eines Kreises, der diese Chance zu nutzen versuchte, daran allerdings gescheitert sei. Von diesem Bloch-Kreis verrät Zwerenz nun etwas, was wir zwar allgemein schon immer wussten, aber in solcher Deutlichkeit als klares Bekenntnis von den Leuten dieses Kreises bisher noch nie erfahren haben; und das ist folgendes: Die publizistische Wirkung des Bloch-Kreises in den Zeitungen und Zeitschriften der DDR schätzt Zwerenz schon als beträchtlich ein, aber für noch beträchtlicher hält er die Tatsache, dass der Bloch-Kreis allein schon durch seine Existenz ein Politikum sei. Er sagt: Dieser Kreis gab für den Kampf an der Karl-Marx-Universität in Leipzig den Vertretern des ›menschlichen‹ Sozialismus Rückhalt und hatte spürbare Auswirkungen im kulturellen und politischen Leben Leipzigs und weit darüber hinaus. Die Philosophie Blochs, welche die Möglichkeit eines ›menschlichen‹ Sozialismus bezeichnet, und eine humanisierende Politik seien die Philosophie eines wirklichen ›eigenen‹ Weges zum Sozialismus, ohne Aufgabe wesentlicher sozialistischer Ziele. Das ist knapp gesagt der dritte Weg. Hängt eine gewisse Liebäugelei mit diesem dritten Weg nicht eng zusammen mit der Furcht vor den harten Forderungen der Diktatur des Proletariats, hängt nicht mit dieser Furcht vor den harten Forderungen der Diktatur des Proletariats eine gewisse Anfälligkeit der Kulturschaffenden für den dritten Weg zusammen?
Welche politischen Absichten der sogenannte Bloch-Kreis verfolgt, der sich durch den Mund von Zwerenz vorstellt, ist klar. Es sind im Grunde die gleichen Absichten, die Harich auf die präziseste Formel gebracht hat: Auflösung des Zentralkomitees und Umbildung der Regierung. Oder mir anderen Worten: Nicht nur Stopp für den Aufbau des Sozialismus, sondern die Liquidierung des Sozialismus überhaupt.
Und Professor Bloch? Darf er länger schweigen, wenn Leute wie Zwerenz kommen und sagen, sie seien seine Schüler und behaupten, das ihrige bei ihm gelernt zu haben? Steht Ernst Bloch jetzt nicht vor der Notwendigkeit, ein Wort zu dem Treiben derer zu sagen, die sich Bloch-Kreis nennen? Ist er so schlecht wie die, die sich auf ihn berufen, oder ist er besser? Wir können diese Frage im Augenblick nicht beantworten, weil er schweigt, aber nun müsste er – unser Mitbürger, Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Berlin, Träger des Nationalpreises der DDR – nun müsste er sprechen.“ (Neues Deutschland, 15. Oktober 1957)
Soviel an überlieferten SED-Erpressungsversuchen aus der Zeit brausender Klassenkämpfe und weil doch der Dritte Weg inzwischen im stern wahrgenommen wird, aber kein Holzweg sein sollte nach den vielen Holzwegen des östlichen Staatssozialismus und des westlichen Kriegs­kapitalismus. Um nicht missverstanden zu werden, hier meine Konfession aus Sklavensprache und Revolte, Seite 282/83: Mein Verhältnis zu Bloch war anfangs das eines dankbaren Zuhörers. Nie war ich sein Schüler, denn mir fehlte der Glaube. Ich hielt es mehr mit Schopenhauer. Aus dem Viertel­jahrhundert Bekanntschaft wurde bald Freundschaft, doch stets mit Reserven. Als Bloch 1955 den Nationalpreis erhielt und sich sicher zu fühlen begann, versorgte ich ihn insgeheim mit internen Informationen über seine Gegner in der Partei, was wichtig für ihn war. 1956 hatte ich mir vorgenommen, Bloch zu den Konsequenzen seines Denkens zu verführen. Ich sage „verführen“.
Er wusste, was er tun müsste, riskierte es jedoch nicht. Jener Besuch bei ihm, von dem Karola berichtet, war mein letzter Versuch. Wenn ich schon westwärts gehen müsste, würde ich nicht wie andere schweigen, nahm ich mir vor. Da ich in Bloch den Reform-Philosophen sah, wollte ich, dass er es offen erweise und nicht wie bisher taktisch verdecke. Verstand er mich nicht oder wollte er nicht verstehen? Ich begriff, dass er in seinem Alter vor dem Risiko zurückschreckte.Im Westen nutzte ich jede Möglichkeit, ihn über die Medien zur Konsequenz zu provozieren.
Das hatte Folgen, die bis zu Helmut Schmidt reichten.
Schulz äußerte sich über Putin und Tillich: „Blockflöte für Tschekisten“
(Foto: Deutscher Bundestag)
In einem früheren Leben war ich mal launiger Bundestagsabgeordneter in Bonn, damals entstand folgende Notiz: Der Parla­menta­rische Geschäftsführer der Grünen, Werner Schulz, ist ein guter Redner, dem ich baff zuhöre, denn er schöpft seinen Zorn direkt aus Gottes Hirnschale, im Angriff gnadenlos, ein Jäger der Sünde, und zielsicher beim Abschuss des Wildes. Ich vermute, der stirnzerfurchte Mann mit dem aschgrauen Gesicht derer, die den Feinden auflauern, weil sie sich selbst nicht vergeben können, ich vermute also, da trägt einer sich selbst als Last durchs Leben. Wenn Schulz die PDS vornimmt, bin ich an meine frühen Attacken auf die SED erinnert, jetzt suchen die Spätlinge nachzuholen, was sie zu der Zeit versäumten, als es noch gefahrvoll war, den Diktatoren entgegen­zutreten.
Schulz und ich wohnten in Bonn im selben Abgeordnetensilo Heussallee 7. An einem arglos reinen Freitagmorgen, die Sonne schien wie bestellt, die Luft roch nur nach sich selbst und der Himmel über uns log sich die blaueste Bläue auf die Jacke, stieg ich die Stufen vom Eingang zur Straße hinab, versenkte hausväterlich ordentlich einen Beutel Abfall in den linkerhand aufgereihten Kunststofftonnen, wandte mich zurück, um auf die Straße zu treten, da verließ der Kollege, das grüne Mitglied des Bundestages, der mürrische Werner Schulz das Haus, erschien oben auf dem Steinpodest, von wo die Stufen herabführen, und ich wünschte einfach aus der Reinheit des Herzens heraus deutlich und artikuliert einen Guten Morgen. Es kam keine Antwort. Nach zwei Schritten blieb ich stehen, wandte mich um und erklärte: Sie sind wirklich ein Arsch!
Der Herr Kollege glotzte. Entschloss sich zu einem Geräusch, das als einsamer Lacher gedeutet werden konnte, wäre das Gesicht, dem es entfuhr, nicht so grämlich maskiert gewesen. Das war's dann auch.
In meinen gesamten vier Bonner Jahren wurde zwischen Schulz und mir kein Wort gewechselt. Mein Gruß, meine fünf nachgeschobenen Worte und sein unarti­kuliertes Lachen blieben die Ausnahme. Dabei hätte ich mir vom grünen Bürgerrechtler liebend gern von seinen bürger­rechtlichen Leipziger Helden­taten berichten lassen, und sei es nur, um sie zu notieren, wie es Chronisten­pflicht ist. Wenn der Zwickauer Schulz jetzt retour in die Politik will und als Europa­abgeordneter Mulde und Pleiße in Brüssel vertreten möchte, wünsche ich ihm dazu viel Glück. Er ist ein großer Redner. Doch das allein ist etwas wenig, wenn er schweigt oder dummes Zeug von sich gibt. Und schimpft er Putin einen Tschekisten, sollte er bedenken, Tschekisten fielen zu Zeiten seiner Väter unter den Kommissarbefehl und wurden von Deutschen ermordet.
Auf den 612 Seiten seiner eben erschienenen Innen­ansichten als Zeit­zeug­nisse – Philo­sophie und Politik in der DDR, Verlag am Park, Berlin 2008, unterstützt Prof. Alfred Kosing die Behaup­tung des Ulbricht-Sekretärs Herbert Graf, wonach es für Bloch kaum Gründe gab, die DDR zu verlassen.
So hat eben jeder sein eigenes Brett vorm Kopf und will es auch den anderen annageln. Kosing schreibt vom „zweideutigen Bloch“, was berechtigt ist. Wäre der Philosoph eindeutig gewesen, hätte die Partei ihn von vornherein nicht verkraftet. Kosing liegt Blochs „rhapsodische Denkweise und aphoris­tische Schreib­weise nicht sonderlich“, er bevorzugt eine „an logischer Folge­richtigkeit orientierte Sprache.“ So logisch wie folgerichtig fuhren die Genossen von der elitären Orthodoxie ihren Sozialismus an die Wand. Jahrzehnte später sind sie noch genauso unwissend klug als wie zuvor. Nach dem Faust-Wort ein schöner Spruch vom spätantiken Boethius: „Si tacuisses philosophos mansinnes“, na, so sicher als Rettung ist bloßes Schweigen im Falle Kosing auch wieder nicht …
In meiner langerprobten Naivität, doch den einheits­parteilichen Ost-Masochis­mus ablehnend, ahnte ich 1957 beim DDR-BRD-Wechsel nicht, dass mir die rhetorischen Meister­leistungen des geheimen 33. ZK-Plenums und die Auswirkungen der beschlagnahmten Papiere im Westen alsbald wieder­begegnen würden. Ich ging flott meinen Dritten Weg durch den alldeutschen Urwald. Die Straßenräuber der ersten wie der zweiten Wegstrecke lauerten allüberall im Dschungel der Moderne, in den sie ihre Holzwege schlugen wie die Wehrmacht ihre Rollbahnen Richtung Moskau.
gesang vom kollektiv

in der ecke stille hoden
in spiritus – mit chlor geputzt
abgeschnitten denn es ist verboten
dass man sie privat benutzt

(Gesänge auf dem Markt, Köln 1962)

Das nächste Kapitel erscheint am Montag, den 23. Februar 2009.

Gerhard Zwerenz   16.02.2009    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
Gerhard Zwerenz
Serie
  1. Wie kommt die Pleiße nach Leipzig?
  2. Wird Sachsen bald chinesisch?
  3. Blick zurück und nach vorn
  4. Die große Sachsen-Koalition
  5. Von Milbradt zu Ernst Jünger
  6. Ein Rat von Wolfgang Neuss und aus Amerika
  7. Reise nach dem verlorenen Ich
  8. Mit Rasputin auf das Fest der Sinne
  9. Van der Lubbe und die Folgen
  10. Unser Schulfreund Karl May
  11. Hannah Arendt und die Obersturmbannführer
  12. Die Westflucht ostwärts
  13. Der Sänger, der nicht mehr singt
  14. Ich kenne nur
    Karl May und Hegel
  15. Mein Leben als Prophet
  16. Frühe Liebe mit Trauerflor
  17. Der Schatten Leo Bauers
  18. Von Unselds Gegner zu Holtzbrincks Bodyguard
  19. Karl May Petrus Enzensberger Walter Janka
  20. Aus dem Notizbuch eines Ungläubigen
  21. Tanz in die zweifache Existenz
  22. General Hammersteins Schweigen
  23. Die Pleiße war mein Mississippi
  24. Im Osten verzwergt und verhunzt?
  25. Uwe Johnson geheimdienstlich
  26. Was fürchtete Uwe Johnson
  27. Frühling Zoo Buchmesse
  28. Die goldenen Leipziger Jahre
  29. Das Poeten-Projekt
  30. Der Sachsenschlag und die Folgen
  31. Blick zurück auf Wohlgesinnte
  32. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (I)
  33. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (II)
  34. Brief mit Vorspann an Erich Loest
  35. Briefwechsel mit der Welt der Literatur
  36. Die offene Wunde der Welt der Literatur
  37. Leipzig – wir kommen
  38. Terror im Systemvergleich
  39. Rachegesang und Kafkas Prophetismus
  40. Die Nostalgie der 70er Jahre
  41. Pauliner Kirche und letzte Helden
  42. Das Kickers-Abenteuer
  43. Unser Feind, die Druckwelle
  44. Samisdat in postkulturellen Zeiten
  45. So trat ich meinen Liebesdienst an …
  46. Mein Ausstieg in den Himmel
  47. Schraubenzieher im Feuchtgebiet
  48. Der Fall Filip Müller
  49. Contra und pro Genossen
  50. Wie ich dem Politbüro die Todesstrafe verdarb
  51. Frankfurter Polzei-buchmesse 1968
  52. Die Kunst, weder Kain noch Abel zu sein
  53. Als Atheist in Fulda
  54. Parade der Wiedergänger
  55. Poetik – Ästhetik und des Kaisers Nacktarsch
  56. Zwischen Arthur Koestler und den Beatles
  57. Fragen an einen Totalitarismusforscher
  58. Meine fünf Lektionen
  59. Playmobilmachung von Harald Schmidt
  60. Freundliche Auskunft an Hauptpastor Goetze
  61. Denkfabrik am Pleißenstrand
  62. Rendezvous beim Kriegsjuristen
  63. Marx, Murx, Selbstmord (der Identität)
  64. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (I. Teil)
  65. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (II. Teil)
  66. Der Bunker ...
  67. Helmut auf allen Kanälen
  68. Leipzig anno 1956 und Berlin 2008
  69. Mit Konterrevolutionären und Trotzkisten auf dem Dritten Weg
  70. Die Sächsischen Freiheiten
  71. Zwischen Genossen und Werwölfen
  72. Zur Geschichte meiner Gedichte
  73. Poetenladen: 1 Gedicht aus 16 Gedichten
  74. Der Dritte Weg als Ausweg
  75. Unendliche Wende
  76. Drei Liebesgrüße für Marcel
  77. Wir lagen vor Monte Cassino
  78. Die zweifache Lust
  79. Hacks Haffner Ulbricht Tillich
  80. Mein Leben als Doppelagent
  81. Der Stolz, ein Ostdeutscher zu sein
  82. Vom Langen Marsch zum 3. Weg
  83. Die Differenz zwischen links und rechts
  84. Wo liegt Bad Gablenz?
  85. Quartier zwischen Helmut Schmidt und Walter Ulbricht
  86. Der 3. Weg eines Auslandssachsen
  87. Kriegsverrat, Friedensverrat und Friedenslethargie
  88. Am Anfang war das Gedicht
  89. Vom Buch ins Netz und zur Hölle?
  90. Epilog zum Welt-Ende oder DDR plus
  91. Im Hotel Folterhochschule
  92. Brief an Ernst Bloch im Himmel
  93. Kurze Erinnerung ans Bonner Glashaus
  94. Fritz Behrens und die trotzkistische Alternative
  95. 94/95 Doppelserie
  96. FAUST 3 – Franz Kafka vor Auerbachs Keller
  97. Rainer Werner Fassbinder ...
  98. Zähne zusammen­beißen ...
  99. Das Unvergessene im Blick
    1. Nachwort
Nachworte
  1. Nachwort
    siehe Folge 99
  2. Auf den Spuren des
    Günter Wallraff
  3. Online-Abenteuer mit Buch und Netz
  4. Rückschau und Vorschau aufs linke Leipzig
  5. Die Leipziger Denkschule
  6. Idylle mit Wutanfall
  7. Die digitalisierte Freiheit der Elite
  8. Der Krieg als Badekur?
  9. Wolfgang Neuss über Kurt Tucholsky
  10. Alter Sack antwortet jungem Sack
  11. Vor uns diverse Endkämpfe
  12. Verteidigung eines Gedichts gegen die Gladiatoren
  13. Parademarsch der Lemminge und Blochs Abwicklung
  14. Kampf der Deserteure
  15. Fritz Bauers unerwartete Rückkehr
  16. Der Trotz- und Hoffnungs-Pazifismus
  17. Als Fassbinder in die Oper gehen wollte
  18. Was zum Teufel sind Blochianer?
  19. Affentanz um die 11. Feuerbach-These
  20. Geschichten vom Geist als Stimmvieh
  21. Von Frankfurt übern Taunus ins Erzgebirge
  22. Trotz – Trotzalledem – Trotzki
  23. Der 3. Weg ist kein Mittelweg
  24. Matroschka –
    Die Mama in der Mama
  25. Goethe bei Anna Amalia und Herr Matussek im Krieg
  26. Der Aufgang des Abendlandes aus Auerbachs Keller
  27. Jan Robert Bloch –
    der Sohn, der aus der Kälte kam
  28. Das Buch, der Tod und der Widerspruch
  29. Pastor Gauck oder die Revanche für Stalingrad
  30. Bloch und Nietzsche werden gegauckt ...
  31. Hölle angebohrt. Teufel raus?
  32. Zwischen Heym + Gauck
  33. Von Marx über Bloch zu Prof. Dr. Holz
  34. Kafkas Welttheater in Auerbachs Keller
  35. Die Philosophenschlacht von Leipzig
  36. Dekonstruktion oder Das Ende der Ver­spä­tung ist das Ende
  37. Goethes Stuhl – ein Roman aus Saxanien
  38. Meine Weltbühne im poetenladen
  39. Von Blochs Trotz zu Sartres Ekel
  40. Die Internationale der Postmarxisten
  41. Dies hier war Deutschland
  42. Kopfsprünge von Land zu Land und Stadt zu Stadt
  43. Einiges Land oder wem die Rache gehört
  44. Schach statt Mühle oder Ernst Jünger spielen
  45. Macht ist ein Kriegszustand
  46. Dekonstruktion als Kriminalgeschichte I
  47. Damals, als ich als Boccaccio ging …
  48. Ein Traum von Aufklärung und Masturbation
  49. Auf der Suche nach der verschwundenen Republik
  50. Leipzig am Meer 2013
  51. Scheintote, Untote und Überlebende
  52. Die DDR musste nicht untergehen (1)
  53. Die DDR musste nicht untergehen (2)
  54. Ein Orden fürs Morden
  55. Welche Revolution darfs denn sein?
  56. Deutschland zwischen Apartheid und Nostalgie
  57. Nietzsche dekonstruierte Gott, Bloch den Genossen Stalin
  58. Ernst Jünger, der Feind und das Gelächter
  59. Von Renegaten, Trotzkisten und anderen Klassikern
  60. Die heimatlose Linke (I)
    Bloch-Oper für zwei u. mehr Stimmen
  61. Die heimatlose Linke (II)
    Ein Zwischenruf
  62. Die heimatlose Linke (III)
    Wer ist Opfer, wer Täter ...
  63. Die heimatlose Linke (IV)
    In der permanenten Revolte
  64. Wir gründen den Club der
    heimatlosen Linken
  65. Pekings große gegen Berlins kleine Mauer
  66. Links im Land der SS-Ober­sturm­bann­führer
  67. Zweifel an Horns Ende – SOKO Leipzig übernimmt?
  68. Leipzig. Kopfbahnhof
  69. Ordentlicher Dialog im Chaos
  70. Büchner und Nietzsche und wir
  71. Mit Brecht in Karthago ...
  72. Endspiel mit Luther & Biermann & Margot
  73. Die Suche nach dem anderen Marx
  74. Wer ermordete Luxemburg und Liebknecht und wer Trotzki?
  75. Vom Krieg unserer (eurer) Väter
  76. Wohin mit den späten Wellen der Nazi-Wahrheit?
  77. Der Feind ist in den Sachsengau eingedrungen
  78. Die Heldensöhne der Urkatastrophe
  79. Die Autobiographie zwischen
    Schein und Sein
  80. Auf der Suche nach der verlorenen Sprache
  81. Atlantis sendet online
  82. Zur Philosophie des Krieges
  83. Deutsche, wollt ihr ewig sterben?
  84. Der Prominentenstadl in der Krise
  85. Der Blick von unten nach oben
  86. Auf der Suche nach einer moralischen Existenz
  87. Vom Krieg gegen die Pazifisten
  88. Keine Lust aufs Rentnerdasein
  89. Von der Beschneidung bis zur
    begeh­baren Prostata
  90. Friede den Landesverrätern
    Augstein und Harich
  91. Klarstellung 1 – Der Konflikt um
    Marx und Bloch
  92. Bloch & die 56er-Opposition zwischen Philo­sophie und Verbrechen
  93. Der Kampf ums Buch
  94. Und trotzdem: Ex oriente lux
  95. Der Soldat: Held – Mörder – Heiliger – Deserteur?
  96. Der liebe Tod – Was können wir wissen?
  97. Lacht euren Herren ins Gesicht ...
  98. Die Blochianer kommen in Tanzschritten
  99. Von den Geheimlehren der Blochianer
Aufsatz