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Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | Folge 19

Dies ist eine sächsische Autobiographie als Fragment in 99 Fragmenten. Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philosophen nennen das coincidentia oppositorum, d.h. Einheit der Widersprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

19

Karl May Petrus Enzensberger Walter Janka


Georg Lukác und Walter Janka
Georg Lukác und Walter Janka

Von Karl May, der als Wiedergeborener zwischen Himmel und irdischer Hölle wechselt, wie in dieser Serie schon erläutert wurde, traf eine Botschaft ein, die uns sehr zu denken gibt. Er schrieb: Gestern kam Sankt Peter hier vorbei. Der unkündbare Himmelshauswart. Ich blickte gerade von meiner Wolke auf die Erde. Aus der Ferne sah es dort unten aus wie ein Marionettentheater. Ganz deutlich erkannte man die Fäden, an denen die Politiker hingen und ihre Hintermänner, die daran zogen. Ich fürchte, sagte ich zum Heiligen Peter, die Erde dort unten ist in Wirklichkeit die wahre Hölle. Nein, erwiderte er, nicht die Hölle, es ist der Ort des Fegefeuers. Manche absolvieren bereits den tausendsten Durchgang. Ich war verblüfft. Heißt das, heiliger Peter, es läuft nach der heidnischen Wiedergeburtslehre? Das ist nur gerecht, bestätigte er, je weiter einer die Karriereleiter hochsteigt, desto satanischer wird sein Charakter. Entfremdung nannte das der junge Marx. So ungläubig wie erstaunt blickte ich Petrus an – er las Marx? Den Himmelspförtner ergriff der Eifer des Missionars. Weshalb, um Gottes willen, möchte einer dort unten Minister werden oder General? rief er aus. Weil er damit die Lizenz zum Töten erlangt, und das bedeutet laut Luther-Bibel zum Morden. Wer das drunten aber so offen zu kritisieren riskiert, dessen Seele ist schon verloren –

Das weiß ich doch, Genosse Peter ...

Er weiter in seinem Furor: Wen brachte Stalin als erstes um? Seine frühesten Mitstreiter, dann ließ er Leo Trotzki den Schädel einschlagen. Wen ließ Hitler als erstes erschießen? Seine alten Kämpfer und Kameraden.

Das sind die Diktatoren, unterbrach ich Petrus, wir Demokraten jedoch ...

Er ließ sich nicht stoppen: Gehlen, Hitlers Geheimdienstgeneral für Fremde Heere Ost, wurde in der Bonner Republik Adenauers oberster Geheimdienstchef und ließ nach der Wiedervereinigung noch der letzten Stasi-Küchenhilfe die Rente kürzen. Gehlen war da schon längst gestorben, warf ich ein, oder mischt er vom Himmel her wieder mit?

Petrus: Der General befindet sich im tausendsten Durchlauf. ..

Ach – Ihr schickt die Kerle zurück auf die Erde? Und als was schickt ihr sie zurück?

Als Kakerlake, Filzlaus, Stinktier, Ratte, manchmal auch als runderneuerten Geheimdienstler mit Mordlizenz...

In diesem spannenden Moment klingelte Peters Handy. Sein Chef rief ihn zu sich. Ich sah ihm in der mir eigenen soften Ungläubigkeit nach, wie er auf Dienstwolken davonschwebte. Die Ursache für seine Beflissenheit ist mir nicht unbekannt.

Dreimal verleugnete er im Jahre 33 des Herrn seinen Jesus und ließ sich später in Rom reuevoll mit dem Kopf nach unten kreuzigen. Seitdem ist für die römischen Schwarzen der Kopf das unterste Körperteil.

Derlei Weisheiten spreche ich hier im schwarzen Himmel nicht laut aus, denn die Doppelagenten von Gehlen und Mielke arbeiten weiter für die hiesige Regierung, welche Partei sie auch stellen möge. Immerhin notiere ich meine diversen Erkenntnisse im Gebetbuch verschlüsselt an den Rändern und halte den Schatz stets gut verschlossen, man weiß ja nie.

Beim Ausblick in die irdischen Tiefen schwebe ich über dem Erdball dahin, ein engelartiger Kosmonaut des höchsten Herrn. Weit unter mir zeichnet sich das vertraute Urstromtal der Pleiße ab, das Land Sachsen steht auf dem Kopf als ein umgekehrtes Sizilien und ein fremdes Gefühl durchweht meine ungläubige sächsische Seele – wenn es Melancholie sein sollte, Leute, krieg' ich den nächsten Hustenanfall... Die Pleiße läßt ein glucksendes Lachen hören.

Das war der Augenblick, in dem sich mir unser sächsischer Ur-Charakter entschlüsselte. Es ist das Zwillingsbild von Don Quichote und Sancho Pansa. Der erste kämpft offen mit eingelegter Lanze, der zweite macht sich seinen eigenen Vers drauf. Nr. 1 ist Idealist, Nr. 2 lacht sich ins Fäustchen. Sachsen ist die Quintessenz der weiland DDR, die besser war als ihr schlechter Nachruf. Das seit Bismarck rote Sachsen gibt sich mit vorgetäuschter Harmlosigkeit als schwarzes Sachsen. Das Kapital spielt nur unlustig mit. Die Sachsen sollen ausgespart und dezimiert werden zur Strafe für ihre vergangenen Erfolge. Muß der Freistaat jetzt versteppen und verwüsten?

Tags darauf hockte ich vorn am Tor bei St. Peter. Werter Genosse, hebe ich an, wie bringst du's nur fertig, zweitausend Jahre lang ohne Prostata­beschwerden zu überleben?

Das ist einfach, antwortete er, ich sauf mich gesund. Oder denkst du, ich wäre sonst fähig, den Dauerdienst hier am Portal zu überstehen?

Ich wage eine Frage, die mir schon lange auf der Seele brennt: Erklärst du mir, weshalb das Volk deinen Christus ans Kreuz nageln ließ?

Seine Antwort ist kurz und knapp: Um ihn in Ewigkeit anbeten zu können.

In diesem Moment verstehe ich das irdische Fernsehen. Bei MTV läuft eine Cartoon-Serie mit dem Titel Popetown. Die Werbung für diese Papst-Satire wird unterstützt durch eine inzwischen von vielen Jugendlichen eifrig aus dem Netz abgerufene Anzeige. Zu erkennen ist darauf eine Jesusfigur, die amüsiert vor dem tv-Gerät sitzt, im Hintergrund steht ein leeres Kreuz, unten der Slogan: »Lachen statt rumhängen.«

Ich kehre zur Erde zurück und nehme mir vor, künftig lustig-luftig an jedem 1. Mai den Karfreitag, den Volkstrauertag, Karneval und Aschermittwoch in einem Aufwasch zu feiern, da finde ich eine Mail von Petrus vor: »Lieber Karl May, ich bin vom Himmelstor desertiert … In der FAZ vom 25. April 07 wurde zum tausendsten Mal Hitlers Fliegergeneral Mölders empfohlen, seit Ewigkeit nichts als höllischer Schwachsinn dort unten, und dann marschieren die Kerle hier an und wollen in den Himmel.«

Kurzum, 2000 Jahre Wächteramt seien genug, mailte Petrus. Zwar habe Nietzsche unrecht, Gott sei keineswegs tot, aber seit der Entdeckung unendlich vieler Weltsysteme schlichtweg überfordert und abgelenkt, abgesehen von seiner Umgebung, diesen Himmelshofschranzen und falschen Fuffzigern. Alles in allem habe er das Türstehen dicke und lebe jetzt als Praktikant in Sachsen mit Schwerpunkt Chemnitz, Erzgebirge, Vogtland, Zwickau, Plauen und die Pleiße und Mulde entlang bis Leipzig und mit der Elster zur Elbe. Sein Wohnsitz sei Schlema, früher Oberschlema, das stärkste Radiumbad der irdischen Welt, das die Russen abgruben, als sie Sowjets hießen und mit den Atombomben den USA geichzuziehen versuchten. Seitdem das misslang, sind die radonhaltigen Wasser aus den Bergen wieder friedlich nutzbar, der Ort entsteht erneut, und unser Peter trinkt, badet und inhaliert tüchtig und verspüre sein biblisches Alter immer weniger. Manchmal besuche er Bad Elster, Bad Brambach und all die Städtchen, wo es sich prächtig aufleben, gesunden und neuen Mut fassen lässt. Die Heilquellen speisen sich aus dem Gebirgsgestein, die Bäche und Flüsse sind voller Radium-Emanationen der Pechblende. Ein Bad in Mulde und Pleiße kräftige wie eine Kur in Baden-Baden, auch Goethe und Faust erholten sich in Sachsen, nur Marx fuhr weiter ins böhmische Bäderdreieck Franzensbad, Karlsbad, Marienbad, weil er in Sachsen die Stasi fürchtete und als Trierer Volksfreund einen guten Wein dem Bier vorziehe, das jedoch, aus sächsischen Radium-Radon-Quellen gespeist, eine sensationelle Vitalität vermittelt, und alles reine Natur. Überhaupt, so der desertierte St. Peter, lebe er als ehemaliger Himmelspförtner in Sachsen wie Gott in Frankreich. Es gebe jeden Tag einen Sonderexpress von und nach Berlin, Abfahrt Berlin 10 Uhr 17, Ankunft im Radiumbad Schlema 14 Uhr 37, ein Triebwagen fährt von Leipzig mit Halt in den berühmten Weltstädten Altenburg, Crimmmitschau, Werdau, Zwickau bis Niederschlema und brauche dazu kaum zwei Stunden. Zu den berüchtigten Pleißenmetropolen Werdau und Crimmitschau ist es von Schlema aus sowieso nur ein Katzensprung. Nach Schneeberg, Aue, Rodewisch und Zwickau verkehren stündlich schnelle Busse, schon 1928 gab es täglich 234 Ankunfts- und Abfahrtstermine.

Unser guter alter Peter entwickelt sich also zu einem Sachsen-Fan wie er im Buche steht, und das ist nicht die Bibel, rührt aber her vom Reizklima der Bade-Orte im Quellgebiet von Pleiße, Mulde, Chemnitz, Zschopau und von den Alphastrahlen des zerfallenden Urangesteins, das in der Bombe den Menschen verbrennt, in Gesundheitsstollen, Bädern und Trinkwasser aber so wohltuend und positiv wirkt, dass Old Nietzsche hier mit Recht vom Übermenschen spräche ... Sachsen jedenfalls ist als Pekinger Sonder­wirtschaftszone und St. Peters Wohnsitz eine kosmische Attraktion geworden. Warum auch nicht. Spartakus desertierte aus der Sklavenqual, Jesus aus der irdischen Marterhölle in den Himmel, Marx vom Bürgertum in die revolutionäre Phantasie. Petrus aber hat nach zweitausend Jahren die überirdischen Faxen satt und regeneriert sich in Sachsens Wunderbädern als Jünger des wahren und unverfälschten Jesu, der durch den Mund von Karl Marx und Karl May die ursächsische Weisheit verkündet: An allem ist zu zweifeln.


Der wiedergeborene Karl May und sein Himmelsfreund Petrus reden beide von einem märchenhaften Sachsen, wie es sein könnte, wäre es so wie wir es schüfen, steckte der Teufel, dieser Konterrevolutionär, nicht im Detail. Bevor wir das Land zu rosig malen und mit Goldrand versehen, sei es auf Distanz betrachtet. Die Sachsen haben's schwer. Standen noch in der Leipziger Völkerschlacht auf Napoleons Seite. Wählten im guten alten Kaiserreich engstirnig Sozialdemokraten. Machten 1848 und 1918 in Dresden Revolution und wurden zu Weimars Zeiten 1923 illegitim von Reichswehr und Freikorps besetzt, was sie noch linker werden ließ, bis sie ab 1933 begriffen, dass ihre Zukunft in Stalingrad lag. Ab 1945 erinnerten sie sich schnell ihrer revolutionären Vergangenheit und brachten es in Berlin zur 5. Besatzungs­macht. Während der Leipziger Walter Ulbricht den 1. Mann der DDR spielte, schaffte es der Dresdner Günther Nollau zum Bonner Verfassungs­schutzpräsidenten und Helmut Schön trainierte die Fußball-Nationalmannschaft (West). Ab 1989 wählten die Leipziger in Montagsdemos die Freiheit des Westens verbunden mit der Befreiung von sicheren Arbeitsplätzen. Von jetzt an ging es gegen Antifaschisten, die das Land seit 1945 zusammen mit den Russen besetzt hielten.

Als gebürtiger Sachse frage ich mich nur, wie frei der Freistaat von aller Vernunft sein müsse. Als 1996 die Rehabilitierung von Wehrmachts-Deserteuren im Bundesrat anstand, stimmten die Freistaaten Sachsen und Bayern dagegen. Dem Justizminister Heitmann waren die Opfer der Verfolgung nach 1945 wichtiger als die Opfer der Nazis. Füglich erklärte das Stalin-Opfer Hans Corbat, wenn ein Deserteur wie mein Freund Ludwig Baumann nicht an Gedenkfeiern teilnehmen könne, bei denen NS-Militärjuristen, die Todesurteile fällten, geehrt werden, vermöge er nicht der Deserteure zu gedenken, die »wegen Feigheit vor dem Feind belangt wurden.« Der kleine Unterschied zwischen Juristen, die per Urteil Blut vergießen {lassen), und Deserteuren, die das Blutvergießen verweigern, ist in Sachsens Regierung offenbar unbekannt. Wie kommt es, dass die exekutierten Wehrmachtssoldaten von Torgau – es sind mehr als elfhundert – so schäbig behandelt, sogar indirekt ihren Hinrichtern gleichgestellt werden? Weil die Todeslinien dieses Jahrhunderts ungescheut von 1914 bis heute durchgezogen sind. Die Katharsis soll verhindert werden. Der Mensch ein ewiger Krieger bleiben. Ausgerechnet aus einem nach Hannah Arendt benannten sächsischen Institut vernahm man die Kunde, dass Georg Elsers Attentat auf Hitler moralisch verwerflich und daher abzulehnen sei. Sowas hat keine Ahnung von Hannah Arendt und Rosa Luxemburg

Die Geringschätzung von Widerständlern und Antifaschisten hat Methode. Kein Wunder, die Herren Politiker und wenigen Damen in dem Job wollen davon nichts wissen. Den sächsischen Gedenkstätten­beirat verließen unter Protest der Vertreter des Zentralrats der Juden, die Vertreter der Sinti und Roma sowie die des VVN und der Deserteure, weil sie kein Gedenkstättengesetz akzeptieren wollen, durch das Täter und Opfer auf Augenhöhe des Schusskanals kommen. Statt den Stalinismus-Opfern eine gerechte Rente zu zahlen, werden sie gegen die Opfer des Faschismus benutzt. Das scheint den Regierenden leicht zu fallen, denn auf den Karriereleitern der Negativauslese gelangte kaum ein Verfolgter zu höheren Ministerweihen.

Die politischen Zustände in Sachsen sind der blamable Überbau zum wirtschaftlichen Jammertal. In Dresden z.B. begann VW vor aller Augen den exquisiten Phädon zu fertigen. Schön sieht er aus, nur will ihn kaum einer kaufen. Aber die Chip-Industrie boomt und boomt. Schon warnen Wirtschafts­gurus vor Überhitzung dieser Konjunktur. Tag für Tag werden Arbeitslose produziert, die können ja mit den in Zwickau-Mosel gebauten Golfs zu den Jobs nach Bayern brettern – und gibt es da keine Arbeit mehr, reicht es noch zur Heimfahrt, falls die Scheichs und der Staat nicht den Sprit zum Luxusgut verteuern. In Leipzig stellt man fleißig BMW und Porsche her, die Pleiße wird ausgebaut zur olympischen Regattastrecke. Wer kein Auto hat, darf dort rudern. Bald werden sie das Völkerschlacht-Denkmal zum Mahnmal gegen Linke, Antifaschisten und Deserteure umwidmen. Unterdessen schließen Betriebe und Schulen um die Wette, verharren Mütter im Gebärstreik, gehen Krankenhäuser pleite und Ärzte in Rente, dass mehr und mehr Praxen leerstehen wie die Million unnütz hingeklotzter Wohnungen. Stellungslose Jugendliche, hochqualifizierte Techniker und Wissenschaftler finden entweder gar keinen Job oder verdingen sich rund um den Globus als Gastarbeiter. So läuft die traditionelle Industrieregion leer, ein Albtraumland, geschaffen von einer hilflos quengelnden Obrigkeit, deren ideeller Horizont an Adenauers beschränkte Weltsicht anschließt. Der war immerhin mit allen Wassern gewaschen, während die Dresdner Postbiederköpfe ihr Grenzland verwalteten, als befände man sich im Vasallenstatus einer römischen Provinz. Wo bleiben jetzt die in der DDR agilen Schriftsteller, die zu Wendezeiten ihren Widerstand reklamierten und seither in kommunikativer Vereinsamung dahindämmern? Wo sind die einst ach so quicken Bürgerrechtler? Wo die bekanntlich vigilanten Geister von Pleiße, Mulde und Elbe? Welch ein Niedergang nach Jahrzehnten fleißigen Aufbaus. Weil nichts mehr rundläuft, versucht Sachsen ersatzweise das längst nicht mehr ganz so tiefschwarze Bayern rechts zu überholen. Als F.J. Strauß der DDR seinerzeit einen Milliardenkredit verschaffte, verlängerte er deren Lebenszeit um Jahre. Seit der Einheit von 1990 flossen über tausend Milliarden in die angeschlossenen Länder? Selbst das geschwächte, ineffektive Honecker-Regime hätte mit soviel Kohle blühende DDR-Landschaften und einen friedensreichen Sozialismus zum Verlieben schaffen können. Die jetzt regierende politische Klasse präsentiert einen Kapitalismus zum Abgewöhnen. Folglich macht im Jahr 2007 eine sächsische Korruptionsaffäre Schlagzeilen, wie sie ein Satiriker nie hätte erfinden dürfen, ohne dafür als Absurdist abgetan und beschimpft zu werden. Wir erkennen Sachsen nicht wieder. Man raubt ihm Lebenskraft und Urteilsvermögen. Unser Sachsen ist anders. Im Leipziger Rathaus und nebenan suchten sie solange nach Stasi-IMs, bis es sie selbst anödete. Da orderten sie bezahlte Mädchen aus Tschechien und spielten den starken August, als wäre die Pleiße eine Elbe im Sonderangebot. Wird die jüngste sächsische Geschichte so zur Sache der Gerichte? Dabei war August der Starke auch nur ein Schwein mit Krone.

 

Von Karl May, Petrus und August dem Starken gelangen wir direkt zu Hans Magnus Enzensberger und seinem neuesten Werk Hammerstein oder der Eigensinn, das Suhrkamp eben per FAZ-Vorabdruck auf den Jahrmarkt der Verleger pustet. Was nur ist mit dem Autor geschehen? Wir vermuteten ihn seit längerer Zeit als US-Army-Panzer-Kommandanten am Hindukusch beim Krieg gegen die Hitler der Dritten Welt, und da legt er ein Buch vor und auch noch ein gutes. Das wirft uns fast um. Der Titel freilich ist zur Hälfte Mist – der treffende Teil ist Hammerstein. Zu diesem General äußerte ich mich schon vor Jahren, weil er für die meisten deutschen Historienschreiber nicht existent war oder grundfalsch interpretiert wurde. Nun zur schlechten Hälfte des Buchtitels – Eigensinn – den besaß auch der Führer Adolf im Übermaß und mit ihm die Volksmehrheit von der Arbeitsfront bis zur Wehrmacht samt SS. Eigensinnig betrieben sie ihren Krieg gegen die Welt. Damals als eigensinnige Nazis, heute gelenkt von eigensinnigen Demokraten. Haut das nicht hin sind andere Eigensinnige schuld.

Ich kenne bisher nur die vorabgedruckten Folgen vom Buch des Hammerstein-Forschers. Er präsentiert eine Fülle von Fakten und Personen. Eine kaum mehr zu erwartende Fleiß-Arbeit des temporären Schaum­schlägers Enzensberger, der, bevor er im Opportunistensumpf unterzugehen drohte, schon mal wusste, »wie wenig man in Deutschland vom politischen Widerstand versteht« und: »Der Krieg in Vietnam ist die Probe aufs Exempel: Das Regime der reichen über die armen Völker … steht dort auf dem Spiel.« Dann vergaß er diese Erkenntnis und spielte auf Seiten der Reichen gegen die Armen über Jahre hin mit. Jetzt sucht einer aus dem Sumpf zu steigen, wo Moorleichen landen, die dem Pathologen bei der Sektion von vergangenen Kulturen künden.

Es gibt im Fall Hammerstein einen Dollpunkt, um den schleicht auch der renovierte Enzensberger ängstlich herum, soweit das aus dem bis jetzt Vorabgedruckten zu entnehmen ist. Wir melden uns wieder, liegt erst das gesamte Meisterwerk vor. Wer wird nicht seinen Magnus loben, und der Segen kommt von oben.


Am 9.9.07 las ich wieder eine bewegende Ossi-Klage aus Chemnitz. Ein ehemaliger Bürgermeister von Hohenstein-Ernsthal, dem Karl-May-Geburtsort ist »sehr traurig und nachdenklich«, weil die Ostdeutschen abgelehnt und gekränkt werden. Ach du liebe beleidigte Leberwurst. Belgien und Sachsen waren einst führend bei der industriellen Entwicklung Kontinentaleuropas – heute nicht mehr. Wer sich den Schneid abkaufen lässt, wundere sich nicht, wenn man ihn schneidet.

Da fällt mir mein alter Freund Walter Janka ein, der 1990 moserte: »Und jetzt kommt etwas, und dafür schäme ich mich mit, weil ich ja selbst aus der Arbeiterbewegung hervorgegangen bin: Das eine ist ja das, was unsere Bonzen verbrochen haben und verantworten müssen, von HONECKER bis MITTAG und wie sie alle heißen. Aber das andere ist, und das ist beinahe mit genauso beschämend, was sich die Arbeiter in Zwickau, immerhin mindestens 20.000 Arbeiter, wenn man sie alle zusammenzählt, geleistet haben, sie haben sich 20 Jahre lang zwingen lassen, das schlechteste Auto zu bauen, dort wo mal früher, als ich ein junger Mann war, die besten Autos der Welt gebaut wurden. In Eisenach sind in Deutschland die ersten BMWs gebaut worden, das waren die besten Autos. In Zwickau sind die Horch-Autos gebaut worden, die besten Autos Deutschlands. Wir haben unsere Arbeiter genötigt, und die haben es sich gefallen lassen. Stellt Euch doch mal vor, was wäre das für ein Klassenbewußtsein, wenn die Arbeiter gesagt hätten: Hört mal zu, wenn ihr diese Scheiße gebaut haben wollt, dann bauen wir sie für euch, wenn ihr sie fahrt, als Minister und als Parteibonzen, für euch bauen wir sie, aber für uns nicht. Das ist nämlich die Kehrseite der Medaille, daß wir als Partei und als Bewegung ... die Arbeiterbewegung von jedem Selbst­bewußtsein befreit haben.«

Das Zitat entstammt dem ingeniösen Buch Aufrechter Gang im DDR-Sozialismus – Walter Janka und der Aufbau-Verlag von Judith Marschall, das ich 1993 als Manuskript erhielt. Der Band erschien 1994 und ist vergriffen wie Jankas Bücher Schwierigkeiten mit der Wahrheit, Spuren eines Lebens, Bis zur Verhaftung, sowie Der Prozeß gegen Walter Janka und andere.

Vergriffene Bücher sind gleichzusetzen mit mangelndem kollektiven Gedächtnis.

Hier noch dieses Wort von Janka: »Um neu zu beginnen, muß man das Alte überwinden.« Stattdessen strebt die Berliner Republik verblendet ins Uralte zurück, als stünde Richard Wagners Götterdämmerung auf dem Programm, das wir Grundgesetz nennen.

Am Montag, den 28. Januar 2008, erscheint das nächste Kapitel.

Gerhard Zwerenz   21.01.2008   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   Seite empfehlen  empfehlen

Gerhard Zwerenz
Serie
  1. Wie kommt die Pleiße nach Leipzig?
  2. Wird Sachsen bald chinesisch?
  3. Blick zurück und nach vorn
  4. Die große Sachsen-Koalition
  5. Von Milbradt zu Ernst Jünger
  6. Ein Rat von Wolfgang Neuss und aus Amerika
  7. Reise nach dem verlorenen Ich
  8. Mit Rasputin auf das Fest der Sinne
  9. Van der Lubbe und die Folgen
  10. Unser Schulfreund Karl May
  11. Hannah Arendt und die Obersturmbannführer
  12. Die Westflucht ostwärts
  13. Der Sänger, der nicht mehr singt
  14. Ich kenne nur
    Karl May und Hegel
  15. Mein Leben als Prophet
  16. Frühe Liebe mit Trauerflor
  17. Der Schatten Leo Bauers
  18. Von Unselds Gegner zu Holtzbrincks Bodyguard
  19. Karl May Petrus Enzensberger Walter Janka
  20. Aus dem Notizbuch eines Ungläubigen
  21. Tanz in die zweifache Existenz
  22. General Hammersteins Schweigen
  23. Die Pleiße war mein Mississippi
  24. Im Osten verzwergt und verhunzt?
  25. Uwe Johnson geheimdienstlich
  26. Was fürchtete Uwe Johnson
  27. Frühling Zoo Buchmesse
  28. Die goldenen Leipziger Jahre
  29. Das Poeten-Projekt
  30. Der Sachsenschlag und die Folgen
  31. Blick zurück auf Wohlgesinnte
  32. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (I)
  33. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (II)
  34. Brief mit Vorspann an Erich Loest
  35. Briefwechsel mit der Welt der Literatur
  36. Die offene Wunde der Welt der Literatur
  37. Leipzig – wir kommen
  38. Terror im Systemvergleich
  39. Rachegesang und Kafkas Prophetismus
  40. Die Nostalgie der 70er Jahre
  41. Pauliner Kirche und letzte Helden
  42. Das Kickers-Abenteuer
  43. Unser Feind, die Druckwelle
  44. Samisdat in postkulturellen Zeiten
  45. So trat ich meinen Liebesdienst an …
  46. Mein Ausstieg in den Himmel
  47. Schraubenzieher im Feuchtgebiet
  48. Der Fall Filip Müller
  49. Contra und pro Genossen
  50. Wie ich dem Politbüro die Todesstrafe verdarb
  51. Frankfurter Polzei-buchmesse 1968
  52. Die Kunst, weder Kain noch Abel zu sein
  53. Als Atheist in Fulda
  54. Parade der Wiedergänger
  55. Poetik – Ästhetik und des Kaisers Nacktarsch
  56. Zwischen Arthur Koestler und den Beatles
  57. Fragen an einen Totalitarismusforscher
  58. Meine fünf Lektionen
  59. Playmobilmachung von Harald Schmidt
  60. Freundliche Auskunft an Hauptpastor Goetze
  61. Denkfabrik am Pleißenstrand
  62. Rendezvous beim Kriegsjuristen
  63. Marx, Murx, Selbstmord (der Identität)
  64. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (I. Teil)
  65. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (II. Teil)
  66. Der Bunker ...
  67. Helmut auf allen Kanälen
  68. Leipzig anno 1956 und Berlin 2008
  69. Mit Konterrevolutionären und Trotzkisten auf dem Dritten Weg
  70. Die Sächsischen Freiheiten
  71. Zwischen Genossen und Werwölfen
  72. Zur Geschichte meiner Gedichte
  73. Poetenladen: 1 Gedicht aus 16 Gedichten
  74. Der Dritte Weg als Ausweg
  75. Unendliche Wende
  76. Drei Liebesgrüße für Marcel
  77. Wir lagen vor Monte Cassino
  78. Die zweifache Lust
  79. Hacks Haffner Ulbricht Tillich
  80. Mein Leben als Doppelagent
  81. Der Stolz, ein Ostdeutscher zu sein
  82. Vom Langen Marsch zum 3. Weg
  83. Die Differenz zwischen links und rechts
  84. Wo liegt Bad Gablenz?
  85. Quartier zwischen Helmut Schmidt und Walter Ulbricht
  86. Der 3. Weg eines Auslandssachsen
  87. Kriegsverrat, Friedensverrat und Friedenslethargie
  88. Am Anfang war das Gedicht
  89. Vom Buch ins Netz und zur Hölle?
  90. Epilog zum Welt-Ende oder DDR plus
  91. Im Hotel Folterhochschule
  92. Brief an Ernst Bloch im Himmel
  93. Kurze Erinnerung ans Bonner Glashaus
  94. Fritz Behrens und die trotzkistische Alternative
  95. 94/95 Doppelserie
  96. FAUST 3 – Franz Kafka vor Auerbachs Keller
  97. Rainer Werner Fassbinder ...
  98. Zähne zusammen­beißen ...
  99. Das Unvergessene im Blick
    1. Nachwort
Nachworte
  1. Nachwort
    siehe Folge 99
  2. Auf den Spuren des
    Günter Wallraff
  3. Online-Abenteuer mit Buch und Netz
  4. Rückschau und Vorschau aufs linke Leipzig
  5. Die Leipziger Denkschule
  6. Idylle mit Wutanfall
  7. Die digitalisierte Freiheit der Elite
  8. Der Krieg als Badekur?
  9. Wolfgang Neuss über Kurt Tucholsky
  10. Alter Sack antwortet jungem Sack
  11. Vor uns diverse Endkämpfe
  12. Verteidigung eines Gedichts gegen die Gladiatoren
  13. Parademarsch der Lemminge und Blochs Abwicklung
  14. Kampf der Deserteure
  15. Fritz Bauers unerwartete Rückkehr
  16. Der Trotz- und Hoffnungs-Pazifismus
  17. Als Fassbinder in die Oper gehen wollte
  18. Was zum Teufel sind Blochianer?
  19. Affentanz um die 11. Feuerbach-These
  20. Geschichten vom Geist als Stimmvieh
  21. Von Frankfurt übern Taunus ins Erzgebirge
  22. Trotz – Trotzalledem – Trotzki
  23. Der 3. Weg ist kein Mittelweg
  24. Matroschka –
    Die Mama in der Mama
  25. Goethe bei Anna Amalia und Herr Matussek im Krieg
  26. Der Aufgang des Abendlandes aus Auerbachs Keller
  27. Jan Robert Bloch –
    der Sohn, der aus der Kälte kam
  28. Das Buch, der Tod und der Widerspruch
  29. Pastor Gauck oder die Revanche für Stalingrad
  30. Bloch und Nietzsche werden gegauckt ...
  31. Hölle angebohrt. Teufel raus?
  32. Zwischen Heym + Gauck
  33. Von Marx über Bloch zu Prof. Dr. Holz
  34. Kafkas Welttheater in Auerbachs Keller
  35. Die Philosophenschlacht von Leipzig
  36. Dekonstruktion oder Das Ende der Ver­spä­tung ist das Ende
  37. Goethes Stuhl – ein Roman aus Saxanien
  38. Meine Weltbühne im poetenladen
  39. Von Blochs Trotz zu Sartres Ekel
  40. Die Internationale der Postmarxisten
  41. Dies hier war Deutschland
  42. Kopfsprünge von Land zu Land und Stadt zu Stadt
  43. Einiges Land oder wem die Rache gehört
  44. Schach statt Mühle oder Ernst Jünger spielen
  45. Macht ist ein Kriegszustand
  46. Dekonstruktion als Kriminalgeschichte I
  47. Damals, als ich als Boccaccio ging …
  48. Ein Traum von Aufklärung und Masturbation
  49. Auf der Suche nach der verschwundenen Republik
  50. Leipzig am Meer 2013
  51. Scheintote, Untote und Überlebende
  52. Die DDR musste nicht untergehen (1)
  53. Die DDR musste nicht untergehen (2)
  54. Ein Orden fürs Morden
  55. Welche Revolution darfs denn sein?
  56. Deutschland zwischen Apartheid und Nostalgie
  57. Nietzsche dekonstruierte Gott, Bloch den Genossen Stalin
  58. Ernst Jünger, der Feind und das Gelächter
  59. Von Renegaten, Trotzkisten und anderen Klassikern
  60. Die heimatlose Linke (I)
    Bloch-Oper für zwei u. mehr Stimmen
  61. Die heimatlose Linke (II)
    Ein Zwischenruf
  62. Die heimatlose Linke (III)
    Wer ist Opfer, wer Täter ...
  63. Die heimatlose Linke (IV)
    In der permanenten Revolte
  64. Wir gründen den Club der
    heimatlosen Linken
  65. Pekings große gegen Berlins kleine Mauer
  66. Links im Land der SS-Ober­sturm­bann­führer
  67. Zweifel an Horns Ende – SOKO Leipzig übernimmt?
  68. Leipzig. Kopfbahnhof
  69. Ordentlicher Dialog im Chaos
  70. Büchner und Nietzsche und wir
  71. Mit Brecht in Karthago ...
  72. Endspiel mit Luther & Biermann & Margot
  73. Die Suche nach dem anderen Marx
  74. Wer ermordete Luxemburg und Liebknecht und wer Trotzki?
  75. Vom Krieg unserer (eurer) Väter
  76. Wohin mit den späten Wellen der Nazi-Wahrheit?
  77. Der Feind ist in den Sachsengau eingedrungen
  78. Die Heldensöhne der Urkatastrophe
  79. Die Autobiographie zwischen
    Schein und Sein
  80. Auf der Suche nach der verlorenen Sprache
  81. Atlantis sendet online
  82. Zur Philosophie des Krieges
  83. Deutsche, wollt ihr ewig sterben?
  84. Der Prominentenstadl in der Krise
  85. Der Blick von unten nach oben
  86. Auf der Suche nach einer moralischen Existenz
  87. Vom Krieg gegen die Pazifisten
  88. Keine Lust aufs Rentnerdasein
  89. Von der Beschneidung bis zur
    begeh­baren Prostata
  90. Friede den Landesverrätern
    Augstein und Harich
  91. Klarstellung 1 – Der Konflikt um
    Marx und Bloch
  92. Bloch & die 56er-Opposition zwischen Philo­sophie und Verbrechen
  93. Der Kampf ums Buch
  94. Und trotzdem: Ex oriente lux
  95. Der Soldat: Held – Mörder – Heiliger – Deserteur?
  96. Der liebe Tod – Was können wir wissen?
  97. Lacht euren Herren ins Gesicht ...
  98. Die Blochianer kommen in Tanzschritten
  99. Von den Geheimlehren der Blochianer
Aufsatz