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Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | 22. Nachwort

Dies ist eine sächsische Autobiographie als Fragment in 99 Fragmenten. Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philosophen nennen das coincidentia oppositorum, d.h. Einheit der Widersprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

  22. Nachwort

Trotz – Trotzalledem – Trotzki


 
Neuestes Originalkunstwerk
von ingografrunge

Gablenz als Winnetou
Um gleich mit der Haustür in die proletarische Hütte zu fallen, der Georg Büchner den Frieden bringen wollte: Hier spielt meine ganz und gar eigne sächsische Biographie, die meist außerhalb des Geburtslandes statttfand und stattfindet, was nicht von mir zu verantworten ist. Mein Ich und die Ichs meiner Pseudonyme schützen vor schleichender Entfremdung. Verfremdung aber ist gewollt. In der Folge 58 ist zu lesen, wie ein Sterbender zu mir auf die Pritsche gelegt wird. Während er kalt versteift, greife ich ihm sein letztes Stück Brot aus der Wattejacke. Am Morgen stehen die Kameraden bereit, mich dafür, wie üblich, totzuschlagen, was der Sanitäter gutherzig verhindert. Seitdem mein so lästerlicher wie lächerlich ernster Vorsatz – von da an gehört mein ICH nur mir, keinem anderen. Keinem Verein, Staat, keiner Fahne oder Partei. Das Leben ist mir siebenmal geschenkt worden. Es wird nicht widerstandslos ausgeliehen noch weggegeben.

 

Wer nach Kriegsende in die DDR hineinwuchs und sich für diesen Staat entschied, lebt nach dessen Ende 1989/90 mit dem Makel des Untergangs. Ihm bleiben drei Möglichkeiten: 1. Unterwerfung, 2. Rückzug in Resignation oder Sektierertum, 3. Akzeptanz der eigenen Vergangenheit mit Korrektur infolge neuer Erkenntnisse. Letzteres auf die 11. Feuerbach-These bezogen, heißt: Korrigierte Interpretation und Veränderung des eigenen Weges. Hingegen werden die West-Sieger von ehemaligen Wehrmachtsoffizieren repräsentiert, die Hitler bis zum Schluss dienten. Nach 1945 interpretierten sie ihre Welt neu, ohne sie zu verändern. Ihre Kriege gehen weiter. Sie bieten sich selbst schamlos samt Volk, Nation und NATO als Vorbilder an.

 

Beim Blick auf die gegenwärtige Buchproduktion fragt sich, wie viel oder wenig Intellektualität Literatur noch verträgt. Der Leser wird gestreichelt, auf den Kopf gehauen, oder beides, vor allem jedoch gemolken. Offenbar zieht der Geist sich wieder in Ironie und Satire zurück, Kabarett statt Regierung, die Kabarett ohne Pep und Pfeffer spielt. Im Eulenspiegel Verlag gibt Peter Sodann soeben Schlitzohren und Halunken heraus. Dieser Almanach der Missetaten ist als fortzuschreibende Enzyklopädie gedacht und versammelt auf knapp 200 Seiten einen Zoo akademischer Troglodyten, die karrieregeile Elite der Postmoderne, die davon lebt, dass andere krepieren müssen, falls sie nicht duldend funktionieren. Die Anthologie ist so himmlisch gut und böse gemacht, dass man kaum glaubt, so etwas sei hierzulande noch möglich.

 

Anno 2010 ist die gemeinsame Sprache EURO-Sprech. Geht der Euro, kommt Deutsch-Sprech zurück. General Naumann drückte es schon 1995 exakt aus, als er die Niederschlagung des Chinesischen Boxeraufstandes von 1900 und des Aufstands der Hereros 1904 als Vorbild für die Bundeswehr empfahl. Mit den Chinesen kann man das heute zwar nicht mehr machen, doch die schöne Devise Deutsche an die Front hört sich immer noch fesch an. Freilich pflegen unsere tapfren Soldaten bei der Rückkehr aus dem Feindesland an allerhand posttraumatischen Belastungsstörungen zu leiden. Die Zahl der Betroffenen steigt von Woche zu Woche, was für die Klugheit der Soldaten spricht, denn Kranke müssen körperlich und geistig erst wieder aufgepäppelt werden, ehe man sie erneut ins feindliche Terroristenland schicken kann, um neuen Terror zu produzieren.

 

Blochs Hauptwerk hätte auch Das Prinzip Zukunft heißen können, ohne Zukunft keine Hoffnung. Kurios ist, dass die Sozialistische Einheitspartei ausgerechnet den linken Hoffnungs- und Zukunftsdenker nicht zu tolerieren vermochte, obwohl der weltweit als KP-Sympathisant ausgewiesen war. Allerdings integrierte der Mann allerlei christliche, jüdische, arabische, griechische Ideen zu einem so gar nicht eurozentrischen Marxismus, der sich einfach nicht fürs Partei­lehrjahr eignete. Die Mischung war für die Genossen eine falsche, gar gefährliche Denke.

 

Die Deutsche Zeitschrift für Philosophie erschien vierteljährlich im Aufbau Verlag. Zum Jahreswechsel 1953/54 lagen die ersten vier Hefte des ersten Jahrgangs vor. Im kleinen Kreis äußerte Bloch sich unzufrieden wegen ausbleibender Reaktionen. Er korrigierte gerade die Druckfahnen von Band 1 seines Hauptwerkes, in der Philo­sophie-Zeitschrift waren Kapitel daraus vorab­gedruckt, doch wollte sie offenbar niemand so recht zur Kenntnis nehmen. Ich erbot mich, für Die Weltbühne darüber zu schreiben, fühlte mich aber unsicher und las Bloch in seinem Direktoren­zimmer meinen Sermon vor, während Frau Franke die Tür bewachte und niemanden einließ.

 

Gerhard Zwerenz nach Weg­gang von der Pleiße im Westen auf den Hund gekommen
Der Philosoph korrigierte knurrig 3 Worte und schlug einen etwas „fried­liche­ren“ Ton vor. Heute würde ich es die gezielte Höflich­keit der Sklaven­sprache nennen. Ich verhöf­lichte und devo­tisierte den langen Artikel, der am 24.2.54 in der Weltbühne erschien und mir den unkor­ri­gier­baren Ruf eines tüchtigen Bloch-As­sis­tenten ein­brachte, so oft ich diese Posi­tion auch demen­tierte. Um keinen Preis der Welt wollte ich die wis­senschaft­liche Lauf­bahn ein­schlagen. Dozent an der Inge­nieur­schule in Zwickau war ich schließ­lich schon gewesen, als braver Assistent mit dem Ziel Profes­sor wollte ich nicht enden. Viel­mehr hatte ich vor, unab­hängiger, freier Schrift­stel­ler mit Wohnort Leipzig zu bleiben, einige humo­ris­tische Ro­mane zu schrei­ben, dazu hin und wieder in der Weltbühne zu publi­zieren, das hätte mir genügt. Man brauchte in der DDR keine großen Ein­nahmen, um sozial(istisch) über die Runden zu kommen. Immerhin brach meine Rezension das allgemeine Schweigen über Bloch, Lukács und die Deutsche Zeit­schrift für Philosophie. Es hatte sich zuvor aus Un­sicher­heit keiner getraut, diese neuen Gedanken und Phäno­mene ein­zu­schätzen. Unsere große Mama Partei gestat­tete die Veröf­fent­lichung, enthielt sich jedoch jeder Beihilfe zur Bewertung, die ich nun geliefert hatte, ganz ungeplant und von keiner Instanz „angeleitet“. Blochs Unzu­frie­denheit über das mangelnde Echo teilte ich, die Nicht­beach­tung des Philo­sophen ging auch mir gegen den Strich. Das war's denn auch schon. Und kein Schimmer von den möglichen Folgen. Eine Parteirüge, wegen des 17. Juni 1953 zuge­zogen, war ausge­stan­den, die nötigen takti­schen Hof­knickse hatte ich geliefert. Dass der gewiss nicht radikale Weltbühnen-Artikel der erste Schritt zum großen Konflikt sein könnte, war mir als Gedanke so fremd wie die Absicht zum Weg­gang von der Pleiße.

 

 
Weltbühne vom 24.2.1954


Gerhard Zwerenz' Rezension über die Deutsche Zeit­schrift für Philo­sophie


„Immerhin brach meine Rezension das allgemeine Schweigen über Bloch, Lukács und die Deutsche Zeitschrift für Philosophie.“

 

Auf die Weltbühne vom 24. Februar 1954 antwortete die zuständige Partei­gruppe des Philo­sophischen Insti­tuts schon kurz darauf:
Partei­organi­sation der Institute für Phil/Psych – Monatsbericht März 1954

Statt den Parteibeschlüssen zu folgen, las ich die heiligen Bücher der linken Atheisten. Ein Halb­jahr­hundert später erinnerte mich ein Hand­zettel daran. Zur Lesung aus Sklaven­sprache und Revolte ließen sich in Frankfurt ein paar helle Köpfe etwas einfallen, das Form und Worte im Kreis verband. Für mich galt seit 1954 nur noch der Ausbruch aus dem Kreis, dieser Haft­zelle.

 

     
 
  Kreis als Haftzelle    

Totalitäre Freiheit oder entartete Utopie – Umkreisung der Hoffnung – beides durch Kreis und fünf Stichworte verdeutlicht. Die Suche nach Kongruenzen entwickelt Jan Robert Bloch im Bloch-Almanach 28/2009 weiter, wo er auf väterlichen Spuren wandelnd Begrifflichkeiten reflektiert. Zwar sei Das Prinzip Hoffnung stärker als der frühere angel­sächsische Titel Dreams of a Better Life, denn nun komme „Militanz, philo­sophischer Anspruch, inter­nationale Verti­kalität, thematische Strenge“ hinein, doch der Terminus „konkrete Utopie“ sei ungeeignet, weshalb J. R. Bloch „docta spes“ favorisiert, was freilich das Märchenhafte und Poetische der ursprüng­lichen Bedeutung von Utopie zugunsten des allein Wissenschaft­lichen vernachlässigt.

 

Von den 68ern der BRD bleibt ihre mediale Geschichte als linker Aufbruch mit rechter Bruchlandung. Von den vergessen gemachten 56ern der DDR bleibt Ernst Bloch, der revolutionäre Reformator, eine moderne Ausgabe von Marx, Nietzsche, Luther und Thomas Münzer. Von der DDR verleugnet, von der Bonner Republik zugleich verhätschelt und gehindert. Der offizielle deutsche Philosoph soll Blochs Antipode Heidegger sein. Der SA-Mann passt nahtlos in die kapitale Kriegs-Elite.

 

Der Titel Das Prinzip Hoffnung klang mir zu vage und religiös. Blochs Anregung, Lessings Furcht- und Mitleids-Drama­turgie durch Trotz und Hoffnung zu ersetzen, mindestens zu erweitern, sagte mir mehr zu. Also gelangte ich über Trotz und Trotzki zu der des Trotzkismus verdächtigten Gedichtzeile „Die Mutter der Freiheit heißt Revolution“. Da wurde die Partei erst sauer und dann fuchsteufelswild. Weil ich beim Leipziger Germanisten Theodor Frings Mittelhochdeutsch zu hören und eine Prüfung zu absolvieren hatte – sein Cousin Joseph Frings wollte später als Kölner Kardinal nicht nur meinen Casanova-Roman, sondern mich in persona verbieten – seman­ti­sier­te ich munter durch die gegenwärtigen Sprachfallen. Als Kind hatte ich über viele Bücher, die ich las, schweigen müssen. Da erzählte ich eben statt von Arnold Zweig oder Ludwig Renn vom mir nicht weniger lieben Karl May. Jetzt in Leipzig durfte man ungescheut über Zweig oder Renn reden, aber nicht über Trotzki, Orwell, Koestler. Es ist mit der freien Sprache gefährlich wie an der Front. Geht der Soldat zu weit vor, ist er dumm und kommt zu Schaden. Bleibt er zu weit zurück, mangelt es ihm an Courage. Unser Titel Sklavensprache und Revolte signalisiert die Front als mobile Grenze. Sag soviel wie gerade noch möglich, doch lass dich nicht abschießen. Es sei denn, du willst provozieren. Dann benötigst du Reserven.

 

Als Bloch 1962 die erweiterte Suhrkamp-Ausgabe von Erbschaft dieser Zeit mit einer Widmung schickte, die aufs letzte Leipziger Gespräch anspielte, las ich das Buch erstmals in unbedrohter Ruhe und begriff, weshalb es in der DDR nicht hatte erscheinen können. In Westdeutschland war das nicht riskant, hier begriff sowieso keiner die Konterbande. Diese doppeldeutige Erbschaft sprengt jede Parteigrenze und ist Seite für Seite Dekonstruktion aller Ideologien: „Dionysos … zeigte im allerchristlichsten Bauernkrieg weniger Sklavenmoral als den Herren lieb ist.“ (Seite 362) Das 1935 in Zürich erschienene antifaschistische Buch hatte in der ersten Ausgabe bereits die Genossen davor gewarnt, zu feudalen Herren zu entfremden. Vom 21. bis 25. Juni 1935 tagte in Paris der Schrift­steller­kongress zur Vertei­digung der Kultur, auf dem sich die KPD-Führung mit der neuen Volks­front­politik gegen den Hitler-Faschismus wehrte. Als Bloch, der am Kongress in Paris teil­genom­men hatte, 1957 in Leipzig Lehrverbot erhielt, war den Genossen noch nicht einmal bewusst, dass dies den letzten Akt im Endspiel der Volksfrontpolitik bedeutete.

 

Schuldhaftes Unbewusstsein ist nicht auf die Linke beschränkt, wenn auch dort existentiell unangebracht. In Blochs Erbschafts-Buch heißt es in An­spie­lung auf den Reichstagsbrandprozess: „… die Erscheinung Dimitroffs in Leipzig hat der Revolution mehr geholfen als tausend Breittreter oder Referenten in Versammlungen.“ Die friedlichen Revolutionäre von 1989/90 hatten nichts Besseres zu tun als den Dimitroffplatz schandhaft umzu­benennen. Die Tatsache, dass ohne Dimitroff, die 3. Internationale und die Rote Armee, ob Stalin oder nicht, Nazi-Deutschland die Welt hätte unterwerfen können, schreckt keinen. Der Sieg des Führers wäre der Sieg des Dritten Reiches und seiner prä- wie post­faschisischen Anti­kommunisten geworden. Sich bei dieser Vorstellung zu entsetzen gilt als unanständig. Und das ist der Knackpunkt. Der Fisch beginnt am Kopf zu stinken. Das sind die Hierarchien.

 

Leo Trotzki
Klassisches Stalin-Opfer
Bei der alljährlichen Berliner Luxem­burg-Lieb­knecht-Demon­stration im Januar gibt's meist Ärger wegen eines Gedenk­steins für die Opfer des Stalinis­mus. Das ist eine Frage der Semantik. Die Rechte sieht, soweit sie ehrlich ist, Adolf Hitler als Opfer Stalins. Die Linke müsste, wäre sie kundig und uner­schrocken, in Leo Trotzki das klassische Opfer des in Stalin inkar­nierten Stalinis­mus erkennen. Dazu äußerte ich mich vor Jahren in einem aus­führlichen Artikel mit dem Titel Das Trotzki-Tabu oder die Geburt der sozialis­tischen Tra­gödie. Das Tabu aufzulösen bedarf es offenbar psycho­analy­tischer Thera­pien sowie eines Opti­mums dekon­struktiver Energien. Mit der Dekon­struktion aber sind wir wieder bei der Hauptfrage.

 

Die Dekonstruktion ist eine französische Erfindung, mehr der Not gehorchend als dem freien Willen. Im Lande dominierte die KP. Bei den Links­intel­lektuel­len dominierte Jean-Paul Sartre. Ab Chruschtschows 1956er Geheimrede gegen Stalin sank der Stern der KPF. Auch Sartres Status als Übervater in Politik, Literatur, Philosophie bröckelte. Unter Sartres Schülern und Jüngern wuchs der Gegenwille. Doch so sehr sich die Jünger gegen Sartre positionierten, den SA-Mann Heidegger nahmen sie ihm als Lehrmeister aus Deutsch­land ab. Seither gibt's in Paris einen Konflikt, den die Deutschen sich seit dem Ausbruch ihrer 1990er Einheit ersparten, indem sie einfach nach­plappern, was ihnen vom teuren Westen her vorgesagt wird. Konstatiert werden zwei Heidegger – a) der SA-Mann, b) der Philosoph.

 

 Frisch oder aufgewärmt? | Die Neuen Französischen Philosophen

Als Ex-Kommunist reagierte ich auf die damals Neuen Französischen Philo­sophen mit Interesse. In der Frankfurter Rundschau vom 10. Juni 1978 liest sich das so: „In der FR sind kurz hinter­einander zwei größere Arbeiten über die Marxismuskritik der Neuen Französischen Philo­sophen erschienen. Bei dem Aufsatz von Lothar Baier (FR vom 22.4.1978) handelt es sich um einen gekürzten Vorabdruck aus dem Literatur­magazin 9, das gegen einen neuen Irra­tionalismus gerichtet ist. Vorher hatte Oskar Negt (FR vom 11.2.1978) seine Meinung dargelegt.

 

Ich will nicht verhehlen, dass ich beiden Autoren neue Er­kennt­nisse verdanke, auch wenn mir einige ihrer Gedanken ebenso dunkel bleiben wie manche Ansichten der Neuen Französischen Philosophen. Was mich stutzig macht, ist das deutliche Unbehagen bei Baier und Negt. Ich frage mich: Warum reagieren sie durchweg so? Dabei ist Negt zwar ein Marxist, aber alles andere als ein sich angegriffen fühlen müssender Orthodoxer; Baier wiederum ist wohl kein Marxist, aber auch er reagiert emotional, die Franzosen bekommen von ihm soviel Feuer wie die betroffenen deutschen Marxisten Spott.“

 

Wer den FR-Artikel von Negt und Baier nachliest, kann das hohe intel­lektuelle Niveau bei den damaligen Kontro­versen nur bestaunen. Heute beherr­schen Bana­litäten den Diskurs im Osten, und im Westen will ein stotternder tv-Diogenes die Reichen unbesteuert lassen, weil er gern von deren Spenden-Brocken leben möchte. Das Männchen­machen am Tisch der Herren ist auch eine kulturelle Er­rungen­schaft der Bonn-Berliner Republik.

 

Der FR-Artikel von Negt enthält Fotos von Marx, dem „Herr­schafts­denker“, wie Glucksmann / Levy meinen, die sich selbst als Alter­native proklamierten.

 

Lothar Baier fragte: „Wie schief werden französische Theore­tiker von denk­müden deutschen Linken verstanden?“ Wie falsch wurde und wird Marx verstanden? Was läuft verkehrt bei der Rück­ent­wick­lung euro­päischer Intel­lek­tua­lität auf den Stand von vor 1914? Unsere FR-Kontroverse wurde übrigens im Juli 1978 von der Göttinger Zeitschrift POLITIKON weiter­geführt – und wieder auf beneidens­wertem Niveau.

 

Der Rotterdamer Emeritus Prof. Heinz Kimmerle gibt in seiner Einführung zu Derrida (Junius-Verlag Hamburg 2000) einen so informativen wie skep­tischen Überblick: „Das Denken Jacques Derridas gehört in den Zusammen­hang einer Strömung, die ich ›Philosophie der Dif­ferenz‹ nennen möchte. Andere Vertreter dieser Strömung sind in Frankreich Michel Foucault, Gilles Deleuze, Jean-Francois Lyotard, Julia Kristeva und Luce Irigaray. Auch in Deutschland und Italien wird auf verschie­dene Weise jeweils an einer ›Philosophie der Differenz‹ gearbeitet. Der ›Dekon­strukti­vismus‹, der im Anschluss an Derridas Denken in den Vereinigten Staaten von Amerika in einigen Departments of Literary Criticism entwickelt worden ist, stellt eine eigene Weiter­bildung Derrida­scher Denkmotive dar, auf die noch näher Bezug genommen wird.“ Danach folgen zwei Sätze, auf die es uns der Konse­quen­zen wegen ankommt: „Aber die Bezeichnung ›Philosophie der Differenz‹ ist nicht ohne Probleme. Sie leitet sich her aus der Kritik des iden­tifi­zie­renden Denkens, wie sie von Adorno entwickelt worden ist.“

 

Kimmerle deduziert das detailliert. Uns aber interessiert die Wurzel. Ob Derrida oder Foucault, diese Schule stammt kaum von Adorno ab, sondern in der Hauptsache von Nietzsche und Heidegger. Die Krankheit überschritt schon bei Sartre den Rhein Richtung Westen. Der deutsche Bewusst­seins­konflikt europä­isierte sich zum Konflikt des Unbewussten – genauer: des Nicht­mehr­bewussten. Europa hackte sich seine Linke ab – fast bis in den Exitus, zumindest aber bis zum Scheintod. Dazu Ingrid Zwerenz am 29.10.05 in Ossietzky, Heft 22: „Die beste Therapie gegen Sartres Heidegger-Manie lieferte Heidegger selbst, als Sartre ihn Anfang der fünfziger Jahre aufsuchte. Die ganze Zeit hindurch jammerte der Deutsche wegen eines satiri­schen Textes, den der französische Philosoph und christliche Existen­tialist Gabriel Marcel über ihn verfasst hatte. ›Da von nichts anderem die Rede war‹, berichtet Simone de Beauvoir in ihrem Buch Der Lauf der Dinge, ›ging Sartre nach einer halben Stunde weg.‹ Später erzählte er der Lebens­gefährtin, ›dass Heidegger dem Mysti­zismus verfalle‹ ... und fügte hinzu: ›Dabei plagen sich vierzig­tausend Studenten und Profes­soren den ganzen lieben langen Tag mit Heidegger ab, stellen Sie sich das vor!‹“

 

Inzwischen ist der 2. Weg, dieses groß ansetzende Revo­lutions­aben­teuer der Bolschewiki so demütig wie demütigend zu Ende gegangen, dass Putin über den Massenmord von Katyn öffentlich rätselt, „Stalin habe wohl aus einem Gefühl der Rache gehandelt …“

 

Wir werden das Rache­gefühl unbe­dingt mal in seiner inter­natio­nalen Dimen­sion dekon­stru­ieren müssen, denke ich unbe­scheiden wie ein alt­gedienter Karl-May-Leser.

 

Als wir 1990 nach drei Jahrzehnten erstmals wieder mit Hans Pfeiffer zusammen­trafen, wer kennt ihn noch, den Leipziger Autor, Professor, Drama­tiker, National­preisträger, erin­nerte er daran, dass ich schon 1956 in Leipzig die Wahrheit über Katyn gefordert hatte, was die führenden Genossen in flockige Wut versetzte.

 

Soviel zum 2. Weg im roten Osten. Bleibt der 1. Weg, den wir auch den chroni­schen deutschen Weg nennen können. Das große Karthago führte drei Kriege? So Brecht geschichts­getreu. In seiner Kriegsfibel führt das große Deutschland drei Kriege. Mit jedem Krieg wird es kleiner. Es ist ein Kreuz mit dem Kreuz. Eisernes Kreuz, Kruzifix, Kreuzzüge, Hakenkreuz, Holz­kreuz. Putin vermutet Stalins Rache bei den Toten von Katyn. Budjonnys Rote Reiter­armee wurde 1920 zwischen Warschau und Smolensk von polnischer Kaval­lerie in die Flucht geschlagen. 1939 ritt sich polnische Kaval­lerie gegen Hitlers Panzer­armee tapfer in den Tod. Es ist mit dem Stolz wie mit grünem Holz. Es wird simples Feuerholz draus. Stalin ließ 1940 ca. 22.000 Polen erschießen. Am 10.4.2010 holte der Tod die polnische Präsi­dentenm­aschine mit 97 Menschen an Bord vom Himmel nahe Katyn. In der Zeitung ist zu lesen: „Weltweit Trauer um Lech Kaczynski“. Stalins Rache geht um? Isaak Babel in seinem Buch Budjonnys Reiterarmee: „Wehe uns, wo bleibt die süße Revolution?“

 

Rache kann auch süß sein. Stalin war georgischer Klosterschüler. Als Georgien kürzlich den Krieg mit Russland provo­zierte, flog Lech Kaczynski zusammen mit anderen christlichen Rache-Engeln schnell mal hin nach Tiflis, um dem Präsidenten Saakaschwili Beistand zu leisten. Fliegen war halt sein Hobby. Doch zwischen katholischen Polen und orthodoxen Russen ist schwer landen. Rom und Konstan­tinopel sind alte Feinde? Katyn hat keinen Flughafen und Smolensk liegt mitten im schweigenden Wald? Da verfällt Frau Merkel, eben vom Kampfeinsatz in USA und Afghanistan zurück, vor lauter christlicher Trauer in Schockstarre und ihre Partei entsendet Erika Steinbach zum Staatsbegräbnis nach Warschau. Deutsch­land dreigeteilt niemals.

 

Ursprünglich wollte der Marxismus die alten Gespenster besiegen. Das war sein Irrtum. Die Rache wird immer süßer. Glaubens­gespenster leben ewig­lich. Ihr Tod ist ein Scheintod und ihr Gott ein Mister Gospodin Menschen­fresser.

Ein weiteres Nachwort ist für Montag, den 26.04.2010, geplant.

Fotos zur Lesung mit Gerhard Zwerenz aus der Sächsischen Autobiographie am 19.11.2009 im Haus des Buches, Leipzig   externer Link

Lesungs-Bericht bei Schattenblick  externer Link

Interview mit Ingrid und Gerhard Zwerenz bei Schattenblick  externer Link

Gerhard Zwerenz   19.04.2010    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
Gerhard Zwerenz
Serie
  1. Wie kommt die Pleiße nach Leipzig?
  2. Wird Sachsen bald chinesisch?
  3. Blick zurück und nach vorn
  4. Die große Sachsen-Koalition
  5. Von Milbradt zu Ernst Jünger
  6. Ein Rat von Wolfgang Neuss und aus Amerika
  7. Reise nach dem verlorenen Ich
  8. Mit Rasputin auf das Fest der Sinne
  9. Van der Lubbe und die Folgen
  10. Unser Schulfreund Karl May
  11. Hannah Arendt und die Obersturmbannführer
  12. Die Westflucht ostwärts
  13. Der Sänger, der nicht mehr singt
  14. Ich kenne nur
    Karl May und Hegel
  15. Mein Leben als Prophet
  16. Frühe Liebe mit Trauerflor
  17. Der Schatten Leo Bauers
  18. Von Unselds Gegner zu Holtzbrincks Bodyguard
  19. Karl May Petrus Enzensberger Walter Janka
  20. Aus dem Notizbuch eines Ungläubigen
  21. Tanz in die zweifache Existenz
  22. General Hammersteins Schweigen
  23. Die Pleiße war mein Mississippi
  24. Im Osten verzwergt und verhunzt?
  25. Uwe Johnson geheimdienstlich
  26. Was fürchtete Uwe Johnson
  27. Frühling Zoo Buchmesse
  28. Die goldenen Leipziger Jahre
  29. Das Poeten-Projekt
  30. Der Sachsenschlag und die Folgen
  31. Blick zurück auf Wohlgesinnte
  32. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (I)
  33. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (II)
  34. Brief mit Vorspann an Erich Loest
  35. Briefwechsel mit der Welt der Literatur
  36. Die offene Wunde der Welt der Literatur
  37. Leipzig – wir kommen
  38. Terror im Systemvergleich
  39. Rachegesang und Kafkas Prophetismus
  40. Die Nostalgie der 70er Jahre
  41. Pauliner Kirche und letzte Helden
  42. Das Kickers-Abenteuer
  43. Unser Feind, die Druckwelle
  44. Samisdat in postkulturellen Zeiten
  45. So trat ich meinen Liebesdienst an …
  46. Mein Ausstieg in den Himmel
  47. Schraubenzieher im Feuchtgebiet
  48. Der Fall Filip Müller
  49. Contra und pro Genossen
  50. Wie ich dem Politbüro die Todesstrafe verdarb
  51. Frankfurter Polzei-buchmesse 1968
  52. Die Kunst, weder Kain noch Abel zu sein
  53. Als Atheist in Fulda
  54. Parade der Wiedergänger
  55. Poetik – Ästhetik und des Kaisers Nacktarsch
  56. Zwischen Arthur Koestler und den Beatles
  57. Fragen an einen Totalitarismusforscher
  58. Meine fünf Lektionen
  59. Playmobilmachung von Harald Schmidt
  60. Freundliche Auskunft an Hauptpastor Goetze
  61. Denkfabrik am Pleißenstrand
  62. Rendezvous beim Kriegsjuristen
  63. Marx, Murx, Selbstmord (der Identität)
  64. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (I. Teil)
  65. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (II. Teil)
  66. Der Bunker ...
  67. Helmut auf allen Kanälen
  68. Leipzig anno 1956 und Berlin 2008
  69. Mit Konterrevolutionären und Trotzkisten auf dem Dritten Weg
  70. Die Sächsischen Freiheiten
  71. Zwischen Genossen und Werwölfen
  72. Zur Geschichte meiner Gedichte
  73. Poetenladen: 1 Gedicht aus 16 Gedichten
  74. Der Dritte Weg als Ausweg
  75. Unendliche Wende
  76. Drei Liebesgrüße für Marcel
  77. Wir lagen vor Monte Cassino
  78. Die zweifache Lust
  79. Hacks Haffner Ulbricht Tillich
  80. Mein Leben als Doppelagent
  81. Der Stolz, ein Ostdeutscher zu sein
  82. Vom Langen Marsch zum 3. Weg
  83. Die Differenz zwischen links und rechts
  84. Wo liegt Bad Gablenz?
  85. Quartier zwischen Helmut Schmidt und Walter Ulbricht
  86. Der 3. Weg eines Auslandssachsen
  87. Kriegsverrat, Friedensverrat und Friedenslethargie
  88. Am Anfang war das Gedicht
  89. Vom Buch ins Netz und zur Hölle?
  90. Epilog zum Welt-Ende oder DDR plus
  91. Im Hotel Folterhochschule
  92. Brief an Ernst Bloch im Himmel
  93. Kurze Erinnerung ans Bonner Glashaus
  94. Fritz Behrens und die trotzkistische Alternative
  95. 94/95 Doppelserie
  96. FAUST 3 – Franz Kafka vor Auerbachs Keller
  97. Rainer Werner Fassbinder ...
  98. Zähne zusammen­beißen ...
  99. Das Unvergessene im Blick
    1. Nachwort
Nachworte
  1. Nachwort
    siehe Folge 99
  2. Auf den Spuren des
    Günter Wallraff
  3. Online-Abenteuer mit Buch und Netz
  4. Rückschau und Vorschau aufs linke Leipzig
  5. Die Leipziger Denkschule
  6. Idylle mit Wutanfall
  7. Die digitalisierte Freiheit der Elite
  8. Der Krieg als Badekur?
  9. Wolfgang Neuss über Kurt Tucholsky
  10. Alter Sack antwortet jungem Sack
  11. Vor uns diverse Endkämpfe
  12. Verteidigung eines Gedichts gegen die Gladiatoren
  13. Parademarsch der Lemminge und Blochs Abwicklung
  14. Kampf der Deserteure
  15. Fritz Bauers unerwartete Rückkehr
  16. Der Trotz- und Hoffnungs-Pazifismus
  17. Als Fassbinder in die Oper gehen wollte
  18. Was zum Teufel sind Blochianer?
  19. Affentanz um die 11. Feuerbach-These
  20. Geschichten vom Geist als Stimmvieh
  21. Von Frankfurt übern Taunus ins Erzgebirge
  22. Trotz – Trotzalledem – Trotzki
  23. Der 3. Weg ist kein Mittelweg
  24. Matroschka –
    Die Mama in der Mama
  25. Goethe bei Anna Amalia und Herr Matussek im Krieg
  26. Der Aufgang des Abendlandes aus Auerbachs Keller
  27. Jan Robert Bloch –
    der Sohn, der aus der Kälte kam
  28. Das Buch, der Tod und der Widerspruch
  29. Pastor Gauck oder die Revanche für Stalingrad
  30. Bloch und Nietzsche werden gegauckt ...
  31. Hölle angebohrt. Teufel raus?
  32. Zwischen Heym + Gauck
  33. Von Marx über Bloch zu Prof. Dr. Holz
  34. Kafkas Welttheater in Auerbachs Keller
  35. Die Philosophenschlacht von Leipzig
  36. Dekonstruktion oder Das Ende der Ver­spä­tung ist das Ende
  37. Goethes Stuhl – ein Roman aus Saxanien
  38. Meine Weltbühne im poetenladen
  39. Von Blochs Trotz zu Sartres Ekel
  40. Die Internationale der Postmarxisten
  41. Dies hier war Deutschland
  42. Kopfsprünge von Land zu Land und Stadt zu Stadt
  43. Einiges Land oder wem die Rache gehört
  44. Schach statt Mühle oder Ernst Jünger spielen
  45. Macht ist ein Kriegszustand
  46. Dekonstruktion als Kriminalgeschichte I
  47. Damals, als ich als Boccaccio ging …
  48. Ein Traum von Aufklärung und Masturbation
  49. Auf der Suche nach der verschwundenen Republik
  50. Leipzig am Meer 2013
  51. Scheintote, Untote und Überlebende
  52. Die DDR musste nicht untergehen (1)
  53. Die DDR musste nicht untergehen (2)
  54. Ein Orden fürs Morden
  55. Welche Revolution darfs denn sein?
  56. Deutschland zwischen Apartheid und Nostalgie
  57. Nietzsche dekonstruierte Gott, Bloch den Genossen Stalin
  58. Ernst Jünger, der Feind und das Gelächter
  59. Von Renegaten, Trotzkisten und anderen Klassikern
  60. Die heimatlose Linke (I)
    Bloch-Oper für zwei u. mehr Stimmen
  61. Die heimatlose Linke (II)
    Ein Zwischenruf
  62. Die heimatlose Linke (III)
    Wer ist Opfer, wer Täter ...
  63. Die heimatlose Linke (IV)
    In der permanenten Revolte
  64. Wir gründen den Club der
    heimatlosen Linken
  65. Pekings große gegen Berlins kleine Mauer
  66. Links im Land der SS-Ober­sturm­bann­führer
  67. Zweifel an Horns Ende – SOKO Leipzig übernimmt?
  68. Leipzig. Kopfbahnhof
  69. Ordentlicher Dialog im Chaos
  70. Büchner und Nietzsche und wir
  71. Mit Brecht in Karthago ...
  72. Endspiel mit Luther & Biermann & Margot
  73. Die Suche nach dem anderen Marx
  74. Wer ermordete Luxemburg und Liebknecht und wer Trotzki?
  75. Vom Krieg unserer (eurer) Väter
  76. Wohin mit den späten Wellen der Nazi-Wahrheit?
  77. Der Feind ist in den Sachsengau eingedrungen
  78. Die Heldensöhne der Urkatastrophe
  79. Die Autobiographie zwischen
    Schein und Sein
  80. Auf der Suche nach der verlorenen Sprache
  81. Atlantis sendet online
  82. Zur Philosophie des Krieges
  83. Deutsche, wollt ihr ewig sterben?
  84. Der Prominentenstadl in der Krise
  85. Der Blick von unten nach oben
  86. Auf der Suche nach einer moralischen Existenz
  87. Vom Krieg gegen die Pazifisten
  88. Keine Lust aufs Rentnerdasein
  89. Von der Beschneidung bis zur
    begeh­baren Prostata
  90. Friede den Landesverrätern
    Augstein und Harich
  91. Klarstellung 1 – Der Konflikt um
    Marx und Bloch
  92. Bloch & die 56er-Opposition zwischen Philo­sophie und Verbrechen
  93. Der Kampf ums Buch
  94. Und trotzdem: Ex oriente lux
  95. Der Soldat: Held – Mörder – Heiliger – Deserteur?
  96. Der liebe Tod – Was können wir wissen?
  97. Lacht euren Herren ins Gesicht ...
  98. Die Blochianer kommen in Tanzschritten
  99. Von den Geheimlehren der Blochianer
Aufsatz