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Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | 31. Nachwort

Dies ist eine sächsische Autobiographie als Fragment in 99 Fragmenten. Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philosophen nennen das coincidentia oppositorum, d.h. Einheit der Widersprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

  31. Nachwort

Hölle angebohrt. Teufel raus?


  Gut geschrieben,
aber falsch gezielt –
wer ist der Gaukler?



Jahrzehntelang weigerte ich mich, in Schulen aus meinen Büchern zu lesen. Ich hatte Angst vor Lehrern und Schuldirektoren.
Einmal war es gar nicht mehr zu vermeiden. Ich musste rein in die Klasse.
Mir zitterten die Knie. Die Ohren begannen zu flattern. Ich muss ziemlich bleich und kaputt ausge­sehen haben.
Keine Angst, Opa! munterte mich ein Knabe aus der ersten Bank auf, denk mal, wir müssen das hier jeden Tag durchstehen!
Die Anfeue­rung tat mir wohl. Das gute Beispiel des Schülers von der vorderen Bank wirkte Wunder.
Okay, begann ich, das Beste wird sein, ich erzähle euch ein anständiges wahres Märchen aus meinem Leben. Es ist nämlich so, meine Lieben, dass ich jeden Morgen um neun Uhr aufstehe und in den Bade­zimmer­spiegel blicke. Da sage ich also zu meinem Spiegelbild: Guten Morgen, mein Herr!
So beginne ich mein Tagwerk.
Für Morgen­toilette und Frühstück rechne ich eine Stunde. Punkt zehn verlasse ich das Haus. Bis mittags ist meine Zeit sehr genau eingeteilt.
Jeden Tag aufs neue treffe ich eine sachgemäße Fest­stellung: Für mich als Tiefbaufachmann war die Hölle der reinste Himmel!
Doch darüber später .
Mein Mittagsmahl nehme ich stets im Platinhof, dem ersten Haus am Ort. So bekomme ich vor jedem Essen eine Suppe und darf selbstverständlich mit individueller Bedienung rechnen.
Nachmittags bin ich frei. Im Sommer liege ich meist im Strandbad, im Winter suche ich die Eisbahn auf, gern würde ich auch Ski laufen, aber wir haben keine Berge, und wegfahren kann ich nicht, weil ich ja vormittags meine Geschäfte erledigen muss.
Mit meinen achtund­zwanzig Jahren bin ich ein gemachter Mann, und ich habe viele Neider, wie man leicht einsehen wird.
Ich bin nicht verheiratet und gedenke mich auch nicht zu verheiraten, wenn auch die Mädchen sehr hinter mir her sind – ich gelte als eine gute Partie, aber ich lasse mich nicht fangen.
Ich hätte nie gedacht, dass es mir einmal so schnell so gutgehen würde.
Ich wuchs auf unter ärmlichen Verhältnissen. Meine Eltern wurden ihres Lebens nie froh. Meine Mutter starb früh, mein Vater nur wenig später.
Ein entfernter Verwandter bezahlte mir zunächst eine akademische Aus­bildung. Dann ging ihm das Geld aus, durch die weiteren Studienjahre hungerte ich mich mehr schlecht als recht. Mein Untergewicht schwankte zwischen zweiund­dreißig und vierundfünfzig Kilo. Die Mädchen sahen mich mit­leidig an und wandten sich dann ab. Die Ärzte wetteten unter­einander und waren enttäuscht, wenn sie keine Tbc bei mir feststellen konnten.
Ich wunderte mich selbst über meine Gesundheit.
Anfangs studierte ich Lite­ratur­wissen­schaft. Nebenbei arbeitete ich bei einer Baufirma.
Ehrlich gesagt, dort war ich zu nichts zu gebrauchen. Mir rutschten die Ziegel aus den Händen, und die Maurer zeigten mir einen Vogel. Dann fiel ich sogar vom Gerüst.
Der Vorarbeiter meinte: Nimm Hacke und Schaufel, da kannst du wenigstens keinem auf den Kopf fallen!
Von da an beschäftigte ich mich nur noch mit Erdarbeiten, und seltsamer­weise übertraf ich darin bald alle anderen, mochten sie auch viel stärker sein als ich.
Ich hatte einen inneren Drang zur Tiefe, das half. Ich zog die Konsequenz, wechselte zur Tech­nischen Hoch­schule über und wurde Tief­bau­spezialist.
Von nun an ging es aufwärts. Fünf Jahre studierte ich. Vier Jahre arbeitete ich. Seit einem Jahr bin ich pensioniert.
Jeden Vor­mittag hole ich mir meine Pension ab.
Montags gleich ist die Kirche dran. Dies ist nur gut und richtig, sage ich mir. Sonntags haben die Kirchen zu tun, die Leute drängen sich zum Glauben, da muss es den Gottes­häusern selt­sam vorkommen, wenn sie am Montag so gänzlich verlassen liegen.
Also erscheine ich auf dem Pfarramt, schwätze ein wenig mit dem Kassierer, lobe den Pfarrer.
Weil das Amt nicht weitab liegt vom Platin­hof, wo ich mein Mittag­essen einnehme, verfüge ich montags über reichlich Zeit.
Dienstags empfange ich die staat­liche Pen­sion. Das hat seinen Grund in der Publikums­verkehrs­ordnung, welche vor­schreibt, man müsse die staatliche Pension dienstags vor­mittags abholen.
Die Kasse liegt am anderen Ende der Stadt, ich muss mich zur Mittags­zeit beeilen. Ein Taxi nehme ich ungern. Ich betrachte meine morgend­lichen Aufgaben als Mischung von beruflicher Not­wendig­keit und sport­licher Vorbeugung. Mit achtund­zwanzig Jahren will ich nicht auf eine Herz­verfettung zusteuern.
Mittwochs kassiere ich meine Gewerk­schafts­pension. Donners­tags sind die Unter­nehmer dran, freitags die Juristen. Am Sonnabend ruhe ich mich aus.
Die Sonntage verbringe ich mit meiner Freundin außerhalb. Pensionen erhalte ich auch noch von anderen Institutionen.
So von der Feuerwehr, dem Turn­verein, dem Kriegs­ministerium, dem Ärztebund, der Land­wirt­schaft­lichen Ver­einigung, den unierten Tief­see­tauchern und anderen. Sie zahlen aber meist in Monats- oder Jahres­pauschalen. Manche schicken das Geld per Boten.
Als ich mich ent­schloss, zum Tiefbau über­zuwechseln, ahnte ich nicht im geringsten, wie sehr das mein Gluck herbeirief.
Ich will nicht über­heblich sein, ich gebe zu, die Legierung 08/ 42 war eine Zufallsmischung.
Ich staunte selbst nicht schlecht, als sich heraus­stellte, dass meine Erdbohrer zwanzigmal härter und besser waren als die bis dahin härtesten und besten. Meine Bohrer schossen wie Raketen in die Tiefe. Es war eine Sensation. Alle großen Zeitun­gen entsandten Sonder­reporter. Die kleinen BIätter machten Pleite, weil sie keine entsandten.
Natürlich war ich, wie jeder vernünftige Techniker, ungläubig. Himmel und Hölle – was gingen sie mich an? Als ich die Bohrer aus der Erde ziehen ließ – wir waren bei fünf­tausend Kilometer Tiefe angekommen – hörte ich zuerst nur ein dumpfes Rumoren.
Ich beugte mich über das Bohrloch. Da sprang mir so ein Kerl fast ins Gesicht.
Er war ganz dunkel gekleidet, und hinter ihm krochen noch viele hervor.
Man erhob später gegen mich den Vorwurf, ich hätte meine Instruktionen nicht gekannt; das ist unrichtig.
Wie erwähnt, war während meines ganzen Studiums die Mathe­matik mit dem Hunger gekoppelt gewesen – trotzdem hatte ich mir in meinem Fachgebiet solide Kennt­nisse angeeignet, ich wusste Bescheid – die Instruktionen sahen alle möglichen Unglücks­fälle vor, sie enthielten Verhaltens­maßregeln bei Feuer, Erdbeben, Explosion, Wasserausbruch, Seuchengefahr.
Nicht einen Absatz, nicht einen Hinweis, nicht ein Wort enthielten sie, die sich auf das bezogen hätten, was mir begegnete.
Heute ist das anders geworden.
Man wird aus Schaden klug. Meine Tiefbau­gesell­schaft fügte einen entsprechenden Paragraphen ein.
Gleichzeitig erließ der Staat ein generelles Verbot; tiefer als drei­tausend Kilometer darf nicht mehr gebohrt werden.
An dem Tag, da mir die Sache passierte, stand ich in meinem Büro und suchte verzweifelt in den Instruk­tionen nach einem Fingerzeig.
Draußen krochen die Kerle noch immer aus dem Bohrloch hervor.
Was, in aller Welt, sollte ich tun?
Die paar Baracken, in denen unsre Arbeiter schliefen, konnten nicht den zehnten Teil der Dunkel­geklei­deten fassen, die schon heraus­geklettert waren.
Ich könnte so manche Geschichte erzählen – allein, ich habe mich verpflichtet zu schweigen, und so bin ich mit meinen achtund­zwanzig Jahren ein gemachter Mann.
In jener Nacht verhandelte ich telegrafisch und telefonisch mit allen Herren der Welt.
War das eine Aufregung!
Und die Kerls saßen in den Baracken, standen auf dem Gelände herum, rauchten, fluchten, lachten, spielten Skat, verlang­ten Schnaps und Bier, und wenn ich die Bohrer nicht wieder hätte ins Loch senken lassen, wer weiß, wie viele noch hervorgekrochen wären.
Meine Gesellschaft hatte die Lage am ehesten erfasst. Bohrloch zu! befahl mir mein General­direktor. Danach erkun­digte er sich, ob ehemalige Aktionäre unsrer Gesell­schaft darunter seien. Ich nannte ihm die Zahl, die ich so im bloßen Überblick hatte finden können. Auch berichtete ich, dass mehrere ver­storbene Herren unseres leitenden Personals mit aufgetaucht seien.
Als ich dies ins Telefon sprach, vernahm ich einen seltsamen Laut, so als ob ein straff­gespanntes Drahtseil reiße. Meine Gesellschaft benötigte danach einen neuen General­direktor.
In der Nacht noch berichtete mir die Bohr­lochwache, der Bohrer werde jetzt von unten her angehoben, und man könne diesem Druck nur mit äußerster Anstrengung widerstehen. Ich sah mir die Sache an.
In der Tat, der Bohrer ruckte und zuckte, und darunter gab es unheimliche Bewegungen.
Ich beugte mich nieder und hörte eine wohl­bekannte Stimme. Bohrloch auf! rief sie.
Ich antwortete: Vor kurzem befahlen Sie mir noch durchs Telefon, das Bohrloch zu verschließen!
Die Stimme brüllte aber von unten immer weiter und ver­langte, ich solle den Bohrer zurück­nehmen. Sie bot mir eine hohe Summe an.
Ich rannte in mein Büro zurück, beorderte noch zehn Arbeiter an den Bohrer, damit er nicht hoch­geschoben würde, und im übrigen verfluchte ich meinen Erfindungs­geist, der mich in diese Zwangs­lage gebracht hatte.
Die erste vernünftige Anweisung erhielt ich aus Rom.
Ich hatte ihnen ein Telegramm geschickt: „Hölle angebohrt – drei Päpste unter Entflohenen – was tun?“ Umgehend fragte Rom zurück: „Päpste welchen Zeitalters?“
Ich antwortete, nachdem ich die drei befragt hatte (zwei waren aus dem Mittelalter, einer aus der Neuzeit).
Rom gab mir den lakonischen Bescheid: „Päpste sind Schwindler – zurückschicken – bieten Ihnen Pension.“
Auf dieser Basis schloss ich noch in der gleichen Nacht mit allen interes­sierten Stellen Pensionsverträge ab.
So war meine Zukunft gesichert.
Meine Gesell­schaft wandte sich an den Polizeiminister, der Polizeiminister wandte sich an den Kriegsminister; am frühen Morgen hatten Schiffe das Meer abgeriegelt. Panzer fuhren auf. Flug­zeuge donnerten herbei und warfen drei Regimenter kampf­erprobter Fall­schirmjäger ab.
War das ein Spektakel, die Kerls ins Bohrloch zurück­zustopfen!
Da konnte man die Fall­schirmjäger nur bewundern. Handfeste Jungs sind das!
Einen nach dem andern packten sie – schwupp – hoch und hinein mit Karacho, und schon rauchte es, und wie eine Rakete zischte der Teufelsbraten nach unten, das Rück­stoß­geräusch donnernder Fluche hinter sich herziehend. Zwei Wochen dauerte es, die Soldaten arbeiteten bis zum Umfallen und mussten dreimal abgelöst werden.
Dann ver­schlossen wir das Bohrloch, verminten und versiegelten es. Meine Gesellschaft sandte mir ein Dank­schreiben, wie es nicht einmal die General­direktoren erhalten. Auch die anderen Institutionen bezeugen mir anhängliche Dankbarkeit. Mit meinen achtund­zwanzig Jahren bin ich ein gemachter Mann. Ich kann also sagen, für mich als Tiefbaufachmann war die Hölle der reinste Himmel.
So hole ich mir vormittags meine Pensionen und lebe nachmittags nach meinen Wünschen. Was will einer mehr verlangen von seinem Beruf?

 

Lesen wir heute die liebevolle Story, die ich in den fünfziger Jahren über den Tiefbau­fachmann schrieb, der aus Versehen die Hölle anbohrte, denken wir als moderne Menschen nicht ans Inferno und den Teufel, der es verwaltet, wir wissen, es sind nicht Päpste, Generäle, Betriebsdirektoren, Bankmanager oder irgendein Mixa, die aus dem Bohrloch herausklettern und so der ewigen Verdammnis entfliehen wollen, weil es wenig Spaß bereitet, im Höllenfeuer zu braten – nein, es sind Aliens, die uns aus den Außen- und Unterwelten heimsuchen, um unschuldige Erdenbewohner zu vernichten.

 

Sind es aber keine Außerirdischen oder Unterirdischen ist es Öl, das unaufhaltsam herausströmt. Bald wird, dank BP, ganz Amerika eine Insel sein, die lustig auf 1 a Öl schwimmt. Den Mangel an reinem Meerwasser, der den Fischfang unmöglich macht, können ja die Chinesen beheben, indem sie Tankschiffe mit Frischwasser aus dem Chinesischen Meer an die US-Küsten transportieren und dort ablassen, auf dass die Fische nicht krepieren wie die Vögel. Kein US-Bürger mag mehr Ölsardinen essen. Was zuviel ist, ist zuviel.

 

Der rücktrittserprobte Mixa
for President?
Hört auf diesen Mann!
 
In der Berliner Republik haben wir, dem Himmel sei Dank, ganz andere Sorgen. Am 30. Juni ist Wahltag ohne Wahl. Entweder wird ein schwarzer Minister­präsi­dent Bun­des­präsi­dent oder ein schwar­zer Pastor. Das ist Talar wie Hose. Beide Herren sind mit der Kanz­lerin eng befreun­det. Wird aber der Pastor gewählt, ist Merkel im Eimer, heißt es. Der Pastor wäre dann Präsi­dent und statt Herr der Akten Herr der Ringe, die dem Volk durch die Nase gezogen werden, wie man es von Bullen und Ochsen kennt, um sie zu zügeln, vor den Pflug zu span­nen oder zum Metzger zu bringen.

 

Das also ist heute das Angebot an Figuren, die beim Tief­bau aus dem Unter­grund empor­klettern. Moder­nisiert und compu­teri­siert.

 

Es gibt noch eine Frau als Seiten­einstei­gerin. Seit dem Ende der Hexen­ver­bren­nung aus vor­sorglich theo­logi­schen Grün­den sind links­extremis­tische Kräfte ins poli­tische Spiel gekommen, die Himmel, Hölle und ihre Patria­rchen ignorieren und ober­irdisch bleiben. Man nennt das prag­matisch. Die Kandi­datin fürs Schloss Belle­vue möchte, würde sie gewählt, in der Tat sofort dreier­lei Revo­lu­tionen an­stiften: 1. will sie Frieden, 2. den Schwachen helfen, 3. die Deutschen wirklich vereinigen. Damit hat die resolute Dame null Chancen. Es sieht aber so schön plura­listisch aus.

 

Am Ende des vorigen Nach­worts zitierten wir die groß­bank­bürgerliche FAZ, die es am 16.6.2010 für ange­bracht hielt, mit Hitlers führendem Rechts­professor Carl Schmitt und dessen Schüler sowie Freund Johannes Gross für Joachim Gauck Wahl­propa­ganda zu betreiben. Seitdem ist die Presse angefüllt mit Berichten über zwei prominente Zeitgenossen – Pastor Gauck und Bischof Mixa, die beide eine nach oben offene Umtriebig­keits­skala besetzt halten. Etwas wehmütig denke ich zurück an den jungen Tief­bau­fachmann, der einst als erster die Hölle an­bohrte und dann das offene Bohrloch wieder zu schließen verstand.

 

In unseren post­modernen Zeiten bleibt der Höllen­arsch offen. Die Elite muss ihre Reihen auffüllen. Es wird Nach­wuchs benötigt. Wie wär's mit Mixa for President? Als Bischof a.D. bezahlt ihn die Kirche, die sowieso vom Staat finanziert wird. So vermeiden wir Doppel-Löhnung. Trocken­legen muss er sich selber. Junge Männer sind im Schloss Bellevue so rar wie junge Frauen. Kommt aber Gauck statt Mixa, bleibt die Kirche trotzdem im Rennen um die Volksgunst. Wenn auch als schwächliche Konkurrenz von Witten­berg zu Rom und Augsburg.

 

Für Gauck spricht sein tapferer Wider­stand ab 1940 in Windeln und am Tauf­becken und als todes­mutiger untergründiger Freiheits­prediger bis 1989 in der DDR-Diktatur, wo er wie einst Luther seine Refor­mation nicht anders konnte als seinen Vater, den bis zur letzten Stunde des Dritten Reiches treu­dienenden Marine­offizier zu verteidigen, der für vier Jahre von den ent­mensch­ten Russen nach Sibirien verschleppt wurde und zurückkehrte, um den Sohn mit dem heiligen Geist des Abscheus gegen den Kommunismus etc. zu erfüllen. Vorwärts zum Kampf für die Demokratie in Afghanistan, beschwört der aufrechte Präsident­schafts­kan­didat das kriegs­über­drüssige Volk. Wenn er's geschafft haben wird, ist die Revolution gerettet und der Pastor auf ewig gesattelt. Gehen Bundespräsidenten aus dem Amt, bleiben ihnen üppige Apanage, Büro, Sekretärin und Dienstwagen samt Chauffeur als Insignien der Macht erhalten.

 

Im 29 Nachwort zitierte ich unser Gespräch vom 15.11.1996 im Bonner Bundestag, als Herr Gauck und ich ein Treffen verab­redeten, dem er bis heute auswich. Dabei wollte ich ihn, der sich trotz Privi­legien ständig als Stasi-Opfer beklagt, doch nur höflich darum bitten, meine von 1956 bis 1989 reichende Stasi-Akte frei­zugeben. Wofür hat man denn eine so teure Behörde? Soll ich etwa erst sauer werden und die geheimen Auf­zeichnungen aus meiner Zeit als Tief­bau­fachmann ausplaudern? Das würde eng für unsere Prominenten.

 

Bleibt zu erläutern, weshalb am Anfang dieses 31. Nachworts das Cover von Harry Thürks Roman Der Gaukler aus dem Jahr 1978 abgebildet ist. Dieser Gaukler stand für Solschenizyn, den russisch-orthodoxen, anti­kommunis­tischen Romancier und Nobel­preis­träger, der in mehreren Büchern seine harten Gulag-Jahre doku­mentierte und die Sowjet­union in Grund und Boden schrieb, auf dass auch Russland die unein­geschränkte Macht der Milliar­däre genösse. Gauck ist kein Gaukler. Er spielt ihn nur, um seine notorische Feind­schaft gegen Willy Brandts Ostpolitik und die Aner­kennung der Oder-Neiße-Grenze vergessen zu machen. Das kollektive Ver­gessen marschiert. Er geht voran. Und so, wie er seine Freiheit predigt, bin ich für unsere Freiheit von Gauck und seinen morosen Propa­gandisten, denen sich nun auch SPD und Grüne zugesellen.

 

Hinter der Trommel her
Trotten die Kälber
Das Fell für die Trommel
Liefern sie selber.
(Bertolt Brecht: Kälbermarsch)

 

PS: Das 31. Nachwort war eben beendet, als der stern vom 24.6.2010 mit dem Zwischenruf von Hans-Ulrich Jörges erschien, der Gaucks Position gegen Willy Brandts friedliche Ostpolitik und die Oder-Neiße-Grenze sowie seine Bruder­schaft mit Erika Steinbach konstatiert. Ich schrieb darüber in Sklaven­sprache und Revolte von 2004 und in UTOPIEkreativ, Heft 99 aus dem Jahr 1999. Soweit Jörges SPD und Grünen die Wahrheit bei­bringen will, greift er zu kurz. Deren Überlaufen zum Trompeter des Kalten Krieges in Fort­setzung enthält den Abschied von Willy Brandt samt dem voran­gegan­genen von Karl Marx als conditio sine qua non. Links unten anfangen rechts oben ankommen zählt zur Architektur der Mussolini­kurve. .

Ein weiteres Nachwort ist für Montag, den 12.07.2010, geplant.

Fotos zur Lesung mit Gerhard Zwerenz aus der Sächsischen Autobiographie am 19.11.2009 im Haus des Buches, Leipzig   externer Link

Lesungs-Bericht bei Schattenblick  externer Link

Interview mit Ingrid und Gerhard Zwerenz bei Schattenblick  externer Link

Gerhard Zwerenz   28.06.2010    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
Gerhard Zwerenz
Serie
  1. Wie kommt die Pleiße nach Leipzig?
  2. Wird Sachsen bald chinesisch?
  3. Blick zurück und nach vorn
  4. Die große Sachsen-Koalition
  5. Von Milbradt zu Ernst Jünger
  6. Ein Rat von Wolfgang Neuss und aus Amerika
  7. Reise nach dem verlorenen Ich
  8. Mit Rasputin auf das Fest der Sinne
  9. Van der Lubbe und die Folgen
  10. Unser Schulfreund Karl May
  11. Hannah Arendt und die Obersturmbannführer
  12. Die Westflucht ostwärts
  13. Der Sänger, der nicht mehr singt
  14. Ich kenne nur
    Karl May und Hegel
  15. Mein Leben als Prophet
  16. Frühe Liebe mit Trauerflor
  17. Der Schatten Leo Bauers
  18. Von Unselds Gegner zu Holtzbrincks Bodyguard
  19. Karl May Petrus Enzensberger Walter Janka
  20. Aus dem Notizbuch eines Ungläubigen
  21. Tanz in die zweifache Existenz
  22. General Hammersteins Schweigen
  23. Die Pleiße war mein Mississippi
  24. Im Osten verzwergt und verhunzt?
  25. Uwe Johnson geheimdienstlich
  26. Was fürchtete Uwe Johnson
  27. Frühling Zoo Buchmesse
  28. Die goldenen Leipziger Jahre
  29. Das Poeten-Projekt
  30. Der Sachsenschlag und die Folgen
  31. Blick zurück auf Wohlgesinnte
  32. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (I)
  33. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (II)
  34. Brief mit Vorspann an Erich Loest
  35. Briefwechsel mit der Welt der Literatur
  36. Die offene Wunde der Welt der Literatur
  37. Leipzig – wir kommen
  38. Terror im Systemvergleich
  39. Rachegesang und Kafkas Prophetismus
  40. Die Nostalgie der 70er Jahre
  41. Pauliner Kirche und letzte Helden
  42. Das Kickers-Abenteuer
  43. Unser Feind, die Druckwelle
  44. Samisdat in postkulturellen Zeiten
  45. So trat ich meinen Liebesdienst an …
  46. Mein Ausstieg in den Himmel
  47. Schraubenzieher im Feuchtgebiet
  48. Der Fall Filip Müller
  49. Contra und pro Genossen
  50. Wie ich dem Politbüro die Todesstrafe verdarb
  51. Frankfurter Polzei-buchmesse 1968
  52. Die Kunst, weder Kain noch Abel zu sein
  53. Als Atheist in Fulda
  54. Parade der Wiedergänger
  55. Poetik – Ästhetik und des Kaisers Nacktarsch
  56. Zwischen Arthur Koestler und den Beatles
  57. Fragen an einen Totalitarismusforscher
  58. Meine fünf Lektionen
  59. Playmobilmachung von Harald Schmidt
  60. Freundliche Auskunft an Hauptpastor Goetze
  61. Denkfabrik am Pleißenstrand
  62. Rendezvous beim Kriegsjuristen
  63. Marx, Murx, Selbstmord (der Identität)
  64. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (I. Teil)
  65. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (II. Teil)
  66. Der Bunker ...
  67. Helmut auf allen Kanälen
  68. Leipzig anno 1956 und Berlin 2008
  69. Mit Konterrevolutionären und Trotzkisten auf dem Dritten Weg
  70. Die Sächsischen Freiheiten
  71. Zwischen Genossen und Werwölfen
  72. Zur Geschichte meiner Gedichte
  73. Poetenladen: 1 Gedicht aus 16 Gedichten
  74. Der Dritte Weg als Ausweg
  75. Unendliche Wende
  76. Drei Liebesgrüße für Marcel
  77. Wir lagen vor Monte Cassino
  78. Die zweifache Lust
  79. Hacks Haffner Ulbricht Tillich
  80. Mein Leben als Doppelagent
  81. Der Stolz, ein Ostdeutscher zu sein
  82. Vom Langen Marsch zum 3. Weg
  83. Die Differenz zwischen links und rechts
  84. Wo liegt Bad Gablenz?
  85. Quartier zwischen Helmut Schmidt und Walter Ulbricht
  86. Der 3. Weg eines Auslandssachsen
  87. Kriegsverrat, Friedensverrat und Friedenslethargie
  88. Am Anfang war das Gedicht
  89. Vom Buch ins Netz und zur Hölle?
  90. Epilog zum Welt-Ende oder DDR plus
  91. Im Hotel Folterhochschule
  92. Brief an Ernst Bloch im Himmel
  93. Kurze Erinnerung ans Bonner Glashaus
  94. Fritz Behrens und die trotzkistische Alternative
  95. 94/95 Doppelserie
  96. FAUST 3 – Franz Kafka vor Auerbachs Keller
  97. Rainer Werner Fassbinder ...
  98. Zähne zusammen­beißen ...
  99. Das Unvergessene im Blick
    1. Nachwort
Nachworte
  1. Nachwort
    siehe Folge 99
  2. Auf den Spuren des
    Günter Wallraff
  3. Online-Abenteuer mit Buch und Netz
  4. Rückschau und Vorschau aufs linke Leipzig
  5. Die Leipziger Denkschule
  6. Idylle mit Wutanfall
  7. Die digitalisierte Freiheit der Elite
  8. Der Krieg als Badekur?
  9. Wolfgang Neuss über Kurt Tucholsky
  10. Alter Sack antwortet jungem Sack
  11. Vor uns diverse Endkämpfe
  12. Verteidigung eines Gedichts gegen die Gladiatoren
  13. Parademarsch der Lemminge und Blochs Abwicklung
  14. Kampf der Deserteure
  15. Fritz Bauers unerwartete Rückkehr
  16. Der Trotz- und Hoffnungs-Pazifismus
  17. Als Fassbinder in die Oper gehen wollte
  18. Was zum Teufel sind Blochianer?
  19. Affentanz um die 11. Feuerbach-These
  20. Geschichten vom Geist als Stimmvieh
  21. Von Frankfurt übern Taunus ins Erzgebirge
  22. Trotz – Trotzalledem – Trotzki
  23. Der 3. Weg ist kein Mittelweg
  24. Matroschka –
    Die Mama in der Mama
  25. Goethe bei Anna Amalia und Herr Matussek im Krieg
  26. Der Aufgang des Abendlandes aus Auerbachs Keller
  27. Jan Robert Bloch –
    der Sohn, der aus der Kälte kam
  28. Das Buch, der Tod und der Widerspruch
  29. Pastor Gauck oder die Revanche für Stalingrad
  30. Bloch und Nietzsche werden gegauckt ...
  31. Hölle angebohrt. Teufel raus?
  32. Zwischen Heym + Gauck
  33. Von Marx über Bloch zu Prof. Dr. Holz
  34. Kafkas Welttheater in Auerbachs Keller
  35. Die Philosophenschlacht von Leipzig
  36. Dekonstruktion oder Das Ende der Ver­spä­tung ist das Ende
  37. Goethes Stuhl – ein Roman aus Saxanien
  38. Meine Weltbühne im poetenladen
  39. Von Blochs Trotz zu Sartres Ekel
  40. Die Internationale der Postmarxisten
  41. Dies hier war Deutschland
  42. Kopfsprünge von Land zu Land und Stadt zu Stadt
  43. Einiges Land oder wem die Rache gehört
  44. Schach statt Mühle oder Ernst Jünger spielen
  45. Macht ist ein Kriegszustand
  46. Dekonstruktion als Kriminalgeschichte I
  47. Damals, als ich als Boccaccio ging …
  48. Ein Traum von Aufklärung und Masturbation
  49. Auf der Suche nach der verschwundenen Republik
  50. Leipzig am Meer 2013
  51. Scheintote, Untote und Überlebende
  52. Die DDR musste nicht untergehen (1)
  53. Die DDR musste nicht untergehen (2)
  54. Ein Orden fürs Morden
  55. Welche Revolution darfs denn sein?
  56. Deutschland zwischen Apartheid und Nostalgie
  57. Nietzsche dekonstruierte Gott, Bloch den Genossen Stalin
  58. Ernst Jünger, der Feind und das Gelächter
  59. Von Renegaten, Trotzkisten und anderen Klassikern
  60. Die heimatlose Linke (I)
    Bloch-Oper für zwei u. mehr Stimmen
  61. Die heimatlose Linke (II)
    Ein Zwischenruf
  62. Die heimatlose Linke (III)
    Wer ist Opfer, wer Täter ...
  63. Die heimatlose Linke (IV)
    In der permanenten Revolte
  64. Wir gründen den Club der
    heimatlosen Linken
  65. Pekings große gegen Berlins kleine Mauer
  66. Links im Land der SS-Ober­sturm­bann­führer
  67. Zweifel an Horns Ende – SOKO Leipzig übernimmt?
  68. Leipzig. Kopfbahnhof
  69. Ordentlicher Dialog im Chaos
  70. Büchner und Nietzsche und wir
  71. Mit Brecht in Karthago ...
  72. Endspiel mit Luther & Biermann & Margot
  73. Die Suche nach dem anderen Marx
  74. Wer ermordete Luxemburg und Liebknecht und wer Trotzki?
  75. Vom Krieg unserer (eurer) Väter
  76. Wohin mit den späten Wellen der Nazi-Wahrheit?
  77. Der Feind ist in den Sachsengau eingedrungen
  78. Die Heldensöhne der Urkatastrophe
  79. Die Autobiographie zwischen
    Schein und Sein
  80. Auf der Suche nach der verlorenen Sprache
  81. Atlantis sendet online
  82. Zur Philosophie des Krieges
  83. Deutsche, wollt ihr ewig sterben?
  84. Der Prominentenstadl in der Krise
  85. Der Blick von unten nach oben
  86. Auf der Suche nach einer moralischen Existenz
  87. Vom Krieg gegen die Pazifisten
  88. Keine Lust aufs Rentnerdasein
  89. Von der Beschneidung bis zur
    begeh­baren Prostata
  90. Friede den Landesverrätern
    Augstein und Harich
  91. Klarstellung 1 – Der Konflikt um
    Marx und Bloch
  92. Bloch & die 56er-Opposition zwischen Philo­sophie und Verbrechen
  93. Der Kampf ums Buch
  94. Und trotzdem: Ex oriente lux
  95. Der Soldat: Held – Mörder – Heiliger – Deserteur?
  96. Der liebe Tod – Was können wir wissen?
  97. Lacht euren Herren ins Gesicht ...
  98. Die Blochianer kommen in Tanzschritten
  99. Von den Geheimlehren der Blochianer
Aufsatz