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Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | 7. Nachwort

Dies ist eine sächsische Autobiographie als Fragment in 99 Fragmenten. Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philosophen nennen das coincidentia oppositorum, d.h. Einheit der Widersprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

7. Nachwort

Die digitalisierte Freiheit der Elite

 


Sachsen, obwohl im Kern unberührbar, ist immer ein fremd­besetztes Land gewesen. Zwischen­durch erringen einheimische Dumpfköppe die Oberhand, obwohl sie es nie zur Mehrheit auf Dauer schaffen. Der dialekt­gebundene Witz der Sachsen erdet jeden aufge­blasenen Schwachsinn. Die Sachsen dekonstruierten ihre Herrscher schon als das Wort noch gar nicht erfunden war. Ein König, der davongejagt wird und mit den Worten: Macht Euren Dreck alleene! reagiert, bleibt volksnah. Erst seine Nach­kommen, die hundert Jahre später Ent­schädigung für ent­eigneten Luxus einfordern, glauben die Revo­lution von 1918 sei 1990 durch eine Konter­revo­lution ausge­löscht worden. Ein Volk, das sich ausplündern lässt, hat es verdient.

Arthur Rimbauds lyrischer Freiheitstanz begann mit Das trunkene Schiff. Danach wurde er Waffenhändler und verstummter Lumpenkerl. Seine Pionier-Kategorie der Synästesien revolutionierte die Dichtkunst und entsprach dem eigenen versauten Leben. So zählt er zur Rasse der himmlischen Höllen­hunde und frühen Fascho­rebellen, und wenn der späte Nietzsche als philo­sophi­scher Bruch­pilot hier seinen Platz findet, so wegen der trüben Folgen. Ging es beim lyrischen Waffen­händler um die Revolution des Gedichts, konter­revolu­tio­­nierte der Pastoren­sohn Friedrich Goethes Faust mit der zarathus­trischen Kriegs­erklärung. Ihm folgten die Schamanen Heidegger, Ernst Jünger, Carl Schmitt und die kapital­verhafteten rechts­konser­vativen Neo­zyniker der Publizistik in Welt, FAZ, Spiegel, wo sie den falschen Ton angeben, während die Bonn-Berliner Linken, in ihren kleinen Zeitungen stets vom Ende bedroht, ihre schönen Unter­gänge illuminieren, um sie fort­setzen zu können. So ging schon die DDR zum Teufel, indem das Politbüro seinen Schwa­­dron­neurs­schabowski dazu brachte, die DDR in einen Mühlstein zu verwan­deln, der seither Kohl samt Nach­folgern um den Hals hängt.
Wie wird man/frau Dichter/In? Man wird nicht, man ist es. Nur will das sonst niemand wissen. Alle sind dagegen, denn jede und jeder will selber dichten. Das tun sie auch. Nur haben alle dieselben Hindernisse zu überwinden: Kein Schwein erkennt deine und allein deine Genialität. Nur ein Sachse mit seinem untrüglich nüchternen Natu­­rell erkennt das über­hebliche Gestammel der Kontra­henten und lässt sie einfach hinter sich, mögen sie prahlen, nuscheln, hochstapeln und noch ihre Fürze zu duftender Lyrik vergolden. Ein Sachse geht seinen Weg. Lessing gelangte von Kamenz bis Wolfen­büttel. Nietzsche saß in Auerbachs Keller und las im Faust ErsterTeil die lockere Szene „Zeche lustiger Gesellen.“ Es gibt Faust 1 und 2 und ich werde den 3. Teil dichten, sprach der Friederich, stieg aus dem faustischen Lokal raus und holte sich in der Oberwelt die saftige Lues, an der er exakt im Jahr 1900 sterben sollte, um das 20. Jahr­hundert stilvoll zu starten. Faust 3, den er schrieb, missriet zum Zarathustra. Wolfgang Harich, den die Haft in Bautzen vom Nietzsche-Verehrer zum Nietzsche-Todfeind verwan­­delte, beschwor mich am Telefon: „Ich beweise dir, der Kerl ist ein Faschist!“ Harich diffe­ren­zierte nicht zwischen dem frühen Nietzsche, der immerhin die richtigen Fragen stellte, doch die falschen Antworten gab (Bloch) und dem schrägen Zoroaster-Heroen, der Faust zu Adolf­mephisto­pheles und Goethe zu Ernst Jünger verun­staltete. Der Stil macht die Musik und der Mist den Gestank.
So folgte der Klassik ein Dunkel­männertum, doch die Kirche ist nicht vom Blute Christi, sondern eine tausend­­jährige Totalität. „Der Mensch ist etwas, das überwunden werden soll. So lebt euer Leben des Gehorsams und des Krieges! Was liegt am Langleben! Welcher Krieger will geschont sein!“ So Nietzsche-Zara­­thustra als Kriegs­posaune. Das prägt sich ein. Unsere vergangenen Freunde und Genossen in Moskau schonten ihre Krieger nicht. Unsere Freunde in Washington veranstalten seit 1945 immer neue Stalingrad-Schlachten. Von Vietnam bis Irak, Afghanistan, Pakistan nichts als siegreiche Niederlagen – ein Stalingrad in Fortsetzungen.

Fritz Wüllner
Die NS-Mili­tär­justiz und das Elend der Ge­schichts­schrei­bung
Momos 1997
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Gerhard Zwerenz
Der Widerspruch
Autobiographischer Bericht
Aufbau Tb 1991
Original 1974, S. Fischer
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Sie geben das Schauerspiel vom Ende des weißen Man­­nes. Mein leider zu früh ver­stor­bener Freund Fritz Wüllner fand die wahre Tragö­die von Stalingrad an der Wolga heraus, das Stück im Stück, Drama im Drama, die Hölle im deutschen Trauer­­spiel: „Im Kessel befanden sich natürlich auch die zu den Truppen gehö­­renden Kriegs­gerichte, schät­zungs­weise nicht unter zwanzig in der Zahl. In der Not und Panik des Kessels hatten sie reich­­lich zu tun … Im Bereich von vier Divi­sionen im Westen und Süden Stalin­grads sind in acht Tagen drei­hundert­vier­und­sechzig To­des­urteile voll­­streckt worden … (Die NS-Mili­tär­justiz und das Elend der Ge­schichts­schrei­bung, Mo­­mos 1997) Bedenken wir, die vier Divisionen waren auf höchstens Ba­tail­lons­stärke geschrumpft und je Exekution brauchte es mindes­tens ein Halbdutzend Schützen, so gehorchten in der ausge­hungerten Armee in ihren letzten Tagen noch rund zwei­tausend Soldaten bei der Voll­streckung der Kriegs­gerichts­urteile.
„Und die Erde ist voll von solchen, denen der Tod gepredigt werden muss.“ (Nietzsche)

Die verlorene deutsche Revolution von 1848 mit Sitz in der Frankfurter Paulskirche hatte zwei gravierende Folgen: Marx und Engels retteten sich ins englische Exil, ein Rest der Geschla­genen zerstreute sich über die Welt und der nationale Rest vom liberalen Rest landete 1871 unter Bismarcks Fuchtel im deutschen Reich der Kriege und kriege­rischen Nach­­folger. Danach führte Deutschland zwei Welt­kriege und einen Kalten Krieg, der in den 3. Weltkrieg mündet, dessen Konsequenz nur die Ver­­nich­­tung der Menschheit bedeuten kann, womit sich diese Generation endgültig als die dümmste Abteilung des sogenannten homo sapiens erweist.
Nehmen wir die beiden Eingangs­sätze als Motto eines schaurigen Bühnen­stücks, leitet die 1848 begonnene Tragödie 1945 im Marxschen Sinne zur unübertrefflichen Farce hin, die mit dem Berliner Hohenzollern­schloss endet: Auferstanden aus Ulbrichts Ruinen, auf Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts Gebeinen hochgemauert mit blut­besudelten Steinen. Die SPD leugnet den Doppelmord noch immer.
Adenauer wollte lieber das halbe Deutschland ganz als das ganze Deutschland halb? Da blieben wir Ostdeutschen als ostwärts erweiterte Mitteldeutsche draußen vor der Tür. Der rheinische Chefdramaturg plante das Stück mit einem Nuklearschlag enden zu lassen, was dreimal fast gelang. Fürsorglich errichteten beide Deutschlande für ihre Führungs­eliten prächtige Pyramiden, Atombunker genannt, wohin die Herr­schaften sich beizeiten zurückzuziehen gedachten. Zwar ein begrenzter Genuss, doch der Kampf ums Überleben prägt den Mann und geht es auch nur um drei bis vier Wochen, bis das hohe Gesindel ebenfalls endkrepiert.
Begonnen hatte die Trauer­spielfarce mit dem prunkvollen Hohenzollern­schloss. Alliierte Bomber legten es in Schutt und Asche, Ulbricht jagte die verbliebenen Trümmer in die Luft. Freiheitlich gesinnte Deutsche zaubern das Gebäude wieder her – auf­erstanden aus den Ruinen der Ruinenbaumeister. Den Text der Becher-Hymne durften die DDRler ab 1961 nicht mehr singen. Was brachte es? Die ersten vereinten Germanen schmettern begeistert die erste Strophe ihrer uralten Hymne, die übrigens nie verboten war, sondern nur im taktischen Kalkül zwischen­gelagert zur jederzeit möglichen Wieder­verwendung.
Soviel zur großen Deutschland­frage. Was sagt das einem Sachsen? Wollen die einen ihren Kaiser Wilhelm wiederhaben, bleibt uns die Wahl zwischen August dem Starken samt seiner Liebe zu Polen – und meinem fürsorglichen Rat in Folge 2 unserer vaterländischen Serie, in der ich fragte: „Wird Sachsen bald chinesisch?“ Die Antwort lautet: Es ist die Alter­native zum organi­sierten Sprung der Lemminge in den lockenden Abgrund.

Unser Buchtitel Sklavensprache und Revolte deutet die Sklavensprache vorab als naive Ausdrucksweise von Untertanen und Unterworfenen. Die Revolte findet erst statt, wenn der Unterworfene sich der Sprache operativ bedient, indem er seinen Freiheits­drang artikuliert, ohne sich schon der drohenden Repression auszusetzen. Wittgensteins apodiktischer Satz „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“ aus dem Tractatus logico-philosophicus gilt hier nur zur Hälfte. Offene Sprache würde verfolgt, also drückt man sich nur operativ abtarnend aus. Das Gedicht Die Mutter der Freiheit heißt Revolution war 1956 in Leipzig halb Offenheit und halb Tarnung. Die Variable diente immerhin fast ein Jahr lang zum Verbleib im Lande, bis einer die trotzkistische Anspielung entdeckte.
Das Training zur Doppelsprache hatte schon 1933 begonnen, als der Achtjährige begreifen musste, dass er die Lektüre seiner Bücher nie außer Haus verraten und nicht einmal andeuten durfte.

Als Wolfgang, der Goethe seinen ewigen Faust schließlich doch beendet hatte, ritt er flugs vom Weimarer Fürstenhof in die Sachsenmetropole, deren Pariser Flair es ihm angetan hatte, traf in Auerbachs Keller den dort immer noch herumlungernden Mephisto und kündigte ihm auf Knall und Fall. Da kam gerade Friedrich, der Nietzsche vorbei, der sich in seinem Grab im nahen Röcken nicht mehr sicher fühlte, weil sie dort die ganze Gegend zu Braunkohle verarbeiten wollen, und die Kohle dann zu Benzin. Soll ich mir als über hundertjährige Leiche diese Transformation antun lassen oder mir ne andere Lebensstellung suchen, fragte sich der Philosoph. Mein Herr, redete Mephisto ihn an, grad bin ich wegen Abschluss des Faust von Goethe entlassen worden und deshalb wünschte ich mir, Sie ließen mich für Sie den Zarathustra spielen. So geschah es, dass der Teufel eine neue Schreibstelle in der deutschen Kulturhierarchie erhielt, und auch noch in Nietzsches Diensten, obwohl er den Sachsen heimlich respektlos einen „Dauerwichser“ nannte, exakt wie diese Herren Intellektuellen eben untereinander voneinander reden.

Erdmut Wizisla
Benjamin und Brecht
Die Geschichte einer Freundschaft
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Das Leipziger Hotel­­frühstücks-Interview vom 20.11.09 mit dem intelligenten, wohl­­informierten und wiss­­begie­­rigen Journalisten­­paar vom Infopool Schattenblick über „Konkrete Utopie“ gelangte bald zum Begriff der „Dekon­­struktion“ und schließlich zur Blochschen Tarnsprache. Wir empfehlen Lektüre des Interviews.
Im Nachhinein zur Sache: Das Wort bezeichnet ein Projekt. Verbal führt die Linie von Nietzsche über Heidegger bis zu Michel Foucault, Jacques Derrida und von dort in die deutsche Nachbar­­gemeinde. Heideggers Sein und Zeit (1927) ließ deutsche Links­­intel­­lektuel­­le von Brecht bis Benjamin und Bloch über die Frage reflektieren, wie dem drohenden Philo-Faschis­­mus zu begegnen sei. (siehe Folge 61) Hitlers Machtantritt 1933 und Heideggers Parteimit­­gliedschaft klärte die Fronten. Blochs Erbschaft dieser Zeit (Zürich 1935) ist die Antwort aus dem Exil.
Der Charakter einer Montage von Dekonstruktionen wird in der erweiterten Suhrkamp-Ausgabe von 1962 noch prägnanter. In unserem Exemplar gab Bloch per Widmung einen direkten Hinweis auf den „Kurfürstendamm der zwanziger Jahre“, was auf frühere Gespräche über „eingreifendes Denken“ anspielt. Dies der übliche Ausdruck für Dekonstruktion. Sie war infolge des Jahres 1933 zielgerichtet aktiv-antifaschis­­tisch und keineswegs post­­kulturell.
Bei einer meiner ersten Leipziger Lesungen nach dem Mauer­­fall ergab sich auf dem Podium eine Diskussion mit Prof. Helmut Seidel und Jens-Fietje Dwars, der später (1998) im Aufbau-Verlag eine staunens­­wert umfängliche, gründliche und verständige Bio­­graphie über Johannes R. Becher unter dem Titel Abgrund des Widerspruchs vorlegte. Als Dwars sich an meinem Gedicht Die Mutter der Freiheit heißt Revolution als skeptisch-ironi­­scher Litera­­tur­­kritiker versuchte, stieß Seidel mich an und begann über die ersten zwei sowie die letzten drei Prosa-Verse zu reflek­­tieren, indem er jeden Vers mit der Titel­­zeile kurzschloss. Offen­­bar war Seidel die darin enthaltene Konter­­bande bewusst geworden, was Dwars mit einem verlegenen Lächeln zur Kenntnis nahm. Obwohl die Lesung beim Publikum sehr gut ankam, war ich leicht verstört, weil ich mir mangelndes Ein­­fühlungs­­vermögen attestieren musste. An­­schließend wurde der Komplex Dekonstruktion noch einmal durch­­geackert. Rückwirkend ist zu konstatieren, schon der Gedicht-Titel dekonstru­­ierte den Stalinismus, nur dachte ich dabei ledig­­lich politisch. Insofern der Marxismus stalinis­­tisch deformiert war, ging es darum, diese Defor­­mation zu analysieren und ihr nie mehr zu verfallen.
Ein Blick in meine Porträts von Walter Ulbricht, Alfred Kurella, Johannes R. Becher, Herbert Wehner im Buch Der Widerspruch zeigt, ich sparte die Deformationen der Personen nicht aus. Ulbricht ist der seiner Partei treugebliebene Revolutionär, den der Gang der Ereignisse zu ungewollten Konsequenzen zwang, während Wehner die Flucht aus der Partei zu deren Gegner werden ließ, womit beide die historische Janushaftigkeit deutscher Genossen verkörpern. Nun kann sich die Dekonstruktion gewiss auch auf individuelle Entstellungen beziehen, optimal operativ wird sie erst als sprachliche Revolte gegen Ideologisierung. Wer zum Beispiel von Einsatz, Kampfeinsatz, Kriegseinsatz redet, befindet sich verbal und real bereits in jenem Krieg, der von vornherein des verbalen Dekonstrukts bedarf, soll er nicht stattfinden und eskalieren.

Am 7.12.09 erschien im Spiegel eine Gegenrede von Sascha Lobo: Die bedrohte Elite – Frank Schirrmacher und der Kultur­­pessimismus. Der Essay ist ein Spitzenprodukt der Dekonstruktion, gestützt auf eine über­­raschend fundierte klas­­sische Bildung. Das Lobo-Foto zeigt einen hahnen­­kammroten Indianer, der Karl May entzückt hätte. Erinnert fühle ich mich durch den furiosen Text an eine meiner Gedichtzeilen aus dem Jahr 1956: „Leih deine Feder keinem, schreib dich allein …“
So verfährt „Deutschlands bekanntester Blogger“ und zitiert Georg Simmel von 1903: „Die tiefsten Probleme des modernen Lebens quellen aus dem Anspruch des Individuums, die Selbständigkeit und Eigenart seines Daseins gegen die Übermächte der Gesell­­schaft, des geschicht­­lich Ererbten, der äußer­­lichen Kultur und Technik des Lebens zu bewahren …“ Mein lieber Meister Lobo, diesen Simmel, bei dem der Student Ernst Bloch einige Semester gehört hatte, setzte der Philosophie-Professor Bloch bis in die Leipziger Jahre fort, und so werden wir wissend digital.


 Friedrich Nietzsche mit Kriegsmotto für freiwillige Hindukusch-Kämpfer

Vor Sascha Lobo gefiel sich der Spiegel in fröhlichen Kriegs-Essays einiger Damen von Thea Dorn bis Cora Stephan. (Folge72) Stephan verteidigte eben noch in der Frankfurter Allgemeinen Sonntags­­zeitung vom 6.12.09 unser Militär am Hindukusch, denn:„Soldaten kämpfen als Stellvertreter der Gesell­­schaften, die sie entsenden, damit diese selbst nicht untergehen.“ Der Satz enthält eine unbewusste Dekonstruktion. Denn was geschieht, wenn unsere tapfren Helden demnächst geschlagen wie in den vorigen beiden Welt­­kriegen heimkehren sollten? Gewiss werden Thea Dorn und die „friedens­­verwöhnte“ Cora Stephan dann eine internationale freiwillige Brigade formieren und an deren Spitze nach Afghanistan aufbrechen, um unsere (nicht meine) Gesell­­schaft vor dem Untergang zu retten und jene maroden alten Hierarchien wieder herzustellen, die weltweit von der Digitalisierung bedroht sind. Die früheren Eliten wollen nicht abtreten? In ihrer Bedrängnis werfen sie Frauen­­bataillone in die letzte Schlacht, die sich jubelnd und kampfes­­willig rekrutieren lassen. Wie unendlich weit sind sie entfernt von unserer revolu­­tionären Bertha von Suttner, die den idio­­tischen Kriegs­­helden entgegentrat mit dem Ruf: „Die Waffen nieder!“ Alles vergessen und nichts hinzugelernt?

Anfangs richtet sich die deutsche Militär­­maschine jeweils gegen die bösen Feinde. Am Hindu­­kusch liefert heute noch der Feind und sein Volk die Toten und die eigenen Verluste ent­­sprechen denen eines verlängerten Autobahn-Wochen­­endes. Bei längerer Kriegszeit steigt der eigene Blutzoll. Dazu erinnere ich mich einer Kriegs­­szene 1943 in Sizilien: „In der Nähe der sizi­­liani­­schen Stadt Adrano lag ich in meinem Schützen­­loch, südwärts Richtung Küste spähend, wo die US-Army ihren feld­­marsch­­mäßigen Groß­­aufmarsch betrieb, als wenige hundert Meter hinter uns Bewegung entstand und eine Achtacht-Flak­­batterie in Stellung ging. Wer auch immer den Wahnsinns­­befehl gegeben hatte, die strammen Jungs zu opfern, es geschah glasklar wie eine Übung im Manöver – Achtacht im Erdkampf. Sie gaben ein gutes Dutzend Schüsse ab, dann heulte es von drüben heran, bald versanken die Geschütze in einer Riesenwolke von Rauch, Sand und Trümmern.
Als sich der Rauch verzog, ragten die von Explo­­sionen geschwärzten Rohre steil in den Himmel. Am Abend schlich ich mich zu der Batterie. Zwei leicht­­verwun­­dete Soldaten schleppten und zerrten die pul­­verge­­schwärzten, ver­­brannten Toten in eine lange Reihe, und da lagen sie, die dem Befehl irgend­­eines wahn­­sinnigen Komman­­deurs gott­­ergeben und wohl­­diszi­­pli­­niert gefolgt waren, an einer Stelle in den Erdkampf einzugreifen, wo man sich dem in Überfülle armierten Feind als Ziel auf dem Prä­­sentier­­teller offerierte. Was beim Vor­­marsch einer Armee richtig sein kann, muss es nicht beim Rückzug sein. Die Batterie war direkt in den Tod geschickt worden, und ihr Chef, ein Haupt­­mann, geschwärzt wie seine toten Sol­­daten, doch schön am Leben geblieben, wanderte in dieser goldenen Abend­­stunde immer auf und ab, die Reihe seiner reglosen Unter­­gebenen entlang, immer hin und her, die beiden Leicht­­verwun­­deten hockten beiseite unter einer Gruppe zer­­fetzter Kiefern. In der Nacht gruben wir die Toten ein, der Haupt­­mann wurde nach hinten gebracht, es hieß, er sei ver­­rückt geworden bei dem Total­­ausfall seiner Batterie. Ich dachte, er ist schon vorher verrückt gewesen. Ent­­weder unfassbar dumm, dass er nicht wusste, was ihm blühte, oder un­­verant­­wort­­lich gehorsam, dass er einen Befehl ausführte, der den Tod sicher machte wie eine Exekution.“ (Soldaten sind Mörder, München 1988)
So weit, so ungut. Kaum war Cora Stephans Schlacht­­trompete in der FAS erklungen, bietet Henryk M.Broder, der kriege­­rische Schnäpp­­chen­­jäger, das waffen­­star­­rende Elabo­­rat der Frau Dr. Cora S. auf seiner Homepage feil, denn es soll keine Schlacht sein, bei der die Schreib­­tisch­­strategen abseits von ihrem PC bleiben. Wir werden uns mit dieser Truppe im letzten Nach­­wort des Jahres 2009 aus Lust und Tollerei noch ein wenig befassen müssen.

Ein weiteres Nachwort ist für Montag, den 21.12.2009, geplant.

Fotos zur Lesung mit Gerhard Zwerenz aus der Sächsischen Autobiographie am 19.11.2009 im Haus des Buches, Leipzig.

Gerhard Zwerenz   14.12.2009    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
Gerhard Zwerenz
Serie
  1. Wie kommt die Pleiße nach Leipzig?
  2. Wird Sachsen bald chinesisch?
  3. Blick zurück und nach vorn
  4. Die große Sachsen-Koalition
  5. Von Milbradt zu Ernst Jünger
  6. Ein Rat von Wolfgang Neuss und aus Amerika
  7. Reise nach dem verlorenen Ich
  8. Mit Rasputin auf das Fest der Sinne
  9. Van der Lubbe und die Folgen
  10. Unser Schulfreund Karl May
  11. Hannah Arendt und die Obersturmbannführer
  12. Die Westflucht ostwärts
  13. Der Sänger, der nicht mehr singt
  14. Ich kenne nur
    Karl May und Hegel
  15. Mein Leben als Prophet
  16. Frühe Liebe mit Trauerflor
  17. Der Schatten Leo Bauers
  18. Von Unselds Gegner zu Holtzbrincks Bodyguard
  19. Karl May Petrus Enzensberger Walter Janka
  20. Aus dem Notizbuch eines Ungläubigen
  21. Tanz in die zweifache Existenz
  22. General Hammersteins Schweigen
  23. Die Pleiße war mein Mississippi
  24. Im Osten verzwergt und verhunzt?
  25. Uwe Johnson geheimdienstlich
  26. Was fürchtete Uwe Johnson
  27. Frühling Zoo Buchmesse
  28. Die goldenen Leipziger Jahre
  29. Das Poeten-Projekt
  30. Der Sachsenschlag und die Folgen
  31. Blick zurück auf Wohlgesinnte
  32. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (I)
  33. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (II)
  34. Brief mit Vorspann an Erich Loest
  35. Briefwechsel mit der Welt der Literatur
  36. Die offene Wunde der Welt der Literatur
  37. Leipzig – wir kommen
  38. Terror im Systemvergleich
  39. Rachegesang und Kafkas Prophetismus
  40. Die Nostalgie der 70er Jahre
  41. Pauliner Kirche und letzte Helden
  42. Das Kickers-Abenteuer
  43. Unser Feind, die Druckwelle
  44. Samisdat in postkulturellen Zeiten
  45. So trat ich meinen Liebesdienst an …
  46. Mein Ausstieg in den Himmel
  47. Schraubenzieher im Feuchtgebiet
  48. Der Fall Filip Müller
  49. Contra und pro Genossen
  50. Wie ich dem Politbüro die Todesstrafe verdarb
  51. Frankfurter Polzei-buchmesse 1968
  52. Die Kunst, weder Kain noch Abel zu sein
  53. Als Atheist in Fulda
  54. Parade der Wiedergänger
  55. Poetik – Ästhetik und des Kaisers Nacktarsch
  56. Zwischen Arthur Koestler und den Beatles
  57. Fragen an einen Totalitarismusforscher
  58. Meine fünf Lektionen
  59. Playmobilmachung von Harald Schmidt
  60. Freundliche Auskunft an Hauptpastor Goetze
  61. Denkfabrik am Pleißenstrand
  62. Rendezvous beim Kriegsjuristen
  63. Marx, Murx, Selbstmord (der Identität)
  64. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (I. Teil)
  65. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (II. Teil)
  66. Der Bunker ...
  67. Helmut auf allen Kanälen
  68. Leipzig anno 1956 und Berlin 2008
  69. Mit Konterrevolutionären und Trotzkisten auf dem Dritten Weg
  70. Die Sächsischen Freiheiten
  71. Zwischen Genossen und Werwölfen
  72. Zur Geschichte meiner Gedichte
  73. Poetenladen: 1 Gedicht aus 16 Gedichten
  74. Der Dritte Weg als Ausweg
  75. Unendliche Wende
  76. Drei Liebesgrüße für Marcel
  77. Wir lagen vor Monte Cassino
  78. Die zweifache Lust
  79. Hacks Haffner Ulbricht Tillich
  80. Mein Leben als Doppelagent
  81. Der Stolz, ein Ostdeutscher zu sein
  82. Vom Langen Marsch zum 3. Weg
  83. Die Differenz zwischen links und rechts
  84. Wo liegt Bad Gablenz?
  85. Quartier zwischen Helmut Schmidt und Walter Ulbricht
  86. Der 3. Weg eines Auslandssachsen
  87. Kriegsverrat, Friedensverrat und Friedenslethargie
  88. Am Anfang war das Gedicht
  89. Vom Buch ins Netz und zur Hölle?
  90. Epilog zum Welt-Ende oder DDR plus
  91. Im Hotel Folterhochschule
  92. Brief an Ernst Bloch im Himmel
  93. Kurze Erinnerung ans Bonner Glashaus
  94. Fritz Behrens und die trotzkistische Alternative
  95. 94/95 Doppelserie
  96. FAUST 3 – Franz Kafka vor Auerbachs Keller
  97. Rainer Werner Fassbinder ...
  98. Zähne zusammen­beißen ...
  99. Das Unvergessene im Blick
    1. Nachwort
Nachworte
  1. Nachwort
    siehe Folge 99
  2. Auf den Spuren des
    Günter Wallraff
  3. Online-Abenteuer mit Buch und Netz
  4. Rückschau und Vorschau aufs linke Leipzig
  5. Die Leipziger Denkschule
  6. Idylle mit Wutanfall
  7. Die digitalisierte Freiheit der Elite
  8. Der Krieg als Badekur?
  9. Wolfgang Neuss über Kurt Tucholsky
  10. Alter Sack antwortet jungem Sack
  11. Vor uns diverse Endkämpfe
  12. Verteidigung eines Gedichts gegen die Gladiatoren
  13. Parademarsch der Lemminge und Blochs Abwicklung
  14. Kampf der Deserteure
  15. Fritz Bauers unerwartete Rückkehr
  16. Der Trotz- und Hoffnungs-Pazifismus
  17. Als Fassbinder in die Oper gehen wollte
  18. Was zum Teufel sind Blochianer?
  19. Affentanz um die 11. Feuerbach-These
  20. Geschichten vom Geist als Stimmvieh
  21. Von Frankfurt übern Taunus ins Erzgebirge
  22. Trotz – Trotzalledem – Trotzki
  23. Der 3. Weg ist kein Mittelweg
  24. Matroschka –
    Die Mama in der Mama
  25. Goethe bei Anna Amalia und Herr Matussek im Krieg
  26. Der Aufgang des Abendlandes aus Auerbachs Keller
  27. Jan Robert Bloch –
    der Sohn, der aus der Kälte kam
  28. Das Buch, der Tod und der Widerspruch
  29. Pastor Gauck oder die Revanche für Stalingrad
  30. Bloch und Nietzsche werden gegauckt ...
  31. Hölle angebohrt. Teufel raus?
  32. Zwischen Heym + Gauck
  33. Von Marx über Bloch zu Prof. Dr. Holz
  34. Kafkas Welttheater in Auerbachs Keller
  35. Die Philosophenschlacht von Leipzig
  36. Dekonstruktion oder Das Ende der Ver­spä­tung ist das Ende
  37. Goethes Stuhl – ein Roman aus Saxanien
  38. Meine Weltbühne im poetenladen
  39. Von Blochs Trotz zu Sartres Ekel
  40. Die Internationale der Postmarxisten
  41. Dies hier war Deutschland
  42. Kopfsprünge von Land zu Land und Stadt zu Stadt
  43. Einiges Land oder wem die Rache gehört
  44. Schach statt Mühle oder Ernst Jünger spielen
  45. Macht ist ein Kriegszustand
  46. Dekonstruktion als Kriminalgeschichte I
  47. Damals, als ich als Boccaccio ging …
  48. Ein Traum von Aufklärung und Masturbation
  49. Auf der Suche nach der verschwundenen Republik
  50. Leipzig am Meer 2013
  51. Scheintote, Untote und Überlebende
  52. Die DDR musste nicht untergehen (1)
  53. Die DDR musste nicht untergehen (2)
  54. Ein Orden fürs Morden
  55. Welche Revolution darfs denn sein?
  56. Deutschland zwischen Apartheid und Nostalgie
  57. Nietzsche dekonstruierte Gott, Bloch den Genossen Stalin
  58. Ernst Jünger, der Feind und das Gelächter
  59. Von Renegaten, Trotzkisten und anderen Klassikern
  60. Die heimatlose Linke (I)
    Bloch-Oper für zwei u. mehr Stimmen
  61. Die heimatlose Linke (II)
    Ein Zwischenruf
  62. Die heimatlose Linke (III)
    Wer ist Opfer, wer Täter ...
  63. Die heimatlose Linke (IV)
    In der permanenten Revolte
  64. Wir gründen den Club der
    heimatlosen Linken
  65. Pekings große gegen Berlins kleine Mauer
  66. Links im Land der SS-Ober­sturm­bann­führer
  67. Zweifel an Horns Ende – SOKO Leipzig übernimmt?
  68. Leipzig. Kopfbahnhof
  69. Ordentlicher Dialog im Chaos
  70. Büchner und Nietzsche und wir
  71. Mit Brecht in Karthago ...
  72. Endspiel mit Luther & Biermann & Margot
  73. Die Suche nach dem anderen Marx
  74. Wer ermordete Luxemburg und Liebknecht und wer Trotzki?
  75. Vom Krieg unserer (eurer) Väter
  76. Wohin mit den späten Wellen der Nazi-Wahrheit?
  77. Der Feind ist in den Sachsengau eingedrungen
  78. Die Heldensöhne der Urkatastrophe
  79. Die Autobiographie zwischen
    Schein und Sein
  80. Auf der Suche nach der verlorenen Sprache
  81. Atlantis sendet online
  82. Zur Philosophie des Krieges
  83. Deutsche, wollt ihr ewig sterben?
  84. Der Prominentenstadl in der Krise
  85. Der Blick von unten nach oben
  86. Auf der Suche nach einer moralischen Existenz
  87. Vom Krieg gegen die Pazifisten
  88. Keine Lust aufs Rentnerdasein
  89. Von der Beschneidung bis zur
    begeh­baren Prostata
  90. Friede den Landesverrätern
    Augstein und Harich
  91. Klarstellung 1 – Der Konflikt um
    Marx und Bloch
  92. Bloch & die 56er-Opposition zwischen Philo­sophie und Verbrechen
  93. Der Kampf ums Buch
  94. Und trotzdem: Ex oriente lux
  95. Der Soldat: Held – Mörder – Heiliger – Deserteur?
  96. Der liebe Tod – Was können wir wissen?
  97. Lacht euren Herren ins Gesicht ...
  98. Die Blochianer kommen in Tanzschritten
  99. Von den Geheimlehren der Blochianer
Aufsatz