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Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | Folge 41

Dies ist eine sächsische Autobiographie als Fragment in 99 Fragmenten. Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philosophen nennen das coincidentia oppositorum, d.h. Einheit der Widersprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

41

Pauliner Kirche und letzte Helden

Rudolf Scholz | Leipzigs letzter Held
Rudolf Scholz
Leipzigs letzter Held
Oder die Leben des Pfarrers Hans-Georg Rausch
Dingsda Verlag 2001

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Am 30. Mai 2008 lag die Sprengung der Leipziger Paulinerkirche exakt 40 Jahre zurück. Die Medien waren üppig bestückt mit Erinnerungen und Empörungen. Im Leipziger Stadtparlament hatte es 1968 eine einzige Gegenstimme gegeben, wird mitgeteilt. Nicht aber, von wem die Gegenstimme stammte - Tatsache, auch vier Jahrzehnte danach bleibt dieses tapfere Nein von LVZ bis FAZ anonym. Warum wohl? Erich Loest nannte den unfreiwilligen Anonymus »Leipzigs letzten Helden« und äußerte sich später nicht mehr dazu. Was steckt dahinter? Nun denn, Nein sagte damals ein aufmüpfiger Pastor, der nebenbei noch als Stasi-IM agierte, was ihn am Protest nicht hinderte. Wer es genauer wissen will, der sei auf Folge 17 unserer Serie verwiesen, Kapitel: Der Schatten Leo Bauers. (Leipzigs letzter Held, Dingsda-Verlag 2001)
Die Schwierigkeiten im Umgang mit der Wahrheit, von denen Brecht schon handelte, nehmen offenbar nicht ab, sondern zu. Details, die nicht in den Kram (die Linie) passen, werden verfälscht oder ganz vergessen.
Der Fall Theodor Oberländer
Philipp-Christian Wachs
Der Fall Theodor Oberländer
Ein Lehrstück deutscher Geschichte
Campus Fachbuch 2000

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Theodor Oberländer | weitere Details per Klick
Mit Hitler zur Feldherrenhalle
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Der Elite-Nazi und Adenauer-Minister Theodor Oberländer fand in der FAZ stets seine zuverlässigen Verteidiger. Zuletzt noch am 8.3.04 mit »Oberländer und das Feuilleton« von Lorenz Jäger. Bis sich das Blatt an einen schnellen Vorabdruck von Jonathan Littells Roman Die Wohlgesinnten wagte, in dem Oberländer als osterobernder Offizier sein Unwesen treibt, ganz wie es die Kriegs­verbrecher-Materialien, auf die Littell sich stützt, dokumentieren. Das nenne ich Wahrheiten durch die Hintertür einlassen. Weshalb aber dauert so etwas so lange? Warum dieses über sechzig Jahre hin anhaltende infantile Sträuben gegen unum­stößliche Fakten?
Ein Adenauer-Minister, der schon in jungen Jahren an Hitlers Marsch zur Münchner Feldherrenhalle teilnahm, als einer der letzten Helden? So behielten West wie Ost ihre ganz spezifischen Leichen im Keller. Das sind nach Karl Kraus Familienbande mit der Betonung auf Bande – und die Presse fungiert als deren Sprecher, der weiß, wer die Kasse verwaltet und was jeweils als verbindliche Politik und Kultur zu gelten hat. Die Pflege ideologischer und religiöser Vorurteile gehört in Deutschland nach wie vor Hölderlin zur Hochkultur besitzender Schichten samt ihrer Militärkaste mit medialen Hauptleuten und Computer-Kulis.

Heute morgen lese ich in der Zeitung, es gibt in Rumänien nur noch etwa 15.000 Siebenbürger Sachsen und so sterbe bald ihre »einzigartige Sprache aus.« Wie man weiß, sterben sogar wir echt »sächsischen Sachsen« unter der BRD-Sonne bald weg. Ohne unsere einzigartige Sprache kommt nach uns nur noch die Sintflut. Obwohl wir notfalls sogar hochdeutsch können. Erst verschwanden die Dialektiker, dann der Dialekt.
Während die einen Deutschen samt Sudetendeutschen noch in x-ter Generation die verlorene Heimat beklagen, dünnen außer den Siebenbürger Sachsen auch die Mittel-Ostdeutschen ihr Land, vormals DDR, derart aus, dass sich die Wölfe aus Sibirien ansiedeln. Hitlers Wolfsschanze in Ostpreußen zieht so ganz eigentümliche Folgen nach sich.
Sonst ist Abbau angesagt, der seltsamerweise so teuer kommt wie der Aufbau, der auch schon teuer genug war.
Am Montag, dem 21.4.08 stand in der FAZ: »Beispielsweise war ja bei Golo Mann schon immer zu beobachten, dass seine Urteile … mit großer innerer Freiheit gefällt wurden.« Da fällt mir doch gleich die Schlagzeile der Bild-Zeitung vom 31. Juli 1975 ein: »Golo Mann: In 10 Jahren ist Europa marxistisch.« Im Text wird dann nachgelegt: »Mißtraut den Sowjets.« Inzwischen sind mehr als 3 Jahrzehnte vergangen. Offenbar ist Europa längst marxistisch. Wir merken es nur nicht. Oder doch? Eilte die NATO den in Afghanistan besiegten Sowjets zu Hilfe, weil wir marxistisch geworden sind? Jedenfalls verteidigen deutsche Bundeswehrsoldaten unsere Freiheit dort, wo Sowjetsoldaten nach einem Jahrzehnt Krieg den Schwanz und die Fahne einzogen. Danach verließen sie auch das westvereinigte Deutschland, doch die NATO ist den Russen auf den Fersen bis kurz vor Petersburg, Moskau und was weiß ich wohin noch. Sogar der romantische Liquidator Gorbi zeigt sich neuerdings erschüttert und will den Amerikanern nicht mehr glauben. Armer ent- und getäuschter Träumer.

Das Großelternkind
Gerhard Zwerenz
Das Großelternkind
Dingsda Verlag 1996

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Dem Kind war Sprache Musik und stets neu komponiert. Das Kind spitzte die Ohren. Im Nachbarhaus gab es einen Schäferhund, der hieß Prinz. Das Kind hörte vom Altenburger Prinzenraub sprechen. Die Prinzen wurden in einem hohen Turm gefangen gehalten und mussten zur Befreiung abgeseilt werden. Fragte das Kind: Was wollten die mit den Hunden?
Das Kind ging an der Hand der Großmutter durchs Dorf. Die Frau blieb an fast jedem Haus stehen. Zeigte darauf: Hier ist der Mann im Krieg gefallen, dort der Sohn, da der Bruder …
Fragte das Kind: Wenn sie gefallen sind, warum standen sie nicht wieder auf?
Kinder fallen leicht und sind schnell wieder auf den Beinen. Das Kind lernte: Im Krieg fallen ist endgültig. Das Kind dachte: Ich gehe nicht in den Krieg, wenn sie dort fallen, ohne wieder aufzustehen. Das Kind hörte von einem zu Tode gekreuzigten Mann, der wieder lebendig wurde und auffuhr in den Himmel. Das Kind wollte weder fallen noch in den Himmel kommen, es lief an Großmutters Hand nach Hause, diesem Mittelpunkt seiner Welt in einem Dorf irgendwo am Anfang und Ende der Zeit, die es so wenig begriff als wäre jeder Tag unendlich.
Im Sächsischen heißt Wurst Wurscht, in der Schule aber heißt Wurscht Wurst. Das Kind lernte, es gibt zwei Sprachen. Daheim sagte es Wurscht, außerhalb Wurst. Nur wenn ihm später etwas so egal war, dass es ihm scheißegal wurde, fiel er in den regionalen Dialekt zurück und erklärte: Das ist mir wuscht!
Indem er sich so indirekt ausdrückte, statt scheißegal zu sagen, begann er die Diplomatensprache zu erlernen, in der er später eine Variante der Sklavensprache erkannte.
Als das Kind den Erwachsenen zugerechnet wurde, hörte es (er) bei einem berühmten Professor Frings, dessen Bruder in Köln als Kardinal residierte, Vorlesungen über ein Fach »Mittelhochdeutsch« und legte darin sogar ordentliche Prüfungen ab. In Erinnerung blieb ihm der Begriff »Laut­verschiebung«. Gemeint waren geographische Sprachwandlungen, oft von einem nahegelegenen Ort zum anderen. Er dachte an den Turmbau zu Babel. Als er später in Köln den Kardinal predigen hörte, wusste er nur, er verstand ihn nicht. Und seine Nachfolger noch weniger. So prallten die religiösen Lautverschiebungen an ihm ab. Sie waren ihm wurscht.
Er gewöhnte sich bald an, die erlebten Differenzen zu notieren. Als Soldat im Krieg bekritzelte er Zeitungsränder und Papierschnipsel. Ab seinem 25. Lebensjahr führte er Tagebuch. So wurden Lebensstrukturen entdeckt, aus denen nach und nach an die hundert Bücher entstanden.

Damit der Bundestag nicht gänzlich als witzlose Kleinkunstbühne wirken möge, gründeten vitale Parlamentarier ein Laienkabarett mit künstlerischen Ambitionen. Am 28. Mai 2008 spielte es zum 77. Mal seine Gysi-Nummer. Regie Frau Birthler, die es schon mit Kohl und Stolpe vergeblich versucht hatte. Erwähnenswert ist, dass die Ankläger im Reichstagskabarett in Robert Havemann einen verbürgten Antifaschisten und Sowjet-Agenten lobpreisend verteidigen. Sonst werden Kommunisten bei uns durchweg verdammt, beschimpft, verfolgt, bestenfalls verschwiegen, besonders wenn sie wie Thälmann von Nazis ermordet worden sind. Gegen Gysi aber wird der tote Havemann in Stellung gebracht. Ich war mir mitnichten sicher, ob der permanent angeklagte Gysi vom wirklichen Gregor oder auch von einem MdB-Laiendarsteller gespielt wurde. Offensichtlich nahm er den Fall ernst. Das spricht gegen die Schauspieler-These. Handelte es sich jedoch um den tatsächlich agierenden Gysi, vergriff er sich mit der Ernsthaftigkeit im Stilmittel. Es war sonnenklar, das MdB-Laienkabarett bot eine Posse unterhalb jeder Glosse. Also Gosse. Schon der Ort, an dem das Stück aufgeführt wurde, signalisierte die schmierenkomödiantische Absicht der Regie. Die herbeizitierte anklägerische Juristerei gerierte sich, als ginge es um Dantes oder Littells Hölle und stammte doch nur aus dem alten Reichstag. In mir regte sich das Kind mit seinem auf Sprache achtenden Ohr. Wurde es zum verlängerten Ohr des Dionysios? Der tyrannische Größen­wahn erklang kabarettistisch. Bei Heinrich Heine steht sehr passend: »Ich kenne die Weise, ich kenne den Text, ich kenn auch die Herren Verfasser …« Moderne Ergänzung: Inzwischen gibt es in diesem Stück auch einige Damen Verfasserinnen …

Am 22. Juni 1995 hob ich das bundestägliche Wohlbefinden durch eine Presseerklärung aus den Angeln. Weil wieder mal die Jagd auf Gregor Gysi eröffnet war, konterte ich unter der Überschrift Ich stehe zu Gregor Gysi frisch von der Leber weg mit den Worten: »… Was gegen Stolpe misslang, soll gegen Gysi nachgeholt werden. Den Hoffnungsträger Modrow hat man auch schon kleinzukriegen versucht.
Mit Gysi soll die Erneuerungsfähigkeit der PDS getroffen werden. Darüber hinaus geht es gegen alle DDR-Bürger, denen Minderwertigkeitsgefühle und Scham eingeredet werden.
Soweit Gysi als Anwalt innerhalb der DDR-Rechtsordnung blieb, wird ihm mangelnde Opposition vorgeworfen. Soweit Gysi seinen Mandanten optimal half, werden daraus Verratsvorwürfe konstruiert, Hitlers Kinder rächen sich an Hitlers Opfern. Der Delinquent entstammt einer kommunistisch-jüdischen Famllie, die 18 Verwandte im Dritten Reich verlor. Der Kampf geht weiter. Das intrigante Zusammenspiel von Gauck, Bohley und rechten Bundestags­ausschuß­mitgliedern weist, wie Stefan Heym bereits anmerkte, Parallelen zur Affäre Dreyfus auf. Wir werden die Umtriebe protokollieren für die nächste Wende. Sie kommt gewiß in diesem wendereichen Zeitalter.
Ein persönliches Nachwort: Über 30 Jahre hin bis zu 1989 solidarisierte ich mich ungezählte Male mit den Opfern der Diktaturen. Meine Stasi-Akte ist 33 Jahre lang. Heute nach dieser unfairen Wende solidarisiere ich mich mit den jetzt Benachteiligten im Osten und besonders mit der PDS.
Es waren Kommunisten, die unter Hitler und Stalin die meisten Opfer bringen mußten. Auch unter Ulbricht und Honecker. Mein Freund Leo Bauer wurde noch zum Tode verurteilt, meine Freunde Harich und Janka zu 10 bzw. 5 Jahren Haft. Diese Genossen besitzen das Erstgeburtsrecht der Opposition. Nicht jene paranoiden Revolutionsparodisten, die erst auf Gospodin Gorbatschows Genehmigung warteten, um sich unterm Kirchendach hervorzuwagen. Ihr Rachegeschrei ist bloße Anmaßung …
Ich stehe zu Gregor Gysi und hoffe, er hält durch gegen die zur Büchse der Pandora gewordene Gauck-Behörde. Entweder wir verschließen sie oder öffnen die westlichen Geheimakten. Der jetzige Zustand verstößt gegen die grundgesetzliche Gleichheit aller Bürger.«

An dieser Erklärung war ein Wort falsch. Der Satz: »Wir werden die Umtriebe protokollieren für die nächste Wende …« war ursprünglich im Singular formuliert: »Ich werde …« Der Übergang vom ICH zum WIR ist Folge einer Verlegenheit. Statt das lange zu erläutern, sei nur kurz gesagt, ich hatte das ICH meiner Tagebuchnotizen gerade mal satt und flüchtete zum solidarischen WIR, nicht ahnend, was das anrichtete. Meine Absicht, Gregor Gysi etwas zu entlasten, misslang gründlich, denn nun galt ich als Sprachrohr geheimer PDS-Absichten. Ich muss ein Übermaß an Naivität einräumen, weil ich mir nicht hatte vorstellen können, was jetzt losbrach. Von BILD über FAZ und ZEIT gab es Gift statt Antworten. Immerhin setzte Bundestagspräsidentin Süssmuth durch, daß ich mich am Morgen des 30.6.1995 zwei Minuten lang im Plenum dazu äußern durfte. Im Bundestags-Protokoll liest sich das so:
Präsidentin Dr. Rita Süssmuth: … Der Ältestenrat hat sich gestern mit Äußerungen des PDS-Abgeordneten Gerhard Zwerenz …
Wolfgang Schäuble (CDU/CSU): Pfui Teufel!
… befassen müssen. Herr Zwerenz hat in einer Pressemitteilung vom 22. Juni 1995 Mitgliedern des Bundestages ein »intrigantes Zusammenspiel« mit dem Bundesbeauftragten Joachim Gauck und Bärbel Bohley vorgeworfen.

Durch den wörtlichen Bezug auf die Affäre Dreyfus werden sie in die Nähe von Rassisten und Antisemiten gerückt. Diese Äußerungen setzen Bürger­rechtler, die gegen das SED-Unrechtsregime gekämpft haben, in uner­träglicher Weise herab.

Die Ankündigung »Wir werden die Umtriebe protokollieren für die nächste Wende« …
Zurufe von der CDU/CSU: Unglaublich!
Pfui! – Christian Schmidt (Fürth CDU/ CSU): Kommunisten lernen nicht dazu!
… kann nur verstanden werden als Versuch, die Mitglieder des Deutschen Bundestages massiv unter Druck zu setzen. Der Deutsche Bundestag läßt dies nicht zu.
Beifall bei der CDU/CSU, der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der F.D.P.

Die Fraktionen CDU/CSU, SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und F.D.P. haben die Äußerung des Abgeordneten Gerhard Zwerenz im Ältestenrat scharf verurteilt. Als Präsidentin habe ich das Ansehen des Deutschen Bundestages zu wahren. Die Äußerungen des Abgeordneten Zwerenz sind nicht hin­nehmbar. Ich weise sie strikt zurück.
Beifall bei der CDU/CSU, der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der F.D.P. – Einige Abgeordnete der PDS betreten wieder den Saal, in der gleichen Kleidung wie zu Beginn – Zurufe von der CDU/CSU und der F.D.P.: Raus!

Es wird gebeten, eine Erklärung nach § 32 unserer Geschäftsordnung abzugeben. Das kann außerhalb der Tagesordnung geschehen. – Bitte.

Gerhard Zwerenz, PDS (mit Beifall von der PDS begrüßt): Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Ich möchte mich bei der Bundestags­präsidentin für die Ermöglichung eines kurzen Gesprächs gestern abend und für die zwei Minuten Redezeit, die mir zugestanden worden sind, bedanken.

Ich kann meinen Dank leider nicht auf den Ältesten­ausschuß ausweiten, weil da keine Anhörung stattgefunden hat. Ich hätte gern mit dem Ältesten­ausschuß gesprochen.
Siegfried Scheffler (SPD): Zur Sache!
Dies hat sich als nicht möglich erwiesen.
Zuruf von der SPD: Nicht nur da!
Mir ist mitgeteilt worden, daß man sich im Ältestenrat beleidigt fühlt. Mein Rat ist, eine g e r i c h t l i c h e  K l ä r u n g herbeizuführen. Dann ist wenigstens gewährleistet, daß man angehört wird und seine Belege vorweisen kann.
Freimut Duve (SPD): Das sagt ein Mitglied des Schriftstellerverbandes?! Gerhard!
... Herr Duve, wir kennen uns...
Zurufe von der CDU/CSU und der SPD
Ich bin auch bereit, mich zu entschuldigen, wenn sich die beleidigte Gegenseite bereit erklärt, die P D S – A B G E O R D N E T E N dieses Parlaments fernerhin nicht mehr als MdBs zweiter Klasse zu behandeln.
Zurufe von der CDU/CSU, der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der F.D.P.: Oh!
Das begann bekanntlich mit der Mißachtung des Alterspräsidenten zu Beginn im Berliner Reichstag, das führt über viele Stationen bis zu neuesten Beleidigungen und auch Lügen. Die CDU/CSU-MdBs Erika Steinbach und Norbert Geis tun dies – durch den Ältestenrat ungerügt – auch jetzt noch. Erst gestern nannte Herr Geis mich einen treuen Gefolgsmann des SED-Regimes.
Beifall bei der CDU/CSUDr. Wolfgang Schäuble (CDU/CSU): Protokoll für die nächste Wende!
Wahr ist: Ich wurde von 1956 bis 1989 vom Staatssicherheitsdienst verfolgt und zum Schluß auch im Westen noch observiert. Das kann man bei der Gauck-Behörde abfragen. Ich bin jederzeit bereit, alles zu tun, damit Ihnen das möglich ist. Aber Sie wollen das ja nicht wissen.

Ebenso hatte ich 32 Jahre lang das Verbot, die DDR überhaupt zu betreten. Ich hatte jahrelang sogar ein Transitverbot, während die großen Demokraten, die sich jetzt so aufregen, ihre führenden Politiker jederzeit zu Treffen mit den Herren Honecker und Schalck-Golodkowski geschickt haben, die ich nicht kennenlernen durfte; denn ich durfte die DDR überhaupt nicht betreten. Das soll man wenigstens wissen, wenn man mich fortwährend beschuldigt, Dienst­mann des Honecker-Regimes gewesen zu sein. Ich verzichtete gern auf das Privileg, mit diesen Politikern zu verkehren.

Ich erkläre hiermit: Ich bin gern bereit, mit jedem, der sich beleidigt fühlt, zu sprechen. Ich bin aber erst dann bereit, wenn wir weder kollektiv noch individuell beleidigt werden. Wir werden fortwährend beleidigt.
Siegfried Hornung (CDU/CSU): Unerhört ist das!
Das andere ist jetzt Ihr Problem, meines ist es nicht mehr.
Beifall bei der PDS (Protokoll-Ende) Ich notierte dazu:
Zu den Spitzensportlern im Schwergewicht der Demagogie zählte wie üblich Norbert Geis, rechtspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, der mich in seinem Pressedienst vom 28.6.1995 zum »treuen Gefolgsmann des SED-Regimes« ernannte, kurzum: Zwerenz hat »seine Migliedschaft in unserem Parlament verwirkt.« Sehr schön, wozu brauchen wir dann noch Wähler, wenn der Schwarze Sheriff befiehlt. Am selben Tag äußerte sich Erika Steinbach, die »Kulturbeauftragte der CDU/CSU-Bundestagsfraktion« gegen ...»Gregor Gysi, Gerhard Zwerenz, Stefan Heym und Co.«, der leider »speiübel« ist, weil Gysi sich »schamlos als Saubermann« gibt, Zwerenz »aus der Geschichte der DDR nichts, aber auch gar nichts gelernt hat – schon gar nicht Einsicht.« (Wie sollte ich auch, da ich die DDR doch gar nicht betreten durfte. Mir reichte auch die Einsicht in die Bundesrepublik, wo ich seit 1957 lebte.) Da ich von Hitlers Kindern gesprochen hatte, die sich an Hitlers Opfern rächen, meldete sich folgerichtig Rainer Eppelmann im FOCUS vom 31.7.95 zur Stelle. Ich schrieb ihm daraufhin einen Brief:

»Sehr geehrter Herr Eppelmann, aus FOCUS 31/1995 erreicht mich Ihr Artikel ›Signale der neuen Schamlosigkeit – Die PDS auf dem Weg zur nächsten Wende?‹ Meine Antwort: Sie wissen nichts und schreiben falsches Zeugnis, dazu noch unelegant. Sie tun mir leid, denn als Christ fallen Sie der Hölle anheim, Sie armer Teufel, ich würde Sie gern retten. Sie behaupten, nur als Beispiel: ›Zwerenz beschimpft die Menschen, die in der DDR Widerstand gegen die SED-Diktatur leisteten ...‹ Das ist nicht richtig, Herr Theologe. Damit Sie vielleicht eine leise Ahnung bekommen, anbei ein paar lose Seiten aus meiner Stasi-Akte, die freilich auch viele Falschinformationen enthält. Im Vergleich zu Ihnen, Herr Kollege, war die Stasi aber tatsächlich jeweils näher an der Wahrheit dran. Im Vertrauen: Möchten Sie nicht ein wenig beichten? Ich vergebe Ihnen so wie meinen Stasi-Feinden.
Mit freundlichen Grüßen
Gerhard Zwerenz«
Die Sprache der tüchtigen Ankläger im Parlament weckte in mir keine besonders romantischen Erinnerungen. Im geheimen Stasi-Briefverkehr figurierten Erich Loest und ich als »schriftstellerische Mißgeburten«. Diese Ost-Wut ist so irre wie Schäubles Bonner Zwischenruf »Pfui Teufel!« Mein Rat an die Parlamentarier, doch eine »gerichtliche Klärung« anzustreben, blieb vergeblich, während der eifrige DDR-Verfolgungsapparat auf seine Weise ein Gericht angestrebt hatte, indem er mir mal wieder einen Haftbefehl spendierte. Darauf antwortete ich per Lyrik:

Ohne Abschied

Ich habe keinen Titel am Namen
und keinen Orden auf dem Gewissen,
mein Vater war nicht Graf noch General,
und Freitag abend badeten wir in der Holzwanne.

Als Soldat war ich zufällig einmal tapfer
und meist verlaust.
Ich wurde verwundet, am Arm, am Bein und am
Vaterland.

Als der Krieg aus war; glaubte ich, er sei aus.
Später sah ich meinen Irrtum ein und studierte ihn,
das heißt Philosophie.
So hungerte ich mich durch die Jahre.

Als ich zu schreiben begann, trug die Welt es mit Anstand.
Als einige Apparatschiks sich drüber ärgerten,
wurde ich bekannt.
Man schickte mir Freunde ins Haus, die helfen sollten.
Zufällig waren sie eingeschriebene Mitglieder
beim Staatssicherheitsdienst.
Bei einer Pause, als sie die Geschichte der KPdSU
studierten, fühlte ich den unwiderstehlichen Drang,
spazierenzugehen.

Seither weiß ich, wie rührend es ist,
irgendwo in der Welt Menschen zu wissen,
die auf einen warten.

Auf die dümmliche Feindseligkeit im Bonner Parlament hin will mir einfach kein Gedicht einfallen. Davon abgesehen liebe ich alle diese Schimpf­kanoniere in Ost wie West. Frau Birthler allerdings soll nach zwanzigjähriger staatlicher Gauck-Forschung erneut den »IM-Gysi« suchen. Den Täter haben sie schon, die Tat werden sie noch finden? Adolf konnte vom Krieg gegen »jüdische Kommunisten« auch nicht ablassen. Diesen Vergleich verbieten die Nachfolger. Einem freischwebenden Schriftsteller sind die letzten Helden samt ihrer Sprache aus dem Wörterbuch des Unmenschen absolut Wurscht.

Am Montag, den 14. Juli 2008, erscheint das nächste Kapitel.

Gerhard Zwerenz   07.07.2008   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   Seite empfehlen  empfehlen

Gerhard Zwerenz
Serie
  1. Wie kommt die Pleiße nach Leipzig?
  2. Wird Sachsen bald chinesisch?
  3. Blick zurück und nach vorn
  4. Die große Sachsen-Koalition
  5. Von Milbradt zu Ernst Jünger
  6. Ein Rat von Wolfgang Neuss und aus Amerika
  7. Reise nach dem verlorenen Ich
  8. Mit Rasputin auf das Fest der Sinne
  9. Van der Lubbe und die Folgen
  10. Unser Schulfreund Karl May
  11. Hannah Arendt und die Obersturmbannführer
  12. Die Westflucht ostwärts
  13. Der Sänger, der nicht mehr singt
  14. Ich kenne nur
    Karl May und Hegel
  15. Mein Leben als Prophet
  16. Frühe Liebe mit Trauerflor
  17. Der Schatten Leo Bauers
  18. Von Unselds Gegner zu Holtzbrincks Bodyguard
  19. Karl May Petrus Enzensberger Walter Janka
  20. Aus dem Notizbuch eines Ungläubigen
  21. Tanz in die zweifache Existenz
  22. General Hammersteins Schweigen
  23. Die Pleiße war mein Mississippi
  24. Im Osten verzwergt und verhunzt?
  25. Uwe Johnson geheimdienstlich
  26. Was fürchtete Uwe Johnson
  27. Frühling Zoo Buchmesse
  28. Die goldenen Leipziger Jahre
  29. Das Poeten-Projekt
  30. Der Sachsenschlag und die Folgen
  31. Blick zurück auf Wohlgesinnte
  32. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (I)
  33. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (II)
  34. Brief mit Vorspann an Erich Loest
  35. Briefwechsel mit der Welt der Literatur
  36. Die offene Wunde der Welt der Literatur
  37. Leipzig – wir kommen
  38. Terror im Systemvergleich
  39. Rachegesang und Kafkas Prophetismus
  40. Die Nostalgie der 70er Jahre
  41. Pauliner Kirche und letzte Helden
  42. Das Kickers-Abenteuer
  43. Unser Feind, die Druckwelle
  44. Samisdat in postkulturellen Zeiten
  45. So trat ich meinen Liebesdienst an …
  46. Mein Ausstieg in den Himmel
  47. Schraubenzieher im Feuchtgebiet
  48. Der Fall Filip Müller
  49. Contra und pro Genossen
  50. Wie ich dem Politbüro die Todesstrafe verdarb
  51. Frankfurter Polzei-buchmesse 1968
  52. Die Kunst, weder Kain noch Abel zu sein
  53. Als Atheist in Fulda
  54. Parade der Wiedergänger
  55. Poetik – Ästhetik und des Kaisers Nacktarsch
  56. Zwischen Arthur Koestler und den Beatles
  57. Fragen an einen Totalitarismusforscher
  58. Meine fünf Lektionen
  59. Playmobilmachung von Harald Schmidt
  60. Freundliche Auskunft an Hauptpastor Goetze
  61. Denkfabrik am Pleißenstrand
  62. Rendezvous beim Kriegsjuristen
  63. Marx, Murx, Selbstmord (der Identität)
  64. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (I. Teil)
  65. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (II. Teil)
  66. Der Bunker ...
  67. Helmut auf allen Kanälen
  68. Leipzig anno 1956 und Berlin 2008
  69. Mit Konterrevolutionären und Trotzkisten auf dem Dritten Weg
  70. Die Sächsischen Freiheiten
  71. Zwischen Genossen und Werwölfen
  72. Zur Geschichte meiner Gedichte
  73. Poetenladen: 1 Gedicht aus 16 Gedichten
  74. Der Dritte Weg als Ausweg
  75. Unendliche Wende
  76. Drei Liebesgrüße für Marcel
  77. Wir lagen vor Monte Cassino
  78. Die zweifache Lust
  79. Hacks Haffner Ulbricht Tillich
  80. Mein Leben als Doppelagent
  81. Der Stolz, ein Ostdeutscher zu sein
  82. Vom Langen Marsch zum 3. Weg
  83. Die Differenz zwischen links und rechts
  84. Wo liegt Bad Gablenz?
  85. Quartier zwischen Helmut Schmidt und Walter Ulbricht
  86. Der 3. Weg eines Auslandssachsen
  87. Kriegsverrat, Friedensverrat und Friedenslethargie
  88. Am Anfang war das Gedicht
  89. Vom Buch ins Netz und zur Hölle?
  90. Epilog zum Welt-Ende oder DDR plus
  91. Im Hotel Folterhochschule
  92. Brief an Ernst Bloch im Himmel
  93. Kurze Erinnerung ans Bonner Glashaus
  94. Fritz Behrens und die trotzkistische Alternative
  95. 94/95 Doppelserie
  96. FAUST 3 – Franz Kafka vor Auerbachs Keller
  97. Rainer Werner Fassbinder ...
  98. Zähne zusammen­beißen ...
  99. Das Unvergessene im Blick
    1. Nachwort
Nachworte
  1. Nachwort
    siehe Folge 99
  2. Auf den Spuren des
    Günter Wallraff
  3. Online-Abenteuer mit Buch und Netz
  4. Rückschau und Vorschau aufs linke Leipzig
  5. Die Leipziger Denkschule
  6. Idylle mit Wutanfall
  7. Die digitalisierte Freiheit der Elite
  8. Der Krieg als Badekur?
  9. Wolfgang Neuss über Kurt Tucholsky
  10. Alter Sack antwortet jungem Sack
  11. Vor uns diverse Endkämpfe
  12. Verteidigung eines Gedichts gegen die Gladiatoren
  13. Parademarsch der Lemminge und Blochs Abwicklung
  14. Kampf der Deserteure
  15. Fritz Bauers unerwartete Rückkehr
  16. Der Trotz- und Hoffnungs-Pazifismus
  17. Als Fassbinder in die Oper gehen wollte
  18. Was zum Teufel sind Blochianer?
  19. Affentanz um die 11. Feuerbach-These
  20. Geschichten vom Geist als Stimmvieh
  21. Von Frankfurt übern Taunus ins Erzgebirge
  22. Trotz – Trotzalledem – Trotzki
  23. Der 3. Weg ist kein Mittelweg
  24. Matroschka –
    Die Mama in der Mama
  25. Goethe bei Anna Amalia und Herr Matussek im Krieg
  26. Der Aufgang des Abendlandes aus Auerbachs Keller
  27. Jan Robert Bloch –
    der Sohn, der aus der Kälte kam
  28. Das Buch, der Tod und der Widerspruch
  29. Pastor Gauck oder die Revanche für Stalingrad
  30. Bloch und Nietzsche werden gegauckt ...
  31. Hölle angebohrt. Teufel raus?
  32. Zwischen Heym + Gauck
  33. Von Marx über Bloch zu Prof. Dr. Holz
  34. Kafkas Welttheater in Auerbachs Keller
  35. Die Philosophenschlacht von Leipzig
  36. Dekonstruktion oder Das Ende der Ver­spä­tung ist das Ende
  37. Goethes Stuhl – ein Roman aus Saxanien
  38. Meine Weltbühne im poetenladen
  39. Von Blochs Trotz zu Sartres Ekel
  40. Die Internationale der Postmarxisten
  41. Dies hier war Deutschland
  42. Kopfsprünge von Land zu Land und Stadt zu Stadt
  43. Einiges Land oder wem die Rache gehört
  44. Schach statt Mühle oder Ernst Jünger spielen
  45. Macht ist ein Kriegszustand
  46. Dekonstruktion als Kriminalgeschichte I
  47. Damals, als ich als Boccaccio ging …
  48. Ein Traum von Aufklärung und Masturbation
  49. Auf der Suche nach der verschwundenen Republik
  50. Leipzig am Meer 2013
  51. Scheintote, Untote und Überlebende
  52. Die DDR musste nicht untergehen (1)
  53. Die DDR musste nicht untergehen (2)
  54. Ein Orden fürs Morden
  55. Welche Revolution darfs denn sein?
  56. Deutschland zwischen Apartheid und Nostalgie
  57. Nietzsche dekonstruierte Gott, Bloch den Genossen Stalin
  58. Ernst Jünger, der Feind und das Gelächter
  59. Von Renegaten, Trotzkisten und anderen Klassikern
  60. Die heimatlose Linke (I)
    Bloch-Oper für zwei u. mehr Stimmen
  61. Die heimatlose Linke (II)
    Ein Zwischenruf
  62. Die heimatlose Linke (III)
    Wer ist Opfer, wer Täter ...
  63. Die heimatlose Linke (IV)
    In der permanenten Revolte
  64. Wir gründen den Club der
    heimatlosen Linken
  65. Pekings große gegen Berlins kleine Mauer
  66. Links im Land der SS-Ober­sturm­bann­führer
  67. Zweifel an Horns Ende – SOKO Leipzig übernimmt?
  68. Leipzig. Kopfbahnhof
  69. Ordentlicher Dialog im Chaos
  70. Büchner und Nietzsche und wir
  71. Mit Brecht in Karthago ...
  72. Endspiel mit Luther & Biermann & Margot
  73. Die Suche nach dem anderen Marx
  74. Wer ermordete Luxemburg und Liebknecht und wer Trotzki?
  75. Vom Krieg unserer (eurer) Väter
  76. Wohin mit den späten Wellen der Nazi-Wahrheit?
  77. Der Feind ist in den Sachsengau eingedrungen
  78. Die Heldensöhne der Urkatastrophe
  79. Die Autobiographie zwischen
    Schein und Sein
  80. Auf der Suche nach der verlorenen Sprache
  81. Atlantis sendet online
  82. Zur Philosophie des Krieges
  83. Deutsche, wollt ihr ewig sterben?
  84. Der Prominentenstadl in der Krise
  85. Der Blick von unten nach oben
  86. Auf der Suche nach einer moralischen Existenz
  87. Vom Krieg gegen die Pazifisten
  88. Keine Lust aufs Rentnerdasein
  89. Von der Beschneidung bis zur
    begeh­baren Prostata
  90. Friede den Landesverrätern
    Augstein und Harich
  91. Klarstellung 1 – Der Konflikt um
    Marx und Bloch
  92. Bloch & die 56er-Opposition zwischen Philo­sophie und Verbrechen
  93. Der Kampf ums Buch
  94. Und trotzdem: Ex oriente lux
  95. Der Soldat: Held – Mörder – Heiliger – Deserteur?
  96. Der liebe Tod – Was können wir wissen?
  97. Lacht euren Herren ins Gesicht ...
  98. Die Blochianer kommen in Tanzschritten
  99. Von den Geheimlehren der Blochianer
Aufsatz