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Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | 24. Nachwort

Dies ist eine sächsische Autobiographie als Fragment in 99 Fragmenten. Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philosophen nennen das coincidentia oppositorum, d.h. Einheit der Widersprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

  24. Nachwort

Matroschka – Die Mama in der Mama



Familiengeschichte:1903 | Textilarbeiterstreik in Crimmitschau an der Pleiße
Was wir hier sehen, ist der seltene Glücksfall einer Autobiographie als Werden einer Mutter in der Mutter, ein Anfang vom dicken Ende. Wir blicken in den Hinterhof des Prole­tariats, das es gab, bevor es zum Prekariat verkam. Die Frau linkerhand birgt unter der langen Schürze ein Embryo, aus dem am 25. Februar 1904 meine Mutter wurde, ist also meine Großmutter. Der Mann zwischen ihr und der Wand ist ihr Mann, mein Großvater, der als Österreicher nach Sachsen einge­wandert war wie sie aus Oberfranken. Wir blicken mitten ins Herz der werdenden sozial­demo­krati­schen Arbeiter­bewe­gung. Franz Wiedl arbeitet als Kesselschmied in Crimmit­schau an der Pleiße. Seine Frau gebiert acht Kinder, von denen vier tot zur Welt kommen oder früh sterben. Meine Mama wurde also im Herbst 1903 als Embryo im Bauch ihrer Mutter erstmals foto­grafiert. Und zwar mitten in der Zeit des Textil­arbeiter­streiks.

 

Lexikalische Auskunft: „Die Textil- und Heimarbeiter im west­sächsischen Crimmit­schau treten in den Ausstand, um ihrer Forderung nach einem zehn­stündigen Arbeits­tag und einer Lohn­erhöhung von 14 % Nachdruck zu verleihen.“ (Harenberg Kommuni­kation, Dortmund 1983)

 

Der Kesselschmied Franz Wiedl tritt 1902 der Ge­werk­schaft, dem Deutschen Metall­arbei­ter-Verband bei. 1927 feiert er sein 25jähriges Jubi­läum. Als er 1941 im Kranken­haus zu Crimmit­schau stirbt,

Familiengeschichte
25 Jahre Mitglied der Metall­arbeiter­gewerkschaft

heftet irgend­ein brauner Idiot dem Toten das Ab­zeichen der Deut­schen Arbeits­front an die Jacke. Ich hielt das für Leichen­schän­dung.

 

Betrachte ich das Foto vom Herbst 1903, denke ich, meine Mutter erlebte schon im Bauch ihrer Mutter den Kampf der Klas­sen. Kaum war sie gezeugt gab es den Textil­arbeiter­streik. Ein Viertel­jahr vor ihrer Geburt ver­häng­te das Kaiser­reich den Aus­nahme­zustand über Crimmit­schau. Im August spra­chen August Bebel und Rosa Luxem­burg in der Stadt zu den Strei­kenden. Am 4. Januar 1904 Abbruch des Streiks. Meine Mutter Liesbeth Wiedl erblickte im Monat darauf das Licht der Welt und wurde später, was sonst, Textil­arbei­terin. Im Jahre 1925 hei­ratete sie oder wurde gehei­ratet, weil ich „unter­wegs“ war, wie man das damals um­schrieb. Mein Vater, der in der Zie­gelei seines Vaters arbeitete, soll, als er mich erstmals erblickte, „Gott­verdammich!“ ausge­rufen haben. Ich ent­schloss mich, das als Respekts­bezeu­gung für seine Leistung ein­zuordnen.

 

Heute, im Jahr 2010 blödeln Politiker, Ökonomen, Banker über die Wirt­schafts­krise daher, statt klar und deut­lich ein­zu­gestehen, sie ließen welt­umspannende krimi­nelle Gangs zu, die Kapital und Bildung abziehen, um das Geld strategisch vagabundierend zur globalen Spekulation einzusetzen. Die Weltkapitalkrise resultiert aus der konter­revolu­tionären Macht von Finanz­feudalisten, die dem produktiven Wirt­schafts­sektor, den Bildungs­einrich­tungen, Sozial­strukturen die zur Existenz notwendigen Mittel entziehen. Die Freiheit, Kapital nur zur Produktion von Kapital zu nutzen – Motto: Geld heckt Geld – führt zu kriege­rischen Kreisläufen. Das alles wurde 1996 schon mal von Hans-Peter Martin und Harald Schumann in einem Sachbuch unter dem Titel Die Globa­lisierungsfalle, erschienen im Rowohlt Verlag, dargelegt. Heute stecken wir tief drin in der Globalisierungs­falle. Alle diese Mechanismen haben Marx/Engels bereits 1848 im Kommunis­tischen Manifest analysiert.

 

Das alte Foto vom proletarischen Hinterhof in Crimmitschau an der Pleiße zur Zeit des Textilarbeiterstreiks zeigt eine Station auf der Wegstrecke von der verlorenen Bürgerlichen Revolution 1848 über alle verlorenen Revolutionen bis zum Weltkriegszustand unserer Gegenwart.

 

Warum ich einem Chefredakteur den Weltuntergang verschwieg: Der Mann, nennen wir ihn Jürgen, verbrachte immer mal wieder Tage und Nächte in unserer Bibliothek im Erdgeschoss, wo sich außer x-tausend Büchern und Zeitschriften drei Liegestätten befinden, weshalb wir den Raum auch als Gästezimmer nutzen. Jürgen las, schrieb, fragte. Auf halber Strecke geriet mir ein Herzinfarkt dazwischen. Pause und Lustlosigkeit. Raus aus dem Tief! befahl ich meinem faulen Kopf und Körper. So brachte Jürgen schließlich, wenn auch etwas verspätet, unseren Frage-und-Antwort-Band Weder Kain noch Abel heraus. Indem ich unser Buch las, lernte ich ihn und mich besser kennen. Dabei standen mir neue Fragen auf. An erster Stelle die Frage nach dem Grund, der mich davon abhielt, dem versierten Interviewer einzugestehen, dass ich der bedrohten Tierart Mensch keine Zukunft mehr zubilligen kann. Es wird kein 22. Jahrhundert geben. Schade drum.

 

Warum aber ging ich bei den Antworten auf die Fragen immer nur bis an den Abgrund heran? Wollte ich den der Hoffnung harrenden Leser nicht erschrecken? Scheute ich davor zurück, als Pessimist, Schopenhauerianer, Schwarzseher zu gelten, obwohl wir doch des Lichtblicks dringend bedürfen? Das musste bedacht werden. Gibt es einen Ausweg?

 

Schon den neuesten Werbetext vernommen? Wer geprügelt werden möchte, geht zur katho­lischen Kloster­schule. Wer geliebt werden will in den Hodenwald. Das ist Wahl­freiheit. Wir gehen in Auerbachs Keller zu dem Tisch, an dem Nietzsche den Über­menschen erfand, weil ihm Goethes Duett-Duell Faust-Mephisto zu fad war. Wer große Ohren hat, der hört Nietzsches sächsische Klagen: …„das Reich der Flachheit und Un­frucht­samkeit, das Schla­raffen­land der Frivolen und Viel-zu-Vielen, das Reich der Impotenz soll kommen … Euer Ideal heiße ich den letzten Menschen: denn mit ihm geht es abwärts – hin zum Affen…“ Der geile Friederich hatte im Keller wohl zu schlecht gespeist. Sie hätten statt seines Stuhls den Stuhlgang auf­bewahren sollen, da wüssten wir, woran es lag. 1933 nahm Hitler auf dem Stuhl Platz. Und 1950 ließ Ulbricht den Stuhl in die USA versteigern. (Einem Ondit zufolge) So gelangen wir mit elegantem Schwung in die DDR: Niemand wollte sie, immer mehr wollen sie heute zurück. Wenigstens ein kleines Stück. Da gab es aber die Vorge­schichte mit dem georgischen Priester­seminaristen Josef Dschuga­schwili, der vor den väter­lichen Prügeln in den kirchlichen Glauben und weiter in die Revolution entwich. Wir sächsischen Genossen glaubten daran. Ab Frühjahr 1956 musste keiner mehr daran glauben. Wer es trotzdem tat, sollte sich fragen warum. Die Geschichte der deutschen Einheits­kultur besteht aus zwei Lügen. Die Kommunis­ten gehen an Stalins Hand übern Jordan, die Antikom­munisten mit Hitler. Wer beide gleich­setzt, zählt gewiss nicht zu den Kommunisten. Dimitri Wolkogonow nannte sein Stalin-Porträt Triumph und Tragödie. Das trifft Deutsche wie Russen als Schicksals­gemein­schaft. Die erste Genera­tion deutscher Genossen trifft es mitten ins Herz. Der sowjetische Genosse hat nach dem Ende der SU immer noch sein Russ­land. Der deutsche Genosse hat mit dem Ende der DDR kein Vaterland, seither schwächelt er dahin, weil Chruscht­schows Angebot von 1956, sich ehrlich zu machen, ausge­schlagen worden ist.

 

Nicht aller Adel ist von schlechtem Stamm
Heinrich Graf von Einsiedel
Tagebuch der Versuchung
Ullstein
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Ein Adelsspross von und zu Guttenberg ernennt die am Hindukusch zu Tode gekommenen Bundeswehr­soldaten glattweg zu Helden. Wie stand das bei Brecht:
Glücklich das Land, das keine Helden nötig hat. Die Ministerworte sind purer Helden­scheiß, gequirlter Grafen­quark. Hier muss ich meinen alten, 2007 verstorbenen Freund Graf Heinrich Einsiedel in Schutz nehmen. Nicht aller Adel ist von schlechtem Stamm. Sogar Richard von Weizsäcker fand 1985 im Bundestag schon Worte einer Einsicht, die Wolfgang Borchert alias Beckmann bereits vier Jahr­zehnte früher ausge­sprochen hatte. Manche brauchen etwas länger. Ich stelle mich auf die Hinterfüße und bringe meinen Pleißenadel ins Spiel. Auf dem Foto meiner Vorfahren anno 1903 in Crimmitschau an der Pleiße, 70 km südlich von Leipzig, wo unser Fluss am Dimitroff-Platz paradiert, bevor er mit der Elster Richtung Elbe zur Nordsee entschwindet, in West­sachsen also zu Zeiten des arbeits­welt­stürzeri­schen Textil­arbeiter­streiks lag, wie das Foto illustriert, die Burg­friedens­politik der SPD noch ein Jahrzehnt voraus und das schand­bare Bündnis Ebert-Noske-Pabst noch weitere vier Jahre in der elenden Zukunft. Luxemburg mit dem Kolben nieder­geschlagen und erschossen. Liebknecht mit dem Kolben nieder­geschlagen und erschossen. Trotzki 21 Jahre später mit einem Eispickel erledigt. Die Revolution im Zeichen vereinigter Konter­revolutionen. Das Proletariat als historische Verall­gemeinerung von gestern. Heute zwischen Prekariat, Deutscher Arbeits­front und Hartz-Vier.

 

Im 18. Nachwort wurde frech behauptet, die trefflichen Wandmalereien in Auerbachs Keller böten nur auf den ersten Blick idyl­lische Szenen. Denkbar sind tatsächlich kühne Entwürfe einer fausti­schen Bild­kunst zum Abschminken. Jede Wand ist eine Kerkertür, die sich öffnen lässt, wagt der Häftling den Gang ins Freie. So die Interpretationen der Kafka-Geschichte Vor dem Gesetz und von Tübkes Bauern­kriegs­panorama in Bad Franken­hausen. Nietzsche: „Wir Frühgeburten einer noch unbewie­senen Zukunft bedürfen zu einem neuen Zwecke auch eines neuen Mittels, nämlich einer neuen Gesundheit…“ – Na dann, auf unser aller Wohl!

 

Heute gegen Morgen träumte ich, die Leipziger Uni heiße wieder Karl-Marx-Universität. Ihr Philosophisches Institut ist nach Ernst Bloch benannt. Ich wohne wie damals im Mendelssohn-Bartholdy-Haus und nehme mir vor, in Auerbachs Keller zu frühstücken, im Ratskeller zu Mittag zu speisen und den Abend mit Bloch und Hans Pfeiffer im Kaffeebaum zu verbringen. Draußen spaziert Alfred Kurella vorbei und beteuert, er heiße gar nicht Bernhard Ziegler.

 

Satz für Satz erobere ich mir meine Geburtsheimat zurück. Keine polierte Geschichte mehr, Freunde. Front bedeutet Stellung (beziehen). Taktik war gestern.

 

Die Last mit den 10 Geboten
Manfred Messerschmidt
Die Wehrmachtjustiz
Schöningh 2005
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Manfred Messerschmidt zitiert in Die Wehrmacht­justiz 1933-1945, im Verlag Ferdinand Schöningh 2005 erschienen, die „10 Gebote für die Krieg­führung des Deutschen Sol­daten“, einem Merkblatt, das als Heeres­dienst­vorschrift (HDv) Nr. 231 vom Ober­kommando der Wehr­macht im Jahr 1942 heraus­gegeben wurde und, obwohl in die Sold­bücher eingelegt oder einge­klebt, zu den weithin unbe­kannten Schriften zählte. Warum wohl? Messer­schmidt verweist auf den Anfang des 3. Gebotes: „Es darf kein Gegner getötet werden, der sich ergibt ... “ Wie ist das mit dem mil­lionen­fachen Tod von Gefan­genen zu ver­ein­baren? Mit den „Probe­ver­gasungen“ sowjetischer Kriegs­gefangener? Vom Kommissar­befehl und anderen direkten Mordan­weisungen nicht zu reden. Wir legen hier das dem deutschen kollek­tiven Gedächtnis ent­schwundene Merkblatt in seiner ganzen vergeb­lichen Pracht vor. Da heißt es:

 

„In der Wehrmacht des Dritten Reiches sind die Soldaten durch Unterricht, Dienst­anweisung und Befehle eingehend mit den für sie in Betracht kom­menden völker­rechtlichen Bestim­mungen vertraut gemacht worden. Jeder deutsche Soldat hat als Merkblatt folgende 10 Gebote für die Krieg­führung des deutschen Soldaten in seinen Händen:

 

1. Der deutsche Soldat kämpft ritterlich für den Sieg seines Volkes. Grausamkeiten und nutzlose Zerstörungen sind seiner unwürdig.
2. Der Kämpfer muss uniformiert oder mit einem besonders eingeführten weithin sichtbaren Abzeichen versehen sein. Kämpfen in Zivilkleidung ohne ein solches Abzeichen ist verboten.
3. Es darf kein Gegner getötet werden, der sich ergibt, auch nicht der Freischärler und der Spion. Diese erhalten ihre gerechte Strafe durch die Gerichte.
4. Kriegs­gefangene dürfen nicht misshandelt oder beleidigt werden. Waffen, Pläne und Auf­zeichnungen sind abzunehmen, von ihrer Habe darf sonst nichts weggenommen werden.
5. Dum-Dum-Geschosse sind verboten. Geschosse dürfen auch nicht in solche umgestaltet werden.
6. Das Rote Kreuz ist unver­letzlich. Verwundete Gegner sind menschlich zu behandeln. Sanitäts­personal und Feld­geistliche dürfen in ihrer ärztlichen bzw. seel­sorgerischen Tätigkeit nicht gehindert werden.
7. Die Zivil­bevölkerung ist unverletzlich. Der Soldat darf nicht plündern oder mutwillig zerstören: Geschichtliche Denkmäler und Gebäude, die dem Gottes­dienst, der Kunst, Wissen­schaft oder der Wohltätig­keit dienen, sind besonders zu achten. Natural- und Dienst­leistungen von der Bevöl­kerung dürfen nur auf Befehl von Vorgesetzten gegen Entschädigung beansprucht werden.
8. Neutrales Gebiet darf weder durch Betreten oder Über­fliegen noch durch Beschießen in die Kriegs­handlung einbezogen werden.
9. Gerät ein deutscher Soldat in Gefangen­schaft, so muss er auf Befragen seinen Namen und Dienstgrad angeben. Unter keinen Umständen darf er über Zugehörigkeit zu seinem Truppenteil und über militärische, politische und wirtschaftliche Verhältnisse auf der deutschen Seite aussagen. Weder durch Versprechungen noch durch Drohungen darf er sich dazu verleiten lassen.
10. Zuwiderhandlungen gegen die vorstehenden Befehle in Dienstsachen sind strafbar. Verstöße des Feindes gegen die unter 1 bis 8 angeführten Grundsätze sind zu melden. Vergeltungsmaßregeln sind nur auf Befehl der höheren Truppenführung zulässig.
Offi­ziere und Wehrmachtsbeamte sind durch umfangreichere Merkblätter unterwiesen worden. Ferner sind die völker­rechtlichen Abkommen zum Gebrauch für die Truppe in beson­deren Dienst­vorschriften zusam­men­gestellt worden.“

 

Das also ist die HDv Nr. 231 von 1942, die für jeden Wehrmachtangehörigen galt, im Unterricht durch­gekaut und ins Soldbuch eingefügt wurde. Man frage einen damaligen Soldaten, ob er davon noch etwas weiß. Der allgemeine Erin­nerungs­schwund der Wehr­macht­kameraden gleicht dem aktuel­len Ge­dächt­nis­verlust der Bundes­wehr nach dem Krieg gegen Jugoslawien und schon während des Krieges. Was zählen denn 10 christliche oder 10 wehr­machtliche Gebote oder die des Grund­gesetzes, wenn der Angriffs­befehl kommt. Da stehen dann ein paar Treu­dienstler wie Jürgen Rose von Gott und Regierung verlassen in der Gegend. Was ist ein Papier noch wert, wenn es um Macht geht, um Kapital und Blut. Die Terroristen sind immer die anderen. Was gilt das Völkerrecht, wenn ein Führer, Präsident, Minister es zu brechen befiehlt. Das ist die Kardinalfrage.

 

... dir general du wildes vieh / dir wünsch ich ein geschoss ins knie / und auch – damit die rechnung ganz – / drei kugeln in den steifen schwanz ... – so schön robust dichtete ich in der Erst­fassung meines Anti­kriegs­zyklus anno 1943 im Schützen­graben von Monte Cassino. Als die leicht geglättete Version 1962 in Gesänge auf dem Markt bei Kiepenheuer und Witsch in Köln erschien, war dort der alte Kardinal sauer und die junge Bundes­wehr geschockt. Nur das Lese­publikum applaudierte. Es wusste noch, was Krieg ist. Und weil mich die Erinnerung übermannt, fallen mir noch zwei liebens­werte Verse aus dem Gedicht Der heimgekehrte Soldat ein.

 

den feldpfaff will als ersten ich gemahnen
und meine flüche soll er mehr als ahnen
und spenden mir drei schwere kerzen
dafür wünsch ich ihm kreuz- und gliederschmerzen


auch meines obersten will ich gedenken
der mich gar oft hat kujoniert
man soll ihn sonntagmorgen henken
bevor er seinen kirchgang absolviert

 

Vom heißen Krieg zurück in den Kalten Krieg. 1976 beschuldigte der FAZ-Heraus­geber Joachim C. Fest den Filme­macher Rainer Werner Fass­binder des mos­kaunahen linken Anti­semitismus und mich der Mitschuld. Einige meiner Kollegen beschwer­ten sich bei Fest und erhielten Antwort­schreiben dieser Machart.

 

In der FAZ vom 10.4.1976 steigerte der Herausgeber seine Vorwürfe noch, denn Fassbinder habe „einem Aufsatz über den französischen Filmregisseur Claude Chabrol einen Satz von Gerhard Zwerenz vorangestellt: ›Es gibt nichts Schöneres als die Parteinahme für die Unterdrückten, die wahre Ästhetik ist die Verteidigung der Schwachen und Benachteiligten.‹“

 

In Der langsame Tod des Rainer Werner Fassbinder, wo ich über Fests vielfältige Umtriebe berichte, heißt es dazu: „Demnach sind Fassbinder und Zwerenz also fast so links wie Jesus Christus, und das genügt, beide aus der Gemeinschaft honoriger Rechtgläubiger auszuschließen.“

 


 Die Puppen in der Puppe
In solchen Situationen fühle ich mich als kleiner Pleißen­sachse richtig wohl – Hand aufs Herz – darüber bin ich erhaben. Um es bild­lich aus­zudrücken: Ich nehme das schöne alte Foto aus dem Streik­jahr 1903, klopfe meiner mit meiner Mutter schwan­geren Groß­mutter aufs gerundete Bäuch­lein und sage: Hundert­und­sieben Jahre unserer Fa­mi­lien­geschich­te sind ver­gan­gen wie ein Tag. Noch ist Sachsen nicht verloren. Die Mama in der Mama, die Puppe in der Puppe, die Genos­sin Matrosch­ka überlebt. Um die Story wie ein Bühnen­stück klas­sisch abzu­runden, was zur wahren Ästhetik gehört, spen­dete mir der Osten noch einen für­sorglichen Haft­befehl dazu. So zwischen dem braven Politbüro-General Mielke und dem über­eifrigen FAZ-Heraus­geber Fest spielte ich meine Lieblings­rolle als Weltkind in der Mitten. Das hatte ich im August 44 schon mal zwischen Wehrmacht und Roter Armee vor­trainiert. Im übrigen liebe ich alle meine Genossen. Seit dem 26.4.2010 sind wir pazi­fistischen Weich­eier auch nicht mehr so ganz allein. Die Journalistin Barbara Supp darf auf einer ganzen Seite gegen den Krieg hetzen, und ausgerechnet, man traut seinen Augen nicht, im in letzter Zeit wehrer­tüchtigten Spiegel. Etwa doch Augsteins Sturm­geschütz für die Demokratie?

Ein weiteres Nachwort ist für Montag, den 10.05.2010, geplant.

Fotos zur Lesung mit Gerhard Zwerenz aus der Sächsischen Autobiographie am 19.11.2009 im Haus des Buches, Leipzig   externer Link

Lesungs-Bericht bei Schattenblick  externer Link

Interview mit Ingrid und Gerhard Zwerenz bei Schattenblick  externer Link

Gerhard Zwerenz   03.05.2010    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
Gerhard Zwerenz
Serie
  1. Wie kommt die Pleiße nach Leipzig?
  2. Wird Sachsen bald chinesisch?
  3. Blick zurück und nach vorn
  4. Die große Sachsen-Koalition
  5. Von Milbradt zu Ernst Jünger
  6. Ein Rat von Wolfgang Neuss und aus Amerika
  7. Reise nach dem verlorenen Ich
  8. Mit Rasputin auf das Fest der Sinne
  9. Van der Lubbe und die Folgen
  10. Unser Schulfreund Karl May
  11. Hannah Arendt und die Obersturmbannführer
  12. Die Westflucht ostwärts
  13. Der Sänger, der nicht mehr singt
  14. Ich kenne nur
    Karl May und Hegel
  15. Mein Leben als Prophet
  16. Frühe Liebe mit Trauerflor
  17. Der Schatten Leo Bauers
  18. Von Unselds Gegner zu Holtzbrincks Bodyguard
  19. Karl May Petrus Enzensberger Walter Janka
  20. Aus dem Notizbuch eines Ungläubigen
  21. Tanz in die zweifache Existenz
  22. General Hammersteins Schweigen
  23. Die Pleiße war mein Mississippi
  24. Im Osten verzwergt und verhunzt?
  25. Uwe Johnson geheimdienstlich
  26. Was fürchtete Uwe Johnson
  27. Frühling Zoo Buchmesse
  28. Die goldenen Leipziger Jahre
  29. Das Poeten-Projekt
  30. Der Sachsenschlag und die Folgen
  31. Blick zurück auf Wohlgesinnte
  32. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (I)
  33. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (II)
  34. Brief mit Vorspann an Erich Loest
  35. Briefwechsel mit der Welt der Literatur
  36. Die offene Wunde der Welt der Literatur
  37. Leipzig – wir kommen
  38. Terror im Systemvergleich
  39. Rachegesang und Kafkas Prophetismus
  40. Die Nostalgie der 70er Jahre
  41. Pauliner Kirche und letzte Helden
  42. Das Kickers-Abenteuer
  43. Unser Feind, die Druckwelle
  44. Samisdat in postkulturellen Zeiten
  45. So trat ich meinen Liebesdienst an …
  46. Mein Ausstieg in den Himmel
  47. Schraubenzieher im Feuchtgebiet
  48. Der Fall Filip Müller
  49. Contra und pro Genossen
  50. Wie ich dem Politbüro die Todesstrafe verdarb
  51. Frankfurter Polzei-buchmesse 1968
  52. Die Kunst, weder Kain noch Abel zu sein
  53. Als Atheist in Fulda
  54. Parade der Wiedergänger
  55. Poetik – Ästhetik und des Kaisers Nacktarsch
  56. Zwischen Arthur Koestler und den Beatles
  57. Fragen an einen Totalitarismusforscher
  58. Meine fünf Lektionen
  59. Playmobilmachung von Harald Schmidt
  60. Freundliche Auskunft an Hauptpastor Goetze
  61. Denkfabrik am Pleißenstrand
  62. Rendezvous beim Kriegsjuristen
  63. Marx, Murx, Selbstmord (der Identität)
  64. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (I. Teil)
  65. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (II. Teil)
  66. Der Bunker ...
  67. Helmut auf allen Kanälen
  68. Leipzig anno 1956 und Berlin 2008
  69. Mit Konterrevolutionären und Trotzkisten auf dem Dritten Weg
  70. Die Sächsischen Freiheiten
  71. Zwischen Genossen und Werwölfen
  72. Zur Geschichte meiner Gedichte
  73. Poetenladen: 1 Gedicht aus 16 Gedichten
  74. Der Dritte Weg als Ausweg
  75. Unendliche Wende
  76. Drei Liebesgrüße für Marcel
  77. Wir lagen vor Monte Cassino
  78. Die zweifache Lust
  79. Hacks Haffner Ulbricht Tillich
  80. Mein Leben als Doppelagent
  81. Der Stolz, ein Ostdeutscher zu sein
  82. Vom Langen Marsch zum 3. Weg
  83. Die Differenz zwischen links und rechts
  84. Wo liegt Bad Gablenz?
  85. Quartier zwischen Helmut Schmidt und Walter Ulbricht
  86. Der 3. Weg eines Auslandssachsen
  87. Kriegsverrat, Friedensverrat und Friedenslethargie
  88. Am Anfang war das Gedicht
  89. Vom Buch ins Netz und zur Hölle?
  90. Epilog zum Welt-Ende oder DDR plus
  91. Im Hotel Folterhochschule
  92. Brief an Ernst Bloch im Himmel
  93. Kurze Erinnerung ans Bonner Glashaus
  94. Fritz Behrens und die trotzkistische Alternative
  95. 94/95 Doppelserie
  96. FAUST 3 – Franz Kafka vor Auerbachs Keller
  97. Rainer Werner Fassbinder ...
  98. Zähne zusammen­beißen ...
  99. Das Unvergessene im Blick
    1. Nachwort
Nachworte
  1. Nachwort
    siehe Folge 99
  2. Auf den Spuren des
    Günter Wallraff
  3. Online-Abenteuer mit Buch und Netz
  4. Rückschau und Vorschau aufs linke Leipzig
  5. Die Leipziger Denkschule
  6. Idylle mit Wutanfall
  7. Die digitalisierte Freiheit der Elite
  8. Der Krieg als Badekur?
  9. Wolfgang Neuss über Kurt Tucholsky
  10. Alter Sack antwortet jungem Sack
  11. Vor uns diverse Endkämpfe
  12. Verteidigung eines Gedichts gegen die Gladiatoren
  13. Parademarsch der Lemminge und Blochs Abwicklung
  14. Kampf der Deserteure
  15. Fritz Bauers unerwartete Rückkehr
  16. Der Trotz- und Hoffnungs-Pazifismus
  17. Als Fassbinder in die Oper gehen wollte
  18. Was zum Teufel sind Blochianer?
  19. Affentanz um die 11. Feuerbach-These
  20. Geschichten vom Geist als Stimmvieh
  21. Von Frankfurt übern Taunus ins Erzgebirge
  22. Trotz – Trotzalledem – Trotzki
  23. Der 3. Weg ist kein Mittelweg
  24. Matroschka –
    Die Mama in der Mama
  25. Goethe bei Anna Amalia und Herr Matussek im Krieg
  26. Der Aufgang des Abendlandes aus Auerbachs Keller
  27. Jan Robert Bloch –
    der Sohn, der aus der Kälte kam
  28. Das Buch, der Tod und der Widerspruch
  29. Pastor Gauck oder die Revanche für Stalingrad
  30. Bloch und Nietzsche werden gegauckt ...
  31. Hölle angebohrt. Teufel raus?
  32. Zwischen Heym + Gauck
  33. Von Marx über Bloch zu Prof. Dr. Holz
  34. Kafkas Welttheater in Auerbachs Keller
  35. Die Philosophenschlacht von Leipzig
  36. Dekonstruktion oder Das Ende der Ver­spä­tung ist das Ende
  37. Goethes Stuhl – ein Roman aus Saxanien
  38. Meine Weltbühne im poetenladen
  39. Von Blochs Trotz zu Sartres Ekel
  40. Die Internationale der Postmarxisten
  41. Dies hier war Deutschland
  42. Kopfsprünge von Land zu Land und Stadt zu Stadt
  43. Einiges Land oder wem die Rache gehört
  44. Schach statt Mühle oder Ernst Jünger spielen
  45. Macht ist ein Kriegszustand
  46. Dekonstruktion als Kriminalgeschichte I
  47. Damals, als ich als Boccaccio ging …
  48. Ein Traum von Aufklärung und Masturbation
  49. Auf der Suche nach der verschwundenen Republik
  50. Leipzig am Meer 2013
  51. Scheintote, Untote und Überlebende
  52. Die DDR musste nicht untergehen (1)
  53. Die DDR musste nicht untergehen (2)
  54. Ein Orden fürs Morden
  55. Welche Revolution darfs denn sein?
  56. Deutschland zwischen Apartheid und Nostalgie
  57. Nietzsche dekonstruierte Gott, Bloch den Genossen Stalin
  58. Ernst Jünger, der Feind und das Gelächter
  59. Von Renegaten, Trotzkisten und anderen Klassikern
  60. Die heimatlose Linke (I)
    Bloch-Oper für zwei u. mehr Stimmen
  61. Die heimatlose Linke (II)
    Ein Zwischenruf
  62. Die heimatlose Linke (III)
    Wer ist Opfer, wer Täter ...
  63. Die heimatlose Linke (IV)
    In der permanenten Revolte
  64. Wir gründen den Club der
    heimatlosen Linken
  65. Pekings große gegen Berlins kleine Mauer
  66. Links im Land der SS-Ober­sturm­bann­führer
  67. Zweifel an Horns Ende – SOKO Leipzig übernimmt?
  68. Leipzig. Kopfbahnhof
  69. Ordentlicher Dialog im Chaos
  70. Büchner und Nietzsche und wir
  71. Mit Brecht in Karthago ...
  72. Endspiel mit Luther & Biermann & Margot
  73. Die Suche nach dem anderen Marx
  74. Wer ermordete Luxemburg und Liebknecht und wer Trotzki?
  75. Vom Krieg unserer (eurer) Väter
  76. Wohin mit den späten Wellen der Nazi-Wahrheit?
  77. Der Feind ist in den Sachsengau eingedrungen
  78. Die Heldensöhne der Urkatastrophe
  79. Die Autobiographie zwischen
    Schein und Sein
  80. Auf der Suche nach der verlorenen Sprache
  81. Atlantis sendet online
  82. Zur Philosophie des Krieges
  83. Deutsche, wollt ihr ewig sterben?
  84. Der Prominentenstadl in der Krise
  85. Der Blick von unten nach oben
  86. Auf der Suche nach einer moralischen Existenz
  87. Vom Krieg gegen die Pazifisten
  88. Keine Lust aufs Rentnerdasein
  89. Von der Beschneidung bis zur
    begeh­baren Prostata
  90. Friede den Landesverrätern
    Augstein und Harich
  91. Klarstellung 1 – Der Konflikt um
    Marx und Bloch
  92. Bloch & die 56er-Opposition zwischen Philo­sophie und Verbrechen
  93. Der Kampf ums Buch
  94. Und trotzdem: Ex oriente lux
  95. Der Soldat: Held – Mörder – Heiliger – Deserteur?
  96. Der liebe Tod – Was können wir wissen?
  97. Lacht euren Herren ins Gesicht ...
  98. Die Blochianer kommen in Tanzschritten
  99. Von den Geheimlehren der Blochianer
Aufsatz