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Siegfried Lenz
Schweigeminute

Glück muss vielleicht im Schweigen ruhen
Siegfried Lenz erzählt seine erste Liebesgeschichte und die ist so
altmodisch wie schön

Siegfried Lenz | Schweigeminute
Siegfried Lenz
Schweigeminute
Novelle
Hoffmann und Campe 2008

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Es ist einfach geschehen und Erklärungen gibt und braucht es nicht. Der Schüler Christian, ein Jahr vor dem Abitur stehend, hat sich in den letzten Sommerferien in seine Englischlehrerin verliebt. Und diese – unerhörte Begebenheit! – erwidert sein Gefühl. Da sind ein paar Gesten, Blicke, unschuldige Berührungen. Ein Nebeneinandersitzen, Sich-in-die-Augen-Schauen, Anteilnehmen – das reicht. Christian ist nicht einmal der Lieblingsschüler von Stella Petersen, im Gegenteil, er macht der jungen Pädagogin – gerade einmal fünf Jahre ist sie im Schuldienst – ernsthaft Sorgen. Doch dann ergibt sich alles wie von selbst und führt zu einem unvergessenen Sommer in dem fiktiven Ostseeort Hirtshafen.

Siegfried Lenz erzählt seine Novelle Schweigeminute vom Ende her. Denn natürlich handelt es sich bei der Liebesbeziehung zwischen einem Schüler und seiner Lehrerin um einen Skandal beziehungsweise würde sich zu einem solchen in der kleinen Welt, die Christian und Stella Lebensrahmen und -grenzen liefert, auswachsen. Doch dazu kommt es nicht, denn ein Bootsunglück fordert das Leben der jungen Frau und setzt der Liebe zwischen zwei nur in ihrem Fühlen gleichen Partnern ein tragisches Ende.

Ganz konzentriert und doch voller genauer Details, wohl wissend, was die gewählte, strenge Form der Novelle ihm abverlangt, setzt der Autor sein Thema um. Wählt als Rahmen die Trauerfeier für die Verunglückte in der voll besetzten Aula des Lessinggymnasiums und blendet aus dieser auf die Etappen einer intensiven Beziehung zurück, die kaum der Worte bedurfte. Einzig ein immer wieder auftauchendes „Ach, Christian!“ verdeutlicht, dass sich der reifere der beiden Partner von Anfang an der Unmöglichkeit ewig dauernden Glücks, wie es der andere, jüngere, sicher erträumte, bewusst war.

Lenz, der mit diesem schmalen Buch spät – er hat im vergangenen März sein 82. Lebensjahr vollendet und blickt auf ein gewaltiges Lebenswerk zurück – als Verfasser einer (geradezu klassischen) Liebesgeschichte debütiert, hat es nicht nötig, mit sensationellen Bekenntnissen oder dezennienweiten Altersspannen zwischen seinen Protagonisten Aufsehen zu erregen. Im Grunde sind die Szenerien, die er vor Augen führt, jedem seiner Leser seit Jahrzehnten lieb und vertraut. Erneut geht die Rede vom Meer, seiner Schönheit und der darin verborgenen latenten Gewalt. Dem Leser wird die Herausforderung bewusst, vor der all jene Menschen stehen, die mit dem und vom Wasser leben. Vom Mut dieser Seeleute und Fischer macht der Text Mitteilung und ganz nah dran ist die Kamera an den einfachen Verrichtungen, aus denen sich deren Tagwerk zusammensetzt, und den schlichten Reden, mit welchen man sich seiner Welt versichert und Wünsche, Sorgen, Ängste und Hoffnungen ausdrückt.

Das ist so stimmig wie bewegend, so kenntnisreich wie mitfühlend, so überzeugend wie auf jene Kleinigkeiten versessen, aus denen Meisterwerke sich unterm Strich zusammensetzen. Regelmäßig wie die Wellen der See ans Ufer laufen die Sätze der Novelle einer nach dem anderen an. Manchmal brechen sie schon, bevor sie ihren Zielpunkt erreichen, dann wird aus dem sachlichen Bericht über Geschehenes aus der Perspektive des 18-Jährigen plötzlich eine emotional bewegte Ansprache an die verlorene Geliebte in der zweiten Person, verliert der Text für Momente seine Beherrschtheit, lädt sich melancholisch auf und gibt die Gefühle preis, mit denen seine Hauptfigur ihre erste große Liebe still in sich versenkt, damit sie sie wirklich bewahren kann.

Die berüchtigten Feuchtgebiete übrigens werden souverän links liegen gelassen. Gerade weil Siegfried Lenz vom Glück und dessen Endlichkeit erzählt, beschweigt er alles gar zu Intime. Nur ein abgestreifter grüner Badeanzug, eine ferne taktile Erinnerung an zwei sich dem Rücken Christians anschmiegende Brüste und ein Kopfkissen, das zwei Menschen sich teilen, um nur eine Delle darin zu hinterlassen – mehr braucht es nicht, damit eine erotische Spannung erzeugt wird, um die den Autor sämtliche Girlies nur beneiden können.

Aufs Ganze gesehen wirkt Schweigeminute so altmodisch wie Vertrauen erweckend. Wohl deshalb will man gar nicht ernsthaft wissen, ob die zauberhaft-traurige Geschichte, die hier erzählt wird, heute, im Jahr, als Johnny Kramer starb, oder noch früher passierte. Natürlich weisen ein paar eingestreute Realien, Begriffe, Personen der Zeitgeschichte auf die späten 50er des vorigen Jahrhunderts zurück – in jene Zeiten also, als man noch eine „Flamme“ hatte, Richard Burtons und Elisabeth Taylors Liaison verfolgte und aufstand, wenn ein Lehrer die Klasse betrat. Doch über alle konkrete Neugier triumphiert das wunderbare Gefühl, wenn Lenz uns einfach mit- und gefangennimmt durch sein zeitlos schönes Erzählen. Ruhig – wie eines der Boote, die in seinem Werk so oft begegnen – trägt einen der glitzernde Spiegel dieses Prosameers, ohne ganz die darunter lauernden Abgründe verbergen zu können.

Dietmar Jacobsen     20.05.2008   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   Seite empfehlen  empfehlen

Dietmar Jacobsen