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Robert Littell

„Sorgen Sie dafür, dass man Sie vergisst“

Robert Littells Roman Das Stalin-Epigramm wirft noch einmal einen Furcht erregenden Blick zurück ins Jahrhundert der Ismen

Kritik
  Robert Littell
Das Stalin-Epigramm
Roman
Zürich-Hamburg: Arche 2009
397 Seiten, 22,00 Euro

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Dichter – und nicht nur die – wollen frei sein. Ist das zu viel verlangt? Sich ausdrücken, wie es einem beliebt: ein Menschenrecht, sollte man meinen. Loben und geißeln – die da unten genauso wie die da oben. Keine Rücksicht nehmen müssen. Auf niemanden und nichts. Allein dieser existenzielle Drang nach Ausdruck frei von allen äußeren Beschränkungen stieß zu jeder Zeit an seine Grenzen. Geist und Macht, Wort und Tat – sie waren immer schwer in Übereinstimmung zu bringen. Oder anders ausgedrückt: Die so genannte „Macht des Geistes“ stellte selten mehr denn Machtlosigkeit gegenüber jenen dar, die wirklich das Sagen hatten in der Realität.

Zum Beispiel Ossip Emiljewitsch Mandelstam. Geboren 1891 als Sohn eines jüdischen Leder­händlers in Warschau, später in Sankt Petersburg, Moskau und Tiflis lebend, sog er früh­zeitig euro­päisches Denken und Literatur in sich auf und ver­öffentlichte seit 1910 Gedichte, Prosa und Essays, die ihn zu einem der wirkungsmächtigsten Dichter in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts werden ließen. Allein er steuerte von Anfang an – und das sehenden Auges – auf eine Konfron­tation mit dem Sowjet­system zu, die er nicht gewinnen konnte. In den zwanziger Jahren noch gedruckt und unter dem Schutz des ein­fluss­reichen Nikolai Bucharin stehend, brachten die Dreißiger ihm dann, was Marina Zwetajewa schon vor der Revolution so ausdrückte: „Mit nackten Händen packen sie dich – Starrkopf! Gehetzt! / Von deinem Schreien wird die Nacht weithin hallen!“ Allein noch von seinen Prosaübersetzungen in erbärm­lichen Verhält­nissen zusammen mit seiner Frau Nadeschda lebend und fort­währenden Demüti­gungen ausgesetzt, demonstrierte der totalitäre Staat nach dem Erscheinen von Mandelstams „Reise nach Armenien“ und des so genannten „Stalin-Epigramms“ im Jahre 1934 an ihm seine ganze Macht. Vier Jahre später, am 27. Dezember 1938, erlag der Dichter den seelischen und körperlichen Folgen von Verhaftungen, Folterung und Verbannung. Unterwegs zu fünf Jahren Arbeitslager, starb er in der Nähe von Wladiwostok und wurde in einem anonymen Massengrab verscharrt.

Robert Littell, Jahrgang 1956, Journalist und Autor einer ganzen Reihe weit verbreiteter Spionage­romane – aus seiner Feder stammt u.a. auch die erfolg­reich für das Fernsehen adaptierte CIA-Saga Die Company (2002) –, hat sich nun der Lebens­geschichte Ossip Mandelstams angenommen und daraus einen berührenden, hoch­spannenden und viel­stimmig-raffiniert kompo­nierten Roman gemacht. Als Nachkomme jüdisch-polnischer Ein­wanderer 1935 in den USA geboren, sah er wohl frühzeitig Parallelen der Geschichte seiner eigenen Vorfahren, die bereits in den 1880er Jahren vor Pogromen aus Russland fliehen mussten, zum Leben eines Dichters, mit dessen Schicksal ihn auch seine journa­listische Arbeit konfrontierte. 1979 war Littell während eines Moskau-Besuchs mit der Mandelstam-Witwe Nadeschda bekannt geworden und hatte über deren Erin­nerungs­bücher Das Jahrhundert der Wölfe (deutsch 1971) und Generation ohne Tränen (deutsch 1975), die beide erstmalig 1970 in den USA erschienen und die Littell neben Solshenizyns Romanen für die besten russi­schen Bücher über die Zeit des Stalinis­mus hielt, berichtet. Von da an muss ihn die Idee verfolgt haben, einen Roman über jene Zeit und Ossip Mandelstam zu schreiben, den Mann, der sich scheinbar ohne Furcht Gewalten ent­gegen­stellte, gegen die er von vorn­herein nicht die Spur einer Chance hatte, und sie mit einem kleinen Gedicht bis aufs Blut zu reizen.

Das Stalin-Epigramm ist ein Roman, der, darin Christa Wolfs Medea. Stimmen (1996) nicht unähnlich, sich der Methode bedient, seinen Gegenstand aus unter­schiedlichen Perspektiven anzugehen. Alle, die mit dem Schicksal Mandelstams in den 30er Jahren entscheidend zu tun hatten, lässt Robert Littell in aufeinander­folgenden Monologen zu Wort kommen. So sieht sich der Leser in den Dichter selbst versetzt, schaut von außen auf ihn mit den Augen seiner Frau Nadeschda Jakowlewna sowie denen der Dichterfreundin und zeitweiligen Geliebten Anna Achmatowa und des von Stalin anfäng­lich geblen­deten Boris Pasternak. Diese Drei bilden sozusagen einen imaginären Schutz­schild, nähern sich Mandelstam immer wieder mit der Stimme einer zur Vorsicht gegenüber den Herrschenden mahnenden Vernunft, auf die er freilich, je länger die Konfron­tation mit dem System dauert, immer weniger zu hören geneigt ist.

Auf der anderen Seite stehen die Ver­treter einer zynischen, brutal-rück­sichts­losen, Kunst und Literatur im Zeichen des „Sozia­listischen Realismus“ nur als Panegyrik duldenden Macht. Dabei gelingt Littell das Kunststück, einen tiefen Blick in das Innere des Diktators Stalin zu werfen, ohne dass dieser selbst als monologisierende Figur des Romans auftreten müsste. Allein über die Reflexionen anderer Figuren rückt er, den das berühmte 16-zeilige Epigramm Mandelstams als „Mörder und Bauern­schlächter“ bezeichnet, ehe es mit dem Vers „Wie Himbeeren schmeckt ihm das Töten –/ Und breit schwillt die Brust des Osseten“ endet, ins Bild. Und wenn es zweimal so aussieht, als dialogisierten sie plötzlich doch, der Dichter und sein Henker, dann erweisen sich diese Gespräche, in denen Stalin versucht, dem Autor mit dem großen Namen etwas abzuringen, was auch dem Namen des Herrschers eine andere Ewigkeit verleihen könnte als die des bluttriefenden Despoten, als Fieberfantasien des gepeinigten Mandelstam.

Robert Littell bleibt übrigens auch in diesem Punkt der histo­rischen Realität, die er penibel recherchiert hat, verbunden. Ein persönliches Treffen zwischen Mandelstam und Stalin wird in der Tat bisher von keiner der vielen Quellen zu beider Leben überliefert. Neuere Mandel­stam­biografen gehen sogar davon aus, dass dem Diktator das gegen ihn gerichtete Epigramm, das im Roman die Funktion des Auslösers der tödlich endenden Treibjagd gegen seinen Verfasser hat, gar nicht bekannt war. Aber was spielte das schon für eine Rolle in einer Gesellschaft, wo jeder versuchte, sein eigenes erbärm­liches Dasein dadurch zu retten, dass er andere ins grelle Licht einer paranoiden Aufmerk­samkeit schob, wo die Täter von heute nur allzu oft auch die Opfer von morgen waren.

Um Letzteres zu verdeutlichen, hat der Autor die erfundene Figur des Ringers und Zirkus­künstlers Fikret Schotman in seinen Roman eingeführt. Schotman ist ein armer Wicht, ein Naiver vor dem Herrn. Innerhalb des Figurenfeldes von Das Stalin-Epigramm findet er sich auf den ersten Blick an der Seite Mandelstams und ist auch eine Zeit lang dessen Zellengenosse in der Lubjanka, dem berüchtigten Moskauer Gefängnis. Andererseits vertritt er Zigtausende von Folter und Psychoterror Gebrochene, die irgendwann umkippten und wieder Unschuldige ans Messer lieferten im guten Glauben, damit das System zu unterstützen. Auch das Ende Mandelstams unter entwür­digenden Bedingungen erlebt der Leser aus der Perspektive dieser manchmal etwas über­zeichnet wirkenden Figur, die zwar ihre Zeit nicht versteht und lieber sich selbst der Anklage ausliefert, als die ge­sell­schaft­liche Ord­nung zu hinterfragen, gleich­wohl körper­lich auf die Zumutungen der Arbeits­lager ganz anders vor­bereitet ist als der kränkelnde und innerlich gebrochene Dichter.

Mit Stalin-Epigramm ist Robert Littell ein Buch gelungen, das man schnell lesen kann, aber sicherlich lange nicht vergessen wird. Es blendet noch einmal in eine Zeit und zu einer Gesellschaftsordnung zurück, die dem Einzelnen mit seinen Wünschen und Fantasien, Ansprüchen und Hoff­nungen, Rechten und Illu­sionen keinerlei Raum ein­räumte. Auf be­ängs­tigend-inten­sive Weise belegt es, dass überall dort, wo das Individuum mit seinem Glücksverlangen in eine gesichts­lose Masse zurück­zutreten hatte, letztlich mit dem Verlust der Mensch­lich­keit für eine Utopie, die über Millionen Leichen ging, zu zahlen war. Wer unter diesen Ver­hält­nissen überleben wollte, hatte sich unsichtbar zu machen oder, mit einem Wort Puschkins, das der Roman als lebens­lange Maxime Nadeschda Mandelstams überliefert, dafür zu sorgen, dass man ihn vergaß. Ossip Mandelstam konnte, ja wollte das nicht – das machte seine Tragik, aber auch seine Größe aus.
Dietmar Jacobsen   07.01.2010    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
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