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Daniel Kehlmann
Ruhm

Über die Sehnsucht, Grenzen zu überschreiten

Daniel Kehlmanns neuer Roman Ruhm ist raffiniert komponiert und leichthändig geschrieben

Daniel Kehlmann | Ruhm
Daniel Kehlmann
Ruhm
Ein Roman in neun Geschichten
Rowohlt 2009

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Er muss ziemlich unter Druck gestanden haben. Nach dem ebenso unerwarteten wie lang anhaltenden Erfolg seines Romans Die Vermessung der Welt (2005), der ihn mit einem Schlag unter die deutschsprachigen Top-Autoren beförderte, war die Erwartungs­haltung von Publikum und Kritik so hoch, dass man eigentlich nur scheitern konnte, wenn man all die Lobeshymnen und rhetorischen Kotaus nicht schleunigst aus dem Kopf bekam. Dafür hat sich Daniel Kehlmann – dessen frühere Werke in kürzeren Abständen das Licht der Welt erblickten – nun vier Jahre Zeit gelassen. Nicht dass er ganz und gar verschwunden gewesen wäre aus der lite­rarischen Öffent­lichkeit. Aber an ein fiktio­nales Werk wagt er sich erst jetzt wieder. Und sicher nicht von ungefähr trägt es den Titel Ruhm.

Es hätte auch Identität heißen können oder Vom Nutzen und Nachteil der Technik für das Leben oder Warum und zu welchem Ende muss man stets Rollen spielen. Aber Ruhm war wohl das, womit sich Kehlmann in letzter Zeit am nachhaltigsten herumzuschlagen hatte. Und berühmt sind schließlich auch einige der Gestalten, die er in den neun Geschichten, aus denen sein aktueller Roman zusammengesetzt ist, auftreten lässt.

Wobei man diese Berühmtheit gleich wieder relativieren muss. Denn schaut man sich zum Beispiel die Figur des Miguel Auristos Blancos an, eines brasilianischen Vielschreibers, dessen Werke in Millionenauflagen über die ganze Welt verbreitet sind und Titel tragen wie Frieden, komm tief in uns und Frag den Kosmos, er wird sprechen, so genießt der Mann zwar einen gewaltigen Ruf – allein in der kürzesten (und gleichzeitig schwächsten) Episode des Romans enttarnt er sich vor den Augen des Lesers ziemlich schnell als eitler Schwätzer und „wohliger“ Lügner, dessen guter Rat in jeder Lebenslage nichts an der katastrophalen Verfasstheit der Welt zu ändern vermag. Dennoch – oder gerade deshalb – findet man seine Bücher in Ruhm überall. Sie beschweren das Reisegepäck von Kriminalautorinnen, liegen auf den Nachttischen von Schauspielern herum und Kommunikationsspezialisten schlagen sie auf, wenn sie nicht mehr weiterwissen. Ein running gag – auf wen hier angespielt wird, dürfte klar sein –, beißende Ironie und melancholischer Blick auf unser immer komplizierter werdendes Dasein, das mit banalen Weisheiten nur scheinbar besser zu beherrschen ist.

Apropos „beherrschen“. Wer hat eigentlich die Macht über all die Leben in diesem Buch? Leben, die sich kreuzen, miteinander vermischen, ineinander über- oder aneinander vorbeigehen? Wer regelt die Dinge in dieser kleinen Welt, in der Autorinnen in Mittelasien verlorengehen, Ehebrecher unter der Last ihrer Lügen zusammenbrechen, eine krebskranke Frau nach Zürich zum Sterben fährt und eine Ärztin, die an Einsätze in Krisengebieten gewöhnt ist, einen nervösen Schriftsteller nicht unter Kontrolle bekommt? Es ist eine alte Instanz, die hier schaltet und waltet, nämlich der Autor. Er hat die Macht, zumindest glaubt er das. Und obwohl er nicht mehr ganz so allwissend ist, wie er das noch im 19. Jahrhundert war, besitzt er doch soviel Selbst­bewusstsein, sich nicht zu verleugnen, und soviel Stolz, im perfekten Gewebe seines Erzähl­teppichs selbst als Knoten aufzutauchen, von dem die verschiedenen Geschichten­fasern weglaufen. Er beherrscht die Tricks und lässt sich gerne auf die Finger schauen, ohne ihn gingen die Dinge sicherlich anders aus, würden nicht die Leichtigkeit besitzen, die sie in diesem Buch zweifellos haben.

Doch so einfach, dass man von einer mit dem schelmischen Blinzeln der Postmoderne ausgerüsteten Wiederanknüpfung an klassisch-realistische Erzähl­strategien sprechen könnte, ist es auch nicht. Daniel Kehlmann weiß schon genau, welcher Zeit Kind er ist. Dass auch das Erzählen wie so vieles heute seine Unschuld verloren hat, dürfte deshalb eine Meinung sein, die er teilt. Und so glaubt sein Stellvertreter im Text, der bekannte Schriftsteller Leo Richter, auch nicht ernsthaft daran, dass er am Schicksal der krebskranken Frau, die sich in einer seiner Erzählungen in der Schweiz von ihren Leiden erlösen lassen will, etwas zu ändern vermag. Bis es eben doch geschieht und aus der Geschichte einer Fahrt ins Nichts die eines vollkommenen Neuanfangs wird. Da staunt selbst der Autor, wie es ihm noch einmal gelingt, zu zaubern und die Macht der Fiktion in Stellung zu bringen gegen das scheinbar Unabänderliche.

Alles beginnt in Ruhm übrigens damit, dass einem technikgläubigen Macher, der wie aus Max Frischs Homo faber (1957) entsprungen scheint – mit dem Schweizer Autor teilt Kehlmann manche Ideen und Bilder –, eine schon existierende Handynummer zugeteilt wird. Plötzlich bekommt ein fest in seinem Leben verankerter Mann nervende Anrufe, die eigentlich einem prominenten Schauspieler gelten. Und während er dessen Leben gehörig durcheinanderbringt, indem er einfach in seine Rolle schlüpft, wird ihm die eigene plötzlich fremd. Zur selben Zeit genießt jener das unerwartete Nachlassen des Interesses an seiner Person. Wenn er nun Veranstaltungen besucht, auf denen sich die Doppelgänger bekannter Promis um ein paar Euro Preisgeld streiten, belegt er, den man als sein eigenes Double wahrnimmt, immer seltener vordere Plätze.

Die neun Geschichten, aus denen der Roman besteht, sind aufs Raffinierteste miteinander verwoben. Es waltet Erzähl­ökonomie und doch kommt kein Gedanke zu kurz. Identität und Rollentausch werden thematisiert, Kommunikations­verlust bei gleichzeitiger Zunahme der Möglichkeiten von Kommunikation und die Tatsache, dass Technik dabei ist, die Stelle der Wirklichkeit zu besetzen. Bis auf zwei Figuren – einen kauzigen Computer­freak, dessen Neusprech unterm Strich doch ein wenig zu künstlich wirkt, und den oben bereits erwähnten, best­sellernden Alles­versteher, der sich einer Nonne zuliebe aufs Theodizee-Eis wagt und dort so lange pirouettiert, bis es bricht, haben die auftretenden Personen viel mit uns Lesern und der weit verbreiteten Sehnsucht zu tun, die eigene Begrenztheit zu überschreiten. Das freilich, so macht die schönste Geschichte des Bandes, „Rosalie geht sterben“, deutlich, funktioniert nur in der Literatur. Aber wenigstens da funktioniert es noch.
Dietmar Jacobsen     03.02.2009    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
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