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Kristof Magnusson

Das war ich nicht

Alles Krise, oder was?

In Kristof Magnussons zweitem Roman kreuzen sich die Wege dreier
Menschen in Chicago

Kritik
Kristof Magnusson. Das war ich nicht   Kristof Magnusson
Das war ich nicht
Roman
Kunstmann Verlag, München 2010
285 Seiten, 19,90 Euro

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Jasper Lüdemann ist Trader. Junior Trader, um genau zu sein. Als solcher steht er mitten in der Nacht auf, kämpft sich zu Fuß und mit dem Bus durch das erwachende Chicago bis zu seinem Arbeitsplatz im Händlersaal der altehrwürdigen Bank von Rutherford & Gold, um dann den ganzen Tag lang Geld aus Geld zu machen. „Futures und Optionen“ sind sein Spezialgebiet. Außer großen Ambitionen – einmal, und das in nicht allzu ferner Zukunft, möchte er mit Millionen, ja Milliarden jonglieren, ein Star in seiner Branche sein und die ganz fetten Boni abfassen – hat er noch Magenschmerzen, 93 Facebook-Freunde, aber niemanden für die einsamen Nächte am Lake Michigan.

Meike Urbanski verdient sich ihre Brötchen als freie Übersetzerin. Und seit sie mit Henry LaMarck einen echten Star der amerikanischen Gegen­warts­literatur ins Deutsche überträgt, funktioniert das auch ganz gut. Hauptsache literarischer Nachschub kommt. Und der ist angekündigt. Binnen Kurzem soll in den USA der ultimative Nine-Eleven-Roman „ihres“ Autors erscheinen. Und es geht das Gerücht, dass LaMarck auch dem zweiten Pulitzerpreis seines Lebens kaum mehr entgehen kann. Rosige Zeiten stehen also bevor. Und in dem Bewusstsein, endlich auf geradem Wege nach oben zu sein, gönnt sich Meike schon einmal ein Häuschen im Grünen, wo sie nicht mehr an ihren Ex und all jene Freunde in Hamburg erinnert wird, für die sie immer nur das Publikum darstellte, „das ihnen bei ihrem gelungenen Leben zusah“.

Meikes Goldesel schließlich, Henry LaMarck, den Magnusson ein bisschen angelegt hat wie eine Mischung aus Philip Roth und Gustav von Aschenbach (also real und irreal zugleich), befindet sich zur selben Zeit, als seine Über­setze­rin auf seinen neuen Wälzer wartet, in einer veritablen Existenz- und Schaffenskrise. Nichts geht mehr – writers block! Der in einer schwachen Minute versprochene Roman über den 11. September – immer noch unge­schrie­ben. Der Pulitzerpreis – wenig mehr als eine weitere Lebens­bürde. Sein 60. Geburts­tag und die damit verbundene Über­raschungs­party seiner Verlegerin, auf der er herumsteht wie ein Fremder, ehe er sich klamm­heim­lich verdrückt – allerletzte Mahnungen, endlich mit dem ganzen Zirkus aufzu­hören und in Rente zu gehen oder wenigstens zu seinem alten Kumpel Elton John zu verduften über den Großen Teich.

Jasper, Meike und Henry, der Investmentbanker, die Freelancerin und der Groß­schrift­steller, drei Menschen, deren Wege der neue Roman von Kristof Magnusson zusammenführt. Denn Meike, die unter dem Druck steht, die Raten für ihr kleines Glück im Grünen bezahlen zu müssen, kann natürlich nicht zulassen, dass ihr durch eine LaMarcksche Laune die Honorare versiegen. Also löst sie für die letzten Euros, die sie noch zusammen­kratzen kann, ein Flugticket nach Chicago, um den flüch­tigen Schrift­steller aufzu­spüren und an seine Pflichten zu gemahnen. Derweil sieht Letzterer, trübe Gedanken spinnend, ein Bild Jasper Lüdemanns in der Chicago Tribune, das diesen zeigt, wie er erschöpft und mit leerem Blick vor der nach unten weisenden Kurve eines Aktien­charts verharrt. Und weiß im selben Moment, dass er diesen anscheinend völlig ver­zweifelten jungen Mann suchen muss, wenn er je den Einstieg in seinen Jahrhundertroman finden will.

Im amerikanischen Kino der 30er / 40er Jahre wäre diese Konstellation die ideale Voraussetzung für eine so genannte screwball-comedy gewesen. Gesellschaftliche Probleme, die sich in der Regel hinter Liebesgeschichten verstecken, intelligent, clever und mit viel Dialog- und Wortwitz gemacht, Albernheiten bis hin zum Slapstick nicht scheuend, aus anfänglicher Konfrontation allgemach den Weg zum Happy-End einschlagend – so sah das aus, wenn Regisseure wie Howard Hawks, Billy Wilder oder Frank Capra Akteure und Aktricen wie Katherine Hepburn, Cary Grant, James Stewart oder Claudette Colbert in die Fallen stolpern ließen, in die das lachende Publikum auch gerne wenigstens einmal im Leben gestolpert wäre.

Im deutschsprachigen Gegenwartsroman des beginnenden dritten Jahr­tausends aber ist das gewöhnungsbedürftig. Oder, anders ausgedrückt: ein Wagnis. Denn es gibt – so weit man auch schaut – nicht allzu viele Bei­spiele, wo sich der globalen Krise auf derart muntere Weise genähert wird. Meike sucht Henry und findet Jasper. Jasper sucht sein Glück, verspielt Millionen, findet aber Meike, die Henry sucht. Henry sucht festen Boden unter den Füßen, verliebt sich in Jasper und unternimmt alles, um der schrecklich nervenden deutschen Übersetzerin zu entkommen. Jasper beginnt, Henrys Bücher zu lesen und sich mit deren Autor anzufreunden, damit er bei Meike bessere Karten hat. Und am Ende landen sie alle zusammen in Meikes neuem Zuhause, Henry versöhnt sich mit seinem amerikanischen Verlag, stiftet den Pulitzerpreis Nummer 2 all seinen unterbezahlten Übersetzern, seine verlorenen Millionen sind gar nicht weg und nach einer rauschenden Abschiedsparty im Hamburger Schanzenviertel verschwindet er schließlich Richtung London und mit der festen Absicht, nur noch das zu tun, was ihm Spaß macht. Meike aber – die sich ihr Leben ohne Jasper inzwischen kaum mehr vorstellen kann – wird deshalb nicht hungern müssen, denn ihr deutscher Verlag hat noch einen Inder in petto, aus dem mit ihrer Hilfe so etwas wie der neue Rushdie werden könnte. Ende gut – alle glücklich.

Puh! Das ist starker Tobak. Und der Rezensent muss gestehen, dass er auf den ersten hundert Seiten mehrmals kurz davor war, das Handtuch zu werfen. Weg damit, Schluss, nächstes Buch! Denn es summiert sich durchaus zu einer kleinen Liste, was dem Roman unterm Strich vorzu­werfen ist. Da sind zum Beispiel die drei beständig wechselnden Erzähl­stimmen kaum voneinander unterscheidbar. Da ist die Verfugung der einzelnen Erzählabschnitte miteinander nicht immer logisch. Da fehlt den Figuren letztlich auch das wirklich Individuelle, sind sie zu sehr typisiert, zu wenig glaubhaft angelegt. Dass eine „Hausfrauenpornos“ übersetzende Naive von jetzt auf gleich die Werke des größten lebenden Schriftstellers ins Deutsche übertragen darf und dem dann auch noch Briefchen schreibt, die ihm seine Fehler unter die Nase reiben – wer soll das glauben? Ist Risiko­banking wirklich so einfach, wie es aussieht, wenn wir Jasper Lüdemann über die Schulter sehen – und wem erklärt der eigentlich beständig, wie sein Geschäft funktioniert? Dass ein zweifacher Pulitzer-Preisträger keinen blassen Schimmer von Online-Banking hat – geschenkt! Aber gehören „noch und nöcher“ und eine ganze Reihe weiterer sprachlicher Schludrig­keiten wirklich in den Wortschatz eines solchen literarischen Giganten?

Die Liste wäre fortsetzbar. Aber nach der Lektüre des ersten Buchdrittels ging mir plötzlich auf, dass ich Kristof Magnussons zweiten Roman bis dahin als etwas genommen hatte, das er an keiner Stelle vorgab zu sein. Liest man Das war ich nicht nämlich als „die große Auseinandersetzung eines jungen deutschen Autors mit der aktuellen Finanzkrise“, muss man einfach enttäuscht sein – zu wenig Substanz, zu wenig Ernst, zu viel des Vagen. Lässt man sich hingegen auf seine komödiantischen Seiten ein, genießt den erzählerischen Übermut, amüsiert sich über all die Ver­wechs­lungen und urkomischen Situationen, die einem praktisch im 10-Seiten-Takt geliefert werden, mit einem Wort: begreift man dieses Buch als einen Unter­haltungs­roman, der durchaus auch Zeitkritisches mit verhandelt, dann darf man ihm durchaus Charme, Esprit und Kurzweiligkeit bestätigen. Und in genau diesem Sinne wollen wir ihn hier auch empfehlen.
Dietmar Jacobsen   23.02.2010    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
Dietmar Jacobsen