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Markus Zusak

Die Bücherdiebin

Der Tod und das Mädchen
Markus Zusaks berührendes Jugendbuch über Menschlichkeit
im Angesicht des Terrors

Markus Zusak | Die Bücherdiebin
Markus Zusak
Die Bücherdiebin
Roman
Aus dem Englischen von Alexandra Ernst
München: cbj/ Blanvalet 2008

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Dieses Buch hat fast 600 Seiten. Ein heute 33-jähriger deutsch-australischer Autor hat es geschrieben. Es ist bereits sein fünftes Werk. Und eigentlich gedacht für Jugendliche. Markus Zusaks deutsche Verlagsgruppe freilich hat Die Bücherdiebin gleich in zwei Ausgaben herausgebracht – einmal für Erwachsene und bei cbj/ Blanvalet mit Sicht auf ein jüngeres Publikum. Letzterem wird – allein durch den Umfang des Romans – einiges zugemutet. Wer sich freilich davon nicht abschrecken lässt, begibt sich auf eine Reise in die dunkelste Zeit der deutschen Geschichte und lernt verstehen, warum Menschlichkeit gerade in Zeiten des Terrors so unverzichtbar ist.

Zusak erzählt – inspiriert durch Erinnerungen seiner deutschen Mutter aus den letzten Kriegsjahren – die Geschichte von Liesel Meminger, die bei Pflegeeltern aufwachsen muss, weil ihre eigenen als Kommunisten in der Zeit des Faschismus im Vernichtungslager landen. Die Romanhandlung setzt 1939 ein. Sie endet, wie das auf tausend Jahre angelegte Reich, in das sie den Leser führt, sechs Jahre später. In all der Zeit hat der Tod – wahrhaftig „ein Meister aus Deutschland“ – so viel zu tun, dass er zur Hauptgestalt des Buches avanciert. Und weil er das immer größer werdende Leiden als Einziger noch zu überblicken vermag, übernimmt er auch die Rolle des Erzählers: distanziert und ironisch, nicht ohne Melancholie und umso erschöpfter, je länger der Krieg andauert und auf das Land zurückfällt, von dem er einst ausgegangen war.

Liesels erstes Zusammentreffen mit dem überarbeiteten Sensenmann raubt ihr den kleinen Bruder – ohne ihn muss sie zu den neuen Eltern in den nahe München gelegenen Ort Molching weiterfahren –, gibt ihr aber gleichzeitig einen Trost an die Hand, der ihr weiteres Leben bestimmen wird. Es ist ein Buch, welches ihr, als zwei Totengräber den Verstorbenen in die fremde, hart gefrorene Erde betten, plötzlich vor die Füße fällt. In silbernen Buchstaben auf schwarzem Deckel trägt es den Titel: „In zwölf Schritten zum Erfolg. Wie man ein guter Totengräber wird. Herausgegeben von der Bayerischen Friedhofsverwaltung“. Allein das neunjährige Kind kann noch nicht lesen und so wird das erste Buch, das sie in ihren Besitz bringt, zunächst nur zum Erinnerungsstück an das nie mehr mögliche Beisammensein mit dem Bruder und der Mutter.

Doch Bücher spielen von diesem Moment an die wichtigste Rolle in ihrem Leben. Und sie helfen ihr und anderen über die schlimmen Zeiten hinweg, die nur allzu bald hereinbrechen. Liesel wird zur Bücherdiebin. Und zur Leserin, ja zur Vorleserin. Mühsam erschließt sie sich mit Hilfe ihres Pflegevaters Hans Hubermann – die Hubermanns, Hans und Rosa, erweisen sich für das schutzbedürftige Kind, nachdem sie anfangs etwas gar zu grob-bajuwarisch wirken, als großer Glücksfall – die ersten Seiten. Und ebenso, wie sich für das staunende Mädchen nun die Welten der Bücher als Flucht- und Schutzräume öffnen, merkt sie nach und nach auch, wie die Panzer um die Herzen jener schmelzen, denen sie anvertraut ist, und sie für das ältere Paar, das mit dem eigenen Sohn wenig Glück hat, schnell zur geliebten Tochter wird.

Vieles lässt der Roman seine Heldin in den nächsten Jahren noch erleben. Reich ist er an Figuren und Episoden, von denen einige fast für sich als separate Erzählungen stehen könnten. Als sich ein verfolgter Jude zu Liesels Pflegeeltern rettet und diese ihm völlig fraglos in ihrem Keller Asyl gewähren, steht das Mädchen schließlich vor seiner größten Bewährungsprobe.

Die Bücherdiebin ist ein Roman, dem man eine große Leserschaft wünscht. Das Buch ist voller Fantasie, berührenden Geschichten und einer deutlich spürbaren Liebe des Autors zu den meisten seinen Figuren. Raffiniert gebaut, verliert der aufmerksame und geübte Leser dennoch nie den Überblick. Und ständig werden ihm – ganz beiläufig und leicht verständlich – Informationen über die Zeit, auf- oder abtretende Personen und persönliche und gesellschaftliche Hintergründe geboten, die sich aus der Handlung und dem Horizont des kindlichen Personals nicht sofort und direkt erschließen. Das erspart Platz, lockert den Text gerade für junge Leser gekonnt auf und trägt auf raffinierte Weise zum Verstehen des großen Ganzen bei. Etwa wenn als Resümee des Jahres 1942 zu lesen ist: „Die verzweifelten Juden – ihre Seelen in meinem Schoß, während wir auf dem Dach sitzen, neben den rauchenden Schornsteinen.“ Braucht es mehr als dieses eindringliche Bild, um den ganzen Wahnsinn des Holocaust zu verdeutlichen?

Markus Zusak ist mit der kleinen Liesel Meminger eine große Figur gelungen. Als naives Kind gerät sie in die Wirren ihrer Zeit und stellt intuitiv die richtigen Fragen, agiert menschlich, ohne ein einziges Mal an die Gefahren zu denken, denen sie sich damit zweifellos aussetzt. Wie ein Engel wirkt sie auf ihre Umgebung, all jene Gleichaltrigen und Älteren, denen sie vorliest und damit Kraft und Hoffnung gibt. Ein Schutzengel vermag die Überlebende dennoch nicht zu sein. Denn obwohl auch Märchenmotive in ihrer Geschichte anklingen, ist diese viel zu real, um die traurige Wahrheit einem „Und wenn sie nicht gestorben sind ...“ zu opfern.

Dietmar Jacobsen     12.08.2007   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   Seite empfehlen  empfehlen

Dietmar Jacobsen