Stele [griech.] Pfeiler, Säule als Grab- oder Gedenkstein
Die Stelen sind der Anfang einer Sammlung kleiner literarischer Gedenksteine in Form eines Gedichtes jüngst verstorbener Dichter, überwiegend fremdsprachiger, aber auch deutschsprachiger. Ausgangspunkt sind unter anderem aktuelle Todesmeldungen in den poetry news. Idee und Konzept: Hans Thill.
(Lurøy, Norwegen 1947 – Oslo 2026)
Ex Ponto
kam im Alter von fast vierzig nach Australien.
Ich spreche die Sprache als Fremder, ich sehe Berge
der Imagination sich auf deinen Ebenen erheben.
Meine Mutter lehrte mich das Singen, mein Vater das Rechnen,
Australien zu rechnen, bevor ich singe. Für mich
vermischt sich der Geruch des Eukalyptus mit dem von Schnee.
Wenn die Leute reden, bin ich in zwei Sprachen still,
nur meine Katze versteht mein Norwegisch.
Ich sehe überall den Tod, in Zahnstochern, in Kissenbezügen,
und benutze den Spiegel, die Schreibmaschine, die Hanswursterei.
Ich habe nicht gelernt, unterwürfig zynisch zu sein.
Ich träume von weißen Kamelen, Wüstenelchen.
Deutsch von Urs Engeler. Aus: Mütze, Urs Engeler Verlage, Schupfart, September 2017.
»Bei seinem Zickzacklauf durch die verschlungenen Gänge der literarischen Gattungen entwirft Svein Jarvoll eine Systemdichtung, wie sie die skandinavische Literatur seit Inger Christensens alphabet nicht mehr gesehen hat.«
Matthias Friedrich
Svein Jarvoll wurde 1946 in Lurøy geboren und etablierte sich als eine der markantesten Stimmen der zeitgenössischen norwegischen Literatur. Sein Werk zeichnet sich durch experimentelle Verbindungen von Lyrik, Essayistik und Romanformen aus. Zu seinen bekanntesten Veröffentlichungen zählen sein Lyrikdebüt Thanatos (1984, roughbooks 2019) sowie der barock-postmoderne Roman Eine Australienreise (1988, Engeler Verlag 2018). Für seine Essaysammlung Et hvilket som helst glass vann (Ein beliebiges Glas Wasser) wurde er 2001 mit dem Dobloug-Preis ausgezeichnet. Svein Jarvoll starb im Februar 2026 im Alter von 79 Jahren in Oslo.
Dank an Urs Engeler