Stele [griech.] Pfeiler, Säule als Grab- oder Gedenkstein
Die Stelen sind der Anfang einer Sammlung kleiner literarischer Gedenksteine in Form eines Gedichtes jüngst verstorbener Dichter, überwiegend fremdsprachiger, aber auch deutschsprachiger. Ausgangspunkt sind unter anderem aktuelle Todesmeldungen in den poetry news. Idee und Konzept: Hans Thill.
(Degania Bet 1941 – Abu Tor 2025)
Vom Guten der Dinge
Vom Guten der Dinge, die nicht
wirklich richtig sind, ein Vogel, der innen
draußen
auf seinen Krallen steht
sein Herz, gefroren und glühend vor Glück
sein Schnabel, verklebt
und sein Schnabel, weit aufgerissen
und ein Vogel, der beinahe neben ihr sitzt
streitet mit ihr um einen
Krümel
Deutsch von Steffen Popp (nach Interlinearversion von Jan Kühne). Aus: Jan Kühne/Hans Thill (Hrsg.) Das Gute in den Dingen. Gedichte aus Israel. Poesie der Nachbarn. Band 33. Wunderhorn, Heidelberg 2022.
»Hedva Harechavi, eine Absolventin der geradezu legendären Bezalel Academy of Art in Jerusalem, ist die Grand Dame der zeitgenössischen israelischen Dichtung. Bekannt geworden zunächst als Malerin, die sich von der Kunst psychisch Kranker inspirieren ließ, hat sie als Dichterin mit Friederike Mayröcker mehr gemein als etwa mit Else Lasker-Schüler und Bruno Schulz – deren ungestüme Bildlichkeiten sie fortschreibt.«
Mirko Bonné
Hedva Harechavi wurde 1941 in Kibbutz Degania Bet (Israel) geboren und wuchs später in Jerusalem auf. Sie studierte an der Bezalel Academy of Arts and Design in Jerusalem. Harechavi gilt als eine der markantesten Stimmen der modernen hebräischen Lyrik, deren dichte, insistierende Sprache oft existentielle und feministische Perspektiven verbindet. Erste Gedichte erschienen 1967, ihr Debütband Because He Is a King (hebr. Ki Hu Melech) wurde 1974 veröffentlicht. Zu den wichtigsten Auszeichnungen ihres Werks zählt der Bialik-Preis für hebräische Literatur. Hedva Harechavi starb im Dezember 2025 in Jerusalem im Alter von 84 Jahren.