Stele [griech.] Pfeiler, Säule als Grab- oder Gedenkstein
Die Stelen sind der Anfang einer Sammlung kleiner literarischer Gedenksteine in Form eines Gedichtes jüngst verstorbener Dichter, überwiegend fremdsprachiger, aber auch deutschsprachiger. Ausgangspunkt sind unter anderem aktuelle Todesmeldungen in den poetry news. Idee und Konzept: Hans Thill.
(Paris 1946 – Volx 2026)
Wie den Durchgang finden?
Bis zum Teich, eingeschlossen nach Westen hin von spärlichem Unterholz und nach Norden hin von der weiten Ebene mit Schilf. Das Gelände aufgegeben, brach. Heidekraut, Ginster, Unterholz, Dornengestrüpp, durch das man die kaum sichtbaren Lücken finden musste. Blendend die Masse des Teichs. Man musste die Lichtung entlang gehen, kurz in Richtung zum Waldesinnern. Da war zuerst eine Reihe schwarzer Stacheln, Brennnesselgelände an einer Mauerecke. Ein Haufen Abfall versperrte den Zugang, durchkommen schien unmöglich. Es war wie in den vergessenen Bildern eines Märchens. Er hatte verstanden, dass er vor allem liebte, sich zu verstecken. Immer schärfer glänzende Lichter, sich filternd wie durch Fensterscheiben. Leuchtender Hochwald mit seinen wilden Bienen. In den Dreck ritzte er das Zeichen und den Namen, den er aus seinen Büchern kannte, den eines Baumes.
Diese einzige Lücke, in der der große tote Baum lag.
Deutsch von Hans Thill. Aus: Je deviens (séances). Éditions Al Dante, Dijon 2024.
»Sobald er von Poesie spricht, fängt Jean-Marie Gleize an von Freundschaft zu sprechen, von offenen Fenstern, von der Hand eines verstorbenen Freundes – von Freundschaft, einer Kunst freigebiger Beziehungen, Begegnungen im Zufall der Welt.«
Jean-Philippe Cazier
Jean-Marie Gleize wurde 1946 in Paris geboren und zählt zu den einflussreichsten Theoretikern der zeitgenössischen französischen Lyrik – nicht zuletzt prägte er den Begriff der Postpoesie. Er lehrte Literaturwissenschaft an der Universität Aix-Marseille und später an der École normale supérieure de Lyon, wo er das Centre d'études poétiques leitete. Als Autor und Herausgeber der Zeitschrift Nioques entwickelte er eine experimentelle, stark textkritische Schreibweise jenseits traditioneller Lyrikformen. Er publizierte zahlreiche Schriften zur littéralité und veröffentlichte zuletzt den Band Je deviens (séances), der zu einer zehnbändigen autobiografisch gefärbten Buchserie gehört. Jean-Marie Gleize starb im März 2026 in Volx (Alpes-de-Haute-Provence) im Alter von 79 Jahren.
Er äußerte sich auch in der Lyrik-Konferenz (poetenladen): L'excès – la prose (Exzesse – Die Prosa)