Stele [griech.] Pfeiler, Säule als Grab- oder Gedenkstein
Die Stelen sind der Anfang einer Sammlung kleiner literarischer Gedenksteine in Form eines Gedichtes jüngst verstorbener Dichter, überwiegend fremdsprachiger, aber auch deutschsprachiger. Ausgangspunkt sind unter anderem aktuelle Todesmeldungen in den poetry news. Idee und Konzept: Hans Thill.
(Colorado Springs 1988 – Minneapolis 2026)
Über das Erlernen der Schweinefötensektion
solipsistische sonnenuntergänge,
& wie der küstendschungel klingt, zikadenterzinen und pentameter von haarigen kakerlakenbeinen
ich habe bibeln gestiftet an ramschläden
(in plastikmüllsäcke gesteckt und mit einer sauren himalaya-salzlampe zerquetscht –
bibeln zur taufe, die man den fleischigen händen fanatischer missionare an straßenecken entreißt,
irgendwie zerfleddert, in einfacher sprache, parasitär):
eher denke ich an den schmierigen gummigeruch der hochglanzfotos aus biologiebüchern, die mir die nasenhaare versengten,
& salz & tinte von den handflächen zu rubbeln
unter mondfetzen um zweiuhrfünfundvierzig BIN ICH fleißig und übe
ribosom
endoplasmatisch –
milchsäure
staubblatt
im IHOP imbiß ecke powers und stetson hills –
übte und kritzelte ich, bis es seinen weg schlängelte und irgendwo stagnierte, ich kann nicht mehr zeigen wo, vielleicht mein bauch –
vielleicht dort zwischen bauchspeicheldrüse und dickdarm ist das rinnsal meiner seele.
das maß, auf das ich jetzt alle dinge reduziere; scharfkantig und splitternd von wissen, das früher da war, als tuch gegen meine fiebrige stirn
kann ich beides zulassen? diesen launischen glauben und diese college-wissenschaft, die hinten aus dem klassenzimmer mäkelt.
jetzt kann ich nicht mehr glauben
dass die bibel der koran und bhagavad gita mir wie früher mutti eine strähne hinters ohr streichen und ihre münder etwas ausatmen wie »gib dem wunder seinen raum« –
mein ganzes verständnis tropft vom kinn auf die brust und lässt sich wie folgt zusammenfassen:
leben ist gerade mal
eizelle und samen
und wo die beiden zusammenkommen
und wie oft und wie gut
und was dort stirbt.
Übersetzt von Hans Thill. Aus: poets.org
»Ich bin Dichterin, Schriftstellerin, Ehefrau und Mutter, dabei, Minneapolis zu erkunden.«
Renée Nicole Good wurde am 1988 in Colorado Springs, Colorado (USA) geboren. Sie studierte Englische Literatur und Kreatives Schreiben an der Old Dominion University in Norfolk, Virginia, wo sie 2020 mit einem Lyrikpreis der Academy of American Poets ausgezeichnet wurde. In ihrer Lyrik verband sie eine klare, intime Sprache mit Themen wie Mutterschaft, Identität und Verletzlichkeit. Gedichte von ihr erschienen in literarischen Zeitschriften; besondere Aufmerksamkeit erhielt das Gedicht On Learning to Dissect Fetal Pigs. Renée Nicole Good wurde am 7. Januar 2026 in Minneapolis, Minnesota, von einem ICE-Beamten in ihrem Fahrzeug erschossen. Die dreifache Mutter starb im Alter von 37 Jahren.