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Anke Feuchtenberger

Die Spaziergängerin

Graphic Essays

Kritik
  Anke Feuchtenberger
Die Spaziergängerin
Graphic Novel
80 Seiten 20 €
ISBN: 978-3-943143-39-3
Reprodukt, September 2012


Der Flaneur galt und gilt immer noch als eine der Symbolfiguren der klassischen Moderne. Aufreizend langsam bewegte er sich durch die Passagen der modernen Großstädte, las in ihnen wie in einem offenen Buch und ließ alle anderen um sich herum wissen, dass er sich dafür alle Zeit der Welt lassen kann. Dass der Flaneur auf seinen Spazier­gängen mitunter eine Schildkröte an der Leine führte, um seinen Ein­spruch gegen die Be­schleuni­gung des modernen Lebens in exaltierter Geste auszudrücken, ist eine bekannte Anekdote. Ob sie sich tat­sächlich belegen lässt, ist indes ungewiss. Sicher scheint hingegen das Überleben des Flaneurs bis in die Gegenwart hinein. Auch wenn es so schien, als sei die Postmoderne über ihn hinweg­gerauscht. Der Flaneur spaziert einfach weiter, zeigt sich hier und da, z.B. in den Texten von Peter Handke, Thomas Bernhard und Rolf Dieter Brink­mann.

Im 21. Jahrhundert hat der Flaneur einen neuen Platz, das Flanieren eine neue Form gefun­den; in den zahl­reichen reflexiven Kurzprosatexten, die sich im All­täg­lichen bewegen und es sich zur Aufgabe gemacht haben die poetischen Details des Lebens heraus­zu­schälen und zu bewahren. Neben Autoren wie Johannes Jansen und Lisa Vera Schwabe reihen sich auch vermehrt Comickünstler in die Tradition des Flanierens ein. Anke Feuchten­berger etwa, die mit Die Spazier­gängerin eine Sammlung gezeichneter Essays vorlegt.

Die in dem Band enthaltenen Geschichten zeichnen sich zunächst durch eine Fülle von Formen und Stilen aus. Der Mix aus Comic-Strips, Stories, Post­karten und Collagen lässt Die Spazier­gängerin auf den ersten Blick sehr heterogen wirken. Die Vielfalt der Arbeiten rührt jedoch aus der Vielfalt ihrer Ent­stehungs­situa­tionen. Dabei scheint es nur allzu ver­ständ­lich, dass einige Erin­nerungen an die Kindheit in der DDR etwas grauer und ver­schwom­mener erscheinen, als etwa der Besuch im rus­sischen Staats­zirkus. Doch egal unter welchen Umständen Feuchten­bergers Ge­schichten ent­standen sind, welche Situa­tionen und Gefühl­slagen sie wieder­geben, es handelt sich im Wortsinne immer um Denkbilder, die sich Zeit nehmen für das, was meist nur vorbei­rauscht oder in Vergessenheit gerät. So erzählt das Stück Linie 63 von einer Straßen­bahn­fahrt durch Berlin mit dem Ziel Hackescher Markt. Die Zeichnungen dazu wirken aufgeräumt und kühl. Die Linien sind streng betont, es gibt klare Konturen. Auf dem Weg erinnert sich die Erzählerin an ein stadt­geschicht­liches Detail. „1737 erging ein Befehl von Friedrich Wilhelm I., dass alle Juden ohne eigenes Haus hierher, vor die Mauern der Stadt ziehen sollten.“ Am Hacke­schen Markt ange­kommen, trifft sich die Erzäh­lerin mit Freunden in einem Café. Ihren Namen sind Yirmi, Rutu, Mira, Batia und Itzik.

Bereits eine Seite weiter tauchen diese Freunde wieder auf. In den Briefen an Freunde aus Tel Aviv wimmelt es nur so von bei­läufigen Motiven. Allerdings sind diese Reise­eindrücke alles andere als skizzen­haft, sondern eben­falls klar konturiert. Zu sehen sind eine ver­lassene Strand­prome­nade, ein alter Leucht­turm, moderne Archi­tektur, Hunde im Park. Und es wimmelt hier geradezu von neugierigen Fragen. „Von wo kommt der Wüsten­sand, wenn der Wind von Westen weht?“ „Itzik, der Wasser­turm, den du mir in der Däm­merung zeigtest: Wann wurde der errichtet?“ „Mira, du sagtest der Meir-Garten stelle die einzelnen Regionen Israels dar. Was ist mit dem Hunde­spiel­platz?“

Egal an welcher Stelle man Die Spaziergängerin aufschlägt, man merkt sofort, dass es der Autorin um die Details geht. Lassen sich diese nicht erklären, so sollen sie zumin­dest aufgezeigt, aufbewahrt und erinnert werden. Das gilt auch, oder gerade, für die Geschichten, in denen Feuchten­berger das Innere mit dem Äußeren verbindet, in denen das Fantas­tische einen Platz im Realen zuge­sprochen bekommt. Die Details sind bekannt: ein Klopfen an der Tür oder ein abge­ris­sener Knopf. Beides kann unter Um­ständen große Über­raschungen im Alltag bereit haben. So wird das zunächst unspek­takuläre Berliner Zimmer einer jungen Frau plötzlich rappel­voll. Es klopf nämlich an der Tür. Die junge Frau beugt sich aus dem Fenster um nach­zusehen, wer da ist. Sie lehnt sich soweit hinaus, bis sie zur Wohnungs­tür wieder herein­kommt und den Raum plötzlich ausfüllt. Je sur­realer die Geschichte, desto lässiger der Zeichen­stil und der Text. Im Berliner Zimmer wird mit Berliner Schnauze gespro­chen – das ist klar. Etwas hoch­deutscher, aber keines­falls normaler geht es in dem Fahr­stuhl zu, in dem Frau Hunts abge­rissener Knopf zu einem Schweine­rüssel mutiert. Zu erklären, was das mit dem Alltag Frau Hunts zu tun hat, würde wohl zu weit führen. In der Geschichte Ausgerottete Augen, nach einem Gedicht von Thomas Kling, kann man das alles nachlesen.

Anke Feuchtenbergers Die Spazie­rgängerin lässt sich wohl gut als aus­gearbeitetes Notiz- und Skizzen­buch verstehen, das sich nicht davor scheut das Fragmenta­rische als Kunst­form gelten zu lassen. Das schafft viel Platz für Zwischen­räume, die der Leser selbst füllen kann. Der einzige Makel des Bandes besteht in einer gewissen Schwäche der Zeichnerin bei der Aus­gestaltung von Gesichtern. Diese wirken nicht selten merk­würdig kühl und abwehrend, sodass in Stücken, die zur Identifikation mit dem Protagonisten einladen, ein Effekt verloren gehen kann. Dem über­aus positiven Gesamt­eindruck des Buches tut das jedoch keinen Abbruch.

 

Mario Osterland    30.10.2012   

 

 
Mario Osterland
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