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Carl-Christian Elze

ich lebe in einem wasserturm am meer was albern ist

Das Herz in frischer Form recycelt

Kritik
  Carl-Christian Elze
ich lebe in einem wasserturm am meer,
was albern ist
Gedichte
Luxbooks 2013
Das Buch bei Amazon  externer Link
Carl-Christian Elze – Vita Poetenladen  externer Link


Als ich Carl-Christian Elzes neuen Gedichtband, bei luxbooks erschienen, zum ersten Mal las, war ich schon vom furiosen Einstieg sehr angetan. Das Buch formuliert implizit eine gewisse Angst­freiheit vor Pathos, traut sich, Ich zu sagen, hat keine Scheu davor, sich persönlich zu offen­baren, macht sich dabei aber eben nicht unfreiwillig zum Kasper wie so manches Buch, dem man einen deutlichen selbst­therapeu­ti­schen Impetus anmerkt. Nicht so bei Elzes Wasserturm. Dafür ist das Buch zu leicht, zu non­chalant. Die einzelnen Abschnitte sind, vermutlich mit Anspielung auf Heinrich Heines Deutschland. Ein Wintermärchen, in „capita“ unter­schieden, also nach dem lateinischen Ursprungswort caput (Kopf, Haupt usw.), aus dem Kapitel sich ableitet. caput I beginnt mit folgendem Text:

die kampfflieger über den klippen sind ein schönes paar
sie fliegen langsam, was nicht leicht ist, ihre bäuche blitzen.
ich habe mich schwindlig gerieben letzte nacht & schmutzig.
ich kann keine schwäne mehr sehen, diese köchinnenhälse.
ich liebe dich längst, weil mein kampfflieger abgestürzt ist.
er flog viel zu langsam am meer & die strömung riss ab.
man kann auch in den wellen seine knochen verlieren.
manchmal bin ich schön, wenn der mond blutig aufgeht.
in den taschen trag ich ausgestorbene tiere mit mir herum.
eines tages werde ich auferstehen mit der macht einer wolke.

In diesem Text ist, könnte man sagen, wie in einem Trailer oder einer Programm­vor­schau, der ganze „Elze“ schon enthalten. Es geht um Zwei­samkeit, wenn auch ver­steckt hinter der donnern­den Silhouette zweier Kampf­jets mit blitzen­den Bäuchen, sexy und martialisch, die ein anderes Ideal von Liebe auf­kündigen: ich kann keine schwäne mehr sehen, diese köchin­nen­hälse, ließe sich lesen, als würde das lyrische Ich end­gültig damit brechen, den (ster­benden?) Schwan zu machen. Oder in Schwä­ninnen verliebt zu sein? Eine sehr schöne Liebes­er­klärung folgt un­mittel­bar, später dann ein neues Bild vom gemein­samen lang­samen Fliegen, das auf­grund von Strömungs­abriss zum Ab­sturz führt: Allein­sein bedeutet Scheitern. Der Schluss, der christ­lich anmutet, rückt gleich­zeitig wieder den Kampfjet ins Bild, wie er aus einer Wolke emportaucht. Das Gedicht ist ein Spiel mit romantisch „be­setzten“ Begrif­fen wie Meer, Schwan, Liebe. Ein gewis­ser schwärme­rischer Anhauch ist darin, der an Robert Walser denken lässt, von dem auch das Motto kommt, ganz als müsste der Autor da schon ein wenig vor­bauen und gleich im Vor­hinein entschuldigen, was da her­nach kommt. Muss er wirklich? O-Ton Robert Walser:

Finden Sie nicht auch, dass die jetzigen Lyriker zu malerisch empfinden? Sie haben geradezu Angst, ihre Gefühle zu zeigen. Da suchen sie denn als Ersatz nach originellen Bildern. Aber machen Bilder das Wesen eines guten Gedichtes aus? Gibt nicht erst die Empfin­dung jedem Gedicht seinen Herzschlag?

Nach und nach fiel mir auf, dass in den Gedichten doch sehr häufig das herz explizit als „Sujet“ verwendet wird und in jedem Text ein Ich spricht, selbst­ver­ständ­lich männ­lich und selbst­ver­ständ­lich hetero­sexuell, das sich zudem teilweise recht pathetisch aus dem Fenster lehnt – sich einer, fast möchte ich sagen „recy­celten“ roman­tischen Sprech­weise bedient, was eigent­lich in gewissen Kreisen auch auf­grund alt­modisch-alter­tüm­licher Sprach­figuren „no go“ ist – doch darin zweifellos charmant. Gelegent­lich sogar von einem Hauch jugend­licher Nai­vität umfangen. Auf der anderen Seite wird das Herz auch neu defi­niert: außen herum hohe berge, in denen räuber herzen wiegen.

Elzes wohl inzwischen bekann­testes Gedicht findet sich auch auf der Rückseite des Um­schlags und ist zugleich der Beginn von caput II.

ich habe fickende fliegen im kopf, ich habe so viele
fickende fliegen im kopf, alles brummt & legt kleine eier.
ich habe dinge zu regeln, wenn ich wieder im haus bin.
wie kann es sein, dass fickende fliegen in mich geraten?
das system muss offen sein. wie liebestoll ist dieses system?
& wenn es offen ist, kann ich mit dem kleinen finger hinein?
& reicht es aus, wenn ich nur einer einzigen fickenden fliege,
während sie fickt, mit dem kleinen finger übers rückenfell fahre
dass es knistert, um selber glücklich zu sein?, weil fickende fliegen
glücklich sind, so steht es geschrieben & alles glück abstrahlt –

Hat man den neuen Band ganz gelesen, kommt einem obiger Text wenigstens für diesen Band untypisch vor. Kennt man sich ein wenig aus im Werk von Carl-Christian Elze, stellt man fest, dass frühere Texte manchmal etwas (absichtlich?) Schockierendes, historisch Aufgeladenes und Düsteres hatten, selbst Forensik wurde für Elze poetisch valent – Väter blicken da aus Einmach­gläsern, Söhne werden in selbige kommen, Totenköpfe spürt man dicht an dicht unter die Erd­schicht gebettet, ein Kopf wird zum elek­troni­schen Anima­tions­maschin­chen umge­arbeitet, die Augäpfel vorher ver­speist – dabei wurde auch erotisch angespielt, wie es in einem seiner Gedichte um Rohrverlegung und dünne grüne Gummiüberzüge ging (Gedichte im poetenladen). Elze steigert nun den schon immer vor­handenen heiteren, „äthe­rischen“ Anteil seiner Texte und er­reicht hierdurch eine Fort­setzung der leichten Elemente in neuem, ungewöhnlich leichtem Tonfall. Der sich wenig schert um die Poetiken seiner Kollegen. Zwischen­durch, vor allem bei der zweitmaligen Lektüre des Gedicht­bandes, rebel­lierte ich ein wenig. Ich fragte mich Dinge wie: Kann man heute noch Herz sagen? Oder kann man es wieder? Es war ja nie unmöglich, in der Post­moderne ging bekannt­lich alles; auf den Kontext kommt es an.

Das Herz ist ein Evergreen, ein stets gerne genommenes Objekt (Subjekt?) – und herzförmig ist heutzutage bald alles zu haben; Herz ist zugleich am leichtesten dekonstruierbar. Herz ist Spiel(Zeug), auch gleich­sam heikle Schaltstelle für innere Vorgänge, daneben schon immer Schwamm quietschroter Liebesklischees und Zu­schreibungsf­läche für fast alles; Herz wird häufig gesehen als Austragungsort der gesamten Romantik und seitdem von einer dicken Schicht von Schnulz&Schmalz überladen; Herz trägt man heute eher in der Hose oder in der Hand denn im Busen, der bekanntlich nicht notgedrungen weiblich ist. Diffuses Ding also, im Kern amüsant-affizierbares Mimöschen, operetten­hafte Diva im Rippen­bogen, esoterisch zu allem Möglichen missbrauchter illoyaler Schlingel in suspenso und vieles mehr. Und dennoch Deskriptor im Zeitalter endokriner Dis­ruptoren. Herz tritt auf als Whistleblower, geschürzter Datenknoten, Fehler 404, will sagen nicht hinter­legter Hyperlink. Herz ist längst abge­droschener Klassiker im alten „Kopf vs. Bauch“-Konflikt. Die Kapitel nennen sich wie anfangs genannt caput I-VII, eine etwas ungewöhnliche Zählung, und sogleich fragt man sich, ob denn nicht der Kopf hier gegensteuern soll, die Kapitel hätten auch cor I-VII oder ego I-VII heißen können. caput III beginnt ebenfalls mit einem Fanal:

warum verhält sich mein herz wie ein idiot?
weil es ein idiot ist, mein herz, von grund auf.
die idiotie meines herzens ist ein osterwunder.
es stirbt & steht auf, stirbt & steht auf & so fort.
manchmal klingt es von außen fast blechern.
dann weiß ich, eines tages stirbt es für immer.
ist mein herz auch idiotisch, so ist mein kopf
ein idiot vor dem herrn! dumm wie er ist
flüstert er meinem herzen & mir gewissheiten zu.
wie sträflich verhält sich dieser kopf, der nichts weiß?

Dabei ist Herz heute bei weitem kein Garant mehr für Geradlinig­keit. Charak­ter(festig­keit) ist heute schon rein psychoanalytisch seit über 100 Jahren nicht mehr gangbar. Herz (zu haben?) entschuldigt nichts mehr, ist vielmehr düstere Falle, Ort der Tyrannei und Mördergrube, dazu Wechselbalg, „Drachenhort“ und kaltblütig kleine Laus; hierbei freilich Austragungsort vor aller­hand osen (Psych-, Neur-): selbst die Diktatoren des 20. Jahrhunderts beanspruchten, „Herz“ zu haben, und was für eines! Herz scheint im Zeitalter atomarer Störfälle selbst ein Störfall geworden zu sein, biestige Gurke, Agent „H“, amoröser K(r)ampfstoff, unmittelbar und ach so emotional in seiner (Un-)Lust, Trauer und „Liebesblödigkeit“ (Genazino), rotschwül in Oktoberfest- und Weih­nachts­markt­ästhe­tik zu haben, aufgehübscht zum „dirty piece of meat“, zum I mog di-Baumelherz am Schnürl, ganz horny trumpet und BOOMBOOM-Ding, als scharlachroter Arsch in der Brust (completely oversexed) unterfliegt es, unbemannte Drohne, längst die Grenze des guten Geschmacks. Hurz!

Und alles, was ich über das Herz geschrieben habe, könnte man ähnlich über das (lyrische) Ich sagen. Das lyrische Ich ist heut­zutage genauso in Zweifel zu ziehen. Dabei geht es weniger um Tabus als um die Unmöglichkeit, mit dem Ich (als Einheit), als starker Sprechort (und Sprechposition) ähnlich dem Herzen (als unerschütterliches emotionales Zentrum des Menschen) noch etwas anzustellen, was ich- und herzgemäß wäre, ohne dabei nostalgisch zu werden. Das Ich wird ebenfalls durchdekliniert, ich bin ein atomkraftwerk lautet der titel eines textes in caput III.

In Elzes Gedichten geht es neben dem Herz um Knochen, Engel, Vögel wie Schwäne und Schwalben. Auch Blut wird immer wieder thematisiert. Blut hat sicher einen ähnlichen Stellenwert, wurde unendlich oft korrumpiert und kolportiert und trieft literweise aus jedem schlechten Krimi. (Nicht ganz ironiefrei:) Quentin Tarantino hat mit seinem Django revisited das Blut (als roter, üppig vergießbarer Lebenssaft) wieder gleichsam salonfähig gemacht. Blut hat in der Dichtung einen ähnlich schweren Stand wie Herz und Ich. Gleich im ersten Text lesen wir bei Elze: manchmal bin ich schön, wenn der mond blutig aufgeht – das erinnert an Song­text­zeilen von Element Of Crime; der blutige Mond lässt dabei an Büchners Woyzeck denken. In einem weiteren Text geht es um einen blutroten raum, anderswo wird mein blutiger spatz thematisiert.

Dabei wird die klare Form der 10 Verszeilen pro Text durchgängig eingehalten, auch weiter hinten, wo die Texte etwas kürzer werden. Dadurch wirkt es strikt und eben doch nicht, weil es inhaltlich konterkariert wird. Die Zustände eines lyrischen Ichs oder einer ganzen Sammlung davon werden fast wie ein Tagesprotokoll durchdekliniert. Das bekommt in der Länge einen Anhauch von Befind­lichkeits­lyrik, auch wenn man es als Zer­split­terung in viele lyrische Ichfacetten begreift. Es wirkt es am Stück gelesen zuweilen etwas larmoyant und auch pathetisch. Das aber ist wohl die Intention des Autors, in die etwas abgekühlte, ja unterkühlte Welt der vielen Tabus neuen poetischen Wind ein­zuhauchen – was aber auch abschnittweise herrlich konterkariert wird. ach bin ich herrlich heut & ganz vergnügt & stumm. Dies ist wohlge­merkt der einzige Text, der sich – weil er ganz bei sich bleibt – nicht um das 10-Zeilen-Schema schert.
Armin Steigenberger   01.08.2013    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Armin Steigenberger
Lyrik