Sie taten es, und es war doch gar nicht möglich, es zu tun Ich wußte nicht, wie mir geschah, als wir erstmals – fernmündlich im Jahre 2000 – miteinander sprachen. Unzweifelhaft vernahm ich seine Stimme am anderen Ende der Leitung – jedenfalls meldete sich diese mit dem entsprechenden Namen: die Stimme des leibhaftigen Walter Helmut Fritz, den ich wie einen Heiligen verehrte, seit ich seine Gedichte und Romane entdeckt hatte, über die Michael Buselmeier schreibt: Fritz' Interesse gilt nicht den sogenannten großen Dingen, den Staatsaktionen, sondern dem, was zwischen den Zeilen und Sätzen steht und das Leben tatsächlich ausmacht: den Möglichkeiten des Augenblicks, den kaum merklichen Veränderungen und Mehrdeutigkeiten, der Frage, wie der Mensch mit der Banalität seines Alltags, der Unbegreiflichkeit seines individuellen Schicksals fertig wird. Ich erinnere mich stark an die Vibrationen, die ich am ganzen Körper spürte, als ich nach dem Austausch konventioneller Höflichkeiten und dem Ablegen anfänglicher Befangenheit versuchte, Walter Helmut Fritz davon zu überzeugen, mir ein Gedicht für die erste handgeschriebene Anthologie in der edition bauwagen zur Verfügung zu stellen. Gern, meinte er nach meinen minutenlangen Erläuterungen kurz und bündig, und erst als ihm endgültig klar wurde, daß er das Gedicht 37mal würde schreiben müssen, kamen ihm sehr, sehr heftige Bedenken. 37mal??? Also, Herr Breuer, ich weiß nicht ... Wie gelang es mir, ihn trotzdem von dem Projekt zu überzeugen oder wenigstens doch zu überreden? Jedenfalls – hier liegt Wörter sind Wind in Wolken, die Anthologie von 2000 mit Autographen von Hans Bender, Aldona Gustas, Günter Kunert, Axel Kutsch, Andreas Noga und anderen Autoren aufgeschlagen neben mir, und ich lese den weiter unten zitierten Vierzeiler Vermutung in der originalen Handschrift von Walter Helmut Fritz. Hans Bender, dem Fritz seit Ende der 1940er Jahre freundschaftlich verbunden ist, hatte mich ermutigt, den direkten Kontakt zu Fritz zu suchen. Ich hätte das ohne diesen Anstoß nicht gewagt in jener Zeit, zu groß war der Respekt vor dieser literarischen Galionsfigur. Beim Telefonat am heißen 20. Juli 2009 erzählt Bender mir lachend, wie er damals mit Fritz überlegt hatte, ob dieser sich als Autor ein Pseudonym zulegen sollte. Es ist bezeichnend, daß Walter Helmut Fritz es nicht tat. Der Name wuchs mit den Jahren zu mehr als bloßem Namen: Er wurde Markenzeichen für eine lakonische Lyrik und Prosa, deren Wörter und Verse elektrisieren. Angenommen, sie hätten die Lösung gefunden – was hätten sie damit gewonnen? Wie geht das – elektrisieren durch Wörter, durch Verse? fragen nun Menschen, die es genauer wissen wollen, und ich gerate in Erklärungsnotstand, mag solche Fragen gar nicht beantworten, will bloß schweigen und die Wörter wieder- und wiederlesen. Bei den Gedichten von Walter Helmut Fritz entsteht bei jeder neuen Lektüre das Gefühl einer stets wachsenden Freundschaft, die alle Moden übersteht, schreibt Michael Krüger. Gestern abend las ich (zum wievielten Mal?) das Gedicht Die Katze Ein banales, kleines, stilles, in (bis auf Ekstase) alltägliche Wörter verwandeltes Geschehnis im Garten. Das lyrische Ich, ganz am Ende besonders deutlich in die Statistenrolle verwiesen, protokolliert präzise, Hauptdarsteller ist seine Katze, alles nicht der Rede wert, aber wohl wert, ein klingendes, in sich geschlossenes Gedicht zu schreiben, das in sich geschlossen wirkt wie das Erlebnis, das es beschreibt oder besser: Sie waren auf der Suche nach den Bildern, in die sie eintreten konnten und in denen sie selbst an Deutlichkeit gewinnen würden. (Walter Helmut Fritz, Zwischenbemerkungen) In Nicholas Christophers Roman Franklin Flyer lese ich: Our sole mission should be to eternalize the things of this world. Take them in and transform their substance into spirit. That is how we become spirit. Den Faden nicht verlieren 1956 ist eine Zahl, die für mich magische Leuchtkraft hat: Kein Wunder, denn in jenem Jahr wurde ich geboren. Ob das nun Anlaß zu ständigem Jubel ist, wage ich zu bezweifeln, und so lasse ich das einmal dahingestellt sein. 1956, und das ist die Kehrseite der Jahrgangsmedaille, ist auch das Sterbejahr von Gottfried Benn und Bertolt Brecht. Zwei der größten deutschen Dichter nicht nur des 20. Jahrhunderts legten den Stift aus der Hand, während ein anderer sich aufmachte, in deren Fußstapfen zu treten, vermutlich nicht ahnend oder gar hoffend und schon gar keinen Gedanken daran verschwendend, daß ein Verlag ihn über 50 Jahre später zum 80. Geburtstag mit einer Ausgabe der Werke in drei Bänden ehren würde. Achtsam sein heißt der erste Lyrikband von Walter Helmut Fritz, der in eben jenem Jahr 1956 erschien und der gleichsam Fundament und Wegweiser für ein Werk wurde, das Gedicht, Prosagedicht, Roman, Erzählung, Aufzeichnung, Essay, Hörspiel und Theaterstück umfaßt. Ich glaube, erst 1996 halte ich das erste Buch von Walter Helmut Fritz in Händen, dem bis 2008 32 weitere folgen. Je mehr Bücher ich von ihm lese, um so schätzenswerter wird dieser Autor mir. Als ich vor einiger Zeit erfahre, daß zum 80. Geburtstag am 26. August 2009 eine Werkausgabe geplant ist, läßt mich die Vorstellung daran zunächst ziemlich kalt. Ich besitze ja den Großteil der Bücher von Fritz (darunter viele Erstausgaben), was will ich da noch mit einer Werkausgabe, die schon wieder viel Platz fordert, wo ich seit langem eh um jeden Zentimeter Regal kämpfe? Von einer Minute auf die andere alle Bedenken zerstreuend, besorge ich mir kurzerhand die Werke in drei Bänden: Auch wenn eine Reihe verstreut erschienener Text sowie die vielen kongenialen Übertragungen – vor allem aus dem Französischen – nicht aufgenommen wurden: Wenn ich den Schuber mit den drei Bänden betrachte, habe ich das Gefühl, den ganzen Fritz nun vollkommen bei mir zu haben. Ich hätte nicht für möglich gehalten, daß mehr als 50 Bücher in einer dreibändigen Ausgabe – in blaues Leinen gehüllt, das von einem blau beschrifteten weißen Umschlag aus voluminösem Werkdruckpapier geschützt wird – zusammengebracht werden können, ohne daß das Ganze gedrängt wirkt. Gemeinsam mit den 33 einzelnen Büchern füllt der 12 cm breite Schuber nun ein Regalbrett, das allein das literarische Werk von Walter Helmut Fritz beherbergt.
Sie entdeckten keine andere Antwort als die, die sie lebten In einer der Werkausgabe beiliegenden Pressemitteilung des Verlags Hoffmann und Campe lese ich: Alle Schriften von Walter Helmut Fritz sind getragen von einer zugewandten Neugier gegenüber dem Leben, der Achtung vor dem anderen Menschen, einer Liebe zur Wahrheit und natürlich zur Sprache. Ohne Bemühung oder falsche Erhöhung spiegeln die Texte sein tiefes Interesse an dem, was tatsächlich passiert. So gewinnt die Lyrik, aber auch jeder Gedanke über einen Schriftstellerfreund diese besondere Klarheit und Glaubwürdigkeit, die seine Stimme ausmacht. Als ich in den 1990er Jahren die ersten Gedichte von Walter Helmut Fritz las, war ich sogleich von dem gefangengenommen, was mich bis heute an diesen wie Kiesel geschliffenen Gedichten fesselt, deren Aura mich bei jedem Lesen neu bezaubert, denn hier spüre ich gelebtes Leben in jedem Wort und Vers pulsieren. Wie es dazu kommt? Ganz einfach, wie Fritz selbst erläutert: Ich nehme an, daß beides, sowohl Themen wie Stil, sich ergeben aus der Art, wie man lebt. Mir fällt in diesem Zusammenhang ein schönes Wort von Philippe Jaccottet ein, nämlich der Satz: „Die Schwierigkeit liegt nicht im Schreiben. Die Schwierigkeit liegt nur darin, so zu leben, daß das zu Schreibende dann natürlich daraus entsteht.“ Das ist für mein Gefühl der gute Versuch einer Erklärung, wie so etwas zustandekommt. Der am 26. August 1929 in Karlsruhe geborene und seit kurzer Zeit in Heidelberg lebende Walter Helmut Fritz, Mensch der Zwischenbemerkungen und leisen Töne, verfügt über eine der feinsten Lyrikstimmen im deutschen Sprachraum, deren Intensität und Präzision beim Lesen tiefe Spuren in den lyrischen Gängen des Gehirns hinterläßt: Sie versuchten, dorthin zu gelangen, wo man die Geräusche wahrnehmen kann, die dem Schweigen und dem Sprechen gemeinsam sind. Mit seinen Gedichten, Aufzeichnungen und Romanen (deren eindringliche Verhaltenheit Peter Handke rühmt) ist er ein Eckstein im Bauhaus der Literatur. Dies wird nun durch die repräsentativen, von Matthias Kußmann edierten Werke in drei Bänden eindrucksvoll untermauert. In Aus dem Hinterland schreibe ich: 2000 verstarb Ernst Jandl. Er hinterläßt ein umfangreiches, ein großes Werk. Jandl gehört zu den bedeutendsten und kreativsten Dichtern im deutschen Sprachraum. Seine lyrische Stimme wird man noch hören wollen, wenn viele längst in Vergessenheit geraten sind. Gemeinsam mit Rolf Dieter Brinkmann, Walter Helmut Fritz und Friederike Mayröcker bildet er mein persönliches vierblättriges Lyrikkleeblatt (dessen fünftes Blatt ich mit Thomas Kling beschrifte). Sie begannen zu verstehen, daß man das Spiel verlieren muß, wenn nicht alles, was man nachher sagt, falsch klingen soll Axel Kutsch vergleicht die Welt der Lyrik gelegentlich mit der des Sports, so etwa in seinem Kommentar im Jahrbuch der Lyrik 2009 mit der des Boxens oder im Jahrbuch der Lyrik 1993 mit der des Fußballs. Mich auf diese sympathische Sichtweise einlassend, frage ich mich jetzt: In welcher Lyrikbundesligamannschaft möchte ich Walter Helmut Fritz spielen lassen? Selbstverständlich ist er, ein Meister des Leisen und Lakonischen (Peter Hamm) Spielmacher und Kapitän der Auswahl. Er wird das genauso selbstverständlich zurückweisen wollen, aber zum 80. Geburtstag muß er sich gefallen lassen, an erster Stelle zu stehen, der Star zu sein. Walter Helmut Fritz und die Mitspieler Hans Bender, Rainer Brambach, Hans-Georg Bulla, Günter Bruno Fuchs, Hans-Jürgen Heise, Matthias Kehle, Johannes Kühn, Walle Sayer, Ludwig Steinherr und Norbert Scheuer bevorzugen das Kurzversspiel und kommen dennoch mit dem Wort aus der Tiefe des Raums. Sie setzen locker-ironisch links an, um rechts überraschend durch die Zeilen zu brechen. Ohne viel Aufhebens, gleichmütig, lakonisch, zielsicher, gespickt mit Fußangeln, antinomischen Wortpaarungen, überraschenden Kollokationen und der Sprache buchstabengetreu auf den Fuß schauend, jonglieren sie einfach und locker mit den Wörtern, spielen phrasenweise den melancholischen, gelegentlich den sarkastischen, bisweilen den subversiv klingenden, bevorzugt den unspektakulären Ton, mit dem sie Treffer um Treffer erzielen, unbemerkt vom Großteil des Publikums, das den tollen Typen der anderen Truppe zujubelt. Da ging etwas verloren, das nicht vorhanden war Der 1967 geborene Autor Matthias Kehle ist Karlsruher wie Walter Helmut Fritz, und er bekennt sich gern zum lakonischen Fritz-Sound, ein Sound, der – das zeigen die Jahrzehnte seit 1956 – unverwüstlich, haltbar und dauerhaft ist. In Die Schlüssel sind vertauscht lese ich: Er las Gedichte. Es gab eine Gedichtzeit. Gedichte, Welle um Welle. Das Gedicht, das dem anderen folgt. Bewegung, in der alles je Geliebte zum Widerschein wird. Die aparte Leuchtkraft dieser einfach aneinandergereihten Wörter ist hohe lyrische Kunst im Kleinen – in Muscheln versteckte Perlen, die nach 2000 offenbar nur noch von einem kleinen Leserkreis geöffnet und entdeckt werden. Um so höher ist das Engagement des Verlags Hoffmann und Campe zu bewerten, der diese Werke in drei Bänden von Walter Helmut Fritz in schwierigen Zeiten für Lyrik zwischen Buchdeckeln ermöglicht. In einem Gedicht Matthias Kehles lese ich: er will Als es unsichtbar geworden war, begann es zu leuchten Jeder vortreffliche ist ein aus der Tiefe des Daseins geholter Reim, betont Oskar Loerke, was gleichzeitig bedeutet, daß es so viele vortreffliche Reime nicht geben kann in den Werken der einzelnen Dichter. (Wie heißt es bei Goethe: Ob sich gleich auf deutsch nichts reimt, reimt der Deutsche kräftig fort.) Walter Helmut Fritz hat – seiner Art gemäß – selten auf offensichtliche Art und Weise gereimt – wenn, dann sind sie ganz ruhig, zurückhaltend, unscheinbar, die Binnen- und Vokalreime und gelegentlich auch die Reime am Ende wie im Vierzeiler Vermutung Im Zusammenhang mit einem neuen Gedicht von Axel Kutsch und des sich daran anschließenden Briefwechsels mache ich mir weiter Gedanken über den Reim. Kutsch erklärt kategorisch: Kurz und klein das große ausweglos You send me your poems, beim lesen der gesammelten gedichte Was sie nicht waren, schützte sie. Es ist kein Grund, daran zu zweifeln Das lyrische Programm des Hamburger Verlags Hoffmann und Campe verbinde ich in erster Linie mit dem Namen Walter Helmut Fritz. Ich bin, wie ich bereits in den ersten Zeilen dieses Aufsatzes einräume, der spektakulär unspektakulären Poesie dieses sensiblen Seismographen, der insbesondere die allerkleinsten Erschütterungen registriert, erkennt und in Wörter verwandelt, vom Lesen der ersten Gedichte an hoffnungsvoll verfallen – Gedichte, die es fertig bringen, zugleich trocken zu sein und luzid, lakonisch und leuchtend, registrierend und schwermutsvoll. (Karl Krolow) Wo immer ich die Gelegenheit finde, fahnde ich nach vergriffenen Titeln von Walter Helmut Fritz. Während eines Aufenthalts in Speyer entdecke ich beispielsweise Schwierige Überfahrt von 1976 in einem Antiquariat. Werkzeuge der Freiheit ersteigere ich bei Ebay. Und während ich in den letzten Tagen Zugelassen im Leben von 1999 lese, das ich bei Booklooker entdeckt habe, denke ich: Walter Helmut Fritz ist sich über alle Jahre und Zeitläufte hinweg total treu geblieben. Er hat von Beginn an den längst legendären lakonischen Stil mit den immer wieder aufblitzenden, oft nur angedeuteten Überraschungsmomenten gefunden. Was er nicht war, wollte er nicht werden, dabei ließ er sich – naturgemäß – beeinflussen von dem, was er las, zur Kenntnis nahm, ins Deutsche übertrug, folgte jedoch nie einer modischen Strömung, die schnelle Erfolge versprach, setzte sich nie ab in irgendwelche Metropolen, wo die Fleischtröge gefüllter gewesen wären als im badischen Hinterland der nahe an der französischen Grenze gelegenen Stadt Karlsruhe. Dennoch: Wie sehr Fritz' literarische Arbeit geschätzt wurde und wird, zeigen seine Berufungen in verschiedene Literaturpreis-Jurys und mehrere große Akademien: beispielsweise in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, Darmstadt, und in die Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur – deren Vizepräsident er seit zehn Jahren auch ist. Dort wirkt er unter anderem an der Verleihung des Joseph-Breitbach-Preises mit, der mit 50.000 Euro höchstdotierten Auszeichnung im deutschen Sprachraum. (Matthias Kußmann zum 75. Geburtstag) Und das völlig zurecht, befindet auch Michael Buselmeier: Unter den bedeutenden Lyrikern der Gegenwart ist Walter Helmut Fritz einer der stillsten. Verhaltenheit, Geduld, Gelassenheit des Blicks kennzeichnen ihn und sein Werk: die Gedichte, die Kurzprosa, auch die aus kleinen Einstellungen zusammengesetzten Romane, mit denen er gegen den Lärm in der Welt anschreibt. Doch zugleich geht von diesen Texten ein irritierendes Leuchten aus, ein Fünkchen Fremdheit, das den Leser zum Innehalten zwingt und ihm hilft, Sprache und Gesellschaft anders zu sehen und genauer zu verstehen. Ich lasse die Jahrzehnte von 1956 bis heute Revue passieren und mache mir bewußt, welchen literarischen Stürmen dieser besonnene Mensch, ein Musiker des Schweigens (Harald Hartung) ausgesetzt war. Statt sich irgendwo einer Modeströmung anzuschließen, hielt er ruhig an Überzeugungen fest, die er – aufmerksam, bedächtig – bei jeder sich bietenden guten Gelegenheit in Worte verwandelte. Hören wir Peter Ettl: Gedichte, Gedichte, Gedichte. Wer findet sich heute noch zurecht in den Regalen? Wer kann sogenannte moderne Gedichte noch deuten? Immer wird nach einer neuen Faszination gesucht, immer wird ein neues Feld bestellt mit ungepflügten Worten. Einer, der seit Jahrzehnten darüber hinweggeht, ja: nicht schreitet, ist Walter Helmut Fritz. Seine Gedichte habe ich schon verschlungen, als Eich und Bachmann und Benn und Konsorten Verse auf dem absterbenden Ast ausbrüteten. Und als die konkrete Poesie einfiel wie ein thebanisches Heer mit linksverstärkter Phalanx und als Brinkmann und Co. die Szene aufmischten in den 70ern und 80ern. In all dieser Zeit – bis heute – hat ein Lyrikautor seinen Stammplatz in meinem Bücherregal: Walter Helmut Fritz. All diese Wortgefechte hat er überlebt und schreibt unbeirrt weiter in seinem heiter-elegischen, leise-explodierenden Stil, der eben Jahrzehnte überdauert, all das Piercing-Getue und Tatoo-Geschramme der Neuzeit überlebt hat. Einer, der ganz leise und ganz böse an die Dinge des Lebens herangeht, der wird überhört und übersehen vom Multimedia-Getue der Jetztzeit. Maskenzug, 2003 erschienen, setzt mit einem Zitat von Véra Linhartová ein: Was wir aussagen können, geht in Worte ein. Die Worte stellen sich zwischen uns und unsere Vorstellung (...) wie ein neues und unabhängiges Element, wie ein dritter Partner im Spiel. Langsam kommen sie herbei und reihen sich aneinander; sie bilden einen durchsichtigen Vorhang, von dem man nicht sagen kann, ob er uns mit unserer Vorstellung verbindet oder ob er uns von ihr trennt ... Dialektisch strukturiert, operiert Fritz stets nur mit wenigen Wörtern, spart aus, deutet an und verschweigt, wie Harald Hartung es zusammenfaßt. Dies ist – b u c h s t ä b l i c h – Poesie ohne Aufwand:Lange Während Dämmerung Und ankere schließlich in Sehnsucht: Die Wolke * Die Überschriften der einzelnen Passagen aus Zwischenbemerkungen sowie die eingestreuten Gedichte und Aufzeichnungen von Walter Helmut Fritz werden zitiert nach: Siehe auch Rezension von Matthias Kehle: Walter Helmut Fritz – Gesamtwerk
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Theo Breuer
Lyrik
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