poetenladen    poet    web

●  Sächsische AutobiographieEine Serie von
Gerhard Zwerenz

●  Lyrik-KonferenzDieter M. Gräf und
Alessandro De Francesco

●  UmkreisungenJan Kuhlbrodt und
Jürgen Brôcan (Hg.)

●  Stelen – lyrische GedenksteineHerausgegeben
von Hans Thill

●  Americana – Lyrik aus den USAHrsg. von Annette Kühn
& Christian Lux

●  ZeitschriftenleseMichael Braun und Michael Buselmeier

●  SitemapÜberblick über
alle Seiten

●  Buchladenpoetenladen Bücher
Magazin poet ordern

●  ForumForum

●  poetenladen et ceteraBeitrag in der Presse (wechselnd)

 

Theo Breuer

Der Wal
Annäherung an ein Gedicht von Walter Helmut Fritz

 
Walter Helmut Fritz


Mais Degas ce n'est pas avec des idées qu'on fait des vers c'est avec des mots
Stéphane Mallarmé


Fahl das Licht

im Raum der frühen Morgenstunde, das dennoch, vermein ich, den einen, andren Sonnenstrahl verspricht. Zum wiederholten Mal seit dem Vortag auf die zentral vor mir liegende, sich schmal übers Blatt ziehende ›Walbenachrichtigung‹ blickend, denke ich, unvermittelt, zum aber­tausends­ten Mal, wie alles mit allem zusammen­hängt: zahllos die unsicht­baren geheimnis­vollen Fäden in dem Gewebe der Men­schen­welt, die ich überall und so auch in Hermann Kurz' Das freye Wort vorfinde und die all die ›Dinge‹ aus Natur und Kultur ver­flech­ten, verknoten, verknüpfen, die ich (Demokrits Zuruf im Ohr, nichts existiere als die Atome und der leere Raum; alles übrige sei Meinung), in ihrer Gesamt­heit, mal ge­danken­los, mal ›gut‹ ge­meint, ›Leben‹ nenne. So sehe ich die ›Dinge‹, gleich­sam, im unheim­lichen Gral ver­schmel­zen. (Der Vor­stellung, die im Origi­nal wohl auf Hera­klit zurückgeht – auf gut deutsch: Es hängt alles mit allem zusammen – steht, bei­spiels­weise, Ezra Pounds Diktum I cannot make it cohere diametral gegenüber.)

Die Gedanken.

Die Wörter. Das Wort. SCHWIRRE! SCHWIRRE! Wahllos schlage ich eine Seite im hinteren Teil des Buches mit den gesammelten Gedichten von Walter Helmut Fritz auf: Was führt uns fort, weiter, auch in die Irre? / Hans Erich Nossack fragte so. / Und blieb klaglos. / Das Wort kam ihm schwer von den Lippen. / Gala­sätze hat er gehaßt, / die Leere zwischen den Dingen gefürchtet. (Wenige Verse, und schon umklungen von durchsichtiger Diktion, ruhigem Rhyth­mus, klarem Klang, die das ausmachen, was ich (in Anleh­nung an Peter Hacks' »Sarah-Sound« – gemeint ist Sarah Kirsch) hier einmal salopp ›Fritz-Sound‹ nenne.) »Der Grat ist schmal«, argwöhnt während des mitter­nächt­lichen Tele­fon­gesprächs Bernhard Bensch, lang­jähriger Gesprächs­partner in Sachen Lyrik (Er las Gedichte. Es gab eine Gedicht­zeit. Gedichte, Welle um Welle. Das Gedicht, das dem anderen folgt. Bewe­gung, in der alles je Ge­liebte zum Widerschein wird), als ich den Total­kahl­schlag beim Kampf um Brasi­liens letzte Wälder in den Ring werfe. —

Zwischen /

den Zeilen / steht nichts / geschrieben. // Jedes Wort / ist schwarz / auf weiß / nach­prüfbar
. Neben einer Reihe weiterer Asso­ziatio­nen dominiert vorderhand der Gedanke an Rolf Dieter Brinkmanns (aus gerade mal dreizehn Wörtern gemachtes, unmiß­ver­ständ­lich apo­diktisch formuliertes) lakonisches Gedicht die Bilder, Empfin­dungen und Reflexionen, die sich am Vortag unmittelbar nach dem ersten Wieder­lesen des Gedichts Der Wal scharen­weise ein­stellen. Bestätigt nicht auch Der Wal, frage ich mich, wie nahezu jedes Gedicht gerade aus der Feder von Walter Helmut Fritz, den einfachen, klaren – trotzdem, naturgemäß, Widerspruch hervor­rufen wollenden – Brinkmannschen Gedanken, zwischen den Versen stehe nichts ge­schrieben, jedes Wort sei schwarz auf weiß nachprüfbar, das Gedicht spreche, folg­lich, mit den je­weils gewähl­ten kon­kreten Wörtern für sich, bedürfe keiner weiteren auslegenden, erläu­ternden, lehrhaften Worte? LIES MICH, LIES MICH, hör ich's rufen, nicht: ANALY­SIER MICH, INTER­PRETIER MICH, nein: LIES MICH – und zwar so oft du magst:

Der Wal

Dieser graue, schwarze,
glänzende Kessel
mit seinem Dampfstrahl,
welches Experiment des Lebens,
sagst du, diese Walze,
dieser Felsen in Bewegung
und dann dieser Tanz,
den er mit andern zusammen
aufführt, ehe er wieder wandert,
mit seinen Augen
– blau – von Email,
seinem Gehirn, größer
als das aller anderen Wesen,
seinem Gesang, ohne Stimmband,
seinem Lachen, seinem Gebrüll.
Du kennst seine Arglosigkeit
gegenüber den Menschen,
die ihn besinnungslos jagen.
Dem Wasser verdankt er alles.
Diese Hinfälligkeit,
wenn er strandet und erstickt,
weil seine Kräfte nicht reichen,
den Brustkorb zu dehnen.


Zumal

in diesen verdichteten Parlandosequenzen, leichte Sprach für schweren Stoff, lauter Wörter aus dem all­täg­lichen Leben vorzufinden sind, die jeder deutsch spre­chende Mensch, natur­gemäß, kennt: Nomen wie Augen, Brustkorb, Experiment, Felsen, Gesang, Kessel, Leben, Mensch, Wal, Wasser, (Farb-)Adjektive wie blau, grau, glänzend, schwarz, Verben wie dehnen, ersticken, jagen, kennen, sagen, stranden, verdanken, wandern. Hinzu kommt die – gleichsam im Direkt­mit­schnitt per proto­kol­lari­schem Notat ver­mittelte – Banal­situation mit zwei Menschen, mut­maßlich Frau und Mann, im leicht zu erfassenden Gespräch über den Zusammen­prall von Natur und (Un?)-Kultur (hier zu verstehen in dem Sinne, daß der Mensch sich gegenüber der natür­lichen Umwelt vielen Heraus­forde­rungen und Gefahren gegen­über­gestellt sieht und wie jedes Lebe­wesen darauf angewiesen ist, seine bio­logisch-physio­logischen Bedürf­nisse aus seiner natürlichen Umwelt heraus zu befriedigen. Kultur kann als Reaktion auf diese wechselnden Heraus­forde­rungen auf­gefasst werden, wie ich am 22. Sep­tember 2013 in Wikipedia lese) mit einem aller­dings spekta­kulären Bild vor Augen (phäno­menal die – im kollo­kativen Verbund mit Email noch einpräg­samere – Metapher des gigan­tischen Kessels), eindringlich dargestellt durch das zeilen­gebrochene Asyndeton dieser graue, schwarze, / glänzende Kessel sowie der im unmittel­baren An­schluß an die, ([…] diese Walze / dieser Felsen / dieser Tanz […] seinem Gesang / seinem Lachen / seinem Gebrüll) ana­phorisch gestal­tete, herr­liche Vor­stel­lung mit dem hochvital wir­kenden Wal asso­ziierten trauer­vollen Erschei­nung des gestran­deten, mithin sterbenden Wals.

Hat also,

wer den Wal hat, die Qual, frage ich, und der eine reine Reim des, wie zumeist bei Fritz, freimetrisch strukturierten Gedichts springt ins Aug: Wal / Strahl (bzw. Dampf­strahl), als ein anderes, ganz anderes Gedicht spontan, unwill­kür­lich mir in den Sinn kommt, Paul Celans Todesfuge, in dem eben­falls ein reiner Reim bloß zu finden ist: blau / genau. MERKwürdig, denke ich, daß ausge­rechnet das Farbadjektiv blau im Wal-Gedicht hervorgehoben wird: Das ist jedenfalls, ohne wenn und aber, schwarz auf weiß nach­prüfbar (im elften von dreiund­zwanzig Versen).

Den Gedichten

von Walter Helmut Fritz, Lakoniker (schlichter Verdichter / komplexer Hexer), wird gene­rell gern ›Reimlosigkeit‹ unterstellt: Diese Behauptung wird nicht nur in diesem Gedicht widerlegt. (In den im ersten Absatz dieses Essays zitierten Versen aus Was führt uns fort finden sich in den Auftaktversen gleich drei: fort / Wort – – – frag- / klag – – – schwer / er / Leer-.) Keinen oder einen Reim zu verwenden, das ist gerade so ein Unterschied wie ›Tag‹ und ›Nacht‹. Der eine reine Reim (funktional in den Gedicht­kontext einge­bet­teter, somit auch im strengen Loer­keschen Sinn nicht bei den Haaren herbei­gezogener, sondern ›eigent­licher‹, echter, natürlicher Reim: Wladimir Majakowski hat bekannter­maßen mehr als 20 unter­schied­liche Reima­rten beschrie­ben; Walter Helmut Fritz bedient sich ihrer (nicht aller) auf subtile, spielerische, kaum auffällige, auch ironische Weise. Hier reimen sich der Augenblick und die Sehnsucht, lautet, bei­spiels­weise, der Titel eines Gedichts, und in Wo findest du deine Sätze heißt es: zwischen den Reimen, / die es auch in der Architektur gibt), der eine reine Reim also ragt aus dem zunächst – dem riesengroßen Tier zum Trotz auf den ersten Blick eher unauf­fällig wirkenden – Gedicht heraus wie der Dampf­strahl, den der Wal in die Welt hinaus­posaunt: zwei Wörter, dank des sensiblen Mediators Fritz gleichsam beiläufig zum Paar zusammen­findend, im Reim einander zufallend. ›Dampfstrahl‹ – was für ein kraftvoll komponiertes, der Welt der Technik entlehntes Wort, das jäh Brutalb­ilder von Captain Ahab und dem weißen ›Kampfwal‹ Moby Dick aus der Erin­nerung hervor­zerrt –.)

Ausschließlich

im Titel taucht das Wort Wal auf: was für ein Bild, kolossal, monumental, von drei Buchstaben bloß hervorgerufen. So setzt das Gedicht gerade­wegs, unver­mittelt, eindrucks­voll ein, und das sich – als Assonanz und reiner Reim – klanglich doppelt auf Wal beziehende Kom­positum Dampfstrahl wird zum bekräfti­genden, dynamischen Resonanzkörper innerhalb der Verse – wie die Metapher Walze, in der der Wal nicht bloß sichtbar wird, sondern ebenfalls deutlich nachklingt.

Notabene:

Daß das Sprachspiel mit Wal und Walze kein Zufall im landläufigen Sinn, sondern ebenfalls Zufall in bester altgriechischer Tradition ist, zeigt die Analogie mit dem Vokalreimpaar Ekstase / Katze in einem anderen, ebenfalls um ein Tier sich drehenden Gedicht von Walter Helmut Fritz: Die Katze // In der Ekstase ihrer Reglosigkeit / lauschte sie in den über / und über erblühten, / atmenden, summenden Garten, / sein aus vielen Spiegeln / bestehendes, glänzendes Blattwerk, / in dessen geringer Bewegung / sich die Beute verbarg. / Mit einem Hieb wies sie deine Hand / zurück und drehte dir schweigend / den Rücken zu. Hier verbirgt sich die ›Katze‹ in der ›Ekstase‹, die als Anagramm von ›Katze‹ buchstabiert werden kann: KATSSEE.

Wie oft höre und lese ich das Wort ›Ekstase‹, gleichzeitig denkend, nun mal halblang, alles nicht so wild, und ›ekstatisch‹ ist das alles schon gar nicht. Ganz anders beim Unter­trei­bungs­künst­ler Fritz (gleichsam literarischer Anti­pode des Hyper­bol­artisten Thomas Bernhard): Die Ekstase der Reglosigkeit ist keine forsche Behauptung, sondern haargenau bedachte antinomische Setzung. Hier fließen fernöstliche Weisheit und Erfahrung in eine banale Alltags­situa­tion in Germania, die mich dennoch fesselt, fesselt wegen der Wörter und Bilder, ich erlebe den atmenden, den summenden Garten, das glänzende Blattwerk, ver­spüre den Hieb (der erbarmungs­los zerstört, was scheinbar bloß locus amoenus war). Schließ­lich die barba­rische Degra­die­rung eines Lebe­wesens zu Beute: In den Augen der Katze (auch der nach­barlichen, die eben wieder, zum Glück vergeb­lich, hier bei uns im Garten auf Vogel­jagd ging) ist das bloß noch Beute, schon nicht mehr atmende Kreatur. Hier wird eine allzu­vertraute, flüchtige, laut­lose Begeben­heit im Garten mit einfachen, spar­sam einge­setzten forma­len, rheto­rischen, sprach­lichen Mitteln (bei­spiels­weise durch­weg geläu­figen Wörtern) in einen gerade­zu uner­hörten, äußerst span­nend wir­kenden Vor­fall verwandelt. Das lyrische Ich, ganz am Ende besonders deutlich in die Statisten­rolle verwiesen, proto­kolliert präzise, Haupt­dar­steller ist die Katze, alles nicht der Rede wert, aber wohl wert, ein klingendes Gedicht zu machen, das in sich geschlos­sen wirkt wie das Erlebnis, das es be­schreibt oder besser: Sie waren auf der Suche nach den Bildern, in die sie ein­treten konnten und in denen sie selbst an Deutlich­keit gewin­nen würden. In Nicholas Christophers Roman Franklin Flyer lese ich: Our sole mission should be to eternalize the things of this world. Take them in and transform their substance into spirit. That is how we become spirit.

Im Gedicht an sich

geht es vorderhand nicht um ›Faktum‹, ›Gegebenheit‹, ›Sachlage‹, ›Skandal‹, ›Tatbestand‹, ›Unglück‹, ›Realität‹ (die Artikel, Repor­tage, Zeitungs­bericht usw. vorbe­halten sind): Im Gedicht geht es in erster Linie um Klang, um Rhythmus, um Sprache, um Sound – und insbe­son­dere ums doppelte Böden zimmernde, mehr­dimen­sional schwin­gende Wort, das Vers für Vers gegen den Strich gebürstet sein will. Dieser Lyrik­logik folgend, sind ›Wal‹, ›Walze‹, ›Katze‹, ›Ekstase‹ ausge­suchte Wörter, die nichts anderem als dem jewei­ligen Gedicht dienen und, in Versen kombiniert, den poetischen, alle­gorisch, para­bolisch, sinn­bildlich aufge­ladenen Mehrwert erlangen – phäno­menal, wie die so einge­setzten Wörter im spezifischen Kontext der Gedicht­wirk­lich­keit von einem Augen­blick zum nächsten eigenständig, frisch, neu, unverfälscht klingen, eigens gemacht für diesen besonderen Moment im Gedicht, in dem sie zu Kieselwesen aufblühen (wovon sie im journa­listi­schen Artikel zum Beispiel bloß träumen können), oder, lapidar, mit Fritz gesprochen: Sie bekamen die Zuver­lässig­keit von Steinen. – Wenn ich das weiterdenke, gerate ich in die Nähe dessen, was das ›Geheimnis‹ – drum kaum Erklärbare – des Gedicht­schöp­fens in einer typischen Tonart ausmacht – gestalt­gewor­dene Sprache eines Einzelnen (Paul Celan) –, von der wir im vorlie­genden Fall sagen: Das ist der lakonische, fortlaufend Nägel auf Köpfe treffende Ton des Walter Helmut Fritz. —

Und weiter erregen Wörter Aufmerksamkeit:

Vom Experiment des Lebens ist die Rede (aufschlußreich erscheint auch der unmittel­bare Nachsatz, der nicht bloß den dialogisch-kommuni­kativen Charakter des Gedichts ver­stärkt, auf diese so einfache Weise den Leser unmittelbar ins gleichsam filmisch vorgeführte Geschehen hinein­ziehend: welches Experiment des Lebens, / sagst du, […]; dem Ich wird unmittelbar das Du beigesellt, auch dies wohl ›Zufall‹ im besten Sinne, Walter Helmut Fritz kennt seinen Martin Buber, der, beispielsweise, im Prosa­gedicht Porträtaufnahmen auftaucht: Es gibt kein Ich an sich, sondern nur das Ich des Grundworts Ich-Du und das Ich des Grundworts Ich-Es. Wenn der Mensch Ich spricht, meint er eins von beiden [...] Ich sein und Ich sprechen sind eins) – und wie beschwingt diese Wendung daher­kommt, verliert ›Experiment‹ auch für den auf dieses Wort eher besorgt reagierenden Menschen nicht nur jeden Schrecken (der abschätzig gemeinte Slogan »Keine Experimente!« wurde im bundesdeutschen Wahlkampfsaal von 1957 als bis heute nicht ver­gessenes Drohwort eingesetzt – und während des Kampfs um die Mandate zum Berliner Abgeordnetenhaus 2011 verwendete ein Kandidat der Piraten­partei den Slogan, ironisierend, für seine Wahlplakate), sondern gewinnt eine Bedeutung, die das Dichter und Wal zum Glück nicht klang­sang­sprach­los machende ›Wunder‹ des Daseins – Gesang, ohne Stimmband – ver­mittelt, und diese Botschaft wird mit dem gleichsam ins Hymnische gesteigerten Ton der ohne Punkt dahin­fließen­den Verse ausdrücklich verstärkt: welches Experiment des Lebens, / sagst du, diese Walze, / dieser Felsen in Bewegung / und dann dieser Tanz, / den er mit andern zusammen / aufführt, ehe er wieder wandert, / mit seinen Augen / – blau – von Email, / seinem Gehirn, größer / als das aller anderen Wesen, / seinem Gesang, ohne Stimmband, / seinem Lachen, seinem Gebrüll. Auch das onomato­poetische Gebrüll (ansonsten oft pejorativ konnotiert) erlebe ich – vor allem im Zusammenhang der alliterativ zueinander findenden Wörter Gehirn, größer und Gesang sowie der unmittelbaren Nachbarschaft zum Lachen – als beseeltes Jubel- und Triumph­geschrei, dessen Urheber, der Wal, offenbar (auf gleichsam ›naive‹ Weise, wie es dem Tier, im Gegensatz zur oft ›sentimen­talischen‹ Menschen­art nun einmal eignet) begeistert ist von Wasser, Wellen, Welt.

(Selbstredend ist der Tonalcharakter der Gedichte von Walter Helmut Fritz in keiner Weise ›hymnisch‹ oder ›elegisch‹ (Einstein sprach: Ob grad, ob schief – es ist doch alles relativ); es sind dies entsprechend der Atmo­sphäre / Lage / Situation / Thematik genutzte zarte An­klänge an diese lyrischen Tonarten inner­halb eines lako­nischen Tons, dessen Grund­elemente von aus­sparender, genüg­samer, prunkloser, unge­küns­telter, unauf­fäl­liger Art, kurz: formal frugal sind. Daß es hinter den Kulissen dieser zunächst oft – scheinbar – so unauffälligen, sparsam mit Wörtern umge­henden Wen­dungen immer wieder knallhart zugeht (Christoph Meckel fragt in der 1981 erschienenen Nach­richt für Baratynski: Was soll ein Vers, der keine Zumutung ist?) und wiederkehrend ›Unge­heures‹ losbricht, scheint im Zusammen­hang der durch und durch lyri­schen Struktur der Texte, mit der wir es bei Fritz zu tun haben, zu er­wähnen nahezu müßig, denke ich, und der Blick fällt beim Umwenden der wievielten Seite des Buches auf ein Gedicht, in dem ich die Wörter Nach diesen Massakern / sei das Land reich an Toten lese. Das ist ›Zynismus‹ in bester Tradition, den der fein­fühlige Ironiker Fritz, der den lyrischen Mehrwert der Wörter zwischen den Finger­beeren von Daumen und Zeigefinger erspürt, von den Kynikern gelernt hat.)

Fatal:

Mit dem ersten Punkt – hinter dem ambivalent oszillierenden Gebrüll – kippt das vordergründig vorwiegend im Matter-of-Fact-Stil verfaßte Gedicht (abrupt wie klammheimlich, radikal wie nebenher gesprochen) ins Nach­denkliche, fast Elegische (hier kommt, noch zweimal, Heraklit ins Spiel: ταὐτὸ ζῶν καὶ τεθνηκὸς καὶ ἐγρηγορὸς καὶ καθεῦδον καὶ νέον καὶ γηραιόν· τάδε γὰρ μεταπεσόντα ἐκεῖνά ἐστι κἀκεῖνα πάλιν μεταπεσόντα ταῦτα: Es ist immer dasselbe, Lebendes wie Totes, Waches wie Schlafendes, Junges wie Altes. Das eine schlägt um in das andere, das andere wiederum schlägt in das eine um, heißt es in der Über­tragung von Hans-Georg Gadamer, dem Fritz eins seiner letzten Gedichte widmet: Vergessen Sie nicht Heraklits Wort, / daß die Natur gewohnt ist, / sich zu verbergen): Du kennst seine Arglosigkeit / gegenüber den Menschen, / die ihn besinnungslos jagen. Schauder­haft die Vor­stellung jener kleinhirnigen Jäger, kata­strophal das Ende (nach letztem lyrischen Aufschäumen: Dem Wasser verdankt er alles) – wenn er strandet und erstickt, / weil seine Kräfte nicht reichen, / den Brustkorb zu dehnen –, an dem der steht, der dem Gedicht Der Wal den, mit ebenfalls drei Buchstaben analogen, unseligen Schatten­titel gibt: Der Tod. (Das Gedicht ist nicht der Ort, wo die Schönheit gepflegt wird. // Hier ist die Rede vom Salz, das brennt in den Wunden. / Hier ist die Rede vom Tod, von ver­gifteten Sprachen. (Christoph Meckel, Rede vom Gedicht) —

Da

schleicht sich, unversehens, die paradoxe Dialektik (oxymoronische Aporie?) des Erden­treibens ins hübschhäßliche Spiel: To live is to die, to be awake is to sleep, to be young is to be old, for the one flows into the other, and the process is capable of being reversed, lese ich ein drittes Mal, nun in der englischen Version, in Heraklits Fragment 113. ¡Viva la muerte! rufen die Falangisten im spanischen Bürgerkrieg von 1936. Und Martin Luther dichtet im Kirchen­lied Der Lobsanck (abgeleitet vom Notker I. zugeschriebenen Wechselgesang Media vita in morte sumus): Mytten wir ym leben synd / mit dem todt vmbfangen. In Walter Helmut Fritz' Gedicht Der Wal pulsiert Lebenssaft (mitten im Tod behaupten sich im letzten Vers die beiden ›atmenden‹ Wörter Brustkorb und dehnen), Da-Sein wird – ob in Gesellschaft oder allein – gefeiert, einsetzend mit einer für Fritz so typischen anti­nomischen Wortkombination: dieser Felsen in Bewegung / und dann dieser Tanz, / den er mit andern zusammen / aufführt, ehe er wieder wandert, und aus wenigen Wörtern entwickelt sich eine hochdramatische Story, deren bitteren Ausgang das in Kombination mit dem Verb jagen sowie der Vorsilbe Arg- besonders bös wirkende Adverb besinnungslos unmißverständlich heraufbeschwört: Du kennst seine Arglosigkeit / gegen­über den Menschen, /die ihn besinnungs­los jagen.

Klar

und unverblümt wie die Sprache ist auch die gute Botschaft des Gedichts (selbst­redend wird der Bot­schaft kein Vorrang vor dem Formalen eingeräumt, sie schwingt, wie alle forma­len, inhalt­lichen, rheto­rischen, sprachlichen, thematischen Elemente, die, ob augen­fällig oder ver­borgen, die Struktur der Gedicht­gestalt aus­machen, gleichsam als Zweit­stimme in der musika­lischen Grundierung des Gedichts mit): Hier wird, ohne direkte Anklage oder Moralansprache (beide sind im Gedicht fehl am Platz), mittels an­schau­licher, bedachter, beson­nener Dar­stellung an die mensch­liche Mit­verant­wor­tung im Hin­blick auf Respekt vor dem ›expe­riment in progress‹ LEBEN, Wert­schät­zung aller in der Natur lebenden Wesen, behut­samen Umgang mit dem kreatür­lichen Gewim­mel im Füll­horn Welt appelliert. (Die Inuit Alaskas und Grönlands pflegen seit Jahr­tau­senden eine lebens­notwendige ›natür­liche‹ Wal­fang­tradition, die mit ›be­sinnungs­losem‹ indus­triali­sierten Jagen nichts zu tun hat.)

Es ist,

in der Tat, der traurig und wütend machenden Vorstellung vom jammer­qual­voll veren­denden Wal, der ohne das Element Wasser, dem er alles verdankt, nicht sein kann, zum Trotz, ein heller ›Waltag‹ geworden; zwischen­zeit­lich, gegen zehn Uhr, geht flat­ternder, sin­gender Regen über der Wolfs­kaul nieder; tief ein­atmend, tief aus­atmend, wandert der Blick durchs Fenster, dehnt sich in den Walnuß­baum, dessen dunkel­grüne Fiederblättchen und schwarzschalige Nüsse in der Sonne glänzen. Fünf, sechs Haus­rot­schwänz­chen hüpfen um den grauen Stamm herum. Sie könnten glatt Gedich­ten von Walter Helmut Fritz ent­sprungen sein, in denen – zwischen Meer und Sand, zwi­schen Baum und Borke, zwischen Licht und Schatten, zwischen Ruhe und Getöse, zwischen Kiesel und Kastanie, zwischen Paradies und Pandä­monium, zwischen Tal und Berg, dem nachts Flügel wachsen, / weil er einige Stunden / woanders sein willAal · Affe · Amsel · Antilope · Biene · Bitter­ling · Borkenkäfer · Büffel · Chamäleon · Chimäre · Dachs · Distelfalter · Dohle · Eichhorn · Eidechse · Eisbär · Elefant · Elster · Ente · Esel · Fasan · Fliege · Floh · Frosch · Geier · Girrvogel · Glücksvogel · Grille · Hase · Hauben­taucher · Hengst · Huhn · Hummel · Hund · Igel · Insekt · Käfer · Kamel · Katze · Krähe · Krebs · Krokodil · Lerche · Libelle · Lungen­fisch · Maultier · Möwe · Murmeltier · Muschel · Nachtfalter · Natter · Ochse · Papagei · Pavian · Pechvogel · Pferd · Phönix · Pleite­geier · Purpur­schnecke · Qualle · Rädertier · Ratte · Raubtier · Raubvogel · Regen­pfeifer · Salamander · Schaf · Schild­kröte · Schlange · Schmetter­ling · Schnecke · Schwal­be (Heute noch denken wir: Schwalbe, / und schon beginnt sie zu fliegen) · Schwan · See­schwalbe · Seestern · Skarabäus · Skorpion · Spaßvogel · Spatz/Sperling · Spinne · Star · Stecken­pferd · Stein­krebs · Storch · Taube · Traumtier (beobachtet das langsame Vergehen der Steine) · Unglücksrabe · Vogelschwarm · Wal · Wasser­amsel · Wasser­vogel · Wespe · Zeitvogel · Ziege sich tummeln. – – – Die Menschen / sprachen nur wenig. // Ein Schweigen gab das andere.

In memoriam Walter Helmut Fritz
(* 26. August 1929 in Karlsruhe; † 20. November 2010 in Heidelberg)


* * *

Walter Helmut Fritz (* 26. August 1929 in Karlsruhe; † 20. November 2010 in Heidel­berg) studierte Philosophie, Literatur und neuere Sprachen an der Univer­sität Heidel­berg und war anschlie­ßend – von 1955 bis 1964 – als Lehrer für Franzö­sisch, Englisch und Deutsch an Karls­ruher Gymnasien tätig. 1956 debü­tierte Fritz mit dem Gedicht­buch Achtsam sein. Bis 2008, der Neuausgabe von Herzschlag. Die Liebes­gedichte ver­öffent­lichte er eine große Zahl von Lyrik- und Prosatiteln (Gedichte, Prosa­gedichte, Prosa, Romane, Auf­zeich­nungen, Erzählungen, Essays, Theater­stück, Hörspiele) sowie Lyrik-Über­tragungen aus dem Franzö­sischen. (Lese-)Reisen führten ihn u.a. nach Frankreich, Portugal, Spanien und in die USA. Für sein Werk erhielt Fritz seit 1960 mehrere Lite­ratur­preise, so den Georg-Trakl-Preis (Salzburg 1992) oder den Großen Literatur­preis der Bayeri­schen Aka­demie der Schönen Künste (München 1995).

* * *


Walter Helmut Fritz, Werke in drei Bänden, hrsg. von Matthias Kußmann, 2.400 Seiten, 3 Bände im Schuber, Leinen mit Schutz­umschlag, Hoffmann und Campe, Ham­burg 2009.

Walter Helmut Fritz | Gesamtwerk  

Walter Helmut Fritz
Werkausgabe in drei Bänden

Herausgegeben von Matthias Kußmann
Hoffmann und Campe 2009

Die Ausgabe beim Verlag  externer Link
Die Ausgabe bei Amazon  externer Link
 




Theo Breuer    20.11.2013    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Theo Breuer
Lyrik
Gespräch
Porträt