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Theo Breuer

Poesie und Preise · Und eine Reise
zum FIXPOETRY.Verlag nach Hamburg

Essay
     

schlitzlicht das
auf die wortkante fällt
Susanne Eules


Mnemosyne

Aus den Tiefen der Erinnerung steigt, unvermittelt, hell und klar und wunderbar, ein Kinderspiel auf, das wir zumeist auf dem Vorhof der alten Schmiede in Bürvenich spielten: „Mutter, wie weit darf ich reisen?“ Wehe, wenn man nach der Antwort der ›Mutter‹, im Wechsel verkörpert von Annemie, Gisela und Leni, im Freudentaumel über die unerwartete Großzügigkeit (die eher heimtückischer Natur war, wie man gleich feststellen wird), brav das zwingend obligatorische „Darf ich?“ zu fragen vergaß, dann hieß es, erbarmungslos, wie auch Tamino und Papageno es in der Zauberflöte empfinden, als die Geharnischten sie an den Türen zum Tempel Sarastros abweisen: Zurüüück. – – –

Die Reise geht weiter

Die Reise geht weiter, die Schreibbewegung geht weiter, und solange das Schreiben den Tod aufschiebt, kann auch das Leben weiter­gehen. Vollen­det ist das Werk, wenn der Essayist es losge­lassen, es unvol­lendet hinter­lassen hat
, schreibt Matthias Hagedorn in der E-Mail vom 28. Februar 2012. Selten hat mir jemand so wahrhaftig aus der Seele gespro­chen. – Dieser Essay widmet sich zum einen, dem lite­rari­schen Buch­programm des 2011 von Julietta Fix in Hamburg ins Leben gerufenen FIXPOETRY.Verlags, das mich gleich mit mehreren druck­frischen Büchern vom Hocker reißt, zum anderen schallt die eine oder andere Frage hinsicht­lich der Vergabe von Literatur­preisen, die sich während der begeis­ternden Lektüre von Brigitte Struzyks bei FIXPOETRY erschie­nenem Gedichtbuch alles offen hartnäckig, querköpfig, unduldsam hinter der Stirn plaziert, in den von allerlei Getier bevöl­kerten Wald im Hinter­land hinein.

Dabei sollen, nach längerer Zeit, Bensch, Kraus und Mrs Columbo die Nieder­schrift dieser Zeilen einmal nicht mit stets so forschen, nachdenklich stimmenden, den Schreib­fluß somit hemmenden Einwürfen begleiten. Denn nachdem ich mich in letzter Zeit, zum dritten Mal seit Ende 2001, anhaltend in die Lektüre von Büchern W. G. Sebalds vertieft habe, dessen Wörter unab­lässig im Kopf summen und weiterhin Auf­merk­samkeit einfordern, bleibt mir gar nichts andres übrig – it could become a bit crowded, könnte Diana zurecht monieren –, als die drei nach draußen zu kompli­men­tieren, zumal das Wetter schön ist, der Wald wartet – und bei Kraus die ewige Arbeit.

Euphorie

Als Julietta Fix 2008 FIXPOETRY das Portal für Literatur & Kunst ·gründete, ahnte sie wohl selber nicht, daß sie 2011 (nach dem Zwischenspiel der lyrischen Lesehefte, die sie von 2008 bis 2010, gemein­sam mit Frank Milautzcki, heraus­gab) einen Buch­verlag gründen würde, in dessen Programm im Frühling 2012 bereits 15 Titel vorzu­finden sind. – Ich habe die durchweg bildreich, kunstvoll und mit viel Liebe zum Detail gestalteten Bücher – in der Reihen­folge des Erscheinens – alle gelesen: Den vorläufigen Schlußpunkt setzt also, in den letzten (sehr sonnen­reichen) Tagen des März, Brigitte Struzyks Roman Drachen über der Leninallee, dessen Lektüre mich in eine ähnlich gute Stimmung versetzt, wie ich sie beim Lesen von Susanne Eules' Gedicht­buch ůbern růckn des atlantiks den rand des nachmittags und – als Primus inter Pares – Johannes CS Franks mich gleich­sam über­wältigenden und eine wunderbar schlaflose Nacht bereitenden Remembrances of Copper Cream ·Erinnerungen an Kupfercreme · זכרונות של נחושת וקצפת empfinde.

Skepsis

   

Zunächst überwiegt – Skepsis. Ein weiterer Verlag? Noch mehr Bücher? Oi, oi, oi. Ich, der ich so gern und so leicht und so schnell und so viel lese, verspüre in diesem monumentalen Moment die unheimliche, unerträgliche Last der Bücher, die ich bereits im Kopf trage, wie Peter Kien, größter lebender Sinologe und Büchersammler und Antiheld in Elias Canettis umwer­fendem Roman Die Blendung, sie am Ende verspürt, nachdem er, von der furchterregenden Frau aus der Wohnung geworfen, alle 25.000 Bücher in den Kopf packt, um sie, von Herberge zu Herberge und Abend für Abend, für die wenigen nächtlichen Stunden wieder auszupacken, um sich in einem furiosen Autodafé-Finale mitsamt der Bücher zu verbrennen. What a book, what a book.

Tom Schulz spricht vom mittler­weile beinah unüber­sicht­lichen Konglomerat kleiner Verlage, betont dabei jedoch, ins­geheim vielleicht seufzend: Jedes neue Buch soll bekannt­lich willkommen geheißen werden, wie sehr es irgend­wer braucht, mag da zweit­rangig sein, und das ist auch gut so. – Hat Julietta Fix bestimmte Autoren, Manu­skripte, Schreibarten im Auge? Lyrik? Prosa? Einzeltitel? Anthologien? Nachdem ich die ersten Bänd­chen gelesen habe, denke ich jeden­falls ähnliche Gedanken, wie sie W. G. Sebald 1990 im Gespräch mit Andreas Isenschmid äußert und wie ich sie häufig schon gedacht habe bei der Lektüre zeit­genös­sischer Lyrik und Prosa:

Ich habe beim Lesen neuer Bücher sehr häufig den Eindruck, daß auch Sprache etwas wird, was weniger wird. Das heißt, daß, sagen wir mal, Jean Paul oder Kleist tat­säch­lich über mehr Sprache verfügt haben, als wir es heute noch tun, besten­falls. Das heißt, daß selbst unsere gelun­gensten lite­rarischen Pas­sagen hinter den wirklich großen Passagen, die Anfang des 19. Jahr­hunderts geschrie­ben worden sind, usm einiges nachhinken. Das hört sich nun natürlich sehr nach einer Laudatio der ver­gan­genen Zeiten an, so ist das nicht gemeint, es handelt sich hier einfach um einen objektiven Sachverhalt. Die Sprache wird weniger, die Bilder werden mehr. Und die Bilder über­lasten uns und lassen uns nicht zum Reden kommen, auch nicht zum Schreiben, und auch nicht mehr zum Lesen.


„Maßlos“? Maßlos!



Ein weiterer Verlag? Noch mehr Bücher? Die Fragen drängen nach vorn und verlan­gen ernst­genommen zu werden angesichts der Flut der in den ver­gan­genen Jahr gegrün­deten Verlage. Wer, um Himmels willen, soll das alles lesen? Ich lese und lese und lese, kenne mittler­weile Bücher aus Hunderten von Verlagen, und wenn ich die Programme von Litera­tur­tagen in Hannover, Berlin, München, Leipzig, Wien oder Zürich sehe, stelle ich so amüsiert wie klein­laut fest, daß ich die wenigsten der aus­stel­lenden Verlage kenne (heute, am 29. März 2012, bei­spiels­weise, kommt mit Michael Hillens neuem Gedicht­band Frau Röntgens Hand, von Helwig Brunner heraus­ge­geben, erstmals ein Buch aus der 2008 gegrün­deten Grazer Edition Keiper ins Haus, die mir bislang kein Begriff war). Zerknirscht erinnere ich den Witz aus den 1960er Jahren, in dem der kölnische Tünnes dem delato­rischen Amerikaner, der alles mit dem Label Made in the USA für besser, größer, höher, schneller usw. hält, beim Anblick des Kölner Doms entgegenhält, er wisse nicht, was das sei: „Letzte Woch hät dat Jebäude noch nit do jestande.“ „Maßlos“? Maßlos!

Zu Piet de Moor sagt W. G. Sebald 1992 in diesem Zusammen­hang: Der Lite­ratur­betrieb ist so maßlos, daß man mit sich aus­machen muß, welchen Autor man lohnens­wert findet und welchen nicht. Wenn man das nicht macht, ertrinkt man in dem Meer von Geschrie­benem. Ich hasse beispiels­weise den deutschen Nach­kriegs­roman wie die Pest, er ist geschmack­los und verlogen, was mich in meiner Intuition bestärkt, daß Ästhetik und Ethik sich gegen­seitig bedingen. Weder Erfah­rung noch Meinung kann ich teilen: Bislang bin ich offenkundig nicht ertrunken, obwohl ich eher zu den Tief­see-Muschel­suchern gehöre, die, beseelt vom Wunsch, immer wieder die eine Perle zu finden, vorbehaltlos erwartungs­voll jede Muschel öffnen.

This cannot be happening · Erinnerungen an Kupfercreme

  Johannes CS Frank
Erinnerungen an Kupfercreme
Lyrik und Prosa
Übersetzer: Florian Voß, Ron Winkler,
Judi Hetzroni, Merav Salomon
bebildert von Felix Scheinberger
148 Seiten, Hardcover
FIXPOETRY.Verlag, Hamburg 2012

Es krankt ein Großteil der Schreiberei heutzutage daran, daß ohne reale Grundlage losgearbeitet wird, daß die Autoren in ihrem Zimmer vor dem leeren Blatt sitzen und aus dem eigenen Kopf heraus arbeiten wollen. Man kann nicht nur aus dem Kopf heraus arbeiten. Man braucht wie ein Schreiner Bretter, um daraus einen Kasten zu machen. Der Leser ahnt bereits, von wem die Ansicht stammt, und diesmal ist Volker Hage derjenige, der Sebald (im Jahr 2000) befragt. Ich stimme der Aussage jedenfalls zu: Immer wieder erlebe ich ein Buch als anämische Kopfgeburt, aber mir fällt, wenige Tage, nachdem ich diese Stelle in Sebalds Buch Auf ungeheuer dünnem Eis. Gespräche 1971 bis 2001 gelesen habe, das „Kasten“-Buch, zu dem der Autor die Bretter unter Einsatz aller Kräfte besorgt, zurechtgeschnitten und gehobelt hat, unmittelbar vor die Füße. Was wohl würde der römische Bürovorsteher, den Asterix beim Kampf um den Passierschein A 38 mit eigenen Waffen schlägt, nun verkünden? Ganz einfach – Hier ist es doch:

Copper Cream

Assured, as a flood of images sweeps your senses, baring smells and tastes and sounds, sweeping the three slim streams from your consciousness – – – Remembrances of Copper Cream ist eine aufregende Lektüre, mein Kopf birst (zum Glück beinahe bloß) vor Wörtern, Wörtern, Wörtern, words, words, words, ein Tanz der Sprachen und Bilder, doku­menta­risch, elegisch, illusionslos (brittle letters … mother / embassy / son / dead … friends drinking in the hall / me not wanting to taint / their liquid conversations / with news of such irrelevance), ironisch, nüchtern / ernüchtert, resonating unsavoury thoughts / between a wasted land's infusions, in tiefer Nacht blitzt mich permanent dieser grelle helle Flash an – viel mehr noch das düstre Moment, machines of wastechipped unsculpted stonesRemembrances of Copper Cream · Erinnerungen an Kupfercreme · זכרונות של נחושת וקצפת ist ein Lyrik, Prosa und Bild amalgamierendes, zwischen Englisch, Deutsch und Hebräisch changie­rendes Buch von mehr als einer Erin­nerung an Kupfercreme, die die 148 Seiten leit­motivisch / ding­symbolisch durchwirkt, in dem – trotz der heiklen und zu engagierter Auseinandersetzung geradezu herausfordernder Thematik Israel und, gleichsam, eingedenk Adrienne Richs Parole Poetry is not a healing lotion but an emotional massage, a kind of linguistic aromatherapy Sprache und Bild in kreativer Korres­pondenz die Akzente setzen.

Spit · Splutter · Spout

Botschaften vermitteln sich, nonstop, über die durch­gängig und ausdrucks­voll mit Alliteration (bubbles of blood / clumsily clotted copper cream), Antithese (lovers and lovers / loveless), Assonanz (burbles and gurgles), Katalog / κατάλογος (amethyst, carmine, asparagus, amaranth, orchid, powder, pine, lust, fire brick, fern, wisteria …), kataraktischem Monolog (… und wüstes land … und gräber sehen … und dann schweigen und auf die bäume schauen … und nicht erinnern wollen), Oxymoron (force fed love), Paragramm (chitter and chatter / restless recess), Repetitio (purple purple … purple purple / und gräber und gräber und: gräber) usw. klanglich enorm/exsta­tisch aufgeladenen, wirk­lichkeits­gesät­tigten Wörter, Verse und Zeilen (they spit and they splutter and spout), Graphiken, Striche und Zeichen naturgemäß von selbst. Now their songs flow like foam into each other – their songs a parallel diffusion – scheint, mittendrin, gleichsam als Motto für dieses groß­artig geglückte Buch auf.

Magnetisch

material comfort

and against all odds
i did find god
in a room built by catholics
in this atheists' paradise

cowering beneath the pews
he was assembling phlogiston flowers
reattaching them to a culled
consolation chain

well, the slab didn't work
but does it for anyone?

nor the splinters from twenty
or so crosses

nor the pebbles which together
are the all-powerful paradoxical stone

but there in that room
firmly seated

a child's delight
confined silence

a stuttered prayer
to bed my exothermic needs:


appropriate alphabetical
transgressions
cut my throat
in a clockwise clay reversion

a birthbed conversion
while the shem still burnt
under my tongue
put there by my father's own yossel
who spat the curse, goy,
all over my face

so knead me with spring waters
and render me lifeless
and a fault in the firing


Das Gedicht material comfort begeistert mich derart, daß ich es wieder und wieder lese – allein schon diese Auftakt-Verse: and against all odds / i did find god. Die ›phantastische‹ alliterative Kombination phlogiston flowers wirkt im Zusammen­hang der Verse elektrisch aufge­laden, gleichsam mag­netisch zieht sie mich an wie die ehemalige 100-Watt-Glühfadenbirne das Insekt, und ich lese, „bis die Wimpern vor Müdig­keit leise klingen“ (Elias Canetti). Flowers / pebbles … are the all-powerful paradoxical stone / exothermic needs / child's delight / silence / fault in the firingmaterial comfort ist, in Worteinheit mit dem anschlie­ßenden Gebet appropriate alpha­betical, ein Gedicht, das ich mit Wonne lese. – This graphic book of remembrance is a book against seas of oblivion. I whisper: Thank you.

Mit Volldampf

Der FIXPOETRY.Verlag hat also angefangen, so richtig Dampf zu machen: Mit Johannes CS Franks Erinnerungen an Kupfercreme, Susanne Eules' ůbern růckn des antlantiks den rand des nachmittags und Brigitte Struzyks Drachen über der Leninallee, alle im März 2012 erschienen, steigt der Verlag bereits ein Jahr nach der Gründung in die erste Liga der jungen Lite­ratur­verlage im deutschen Sprach­raum auf. Und für die Leser, die der Vergleich mit dem Sport befrem­den mag (denn Sport ist bekannt­lich auch Mord – Literatur etwa nicht?), formuliere ich es so: Das sind Bücher, denen ich nach dem für alle Bücher selbst­ver­ständ­lichen Willkommensgruß so richtig gern Unterschlupf biete in meinem kleinen Wörterhaus. Das sind Bücher, die mich auf- und erregen, die den Meta­bolismus dermaßen in Schwung bringen, daß ich auf einmal wieder federleicht durchs Dasein schwebe und Mrs Columbo mit Jubelrufen auf die Nerven gehe (hoffent­lich nicht …). Auch Jan Deckers Buch Der Abdecker mit Essay, Lyrik und Prosa schlägt eine ganz eigen­wil­lige Tonart an, deren Sequenzen ich sehr gerne folge. Christine Hoba ist eine feine Entdeckung mit Gedichten, die mein Interesse anhaltend binden, im selben Buch bringt Christian Kreis das Sowohl-als-Auch der ewigen Dilem­mas im unersättlichen Dasein ganz „einfach“ auf den Punkt: Mundraub // Ich werde meine Lippen / mit Sekunden­kleber bestreichen / dich küssen und dann / einfach fort­gehen.

Spiel

  Julietta Fix (Hg.)
Brennpunkte
Lyrik aus der Schweiz
68 Seiten, Broschur
FIXPOETRY.Verlag, Hamburg 2011

Dass wir uns

zu ihnen setzen während sie weiter philosophieren
mit merkwürdigen Schreien / mit ihrem Gefieder
spielen / die Sonnenuntergagsaugen rollen
ihren wehenden Beinen nachsehn
während fern / fern / etwas anrückt
Mähdrescher blonde Schöpfe absäbeln
Herbstschlag / Schnäbel schnappen Insekten
und das Aroma einer bestimmten Luftschicht
über den Kiefern / unter den Haufenwolken
dass wir uns Kiesel greifen
zwei drei Halme oder im Klecks
aus dem perfekten Anus eines Kranichs lesen

Kerstin Becker


Nicht auf jedes Buch kann ich eingehn, so gäbe es, beispielsweise, zu Kerstin Beckers Fasernackten Versen, die besonders im ersten Teil Anklang finden, oder den drei Sammelbänden Brennpunkte, ein Bild von einem Gedicht, Mehr und weniger Gutes zu vermelden, und nicht jedes Buch hinter­läßt blei­benden Eindruck (womit ich bei einer Binsen­weisheit wäre), ich hab's gelesen und mir keine weiteren Gedanken darüber gemacht, die erwähnens­wert wären. Mund abputzen, weiter­machen, und da bin ich doch schon wieder beim Sport, denn das hat Rainer Calmund, der frühere Manager von Bayer Leverkusen, immer mal gesagt, wenn es nicht ganz so gut gelaufen war beim Spiel der beiden Teams auf dem Spielfeld. Das ganze Lesen ist ein Spiel. Leser gegen den Rest der Welt. So mache sich jeder sein Bild von den Büchern.

Weiterhin: alles offen

  Kai Pohl · Clemens Schittko
da kapo mit CS-Gas
Gedichte
59 Seiten, Broschur
FIX­POE­TRY.Verlag, Hamburg 2011

Im vergangenen Jahr bereits läßt mich unter den Premiere-Titeln das eine oder andere FIXPOETRY-Buch auf­horchen, dessen Lese­eindruck ich in dem am 1. Januar 2012 ver­öffent­lichten Essay Von Buch zu Buch. Lesezeiten 2011 kurz festhalte: „So weise ich frech auf den Band da kapo mit CS-Gas hin, in dem ich kalt­herz­blütig auf­notierte (montierte) Gedichte von Kai Pohl und Clemens Schittko lese, von denen ich mich am 5. Dezember zwischen 16 und 17 Uhr frei und willig in die Zange nehmen lasse. Der gemein­schaft­liche Band ist 2011 im Hamburger FIX­POETRY.Verlag erschie­nen – wie auch die Antho­logie Brenn­punkte mit Gedichten von sechs Auto­rinnen aus der Schweiz sowie Brigitte Struzyks alles offen – – – von wegen „alles offen“: Im Gedicht Verkehrt heißt es im ersten Vers Verflogen kam der Vogel an und später (hier klopft Christa Wolf an die Tür): Kein Ort hier, nirgends offen."

Poeten und Preise

… die Preise machen weiter …
Rolf Dieter Brinkmann

  Brigitte Struzyk
alles offen
Gedichte
Vorwort von Peter Wawerzinek
Bildern von Elke Ehninger
117 Seiten, Broschur
FIXPOETRY.Verlag, Hamburg 2011

Während ich Brigitte Struzyks originelles, vor vitalen Versen strotzendes Lyrikbuch alles offen las, kamen mir erste, via Mail, Skype oder Telefon geäußerte, Mut­maßungen, wer denn den anste­henden Peter-Huchel-Preis gewin­nen könnte, zu Ohren. Ich dachte im Anschluß an die über weite Strecken fes­selnde Lektüre, daß Brigitte Struzyk diesen Preis mit alles offen durchaus gewinnen könnte, es wäre eine gute Ent­scheidung, hoffte im stillen jedoch auf Ulrich Zieger und Auf­wartungen im Gehäus und ahnte, daß Joachim Zünders wahrhaft gute Rauch­geister sich im Hinblick auf den Preis in Luft auf­lösen würden. Ich kann die Ent­scheidung für Nora Bossongs schönes Gedicht­buch Sommer vor dem Mauern nach­voll­ziehen, das ich sehr gern gelesen habe, wie ebenfalls im Essay Von Buch zu Buch nachzulesen ist, und während ich das hier aufnotiere, bin ich ganz bei Susan Sontag, die im 1964 publi­zierten Essay Notes on Camp betont: Camp taste is, above all, a mode of enjoyment, of appreciation – not judgment. Camp is generous. It wants to enjoy. It only seems like malice, cynicism. (Or, if it is cynicism, it's not a ruthless but a sweet cynicism.)

Einmal Apfel · Einmal Birne

Es sind zwei sehr verschiedene Schuhe, ein Buch ›ansprechend‹, ›beeindruckend‹, ›geglückt‹, ›gelungen‹, ›gut‹ ›schön‹, ›rund‹ usw. zu finden und es mit einem so renom­mierten Preis zu ehren. Während der Peter-Huchel-Preis für Friederike Mayröcker um viele Jahre zu spät kam – und, Ironie des Schick­sals, für dieses Jäckchen (nämlich) des Vogel Greif, dem nach 2000 alles über­ragenden Gedicht­buch und darüber hinaus eins der am nach­haltigsten wirkenden Gedichtbücher (Einzel­titel wohl­gemerkt), die ich je gelesen habe, Priessnitz' 44 Gedichte, Brinkmanns Westwärts 1 & 2 fallen mir unwill­kürlich ein, empfinde ich ihn, und ich bitte, das nicht als despek­tierlich auf­zufassen, aus mehreren Gründen fast schon als zu gering –, kommt der Preis in diesen Zeiten nach 2000, nun mehrfach bereits, (viel) zu früh.

Kraus!

2006 war es die 1979 geborene Uljana Wolf, deren feiner und mit etlichen starken Gedichten auftrumpfender Debütband kochanie ich habe brot gekauft den Peter-Huchel-Preis gewann. Im selben Jahr veröffentlichte Karin Kiwus (Jahrgang 1942) mit Nach dem Leben ein Buch mit Gedichten, die mich vom ersten bis zum letzten Vers mitreißen und bis heute eindring­lich nachhallen, es ist ein Gedichtbuch, in dem ich immer wieder lesen muß. Und jetzt mischt sich Kraus, rücksichts- und rückhalt­los, doch wieder ein und fragt barsch, vorwurfs­voll und lauernd (als wenn ich etwas dafür könnte), ob es etwa eine Rolle spiele, daß die ›angesagten‹ Abräumer so mitten im prallen Betriebs­leben stünden (war nicht 2006 der Jugend­wahn in der Lyrik voll im Schwange?), und schon summt er, fast hechelnd, eine Melodie, zu denen sich geradewegs Wörter gesellen: Denn die einen sind im Dunkeln / und die andern sind im Licht / und man siehet die im Lichte / die im Dunkeln sieht man nicht.

Bäume und Bücher


Foto: Dirk Paeschke

Naturgemäß steigern sich die Werke im Verlaufe eines Literaten­lebens mehr oder weniger beträcht­lich, um sich ab einem gewissen Zeitpunkt möglichst viele Jahre lang (hoffentlich) auf dem erreich­ten Niveau zu halten – vergleichbar den Bäumen, die auch nicht in den Himmel wachsen und deren Stämme, ›irgendwann‹, hohl werden. (Die große Ausnahme der in ihren Werken immer jünger wirkenden Friederike Mayröcker – sie wird immer noch nachhaltiger sie selbst – bestä­tigt die Regel.) Wir dürfen also davon aus­gehen, daß Uljana Wolf, Marion Poschmann und Nora Bossong ihre besten Bücher, für die der Peter-Huchel-Preis nicht mehr in Frage kommen kann, erst schreiben werden. Für Autoren und Leser wäre es eine eher traurige Vorstel­lung, nicht von dieser positiven Prog­nose auszugehen.

Bensch!

All das ist ja keine Frage des Gönnens oder Nicht-Gönnens. Mer moß och jönne könne, heißt es im Rheinland und der Eifel, und das beherzige ich genauso gern wie der aus Heslach stammende Wahl-Berliner: Ich freue mich sehr, wenn mich ein Preis ereilt. Ich freue mich für jede/n andere/n, wenn er/sie ihn bekommt. Davon abgesehen, daß ich vielleicht einmal, just for fun und durchaus gern, einen (nicht: irgendeinen) litera­rischen Preis in Empfang nehmen würde (geschenkt), bin ich jemand, der es vorzieht, abseits dieses von unterschwelligen ›Gesetzmäßigkeiten‹, von so schwer zu bestimmenden ›Kräften‹ gelenkten seltsamen wie fürchter­lichen ›Betriebs‹ zu leben (So wunder­bare kleine Bücher wie Amras von Thomas Bernhard oder Murphy von Samuel Beckett, sagt Gerhard Falkner 2008 in der Kranich­steiner Rede, würden heute als Nicht-Spitzen­titel zwischen den PR-Maschinen für die Marlitts und die Xypsilons unserer Tage und den Massen im Rodeo der Mega­bestsel­ler totge­trampelten Lesern vom Markt gepustet), ein Betrieb, dem wir alle, nolens volens und mehr oder weniger, angehören und von dem auch die sich immer mal gern distan­zieren, die ihn entscheidend mit­bestimmen. Während ich dies schreibe, sehe und höre ich das unend­liche Gewusel und Gesumm der Leipziger Buchmesse mit mehreren tausend Verlagen und Autoren, zigtausend Büchern, fast 200.000 Besuchern. Aber einer muß die Bücher ja auch lesen, wirft Bensch ein, dessen offenbar angeborene knöcherne Leichen­bittermiene mich immer wieder vergessen läßt, wie schlitz­ohrig er sein kann, und damit hätte auch er sich – gegen erklärten Willen – wieder mal zu Wort gemeldet, „was [nicht] schlimm ist“, denn ich denke ich just in dem Moment, naturgemäß, an den Satz, mit dem Beckett den Roman Murphy einleitet: The sun shone, having no alternative, on the nothing new.

Dickicht

Bei allem Jönne-Könne gibt es zu denken, und die Gedanken sind bekannt­lich frei, daß die Mehrzahl der bekannteren litera­rischen Preise in diesen Zeiten mehr­heitlich von der auf breiter Front ambi­tionierten, vielfach talen­tierten jüngeren Generation, die naturgemäß erst ein schmales (gutes, interessantes, lebendiges, aber keineswegs ›herausragendes‹) Werk vorzuweisen hat, in Empfang genommen wird. Daß Klaus Merz, Jahrgang 1945, dessen bilder­factten­umfangreiche Werk­ausgabe seit 2011 bei Haymon erscheint, 2012 den Bad Homburger Hölderlin-Preis für seit 1963 verfaßte iro­lakonische Lyrik erhält, ist eine der gelegentlich aus den Tiefen des Nichtraums auftauchenden (hoch-)erfreu­lichen Ausnahmen. Aber auch unter den ›Jüngeren‹ sind es so wenige bloß, daß man sie fast an einer Hand abzählen kann. Marion Poschmann, Ulrike Almut Sandig, Monika Rinck, Ulf Stolterfoht, Jan Wagner benenne ich exemplarisch (mich auf den Bereich der Lyrik beschränkend, in der Prosa geht es kaum anders zu – wer einmal auf dem toten Löwen oder weißen Elefanten sitzt, der kriegt, scheint's, vom Betreiber eine Freikarte nach der anderen in die Hand gedrückt): Es ist bekannt, daß ich die bislang veröffentlichte Wörter und Werke der Benannten nicht nur fast ausnahmslos schätze, sondern in Mono­graphien und Essays in zum Teil ausführlicher Form sehr gelobt habe. Zuletzt war dies der Fall bei Sandigs Gedichtbuch Dickicht, dessen Lektüre mich auf eine Weise angeturnt hat, daß ich ein ganz gutes Gedicht nach der Lektüre machte.

Dichte/r

Ich sehe – insbesondere nach 2000 (während der 1990er Jahre, beispielsweise, war das anders: Eine Handvoll vielleicht behaup­tete in jenen Jahren mit einigem Abstand zum Gros die Spitzen­stellungen) – eine enorme Qualitätsdichte, was die lite­rarischen Erzeugnisse im deutschen Sprachraum angeht – quer durchs Alphabet von A bis Z, quer durch die Jahrgänge von 1919 bis 1991, quer durch die dunkelsten Dörfer und grellsten Großstädte. Die wenigen Autoren, die die Mehrzahl der Preise erhalten, schreiben nicht in einer eigenen kleinen Eliteklasse, wie die Vielzahl der an sie innerhalb weniger Jahre verliehenen Preise suggerieren mag, sondern in einer großen gemeinsamen Liga mit vielen weiteren originell schreibenden Autoren, auf deren Bücher ich genauso­wenig verzichten will wie die von den Benannten. Dieser Wald wird, mehr oder weniger flächendeckend, von den zuständigen Institutionen vor lauter Bäumen entweder nicht gesehen oder angstvoll umgangen, jedenfalls wird dessen florierende Fauna und Flora zum Nachteil der effektiven Förderung guter Literatur im deutschen Sprachraum keineswegs in gebührender Art und Weise gewürdigt.

Guter Zufall

Nun erinnere ich, wie eine von Kraus an einem sehr kalten Winterabend gestellte Frage einen Wortschwall auslöste, in dem ich u.a. sagte: „Bei manchem Feuil­letonisten, Literatur­kritiker und Juror (Leute, die die öffentliche Meinung doch maßgeblich beein­flussen, denke ich nicht bloß beim Anblick von Bücher­tischen in Buchhand­lungen) werde ich gele­gent­lich das Gefühl nicht los, daß ein wenig mehr verin­nerlich­tes lite­rarisches Breiten­spektrum durchaus zu anderen Bewer­tungen, Ein­schät­zungen, Urteilen führen könnte; manche Worte in Rezen­sionen und Begrün­dungen erscheinen mir austausch­bar, behauptet, floskel­haft, und ich wünsche mir in diesem Augenblick wieder einmal eine der guten Sache Literatur ange­messener ins Gleich­gewicht bringende Verteilung der Glücks­momente, die bekann­terma­ßen bei Auto­rinnen und Autoren durch Einladung zur Betei­li­gung an Anthologien, Lite­ratur­zeit­schriften, Lesungen, Festivals, Ver­öffent­lichung von Einzel­titeln, Präsenz im Feuil­leton sowie Verleihung von Lorbeer und Sieger­palme ausgelöst werden, denn immer ist es letzt­lich dieses, zu allen Zeiten, etliche Jahre lang am Stück ›angesagte‹ Dutzend, das im Fokus des betrieb­lichen Inter­esses steht, alle anderen 500 bis 1000 Autoren, an die ich allein in diesen Stunden der Niederschrift dieses Essays bloß denke, dürfen sich schon dann mehr als glück­lich schätzen, wenn sie zumindest den einen oder anderen Krümel aufheben dürfen (der für sie alles andere als ein Krümel ist: Was dem einen der gut dotierte Preis, ist dem anderen die Ver­öffent­lichung eines einzigen Gedichts im Jahrbuch der Lyrik), der ihnen einmal zufällig vor die Fuße fällt.“

Na, na …

Die Vergabe des Cuxhavener Joachim-Ringelnatz-Preises für Lyrik 2012 an Nora Gomringer, auf die ich abschlie­ßend kurz eingehen möchte, ist ein ganz anders gelagerter Fall. Während des Telefonats am 17. März 2012 bezeichnet Matthias Hagdorn, nun schon zum wiederholten Male, Nora Gom­ringer als die Allert-Wybra­nietz der Post­moderne, sie schreibe Befind­lich­keits­lyrik, die sich um den eigenen Bauch­nabel kräusle, wogegen ich erneut heftig (und wiede­rum aussichts­los) protes­tiere. Hage­dorn ist bisweilen schmerzlich speziell. Da gehen die Meinungen auch schon mal rigoros aus­einander. Nora Gomringer gehört in diesen Zeiten ebenfalls zu jenen, die in schöner Regel­mäßigkeit Preis­gelder aufs Giro­konto über­wiesen bekommen (und in erster Linie geht es darum bloß, Ehre hin, Ehre her, das weiß bereits Margarete: Nach Golde drängt, / Am Golde hängt / Doch alles. Ach wir Armen!, und Ulf Stolter­foht bestätigt es am 19. Oktober in einem feinen Beitrag in der Lyrik­zeitung: Wenn ich weiterhin ein Leben als Gedichte­schreiber führen möchte, werde ich auf Preise und Stipen­dien auch in Zukunft angewiesen sein. Ich bin dies­bezüglich allzeit annahme­bereit.

Erheiternd

Klar, daß die Cuxhavener Nachrichten, pro domo formulierend, eine „Sensation“ vermelden. Axel Kutsch äußert sich bei der Gelegenheit in einem Kommentar in der Lyrikzeitung vom 24. Januar 2012 so: Wieder ein Preis für Gomringer. Nein, nicht für Eugen (der ist laut Wikipedia bisher dreimal geehrt worden), sondern für Tochter Nora. Es ist die 15. litera­rische Aus­zeichnung für die 31jährige. Nur ein Vergleich: Die fast gleich­altrige und keines­wegs weniger talen­tierte Ann Cotten ist bisher dreimal ausge­zeichnet worden. Weitere Vergleiche erspare ich mir. Nora Gomringer kann nichts für die offen­sichtliche Einäugig­keit mancher Jury­mitglieder. Es ist ein Skandal, daß solche Zeitgenossen über die Vergabe von nicht unwichtigen Preisen zu entscheiden haben. Dieser Sichtweise schließe ich mich, sine ira, unein­geschränkt an – zumal im Fall Cuxhaven die Vergabe des Förderpreises (den die 1980 geborene Nora Gomringer im Auftrag der Jury vergibt) an José F. A. Oliver (Jahrgang 1961), der ent­sprechend der im Internet nachles­baren Richt­linien den Ringel­natz-Haupt­preis für ein seit Jahr­zehnten gereiftes außer­gewöhn­liches, originelles, die Lyrik im deutschen Sprachraum för­derndes Werk, das ich seit vielen Jahren mit beträcht­lichem Gewinn lese, verdient hätte, das Ganze endgültig zur Farce macht, womit sich wieder einmal ein Kreis im Denken schließt: Mit Thomas Bernhards köstlichem, 2009 bei Suhrkamp erschie­nenem Satire­band Meine Preise habe ich vor ein paar Jahren ein Buch gelesen, in dem ein bestens aufgelegter, herrlich clownesk formu­lierender Erzähler die fatal verrückte Lite­ratur­preis-Farce – ob es dabei um Grillparzer-, Staats- oder Bremer Preis (usw.) geht, spielt keine Rolle – auf höchst erheiternde Weise entlarvt:

Ich war dafür, Canetti den Preis zu geben für seine Blendung, das geniale Jugendwerk, das ein Jahr vor dieser Jury­sitzung wieder neu gedruckt worden war. Mehrere Male sagte ich das Wort Canetti und jedes Mal hatten sich die Gesichter an dem langen Tisch weh­leidig verzogen. Viele an dem Tisch wußten gar nicht, wer Canetti war, aber unter den wenigen, die von Canetti wußten, war einer, der plötzlich, nachdem ich wieder Canetti gesagt hatte, sagte: aber der ist auch Jude. Dann hatte es nur noch ein Gemurmel gegeben und Canetti war unter den Tisch gefallen. […] Zu meiner größten Verblüf­fung zog plötzlich einer der Herren, ich weiß nicht, welcher, aus dem Bücher­haufen auf dem Tisch, wie mir schien wahllos, ein Buch von Hildes­heimer heraus und sagte in umwerfend naivem Ton und geradezu schon im Aufstehen zum Mittag­essen: Nehmen wir doch Hildesheimer und Hildes­heimer war gerade jener Name, der während der stunden­langen Debatten überhaupt nicht gefallen war. Nun war plötzlich der Name Hildes­heimer gefallen und alle rückten auf ihren Sesseln und waren erleichtert und stimmten in den Namen Hildes­heimer ein und binnen ein paar Minuten war Hildesheimer zum neuen Bremer Preis­träger bestimmt. Wer wirklich Hildes­heimer war, wußten sie wahrscheinlich alle nicht. […] Die Herren erhoben sich und gingen in den Speisesaal. Der Jude Hildesheimer hatte den Preis bekommen.

Halali

Ich mache, denke ich, während ich Alban Bergs Violin­konzert von 1935 lausche, auf Nora Gomringers Lyrik genauso Jagd wie auf die Lyrik aller Verse verfassender Autoren, derer ich habhaft werden kann und die ich im täglichen Lesen im Laufe der Zeit kennen­gelernt habe. Ich habe sie live erlebt und kann den Hype, der durch den Blätter­wald geistert, nicht ganz nach­voll­ziehen (well, maybe sometimes at night): Ich erlebte Nora Gomringer in erster Linie als auf Distanz bedachte rou­tiniert Posie­rende, die, bei­spiels­weise, hallo?, einen para­gramma­tischen Spruch (aus Nachrichten aus der Luft, in denen – natürlich! – auch Originel­leres zu lesen ist) zum besten gab (den ich im Alter von 6 oder 7 Jahren bereits, ohne den Titel, das Wort gab's auf dem Bauern­hof nicht, dafür war ›die Gülle‹, fast, all­gegen­wärtig, für mich entdeckt hatte) und die Gäste beim Auftakt­abend des Poesie­festi­vals Konstanz im November 2010 nach dem letzten Wort sekunden­lang auf eine Art fixierte, als hätte sie wunders was vollbracht: Bauernidylle // Vater / Mutter / Rind.

Bratkartoffeln

Ich spüre noch heute, wie stolz ich war, truth is: I was beaming, als ich diesen Spruch, den ich mir, 1962 oer 1963, als Kind im zwischen Traktor­garage und Hühnerhaus plazierten Sandkasten ausgedacht hatte und, nachdem Vater und Mutter die Kühe gemolken und gefüttert hatten, beim gemeinsamen Abendbrot mit Schwarzbrot vom Bürvenicher Bäcker Lückenbach und Bratkartoffeln zum besten gab und dafür anerkennendes Lachen erntete. Während der Goldhoch­zeits­feier einer Kusine im Frühjahr 2011 kam diese irgendwann auf mich zu, wir hatten einander viele Jahre nicht gesehen, und sie fragte mich: „Theo, weeß de noch, wat de de dumols als Köngk emme usjedaht häß?“ Sie hatte gleich ein paar Wörter parat und lachte so schallend wie ›damals‹. Das hat mich doch sehr gerührt an jenem schönen Festtag, als ich mit Menschen, die Jahrzehnte noch älter waren als ich, ins lang anhaltende Gespräch kam über die gute alte Zeit und wir von vröde erzählten. Herrje.

Von Aigner bis Zander

Ich kann aus Platzgründen nun nicht mehrere hundert Namen von Autoren wie C. W. Aigner · Hans Bender · Ann Cotten · Hugo Dittberner · Peter Ettl · Ingrid Fichtner · Harald Gröhler · Norbert Hummelt · Semier Insayif · Hendrik Jackson · Ilse Kilic · Michael Lentz · Herta Müller · Jörg Neugebauer · Brigitte Oleschinski · Kevin Perryman · Lothar Quinkenstein · Lars Reyer · Walle Sayer · Jürgen Theobaldy · Anja Utler · Günter Vallaster · A. J. Weigoni · Berto Xenien-Heuer · Barbara Yurtdas · Maximilian Zander, die ich hier mal querbeet aufrufe, ins Spiel bringen, deren ausgereifter und origineller gestaltete Gedichte wesentlich nach­haltiger wirken als die Lyrik von Nora Gomringer, die kritischen Ein­lassungen, ihre Verse seien doch auch oft recht trivial (bzw. „glatt und selbstgenügsam“, wie Guido Ernst in Das Innerste von außen. Zur deutsch­sprachigen Lyrik des 21. Jahrhunderts konsta­tiert), mit dem lockeren Spruch „Nora Gomringer macht ein Gedicht. Aus!“ begegnet. Autsch.

Poetische Sprachspiele

In aktuellen, exemplarisch das ganze Spektrum deutsch­sprachiger Lyrik mehr oder weniger umfänglich in den Blick nehmenden Sammelbänden von An Deutschland gedacht über Der deutsche Lyrikkalender · Der gelbe Akrobat · Der Große Conrady · Ein Alphabet der visuellen Poesie · Jahrbuch der Lyrik · In diesem Land · Laute Verse · Lied aus reinem Nichts · Poesie Agenda · Poetische Sprachspiele · Versnetze · Zeit. Wort usw. sind die, an die ich denke, mehr oder weniger oft zu finden, werden, auf dem Silbertablett gleichsam, dem interessierten Leser fortlaufend als mehr oder weniger üppig belegte Appetit­häpp­chen darge­boten: Andreas Altmann · Jürgen Becker · Zehra Çirak · Uwe Dick · Oswald Egger · Ludwig Fels · Hartmut Geerken · Kerstin Hensel · Jayn-Ann Igel · Steffen Jacobs · Ursula Krechel · Christian Lehnert · Franz Mon · Jürgen Nendza · Albert Ostermaier · Richard Pietraß · Gerhard Rühm · Kathrin Schmidt · Hans-Ulrich Treichel · Raphael Urweider · Guntram Vesper · Ernest Wichner · Annemarie Zornack. Wer da kein Verlan­gen nach mehr empfindet, macht mich ratlos. – Jedenfalls warten die Buch­programme von FIXPOETRY und den so zahl­reichen anderen Verlagen alljährlich mit vielen, vielen hundert Neutiteln auf, von denen das Gutteil auch auf nüchternen Magen mehr oder weniger bekömmlich sein dürfte. (Während ich diese Liste vollende, stehe ich unter dem mächtigen nächtlichen Leseeindruck, den Mikael Vogels Gedichtband Massenhaft Tiere hinterlassen hat, der 2011 im Berliner Verlaghaus J. Frank erschienen ist. Ich suche nach ›einem‹ Wort, mit dem ich diesem Buch gerecht werden kann, finde keins und lasse es einfach gutsein.) Aber Juroren leben, Thomas Bernhard zufolge, eh nach der Devise, daß der Mensch nicht vom Buch allein lebe.

Und Mrs Columbo!

Das dahingestellt sein lassend, sage ich abschließend zu Kraus und Bensch, übrigens just in dem Moment, als Mrs Columbo, warum auch immer und wie so oft laut lachend, vom langen Gang durch den Wald zurückkehrt und meint, jetzt brauche sie, pronto, pronto, einen Cappuccino: Man ist bei der Vergabe des Ringelnatz-Preises, der an Autoren vergeben werden soll, "die einen bedeutenden künstlerischen Beitrag zur deutschsprachigen Gegenwartslyrik liefern", zu denen Nora Gomringer noch nicht unbedingt zählt, dafür aber (die einen, naturgemäß, ein wenig mehr als die anderen) Autoren wie Urs Allemann · Paulus Böhmer · Crauss. · Ulrike Draesner · Elke Erb · Gerhard Falkner · Zsuzsanna Gahse · Manfred Peter Hein · Felix Philipp Ingold · Gerhard Jaschke · Axel Kutsch · Philipp Luidl · Christoph Meckel · Helga M. Novak · Hellmuth Opitz · Bert Papenfuß · Thomas Rosenlöcher · Ludwig Steinherr · Hans Thill · Christian Uetz · Olaf Velte · Paul Wühr · Ulrich Zieger, im Jahr des Buches 2012 vorläufig auf dem Jahrmarkt der Beliebigkeit angekommen.

ůbern růckn des atlantiks

  Susanne Eules
ůbern růckn des atlantiks
den rand des nachmittags
Gedichte
Artwork von Korinna Feierabend
98 Seiten, Klappenbroschur
FIXPOETRY.Verlag, Hamburg 2012

Ich stelle Brigitte Struzyks Gedichtbuch mit dem verführerischen Titel alles offen ins Regal. Niemand weiß, welch chaotischen Verlauf das lesende, schreibende und sonstige Leben ohne die Lektüre dieser Gedichte genommen hätten. Gut jedenfalls, auch diese Verse in Kopf und Sammlung installiert zu haben. – Susanne Eules' mit Artwork von Korinna Feierabend angereichertes explosivlautliches Gedichtbuch ůbern růckn des atlantiks den rand des nachmittags ist eine Überraschung in mehrfacher Hinsicht. Kein Wort, ja, kein Buchstabe zuviel, ein elisionischer Zugriff auf die Wörter, wie ich sie von Arno Schmidt und Thomas Kling kenne und schätze, lautet eine der lyrischen Devisen, und während der rasanten Lektüre wird das buchstäblich zeichenhaft p.unk.t.gen.au.e Hervorkitzeln der Vexierbilder in den Wörtern mit einfachstem Mittel, so unmittelbar wie gestochen scharf, vor Augen führt. Ich lese ůbern růckn des atlantiks den rand des nachmittags im Februar 2012, als ich mit der Herausgabe einer Friederike Mayröcker gewidmeten Ausgabe der Literaturzeitschrift Matrix befaßt bin, und unvermittelt fällt mir, auf Seite 78, dieses Gedicht vor die Füße, was, nicht aus Matrix-Gründen bloß, einen Endorphinschub auslöst:

my.røck.ern

wie schneeglattes wie eispapier
reib schrei.bf.låche(l)n icerink
die feder die d.rau.f tanzt & f.liegt
pirouetten wie fing.erlåufe

auf elfen.beint.ast.en schrilltriller
fuge kontra.punk.t die un.terliegende
stimme filzhåmmer auf drahts.eilen
dieses erglimme(r)n von g.old.nen

bergen : ne w.ander.poet.in.
das fr.agile høren : s.tal.ak.titten &
s.tal.ag.mitten eines andren rau.ms
jene høh.le unter der au.flage als ob

unber.uhr.t & g.rad jet.zt in mus.ikke
ge.set.zt die MELA.ncholie der unge
bohrnen zeit [ritard.]
mitm schw.eigen ba.lanciert


Es ist leicht nachvollziehbar, daß ich Susanne Eules im Anschluß einlade, bei der FM-Edition dabei zu sein. Nun steht das Gedicht in Matrix 28 mit Aufzeichnung · Besprechung · Bild · Essay · Gedicht · Gespräch · Notiz (usw.) von Ilse Aichinger · Hans Bender · Crauss. · Michael Donhauser · Ulrike Draesner · Elke Erb · Johannes CS Frank · Bodo Hell · Gerhard Jaschke · Axel Kutsch · Michael Lentz · José F. A. Oliver · Marion Poschmann · Marlene Streeruwitz · Anja Utler · A. J. Weigoni und 61 weiteren Autoren und Künstlern, deren Werk in einer wie auch immer gear­teten Beziehung zu dem Friederike Mayröckers zu sehen ist, in einer lebendigen Sammlung von Text und Bild, deren Mittelpunkt ein gutes Dutzend neuer Gedichte von Friederike Mayröcker bildet.

Drachen über der Leninallee

  Brigitte Struzyk
Drachen über der Leninallee
Roman
287 Seiten, Klappenbroschur
FIXPOETRY.Verlag, Hamburg 2012

Mit Brigitte Struzyks Roman Drachen über der Leninallee erscheint erstmals ein umfassendes Prosa­buch im FIXPOETRY.Verlag. Schon der Auftakt führt bildhaft vor Augen, welche zwischen Zwie­spalt und Zwei­schnei­dig­keit hin- und herge­wendete, typisch deutsche Geschichte auf diesen 286 Seiten erzählt wird: In der Herr­gotts­frühe von Berlin spielt dort an der Nahtstelle, wo etwas aufhört und doch nichts Rechtes beginnt, die Geigerin: Ich träumte von bunten Blumen …, Schuberts Winter­reise. Durch anschau­lich-detail­liert be­schrie­benen (natur­gemäß faden­schei­nigen, löch­rigen) Stoff mehr oder weniger far­ben­froher Gewebe blicke ich fort­gesetzt auf ge­schicht­li­chen Grund, ich spüre schnell, hier geht es um Menschen, die es wissen wollen, und ich will es, von Seite zu Seite mehr, auch wissen: Ihr Arm liegt im Wind­kanal der Klima­anlage. Die eine, dem Fenster nahe, Hälfte ihres Körpers ist kalt, die andere schwitzt. Und hinter der zwitt­rigen Scheibe, die sich nicht öffnen lässt, dämmert der tag: hohe Tannen, grünes Gras, Brand­schutz­gräben neben den Gleisen, frisch ge­schich­tetes Holz, ein schäumender Waldbach, gemähte wiesen mit Huflattich­rändern, flammende Gold­ruten am Bahn­damm, rote Felsen, tiefe Wagen­spuren voller Wasser – endlich zieht die Lok wieder, und das bremsende Ziehen, die Langsam­strecke des Grenz­verkehrs, schiebt sich auf die Oberfläche der Erin­nerung. Spuren­sicherung? Pass­kontrolle? Wie oft waren sie doch diese Strecke gefah­ren, bis sie, die Staatsfeindin Ulla Wasser, nicht mehr mitdurfte ins NSA (nicht­soziali­stische Ausland). Später heißt es: Erin­nerung ist Neusehen der Ver­gangen­heit, das aus einem gegen­wärtigen Inter­esse stammt. Diese Art Nachsinnen, sofern nicht ohnehin vorhanden, wird unmittel­bar auf mich, den erkennt­nis­interes­sier­ten Leser, über­tragen und trägt mich zum fröh­lichen Ende am Bran­den­burger Tor, das mit dem Ver­sprechen zweier Frauen endet: Nächstes Jahr in Jerusalem!



Liste · 15 Einzeltitel



Kerstin Becker, Fasernackte Verse, Gedichte, Vorwort von Jürgen Brôcan, Bilder von Wienke Treblin, 62 Seiten, Broschur, FIXPOETRY.Verlag, Hamburg 2011.

Jan Decker, Der Abdecker, Essay / Gedichte / Prosa, Vorwort von Jürgen Brôcan, Bilder von Wienke Treblin, 65 Seiten, Broschur, FIXPOETRY.Verlag, Hamburg 2011.

Susanne Eules, ůbern růckn des atlantiks den rand des nachmittags, Gedichte, mit Artwork von Korinna Feierabend, 98 Seiten, Klappenbroschur, FIXPOETRY.Verlag, Hamburg 2012.

Johannes CS Frank, Remembrances of Copper Cream · Erinnerungen an Kupfercreme ·זכרונות של נחושת וקצפת, Lyrik und Prosa, ins Deutsche übertragen von Florian Voß und Ron Winkler, ins Hebräische übertragen von Judi Hetzroni und Merav Salomon, bebildert von Felix Scheinberger, 148 Seiten, Hardcover, FIXPOETRY.Verlag, Hamburg 2012.

Herbert Hindringer · Judith Sombray, Nähekurs, Gedichte, 48 Seiten, Broschur, FIXPOETRY.Verlag, Hamburg 2011.

Christine Hoba & Christian Kreis, Dummer August und Kolumbine, Zeichnungen von Felix Scheinberger, Nachwort von André Schinkel, 59 Seiten, Klappenbroschur, FIXPOETRY.Verlag, Hamburg 2012.

Julia Mantel, dreh mich nicht um, Gedichte, Bilder von Petrus Akkordeon, Vorworte von Kurt Drawert und Jörg Sundermeier, 47 Seiten, Broschur, FIXP­OETRY.Verlag, Hamburg 2011.

Kai Pohl · Clemens Schittko, da kapo mit CS-Gas, Gedichte, 59 Seiten, Broschur, FIX­POE­TRY.Verlag, Hamburg 2011.

Brigitte Struzyk, alles offen, Gedichte, mit einem Vorwort von Peter Wawerzinek und Bildern von Elke Ehninger, 117 Seiten, Broschur, FIXPOETRY.Verlag, Hamburg 2011.

Brigitte Struzyk, Drachen über der Leninallee, Roman, 287 Seiten, Klappenbroschur, FIX­POETRY.Verlag, Hamburg 2012.

Charlotte Ueckert, Dein Haar ist mein Nest, Gedichte, Vorwort von Peter Engel, 34 Seiten, Broschur, FIX­POETRY.Verlag, Hamburg 2011.

Gerrit Wustmann, Beyoglu Blues, Gedichte, deutsch – türkisch, ins Türkische übertragen von Miray Ath, 33 Seiten, Broschur, FIX­POETRY.Verlag, Hamburg 2011.

Sammelbände

Julietta Fix (Hg.), Brennpunkte. Lyrik aus der Schweiz, Gedichte von Irène Bourqin · Brigitte Fuchs · Svenja Herrmann · Marianne Rieter · Nathalie Schmid · Elisabeth Wandeler-Deck, Illu­strationen von Judith Sombray, Vorwort von Beat Brechbühl, 68 Seiten, Broschur, FIX­POETRY.Verlag, Hamburg 2011.

Julietta Fix (Hg.), ein Bild von einem Gedicht, Bilder und Gedichte von Michael Arenz · Klara Beten · Jan Decker · Peter Ettl · Sabine Georg · Herbert Hindringer · Magdalena Jagelke · Ulrich Koch · Sünje Lewejohann · Undine Materni · Frank Norten · Silke Peters · Sophie Reyer · Ulrike Almut Sandig · Iris Thürmer · Janin Wölke · Michael Zoch, 116 Seiten, Broschur, Querformat, FIX­POETRY.Verlag, Hamburg 2011.

Julietta Fix (Hg.), Mehr und weniger. Erste bis letzte Poetry­letter 2010, Gedichte von Bernd Bohmeier · Manfred Chobot · Ulrike Draesner · Hans-Jürgen Heise · Thilo Krause · Christoph Leisten · Sabina Lorenz · Hellmuth Opitz · Francisca Ricinski · André Schinkel · Gerd Sonntag · Christoph Wenzel u.v.a., 63 Seiten, geheftete Broschur, FIXPOETRY.Verlag, Hamburg 2010.
Theo Breuer    31.03.2012    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
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