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Hans Bender

Gespräch mit Theo Breuer für den poetenladen
Splendid isolation. Ich, allein, mit einem Buch.
  Literatur und Lesen
  Hans Bender (Gespräch)
in poet nr. 18
Für die Online-Version wurde das 23-seitige Gespräch gekürzt. Es ist das letzte litera­rische Gespräch Hans Benders.

Foto: Hans Georg Schwark
Hans Bender wurde am 1. Juli 1919 in Mühl­hausen im Kraichgau geboren und lebte seit 1959 in Köln. Nach der Kriegs­gefan­gen­schaft in Rußland setzte er das Studium der Lite­ratur- und Kunst­geschichte in Heidelberg fort. Er war Heraus­geber der Lite­ratur­zeit­schriften Konturen (1952/53) und Akzente (1954–1980) sowie zahlreicher Anthologien, darunter Mein Gedicht ist mein Messer (1955/61), Widerspiel (1961), In diesem Lande leben wir (1978) und Was sind das für Zeiten (1988). Seit 1951 hat er Gedichte, Erzählungen, Kurz­geschich­ten und zwei Romane ver­öffent­licht. Zuletzt erschie­nen u.a. Wie es kommen wird (2009), O Abendstunde (2011), Auf meine Art (2012) sowie Auf­zeich­nungen (2014). Hans Bender war Mit­glied der Akade­mie der Künste Berlin und der Akademie der Wissen­schaften und der Literatur Mainz. Er erhielt zahl­reiche Aus­zeich­nungen, zuletzt den Kulturpreis der Stadt Köln und die Ehren­gabe der Deutschen Schiller­stif­tung von 1859. Hans Bender starb am 28. Mai 2015.


Theo Breuer: Ich habe mir das Paradies immer als eine Art Bibliothek vorgestellt – lese ich bei Jorge Luis Borges. Leben wir beide also mitten im ›Paradies‹?

 

Hans Bender: Ich bin mir da nicht so sicher. Bücher aus den Regalen unserer Wohnung ver­schwinden! Wir haben sie weder verschenkt noch verliehen, auch nicht zum Antiquar gebracht. Sie stehen nicht mehr an ihrem Platz, geordnet nach Ländern und Epochen. Ich vermute, sie haben sich davon gemacht, ent­täuscht, weil wir sie viel zu lang nicht mehr herausgeholt, nicht mehr gelesen und gelobt haben.

 

T. Breuer: Was wir aber doch jedes Mal tun, wenn ich hier bin. Eben erst hatte ich wieder Bücher von Jean Améry, Elias Canetti – das Buch der Bücher: Die Blendung –, Hermann Hesse, Ricarda Huch, Hans Henny Jahnn, was für ein Fluß ohne Ufer!, Walter Kappacher, Annette Kolb, Thomas Mann, Arnold Stadler, Robert Walser in der Hand, dann Das steinerne Herz, mein liebstes Buch von Arno Schmidt – oder hier: Otto Zoffs Tagebücher aus der Emigration 1939 – 1944 ... Und am Ende des Tages wird der Tisch wieder bücherübersät sein – wie jedes Mal, wenn wir beisammensitzen. Bücher haben die natürliche Tendenz zu verschwinden, steht übrigens in Burkhard Spinnens Kram und Würde … (Schmunzelt.) Ich muß also offenbar noch öfter kommen …

 

H. Bender: Ja, das mußt du. (Lacht.) Reich mir doch bitte das Buch, da ist eine Stelle, die ich dir vorlesen will: September 1939, Nizza. Zoff schreibt: Ich sitze lange in einem Café auf der Straße, eine Barock­kirche gegen­über, Balkons mit Vorhängen, ziegel­rote Fassaden, Blumen­stände voller Nelken, ein Teil des Marktes mit der Platanen­reihe. Mittagswärme. Und es gibt Leute, die den Krieg vorziehen. Nie habe ich diesen Eintrag ver­gessen, seit ich ihn las vor vielen Jahren, jeden Abend denke ich daran beim Ansehen der Nachrichten. – Reden wir übers Lesen! Jeder erst mal einen Satz aus dem Stegreif.

 

 

T. Breuer: Blue windows, blue rooftops / and the blue light of rain … Lesen … Lesen heißt doppelt leben

...

 

H. Bender: (lacht) Typisch Theo Breuer, Leser vor dem Herrn, immer tempe­rament­voll und gleich von Null auf Hundert, wenn's um die guten Wörter geht. Ich fasse mich, denn das Thema ›Lesen‹ ist doch ein zu weites Feld, zunächst einmal ganz kurz: Splendid isolation. Ich, allein, mit einem Buch.

 

T. Breuer: Und das ist eben typisch Hans Bender: bündig, lakonisch, hinter­sinnig. – – – Da sind wir also wieder bei­sammen hier in der Kölner Taubengasse, wie so oft während der vergangenen 25 Jahre, in denen wir jedes Mal über Benn, Brambach, Brinkmann, oft über Fußball und Zauber­berg, immer wieder über romanische Kirchen und Richter-Fenster, dann und wann über Bernhard Schulze, Schosta­ko­witsch, Musik – die ge­heimnis­vollste aller Sprachen, Stifter und Schwanen­see, beim letzten Mal über die Birke vorm Fenster, Sinclair Lewis' Main Street, Truman Capote, Salomé, (deren Füße weiße Tauben sind, wie es in Oscar Wildes Libretto der Oper heißt), Henry James, Simplicissimus und … Spatzen!, ständig den Gott der Stadt angerufen, im Wörter­see gebadet, und kam die goldene Herbstes­zeit, Gedichte rezitiert, kroklokwafzi semememi, einander Passagen aus Romanen oder Erzäh­lungen, Briefen von Celan, Mayröcker und Hermann Lenz vorge­slesen und von Büchern, Büchern, Büchern, ›Klassikern‹ und jüngst er­schie­nenen, gemeinsam ge­schwärmt oder einander vorgestellt haben; wie immer fällt mein Blick auf die Bücher­wand, wandert durchs Fenster zum Trompeten­baum, von dem die Blätter fallen, und zum erstenmal steht, seit wir uns treffen, ein Aufnahme­gerät auf dem Tisch.

 

H. Bender: Ach ja, die Spatzen. Nie höre ich ein Bedauern, daß es in Köln seit einigen Jahren keine Spatzen mehr gibt. Eine Seuche hat sie ausge­rottet; Pflanzen­gift wahr­schein­lich. Ich allein scheine sie zu ver­missen. Gern erinnere ich mich an sie. Sah mit Vergnügen, wie sie auf dem Neumarkt, an den Haltestellen der Straßen­bahnen, den plumpen Tauben die Körner und Krümel weg­schnappten. lm Sommer kamen sie ange­flogen auf die Tische vor dem Café Brega. Sie schienen zu wissen, daß die Italiener zum Espresso oder Cappuccino ein kleines Gebäck servieren, das ihnen schmeckt. Ich bin sicher, Spatzen unter­scheiden zwischen Menschen, die sie mögen und nicht mögen. Im Winter blei­ben sie hier. Sie frieren, sie hungern und sind dennoch lebendig, vergnügt, frech. Sie singen nicht. Die Verse, die William Carlos Williams in seinem Gedicht Pastorale den Spatzen widmet, beweisen, wie gut er sie beobachtet hat. Hans Magnus Enzensberger hat es übertragen, die ersten Verse weiß ich aus­wendig: Die kleinen Spatzen / hüpfen ohne Hinterlist / über das Pflaster / mit spitzen Stimmen / suchen sie Streit / über dies und jenes /was sie betrifft. Williams gehört im übrigen zu den Autoren, die mir lebenslang beispielgebend gewesen sind, vor kurzem erst habe ich diesen Vierzeiler geschrieben: Noch mal William Carlos Williams // Schau genauer hin. / Erfinde. Kombiniere. / Immer noch kann er / dir Vorbild sein.

 

T. Breuer: Und mir auch! Gedichte wie Pastorale gehören zu den Gedichten – delicious / so sweet / and so cold –, die wir immer und immer wieder lesen und die sich auf diese Weise gleichsam wie von selbst einprägen und unser Tun oder Nichttun mehr oder weniger, bewußt oder unbewußt beeinflussen – wie dein Vierzeiler, den ich mir immer wieder hinter die Ohren zu schreiben versuche (was mir bislang nicht geglückt ist …): Vorgefunden in den Incidents von Roland Barthes // Ruhig sitzen, nichts tun. / Der Frühling kommt, / und das Gras wächst / wie von selbst. – – – Laß mich aber – eben­falls ganz ohne Hinterlist – fragen: Liest du auch Romane ein zweites, gar ein drittes Mal? Ich tue das bloß ausnahmsweise, obwohl die Bücher mich beim Wiederlesen jeweils noch stärker beeindruckt haben als bei der ersten Lektüre, ob sie nun Die Blechtrommel, Die Verwandlung, Faust I, Wilhelm Meisters Lehrjahre, Homo Faber, Keiner weiß mehr, Der grüne Heinrich, Mrs Dalloway, Buddenbrooks, Zauberberg, Tod in Venedig, Effi Briest oder The Old Man and The Sea heißen; trotzdem treibt's mich vorläufig immerfort, Neues zu lesen, was ich, wenn ich an die vielen großartigen Bücher denke, die darauf drängen, wenigstens ein zweites Mal gelesen zu werden, immer wieder bedauere: Zudem, nicht Lesen, Wiederlesen ist das, was zählt, flüstert mir Borges Abend für Abend zu allem Überfluß ins Ohr. Ich glaube, ich werde bald mal wieder zu Virginia Woolfs Roman greifen müssen, wenn ich an den ersten Satz bloß denke, in dem das ganze Buch bereits aufzublühn beginnt und von fern schon die Glocken Big Bens zu hören sind: Mrs Dalloway said she would buy the flowers herself

 

H. Bender: Manche Bücher vergißt man, wie Menschen. Bücher, die man gern hatte, weil man jung war, unkritisch, sensibel, aufnahmebereit. Soll man sie nach so langer Zeit wiederlesen? Es wäre leicht. Hier, hinter meinem Rücken, stehen sie noch im Regal: Pan, Freund Hein, Das weiße Haus, Pitt und Fox, Demian, Der große Meaulnes, Schau heimwärts, Engel. – – – Es ist Jahre her. Eines Abends las ich, wie so oft schon, in den Auf­zeich­nungen von Olof Lager­crantz, wie er Joseph Conrads Herz der Finster­nis rühmt; ich stieg hinab in den unteren Stock, holte das Buch aus dem Regal der englischen Autoren und las die Erzählung zum dritten Mal. Die ersten Nacht­stunden war ich unter den Zuhörern, die in einer Jolle vor der Themse­mündung Captain Marlowe gegenübersaßen und seinem abenteuerlichen Leben lauschten.

 

T. Breuer: Heart of Darkness … what a book, what a book with its burning noble words

 

H. Bender: Ich lese den Roman vielleicht zum zehnten Mal, lese ich – ebenfalls bei Olof Lagercrantz. Er meint Lord Jim von Joseph Conrad. Ein vor­bild­licher, be­neidens­werter Leser. – – – An einem trägen Wochenende vor ein paar Jahren packt mich die Lust, nach fünfzig Jahren Heming­ways Roman Über den Fluß und in die Wälder wiederzulesen. Ich will mich zurückversetzen in jene Stimmung, die Hemingways Bücher damals, und nicht nur bei mir allein, weckten. Überprüfen, wie sich dieser Roman, der bei seinem Erscheinen mehr geschmäht als gerühmt wurde, heute liest. O ja, die von Senti­menta­lität trie­fenden Dialoge zwischen dem ameri­kanischen Oberst und der vene-zianischen Contessa lesen sich nun wie eine Hemingway-Parodie. Schön bis heute bleiben seine Winter­bilder der Stadt, zum Beispiel der Gang des Prota­gonisten über den Markt am Rialto, den auch ich jedes Mal ging, vor allem die Fische und Meeresfrüchte zu bestaunen! Zwei, drei Sätze habe ich damals mit Blei­stift ange­strichen, darunter diesen über die Wirkungs­losig­keit selbst­erlebter Geschichten aus dem Zwei-ten Weltkrieg: Man könnte Tausende erzählen und würde keinen Krieg verhindern. Inzwischen ist der Beweis erbracht. – – – Zurück zur ursprüng­lichen Frage – Jules Renard schrieb: Ich lese kaum noch Neuer­schei­nungen. Ich mag nur noch wiederlesen. Den gleichen Satz höre ich immer wieder von Bekannten und Freun­den meines Alters. Auch ich hole mir seit einiger Zeit Bücher, die ich lesen will, häufiger aus meinen Regalen als aus den Buch­hand­lungen, Friedo Lampe, Joseph Roth, bei­spiels­weise, oder Marguerite Yourcenar. Dabei begegne ich nach Jahren oder Jahrzehnten den einst mit Bleistift unterstrichenen Zeilen, die mich überraschen, ver­wundern, manchmal beschämen. Hier habe ich den Beweis, wie ich damals war. Wie ich mich verändert habe. Viel öfter allerdings, daß ich der Gleiche geblieben bin … – Das Erstaun­lichste an Jules Renards Bekenntnis war übrigens, daß er schon im Alter von 42 Jahren so weit und so weise war.

 

T. Breuer: Weisheit ist vielleicht auch keine Frage der Lebensjahre, wer weiß, denn was der Junge tut, dem ich in Hans Trummers Roman Versuch, sich am Eis zu wärmen begegne, habe ich mir nicht bloß, einmal wenigstens, zu tun gewünscht, sondern finde es auch ausge­sprochen ›weise‹: Ein anderer Schüler, der Sohn eines Freiherrn und Mittel­schul­lehrers, wurde mindestens einmal in der Woche in die Schule getragen, weil er sich weigerte, zu gehen. Er war ein zartes und blasses Kind. Durch seine Haut schimmerten die blauen Adern auf seiner Stirn und an seinem Hals. In einem Halbjahr mußten für ihn ein halbes Dutzend neuer Schultaschen samt Inhalt ange­schafft werden, weil er sie, wenn er den Schulweg unbeauf­sichtigt zurücklegte, von der Grazer Brücke in die Mur warf. – – – Unsere Freundschaft währt nun schon jahrzehntelang, Hans, ist immer inniger geworden im Verlauf der Jahre – und das, obwohl wir immer die Bücher des anderen gelesen haben …

 

H. Bender: (lacht) Hans Erich Nossack hat oft erzählt, wie sich Alfred Döblin das gute Einvernehmen der Schriftsteller erklärte, die in den fünfziger Jahren der Mainzer Akademie angehörten: Keiner, sagte Döblin, hat die Bücher des anderen gelesen.

 

T. Breuer: Na ja, da haben die Herrschaften einiges versäumt. Wenn ich bloß an die großartigen Romane von Döblin und Nossack denke. Döblins Wallenstein – ein bildgewaltiges, sprachmächtiges Buch, an dem ich jahrelang zu knabbern hatte, bis ich die 900 klein­gedruckten Seiten vor ein paar Jahren in einem Rutsch lesen konnte: Nachdem die Böhmen besiegt waren, war niemand darüber so froh wie der Kaiser … – – – Gibt es ein sogenanntes ›großes‹ Buch, das du, allen guten Vorsätzen zum Trotz, nie zu Ende gelesen hast?

 

H. Bender: In Eine Nacht mit Lolita erzählt Rick Gekonski, ein in England berühmter Verleger, Sammler und Antiquar, unterhaltsam von seinem Umgang mit Autoren und Büchern. Weniger als andere schätzt er T. E. Lawrence und sein weltberühmtes Erin­nerungs­buch Die sieben Säulen der Weisheit. Er schreibt: Jeder hat schon einmal davon gehört, doch aus meinem Bekanntenkreis haben nur zwei Menschen es gelesen, nicht weil es (wie Finne­gans Wake) so schwierig ist, sondern weil es so langweilig ist. Seiner ausge­walzten Metaphern, seiner eitlen Selbst­mytho­logi­sierung wegen. O ja, nur zu gern bin ich bereit, diesem Rick Gekonski zuzustimmen. Auch ich bin bei meinen wiederholten Versuchen, Die sieben Säulen der Weisheit zu lesen, über die ersten fünfzig Seiten nie hinaus­gekommen. Mit schlechtem Gewissen habe ich das Buch jedes Mal zurück­gestellt ins Fach, wo die anderen englischen Autoren, auch Autorinnen stehen, die ich tatsächlich von der ersten bis zur letzten Seite gelesen habe, die ich bewundere und liebe, so etwa Thomas Hardy, dessen Heimkehr ich dreimal gelesen habe. Sogar beim dritten Lesen nehme ich ihm das unwahr­schein­liche Würfelspiel im Licht der Glühwürmchen wieder ab.

...

Komm mal in mein Alter, mit 95 hat es sich erledigt mit dem Kraken. (Nachdenklich, unvermittelt sehr ernst:) Leo Tolstois Anna Karenina ist der schönste Roman, den ich gelesen habe. – – – Und mit Inger Christensen hab ich geplaudert, als sie vor vielen Jahren mit ihrem Übersetzer Hanns Grössel in Deutsch­land auf Lesereise war und auch in der Buch­handlung Bittner in Köln las. Bei dieser Gelegen­heit sagte sie mir, daß sie 1966 meine Kurz­geschichte Die Schlucht für ein Schulbuch ins Dänische übersetzt hat.

 

T. Breuer: Anna Karenina der schönste Roman: Das ist ein Wort. Und zwar von einem, der nicht nur die deutschsprachige, sondern die internationale Literatur, die amerikanische, englische, italienische, russische über Jahr­zehnte gelesen und dem Lesepublikum in Deutschland nahegebracht hat. Du hast ja längst nicht nur die Literaturzeitschrift Akzente ediert, sondern über Jahrzehnte eine Vielzahl von bis heute maßgeblichen Sammel­bänden heraus­gebracht, Lyrik­anthologien, inter­natio­nale Prosa-Antho­logien mit Erzäh­lungen, deren Autoren längst zu den besonders anerkannten in der Weltliteratur zählen.

 

H. Bender: Dazu fällt mir ein: Als ich meine Tätigkeit als Herausgeber und Redakteur begann, schrieb ich die ersten Briefe an ältere, berühmte Autoren, die ich um Manuskripte bat, nicht mit der Maschine, sondern mit der Hand. Ich wollte ihnen damit zugleich meine Verehrung bekunden. Im Zeitalter der Computer und Faxgeräte wird man mein Motiv eher belächeln als bewundern. Meine Handschrift heute? Ein Bekannter bedankt sich kürzlich in einem Brief so: Ihre Handschrift, die mich geheimnis­voll an Bildzeichen einer fernen Zeit erinnert.

...

T. Breuer: Dir, lieber Hans, gehört das letzte Wort. Ich bedanke mich für Tee, Kuchen, Ramazotti, sage nur noch: Ich freu mich schon aufs nächste Mal hier in der Tauben­gasse zu Köln: Wann treffen wir drei wieder zusamm'? Lesen (und schreiben) wir bis dahin doch einfach weiter, weiter, weiter, wie meint einst Baudelaire: Vous pouvez vivre trois jours sans pain; – sans poésie, jamais …

 

H. Bender: Ja, komm bald wieder, treuer Theo Breuer. (Lacht.) – Für heute ein letztes Wort? (Überlegt, lächelt, sieht aus dem Fenster in die Catalpa.) Bei Petrarca trafen Lesen und Sterben zusammen. Sein Haupt fiel auf die Buchseiten. Zu schön, sagen andere. Ich will die Szene so glauben, wie sie überliefert ist.
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poetenladen, Leipzig 2015
ca. 256 Seiten, 9.80 Euro

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