Erste Sätze Über den Daumen gepeilt, erscheinen im deutschen Sprachraum Jahr für Jahr in den zahlreichen Editionen und Verlagen (Kürschners Deutscher Literatur-Kalender 2008/2009 verzeichnet deren eintausendzweihundertneunundvierzig) – mindestens – sechstausend Romane. Ich mache es mir angesichts dieser enormen Zahl aus heuristischen Gründen an dieser Stelle leicht, indem ich (hoffentlich nicht ganz) blind behaupte, daß die Hälfte davon aus Qualitätsgründen mit nicht total schlechtem Gewissen vernachlässigt werden darf. Bleiben dreitausend (meine Rechnung bei den Gedichtbänden ist verblüffend ähnlich), von denen jeder einzelne es zunächst einmal verdient hat, wenigstens angelesen zu werden. Soweit dieser dilettantische Versuch einer Statistik zum Thema Romane im deutschen Sprachraum eines einzigen Jahrgangs. Als offen orientierter Leser blicke ich in alle möglichen Richtungen und lese, ohne einem Genre den Vorrang zu geben, Prosabücher (Aufzeichnung, (Auto-)Biographie, Briefe, Erinnerungen, Essay, Erzählung, Monographie, Novelle, Roman), Lyrikbände (Anthologie, Einzeltitel, Gesamtausgabe, Poetologisches, Zeitschrift) und, gelegentlich, Theaterstücke aus aller Frauen und Herren Länder (überwiegend des angloamerikanischen und deutschen Sprachraums), unabhängig von Jahr, Jahrzehnt oder Jahrhundert des Erscheinens, unabhängig von Autorennamen oder Verlagsgröße. Als einfachem Leser geht es mir beim Lesen in erster Linie um das Vollbad in der Wörtermenge des Buches, das ich in Händen halte. Ich will nicht analysieren, diagnostizieren, klassifizieren – nein, ich will lesen, das Knistern des Papiers beim Umblättern spüren, will in den Bann der Sprache gezogen und von komplexen Kontexten begeistert werden. Everything else falls into place, denn wenn die Sprache stimmt, ergibt sich der Rest der Geschichte von selbst, und ich kann frohen Herzens genießen. Daß die nach 2000 erschienenen Lyrikbücher innovativer, reizvoller, vielschichtiger sein sollen als die Romane und Erzählungen im 21. Jahrhundert, wie hier und dort vermeldet wird, kann ich nicht erkennen: Ich nehme die beiden literarischen Abteilungen in diesen Zeiten der kleinen Verschiebungen (Ernst Jandl) wahr als auf einem erhöhten Plateau gelegene weite Felder mit bemerkenswerter Bandbreite und dranghafter Dichte und sehr wenigen herausragenden Figuren bzw. Werken, wie es sie im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert in erstaunlicher Menge gab. 13.399 im Kürschner vermerkte Autorinnen und Autoren. Mich schwindelt. Ich schließe die Augen und mache mir – spontan, trotzig, alle diese vielen, phantasievollen, verschiedenartigsten Dickschädel, Oberhäupter, Querköpfe schnöde über einen Kamm scherend, die sich unmittelbar vors geistige Auge drängenden Exzentriker, Individualisten, Originale wie Kulissen beiseite schiebend – ein einfaches Bild:
Ein gigantischer, monströser, ungeheurer Bücherberg erscheint nach diesem Hirngespinst vor meinen strapazierten Augen. Da steh' ich nun, ich armer Tor. Ich kann es relativieren, drehen, wenden, wie ich will, muß jedoch knallhart eingestehen: Ich sehe, daß wir nichts wissen können. Und, ja: Das will mir schier das Herz verbrennen. Ich bin Sisyphos, der den Stein den Berg hinaufrollt – ein Leben lang, und danke Albert Camus für die positive Auslegung dieses Schicksals. Möchte ich mit jemandem die Lebensrolle tauschen? Nein. Ich bin ein Büchermensch (gleiches lese ich in Peter Salomons ironisch-salopp geschriebenen Prosaband Autobiographische Fußnoten, erschienen bei Isele in Eggingen am Bodensee) und mauere mich lebenslänglich und Tag für Tag in Bücherwänden ein. Ich will lesen. Immer. Am liebsten unaufhörlich – Hermann Hesses warnende Wörter in den Wind schlagend: Alle Bücher dieser Welt / bringen dir kein Glück, / Doch sie weisen dich geheim / In dich selbst zurück. Erste Sätze nehme ich mit besonderem Augenmerk wahr und lege die Hand aufs Herz: Solchen Romanen gelingt es auf Anhieb, mich vom ersten Satz weg zu – begeistern:The sun shone, having no alternative, on the nothing new. (Samuel Beckett Murphy) Romane von heute versuchen, beispielsweise, mich mit diesen ersten Wörtern in den Bann zu ziehen: Lange bin ich gar nicht gern in Supermärkte gegangen. (David Wagner Vier Äpfel) Eintritt frei Ich lebe, rund um die Uhr gleichsam, im zweiten Haus der Neustraße in Sistig im Nationalpark Eifel und sitze mit Vorliebe am Eßzimmerfenster, das mir den täglichen tariffreien taufrischen Blick in den Garten und den in die Ferne lockenden Wald gewährt – admission free and daily open to the public
I hear the spirits often in the garden der drollige distelfink pickt in der wiesenflockenblume / die wacholderdrossel fliegt in den tropfenden bergahorn [leer lädiert der trotzig leuchtende vogelbeerbaum] und das hausrotschwanzpärchen (von keckernder elster beäugelt) hüpft durchs famose gras schwänzelt augenblicklich im hexenglückspilzring hopst auf im nebel vom kaller wackerberg nach sistig geschleppte runderote riesenkiesel und die amsel hockt (wie jeden jeden jeden tag) auf der schwarzen leitung die unser haus mit dem unbesetzten [grau verschalten] nachbarhaus verkuppelt [no man is an island john donne] und singt und singt gegen die ein paar gärten weiter rurumorende motorsäge an von der die schaffige wühlmaus die (klitzefeingekrümelt) erdreich ans tageslicht befördert [und in wenigen tagen am blauen kampfgas eingehn wird] sich wenig bloß erschreckn läßt / ich seh den natterkopf aus dem pfennigkraut eine aster aus dem pfefferkorn ragen seh klatschmohn schon wieder ein blatt verliern / der blick baumelt am gilbweiderich schwingt rüber zu akelei • kamille • margerite • kuckuckslichtnelke • immortelle • schlangenknöterich • teufelskralle • rittersporn • eisen + fingerhut bleibt letztlich an den einst so weißen glockenblumen hängen – – – im zehnzwanzigdreißigminutentakt verbellen bellen bellen schmelzers verwegenewilde rüden die waldspaziergänger / la lirica está muerta lese ich in einem gedicht von ezequiel zaidenwerg baumlärm bei jutta dornheim und diane glancy vermerkt this world is at a loss and I am part of it migrating daily Ich lasse die Bücher nur ungern allein, gehe, naturgemäßnotgedrungen, immer mal wieder aus dem Haus, um durch die Natur zu flanieren oder mit meinem Spielpartner nach Steinfeld in die Sporthalle zu zuckeln, empfange gern Freunde und Bekannte (deren Besuche sich, der hinterländischen Wohnlage wegen, in Grenzen halten), begebe mich selbst allerdings ausnahmsweise bloß – wenige Male im Jahr – für ein paar Stunden weiter weg aus meinen vier Wänden. Von den notwendigen Schlafens- und Essenszeiten sowie der häuslichen Arbeit einschließlich des Schriftverkehrs mit Amt, Bank und Versicherung abgesehen, gibt es Leidenschaften und liebgewonnene Gewohnheiten, die Zeit in Anspruch nehmen, mich vom Griff zum Buch abhalten – in alphabetischer Reihenfolge: Familie, Film, Freunde, Fußballtennis, Gänge durch Dorf, Feld, Wald und Wiesen, Garten, Musik, Korrespondenz, Kunst, Schreiben. Klassische Musik und Literatur gehen gut zusammen, ich lese und schreibe kaum, ohne gleichzeitig Bach, Beethoven, Mahler, Mozart, Schumann und vor allem Schubert zu lauschen. Auch die Oper ist mir immer wieder mehr als gnädig gestimmt, verwöhnt sie mich doch, beispielsweise, in Salome, dessen Libretto von Oscar Wilde himself stammt, mit berauschenden Bildern wie eine kleine Prinzessin, deren Füße weiße Tauben sind. Auch die weiteren Gewohnheiten und Leidenschaften machen es mir zunächst einmal leicht: Beim Blick in den Garten, beim Gärtnern kann ich auf wunderbar natürliche Weise Gelesenes reflektieren, erst recht in Feld, Wald und Wiesen, gleiches gilt für den offenen Schlagabtausch beim Fußballtennis, der es mir durchaus ermöglicht, erschöpfend an den Knaben im Moor (Vor seinem Fuße brodelt es auf), Palmström (der bekanntlich zu jenen Käuzen gehört, die oft unvermittelt nackt Ehrfurcht vor dem Schönen packt) und den blechtrommelnden Oskar Matzerath zu denken – oder schon einmal zu formulieren, was ich später am Rechner abschließe.
Die Vorteile meiner Art, Literatur schreibend zu verarbeiten, muß ich nicht näher erläutern, da schlage ich mir als Leser immer wieder ein Schnippchen. Aber was heißt Schnippchen schlagen? Zerrissen sitze ich hier, kann nicht anders und sehne mich nach dem Buch, das ich gerade lese, und denke dabei schon an das nächste und übernächste. Wie heißt es so schrecklich bei Ernst Jandl: ogottogott. Trotzdem die beständig gefühlte fehlende Zeit für Bücher, die mir von der anderen Seite des Lebens Tag für Tag entrissen wird. Ich bestelle, bisweilen wie besessen, bei Amazon, Billigbuch, Booklooker, ZVAB, Zweitausendeins, lese, lese und lese und bin selten zufrieden mit der Menge des Gelesenen, gehe immer wieder hungrig ins Bett und freue mich beim Erwachen als erstes auf das Buch, das ich nach dem Frühstück (auf das ich aus Zeitgründen gern verzichte) in die Hand nehmen werde. Und herrlich, der Erwachende ist, noch im Bett liegend, bekanntlich ein dummer Optimist, stellt sich vor, was er an diesem Tag alles wird leisten können, ich sehe ganze Bibliotheken an meinen frohlockenden Leseraugen vorüberziehen, höre, wie Bücher wie Briketts durchs Kellerfenster geschaufelt werden, jetzt aber raus aus dem Bett – und schon geht es los mit dem Alltag: Hallo??? Das Telefon klingelt, Maximilian Zander, Lyriker aus Castrop-Rauxel ruft an, und wir sprechen, mindestens eine geschlagene Stunden lang, über Gedichte (Romane liest er nur ausnahmsweise), total intensiv, total interessant, total wichtig, klar, aber die Zeit ist weg, weg, weg, und das Buch vor mir auf dem Tisch blickt mich strafend an. Okay, okay, beschwichtige ich, nachdem ich den Hörer beiseite gelegt habe, das hängen wir in der Nacht dran, zum Glück gibt es ja die endlosen Stunden nach Mitternacht, die ich vorgestern mit Alfred Kubins phantastischem Roman Die andere Seite verbrachte, den Suhrkamp – 100 Jahre nach dem ersten Erscheinen – neu auflegt und mit dessen unheimlicher Lektüre ich eine Lücke schließe, die mir mein unnachgiebiger Freund Jürgen Krüger seit Jahr und Tag unter die Nase reibt. – Trotzdem. Ja, trotzdem. Poezia, wildes Tier Ausschließlich mit Blick auf Erfahrungen mit Lektüre von Lyrik im Jahre 2008 – allerdings unmittelbar übertragbar auf Prosa 2009 – habe ich am 23. Dezember 2008 unter der Überschrift Poezia, wildes Tier folgendes aufgeschrieben: Ich sitze im »Streetcar Named Desire« und gleitefliege zwischen den Gezeiten. Das wilde Tier, das ich mit der Niederschrift der 12 »Lyrikstationen 2008« (einzelne erschienen in früheren Fassungen in der Lyrikzeitung) besänftigen wollte, randaliert weiter. Allerdings ist es eine höchst anregende Konfusion, die es im Hause verbreitet, indem es hier eine Zeitschrift und dort ein Buch aus dem Regal zerrt, mir vor die Füße schleudert, den Weg versperrt und mich so auf tausendunddrei Lyriktitel des Jahres 2008 aufmerksam macht, die ich, bei aller Ausführlichkeit, schnöde überging oder herzlos vergaß. Das Tier abmurksen, killen? Aber nein, es tut all das ja bloß um des Reimes willen. »Mut zur Lücke«, halte ich dagegen, doch das tropfe Tier winkt ab, »das ist Tücke«, und ich lasse es, hilflos, gewähren. Der Blick schweift über die Grenzen, beispielsweise nach Rumänien. Was kenne ich von der zeitgenössischen rumänischen Lyrik? So gut wie nichts. Wehmütig blättere ich in aktuellen Ausgaben der drei rumänischen Literaturzeitschriften »Convorbiri Literare«, »Galateea« und »Poezia«, in denen ich einige meiner Gedichte sehe, die die seit 1980 im Rheinland lebende Francisca Ricinski (Autorin des im November 2008 erschienenen, zweisprachigen Buchs mit schöner lyrischer Prosa »Trenul fara roti / Zug ohne Räder«) in ihre Muttersprache übertragen hat. Wie gern läse ich die Verse der rumänischen Dichter, die vor meinen Augen flattern. Ich entdecke hier und dort ein Wort, das ich zu verstehen glaube, das war's: Endstation, immer wieder Endstation. Ich verzichte darauf (warum soll ich mich quälen?), die Namen der vielen, vielen, vielen Länder aufzuzählen, von deren Lyrik ich nichts, aber auch gar nichts weiß. Und – was ändert das? Wer weiß, vielleichtwahrscheinlich entstehen hier und dort, abseits vom Weltgetöse, schönere Gedichte, als ich – »Museum der modernen Poesie«, »Luftfracht« und »Atlas der modernen Poesie« hin, »Schönes Babylon« und »Warenmuster, blühend« her – je gelesen habe. Mit diesem wunderbar tröstlichen Gedanken kehre ich mal lieber ins Hinterland zurück, das mir das nächste Stichwort verschafft: Der im bayerischen Marklkofen lebende Peter Ettl veröffentlichte 2006 mit »Land schafft« ein Gedichtbuch, das ich eben, obwohl nicht 2008 und auch nicht in Berlin erschienen, zum zweitenmal mit großem Interesse und in einem guten Rutsch durchlas, nachdem ich es den Fängen des weiterhin tobenden Tiers entrissen hatte. Ich las und sah »haarrisse im himmel«, »schneetote katzen«, und die »wilden rosen am straßenrand / wachsen dem fernen wald zu«. Nun fällt mir »Der Große Conrady« auf die Füße, und ich lese zum wiederholten Mal Ettls Gedichte »Dachbodengeflüster« und »Chateau in der Champagne«: »hier schlugen granaten ein / rissen löcher in das gras / wo sich ein weiher vor dem schloss / im grübeln übt«. So gehen köstlicher Kampf und rasante Reise weiter und weiter, unendlich weit. Fürs Grübeln an Endstationen bleibt – – – keine Zeit. Bitte hier einsteigen und Hände weg von der Bordkante: Lyrikstationen. Lange Rede, kurzer Sinn Und jetzt auch noch das Gedöns um den deutschen Buchpreis. Ich habe bei Wikipedia die langen und kurzen Listen der letzten Jahre in Augenschein genommen und festgestellt, wie viele Autorennamen mir bislang wenig bis nichts sagen. Das ist nicht verwunderlich bei dem eben skizzierten Szenario des Daseins, in dem ich oft monatelang in ganz anderen literarischen Imperien herumstreife als im deutschen Sprachraum: Gibt mir der Literaturgott mehr als vierundzwanzig Stunden pro Tag? Unerbittliche Antwort: NEIN. (Zwischenfrage: Wie viele der zwanzig Bücher von der Longlist haben die darauf vertretenen Autoren gelesen?) In den ersten Jahren nehme ich gar nicht wahr, daß so etwas wie ein deutscher Buchpreis ins Leben gerufen wurde. In den letzten beiden Jahren lese ich Julia Francks Die Mittagsfrau, Kathrina Hackers Die Habenichtse, Thomas Hettches Woraus wir gemacht sind, Daniel Kehlmanns Die Vermessung der Welt, Friederike Mayröckers Und ich schüttelte einen Liebling, Martin Mosebachs Der Mond und das Mädchen, Thomas von Steinaeckers Wallner beginnt zu fliegen, (bis auf Die Mittagsfrau lauter Bücher, von denen mir bis heute nicht bewußt war, daß sie einmal auf einer Shortlist standen) sowie Uwe Tellkamps Der Turm, über den ich hier ein paar Worte verloren habe: Bücherherbst. Schreibt und spricht heute noch jemand über die Sieger der vergangenen Jahre? Jedenfalls treibt man – im Stundentakt gleichsam – eine Sau nach der anderen durchs literaturbetriebsame Dorf. Überm Rauschen
In diesem Jahr schlagen die Uhren ein wenig anders hier im Hinterland. Im Juni lese ich – noch völlig unbehelligt – Norbert Scheuers Roman Überm Rauschen. Ein düsteres, melancholisches, stilles Buch, das von zumeist traurigen, mitunter schwermütigen Menschen handelt, die beim Fischen in der glitschigen, glitzernden Wasserwelt zu verdrängen suchen, was die, die ihr Schäfchen im trockenen haben, Realität nennen. Wir sehen sie in einem bewußt an keiner Stelle namentlich benannten Ort leben bzw. dorthin zurückkehren, eine Ortschaft, die der Autor offenbar aus den vielen Dörfern und Städtchen im Eifelraum um Blankenheim, Gerolstein, Kall und Prüm montiert hat (ähnlich, wie einst Gottfried Keller Seldwyla erschuf) – ein Buch im lakonischen Scheuer-Sound – verhalten, reduziert, zurückgenommen, sprachlich das ausgereifteste, strukturell geschlossenste Prosabuch bislang (nebenbei: absolut fachkundig die minutiösen Beschreibungen der eleganten Duelle beim Flußfliegenfischen, von denen ich nicht genug kriegen kann und die sich, zum Glück und folgerichtig, bis zum Ende hinziehen), das bei aller Karg- und Verhaltenheit wieder und wieder Sprachstrudel evoziert, die mich tief hineinziehen in den Fluß der Geschichte von sogenannten Außenseitern, Illusionisten, Käuzen, Losern, Träumern und Versagern.
Mit Scheuers ersten Romanen Der Steinesammler und Flußabwärts konnte ich mich, für mich selber sehr überraschend, zunächst nicht anfreunden. Vielleicht lag das auch daran, daß ich den Erzählerfokus auf mehr oder weniger hinterweltlerisch bzw. hinterwäldlerisch, in einer wie die – sich in der Hocheifel bis in die 60er und frühen 70er hinziehenden – 1950er Jahre anmutenden Vergangenheit lebende Dorfbewohner als zu verzerrt empfand; hier wird ein Bild der Eifel entworfen, wie es nach 2000, seitdem die Welt ein für allemal ein Dorf geworden ist, nicht mehr ist. Nirgends taucht eine Familie auf, die aufgeschlossen zeitgenössisch wirkt, deren Haushalt mit Computer, Flachbildschirm, modernem Fernsehgerät und Espressomaschine ausgestattet ist. Im Gegenteil – Scheuer entführt mit seiner zumeist nüchtern protokollierenden Sprache, mit aneinandergereihten Sätzen, die viel weglassen, oft bloß andeuten, skizzenhaft bebildern, in eine Welt der Armut, der Rückständigkeit, des Zerfalls (in einem seiner Gedichte heißt es der Himmel über dem Dorf / ein großer rostiger Eimer). Ich brauchte wegen der unmittelbaren Nähe zu den in den Romanen direkt benannten Schauplätzen offenbar einigen Anlauf, um das mit der mir sonst selbstverständlichen Leserdistanz als natürlich vollkommen legitime literarische Vorgehensweise des Verzichts auf die dörfliche Totale, der betonten Ausblendung landläufiger Perspektive erkennen zu lernen: Hier wird in der Eifeler Vergangenheit des extrem harten 20. Jahrhunderts Erlebtes und aus der Vergangenheit Erinnertes in Detailaufnahmen ver-, um- und schließlich aufgearbeitet in eine/r Geschichte, die scheinbar bloß einen realistischen, sondern ganz stark sinnbildlichen Charakter hat. Mit Kall/Eifel, dem gleichsam in der Nachfolge von Sherwood Andersons Winesburg/Ohio verfaßten Roman hatte Scheuer mich endgültig wieder an der Angel, und beim Lesen von Überm Rauschen stellt sich ähnliche Begeisterung ein, wie ich sie beim Lesen der Gedichte von Ein Echo von allem empfand, in denen die Fische, springende Forellen im Fluß, und die, paradoxerweise, ausgerechnet im Fluß Halt und Befreiung suchenden, jede sogenannte Kleinigkeit des (Fluß-)Lebens registrierenden (und so hinsichtlich ihrer existentialistischen Gewichtigkeit aufwertenden) Figuren genauso leitmotivisch auftauchen wie durchweg in Überm Rauschen – kein Wunder: Vater wollte uns alles über das Fischen beibringen. Für ihn war Fischen das Leben, in dem er allerdings immer nur verlor. Fischen sei List, Geduld, geheimnisvolle Grausamkeit, Schönheit und Glück. Im August taucht der Name Norbert Scheuer in der Longlist und er einmal wieder zu einem Besuch in Sistig auf (in früheren Jahren, als ich noch regelmäßig nach Köln fuhr, begegneten wir einander zufällig immer wieder in der Eifelbahn), bei dem ich die Überzeugung äußere, er werde es in die Shortlist schaffen und sicherlich auch den Preis gewinnen. Dabei hatte ich nur dieses eine Buch gelesen: Sie sehen, wir sind bester Stimmung, lachen viel und sprechen weiter über die Lage der Literatur im deutschen Sprachraum und darüber hinaus. Norbert Scheuer ist ein Mensch mit klaren Auffassungen, was Literatur angeht, er ist ein literarischer Gesprächspartner, wie man ihn sich nur wünschen kann – geistreich, humorvoll, verbindlich. Es gibt Wörter, die machen mit mir, was sie wollen.
Wolf Haas • Der Brenner und der liebe Gott
Probleme der Preise sind nicht neu. Ich bin nie ein Freund von Preisen gewesen (so wenige erhalten so viele, so viele, viele, viele gehen unverdient leer aus, immer wieder zieht der erste Preis viele weitere Preise nach sich, und ich vermute hinter mancher Entscheidung außerliterarische Motive), habe folgerichtig auch noch keinen erhalten, würde den einen oder anderen naturgemäß nicht ablehnen. (Was die Menschen mehrheitlich für zwiespältig organisierte Lebewesen sind, dokumentiert Thomas Bernhard im postum 2008 erschienenen Buch Meine Preise, in dem er jeden einzelnen der erhaltenen Preise und jede damit verbundene Jury verteufelt und lächerlich macht. Auch der römische Kaiser Vespasian, Erfinder des öffentlichen Urinals, war nicht kleinlich, wenn es um den schnöden Mammon ging: Pecunia non olet. Da schließe ich mich beiden uneingeschränkt an.) Probleme des Feuilletons sind unmittelbar verzahnt mit denen der Preise, wie Hans Magnus Enzensberger in dem in Scharmützel und Scholien. Über Literatur abgedruckten, 1999 verfaßten Aufsatz Eine unverbindliche Preisempfehlung nachweist (ebenso wie Probleme der schieren Menge der jährlichen Preise und Publikationen): Für irgendwelche Bücher müssen sich die Redakteure der Zeitungen und Magazine schließlich entscheiden, und wie um Gottes willen sollen sie aus dem gewaltigen Bücherberg ausgerechnet die gelungensten und originellsten herausfischen – zumal die Ansichten, über das, was gute Literatur sei, immer schon heftig auseinandergegangen sind. Daß dabei grundsätzlich Bücher aus großen bzw. im gesamten deutschen Sprachraum bekannten Verlagen bevorzugt werden, ist aus Sicht der Redakteure und Kritiker nachvollziehbar, verzerrt andererseits den Blick auf den LiteratUrwald, in dem so viele und so verschiedenartig gefiederte große, kleine und winzige Verlagsparadiesvögel nisten. Ich flaniere gern durch diese verzweigte Welt. Wie sonst als aus Jutta Dornheims Buch Steine können rückwärts fliegen (veröffentlicht im norddeutschen Geest-Verlag), in dem die am Telefon so gutbürgerlich wirkende Bremer Autorin Jutta Dornheim plötzlich mörderische Phantasien entfaltet, hätte ich erfahren, daß Naturgesetze derart außer Kraft gesetzt werden können? Wie sonst wäre ich auf die herrliche (sich sogar reimende) Formulierung Viel zu feucht, der Nagelfluhbrocken, um noch länger auf ihm so passiv drauf zu hocken gestoßen, hätte ich nicht Werner Buchers Erzählband Fladehus, Robert Walser, Seelig & Co. gelesen, der heuer im Züricher Littera Autoren Verlag erschien? Das Wort Nagelfluhbrocken lasse ich mehrfach auf der Zunge zergehen. Genauso gern weise ich in diesem Zusammenhang auf den eindringlichen Debütroman Es ist nichts geschehen der jungen Selma Mahlknecht hin, der in der Edition Raetia in Bozen erschien und mit dem ich weiteres Hinterneuland entdecke: Selma Mahlknecht. Ich erlaube mir also (bin ein Narr auf eigne Hand), der Debatte um Sinn und Unsinn des Preises fernzubleiben und mich einfach mit den Siegern zu freuen, denn jeder der fünf Verlierer der Shortlist erhält immerhin 2.500 € und wird bereits vor der Preisverleihung erfreut feststellen, daß das Buch bereits in der zweiten oder dritten Auflage ist, was ohne die Nominierung bei der Mehrzahl der Bücher kaum der Fall gewesen wäre. Am meisten freue ich mich natürlich mit dem Gewinner der 25.000 €, der im Anschluß an die Auszeichnung mit einer nicht unerheblichen Auflagensteigerung rechnen darf – von Herta Müller einmal abgesehen, deren Auflagen in den Tagen nach der wundersamen Verleihung des Literatur-Nobelpreises 2009 nicht nur in den Himmel über Berlin katapultiert wurden. Das läßt sogar bei den blassen Herren mit den Mokkatassen die Hängebäckchen glühen. Ich denke, nachdem mir zunächst vollständig die Wörter fehlten, als Axel Kutsch mich am Nachmittag des 8. Oktober 2009 über die Entscheidung informierte (immerhin hatte ich bei einem Londoner Buchmacher einige Pfund auf Ian McEwan, Les Murray und Philip Roth gesetzt), daß dies eine herrliche, fabelhafte, wunderbare Auszeichnung ist für Herta Müller, für ihr Werk, für die rumänendeutsche Literatur im Banat und nicht zuletzt für die Literatur im ganzen deutschen Sprachraum. Von Tag zu Tag freue ich mich mehr. Einer von vielen oder Hecht im Karpfenteich
Arrogant, lächerlich und wichtigtuerisch, diesen energiegeladenen, vortrefflichen, in jahrelanger harter Schreibarbeit entstandenen Werken mit ein paar Worten auf Augenhöhe begegnen zu wollen. In Hans Benders Einer von ihnen. Aufzeichnungen einiger Tage (Hanser: München 1979) lese ich: Habe ich die Bemerkung von Günter Graß richtig behalten? Als er die Blechtrommel nach mehreren Überarbeitungen abgeschlossen hatte, sagte er bei einem Besuch in der Frankfurter Akzente-Redaktion: „Nun weiß ich, was es heißt, einen Roman zu schreiben. Ich werde vor anderen Romanen und ihren Autoren von jetzt an mehr Respekt haben.“ – Ich denke oft an diese Bemerkung, wenn ich Kritiken lese, die allzu eilfertig verfaßt, allzu böse und einfach zu dumm sind. Sie stammen von Leuten, die vom Handwerk des Schreibens keine Ahnung haben. Die Anfänger der Kritik, die Germanistikstudenten nach dem ersten Semester, die gelegentlichen Mitarbeiter der Literaturseiten, urteilen am unverfrorensten. Verehrte Leserin, verehrter Leser, Sie sind also gefragt: Lassen Sie sich nicht blöde blenden von beifälligen Besprechungen, tönenden Bestenlisten, aufmerksamkeitsheischenden Buchpreisen – und schon mal gar nicht von fiesen Verrissen: Das beurteilte Buch kann in Ihren Augen vollkommen anders geartet sein. Sie haben die Wahl – unter dreitausend neuen Romanen im Jahr (und mehr). Schöne Literatur Mehr als vierhundert Editionen, Handpressen, kleine und große Verlage aus dem deutschen Sprachraum verbergen sich hinter den Büchern, die ich seit vielen Jahren in Regalen und Schränken versammle – beispielsweise: Ammann, edition bauwagen, Corvinus Presse, Axel Dielmann, Eremiten-Presse, S. Fischer, Gollenstein, Carl Hanser, Edition Isele, Jung und Jung, Kleinheinrich, Luchterhand Literaturverlag, Maro, Nagel & Kimche, orte-Verlag, Pendragon, Querido, Residenz, Steidl, Tisch 7, uräus-Handpresse, Vapet, Verlag im Waldgut, Edition Xylos, Edition YE, Zsolnay. Zu meinen Favoriten zähle ich den Tübinger Verlag Klöpfer & Meyer, dem es immer wieder gelingt, besonders gelungene Lyrik und Prosa origineller Autoren zu publizieren. Kürzlich lese ich die gleichsam elektrisch aufgeladene Geschichte Die Hitze ließ nur die Dinge von Susanne Fritz, die mich Reiseunlustigen auf energische Art nach Mexiko entführt, sowie Martin von Arndts zweiten, erneut filigran, ideenreich, humor- und schwungvoll verfaßten Roman Der Tod ist ein Postmann mit Hut, beide 2009 erschienen, beide ohne weiteres den Büchern beizugesellen, denen den Sprung auf Long- bzw. Shortlist gelang, frage nach, ob man sich mit diesen originellen Romanen um den Buchpreis beworben habe (154 Einsendungen gab es 2009) und erhalte von Hubert Klöpfer folgende Antwort: Wir haben in diesem Jahr keinen Titel eingereicht – einfach aus lauter Vergeblichkeit. Denn ganz offenbar geht es beim deutschen Buchpreis nur um die großen Verlagskonzerne, um Kapital-, Vertriebs- und Palettenmacht, bei der wir als kleinerer, unabhängiger Verlag auch im Jahre unserer Volljährigkeit – Klöpfer & Meyer besteht im Dezember seit 18 Jahren bzw. bemüht sich seit nunmehr 18 Jahren redlich um Schöne Literatur) einfach keine realistische Chance haben. Denn eher als ein Verlag unserer Größenordnung für den Buchpreis berücksichtigt wird, kommt ein Kamel durchs biblische Nadelöhr. Ob dem so ist? Bei C.H. Beck, S. Fischer, Hanser, Kiepenheuer & Witsch, Residenz, Suhrkamp (Buchpreis Kathrin Schmidt • Du stirbst nicht • Kiepenheuer & Witsch) sind 2009 die von Richard Kämmerlings, Michael Lemling, Martin Lüdke, Lothar Müller, Hubert Winkels, Iris Radisch und Daniela Strigl für die Endauswahl nominierten Romane erschienen, 2008 bei Berlin, Droschl, Jung und Jung, Hanser, zweimal Suhrkamp (Buchpreis Uwe Tellkamp • Der Turm • Suhrkamp), 2007 bei S. Fischer, Frankfurter Verlagsanstalt, dreimal Hanser, Kiepenheuer & Witsch. (Buchpreis Julia Franck • Die Mittagsfrau • S. Fischer), 2006 bei Berlin, Hanser, Luchterhand, Kiepenheuer & Witsch, Rowohlt, Suhrkamp (Buchpreis Katharina Hacker • Die Habenichtse • Suhrkamp), 2005 bei Aufbau-Verlag, Berlin, Frankfurter Verlagsanstalt, Hanser, Rowohlt, Suhrkamp (Buchpreis Arno Geiger • Es geht uns gut • Hanser). Erst 2010 also hat die nächste siebenköpfige Jury des Buchpreises die Gelegenheit, Verleger Hubert Klöpfer eines Besseren belehren, denn bislang waren die Gewinner tatsächlich stets Bücher aus Verlagen, die zu den überregional bekannten, sogenannten großen Verlagen zu zählen sind. Erscheinen in den großen Verlagen die besseren Bücher? Ich habe das immer bezweifelt, achte nicht darauf, bei welchem Verlag ein Buch erscheint und schreibe in – zum erlesenen Verlagsprogramm von Klöpfer & Meyer: Vor gar nichts zu warnen gibt es bei dem in Baden-Württemberg – in Tübingen – angesiedelten Verlag Klöpfer & Meyer, der mir seit einigen Jahren mit jedem Buch mehr ans Herz wächst – wobei nicht jeder einzelne Titel meinen unbedingten Gefallen finden muß. Hubert Klöpfer ist ein souveräner Verleger mit Feeling für gut erzählte Geschichten. War es zunächst die Lyrik, die mich zu Klöpfer & Meyer hinzog (ganz besonders Walle Sayer, von dem es aber auch den feinen Kurzprosaband Kohlrabenweißes gibt), ist es nun vermehrt die Prosa, der ich viele schöne Stunden spannender Lektüre verdanke. Neben mir liegt ein Stapel mit Büchern von Klöpfer & Meyer, und ich lasse Erinnerungen genußvoll Revue passieren. Gleichzeitig genieße ich die Buchgestaltung. Wie Arno Schmidt entferne ich die Schutzumschläge, die ich – von Ausnahmen abgesehen – beim Lesen als störend empfinde (und verwahre sie in Schuhkartons). Exquisit wirken diese schönen Bücher mit den fein geriffelten, blauen, roten und grünen Buchdeckeln. Ich greife die besten aus den mir vorliegenden gut zwanzig Büchern heraus (die Bandbreite der Texte umfaßt Roman, Essay, Erzählung, Miniaturprosa und Aufzeichnung), unter denen ich nicht einen Flop entdeckt habe, wobei ich Kurt Oesterles Der Fernsehgast oder Joachim Zelters Das Gesicht bei weitem nicht so hoch einschätze wie mancher auf dem Umschlag zitierte Kritiker und Manfred Zach die Intensität seines mitreißenden Politromans Monrepos oder Die Kälte der Macht in Die Bewerbung und Bolero nicht wiederholen kann. Draginja Dorpats Und zu Küssen kam es kaum ist eine leidenschaftliche trizonesische Kindheitsgeschichte nach 1945, Wolfgang Duffner und Heiner Feldhoff präsentieren in ihren Sammlungen von Kurzprosa Der Gesang der Hähne bzw. Kafkas Hund eine Palette geistiger Blitze, die auch den Leser ansprechen und begeistern dürfte, der eigentlich schon beschlossen hat, künftig keine langwierige Prosa mehr zu lesen, sondern nur noch Lyrik. Furios und fanatisch: Martin von Arndts ego shooter. Während Hans Peter Hoffmann in Der Nichtstuer starke Reminiszenzen an einen meiner liebsten Autoren – Thomas Bernhard – hervorruft (was mich fesselt und befremdet zugleich), hat er mit Langsame Zeit ein so phantastisches Buch geschrieben, daß ich uneingeschränkt und fortwährend nicke und das Buch nicht aus der Hand legen kann, bis es – weit nach Mitternacht – zu Ende gelesen ist. Langsame Zeit sind romanhafte Reflexionen, gesammelt auf einer Reise durch das Elsaß, zusammengehalten durch eine Sprache, deren Genauigkeit und Ruhe eindrucksvoll und wohltuend ist. Langsame Zeit ist ein fabelhaftes Buch, in dem Hans Peter Hoffmann endgültig zu seinem Stil gefunden hat. Gerhard Köpf, dem Autor des Essaybandes Die Vorzüge der Windhunde, bin ich zu großem Dank verpflichtet: In zwei Aufsätzen macht er mich auf die Romane von Gregor von Rezzori und die Gedichte von Ilse Schneider-Lengyel aufmerksam. Beiden Namen bin ich auf meinen literarischen Reisen durch die Welten der Prosa und Lyrik bislang nicht begegnet. Köpfs suggestiver Art kann ich mich nicht entziehen: Gleich nach der Lektüre habe ich – bei ebay und eurobuch.com – auf vergriffene Bücher geboten bzw. diese bestellt. Mit Tina Stroheker begebe ich mich auf eine Reise nach Polen: Pommes Frites in Gleiwitz ist ein besinnliches und vergnügliches Buch mit Aufzeichnungen einer Schriftstellerin auf ihren Expeditionen. Gleichauf mit Hans Peter Hoffmann sehe ich den letzten Autor in diesem kleinen Klöpfer-Alphabet: Werner Zillig hat mit Die Festschrift eine feine Satire über die universitären und liebevollen Verbindungen eines ganz bestimmten Menschenschlags geschrieben, der Bücher liest, wie ich sie auch gern lese, und sich mit ähnlichen Problemen herumzuschlagen hat. Das ist flott und schnittig geschrieben, und die Geschichte endet mit einer wahrhaftig zu Herzen gehenden Überraschung, daß ich ausrufen möchte: Mein Gott, Herr Pfarrer und Touché, Herr Zillig. Aussicht • Gelegenheit • Möglichkeit • Wahrscheinlichkeit • Zufall Ich lasse mich in allen Bereichen des Lebens stets gern von dem aufhalten, was mir in die Augen, vor die Füße, in die Hände fällt. So will ich es weiter halten und dort zugegen sein, wo ich anscheinend sein soll. Der tiefere Sinn stellt sich immer wieder, gleichsam wie von selbst, ein. Das englische Nomen chance hat eine Reihe von Bedeutungen an der Angel, die mir in die Karten spielen: Aussicht, Gelegenheit, Möglichkeit, Wahrscheinlichkeit, Zufall, hinzu kommt das Verb to chance sth. mit riskieren und wagen. Das paßt. Ich bestelle gerne Bücher on the off chance – auf gut Glück also. Ich komme der Literatur nicht bei, indem ich versuche, sie systematisch einzukreisen: Sie ist viel zu sehr verbreitet und verzweigt, sucht sich den nächsten Ausweg, wenn ich sie zu kanalisieren versuche. Wohin auch? Ich sehe Freund Zufall als kreative, das Leben lenkende Kraft, die sich ihre eigenen Wege durch die Unwegsamkeiten bahnt. Ich bin gespannt, was mich an der nächsten lyrischprosaischen Haltestelle erwartet. Prosa 2009 • My long or short list – whatever Aus meiner heutigen Sicht hätte dieser Roman gar nicht veröffentlicht werden müssen. Ich finde, dass er klappert und dass er schwach ist. Ich stehe trotzdem dazu, weil ich mich an ihm aus dem Sumpf der Sprachlosigkeit gezogen habe. Ich war zu diesem Zeitpunkt aber noch sehr zerrissen und unentschieden über meinen Schreibstil. Deswegen ist es auch so ein komisches Konglomerat. Kathrin Schmidt im Gespräch über Martin von Arndt • Der Tod ist ein Postmann mit Hut • Roman • 206 Seiten • Hardcover mit Schutzumschlag • Klöpfer & Meyer • Tübingen 2009. Thomas Bernhard • Meine Preise • Reden • 141 Seiten • Hardcover mit Schutzumschlag • Suhrkamp • Frankfurt am Main 2009. Werner Biermann • Sommer 39 • historische Reportage mit zahlreichen Photos • 286 Seiten • Hardcover mit Schutzumschlag • Lesebändchen • Rowohlt • Berlin Verlag • Berlin 2009. Werner Bucher • Fladehus Robert Walser Seelig & Co. oder: Die Frau die alle Probleme löst • Erzählungen • 198 Seiten • Klappbroschur • Littera Autoren Verlag • Zürich 2009. Jutta Dornheim • Steine können rückwärts fliegen. Geschichten um Verhältnisse und Verhängnisse • 170 Seiten • Hardcover • Geest-Verlag • Vechta-Langförden 2009. Hans Magnus Enzensberger • Scharmützel und Scholien. – Herausgegeben von Rainer Barbey • 924 Seiten • Broschur • Suhrkamp • Frankfurt am Main 2009. Susanne Fritz • Die Hitze ließ nur die Dinge • Roman • 196 Seiten • Hardcover mit Schutzumschlag • Klöpfer & Meyer • Tübingen 2009. Wolf Haas • Der Brenner und der liebe Gott • Roman • 224 Seiten • Hardcover mit Schutzumschlag • Hoffmann und Campe • Hamburg 2009. Anna Katharina Hahn • Kürzere Tage • Roman • 223 Seiten • Hardcover mit Schutzumschlag • Suhrkamp • Frankfurt am Main 2009. Alfred Kubin • Die andere Seite • Ein phantastischer Roman • 309 Seiten • Hardcover mit Schutzumschlag • Lesebändchen • Suhrkamp • Frankfurt am Main 2009. Brigitte Kronauer • Zwei schwarze Jäger • Roman • 286 Seiten • Hardcover mit Schutzumschlag • Klett-Cotta • Stuttgart 2009. Selma Mahlknecht • Es ist nichts geschehen • Roman • 195 Seiten • Hardcover mit Schutzumschlag • Edition Raetia • Bozen 2009. Rainer Merkel • Lichtjahre entfernt • Roman • 203 Seiten • Hardcover mit Schutzumschlag • Lesebändchen • S. Fischer • Frankfurt am Main 2009. Terézia Mora • Der einzige Mann auf dem Kontinent • Roman • 379 Seiten • Hardcover mit Schutzumschlag • Luchterhand Literaturverlag • München 2009. Angelika Overath • Flughafenfische • Roman • 173 Seiten • Hardcover mit Schutzumschlag • Luchterhand Literaturverlag • München 2009. Peter Salomon • Autobiographische Fußnoten • 164 Seiten • Broschur • Edition Isele • Eggingen 2009. Norbert Scheuer • Überm Rauschen • Roman • 167 Seiten • Hardcover mit Schutzumschlag • C.H.Beck München 2009. Kathrin Schmidt • Du stirbst nicht • Roman • 348 Seiten • Hardcover mit Schutzumschlag • Kiepenheuer & Witsch Köln 2009. Clemens J. Setz • Die Frequenzen • Roman • 714 Seiten • Hardcover mit Schutzumschlag • Lesebändchen • Residenz • St. Pölten • Salzburg 2009. Joerg Sommermeyer • Anton Unbekannt. Pat[(h) o/a] physischer Antiroman. Tragigroteskenfragment • 256 Seiten • Broschur • Verlag Orlando Syrg • Berlin 2009. Peter Stamm • Sieben Jahre • Roman • 298 Seiten • Hardcover mit Schutzumschlag • Lesebändchen • S. Fischer • Frankfurt am Main 2009. Stephan Thome • Grenzgang • Roman • 454 Seiten • Hardcover mit Schutzumschlag • Suhrkamp • Frankfurt am Main 2009. David Wagner • Vier Äpfel • Roman • 159 Seiten • Hardcover mit Schutzumschlag • Lesebändchen • Rowohlt • Reinbek bei Hamburg 2009. Norbert Zähringer • Einer von vielen • Roman • 493 Seiten • Hardcover mit Schutzumschlag • Lesebändchen • Rowohlt • Reinbek beim Hamburg 2009. Sistig/Eifel · 12. September bis 12. Oktober 2009
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Theo Breuer
Lyrik
Porträt
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