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Theo Breuer

Im Jahr des Buches 2010
kribbelt und wibbelt es weiter

Prosa- und Lyrikstationen 2010
 

Der lesende Mensch ist wie der fleisch­fressende auf die wider­wär­tigste Weise ge­fräßig und verdirbt sich wie der fleisch­fressende den Magen und die gesamte Gesund­heit, den Kopf und die ganze geis­tige Existenz.

Thomas Bernhard




Carl Spitzweg · Der Bücherwurm

Vorwort –
Von Hartung zu Heilmond

Während des mittäglichen Abwaschs am 13. Januar 2010 erkläre ich, Büchermensch seit rund fünfzig Jahren, deutlich vernehmbar für Mrs Columbo, die mich kurz und schweigend, jedoch nicht unfreundlich anblickt, das Jahr 2010 zum Jahr des Buches. (2007, beispielsweise, ist das Jahr des Gartens.) Nach reiflichen, seit den Tagen zwischen den Jahren andauernden Überlegungen, komme ich zu dem Entschluß, 2010 wenig zu schreiben, tatsächlich dann bloß, wenn ich es nicht werde verhindern können (Ich glaube, daß man sich als Schriftsteller nicht aussucht, was man schreibt, sondern daß der Stoff auf einen wartet. Ich würde ja überhaupt nichts schreiben, wenn ich nicht müßte, lese ich bei Peter Kurzeck), wenig zu publizieren, noch weniger als bereits in den vergangenen Jahren in der Öffentlichkeit in Erscheinung zu treten und die in üppiger Fülle vorhandenen Pflanzen des Gartens wachsen und den lieben Gott, lesend, lesend, lesend, einen guten Mann sein zu lassen.

Es ist so eine Sache mit den Absichtserklärungen, zumal zu Beginn eines Jahres, an dem ich sie für ganz und gar unsäglich halte, und ich bin der letzte Mensch, der sie ohne Not äußert, denn im Grunde lasse ich dem Leben gern den Vortritt, lasse es laufen, wie Matthias Hagedorn festhält. Schaun wir also mal, wie es kommen wird. In diesen Tagen und Wochen jedenfalls empfinde ich die soeben notierten Gedanken als Befreiung und ahne naturgemäß nichts davon, was ich am 4. November in Paul Austers Sunset Park lesen und wie viele Gedanken ich diesen Wörtern widmen werde:

If he has accomplished anything in the seven and a half years since he quit college and struck out on his own, it is this ability to live in the present, to confine himself to the here and now, and although it might not be the most laudable accomplishment one can think of, he has required considerable discipline and self-control for him to achieve it. To have no plans, which is to say, to have no longings or hopes, to be satisfied with your lot, to accept what the world doles out to you from one sunrise to the next – in order to live like that you must want very little, as little as humanly possible. […] the only luxury he allows himself is buying books, mostly novels, American novels, British novels, foreign novels in translation, but in the end books are not luxuries so much as necessities, and reading is an addiction he has no wish to be cured of.


Da ich das Reisen 2003 auf unbestimmte Zeit eingestellt habe, seit 2007 nicht mehr zwischen Sistig und Köln pendle und die Einkäufe seit Jahren von Mrs Columbo erledigt werden, bin ich, wie man hinterlandläufig sagt, weitestgehend eigener Herr, was die Einteilung der hellen und dunklen vierundzwanzig Stunden des Tages angeht. Das von mir geführte Leben findet in erster Linie, ja, beinahe ausschließlich, im Haus Nummer Zwei der in der Wolfskaul gelegenen Neustraße in Sistig/Eifel statt. Und so scheint es durchaus möglich zu sein, mehr Stunden denn je mit den Büchern zu verbringen.

literatur I

in meim bäichäschrank
vädroong sersi
dou schdäihd aa bouch
schäi broov neberm andern
bladz gnouch hamms ja
obbä in meim kubf
dou gehms ka rouh

Fitzgerald Kusz


Also: mich endlich einmal nach Lust und Laune total sattlesen. Und dazu mit Bach, Brahms, Mendelssohn, Schubert, Schumann & Co. in den Tag hinein träumen. Eine Schätzung vor einigen Tagen hat ergeben, daß ich 2010, dem 55. Lebensjahr, das zehntausendste Buch lesen werde, und ist das nicht Anlaß genug, den Wunsch zu hegen, mich Tag für Tag derart mit Wörtern vollaufen zu lassen, daß ich vielleicht einmal das gute Gefühl erlebe, im besten Sinne genug zu haben von den Büchern, um anschließend locker und einfach weiterzulesen, immer weiter? Ich meine: wenigstens das Gefühl. Sieben Leben hat die Woche, frohlockt Mario Wirz im gleichnamigen Gedichtbuch: sieben Leben – sieben Bücher?

I can't go on, I'll go on.
Samuel Beckett


Dreimal in den vergangenen Jahren nach 2000 durchlebte ich Phasen, in denen ich, offenbar total ermüdet, nicht bzw. kaum mehr lesen konnte. Notgedrungen (tatsächlich jedoch zu meinem Besten) verlagerte ich mehrere Monate der Jahre 2007 und 2008 in den seit Kindertagen geliebten Garten, ich lernte den Regen nicht nur aus der Betrach­tung heraus lieben, sondern indem ich ihn, oft tagelang am Stück, unmittelbar erlebte, wie er durch Kleidung und Haut naturgemäß in die Seele eindrang. Der Dreck unter den Nägeln war monatelang nicht wegzukriegen.
  Während jener Zeit hatte ich jedoch nie das Gefühl, genug von den Büchern zu haben, mich etwa überfressen zu haben (oder was weiß ich), was wohlmeinende Bekannte suggerieren wollten. Nein, eine tiefsitzende Sehnsucht nach den geschrie­benen Wörtern war während der Monate des Grabens und Pflan­zens allezeit in mir, die mich, trotz der mich so lebendig umgebenden Farben und Formen, sehr traurig sein ließ. Ich vermißte Erzählung, Essay, Gedicht, Kurz­geschichte, Roman und Theater­stück, jeden Tag und jede Nacht, in jeder Sekunde. An manchen Abenden gelang es mir, die eine oder andere Seite zu lesen, aber ohne Schwung, ohne Anteil­nahme, es hatte wenig mit dem für alle Zeiten und Rich­tungen offenen, gleichsam chronischen Lesen zu tun, wie ich es seit der frühen Kindheit kennen und lieben gelernt habe.

Hello, this is Paul Chowder, and I'm going to try to tell you everything I know. Well, not everything I know, because a lot of what I know, you know. But everything I know about poetry. All my tips and tricks and woes and worries are going to come tumbling out before you. I'm going to divulge them. What a juicy word that is, "divulge". Truth opening its petals. Truth smells like Chinese food and sweat.

Nicholson Baker · The Anthologist


Wenig schreiben heißt zum Glück nicht, gar nicht schreiben, und so beschließe ich an jenem 13. Januar ebenfalls, neben dem einen oder anderen Gelegen­heits­gedicht, das mir hoffentlich / vielleicht zufallen wird, diesen Essay zu verfassen, der, die eine oder andere aktuelle Leser­fahrung beschreibend, mich über das Jahr begleiten soll, auf diese Weise die Lesereise im Jahr des Buches 2010, exemplarisch wenigstens, festhaltend, vermittelnd, so in der Art, wie es Paul Chowder zum Auftakt seiner Geschichte beschreibt.


Während ich 2008 mit Lyrikstationen 2008 und Bücherherbst 2008 sowie 2009 mit Lyrikstationen 2009 und Bücher, Menschen und Fiktionen jeweils getrennte Artikel zur Lyrik und Prosa schrieb, die sich in erster Linie mit den in jenen Jahren erschienenen Büchern befassen, erfülle ich mir mit der Niederschrift von Im Jahre des Buches 2010 · kribbelt und wibbelt es weiter den Wunsch, exemplarisch über alle Autoren und deren Lyrik- und Prosabücher zu schreiben, die ich in diesem Jahr lese – einerlei, welches Veröffentlichungsjahr sich im Impressum befindet.
  [Mit Marginalie zum Gedicht in drei Schritten. Lyrik im deutschen Sprachraum 2010 verfasse ich im Herbst einen eigenständigen Essay zur Lyrik 2010, dessen Planung und Nieder­schrift mir zu diesem Zeitpunkt am Anfang des Jahres unvorstellbar ist.]

So nehme ich, beispielsweise, Thomas Bernhards und Siegfried Unselds im Dezember 2009 erschienenes Buch Der Briefwechsel zum Anlaß, im März einige Gedanken zum Verhältnis als Leser zu Thomas Bernhard und seinen Büchern festzuhalten, ganz so, wie ich das im vergangenen Jahr schon gern im Zusammen­hang mit Marlene Streeruwitz gemacht hätte, deren außer­gewöhn­liche, mich mit dieser eigenwilligen Sprache und Syntax extrem stark in den Bann ziehende Romane ich 2009 für mich entdeckt habe: Entfernung. 321 Abschnitte benenne ich stellvertretend für etliche Stücke sehr starker Literatur. Und was kann John Bergers Roman Corker's Freedom dafür, daß er 1964 erschien? Einer der großen Romane vergangener Jahre, die ich in diesem Jahr lese. Aus einer Büchersendung (von Peter Ettl) fällt Peter Handkes Mein Jahr in der Niemands­bucht (die Erst­ausgabe dieses Märchens aus den neuen Zeiten erschien 1994) – so viele Handke-Bücher habe ich mit großem Gewinn gelesen, dieses, von dem ich nicht nur Ettl als „Meisterwerk“ sprechen höre, nie – höchste Zeit also, das zu ändern; aus einer anderen Verpackung befreie ich Hans Benders 1959 erschie­nenen Roman Wunschkost, nach Jahrzehnten aussortiert und mir vom befreun­deten Biblio­thekar und Autor Gerd Sonntag zugesandt. Ich nutze den guten Zufall als eine der wohl letzten Gelegenheiten, diesen in russischer Gefangen­schaft spielenden, in lakonischer Sprache verfaßten Roman, in dem ich immer wieder einmal blättere und die eine oder andere Passage lese, interessierten Lesern ans Herz zu legen.

Es spricht, denke ich in diesem Augenblick, alles dafür, ein ganzes Jahr, beispielsweise, ausschließlich Bücher von Thomas Bernhard zu lesen oder erneut zu lesen: die Gedichte, die Aufsätze, die Erzählungen, die Theaterstücke, die Romane. Bernhard gehört zu den wesentlichsten literarischen Stimmen, die es im deutschen Sprachraum jemals gegeben hat, und ich hätte nichts dagegen, wenn ihm postum der Literaturnobelpreis verliehen würde, an dem ich, seit ihn Herta Müller (Wenn wir schweigen, werden wir unangenehm, sagte Edgar, wenn wir reden, werden wir lächerlich) und Doris Lessing kürzlich kriegten, Gefallen gefunden habe.

Die angesprochenen Bücher der verschiedenen Jahrgänge (überwiegend nach 2000, die meisten von 2010, da das Verlangen nach dem Neuen im Verlauf des Jahres mit jedem Tag, gleichsam dramatisch, zunimmt) werden am Ende der jeweiligen Kapitel bibliographiert – die Liste im Anschluß an die 12 Kapitel verzeichnet ausschließlich die von mir von Hartung bis Julmond aus dem deutschsprachigen Riesenteich mit seinen beinahe unendlich vielen Arten und Weisen gefischten Exemplare des Jahrgangs 2010 (deren Mehrzahl ich sehr gern wenigstens marginal vorgestellt hätte), die – als kleiner Querschnitt – die enorme Bandbreite, Menge und Vielfalt literarischen Schaffens im deutschen Sprachraum (und gelegentlich darüber hinaus) erahnen lassen.

* * *

  • Paul Auster, Sunset Park, Roman, 309 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Faber and Faber, London 2010.
  • Nicholson Baker, The Anthologist, Roman, 245 Seiten, Broschur, Pocket Books, Simon & Schuster, London 2010.
  • Hans Bender, Wunschkost, Roman, 160 Seiten, Hardcover mit Schutz­um­schlag, Carl Hanser Verlag, München 1959.
  • John Berger, Corker's Freedom, Roman, 239 Seiten, Broschur, Vintage, New York 1995.
  • Thomas Bernhard · Siegfried Unseld, Der Briefwechsel, 869 Seiten, Leinen mit Schutz­umschlag, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2009.
  • Peter Handke, Mein Jahr in der Niemands­bucht. Ein Märchen aus den neuen Zeiten, Roman, 629 Seiten, Taschenbuch, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000.
  • Fitzgerald Kusz, Der Vollmond über Nämberch. Die besten Gedichte aus 40 Jahren, Vorwort von Steffen Radlmaier, 204 Seiten, Klappbroschur, ars vivendi verlag, Cadolzburg 2009.
  • Herta Müller, Herztier, Roman, 253 Seiten, Broschur, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2009.
  • Marlene Streeruwitz, Entfernungen. 31 Abschnitte, 475 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Lese­bändchen, Roman, S. Fischer, Frankfurt am Main 2006.
  • Mario Wirz, Sieben Leben hat die Woche, Gedichte, 208 Seiten, Broschur, Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 2003.

* * *

Hartung · Hornung · Lenzing · Ostermond · Wonnemond · Brachet · Heuert · Ernting · Scheiding · Gilbhart · Nebelung · Heilmond: Mit diesen alten deut­schen Bezeich­nungen lehrte mich Mutter Katharina Breuer, geborene Boßhammer (1924–2003) das Jahr in zwölf Monate ein­zuteilen, und ich habe als Kind (und nun, nach Jahr­zehnten des Versunkenheit, wieder) großen Spaß daran, diese statt der im Kalender verzeichneten Namen zu verwenden. Christian Morgenstern brachte mir Januar · Februar · März · April · Mai · Juni · Juli · August · September · Oktober · November · Dezember auf diese sprachspielerische Weise nahe: Jaguar · Zebra · Nerz · Mandrill · Maikäfer · Ponny · Muli · Auerochs · Wespenbär · Lock­tauber · Robben­bär · Zehenbär.


1

  Zu Besuch
bei Hans Bender

HARTUNG · JAGUAR 2010
Ich steh auf den Treppen des Winds · Erste Tage (kalte Tage)
Es kribbelt und wibbelt weiter · (Schön)

Theodor Fontane
Ein neues Buch, ein neues Jahr


Ein neues Buch, ein neues Jahr:
Was werden die Tage bringen?!
Wird's werden, wie es immer war,
Halb scheitern, halb gelingen?

Ich möchte leben, bis all dies Glühn
Rückläßt einen leuchtenden Funken.
Und nicht vergeht, wie die Flamm' im Kamin,
Die eben zu Asche gesunken.

Der deutsche Lyrikkalender. Jeder Tag ein Gedicht
1. Januar 2010


Während ich am 2. Januar 2010, dem ersten Posttag des neuen Jahres, Hans Benders guten, handgeschriebenen Brief vom 31. Dezember 2009 lese, in dem der bald 91jährige Freund eine Reihe der gemeinsam erlebten erfreulichen Dinge des verflossenen Jahres Revue passieren läßt, denke ich an den im Januar 2008 verfaßten Heinz-Küpper-Essay Gedanken · Gänge · Sprünge, in den, wie ich beim Blättern in dem am 30. Dezember 2009 nach schier unendlichem Warten erhal­tenen Sammel­band Simplicius und die Seinen erkenne, mehrfach auf ungute, Sinn und Struktur entstellende Art einge­griffen wurde, die reibungs­lose redak­tionelle Zusammenarbeit von Herausgeber und Autor nach allen Regeln der Kunst gleichsam sabotierend: So wurden Kursivsetzungen entfernt (Betonung, doppelten Boden, Ironisierung und Zitat in die Bleiwüste schickend), literarische Fußnoten in wissen­schaftlich scheinende Endnoten verwandelt u.a.m. Schön, würde Willi, Drucker und Setzer von Beruf sowie Freund seit Kindertagen, dazu wohl sagen. Jeden­falls sagte er das zum Orthopäden nach einer Knieuntersuchung, die aber auch gar nichts Gutes verhieß: Schön. Oder mit Emil Cioran: Jedes Wort ist ein Wort zuviel.

So oder so (so jedenfalls Axel Kutsch in seinem im Jahrbuch der Lyrik 2008 nachzulesenden Gedicht Anleitung) ist das eben im Leben mit den guten und schönen Dingen. (Es gibt nichts Gutes, / außer: man tut es, behauptet Erich Kästner im Gedicht Moral.) Auch Tochter Anna weiß ein Lied davon zu singen, als sie Vater Josef Breuer wenige Monate vor dessen Tod fragt: Und, Opa, war es schön auf dem Fest? und der wortkarge Greis einfach zurückfragte: Wat heeß ›schön‹? (Was heißt ›schön‹?)

* * *

I · Ich steh auf den Treppen des Winds

Gedichte

: satte Piranhas küssen die blauen Nachtigall-Fische
am tollsten Kadaver der Ideologien

Rolf Bossert


Von einem geradezu himmlischen Spaziergang durch den weißen, schweigenden Wald mit unheimlichen Fernblicken heimgekehrt, in dessen Verlauf ich Mrs Columbo von Friederike Mayröckers allu­sions­reichen, wunder­klang­vollen Gedichten vorschwärme, Gedichte, in denen ich mich zuhause fühle wie die Vogelfamilie in dem Nest, das sie seit Jahren in der großen Kiefer (unserm Hausbaum) bewohnt, fiebre ich den gesam­melten Gedichten in Ich steh auf den Treppen des Winds von Rolf Bossert entgegen, die Gerhardt Csejka 2006 heraus­gab und die Postbote Guido mir zusammen mit Hans Benders Brief überreicht.

Rolf Bossert (1952–1986), von dem Name und einzelne Gedichte (gelesen, beispiels­weise, in Der Große Conrady und Hans Benders Was sind das für Zeiten) mir seit Jahren geläufig sind, dem ich aber bislang, wie, beispiels­weise, auch Horst Samson oder William Totok, nicht die Aufmerk­samkeit schenkte wie anderen rumänien­deutschen Dichtern, die seit Jahrzehnten in Deutschland leben: Klaus Hensel · Franz Hodjak · Johann Lippet (Migrant auf Lebzeiten lese ich am 12., Im Garten von Edenkoben am 14. Januar) · Georg Maurer · Herta Müller · Carmen Elisabeth Puchianu · Dieter Schlesak · Klaus F. Schneider · Werner Söllner (Der Schlaf des Trommlers lerne ich am 13. Januar kennen) · Ernest Wichner · Richard Wagner, deren Gedicht­bücher und Romane mich seit vielen Jahren begleiten. Ebenfalls am 13. Januar lese ich die 18. Ausgabe der Literatur­zeitschrift Matrix, in der ich u.a. interessante Aufsätze zum Werk Herta Müllers zu lesen bekomme. Zuletzt lese ich, am 7. Januar, Herztier, für dessen literarisches Personal Rolf Bossert und ein paar andere der hier Genannten Pate stehen.

Zwischendurch liest Herta Müller auf Lyrikline aus dem Gedichtbuch Die blassen Herren mit den Mokkatassen, dessen Lektüre mich 2005 erstmals begeistert, woran Fußnote 2 in Aus dem Hinterland. Lyrik nach 2000 erinnert:

Ein aus unzähligen Teilchen und Teilen zusammengesetztes Mosaik erwartet Sie – und zwar buchstäblich und farbenprächtig – in Herta Müllers Gedichtband Die blassen Herren mit den Mokkatassen: Gedichte Wort für Wort mit der Schere geschnitten. Herta Müllers Collagenpoesie ist wahrhaft einmalig, originell und schön, und die mehrdeutig angelegten Botschaften stimmen mich nachdenklich. Die blassen Herren mit den Mokkatassen ist ein außergewöhnliches Teilchen im deutschsprachigen Lyrikmosaik nach 2000, dessen surreales Gefunkel Herrn Schwitters beim Kaffee­trinken vielleicht vor Neid erblassen lassen würde.


Ich entferne den Schutz­umschlag von Bosserts Buch, lege ihn in den dafür umfunk­tionier­ten, fast vollen Schuh­karton, in dem ich die Umschläge sammle, denke an Herta Müllers lyrischen, mich in den Träumen der Früh­morgen­stunden verfolgenden Roman Der Fuchs war damals schon der Jäger: An der Ecke, an der dicken rostigen Drahtrolle, kriecht eine Rostschliere über den Weg, höre die Echos der Böller und Kracher, die mir noch aus der Nacht in den Ohren dröhnen, als ich, bei herab­gelassenen Rolläden im Wohn­zimmer sitze und die letzten Seiten von Paul Austers Roman Invisible lese.

Weihnachten 1973
und Weihnachten 1984 sind die Titel der Gedichte von Rolf Bossert auf den Seiten 11 und 244, die unmittelbar Erin­nerungen wachrufen an den vierten Advent am 20. Dezember 2009 in der um 1260 erbauten Pfarr­kirche von Bürvenich (wo ich an Karfreitag 1956 geboren wurde), in der ich gemeinsam mit dem Bür­venicher A-cappella-Sextett um Michael Dahl­büdding einen Lieder-Lyrik-Abend gestalte, bei dem die rund zwei­hundert anwesenden Menschen, in diesem über die Jahr­hunderte von Choral, Gebet, Gesang, Litanei, Orgelspiel und Psalm durch­wobenen Reso­nanz­raum gleichsam zu einer Gestalt verschmelzend, Gedicht- und Liedgut aus tausend Jahren erleben: Und es schweifen leise Schauer / Wetter­leuchtend durch die Brust.

Andreas Altmann mit Das zweite Meer (brillant, wie Altmann mir durch para­gramma­tisches Hin­zufügen eines einzigen Buchstabens über den längst zum Klischee erstarrten Topos hinaus zum weiten, weiten Blick verhilft oder durch Weg­lassen eines Buch­stabens bloß eine Leere sondergleichen evoziert: vor dem dorf / liegt ein teich, auf dem keine kinder spielen) und Michael Basse mit skype connected (wir lesen mitunter sogar gedichte), beide vom ersten bis zum letzten Gedicht mit totalem Interesse in der merkwürdigen Zeit ›zwischen den Jahren‹ gelesen, zeigen, daß die Lyrik 2010 eindrucksvoll weitermacht: Während ich bei Basse vereinzelt auf nachhaltig starke Stücke stoße, be­eindruckt Altmann mit einem auf gleich­blei­bend hohem Niveau tänzelnden, in sich geschlos­senen, synäste­thischen, sinnlich-konkreten Ganzen. Das zweite Meer ist reif für den Peter-Huchel-Preis.

So oder so – Gedanken und Empfindungen schweifen zurück zu Rolf Bossert und den Gedichten in Ich stehe auf den Treppen des Winds:

Mein gläserner Blick,
zu neuer Tiefe geschärft, bohrt sich
ein Grab ins Laubwerk.
Die Bäume stehn still
auf der anderen Seite der Straße.


Gerhardt Csejkas Nachwort endet mit den Worten und das Fenster am Ende des Flurs steht offen. Mich fröstelt. – – –

Gerhard Schröders Agenda 2010 ist längst geschlossen, Werner Buchers Poesie Agenda 2010 dagegen weitweit geöffnet, und ich fühle und spüre, vernehme und merke:

Es kribbelt und wibbelt weiter

Die Flut steigt bis an den Ararat,
Und es hilft keine Rettungsleiter,
Da bringt die Taube Zweig und Blatt –
Und es kribbelt und wibbelt weiter.

Es sicheln und mähen von Ost nach West
Die apokalyptischen Reiter,
Aber ob Hunger, ob Krieg, ob Pest,
Es kribbelt und wibbelt weiter.

Ein Gott wird gekreuzigt auf Golgatha,
Es brennen Millionen Scheiter,
Märtyrer hier und Hexen da,
Doch es kribbelt und wibbelt weiter.

So banne dein Ich in dich zurück
Und ergib dich und sei heiter;
Was liegt an dir und deinem Glück?
Es kribbelt und wibbelt weiter.

Theodor Fontane

II · Und wenn du willst, vergiss


  Horst Samson
Und wenn du willst, vergiss
Gedichte
Pop Verlag 2009
130 Seiten, 14,90 Euro

Das Buch bei Amazon


Zuversicht

In Saloniki
weiß ich einen, der mich liest,
und in Bad Nauheim.
Das sind schon zwei.

Günter Eich


Ich greife weit vor: Am 23. September 2010 ist es auch mit Horst Samson soweit. In der Lyrikzeitung lese ich in Artikel 90 vom 22. September schmunzelnd, daß Michael Gratz mich indirekt als ersten Leser des Buches bezeichnet, woraufhin ich den Lyrikband direkt beim Verlag bestelle. Und schon flattert, gleich am nächsten Tag, Und wenn du willst, vergiss mit Gedichten aus den Jahren 1981 bis 1994 ins Haus. Ach, nein, das Buch flattert ja gar nicht ins Haus: Als der Postbote kommt, stehe ich auf der Leiter und streiche an einer Hauswand herum (das ist gleichsam mit Algen balgen), und die Bücher­sendung liegt mit einigen Briefen und einem großen Paket, das ich für den Nachbarn annehme, erst einmal draußen im Wind ···
  Ich liebe es, Lücken in der Büchersammlung zu schließen, und so wird Horst Samson noch heute in der Nachbarschaft von, beispielsweise, Dieter Schlesak, Raoul Schrott, Lutz Seiler, Werner Söllner oder Ludwig Steinherr stehn.

Die Wand ist gestrichen, die Lektüre der Gedichte Samsons kann beginnen. [Idealer Alltag sieht oft so aus: Er beginnt ganz früh / endet möglichst spät mit Lesen, das gleichsam die Grundierung des Tages­bilds ist, an einem Essay oder Gedicht bosseln ist natürlich immer gut und gedeih­lich (und nimmt in guten Schreib­wochen auch gern acht Stunden täglich in Anspruch), zwischendurch Arbeit im Garten oder Repara­turen im und am Haus, davor, danach, wann immer es eben möglich ist: lesen, dazwischen: E-Mails schreiben, Telefon­gespräche mit Hans Bender, Joseph Buhl, Jutta Dornheim, Axel Kutsch, Andreas Noga, Maximilian Zander und anderen schrei­benden Menschen, dann wieder lesen, gern auch ein Spaziergang, eine Begegnung oder, wenigstens einmal die Woche, Fußball­tennis, anschließend wieder lesen, usw. Das alles am liebsten bei Regen, aber heute scheint die Sonne, und das ist auch mal gut.] Und wenn du willst, vergiss ...

Schwedeneck

Saukalter Wind zerbrach
Bäume. Kein Stern

Leuchtete, alle Sicherungen
Waren durchgebrannt.

Gott fluchte über dem Meer und schrie
Nach einem Elektriker,

Aber ich hatte zu lieben.
An der warmen Brust lag mir

Eine Sirene. Herrlich roch sie
Nach Fisch und nach Algen.

Horst Samson


Am 28. September, fünf Tage nach der (trotz immer wieder düster dräuender Wolken, die die lakonischen, lockeren, luftigen Verse naturgemäß und notgedrungen durchziehen) erfrischenden und begeisternden Lektüre, kommt eine Büchersendung mit dem Absender Horst Samson. (Offenbar hat Michael Gratz ihm empfohlen, mir das Buch zu schicken.) Ich bin verblüfft, bislang hatten wir keinerlei direkten Kontakt. Ich ahne es schon – und behalte recht: Ich finde Und wenn du willst, vergiss vor, und nachdem ich den beiliegenden Brief gelesen habe, stehe ich erst einmal bloß da, stirnrunzelnd schmunzelnd. Samson schreibt:

Ich bin – nach Günter Eichschem Vorbild – mit einem Teil meines "Frühwerks" seit einiger Zeit auf Lesersuche. Das klappt schlecht. Ich gebe das zu, denn obwohl ich durchaus bereit bin, meine Bücher sogar zu verschenken, will sie kaum einer haben. Ich kann das verstehen, wenn ich es auch nicht verstehe. Klar ist mir auch in diesen Jahren des Exils nicht entgangen, dass das Leben hier im Westen vor allem ein Kampf ist, ein Kampf gegen den Staub und das Papier und die Lyrik.

Spontan wähle ich Samsons Nummer in Neuberg und höre die automatisierte Stimme eines Anrufbeantworters. Am späten Nachmittag erreiche ich Samsons sehr freundliche Frau, mit der ich mich angeregt über Lyriker (vor allem Horst Samson) und Lyrik (vor allem Horst Samsons Gedichte) unterhalte. Danach lese ich viele Gedichte in Und wenn du willst, vergiss ein zweites Mal. Der Abend ist bereits jetzt gerettet.

Was morgen sein wird, darauf pfeif ich in diesem Augenblick mit dem Wind, der durch Bosserts und Samsons Verse weht, und vergessen wird hier gar nichts. Jedenfalls nichts Lyrisches, das in den folgenden Herbstwochen per Büchersendung von Neuberg nach Sistig, von Sistig nach Neuberg geschickt wird, als gäb's kein Halten mehr. So kommen Reibfläche, 1982 im Bukarester Kriterion Verlag erschienen und natürlich längst vergriffen, sowie das Langedicht La Victoire, das mich am 30. Oktober stundenlang gefangennimmt, als erlesene Preziosen in die Sammlung. Sieg also mal wieder für die Lyrik auf der ganzen Linie.

Wir bäumen uns auf,
Ihr träumt uns nieder,
Sie fälschen die Grammatik und das Wetter.

Horst Samson · La Victoire

* * *

  • Andreas Altmann, Das zweite Meer, Gedichte, 96 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Poetenladen, Leipzig 2010.
  • Paul Auster, Invisible, Roman, 308 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Henry Holt and Company, New York 2009.
  • Michael Basse, skype connected. Ein Liebesbrevier, Gedichte, 67 Seiten, Hardcover, Landpresse, Weilerswist 2010.
  • Rolf Bossert, Ich steh auf den Treppen des Winds. Gesammelte Gedichte 1972–1985, herausgegeben von Gerhardt Csejka, 347 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Lesebändchen, Schöffling & Co. Verlagsbuchhandlung GmbH, Frankfurt am Main 2006.
  • Werner Bucher, Jolanda Fäh und Virgilio Masciadri (Hg.), Poesie Agenda 2010, Lyrik, Bilder, literarische Notizen, 256 Seiten, Broschur, orte-Verlag, CH-Oberegg 2009.
  • Christoph Buchwald · Ulf Stolterfoht (Hg.), Jahrbuch der Lyrik 2008, 222 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Lesebändchen, S. Fischer, Frankfurt am Main 2008.
  • Erich Kästner, Gedichte, Auswahl und Nachwort von Peter Rühmkorf, 202 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1981.
  • Johann Lippet, Im Garten von Edenkoben, Gedichte, 64 Seiten, Broschur, Lyrikedition 2000 im Verlag Buch&media, München 2009.
  • Johann Lippet, Migrant auf Lebzeiten, Roman, 226 Seiten, Broschur, Pop Verlag, Ludwigsburg 2008.
  • Literaturwerkstatt Berlin (Hg.), Lyrikline, zeitgenössische Lyrik multimedial · Originaltext · Übersetzung · von Autorin oder Autor in Original­sprache gespro­chen
  • Herta Müller, Der Fuchs war damals schon der Jäger, Roman, 286 Seiten, Broschur, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2009.
  • Herta Müller, Die blassen Herren mit den Mokkatassen, Gedichte, 112 Seiten, Hardcover, Hanser, München 2005.
  • Shafiq Naz (Hg.), Der deutsche Lyrikkalender 2010. Jeder Tag ein Gedicht, 365 Gedichte von den Anfängen bis zur Gegenwart, 408 Seiten plus Anhang, Tischkalender mit Spiralbindung, Alhambra Publishing, B-Bertem 2009.
  • Traian Pop (Hg.), Matrix. Zeitschrift für Literatur und Kunst, 18. Ausgabe: Herzlichen Glückwunsch und danke, dass es Dich gibt, Herta Müller!, mit Beiträgen von Traian Pop, Francisca Ricinski, Horst Samson, Olivia Spiridon u.a., 118 Seiten, Broschur, Pop, Ludwigsburg 2009.
  • Horst Samson, La Victoire. Poem, 84 Seiten, Broschur, Lyrikedition 2000, München 2010.
  • Horst Samson, Reibfläche, Kriterion, 71 Seiten, Broschur, Bukarest 1982.
  • Horst Samson, Und wenn du willst, vergiss, Gedichte aus den Jahren 1981 bis 1994, 130 Seiten, Broschur, Pop Verlag, Ludwigsburg 2010.
  • Werner Söllner, Der Schlaf des Trommlers, Gedichte, 86 Seiten, Broschur, Neuausgabe, Ammann, Zürich 1996.

* * *

III · E-Mail an Gratz
das innere des gedichts erreichen

Wer der endgültigen Stille entgegengeht, gibt sein Gesicht auf,
um dort ganz Ohr zu werden, wo es nichts mehr zu hören gibt.

Richard Anders



Lieber Michael,

gestern habe ich die beiden Sonderausgaben des Wiecker Boten gelesen, die Du mir vor kurzem schenktest. Vielen Dank für diese guten Einblicke in die Werkstätten von Richard Anders und Silke Peters.
  Die Bücher­sammlung ist, von vielleicht fünfhundert über andere Räume des Hauses verstreuten, konzentriert, gleichsam als Instal­lation, in den beiden einander gegen­überliegenden Räumen im Souterrain unseres Hauses unter­gebracht. Du kennst wohl auch diesen Kampf um Platz in den Regalen. Alle paar Jahre muß ich Groß­angriffe starten, um wieder den ÜBERblick zu erlangen. In den letzten Tagen habe ich die rund vier­tausend Bände im Lyrik­kabinett umorgani­sieren müssen, denn die vor einigen Jahren noch als endgültige Lösung gepriesene Einteilung drohte schon wieder, in eine gleichsam heillose Unordnung zu kippen.
  Nach einem fast schon erbarmungs­los zu nen­nenden Kampf, bei dem ich vorgestern gegen 16 Uhr beinahe in die Knie gezwungen werde (mit Tränen und Staub in den Augen verteufle ich mich und die mir in jenem Augenblick absurd erscheinende Idee, der Bücher in diesem Raum noch einmal Herr zu werden), kann ich gestern mittag Sieg auf ganzer Linie verkünden.
  Herrlich, wieder Lücken nach jedem Buchstaben zu sehen!
  Ich habe sämtliche Lyrikbände anderer Sprachen heraus­sortiert und nun jeder Sprache einen eigenen Platz eingeräumt, denn so mancher Autor verschwindet ansonsten unmerklich im großen Ganzen.
  Mehr und mehr verschmelzen Lyrik­kabinett und Prosazimmer wieder mit­einander, und es findet neuerlich zueinander, was naturgemäß zusam­men­gehört. So sind sämtliche deutsch­sprachigen Antho­logien im Zuge der Bücher­wanderung nun auf den letzten freien Brettern des Prosazimmers gelandet, und die Lyrik und Prosa umfas­senden Werke von Jürgen Becker, Hans Bender, Rolf Dieter Brinkmann, Werner Bucher, Hans Magnus Enzensberger, Walter Helmut Fritz, Friederike Mayröcker (usw.) haben hier ebenfalls nach und nach ihren Platz gefunden, eine Entwicklung, über die ich froh bin, denn für mich gibt es nicht das eine oder das andere – und das dritte gar noch verschweigend.
  Literatur, wie ich sie auf der Kopffest­platte speichere, ist die eine grenz­überwindende, alle Zeiten überdauernde Gestalt, nicht greifbar und total lebendig, Gegensätze überwindend und vereinend, sinnbildlich auf­scheinend, konkret greifbar mit jedem einzelnen Buch, das ich in die Hand nehme und lese.

Als Du mich vor einiger Zeit nach heraus­ragenden Lyrikbüchern des Jahres 2009 fragtest, antwortete ich bewußt zurückhaltend, denn ich wollte dem Essay Lyrik­stationen 2009 nicht vorgreifen. Einen Vorgriff tat ich allerdings, indem ich in der Antwort Friederike Mayröckers Gedichtbuch dieses Jäckchen (nämlich) des Vogel Greif benannte, das alle anderen Lyrikbücher des guten Jahrgangs 2009 dermaßen überragt, daß der Peter-Huchel-Preis fast schon wieder zu klein ist für dieses große, lebendige Buch. Ich beglück­wünsche alle Menschen, die mehr oder weniger, erkannt und unerkannt an diesem Preis beteiligt sind, zu dieser Ent­scheidung. Nach dem Literatur­nobel­preis 2009 für Herta Müller und Atem­schaukel sowie dem deutschen Buchpreis 2009 für Kathrin Schmidt und Du stirbst nicht ist dies eine weitere Wahl, die mich beglückt und bei der ich mir in diesen Minuten das Gefühl gestatte, gleichsam mit­gewirkt zu haben.

Weitaus wesentlicher ist allerdings der Wunsch:

den hyperbolischen raum
oder das innere des gedichts
erreichen

Silke Peters


Herzliche Grüße
Theo

* * *

  • Stefan Kalhorn · Sascha Treudler · Michael Gratz (Hg.), Wiecker Bote. Lite­rari­sche Hefte zur Zeit, 1913–1914 heraus­gegeben von Oskal Kanehl / neube­gründet 1995, Nummer 22–26: Richard Anders, Ich heiße Hase (u.a.), 66 Seiten, Broschur, Greifswald 1998.
  • Friederike Mayröcker, dieses Jäckchen (nämlich) des Vogel Greif, 356 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2009.
  • Herta Müller, Atemschaukel, Roman, 303 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Hanser, München 2009.
  • Silke Peters, Parnassia, Gedichte, 42 Seiten, Broschur, Wiecker Bote 22, Greifswald 2009.
  • Kathrin Schmidt, Du stirbst nicht, Roman, 348 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009.

* * *

PS Tagsüber Dieter Kühns Ich war Hitlers Schutzengel gelesen, abends Quentin Tarantinos Inglourious Basterds verfolgt und mit eigenen Augen gesehn, wie Hitler hier mit Wörtern, dort mit Bildern erst geköpft, dann gehangen, dann gespießt auf heiße Stangen, dann verbrannt, dann gebunden und getaucht, zuletzt geschunden wurde. Ja, der gute Mozart versteht etwas von multiple kill. Bis heute.

* * *

Dieter Kühn, Ich war Hitlers Schutzengel. Fiktionen, 206 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Lesebändchen, S. Fischer, Frankfurt am Main 2010.

* * *

PPS Johannes Bobrowski trug die Gedichte seiner Anthologie von Hand in Hefte ein, Du präsentierst sie in der Lyrikzeitung und bereitest mir damit immer wieder kleine und große Freuden. Das Gedicht von Qadi Qadan († 1551), auf das ich ohne Dich wahrscheinlich nie gestoßen wäre, ist längst zu einem Leib- und Seelengedicht geworden:

Laß die Grammatik den Leuten –
ich studier' den Geliebten.
Und eine einzige Letter
les' ich und les' immer wieder.



2

  Arnold Stadler
Komm, gehen wir
Roman
Fischer Tb 2009

Das Buch bei Amazon


NARRENMOND · ZEBRA 2010
Mein Hund, meine Sau, mein Leben

Und er schaute am Ende auf sein Leben, als wäre er ein anderer gewesen, als wäre sein Leben gar nicht seines gewesen, sondern ein anderes. Dem fügen wir das Schweigen und die Farbe Blau hinzu.

Arnold Stadler

I · E-Mail an Weigoni
Haben dicke Bücher es schwer?

Am 1. Februar 2010 finde ich am frühen Morgen (draußen schneit und schneit und schneit es weiter) eine E-Mail von Andreas Jaromir Weigoni im Postfach vor, die mich auf Jörg Sundermeiers Artikel Warum es dicke Bücher heute schwer haben. Einige Anmer­kungen zum Zustand der hiesigen Literatur­kritik aufmerksam macht. Ich antworte so:

Lieber Andreas,

Jörg Sundermeier schreibt über das, was (fast) jeder weiß. Es ist ein hübscher Artikel, aber ihm fehlt die eigentliche Überraschung, die Conclusio. Zudem gehört auch Sundermeier zu den Menschen, die von Mono­graphien wie Aus dem Hinterland oder Kiesel & Kastanie offenbar noch nie etwas gehört haben. Sundermeier schaut auch nur dorthin, wo die Musik schon lange nicht mehr gut spielt.
  Ich versuche nun seit vielen Jahren schon als ein Mensch, der Literatur liest und betrachtet, mit literarisch grundierten Texten zur aktuellen Literatur dage­gen­zuhalten, und natürlich habe ich einen für hinter­ländische Verhält­nisse enorm großen Leser­kreis, der weit über das hinausgeht, was ich mir je erträumt habe. Aber um der guten Sache willen wäre es doch gut, wenn die Sunder­meiers in ihren kritischen Auslas­sungen auch auf diese anderen Beispiele hinweisen würden. Die klugen und kennt­nis­reichen Essays des etwas anderen Literaturkritikers Matthias Hagedorn fallen mir wie selbst­verständlich ein: Kennt Sundermeier auch diesen im Internet gleichsam Allgegen­wärtigen nicht?
  Das Feuilleton der überregionalen Zeitungen ist doch schon längst nicht mehr Schauplatz der Literatur – und Sundermeier veröffent­licht seinen Text ja auch im Internet. In Lyrikstationen 2009 mache ich zu Beginn auf eine ganze Reihe guter Literatur­portale aufmerksam, und Hagedorn taucht ja auf noch viel mehr Seiten auf. Was ich mit all dem sagen will: Es interessiert mich von Tag zu Tag weniger, was da so alles geschrieben und geschwätzt wird, weil ich noch immer näher an die Bücher zu rücken scheine als in all den Jahren zuvor.
  Ich habe das Gefühl, endlich alle die wichtigen, in nuce jedoch unwesentlichen Dinge des Lebens erledigt und weggeschaufelt zu haben, um mich noch intensiver den Büchern zu widmen, die mir vor die Füße fallen. Seit der vergangenen Nacht lese ich Arnold Stadler (dessen Erzähler Thomas Bernhard Beschuldi­gungs­virtuose nennt), gestern war es Dieter Kühn, morgen lese ich Wolf Wondratschek, über­morgen Zbigniew Herbert. In den Lese­pausen betrachte ich die Bücher, finde jeden Tag ein verirrtes Buch, das seinen eigent­lichen Platz sucht, sortiere hier um und dort um, freue mich des frischen Schnees, der gelegentlichen Sonnen­strahlen und in diesem Augen­blick der ungarischen Tänze von Johannes Brahms.

Herzliche Grüße
Theo

* * *

II · Ich war einmal. Eine Sehnsucht

Es schlug mein Herz in Sesenheim

In die Kirschenzeit
kam ich hineingeschneit
ein Kind
von Traurigkeit und Leben

Arnold Stadler


Im Verlauf der nächsten Wochen nimmt Arnold Stadler eine prominente Stellung im Leseleben ein. Nachdem der Start mit diesem Autor vor einigen Jahren mit Ein hinreissender Schrotthändler etwas holprig geriet – merkwürdigerweise verkannte ich den meisterhaften Umgang mit Sprache und Stil und mußte beim Wiederlesen immer wieder den Kopf über mich bzw. die Blindheit während der ersten Lektüre schütteln – gehört Stadler mittlerweile zum sich naturgemäß beständig ausdehnenden Kreis der Favoriten, dessen Werk ich mit Nachdruck empfehle. Von seinen rund 20 Büchern habe ich bislang etwa die Hälfte gelesen – darf also noch auf reichlich für mich Neues gespannt sein.

* * *

  • Arnold Stadler, Der Tod und ich, wir zwei, Roman, 223 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Residenz Verlag, Salzburg und Wien 1996.
  • Arnold Stadler (Hg.), »Die Menschen lügen. Alle« und andere Psalmen, aus dem Hebräischen übertagen und mit einem Nachwort ve rsehen von Arnold Stadler, Essay von Wolfgang Frühwald, Insel, 140 Seiten, Taschenbuch, Frankfurt am Main und Leipzig 2005.
  • Arnold Stadler, Ein hinreissender Schrotthändler, Roman, 236 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Lesebändchen, DuMont Literatur und Kunst Verlag, Köln 1999.
  • Arnold Stadler, Eines Tages, vielleicht auch nachts, Roman, 189 Seiten, Broschur, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2005.
  • Arnold Stadler, Feuerland, Roman, 158 Seiten, Taschenbuch, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000.
  • Arnold Stadler, Gedichte aufs Land, mit Offsetlithographien von Hildegard Pütz, 62 Seiten, Blockbuch, Eremiten-Presse, Düsseldorf 1995.
  • Arnold Stadler, Ich war einmal, Roman, 141 Seiten, Taschenbuch, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1999.
  • Arnold Stadler, Komm, gehen wir, Roman, 399 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Lesebändchen, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2007.
  • Arnold Stadler, Mein Hund, meine Sau, mein Leben, Roman, 164 Seiten, Taschenbuch, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1996.
  • Arnold Stadler, Sehnsucht. Versuch über das erste Mal, Roman, 328 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Lesebändchen, DuMont Literatur und Kunst Verlag, Köln 2002.

3

  Thomas Bernhard, Siegfried Unseld
Der Briefwechsel
Suhrkamp 2010

Das Buch bei Amazon



LENZING · NERZ 2010
Stimmenimitator, Weltverbesserer (naturgemäß)
Die Arbeit als Leidenschaft, die fortgesetzte Partitur als Leben
Über Thomas Bernhard (1931–1989)

Die Welt ist zweifellos das grösste Erlebnis, aber zum Grossteil erschöpft sie sich doch in einer entsetzlichen Anstrengung. Die Welt ist mehr und mehr ein enger Kerker, in welchem jener Untersuchungshäftling, der man ist, doch lebenslänglich die schlechtest denkbare Luft einatmet und auf einen Freispruch nicht hoffen kann.

Thomas Bernhard


Naturgemäß ist jedes Wort, das ich über Thomas Bernhard, den Arnold Stadlers Erzähler in Eines Tages, vielleicht auch nachts ja als Beschuldigungsvirtuosen bezeichnet, und seine Bücher äußere, ein total unpassendes Wort, verkürzt und verdunkelt auf gleichsam infame Art den Sinn dessen, was ich denke zum Ausdruck zu bringen, verzerrt den Charakter des Autors und seines im besten Sinne durch und durch komischen Werks auf stumpfsinnigste und abstoßendste Weise. (Drum werde ich mich kategorisch kurzfassen.) In Thomas Bernhards, von Raimund Fellinger ediertem Auswahl­band Naturgemäß lese ich einen Auszug aus Beton:

Der Geist wird, wo immer er auftaucht, fertiggemacht und eingesperrt und er wird naturgemäß immer sofort zum Ungeist gestempelt, sagte er, dachte ich, während ich die Gastzimmerdecke betrachtete. Aber es ist alles Unsinn, was wir reden, sagte er, dachte ich, gleich, was wir sagen, es ist Unsinn und unser ganzes Leben ist eine einzige Unsinnigkeit. Das habe ich früh begriffen, kaum habe ich zu denken angefangen, habe ich das begriffen, wir reden nur Unsinn, alles, was wir sagen, ist Unsinn, aber auch alles, was uns gesagt wird, ist Unsinn, wie alles, was überhaupt gesagt wird, es ist in dieser Welt nur Unsinn gesagt worden bis jetzt und, sagte er, tatsächlich und naturgemäß, nur Unsinn geschrieben worden, was wir an Geschriebenem besitzen, ist nur Unsinn, wie die Geschichte beweist, sagte er, dachte ich.

Zehn weitere mit diesen in schwindel­erre­gende Höhen geschwungenen, konzentrisch um ein Wort, einen Gedanken, ein Bild kreisenden, immer wieder zum im Halse stecken bleibendem Lachen zwingenden Sätzen gefüllten Bernhard-Bücher führe ich mir in diesen Tagen zu Gemüte, gerate nach der Lektüre von Der Briefwechsel unversehens in einen kleinen Thomas-Bernhard-Leserausch, einmal bloß unter­brochen von den Gedichten im Selbst­mörder-Zirkus, die Alexander Nitzberg so kenntnis­reich wie einfühl­sam übertragen und ediert hat): Der Briefwechsel · Meine Preise · Korrektur ·Ich bin ein Geschichten­zerstö­rer“ · Natur­gemäß · Meine Über­treibungs­kunst · Die Ehehölle · „Die Ursache bin ich“ · Heldenplatz · Eine Begegnung.

1981 verübte Thomas Bernhard, dessen Einfluß auf die deutsche Literatur gewaltig ist, denke ich, während ich Der Nichtstuer von Hans Peter Hoffmann oder Liebeserklärung an eine häßliche Stadt von Bodo Morshäuser lese, erstmals einen solchen Über­fall auf mich: Nachdem ich Die Ursache. Eine Andeutung · Der Keller. Eine Ent­ziehung und Der Atem. Eine Entscheidung gelesen hatte, war's um mich geschehen. Bis zu Bernhards Todesjahr 1989 (Ich glaube, der Tod eines Künstlers sollte nicht von der Kette seiner schöpfe­rischen Errungen­schaften losgelöst, sondern als ihr letztes, abschließendes Glied betrachtet werden · Ossip Mandelstam) folgten Frost · Amras · Verstö­rung · Ungenach · Watten · Das Kalkwerk · Die Kälte. Eine Isolation · Ein Kind · In der Höhe · Ja · Beton · Wittgensteins Neffe · Hozfällen · Der Unter­geher · Alte Meister und Auslöschung. Gehen und Der Stimmen­imitator und Gesammelte Gedichte folgten in späteren Jahren. Bernhards Theater­stücke las ich bis dahin nie. Merkwürdig? Denkwürdig?

Ich greife vor: Im Oktober und November lese ich die in fünf Bänden im Schuber neu aufgelegten autobiographischen Romane Der Atem · Der Keller · Die Ursache · Die Kälte und Ein Kind wieder. Wie meint Claus Peymann: Bernhard ist wie eine Droge. Ich bin offenbar schwerstabhängig – wie wohl auch Marcel Reich-Ranicki, der in Der doppelte Boden im Gespräch mit Peter von Matt resümiert: Das Manische bei Bernhard, das Insis­tierende, das sich in Sprache umsetzt, das in seinem Tonfall, in seinem Satzbau spürbar wird, sein bitterer, grimmiger Humor, sein Katastro­phismus – das alles ist einzigartig.

Für die nächste/n Bernhard-Attacke/n bleiben erfreulicherglücklichweise noch eine ganze Reihe nicht gelesener Bücher übrig: Die Billigesser · Der Italiener · Der Kulterer · An der Baumgrenze · Erzählungen · Der Theatermacher · Stücke 1 – 4 · Claus Peymann kauft sich eine Hose · Der deutsche Mittagstisch · Düsseldorf oder München oder Hamburg

Seit einiger Zeit bin ich total begeistert von Thomas Bernhard. So verrückt, wie der auch manchmal ist. Aber sein Wahn richtet sich immer gegen sich selbst, und das ist ein Konzept, das mich fasziniert. Und außerdem ist er komisch. Herzzerreißend komisch.

William Gaddis

* * *

  • Thomas Bernhard, Die Autobiographie · Die Ursache. Eine Andeutung | Der Keller. Eine Entziehung | Der Atem. Eine Entscheidung | Die Kälte. Eine Isolation | Ein Kind, 640 Seiten, Hardcover, Lesebändchen, 5 Bände im Schuber, Residenz Verlag, St. Pölten · Salzburg 2010.
  • Thomas Bernhard, Goethe schtirbt, Erzählungen, 103 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Suhrkamp Verlag, Berlin 2010.
  • Thomas Bernhard, Meine Preise, 141 Seiten, Hardcover mit Schutz­um­schlag, Suhr­kamp, Frankfurt am Main 2009.
  • Thomas Bernhard · Siegfried Unseld, Der Briefwechsel, 869 Seiten, Leinen mit Schutz­umschlag, Lesebändchen, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2009.
  • Thomas Bernhard, „Die Ursache bin ich“. Eine Autobiographie in Fragmenten, zusammengestellt von Raimund Fellinger, 96 Seiten, Hardcover-Taschen­buch, Suhr­kamp, Frankfurt am Main 2008.
  • Thomas Bernhard, Naturgemäß. Über die Menschen und die Natur, ausgewählt von Raimund Fellinger, 93 Seiten, Hardcover-Taschenbuch, Suhr­kamp, Frankfurt am Main 2008.
  • Thomas Bernhard, Meine Übertreibungskunst.Ein Kompendium, zusammengestellt von Raimund Fellinger, 96 Seiten, Hardcover-Taschen­buch, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2008.
  • Thomas Bernhard, Die Ehehölle. Acht Szenen, ausgewählt von Raimund Fellinger, 110 Seiten, Hardcover-Taschenbuch, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2008.
  • Thomas Bernhard, "Ich bin ein Geschichtenzerstörer". Acht unerhörte Begebenheiten, ausgewählt von Raimund Fellinger, 103 Seiten, Hardcover-Taschenbuch, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2008.
  • Thomas Bernhard, Heldenplatz, Theaterstück, 165 Seiten, Taschenbuch, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1995.
  • Thomas Bernhard, Korrektur, Roman, 318 Seiten, Taschenbuch, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1988.
  • Hans Peter Hoffmann, Der Nichtstuer, Roman; 176 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag; Klöpfer und Meyer, Tübingen 2002.
  • Bodo Morshäuser, Liebeserklärung an eine häßliche Stadt. Berliner Gefühle, 157 Seiten, Taschenbuch, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1998.
  • Alexander Nitzberg (Hg.), Selbstmörder-Zirkus. Russische Gedichte der Moderne, 191 Seiten, Broschur, Reclam, Leipzig 2003.
  • Marcel Reich-Ranicki, Der doppelte Boden. Ein Gespräch mit Peter von Matt, 236 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Ammann Verlag, Zürich 1992.
  • Arnold Stadler, Eines Tages, vielleicht auch nachts, Roman, 189 Seiten, Broschur, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2005.

* * *

4

  Margot Ehrich
Ich weiß wer du bist
Rimbaud 2010

Das Buch bei Amazon



LAUNING · MANDRILL 2010
Ich weiß wer du bist

Ich weiß wer du bist – Hand aufs Herz, weißt du, wer Margot Ehrich ist? Are you afraid of Margot Ehrich? No? Ach, du kennst sie gar nicht, hast nie den Namen vernommen, kein Buch von ihr in die Hände bekommen ... Wie Margot Ehrich, 1936 in Bautzen geboren und im böhmischen Leitmeritz aufgewachsen (von wo sie 1945 vertrieben wurde), der traumvoll schönen Stimme aus Undeloh in der nördlichen Lüneburger Heide, geht es so manchem in den Nischen des Hinterlands gleichsam versteckt lebenden Schriftsteller, der den Betrieb, die Medien, die Öffentlichkeit eher scheut, auf zurückgezogen orientiertes Dasein nicht verzichten will und dessen Bücher dabei nicht (wie etwa die eines Josef Winkler) in einem großen Verlag erscheinen: Kaum jemand kennt sie.
  Und es ist so lohnenswert, sie zu kennen: Ich benenne an dieser Stelle Christian Saalberg – what a poet. Margot Ehrich schreibt aus Erinnerungen an totalen Krieg, fehlende Kohlen und Kartoffeln, Flucht und Vertreibung gespeiste durch und durch musikalische Gedichte und Erzählungen, die mich traumwandlerisch ins Land entgrenzender Phantasien entführen, in dem Schönheit und Schmerz synästhetisch miteinander verschmelzen.

ich bin die Elbe, Bruno, meine Freunde die Flusskiesel stellen keine Fragen, die Elbschleife windet sich durch mein Gemüt, als wäre ich ihr Tal, meine Seele ist ein Malzeug, was mich berührt, übertünche ich mit böhmischer Heiterkeit, Mandelblüten im Mai

Von den seit Distel im Blut (1991) erschienenen elf Büchern sind zehn Bestandteil der Büchersammlung. Ich empfehle sie wärmstens.

* * *

  • Margot Ehrich, Ich weiß wer du bist, Erinnerungen, 87 Seiten, Broschur, Rimbaud, Aachen 2010.
  • Margot Ehrich, Komm nach Madagaskar, Erzählungen, 106 Seiten, Broschur, Rimbaud, Aachen 2008.
  • Margot Ehrich, Mädchenlied, Erzählungen, 57 Seiten, Broschur, Rimbaud, Aachen 2007.
  • Margot Ehrich, Ich finde aus wohin er ging, Gedichte, Aachen 2006.
  • Margot Ehrich, Nachts, Gedichte, 67 Seiten, Broschur, Rimbaud, Aachen 2005.
  • Margot Ehrich, Weißt Du woher die Kriege kommen, Erzählungen, 98 Seiten, Verlag DIE SCHEUNE, Dresden 2000.
  • Margot Ehrich, Ein Fenster in der Traurigkeit, Erzählungen, 114 Seiten, Klappbroschur, Verlag DIE SCHEUNE, Dresden 2000.
  • Margot Ehrich, Schulterland, Gedichte, 138 Seiten, Broschur, Roderer, Regensburg 1999.
  • Margot Ehrich, Manchmal ist der liebe Gott nicht zu Hause, Erzählungen, 141 Seiten, Langen Müller, München 1995.
  • Margot Ehrich, Die Toten in unsern Mänteln, Gedichte, 126 Seiten, Broschur, Roderer, Regensburg 1994.

* * *

5

  Roberto Bolaño,
2666
Roman
Picador 2009

Das Buch bei Amazon



BLUMENMOND · MAIKÄFER 2010
Im Monat des Buches 2666


Zur zehntausendsten Lektüre in diesem immer schneller dahinrasenden Leseleben, das vor rund fünfzig Jahren begann, erkläre ich, nachdem ich das Buch wie im Rausch lese, – aufgewühlt, fasziniert, überwältigt – Roberto Bolaños Roman 2666. Natürlich zähle ich die Bücher der Sammlung nicht einzeln (doch: als Kind – leider kamen die Kinder- und Jugendbücher im Laufe der ersten Umzüge abhanden), aber alle fünf bis zehn Jahre nehme ich mit Zollstock und Taschenrechner Schätzungen vor, die bei der letzten, die ich am 1. Mai 2010 vornehme, die Marke von 10.000 überschreitet. Viele Worte über das je nach Ausgabe 900 bis 1.100 Seiten starke Buch, das aus fünf mehr oder weniger lose zusammenhängenden Geschichten gefügt ist, verliere ich nicht – außer: Nach der Lektüre von 2666 ist endgültig die Zeit für Hyperlative gekommen. Wer dieses Buch verpaßt, ist, aber hallo, selber schuld. Simone Heembrock empfiehlt es, nachdem sie es an Weihnachten 2009 auf dem Gabentisch vorfindet. Nach Simones Mail google ich, sehe mir die verschiedenen Ausgaben bei Amazon an und entscheide, des Spanischen nicht mächtig, das Buch in der englischen Übertragung zu lesen.

Einige Wochen später schaue ich bei Jürgen Krüger vorbei, wir unterhalten uns über Herta Müller, deren Bücher ich ihm empfohlen hatte und die er mittlerweile mit großer Begeisterung liest, und irgendwann fragt er mich, ob ich schon einmal den Namen Roberto Bolaño gehört hätte, eine Bekannte habe ein Buch von ihm empfohlen. Ich sage nur: 2666. Jürgen lacht, verschwindet im Arbeitszimmer, kommt mit der englischen Ausgabe von 2666 zurück, die er mir in die Hand drückt, und berichtet von dem Mißgeschick, bei Amazon die englische Ausgabe bestellt zu haben, wo er doch, wie ich wisse, englische Bücher nicht lesen könne. Ich erwidere, daß ich im Begriff sei, mir genau diese Ausgabe zu bestellen. Da drückt Jürgen mir das Buch ein zweites Mal in die Hand und meint: Nun hast Du es ja schon. Nach der Rückkehr nach Hause beginne ich noch in jener Nacht mit der Lektüre:

The first time that Jean-Claude Pelletier read Benno von Archimboldi was Christmas 1980, in Paris, when he was nineteen years old and studying German literature. The book in question was D'Arsonval. The young Pelletier didn't realize at the time that the novel was part of a trilogy (made up of the English-themed The Garden and the Polish-themed The Leather Mask, together with the clearly French-themed D'Arsonval), but this ignorance or lapse or bibliographical lacuna, attributable only to his extreme youth, did nothing to diminish the wonder and admiration that the novel stirred in him.

* * *

  • Roberto Bolaño, 2666, Roman, translated from the Spanish by Natasha Wimmer, 898 Seiten, Broschur, Picador, London 2009.

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6

  Michael Arenz
Die Vulgarität der davongeschwommenen Felle
Poeme

Das Buch bei Amazon



BRACHET · PONNY 2010
In ihren schwarzen Augen / Platz für alle /
Aktentaschen / dieser Welt


Freitag, 4. Juni 2010. Wenn ich nicht draußen im Garten bin, lese ich The Time of Our Singing von Richard Powers: Augustine said he knew what time was so long as he didn't think about it. But the minute he thought about it, he did not know. Tagsüber verbringe ich nach diesem langen, strengen, schneereichen Winter, dessen Kälte hier auf der Höhe von 554 Metern noch bis Ende Mai sehr spürbar bleibt, wieder die meiste Zeit bei den Bäumen, Blumen und Vögeln, er/lebe hautnah die Vergänglichkeit und wie uns die Felle schwimmen gehn. Wahnsinn, was schon wieder verblüht ist, wo doch, meine ich, erst gestern der letzte Schnee taute. Und jetzt soll der Sommer schon bereitstehen, ungeduldig mit den Hufen scharrend? Na, im Augenblick herrscht Nebel, und ich kann (mir) keinen Reim auf Leben, Wetter und Sein machen: Aber es gibt noch Leben zu leben / jenseits der Wörter. (Karl Otto Conrady) Ich säge an einem Birkenstumpf herum, auf den ich ein Körbchen mit Semper Vivum im Kieselbett stellen will, und die Gedanken mäandern durch die Strömung der Zeit/en.

Am Abend des 13. Mai 2007 fegt ein Tornado über Sistig/Eifel und zieht auch unseren Garten in der Neustraße arg in Mitleidenschaft. Einen Monat später, im Juni 2007, erlebe ich einen inneren Tornado, gebe den Brotberuf und damit einhergehend das Pendler­dasein auf und beginne das neue Leben zunächst damit, den Garten aufzuräumen (lebe von Juni bis September bei Wind und Wetter fast aus­schließ­lich draußen) und im Laufe der nächsten drei Jahre bis Juni 2010 neu zu gestalten. Von den einst 75 bis zu 14 Meter hohen Bäumen stehen heute noch gut 30: Regen und Sonne können nun wieder ungehindert Eingang finden in den Garten und den Blumen ermög­lichen, intensiver denn je zu blühen. Ich lege Beet um Beet an, suche und finde Wildpflanzen in Feld und Wald, suche regelmäßig die umliegenden Gärtnereien heim, erhalte von Bekannten, Freunden, Nachbarn und Verwandten Ableger, Pflänzchen, Samen, Steine und/oder gute Gedanken und siedle auf diese Weise in den vergangenen drei Jahren immer mehr Blumen- und Pflanzen­arten im Garten an: Augentrost und Bergenie, Elfenblume und Wiesenkerbel, Gemswurz und Gilbweiderich, Kuhschelle Knaben- und Mutterkraut, Margerite und Wiesenflocken­blume, Moossteinbrech, Nachtkerze und Sumpfdotterblume – „usw.“
  Die Neugestaltung ist nun, nach ziemlich genau drei Jahren, abgeschlos­sen, nachdem ich in den vergangenen Tagen noch etliche Kübel, Schalen und Töpfe bepflanzte, die an den verschiedensten Stellen des Gartens ihren guten Platz einnehmen – gleichsam lauter i-Pünktchen im großen vielfarbigen Ganzen.

Jetzt sitze ich wieder oft am Westfenster (einmal bis die Amseln den / neuen Tag aufbellten / In ihren schwarzen Augen / Platz für alle / Aktentaschen / dieser Welt (Michael Arenz) und sehe, wie farbenprächtig und üppig Baum, Busch und Blume mit- und neben­einander gedeihen, blühen und verblühen, sehe die vielen großen und kleinen Steine, aus den benachbarten Feldern und Wäldern zusammen­getragen, die, zu Steinhügeln, Steinbeeten und Steingängen gefügt, der Flora mit ihren verschie­denen Funktionen helfen, in Form zu bleiben. Daß immer mehr Vögel hier ihr Zuhause finden, setzt dem Ganzen eine ton­technische Krone auf, an die ich ursprünglich gar nicht gedacht hatte. In den beiden Nistkästen brüten Kohl- und Blaumeisen einträch­tig neben­einander, und die Elstern, die seit vielen Jahren schon in der mittler­weile 15 Meter hohen Kiefer leben, machen den andern Vögeln, Amsel, Distelfink, Dompfaff, Gartenrotschwanz, Spottdrossel (usw.) den Raum erstaun­licher­weise nicht streitig, stolzieren gele­gent­lich in ihrer unnach­ahmlich wirkenden Art über die Wiese, werfen auch mir stets einen ihrer stechenden Blicke zu, das war's. Dieser Tage saß eine Goldammer (war's etwa die, die mich 2008 zum Gedicht auf der straße beflügelte?) im Nußbaum, ein wunder­sames Bild, und heute morgen spazierte eine Bachstelze unter der Holzbank her.

Wo stünde ich heute ohne den Garten? Seit Mitte Januar 2010 erlebe ich zum erstenmal, seit ich im Herbst 1983 literarisch zu schreiben begann, eine ungewollte (von gelegentlichen E-Mails und diesem Text abgesehene) Abstinenz vom Schreiben, deren Ende mir in diesen Tagen nicht absehbar erscheint – zumal mich seit einiger Zeit fortwährend das Gefühl beschleicht, das literarische Terrain, das mich schreibend interessiert, mehr oder weniger vollständig beackert zu haben. Der Literaturbetrieb, der mich als solcher nie interessiert hat, ist (von sehr seltenen Ausnahmen abgesehen) weit, weit weg von mir. Ich vermisse ihn nicht.
  Daß ich mich immer danach sehne, Menschen Gedichte, egal auf welche Art und Weise, nahezubringen, steht auf einem anderen Blatt, genauso wie die Tatsache, daß ich ohne Lektüre nicht leben kann: Unser tägliches Buch gib uns heute. Vielleicht habe ich fertig mit dem Schreiben, vielleicht kommt noch einmal etwas Neues, von dem ich heute nichts ahne – was ich mir naturgemäß wünsche. Wir werden sehen, wie es weitergeht. Es geht ja immer weiter. Außer es geht nicht mehr weiter. Zur Ruhe kommt der Baum des Menschen nie, denke ich mit Patrick White und schenke den Wörtern Hoffnung: Doch sprachlos zu werden, / für Stunden, für Tage, / auf einer Lebensinsel mitten im Heute / müßte Befreiung bedeuten / vielleicht sogar Glück. (Karl Otto Conrady)

* * *

  • Michael Arenz, Die Vulgarität der davongeschwommenen Felle, 40 Seiten, geheftete Broschur, Silver Horse Edition, Marklkofen 2010.
  • Axel Kutsch (Hg.), Versnetze. Das große Buch der neuen deutschen Lyrik von 200 Autorinnen und Autoren, darunter Andreas Altmann, Horst Bingel, Crauss, Ulrike Draesner, Hans Eichhorn, Gerhard Falkner, Harald Gröhler, Franz Hodjak, Felix Philipp Ingold, Gerhard Jaschke, Thomas Kunst, Christoph Leisten, Frank Milautzcki, Jürgen Nendza, Irmhild Oberthür, Markus Peters, Hendrik Rost, Vera Schindler, Gabriele Trinckler, Günter Ullmann, Jürgen Völkert-Marten, A. J. Weigoni und Maximilian Zander, Vorwort des Herausgebers, 328 Seiten, Broschur, Landpresse, Weilerswist 2008.
  • Richard Powers, The Time of Our Singing, Roman, 631 Seiten, Broschur, Vintage Books, London 2004.

* * *

7

  Oliver Becker
kleinstadtghetto ballade
Roman
170 Seiten
Plöttner, Leipzig 2010

Das Buch bei Amazon



HEUERT · MULI 2010
Fremdkörper in der Hand · Chaos im Kopf


Die schreibende Kraft hat sich also, abgesehen von sehr wenigen inspirierten Augenblicken, die ich wie wundersam vom Himmel gefallene Geschenke betrachte, gleichsam in Luft aufgelöst. (Ich schreibe diese Juli-Zeilen nachträglich, am sonnenbestrahlten Morgen des 11. September 2010 in froher Erwartung des in Krügers großem Garten stattfindenden Hochzeitsfests von Regina und Mirko, für das ich Hoffmann von Fallerslebens Du bist die Sonne, die nicht untergeht von und Theodor Storms Trost zum Vortrag ausgewählt habe.) Nichts hat dies zu tun mit der im Januar nieder­geschrie­benen Absicht, in diesem Jahr ganz wenig bloß zu schreiben, denn ganz wenig heiß schließlich nicht nichts und schon mal gar nicht gar nichts. Glücklicherweise finde ich in diesem Monat, in dem ich mich zumeist antriebslos, bedrückt, hyper­nervös und traurig fühle und ein unablässiges Chaos im Kopf erlebe, an mehr Tagen als üblich ein wenig ablenkende Zerstreuung, in erster Linie durch Begegnungen, Besuche und ähnliche Begebenheiten (nicht zu vergessen die aufre­genden Spiele der deutschen Mannschaft während der Fußball-Weltmeister­schaft in Südafrika vom 11. Juni bis 11. Juli 2010), denn die Bücher liegen wie Fremdkörper in der Hand – wenn sie denn in diesen Tagen überhaupt einmal dort landen.


Selbst die Musik der geliebten Komponisten hören geht nicht: Eine offenbar übermächtige Kraft verhindert das simple Auswählen und Einlegen einer Bach-, Brahms-, Mendelssohn-, Bartholdy-, Schubert- oder Schumann-CD in den Player. Auch das schnurlose Telefon, das auf so leichte Weise griffbereit liegt, wiegt schwer wie Blei und wird gleich wieder weggelegt, und so scheitern auch diese Versuche der Kontaktaufnahme zumeist kläglich. Mit knapper Not lese ich in diesen mir elend heiß, lang und laut vorkommenden Wochen immerhin (fast) regelmäßig das tägliche Gedicht im Lyrikkalender sowie drei, es kommt mir beinahe wie Wunder vor, flott verfaßte Romane. Oliver Becker bannt in Kleinstadtghetto Ballade den squalor (notdürftig übersetzt mit schmutzigem Elend), den einst J. D. Salinger so meisterhaft darstellte, in eine Sprachform, aus der eine bärenstarke Geschichte erwächst.

Gettysburg

Ein Knie, ein Arm, im Gras ein halbes Ohr,
wo die Zerfetzten lagen, die schon Toten,
aufgebläht, zerpflückt von Krähen Pferde,
wo Blut in Lachen stand, in denen morsch,
kaputt, ein Sterbender ertrank, wächst jetzt
bei leichtem Wind in dicken Büscheln Gras.
Und in der Luft sind Hummeln und Libellen.
Berberitzen, es gibt Büsche, Flieder, Hasel,
tief unterm Gras erinnert sich die Wurzel,
dass es sie gab, an ihren Duft im Sommer,
wo über Baltimore ein Abfangjäger jetzt,
der weder steigt noch fällt noch dreht, nur
steht. Die Zeit fing Feuer, und brennt noch.
Vom Highway 15 her rauscht Fernverkehr.
Siebenhundert Grad heiß war die Juliluft.

Mirko Bonné
Der deutsche Lyrikkalender. Jeder Tag ein Gedicht
03. Juli 2010

* * *

  • Oliver Becker · Kleinstadtghetto Ballade, Roman, 170 Seiten, Broschur, Plöttner, Leipzig 2010.
  • Doris Gercke, Tod in Marseille. Ein Bella-Block-Roman, 207 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Hoffmann und Campe, Hamburg 2010.
  • Tanja Griesel, Rothard. Ein Maxie-Kaiser-Roman, 239 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Hoffmann und Campe, Hamburg 2010.
  • Shafiq Naz (Hg.), Der deutsche Lyrikkalender 2010. Jeder Tag ein Gedicht, 365 Gedichte von den Anfängen bis zur Gegenwart, 408 Seiten plus Anhang, Tischkalender mit Spiralbindung, Alhambra Publishing, B-Bertem 2009.

* * *

8

  Friederike Mayröcker,
ich bin in der Anstalt
Fusznoten zu einem ungeschriebenen Werk
Suhrkamp, Berlin 2010

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ERNTING · AUEROCHS 2010
Und haben nicht acht ihrer selbst

Und es gehen die Menschen, zu bestaunen die Gipfel der Berge
und die ungeheuren Fluten des Meeres
und die weit dahinfließenden Ströme
und den Saum des Ozeans
und die Kreisbahnen der Gestirne
und haben nicht acht ihrer selbst.

Aurelius Augustinus


Nach etlichen Wochen der eben angedeuteten, im Juni einsetzenden nahezu absoluten Leseun­fähigkeit, die mich seit einigen Jahren immer wieder überfällt – da bin ich froh, am Abend eine oder zwei Seiten zu lesen, nachdem ich den ganzen Tag lang um die Bücher herum­geschlichen bin, mich ihnen versucht habe zu nähern und es nicht einmal schaffe, eins in die Hand zu nehmen und zu öffnen – lese ich seit knapp zwei Wochen wieder einiger­maßen in der Art, wie ich immer gelesen habe, seit ich lesen kann, ein Buch zieht das nächste unmittelbar nach sich, und so lese ich vor wenigen Tagen mit großer Anteilnahme Ernst Wiecherts Roman Das einfache Leben, nun lese ich, während es draußen wunderbar regnet (die wenigstens Menschen, die ich kenne, mögen den Regen, ich liebe ihn, fühle mich ihm nah, gehe oft in ihn hinein, auch mitten in der Nacht, Anfang Juli blicke ich im Gewitter hinauf in den Himmel, und dort erscheint ein Feuerball, ein Blitz direkt über mir, wie ich ihn noch nie gesehn, der unmittelbare Donner reißt mir beinahe die Füße unterm Körper weg, und ich flüchte um die Hausecke), Friederike Mayröckers ich bin in der Anstalt und bin glücklich, vollkommen nackt in diesem Wörtermeer, in dem ich dann und wann Swantje Lichten­stein begegne, zu schwimmen, in die Wörter hinein­zu­tauchen, mal mit weit geöffneten Augen, mal mit geschlos­senen, und die Wort­kaskaden prickeln auf der Haut, so auf Seite 60: Wenn ich nicht verbrenne beim Schreiben eines Gedichtes, ist es kein gutes Gedicht und wird den Leser kalt lassen. Ich lasse mich hierhin und dorthin treiben, von Wellen wegtragen, die wasserklaren Wörter strömen über mich hinweg und durch mich hindurch, und es tobte in mir aber ich konnte es nicht unter­drücken und mein herz wallte und mein Blut­druck war in die Höhe geschnellt und meine Hand zitterte dasz ich meine Notizen nicht mehr ent­ziffern konnte, und die Finger­spitzen in der Butterdose und der Suppenlöffel im Honigglas, und die Walze des Kopier­apparates griff nicht mehr nach dem eingelegten Papier und die letzten Mai Tage waren kalt und es war 1 kalte Sonne und 1 wütender Wind und 1 Übelkeit hatte mich befallen. Heute ist der 30. August, 8°, es regnet und stürmt, usw., und so muß es, wieder einmal, immer weiter und weiter gehen mit den Wörtern, ich greife nach Mara Genschels Tonbrand Schlaf und finde schon wieder Wörter: Arabesken · Blechgesang · Cello (Cellophan) · [Droste] · Eckzahn · Flatter­zunge · Georgewitter · Herzverzerrung · Iro · Johannis­beer­gezanke · Kornstimme · Luftröhrenast · Murmeln · Nesseln · Osterglockentopf · Presslufthammer-Blau · Quart · Reflexe · Stirngraben · Tonbrand · Und · Vollbart · Windsplitter · Zahnbeatsusw.

Wie anders Big Benns Denkungs- und Lesart im Vergleich zu der von mir gelebten ist, und auch Brinkmann war ein Verächter der Zeitgenossen, denke ich, in der Lyrikzeitung dieses Zitat lesend: Mit Gedichten ist es ja eine heikle Sache: ich finde eigentlich alle, die ich irgendwo lese, furchtbar und ebenso werden die anderen das von meinen finden (Gottfried Benn, Brief an Hans Paeschke vom 18.4. 1950), wende mich umgehend wieder der lebendigen Linie der Wörter in Swantje Lichtensteins lyrischem (nomen­dominierten) Zyklus Entlang der lebendigen Linie zu und schreibe, aus heitrem Himmel und indem ich ein zweites Mal durch diese tour de force mäandre, ein Alphabet von Lichtenstein-Wörtern: Ausgeburten · Blutblasen­füße · Curiosum · Donner­grollen · Elaste · Fisch­glas­splitter · Gallegelbes · Hodenwurzel · Ideatum · Juxta­position · Knorpelköpfe · Licht­bändel · Mitter­nachts­schläferin · Nebelbäume · OMEGA · Pfauen­geschrei · Quaste · Rost · Schlangen­geißeln · Tintenringe · Unendlichkeitszeche · Verbildungs­haft · Wortknochen · Zungental

* * *

  • Thomas Bader (Hg.), Wetzstein Gedichtekalender 2010. Für jeden Monat zwei handgeschriebene Gedichte, 24 Blätter, Ringbindung, Klöpfer und Meyer, Tübingen 2009.
  • Mara Genschel, Tonbrand Schlaf, 75 Seiten, Klappbroschur, Connewitzer Verlagsbuchhandlung, Leipzig 2008.
  • Swantje Lichtenstein, Entlang der lebendigen Linie. Sexophismen. Ein lyrischer Zyklus, 79 Seiten, Passagen Verlag, Wien 2010.
  • Friederike Mayröcker, ich bin in der Anstalt. Fusznoten zu einem ungeschriebenen Werk. 190 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Suhrkamp, Berlin 2010. – Notizen zu Friederike Mayröckers Werk nach 2000

* * *

9

  Herta Müller
Lebensangst und Worthunger
edition suhrkamp, Berlin 2010

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SCHEIDING · WESPENBÄR 2010
Ein Narr, wenn er schwiege …
(Na bitte, da haben wir es doch)

I · Wortlos · Auf der Flucht
an oskar p. – eine verinnerung

Der Begriff Kultur­schock bezeichnet den schock­artigen Gefühlszustand, in den Menschen verfallen können, wenn sie mit einer fremden Kultur zusammen­treffen. [...] Kultur­schock ist heute auch ein Aspekt im Studium der interkulturellen Kommunikation. Der Begriff Kultur­schock (culture shock) beschreibt einerseits den schock­artigen Sturz aus der Euphorie in das Gefühl, fehl am Platze zu sein (Zeitpunkt). Zum anderen verwendet Oberg das Wort auch für den gesamten Prozess der Kulturkrise, die ein Mitglied einer Kultur beim Einleben in einer anderen Kultur durch­laufen kann (Zeitdauer).
Wikipedia

Die Welt hat keinen Notausgang.
Matthias Hagedorn



Ich sehne mich nach Geborgenheit, nach Respekt, nach kulturvollem Dasein. Ich sehne mich nach Stille, ich sehne mich nach Schweigen, denke ich in diesem von Verdruß und Zorn geprägten Augenblick, wie ich solche Gedanken so oft denke, immer öfter denke, je länger das Leben, ohne mich zu fragen, ob ich denn immer noch mitwill, fort­schreitet. Immer wieder singe ich das, dadais­tisch verfremdet, aus mir heraus – zumeist wenn ich allein zuhaus bin, gelegentlich aber auch draußen, zuletzt am 2. August 2010, gegen 15 Uhr 20 an einer Fußgänger­ampel am Kölner Neumarkt stehend, wohin ich, der Sistig seit 2007 kaum noch verläßt, von Karl Natiesta, dem öster­reichi­schen Freund aus der Steiermark, der diesen ihn vollkommen über­raschen­den Gesang mit offen­kundiger Beglückung erlebt, mitgenommen werde.

Kultur- und respekt­loses Gejohle, Getöse, Geschrei haben mich aus den öffentlichen Häusern, von den Straßen und Plätzen verscheucht, längst auch, seit Jahrzehnten schon, verscheucht als abon­nierter, regel­mäßiger Leser von Zeitungen und Zeitschriften und deren sehr oft roher und heim­tückischer Bericht­erstattung, deren boshaften Kommentaren, die, zumeist, an Oberfläch­lichkeit nicht zu über­bieten sind.
  Verscheucht?
  Ich erlebe den dort gelebten und praktizierten Umgang mit Kultur gleichsam als alltäg­lichen Schock, der mich in lebensmüde Zustände tiefer Trauer versetzt, und, was die Öffent­lichkeit anbe­langt, gleichsam lebens­unfähig macht und zu Rück­zugs­gefechten zwingt, die mir am Ende immer wieder das Gefühl rauben, tat­sächlich noch ein leben­diges Teilchen dieser Welt zu sein.

Ich sehne mich nach Respekt für Thomas Bernhard, ich sehne mich nach Respekt für Günter Grass, ich sehne mich nach Respekt für Herta Müller, ich sehne mich nach Respekt für Oskar Pastior, ich sehne mich nach Respekt für den Menschen, denke ich, als ich unter der Überschrift Kulturschock im Kölner-Stadtanzeiger vom 18. September 2010, der zufällig ins Haus gekommen ist und, bedauerlicherweise, griffbereit neben mir liegt (dieses spontane, total wider­spruchsvolle Greifen danach, dieser dumme Automatismus, den stets und immer zu sabotieren so schwer fällt: In diesem Fall lockt mich der Vorbericht über das samstägliche Fußballspiel der Kölner bei den Bayern, das ja bereits Vergangenheit ist, während ich den Artikel lese, einen Punkt haben sich die wackeren Kölner erkämpft, ich spüre jetzt noch die Nerven­anspan­nung, der ich erlegen bin, während ich – beim Schreiben von E-Mails und anderen kleinen Texten – immer wieder auf den Liveticker blicke: In den letzten Sekunden der Nachspielzeit hält Mondragon noch zwei nahezu unhaltbare Bälle), einen weiteren voreiligen, undurch­dachten, haar­sträubenden, moralin­gesäuerten Kommentar lese und, naturgemäß, einen weiteren Kulturschock erlebe. Warum lese ich diesen Unsinn, den dieser hoffärtige Verfasser, der sich, das zeigen diese Zeilen unverkennbar, niemals erschöpfend, gründlich, interes­siert, sorgfältig mit dem Leben und den Gedichten des Autors befaßt hat, über Oskar Pastior aufsetzt, das braucht mich doch gar nicht zu interessieren, frage ich mich laut, und flüchte schon wieder, diesmal in die Spruchweisheiten, an denen ich mich immer wieder fest­zuhalten versuche:
  • Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen (Ludwig Wittgenstein) Intellegis me esse philosophum? (Erkennst du nun, dass ich ein Philosoph bin?)
  • Intellexeram, si tacuisses (Ich hätte es erkannt, wenn du den Mund gehalten hättest) (Boethius) Ein Narr, wenn er schwiege, würde auch für weise gerechnet und verständig, wenn er das Maul hielte (Salomon)
  • De mortuis nihil nisi bene (Cheilon von Lakedemonien)

* * *

Wer kommt denn da so morgenschön?
Wer morgent denn da so schön heran?
Wer schönt heran so morgenda?
Dat wer schön so am Morgen?
Wer kömmt da mor wer dennt da schön?
Wer gent so mör wer sot so kömm?
Wer hert wer wert denn sö?
Kömmt da wer?
Mört wer da?
Wer dä!
Mörg

Oskar Pastior · durch und zurück



Nach dem unverhofften, jähen Tod Oskar Pastiors am Abend des 4. Oktober 2008, dem Vorabend der Verlei­hung des Büchner-Preises, der ihm endlich, endlich zuge­sprochen worden war, lese ich tagelang Pastiors Gedichte wieder und wohl mit noch mehr Inbrunst als zuvor und schreibe an einem jener pastior­grundierten, pastior­durch­tränkten Tage das 2009 in Wortlos ver­öffent­lichte Gedicht an oskar p. – eine verinnerung, in das ich mich nun ebenfalls flüchte an diesem Sonntag­morgen des 19. September 2010 (im Lyrikkalender les ich liebe von Michael Lentz, der Oskar Pastiors Gedichte durch – und zurück so kenntnis­reich, so liebe­voll auswählte und herausgab), der in der kühlen Frühe mit der mich durch diese musikalisch kreisende Sprache wie immer gleich­sam beschirmend umhül­lenden Lektüre von Thomas Bernhards Prosabuch Goethe schtirbt (Wie Sie wissen, bin ich schon seit mehr als vier Monaten auf der Flucht, aber nicht, wie ich Ihnen angedeutet habe, in südlicher, sondern in nördlicher Richtung, nicht die Wärme hat mich schließlich angezogen, sondern die Kälte, nicht die Architektur, mein lieber Architekt und Baukünstler, sondern die Natur und tatsäch­lich diese ganz bestimmte Nord-Natur, von welcher ich zu Ihnen schon so oft gesprochen habe, die sogenannte Polarkreisnatur, über welche ich vor fleißig Jahren schon eine Schrift verfaßt habe, eine der zahllosen verheim­lichten Schriften, Geheim­schriften, die niemals zur Ver­öffent­lichung bestimmt sind, nur zur Vernichtung, denn ich habe ja neuerdings wieder die Absicht, weiter zu leben, meine Existenz nicht nur zu verlängern, sondern in absoluter Zügel­losigkeit will ich weitergehen, mein lieber Architekt, mein lieber Baukünstler, mein lieber Ober­flächen­scharlatan) so gut begann.

an oskar p. – eine verinnerung

wir lagn dichtnd im [sarg]
hirn voll blitz & funkn
er sprach – kurzknapprundkarg:
wir fahrn in die büchnerspelunkn

im zäpfchn zwar ... zögernd es ... z|i|t|t|e|r|n
doch OSKAR re/zitiert was er sah:
ein we(h)r von wörtern die ... wittern
(uns schwant nicht was am 10/4 geschah)

die nacht als OSKAR PASTIOR starb
(diverse silbn klingnklingn)
die nacht als OSKAR PASTIOR starb

(versierte lettern ringn & singn)
nein ==> kein blei schwer ungemach
außer: sein klischee zerbrach –

* * *

  • Thomas Bernhard, Goethe schtirbt, 103 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Suhrkamp, Berlin 2010.
  • Günter Grass, Beim Häuten der Zwiebel, 480 Seiten, Leinen, Steidl, Göttingen 2008.
  • Herta Müller, Atemschaukel, 303 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Hanser, München 2009.
  • Shafiq Naz, Der deutsche Lyrikkalender. Jeder Tag ein Gedicht, 365 Gedichte von den Anfängen bis zur Gegenwart, Alhambra Publishing, B-Bertem 2010.
  • Oskar Pastior, durch – und zurück, 320 Seiten, Hardcover, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2007.

* * *

II · Herta Müller und die Wörter
Lebensangst und Worthunger

Ich wurde lebenshungrig, gespenstisch erpicht aufs Leben,
und sei es noch so kompliziert.
Herta Müller


In den Tagen, als man ihr unangekündigt den Arbeitsplatz wegnahm, auch im Büro der Kollegin kein Plätzchen mehr blieb und sich schließlich auf einer zugigen Treppe der Fabrik, in der sie als Über­setzerin arbeitete, allen äugelnden Gestalten aus­gesetzt, wiederfand, begann Herta Müller (statt sich mit über­flüssigen Über­setzungen abzu­geben) mit der Niederschrift der Erzäh­lungen, die in ihrem ersten Buch, dem 2010 zum erstenmal in voll­ständiger Fassung erschie­nenen Erzählband Niede­rungen zusammen­gefaßt sind. Dies sind Geschichten, die Kindheit und Jugend in einem Dorf im Banat zur Sprache bringen, jener Gegend in Rumänien also, in die Herta Müller hinein­geboren wurde, um sich fortan nichts als zu wehren und in ihrem Dasein nach und nach jedes Gefühl von Heimat zu verlieren, das sie sich, am Ende auf einer kalten Treppe gelandet, mit den Wörtern, den Sätzen, den Vergleichen und Metaphern zurück­erobern mußte, wollte sie, der Sprache mehr bedeu­tete als Floskel und Zynismus (Man hat aufgepaßt, daß die Gewalt und Lächerlichkeit dieser Sprache einem nicht auch noch in den eigenen Mund hineinrutscht. Daß sie einem nicht in den eigenen Kopf wächst), nicht frühzeitig eingehen in einer Welt, die sie mit gleichsam toten Augen anstarrte. In jenen Tagen während der 1970er Jahren schlüpfte die Schriftstellerin Herta Müller aus dem Ei. (Niederungen erschien, nachdem es zunächst vier Jahre lang vom Verlag zurück­gehalten wurde, 1982 in stark zensierter Fassung.)

In Lebensangst und Worthunger stellt sich Herta Müller im Oktober 2009, drei Wochen nachdem bekannt wurde, daß sie den Nobelpreis für Literatur erhalten würde, den Fragen von Michael Lentz. Die jeweils mit einer abwehrenden Floskel – Das ist schwer zu sagen – einsetzenden, sodann sehr diffe­renzier­ten, zu kleinen Aufsätzen ausufernden Antworten gewähren aufwühlende Einblicke in die ineinander verschmelzende Arbeits-, Denk-, Lebens- und Schreibweise der Autorin, ihre Auseinandersetzungen und Erfahrungen mit dem Dasein in Dorf und Diktatur, mit den sie umgebenden, sie zu beherrschen suchenden Menschen. Sie spricht über die zweifache, mit sich und miteinander tanzende, ineinander verschlun­gene rumänien­deutsche Sprach­existenz, die in der Müllerschen Lyrik und Prosa auf so zauberische Weise stil­bildend wirkt, sowie das Ausge­stalten des Romans Atemschaukel, den sie mit Oskar Pastior gemeinsam vorbe­reitete, bis dessen jäher Tod die gemeinsame Vollendung des Buches verhinderte:

Und wenn ich im Erfinden nicht mehr weiterwußte, habe ich in seine Gedicht­bände geschaut, und dann sprangen mir die Worte zu. Ich habe gar nicht lange gesucht, zufällig einen Gedichtband aufgeschlagen, und da war es. Immer wieder sprang so ein Wort heraus. Ich brauchte ein Adjektiv, und in irgend­einem Gedicht stand es schwarz auf weiß. „Na bitte, da haben wir es doch“, hab ich mir dann gesagt. Oder in den schönen filigranen Zeich­nungen von Oskar Pastior saßen Formen und Wörter für den Lagertext. Dabei hab ich immer den Eindruck gehabt, er schreibt jetzt ja doch noch mit. Und bevor ich eins seiner Bücher aufschlug, habe ich zu mir selbst gesagt: „Oskar, jetzt sag mal was.“ Und er sagte was. Wenn ich es darauf anlegte, mußte er mir helfen.

Die letzten Sätze lösen alles bis dahin Gesagte auf gleichsam wundersame Art in Luft auf, als Herta Müller, die sich die Wörter zum reinen Über­leben erkämpft hat, das Phänomen des Ergriffenseins beim Lesen beschreibt. Der höchste Moment ist für sie jener, der nicht mit Wörtern zu fassen ist, der Augenblick, in dem bloß fassungsloses Staunen bleibt, das sie als Irrlauf im Kopf bezeichnet: Man kann ja nicht alles in Wörtern sagen. Man denkt ja auch anders als nur in Wörtern. Und man fühlt ja sowieso nicht in Wörtern. Das meine ich damit. Ich weiß nicht, ob ich das jetzt damit erklärt habe. Der "Irrlauf im Kopf", das ist das, was einen so verblüfft, als würde man es vor Bewun­derung nicht mehr aushalten.

Mir ist während der Lektüre von Lebensangst und Worthunger, als säße Herta Müller mir gegenüber. Ich höre sie die Wörter, die ich lese, sprechen, und gleichzeitig mäandern die Bücher durchs Gehirn, die mit wilden Wörtern und magischen Metaphern so manchen Irrlauf herauf­beschwören: Atemschaukel, Die blassen Herren mit den Mokkatassen, Der Fuchs war damals schon der Jäger, Der König verneigt sich und tötet, Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt, Drückender Tango, Herztier, Niederungen und Reisende auf einem Bein.
  Ich freue mich (und bin gespannt) auf mehr.

* * *

  • Herta Müller, Lebensangst und Worthunger. Im Gespräch mit Michael Lentz. Leipziger Poetikvorlesung 2009, 56 Seiten, Broschur, Suhrkamp Verlag, Berlin 2010.

* * *

10

  Oswald Egger
Die ganze Zeit
Suhrkamp, Berlin 2010

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GILBHARD · LOCKTAUBER 2010
Die ganze Zeit · Zombies

I · Unruhig ist unser Herz · Die ganze Zeit

Ein abgrundtiefes Geheimnis ist der Mensch
Augustinus


24 mal 17 mal 4,6 cm: Maße, die bibelähnlichen Charakter haben. Ein großzügig wirkendes, sehr schönes, in apfel­sinen­farbenes Leinen (in das ein maschen­draht­ähn­liches Bild, in dessen Mitte vier auf­einander­gerichtete Pfeile zueinander finden, grün impräg­niert ist) gehülltes und mit grünen Lese­bändchen versehenes Buch ist Oswald Eggers Die ganze Zeit, das die einen als Lyrikband, die anderen als Roman bezeichnen. Wie so oft liegt bei polari­sierenden Phänomenen die Wahrheit, die es nicht gibt, im luftleeren Raum dazwischen. Denn Die ganze Zeit ist, naturgemäß, weder das eine noch das andere. Die ganze Zeit ist ein Unikatbuch, ein Künst­lerbuch gleichsam, das sich jeder gattungs­spezifi­schen Einordnung entzieht.
  Nun ist es eine Sache, ein Buch als Objekt über den grünen Klee zu loben, eine andere, das Buch auch tatsächlich zu lesen. Viele Bücher, die ins Haus kommen, lese ich umgehend, die aktuelle Lektüre dafür auch gelegentlich hintanstellend. Das ist bei Die ganze Zeit ein wenig anders.
  Natürlich packe ich das Buch rasch aus, erfreue mich sogleich an der Gestaltung, wiege es in der Hand, in der das leinengebundene Werk trotz seines Umfangs angenehm leicht liegt, und lese unverzüglich die ersten Seiten, die sogleich eine Überraschung darstellen. Das erste Wort: BEKENNTNISSE. Und tatsächlich, die spontane Vermutung trifft zu: Hier stehen neue Übertragungen der CONFESSIONES des Augustinus, dessen eine – eingebrannt wie ein Tattoo – mich lebenslang begleitet, seit ich sie von frühester Kindheit an während jeder Messe vom katholischen Dorfpfarrer in Bürvenich gesprochen hörte: Unruhig ist unser Herz, bis es ruhet in dir, o Herr. / Inquietum est cor nostrum, donec requiescat in te, Domine, unpaginiert und im Wechsel mit ringförmigen Zeichnungen des Autors über ein Dutzend Seiten das voluminöse Buch einleitend – und mit einer Seite Boethius am Ende das über 700 Seiten starke, auf vier Säulen – Zeichnung, Übertragung, Blocksatz-Gedicht in lyrischer Prosa, die von vielen Vierzeilern (in nihilum album finden sich 3.650 von diesen Ameisengedichten) eingerahmt werden, die am Ende von Kapiteln die Herrschaft über eine ganze Seite übernehmen – stehende Werk beschließend. Anschließend lese ich den Klappentext:

Was tue ich eigentlich die ganze Zeit, während ich denke, dass ich spreche? Soll (will und kann) ich die Dinge mit den Augen derer sehen, die sie selber nicht mehr sehen oder noch nicht? Die elfunddreißig Ichs, welche in Oswald Eggers lyrischem Roman wie augenblicklich umgehende Schelmwesen toben, verflüchtigen sich in etwas, was seit Augustinus die ganze Zeit verheißt: Aufmerksamkeit, Erwartung und Erinnerung in einem. Die Jetzt-Sätze der Erzählung springen feixend ineinander: Gnome, Habergeißen und anderes Wolkengetier erringen fabelhaftes Eigenleben und hüpfen von der Maskenbühne tolldreist ins Parterre der Ungereimtheit. Sie führen dort ungeheure, verblichene, oft schroffe Szenerien einer bald abenteuerlichen, bald wilden Jagd nach Vergeblichem auf, wobei gilt: Zeit ist Welt.

Auf den Baustein Die ganze Zeit wollte ich, wie schon auf Tag und Nacht sind zwei Jahre, im Gebäude der Büchersammlung um keinen Preis mehr verzichten.

Mein Leben
War eine Feuer-
Lilie, die
auf Heu blüht.


In einer späten September­nacht beginne ich die Lektüre. Im Nu spüre ich die Wörter in der Brust pochen (geht das überhaupt?), fühle einen pulsie­renden Druck, und ich sage nach einigen Seiten laut vor mich hin: Wahnsinn, das ist der helle Wahnsinn, und lese weiter und weiter und weiter. Ich weiß von der ersten Zeile (Es ist wahr: ich bin stark, ich habe Lunge und Arm, und ich atme), vom ersten Vierzeiler an: Das ist mein Buch, das ist ein Buch zum Mit-Haut-und-Haar-Verspeisen, zum Lesen, bis mir die Augen überlaufen von Wörtern und Bildern und

Halb stemmt eine dritte Figur auf ihren himmel­hin erhobenen Sohlen im Korb eine Maulbeere herauf, die Frucht vom Strauch der Raupe, in deren Puppe sich kein Leib verhüllt: bis er zur unsicht­baren Insassin der Schemen mehr innehat als ihren Schatten. Der Kirsch­kern­beißer, ein Unhold­vogel, als horn­beschnä­belter Zer­schrotter dürrster Samen und durch die heftig ankeifenden Spuck­kerne seines Lockrufs: Zick, zick, zieh! Bringt Ingrimm und Stimmen in Syzygie

Der Gourmet wird zum Gourmand, ich werde immer gieriger nach den Wörtern, beginne die Wörter zu schlingen · die Wörter zu mampfen · die Wörter zu malmen · die Wörter zu mantschen · die Wörter zu fressen · die Wörter zu knatschen · die Wörter zu beißen · die Wörter zu mümmeln · die Wörter zu mahlen · ich schmatze vergnügt in der Stille dieser Nacht und der fol­genden Nächte und bin heilfroh, mir dieses gepfef­ferte, opulente, grandiose Riesen­mahl längst nicht in einem oder zwei Tagen einver­leiben zu können, wie das nun einmal bei der Mehrzahl der Bücher der Fall ist.

* * *

  • Oswald Egger, Die ganze Zeit, 741 Seiten, Leinen, Lesebändchen, Suhrkamp, Berlin 2010.
  • Oswald Egger, nihilum album. Lieder & Gedichte, 150 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2007.
  • Oswald Egger, Tag und Nacht sind zwei Jahre. Kalendergedichte, 36 Seiten, handfadengebundene Broschur, Verlag Ulrich Keicher, Leonberg 2007.

* * *

II · Zombies
E-Mail an Weigoni

Lieber Andreas,

Zombie-Alarm in Sistig. Ich danke Dir sehr für die Zusendung des umfangreichen Erzählbands. Nachdem ich lese, was Matthias Hagedorn über das Buch schreibt (Das Prosageflecht „Zombies“ ist ein prismatisches Lichtspiel, das in vielen Facetten aufleuchtet: als leichtfüßige Komödie und ätzende Satire, als Fabel zur gesellschaftlichen Moral zu Beginn des 21. Jahrhunderts; es sind Geschichten eines Übergangs: vom Sozial- zum Individualstaat, von der Fürsorgegesellschaft zu Verhältnissen, die jeden auf sich selbst verweisen) bin ich gespannt, was diese Prosa mir zu bieten haben wird – außer Zombies. Ich wußte ja von der unmittelbar bevor­stehenden Veröffentlichung des Buchs, aber daß es ein solcher Schinken ist, das haut mich um, da ich Dich bislang als Autor eher schmaler Bücher kenne.

Wie schön wäre es, wenn in einer Jahreszeit einmal wieder ein Buch im Mittelpunkt stehen könnte, ein Buch, das alle lesen und daß die einen schätzen und die anderen vielleicht nicht, und es gäbe mal wieder einen flächendeckenden Diskurs, der alle unter ein Dach brächte: Seit einigen Wochen prasseln die Bücher wieder wie dicke herbstliche Regentropfen ins Haus, worüber ich mich natur­gemäß auch freue (wo ich den Regen so liebe), aber vor lauter Büchern ... Oswald Egger wartet ja mit einem noch mehr als doppelt so umfangreichen, dabei höchst attraktiven Buch auf, und dieses Buch lese ich seit einigen Tagen und Nächten mit der größten Begeis­terung. Du wirst Dich also einige Zeit gedulden müssen, bevor ich Zombies lese. Sehen wir's von der positiven Seite und sagen: Gut Ding will Weile haben.

Herzliche Grüße
Theo

PS Einige Tage lang hatten wir hier in der Wolfskaul keinen Zugang zum Internet. Da werde ich leider immer ganz schnell furchtbar kribbelig. All diese blöden (schönen) Abhängig­keiten in dieser verrückten Zeit nach 2000. Die Umstellung von DSL 1.000 auf DSL 6.000 war mit einer Reihe blöder Umstände verbunden (von wegen verbunden!), aber jetzt jagen wir wieder, nachdem ich, der phasenweise Frustrierte, mehr als einen Tag lang telefonierte, kombinierte, investierte, mit und ohne Hilfe konfigurierte und installierte, mit den Botschaften in atem­beraubender Licht­geschwindigkeit um den Globus herum und zurück. Heißa.

* * *

Ich lese A. J. Weigonis roman­haftes Prosa­mosaik Zombies – ein eigenstimmiges, originelles, starkes Stück Literatur – an vier aufeinander folgenden Abenden im späten Oktober. Die abschlie­ßenden Etappen erlebe ich, nachdem ich gegen 23 Uhr von einer rauschhaften Begeg­nung mit Ardbeg, Glenlivet, Knockando, Krüger, Lagavulin, Macallan und Talisker zu Fuß durch den strö­menden Regen trabend, unendlich beschwingt, nach Hause zurück­gekehrt bin, als Crescendo, das den Boden beben läßt.
  Auch nüchtern betrachtet, macht sich von der ersten Seite an der Eindruck breit, an einem wuchtigen, in zumeist im Präsenz verfaßten, hieb- und stichfesten Parataxen (die, um des lebendigen Rhythmus willen, gelegentlich von Hypotaxen flankiert sind), von Idiosyn­krasie, Ironie, Oxymoron, Paradoxon, Sarkas­mus, Wortspiel, Zynismus (usw.) durch­wirkten Stück in 65, die hetero­gensten Lebens[t]räume der mittel­europä­ischen Groß­stadt bis in die unzugäng­lichsten Mauer­vertiefungen aus­leuch­tenden, aphori­sierenden, drama­tisierenden, konter­karierenden, persi­flierenden, philo­sophie­renden, zise­lierenden Erzähl-Akten teilzuhaben, dessen ausgereifter Stil mich 320 Seiten lang total beGEISTert. Das ist NEONEUE SACHLICHKEIT, messer­scharf beobachtet, haar­genau recherchiert, denke ich, cool, glatt, professionell sezierende ANALYTIC FICTION, die mit knallharten Sequenzen den zwischen allem und nichts changie­renden Zeitgeist nach 2000 einfängt und mehr als Bestätigung dessen ist, was ich 2009 über diesen ungar­heinischen Teufelskerl Weigoni und dessen Vignetten (weigoni.htm) schrieb.
  Ich empfehle „Zombies“ als faszinie­rendstes, formi­dabelstes, fulminan­testes, furiosestes Prosabuch, das ich 2010 aus dem deutschen Sprachraum gelesen habe, einer Reihe befreundeter Autoren, und Axel Kutsch schreibt mir nach der Lektüre der Zombies – und nie hatte er so recht wie heute: Selten ist unsere Gegenwart bisher so radikal und virtuos eingefangen worden. Dieses Buch überragt fast alles, was die deutsche Literatur unserer Tage an Prosa zu bieten hat. Ein Meisterwerk.

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  • J. Weigoni, Zombies, Erzählungen, Nachwort von Erik Lauer, 320 Seiten, Hardcover, Edition Das Labor, Mülheim an der Ruhr 2010.

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11


NEBELUNG · ROBBENBÄR 2010
Poesiefestival Konstanz · Den Himmel berühren ·
6 Tage (und Nächte) im Lyrikchampagnerbad

ach, vergeblich das Fahren!
Spät erst erfahren Sie sich:
bleiben und stille bewahren
das sich umgrenzende Ich.

Gottfried Benn

I · Kall – Köln – Konstanz

PROBEBOHREN · BIS ZUM GEHT NICHT MEHR

Die erste Reise seit 2003. Bis vor wenigen Monaten hätte ich nicht für möglich gehalten, daß ich Sistig in diesem Jahr für länger als einen Tag verlassen würde. Im Vorwort (das ich im Januar schreibe) äußere ich mich mehr als deutlich, schließe Reisen noch kategorisch aus. Und nun das: Vom 19. bis 24. November 2010 nehmen Urs Allemann · Theo Breuer · Elke Erb · Daniel Falb · Karin Fellner · Christian Filips · Mara Genschel · Nora Gomringer · Rolf Hermann · Andrea Heuser · Nadja Küchenmeister · Stan Lafleur · Swantje Lichtenstein · Brigitte Oleschinski · Hellmuth Opitz · Marion Poschmann · Monika Rinck · Ulrike Almut Sandig · Tom Schulz · Keston Sutherland · Ron Winkler am ersten Konstanzer Poesiefestival (mit einem Dutzend Veran­stal­tungen) teil, das von Tag zu Tag stärker die berauschende Bandbreite zeit­genössischer Lyrik im deutschen Sprachraum nach 2000 aufscheinen lassen wird.
Ich gestalte mit Mara Genschel und Zsuzsanna Gahse, die moderiert, in der Sternwarte Kreuzlingen einen lyrischen Abend unter dem Thema Den Himmel berühren · Die Leichtigkeit der Poesie. In den Monaten August und September verfertige ich ein Gedicht, das auf gleichsam himmlische Art das Thema des Abends in sich birgt, und es ist klar, daß das Gedicht, dem ich Jandls nun schon legendäre, zum Aphorismus stili­sierte Worte Ein Weniges ein wenig anders machen. Ganz kleine Verschie­bungen voranstelle, Teil des 70minütigen Programms sein wird, das das Festival am Mittwoch, dem 24. November 2010 in der Zeit von 21.20 bis 22.30 Uhr beschließt:

himmelstürmer

Für die siebenstündige Bahnfahrt von Kall über Köln nach Konstanz nehme ich den (trotz des nahezu 1.000 Seiten) handlichen Echtermeyer als Lektüre mit, der 2010 in der 20. Auflage seit 1836 erschienen ist, und fahnde fortwährend nach Versen, die mir nicht so geläufig sind, wie sie es sein sollten, und lande doch auch immer bei Gedichten, die ich hundert Mal schon gelesen habe, noch (mindestens) einmal so oft lesen will und die ich mir (ab Mainz bin ich bis zur Endstation Konstanz allein im Abteil) laut vorlese: Todesfuge · Die schlesischen Weber · Hälfte des Lebens · usw. Aber auch, wer will es mir verdenken, nach Gedichten auf Reisen halte ich Ausschau und werde ziemlich schnell fündig:

Hamburg–Berlin

der zug hielt mitten auf der strecke. draußen hörte
man auf an der kurbel zu drehen: das land lag still
wie ein bild vorm dritten schlag des auktionators.

ein dorf mit dem rücken zum tag. in gruppen die bäume
mit dunklen kapuzen. rechteckige felder,
die karten eines riesigen solitairespiels.

in der ferne nahmen zwei windräder
eine probebohrung im himmel vor:
gott hielt den atem an.

Jan Wagner


Jan Wagners Gedicht spricht mich erneut stark an, ich habe es in den vergangenen sieben Jahren oft (in verschiedenen Publikationen) gelesen und von Beginn an gut gefunden: ein dorf mit dem rücken zum tagin gruppen die bäume mit dunklen kapuzenin der ferne nahmen zwei windräder / eine probebohrung im himmel vor, aber heute spricht es mich stärker an denn je, so stark, daß ich es für mich in diesem Augenblick noch stärker machen, ja, mir übermütig mit Haut und Haaren einverleiben will. Schon habe ich den Füllhalter aufgeschraubt, die Kladde liegt auf dem Schoß, ich weiß kaum, wie mir geschieht, spiele Solitaire, tanze simultan den Pas de deux mit Wagners Wörtern, tosend rauscht (rauschend tost?) die Landschaft vorbei, wir sind auf der Höhe von Mannheim, und ich schreibe das Gedicht so auf, wie die Hand mich, mir das Gedicht anverwandelnd, führt und wie ich es geschrieben hätte, wenn ich, ja, wenn ich just auf dieser Reise, an Jan Wagners statt – simsalabim · mit dessen Ideen und Vorstellungen – der Urheber gewesen wäre:

kall–köln–konstanz

der zug hält unvermittelt auf der strecke · draußen hört
der mann auf die kurbel zu drehn · das land liegt still –
der augenblick vorm dritten schlag des auktionators

ein dorf mit dem rücken zum tag · in gruppen die bäume
mit dunklen kapuzen · karreefelder –
karten eines kapitalen solitairespiels

am horizont nehmen zwei windräder
eine probebohrung im himmel vor – – –
der gott der landschaft hält den atem an



Stirnrunzelnd lächelnd lese ich die Version, reiße das Blatt aus der Kladde, zerknülle es und stecke die kleine, knittrige Papierkugel in die Manteltasche, aus der sie nach der Rückkehr nach Sistig am Abend des 25. November 2010 herausfällt.

Am Bahnsteig erwartet mich eine lächelnde Christine Otto, 30jährige Projektleiterin des vom Kulturbüro der Stadt Konstanz unter der charmant-souveränen Leitung von Angelika Braumann geplanten, organisierten und durchgeführten Poesiefestivals. Während Mara Genschel, beispielsweise, in einer Luxussuite im Steigenberger untergebracht ist, gleicht der für mich reservierte (im übrigen mit allem Notwendigen gut und solide ausgestattete) Raum eher einem begehbaren Kleiderschrank als einem Hotelzimmer. Während Frau Otto beim Öffnen der Tür erschrocken errötet und kurzerhand anbietet, für ein größeres Zimmer zu sorgen, winke ich, nach einem Platz für den kolossalen Koffer kundschaftend, aufgeräumt ab: "Nein, nein, vielen Dank, liebe Christine, das ist schon okay, hier bin ich Mensch, hier kann ich sein, mich zudem nicht verlaufen und kriege den Crashkurs Nicht anecken gleich mitgeliefert."

* * *

  • Peter Geist · Elisabeth K. Paefgen (Hg.), Echtermeyer. Deutsche Gedichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, 942 Seiten, Leinen mit Schutz­umschlag, Cornelsen, Berlin 2010.

* * *

II · Nach und nach. Dichter-Treffen
Daniel Falb · Karin Fellner · Nora Gomringer · Andrea Heuser · Nadja Küchen­meister · Stan Lafleur · Marion Poschmann

die brombeeren zittern /
von wespen ausgehöhlt im strauch

Nadja Küchenmeister


Trotzdem geht es vom ersten Augenblick an Schlag auf Schlag. Auf der Hoteltreppe begegne ich dem als Fachbeirat dem Festival beiwohnenden Matthias Kehle erstmals persönlich, freue mich, Ballwortjongleur Stan Lafleur nach mehr als 15 Jahren aus der Tiefe des Kölner Raumes auftauchend wiederzusehen und mich später am Abend – mit blick in den himmel – vom monotonalen Lafleurschen Sprechgesang in den Bann ziehen zu lassen, sitze im Café Wessenberg zwischen Karin Fellner (von der ich beim abendlichen Dichter-Treffen packende sinnliche – knackige – Sequenzen höre) und Andrea Heuser. Die Heuserin und mich verbinden, wie wir lachend feststellen, ungeahnte Kölner Erinnerungen, ihr Gedicht werfen hinterläßt beim Vortrag einen rasenden Eindruck.

Im Wolkenstein-Saal des Kulturzentrums am Münster jagt ein Vers den anderen: Siebene auf einen Streich hat das Kulturbüro aufgeboten, und Moderator Hansgeorg Schmidt-Bergmann hebt sie alle in den Himmel. Bei Nadja Küchenmeister leuchten Alle Lichter, Nora Gomringer kommt und geht, nicht ohne den rund 120 verblüfften Zuhörern kraßkühlkalkulierte Nachrichten aus der Luft präsentiert zu haben – bei einem den Geist Heinz Erhards evozierenden paragrammatischen Kalauer wurd's sogar richtig heimelig: Bauernidylle // Vater / Mutter / Rind, während Daniel Falb, dessen umgeworfene BMWs ich in diesem Augenblick fühlbar erinnere, es sich erst einmal gemütlich macht und ruhig, freundlich, wie nebenher die Verse vors angestrengt lauschende Volk streut, das keine Silbe verpassen will. Blitzenden Auges beschwört Marion Poschmann (über deren Grund zu Schafen von 2004 ich in Aus dem Hinterland festhalte: Katachrese, Pointe, Synästhesie, Unmittelbarkeit in der Kombination von Adjektiv, Nomen und Verb katapultieren den Gedichtband schon während des Lesens am 21. August 2005 in die oberen Regionen der Hitliste nach 2000) gute Geister – längst nicht bloß mit einem selbstschöpferisch verfremdeten Vers wie Verschon uns, Gott, mit Schafen, und so erinnere ich das Ende des ersten Festival-Abends (der noch lange nicht zu Ende ist: Alle sechs Nächte werden in Café oder Kneipe mit gewinnbringenden Gesprächen rund ums Gedicht gleichsam open ended fortgesetzt) mit viel, viel Beifall und lauter strahlenden Gesichtern, während ich diese Wörter hier und jetzt am 5. Dezember 2010 aufschreibe (es schneit und schneit und schneit und schneit) und in den besonders gut gelungenen Gedichtbüchern der Autorinnen und Autoren des ersten Abends lese:

in der Fußgängerzone kam Wind auf
wie immer Wind aufkommt bei der Suche
nach jenem richtigen Ort der sich stets
weit entfernt zeigt, die Abfallpapiere
am Boden verrutschten, mein Mantel
flatterte, und, als wäre dies schon ein Grund
mich selbst zu den Dingen zu zählen
als wäre dies schon ein Grund
blieb ich ungefragt stehen

Marion Poschmann · Geistersehen

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  • Daniel Falb, die räumung dieser parks, 72 Seiten, Klappbroschur, kookbooks, Idstein 2003.
  • Karin Fellner, hangab zur kehle, 98 Seiten, Broschur, yedermann, Riemerling bei München 2010.
  • Nora Gomringer, Nachrichten aus der Luft, 80 Seiten, Hardcover, mit Audio-CD, Verlag Voland & Quist, Dresden 2010.
  • Andrea Heuser, Vor dem Verschwinden, 89 Seiten, Broschur, Hör-CD, edition schwarzes quadrat, onomato Verlag, Düsseldorf 2008.
  • Stan Lafleur, die welt auf dem fusz. Fußballgedichte mit Halbzeitpause, 143 Seiten, Broschur, Koall Verlag, Berlin 2006.
  • Nadja Küchenmeister, Alle Lichter, 101 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2010.
  • Marion Poschmann, Geistersehen, 126 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Suhrkamp Verlag, Berlin 2010.

* * *

III · Pendeln zwischen Sprachwelten [ist] alles was du und ich kennen:
Bodman Literaturhaus und Burgcafé mit Ulrike Almut Sandig

Poetry is what gets lost in translation
Robert Frost


Von wegen ausschlafen nach einer langen Nacht: Um 8 Uhr sitze ich mit Andrea Heuser und Karin Fellner, die beide schon wieder abreisen müssen, am mehr als reichlich gedeckten Frühstückstisch, und wir lassen den vergangenen Abend Revue passieren. Um halb zehn steht Christine Otto mit ihrem jaguarähnlichen Auto vor der Tür, um uns zum Bodman Literaturhaus (wo Ulrike Almut Sandig gerade als Stipendiatin weilt) im schweizerischen Gottlieben zu kutschieren, wo wir mit Thilo Krause, Swantje Lichtenstein, Marion Poschmann, Ulrike Almut Sandig und Ulf Stolterfoht als Leiter des Workshops (sonntags stoßen noch Rolf und Liz Hermann sowie Tom Schulz dazu) Probleme des Übersetzens aus dem Englischen wälzen.
  Der an beiden Tagen jeweils von 10 bis 13 Uhr intensiv, auf der Basis der Aufsätze von Hans-Jost Frey, Übersetzen / Schleiermachers Übersetzungstheorie und Peter Waterhouse, Halbe Sachen geradezu leidenschaftlich geführte Diskurs, bei dem sich nicht nur Swantje Lichtenstein als temperamentvolle Nahkämpferin erweist, die mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln rheto­rischer Redseligkeit einen Treffer nach dem anderen für sich zu verbuchen sucht, führt abschlie­ßend zur direkten Überset­zungsarbeit an zwei Beispielen aus der amerikanischen Lyrik, die zeigt, daß viele Wege nach New York und anderswohin führen. Prädikat: wertvoll.

Nach dem Mittag­essen im nahegelegenen Restaurant jagen wir zurück ins Hotel, um kurze Zeit später schon wieder aufzubrechen, diesmal zur Meersburg, wohin wir – Matthias Kehle, Swantje Lichteinstein, Christine Otto, Ron Winkler, der mich in ein Gespräch über Lyrikleser verwickelt – mit der Fähre fahren, wobei wir bei blauem Himmel, in dem, wie gerufen, ein Luftschiff schwimmt, ein verschnei­tes Alpen­panorama (Ruhig glänzen indes die silbernen Höhen darüber, / voll mit Rosen ist schon droben der leuchtende Schnee, lese ich in Friedrich Hölderlins Gedicht Heimkunft) geschenkt bekommen, das so atemberaubend ist wie die plötzlich gefühlte Extremkälte auf dem See.
  Warm ums Herz wird mir schnell bei Ulrike Almut Sandigs Lesung im Burgcafé der Meersburg (wo ich Annette von Droste-Hülshoffs Verse aus dem Gemäuer heraus zu hören vermeine): Ulrike liest aus dem Erzählband Flamingos sowie einem noch im Entstehen begriffenen Lyrikmanuskript auf eine Weise, daß man im bis auf den letzten Platz gefüllten Café nur einen Teelöffel fallen (bzw. ein Handy klingeln) hört. Toll, wie die Autorin sich in den von ihr erfundenen kleinen Helden der Geschichte hinein­versetzt, ihn stimmlich kongenial nachempfindet. Leise, aber sehr klar trägt Ulrike Almut Sandig die neuen Gedichte vor, die die Qualität des von mir mit so viel Lust gelesenen Lyrikbands Streumen vielleicht noch übertreffen, die Lektüre im nächsten Jahr wird es zeigen.

* * *

  • Ulrike Almut Sandig, Flamingos, Erzählungen, 176 Seiten, Leinen mit Schutz­umschlag, Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2010.
  • Ulrike Almut Sandig, Streumen, 84 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Connewitzer Verlagsbuchhandlung, Leipzig 2007.
  • Rainer Stöckli (Hg.), Säntis und Alpstein im Gedicht. Eine Anthologie mit Gedichten von Beat Brechbühl, Werner Bucher, Annette von Droste-Hülshoff, Friedrich Hölderlin, Matthias Kehle, Eduard Mörike u.v.a., Nachwort von Rainer Stöckli, 221 Seiten, Naturleinen, Edition Isele, Eggingen 2009.

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IV · Singsang Siingang, Zingzang. Vom Klang der Lyrik
Urs Allemann · Elke Erb · Rolf Hermann · Monika Rinck


Rolf Hermann | © Elke Linne

wieso habe ich diese gedichte nicht schon früher gelesen
Rolf Hermann


Um 20 Uhr geht's weiter im – Finanzamt. Wenn's denn der guten Sache dient, denke ich und staune über die nahezu gigantisch wirkende kühne Architektur des neuen Gebäudes. Der große Lust auf Lyrik ausstrahlende Moderator Urs Heinz Aerni (u.a. Mitherausgeber der Literatur­zeitschrift entwürfe) präsentiert im lockeren Gespräch zunächst Urs Allemann, der ein Silben­feuerwerk abbrennt, daß der Boden im gutbesetzten Foyer des Finanzamts bebt. Elke Erb zeigte sich ebenfalls in Bestform: Verschmitzt-lässige Antworten und ver­zwirbelte Gedichte aus Meins verdichten die Hochstimmung. (Was ich, nach Hause zurück­gekehrt, beim Lesen des von Elke Erb signierten Gedicht­buchs Meins empfinde, ist im zwölften Teil nachzulesen.) Auch Rolf Hermann ist gut drauf, liest mit freundlich-fröhlicher Stimme Gedichte, deren doppelbödiger Humor unmittel­bar verfängt. In Aus dem Hinterland heißt es: In Monika Rincks Gedichtband „Verzückte Distanzen“ (2004) finde ich einen ungewöhn­lichen Reichtum an verita­blen und zupackenden Wörtern, gewonnen aus präzisester Beobachtung, und eine luftige Sinnlichkeit ist in diesen Gedichten mit coolem, u.a. vielleicht an Benn geschul­tem Klang, bei dem "die blauen Matten quietschen", mesmerisierenden Momenten, ironisierendem Ton und rotierendem Rhythmus. Und so freue mich über die Maßen, Monika Rinck und die mesmeri­sierenden Momente dieser Gedichte an diesem Abend erstmals live zu erleben.

Gegen 23 Uhr wieder im Café Wessen­berg, wo wir während der sechs Tage die Mehrzahl der Mahlzeiten einnehmen, habe ich das Glück, Elke Erb gegen­über­zusitzen, die ebenfalls in der Voreifel geboren wurde (sie in Scherbach bei Rheinbach, ich in Bürvenich bei Zülpich), ein Faktum, das auch in Meins seine Spuren hinterläßt. 90 Minuten lange lausche ich gebannt den von persön­lichen Erleb­nissen durch­tränkten und nur gelegentlich von mir kommen­tierten poetolo­gischen Sentenzen Elke Erbs, bis ich, weit nach Mitternacht, bei Urs Allemann und Matthias Kehle lande, mit denen ich schließlich, (nicht nur) abgefüllt mit Gedichten und guten Gesprächen, den Weg ins Hotel antrete.

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  • Urs Allemann, im kinde schwirren die ahnen. 53 Gedichte, mit CD, 58 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Urs Engeler Editor, Basel und Weil am Rhein 2008.
  • Elke Erb, Meins, 142 Seiten, Broschur, Roughbooks, Wuischke · Berlin · Holderbank SO 2010.
  • Rolf Hermann, Hommage an das Rückenschwimmen in der Nähe von Chicago und anderswo, 113 Seiten, Klappbroschur, Verlag X-Time, Bern 2007.
  • Monika Rinck, Verzückte Distanzen, 48 Seiten, Leinen, Lesebändchen, zu Klampen Verlag, Springe 2004.

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V · Check out the zeitgeist
Keston Sutherland und Ron Winkler

wir lieben die sich selbst beweisende Turbulenz.
Ron Winkler


Sonntagmorgen. Es kribbelt und wibbelt weiter. Früh aufstehen, ausgiebig früh­stücken, zum Bodman Literaturhaus fahren (den zweiten Teil des Übersetzungs-Workshops habe ich oben bereits kurz abgehandelt), Mittagessen, Rückfahrt nach Konstanz, Treffen zum Tee bei Peter Salomon, dem ich nach jahre­langer Korrespon­denz und vielen Telefonaten (wie allen anderen Autoren außer Swantje Lichtenstein und Hellmuth Opitz) erstmals persönlich begegne. Peter liest sehr viel, ich bestaune die Bibliothek, die schönen Bilder, zwei Stunden fliegen dahin, um viertel vor sechs bin ich im Hotel verabredet mit Claudia Gabler, Matthias Kehle, Swantje Lichtenstein, Ron Winkler und Keston Sutherland (der angespannt die englischen Fuß­ball­ergebnisse checkt, ich gucke gleich mal auf die deutschen und erfahre, daß mein 1. FC Köln in Stuttgart gesiegt hat, ich falle den verdutzten Keston und Matthias um den Hals, was für ein Glück, was für ein Glück), um uns vor dem Abend­programm entsprechend zu stärken.

Im Foyer der Spiegelhalle haben sich schon viele, in erster Linie junge Menschen eingefunden. Keston Sutherland (von dessen 2009 erschienenem Lang­gedicht John Wilkinson meint: Hot White Andy is the most remarkable poem in English published this century) und Ron Winkler (dessen Frenetische Stille mich sehr begeistert) haben, von Claudia Gabler moderiert, ein englisch-deutsches Powerpaket geschnürt, das, einmal entschnürt, eine zwei Stunden lang anhaltende, geradezu unheimliche Sogwirkung ausübt, an deren Ende es zu einer ausgeprägt positiven Entladung aus dem Publikum kommt, das sich der Spannung der passionierten Performance in keiner Sekunde entziehen will.

Sind wir hier im kleinen Konstanz? frage ich mich beim anschlie­ßenden Gang zur Kneipe, wo wir in einen weiteren stundenlangen, diesmal bier- und weingeölten Wortsog geraten und ich nach einem langen, guten Gespräch mit Ulrike Almut Sandig, die betont, wie sehr sie ihr die seit Jahren gebets­mühlen­artig verwendete feuille­tonistische Fest­schreibung ›junge Lyrik‹ auf den Geist geht, nun auch Mara Genschel kennen­lerne, mit der ich mich u.a. fröhlich über die Verlage Connewitzer und Schöffling austausche. Ja, nach und nach treffen sich die Dichter in Konstanz: rund 25 an der Zahl, die moderierenden und bera­tenden Autoren hinzugezählt. 90 Minuten nach Mitternacht komme ich im begehbaren Kleiderschrank an, schalte den Fernseher ein und kann das Glück schon wieder nicht fassen: Da läuft doch tatsächlich eine Fußball­sendung, und nach wenigen Minuten sehe ich die Zusammen­fassung des Spiels der Kölner in Stuttgart, bei dem Lukas Podolski kurz vor Schluß den zum Sieg führenden Elfmeter in den Winkel hämmert. Was kann ein Poesie­festival mehr bieten?!

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  • Keston Sutherland, Hot White Andy, Langgedicht, Broschur, Barque Press, London 2009.
  • Ron Winkler, Frenetische Stille, 95 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Berlin Verlag, Berlin 2010.

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VI · Lyrikperformance · Zeit atmen. Kritische Lyrik
Christian Filips · Swantje Lichtenstein · Brigitte Oleschinski · Tom Schulz


Swantje Lichtenstein | © Elke Linne

Vil hor und wänig sag
So lebstu mit frauden manigen tag.

Oswald von Wolkenstein


Während des von der Schauspielerin Heinke Hartmann geleiteten ganztägigen Workshop Lyrikperformance fragt Mara Genschel: „Wieviel profes­sionelle Performance verträgt ein Gedicht?“ Eine starke Frage während eines wiederum hochlebendig struktu­rierten und betont kommunikativ durch­geführten Workshops, bei dem neben Atem- und Sprech-, Geh- und Stehübung naturgemäß der Vortrag im Vordergrund steht, stets eingedenk der eben formulierte Frage, auf die Stan Lafleur, Hellmuth Opitz, Mara Genschel und ich den ganzen Tag verschie­den­artige Antworten proben, von denen eine lautet: Für mich hat das Wort (bei aller Liebe zu Lebendigkeit und Bewegung) grund­legenden Vorrang vor allen anderen Faktoren, die zum gelun­genen Vortrag gehören. Hellmuth Opitz betont den Vertrag mit dem Publikum, wenn er sich auf eine Lesung einläßt, will sagen: Was kann ich als Autor tun, daß die Gedichte beim Zuhörer einigermaßen ankommen?
  Eingedenk Benns Diktum vom modernen Gedicht, das gelesen eher eingeht, versuche ich den Vortrag zu optimieren u.a. durch lebendigen (Blick-)Kontakt zum Publikum, sehr gute Kenntnis der Gedichte, die ich vom einzelnen DIN-A-4-Blatt (und nicht aus dem Buch) in dem jeweiligen Gedicht gemäßen natürlichen Tonfall akzentuiere, moderierende, erläuternde und auch erheiternde Anmerkungen, die das Publikum auch über den längeren Zeitraum einer Gruppen­lesung bei der Stange halten.

Als Rebecca Koellner vom Kulturbüro die wiederum sehr zahlreich erschienenen Gäste im Ratssaal des Konstanzer Rathauses begrüßt und viel Vergnügen für die kommenden Stunden wünscht, kann sie nicht ahnen, was auf sie und die Mehrzahl der Anwesenden zukommt. Zunächst tritt Matthias Kehle ans Redner­pult und erinnert in einem Nachruf, in den er das Gedicht Columbus einbindet, an den am 20. November 2010 verstorbenen Dichter Walter Helmut Fritz, dem ich 2009 zum 80. Geburtstag dieses Porträt widme: walter-helmut-fritz.htm. Sachkundig führt Monika Küble, mehrfach auf die auch politisch angehauchten Lieder Oswald von Wolkensteins verweisend, ins Thema des Abends ein: Können / dürfen / wollen Gedichte heute noch politische Bot­schaften transportieren? Mich interessiert eine solche Fragestellung nicht besonders, was aber belanglos ist, da ich mich für Gedichte interessiere, und dafür bin ich hier.
  Woran ich in den nächsten fünfzehn Minuten teilhabe, ist von einer nahezu brillanten Eindringlichkeit, wie ich sie selten zuvor erlebt habe: Ohne ein einziges Blatt in der Hand trägt die ganz in schwarz gekleidete, sich selber vollkommen zurück­nehmende, nur ihre Stimme in den Mittelpunkt stellende Brigitte Oleschinski ihr Gedichtprogramm vor, das wie ein Langgedicht, wie eine ätherische Gestalt auf mich wirkt, aus der immer wieder Wörter und Verse in die Ohren schwingen, die ich aus ihren Büchern kenne: Your Passport is not guilty.
  Auch Swantje Lichtensteins Vortrag überzeugt mich in seiner stakkatoartigen Schnelligkeit – es klingt, als würden die Wörter mit einem MG heraus­geballert, das knirscht und fetzt und knistert und rauscht. Nun kenne ich Swantjes Gedichtbücher, habe folglich leicht zuhören, während mir schwant, daß die Menschen um mich herum sich wie erschossen fühlen. Beim anschlie­ßenden Gespräch ist von Giftpfeilen die Rede, die man den ganzen Abend in den Gedichten vermißt habe. Ich sage nur noch einmal mit Brigitte Oleschinski: Your Passport is not guilty – wenn das kein Giftpfeil ist, mit denen die Gedichte von Christian Filips und Tom Schulz im übrigen prall gefüllt sind (zumeist auf doppelbödige, lässige, saloppe, witzige Art, so, daß einem das Lachen im Halse stecken bleibt), was jedoch beim Vortrag, vor allem bei Filips, auf der Strecke bleibt. Die Hälfte des Publikums verläßt nach dem letzten Vortrag den Ort der Handlung, während die Moderatorin Monika Küble versucht, die verblei­benden rund 30 Menschen zu einem guten Gespräch rund ums politische Gedicht zu motivieren, was nicht so recht gelingen will. Cui bono, frage ich und gebe sehr gern selbst die Antwort: Für mich ist auch dieser Abend ein Ereignis der besonderen Art, das ich nicht missen möchte. Es läuft alles andere als rund, nein, es eckt und kracht, und gerade das ist ein Ergebnis, das zu diesem Themenabend paßt.

Und nun, man kann es sich schon denken, geht's richtig rund: Die nächtlichen Stunden verbringen wir in großer Runde und bester Stimmung im türkischen Restaurant Sedir, wo wir bei Hirtensalat, Börek und dunklem Weizenbier die politischen Hintergründe kein bißchen vermissen und stattdessen über Gedichte, Autoren, Bücher und Verlage sprechen. Auch über Fußballtennis, woran Tom Schulz sehr interessiert ist, fällt mir gerade ein – und sicherlich manches mehr. Plötzlich jubelt Mara Genschel in die fröhliche Runde: "Theo ist mein neuer Freund" – und lacht danach dermaßen herzerfrischend, daß alle mitlachen müssen. Das, liebe Damen und Herren, ist naturgemäß das persönliche Highlight des gesamten Festivals, und mir ist die eigene, das Festival abschließende Veranstaltung in dem Augenblick so egal, daß den hübschen Damen vom Kulturbüro, allen voran Sandra und Wibke, angst und bange wird. (Fausto hingegen bleibt ganz cool.) Wenn ich das zuhause erzähle, glaubt mir das wieder keiner, denke ich, nachdem Tom Schulz mir lange die Hand schüttelt und wir ein Fußballtennisspiel vereinbaren, auf dem Weg ins Hotel, den ich mit Matthias Kehle und Swantje Lichtenstein gehe, uns in dieser kalten Nacht weiterhin die Ohren heiß redend.

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  • Christian Filips, Heiße Fusionen, 76 Seiten, Broschur, Roughbooks, Berlin · Holderbank SO 2010.
  • Swantje Lichtenstein, Entlang der lebendigen Linie. Sexophismen. Ein lyrischer Zyklus, 79 Seiten, Passagen Verlag, Wien 2010.
  • Brigitte Oleschinski, Geisterströmung, 118 Seiten, Leinen im Schuber, Lesebändchen, AUDIO-CD, DuMont, Köln 2004.
  • Tom Schulz, Kanon vor dem Verschwinden, 106 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Berlin Verlag, Berlin 2009.

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VII · Snegurotschka


Vierhundert 10- bis 16jährige Schülerinnen strömen kurz nach halb zehn in die Turnhalle der Mädchen-Realschule Zoffingen, wohin ich, in Begleitung von Angelika Braumann, Christine Otto und Matthias Kehle, gefahren bin, um in der Schule für Gedichte zu werben. Ich habe fünfzehn Gedichte ausgewählt, u.a. snegurotschka und die drei männer im nebel. Nach 45 Minuten ist der herrliche Spuk vorbei, die Mädchen fanden's offenbar lustig, und nun umringt mich eine Schar junger Damen, von denen mich eine aufgeregt antippt und mit leicht osteuropäischem Akzent fragt, woher ich denn das russische Wort snegurotschka kenne …
  Nachdem eine weitere Schülerin Erlkönig aufgesagt hat, verbringe ich die nächsten Stunden mit Gesprächen im Kulturbüro (wo ich u.a. ausführlich übers Kinderprogramm des Festivals informiert werde, das von Christine Knödler arrangiert wird, mit der ich bei einem Abendessen herrlich humorvolle Worte wechsle), esse mit Matthias Kehle zu Mittag, lege mich nachmittags endlich mal für ein halbes Stündchen aufs Ohr, treffe mich gegen sechs Uhr mit Mara Genschel im Café Wessenberg, wo ich einen weiteren großen Salatteller vertilge, um mich sodann mit Mara in die Wohnform aufzumachen, wo Hellmuth Opitz seinen lyrischen Abend gestaltet.

VIII · Vom Unterschied der Leseweisen
Bis uns diese Welt gefällt / und
TB · Hellmuth Opitz · Thomas Brasch

Die reinste Gelbverschwendung
Hellmuth Opitz


Kennen Sie Gedichte von Hellmuth Opitz? Obwohl, nein, gerade weil sie auch immer wieder melancholisch angehaucht sind, aber eben nur angehaucht, sind sie das beste Mittel, sollten Sie mal wieder in eine melan­cholische Stimmung fallen. Spätestens nach einer Minute sitzen Sie schmun­zelnd da und lesen und lesen und lesen und vergessen einmal alles Ungemach dieses tristen grauen Daseins. Doppelbödig strukturiert, oszillieren die Verse lässig-leger – und geschmei­dig wie die Lianen, an denen Tarzan von Baum zu Baum schwingt, um seiner geliebten Jane nahe zu sein. Denn gerade davon handeln die Gedichte von Hellmuth Opitz immer wieder: von der Liebe in diesen Zeiten. Aber auch von Küchen­geräten und anderen wichtigen Dingen des Alltags. Einen voll­kommen entspannt erzählenden, rezitierenden Opitz (mehrfach im rezitativen Dialog mit Annette Kühn) in diesem etwas anderen Möbelhaus zu erleben, das ist einfach rundum schön. Punkt.

Um 21 Uhr werde ich Zeuge einer weiteren tief beein­druckenden Lyrikveranstaltung, diesmal im Gewölbekeller des Kultur­zentrums am Münster. Hedwig Huber inszeniert mit dem glänzend aufgelegten Schauspieler Eberhard Boeck und der traumhaft schönen Stimme von Annette Kühn (die unver­mittelt-wundersam aus dem Off kommt) die Gedichtwelt von Thomas Brasch, die mich in jenen Minuten gleichsam zu Tränen rührt. Am Ende klatsche ich mir die Hände wund und beglückwünsche Regisseurin Huber und Sprecherin Kühn überschwenglich.

Bei der Rückkehr ins Zimmerlein (es ist schon wieder ein Uhr geworden im türkischen Café, wo eine nun schon wegen der Abreise der Mehrzahl der Autorinnen und Autoren etwas dezimierte, aber weiterhin hochengagierte, von Angelika Braumann angeführte Lyriktruppe die Geheimnisse von Poesie und Performance zu ergründen sucht) dringen Fernsehstimmen durch die Wand. Oh nein, denke ich, das jetzt bitte nicht, das jetzt bitte nicht. Ich gebe mir einen Ruck, klopfe leise an die Nachbartür und flüstere einen verkrampften Unsinn wie: Könnten Sie möglicherweise, vielleicht, unter umständen, wenn es Ihnen nichts ausmacht, ein bißchen leiser ... Sekunden später öffnet sich die Tür, und da stehen einander, verblüfft und erschrocken wie Papageno und Monostatos in der Zauberflöte (wer ist hier wer?), Hellmuth Opitz und Theo Breuer Aug und Aug gegenüber. Schreck­sekunde, dann erleichtertes Lächeln auf beiden Seiten: Bin ich nicht ein Narr, daß ich mich schrecken ließ? Opitz, im zeit­genössi­schen Nacht­gewand: Boxer­shorts und T-Shirt XXL, bittet mich wie selbstverständlich ins Zimmer, und so verbringe ich noch rund 40 Minuten bei Isabelle und Hellmuth Opitz, die beiden gemütlich im Bett, ich auf nem harten Hocker. And I gabble, gibber, gossip, blither, blather, gas, gab, jaw, yak, blab, spiel, piffle, rap, tittle-tattle, blether, twitter, crack, chew the rag and the fat, shoot the breeze and throw the bull (es geht um nichts andres als Lyrik), bis ich, mich kopf­schüttelnd selbst mitten im Satz unter­brechend, ruckartig aufstehe, den beiden weiterhin freundlich, vielleicht ein wenig verwundert drein­blickenden Menschen, die mir Asyl gewährten, eine gute Nacht wünsche und im begeh­baren Kleider­schrank verschwinde.

* * *

  • Thomas Brasch, Wer durch mein Leben will, muß durch mein Zimmer. Gedichte aus dem Nachlaß, herausgegeben von Katharina Thalbach und Fritz J. Raddatz, 206 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002.
  • Hellmuth Opitz, Die Sekunden vor Augenaufschlag; 128 Seiten, Hardcover; Pendragon, Bielefeld 2006.

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IX · Den Himmel berühren???
Mara Genschel · Theo Breuer


Wie soll dat denn vonstatten gehn? würde Tommy, im Arbeiterviertel Köln-Kalk lebender Chaot und tragischer Held im Kölner Kultfilm Voll normaaal, jetzt fragen. Hallo? habe ich mich Tag für Tag gefragt, seit ich das Programm las und feststellte, daß Mara Genschel, Zsuzsanna Gahse und ich einen Abend im Planetarium Kreuzlingen unter diesem Motto zu gestalten hatten. Aber nein, das Kulturbüro kennt kein Pardon. Gleichsam immerwährende Interventionen meinerseits per E-Mail und Telefon sind so unwirsch wie nutzlos. Nein, man wolle schon den Himmel berühren, und wir sollten mal zusehn. (Wozu wir schließlich Honorar bekämen?!)


Mara Genschel | © Elke Linne

Ich fasse mich abschließend kurz: Mara Genschel wirkt artistisch, elfisch, graziös, himmlisch, klar, natürlich, sinnlich, temperamentvoll, verspielt – und herrlich spontan bei ihren Antworten auf die Fragen, die eine bestens aufgelegte Zsuzsanna Gahse ihr nicht ohne Selbstironie stellt. So werden Gedichte lebendig. Ich bin derart angetan von dieser anmutigen, beherzten, musikalisch durchtränkten Wortjonglage, daß es mir vorkommt, als wüchsen mir Flügelchen, die mich gen Himmel zu tragen scheinen.

Um 21 Uhr 20 bin ich dran. Am Freitag, dem 19. November 2010, verließ ich morgens um 8 das Haus in Sistig, um nun, am Mittwoch, dem 24. November 2010, in Kreuzlingen die in den vergangenen Monaten gewachsene kleine Lyrikkomposition zum Vortrag zu bringen. Hellmuth Opitz antworte ich in einer Mail am 29. November:

Beseelt von der Vielfalt der Gedichte, berauscht vom Sechstagebad im Lyrikchampagner, beflügelt durch wunderbare Begegnungen mit so vielen sympathischen, schätzenswerten Kolleginnen und Kollegen, angeregt durch zahllose Gespräche über das Gedicht und sein Umfeld, bereichert durch kommunikative Workshops, verwöhnt durch vom Team des Kulturbüros perfekt und liebevoll organisierte Rundumversorgung, zusätzlich motiviert durch phantastische Akustik im Planetarium (Mikro/Headset: überflüssig), fühle ich mich so locker und leidenschaftlich wie wohl noch nie, seit ich 1988 damit begann, Gedichte öffentlich vorzutragen. Berühren wir den Himmel? Frag die Weggefährten Bensch und Kraus oder einen der gut 60 Zuhörer, die dazu beitragen, daß insgesamt über 1.000 Menschen die vielen verschiedenen Veranstaltungen an allen möglichen und gleichsam unmöglichen Orten im kleinen Konstanz am Bodensee erleben. Ich jedenfalls liege beim Gedicht wortlos am Boden …

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  • Mara Genschel, Tonbrand Schlaf, 75 Seiten, Klappbroschur, Connewitzer Verlagsbuchhandlung, Leipzig 2008.
  • Theo Breuer, Wortlos und andere Gedichte, 42 Seiten, geheftete Broschur, Silver Horse Edition, Marklkofen 2009.

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X · „Das Gedicht hat das letzte Wort“


Angelika Braumann:
Das Gedicht hat das letzte Wort
© Elke Linne

high as the swindled stars can be
Keston Sutherland

vom unterschied der lesewesen

für Urs Allemann · Angelika Braumann und das Team vom Kulturbüro Konstanz · Elke Erb · Daniel Falb · Karin Fellner · Christian Filips · Claudia Gabler · Zsuzsanna Gahse · Mara Genschel · Nora Gomringer · Rolf Hermann · Andrea Heuser · Matthias Kehle · Thilo Krause · Nadja Küchenmeister · Annette Kühn · Stan Lafleur · Swantje Lichtenstein · Brigitte Oleschinski · Hellmuth Opitz · Christine Otto (Schöner hätte es nicht sein können) · Marion Poschmann · Monika Rinck · Ulrike Almut Sandig (mit Dank für sperrangelweit) · Tom Schulz · Ulf Stolterfoht · Keston Sutherland · Ron Winkler und in memoriam Thomas Brasch

Konstanz am Bodensee und Sistig in der Eifel
24., 26., 29. und 30. November 2010


12

  Shafiq Naz
Der deutsche Lyrikkalender 2011
Jeder Tag ein Gedicht

Das Buch bei Amazon



HEILMOND · ZEHENBÄR 2010
Wilde Jagd · Vor dem Verschwinden · Letzte Tage (kalte Tage)
Zwölf Bücher werden gleichsam eins – Meins?

I · Der Traktor bockte

Kann sein, daß Dezember · Heilmond · Zehenbär immer schon der mir liebste Monat gewesen ist. Auf dem betrieb­samen Bauernhof der Kindheit kehrte endlich einmal Ruhe ein, die ich offenbar in so übervollen Zügen genoß, daß sie bis heute spürbar bleibt. Ich erinnere die schnee­bedeckte Stille von Hof, Garten, Dorfstraße, Landschaft und die sich gleichsam ins Unend­liche weitenden Stunden immer­währenden Lesens, das im Alter von sieben Jahren begann und mich seitdem begleitet wie ein schutz­engelhafter Zehenbär – der sich, zum Glück, selten bloß eine Auszeit genehmigt hat.
  Ich bin gleich hellwach, als ich, nachdem ich den Schutz­umschlag entfernt, Christian Lorenz Müllers Wilde Jagd aufgeschlagen und die ersten Zeilen zu lesen begonnen habe:

Der Traktor bockte über den steinigen, mit Holzprügeln bedeckten Fahrweg, schmierte durch Schlammlöcher, und die Ketten, die Stahlseile, die hinten an der Maschine hingen, klirrten ins Motorengeknatter hinein; immer wieder zwang Emmeran den weg­rutschenden Traktor zurück auf den Weg, der zwischen dicht und düster stehenden Fichten die Bergflanke hinauflief. Konzentrieren musste er sich, er konnte sich nicht um Johannes kümmern, der neben ihm auf dem Kotflügel saß, im Augenwinkel hatte ihn Emmeran, er sah, wie es seinen Neffen stieß, wie es ihn beutelte, wie sehr er sich an die Eisenrohre der halboffenen Fahrer­kabine klammern musste, um nicht zwischen die Fichten zu fallen, aber was fürchtete er um den Buben, während der letzten Woche war der Weg noch nasser gewesen, schmieriger, und trotzdem waren sie gut hinaufgekommen, was machte er sich Sorgen, dort vorne war doch schon die Kuppe, Gas gab Emmeran, und die Reifen rauften sich durch den Schlamm, der Dreck flog an der Fahrerkabine vorbei, dann waren sie oben, flacher wurde es, hier mündete der Fahrweg in einen Wendeplatz, auf dem er den Traktor abstellte.


Ob Vater sich einst wohl auch diese Sorgen um mich gemacht hat? Ich spüre noch heute die Ängste, die ich ausstand, wenn wir sehr schräge Feld- und Waldwege mit dem kleinen grünen Traktor befuhren, aber – ein Unglück geschah kein einziges Mal. Viel stärker als die Angst bleiben in der Erinnerung das frohe Herz und der Duft der großen weiten Welt. Es war ein liebgewonnenes Ritual: Sobald der Traktor den Hof verließ, wußte ich, daß ich von der Seite das Lenkrad zu halten hatte, damit der Vater sich eine Zigarette drehen konnte, der Tabak hieß Olanda, später stieg er auf MB um, bevor er, einige Jahre später, ganz auf Aktive, wie man die Fertigzigaretten bei uns auf dem Dorf damals nannte, umstieg – das Wirtschaftswunder war auf dem Bauernhof angekommen –, die er sich viele Jahre lang nur sonntags erlaubte: HB, später Ernte 23, ehe ihn, der erst mit 24 Jahren, 1948, das Rauchen begonnen hatte, ein Herzinfarkt im Alter von 58 Jahren zum Frührentner und Nichtraucher machte, und wenn der Vater die Zigarette entzündete und ich den ersten Rauch beim Luftholen durch die Nase einatmete, wußte ich, was die da im Fernsehen meinten, wenn sie vom Duft der großen weiten Welt und Frohen Herzens genießen sprachen.

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  • Christian Lorenz Müller, Wilde Jagd, Roman, 256 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Hoffmann und Campe, Hamburg 2010.

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II · Kluge. Kälte

Die vier apokalyptischen Reiter: Sie symbolisieren Hunger, Pest, Kälte und Krieg. Sie reiten auf einem weißen, roten, schwarzen und einem fahlen Pferd. Treten sie gemeinsam auf, naht das Jüngste Gericht. Einzeln, heißt es in der Überlieferung, kann ein Bauer sie vom Pferd reißen.

Alexander Kluge · Stroh im Eis. Geschichten


Auf der Rückseite des blauen Schubers, in dem sich DVD und Booklet befinden, lese ich: „Am 26. Mai 1967 schreibt Theodor W. Adorno an Alexander Kluge: Lieber Axel, […] es ist mir aus tausend Gründen unendlich daran gelegen, Dich bald zu sehen, auch um wegen der Idee eines Films über die Kälte mit Dir zu sprechen. Diesen Plan Adornos, einen Film zu machen über den Kältestrom, der unsere Welt beherrscht, greift Kluge nun 43 Jahre später auf – mit 40 Geschichten im Beibuch Stroh im Eis und 31 Kurzfilmen auf der DVD Landschaften mit Eis und Schnee. Unterstützt wird er dabei von Durs Grünbein, Werner Herzog, Helmut Lachenmann, Helge Schneider, dem russischen Polarforscher Artur Tschilingarow (jenem Helden der Sowjetunion, der 2007 am Nordpol eine russische Flagge aus Titan in den Meeresgrund rammte), Peter Weibel und vielen anderen.“
  Kalt ist der Abendhauch in Matthias Claudius' Abendlied, die Mauern stehn sprachlos und kalt in Hölderlins Hälfte des Lebens, und bei John le Carré geht es um den Spion, der aus der Kälte kam. Literaten aller Zeiten hat die Naturerscheinung der Kälte (als exemplarischer Fall des Extremen schlechthin) immer schon mag(net)isch angezogen, und Alexander Kluge ergeht es nicht anders, wie er in dem in der filmedition suhrkamp erschienenen Film-Buch Landschaften mit Eis und Schnee / Stroh im Eis, das die Kälte mit Wort und Bild auf tief beeindruckende Art und Weise aus allen möglichen Blickwinkeln einkreist, überwältigend demonstriert.
  So sehe ich in einer der jeweils wenige Minuten nur andau­ernden Film­sequenzen einen Eis­zapfen sich zu Tode tropfen, und während ich dieses in extremer Nah­aufnahme gefilmte, naturgemäß absichtslos herbei­geführte Sterben betrachte, denke ich: Was für eine Allegorie auf das so lebendige, gleich­zeitig und immerdar dem Tod geweihte Leben mit seinen schillernden Farben und Formen, das von Tag zu Tag, von Tropfen zu Tropfen der unwider­ruf­lichen Auflösung ent­gegen­lebt.
  Wie Gioconda Bellis Gedichtbuch ist auch Kluges genre­über­greifendes Werk ein Zauber gegen die Kälte, bei dem ich während der atem­berau­benden Lektüre der Kurz- und Kürzestgeschichten und beim Betrachten der bewegten Bilder mitfühle, was Kälte dem Menschen anhaben kann oder dem Unter­wasser­künstler auch nicht:

An Händen und Füßen gefesselt, ist er von der Belle-Isle-Brücke in den vereisten Detroit River gesprungen. Das für ihn in das Eis gehackte loch traf er. Die Strömung aber trieb ihn vom Loch weg unter die Eisdecke. Dank eines minimalen Raums zwischen Eisdecke und Wasser­oberfläche hat er Atem geschöpft. Die Grenze zwischen den Aggregat­zuständen Wasser und eis ist nie genau. So waren die Flußwächter überrascht, als er Kilometer flussabwärts von unten an die dort dünne Eisfläche klopfe. Wie ein Geist war er unter der blanken Eisplatte zu sehen, die Nase eng an die Unterfläche der Eisdecke gepresst, um sich die wenigen Deziliter Sauerstoff zu sichern, die es an der Nahtstelle gibt.
  „Man kann jeden beliebigen Punkt der Erde, auch die lebens­unfreund­lichsten, ansteuern“, sagte der Künstler nach seiner Rettung, „indem man von seiner eigenen Mitte aus eine Spirale zieht.“

Das ist das paradoxe Abenteuer der Kunst – ob in Wort oder Bild oder Ton (ausdrücklich faszinie­rend auch die jeweils zu den Filmen gewählte Musik): Sie packt mich dermaßen, daß ich nicht mehr auf der von Bertolt Brecht gewünschten Distanz, die er mit dem epischen Theater vergeblich erwirken wollte, verbleiben kann, sondern mehr und mehr mitzufiebern beginne und dabei Kälteschock (wie die zugefrorene Wolga im Stalingrader Winter von 1942) um Kälteschock (wie die apokalyp­tisch anmutende Packeis-Collage von Caspar David Friedrichs Die gescheiterte Hoffnung vor dem Hintergrund welt­berühmter Baudenkmäler oder zerstörter Berliner Häuserzeilen, hinter denen die Sonnen endgültig unter­zugehen scheint) erlebe, die den Pulsschlag in die Höhe treibt, wenn mich, beispiels­weise, eisblaue Augen aus einer Geschichte mit einer unver­muteten Warmherzigkeit an­blicken.
  Vom Donner gerührt bin ich am Ende des Stummfilms Winter im fröhlichen Frankreich, als ich erkennen muß, daß das arme Mädchen ohne Schuh im Schnee im Augenblick, als es durch den herrlichsten Zufall reich beschenkt werden soll, in der stumpfen Kälte des franzö­sischen Karnevals auf den ver­schneiten Stufen einer steinernen Treppe erfroren ist. In dem kurzen Text Adorno über den Kältestrom heißt es: Kälte, davon ging er aus, ist eine die Moderne durchherrschende Strömung. Sie sei, notierte Adorno, „abgezweigt von der libidinösen Energie des Gattungs­wesens Mensch, ähnlich er Erkenntnis­leistung. Anders als diese produziert sie Gleichgültigkeit, den Kälte­strom.“

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  • Alexander Kluge, Wer sich traut, reißt die Kälte vom Pferd · Landschaften mit Eis und Schnee. Filme · Stroh im Eis. Geschichten, DVD und Buch im Schuber, 88 Seiten, Broschur, Suhrkamp Verlag, Berlin 2010.

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III · Annuschka Blume

Marjana Gaponenko kenne ich seit vielen Jahren als Verfas­serin von Gedichten, deren tonale Grundierung ich in dieser Weise ich bei keinem anderen Autor, bei keiner anderen Autorin gefunden habe. Bei mehreren Begegnungen in Köln und Sistig durfte ich den Wörtercharme dieser bezaubernden Frau gleichsam hautnah erleben. Nun legt die in deutscher Sprache schreibende ukrainische Autorin nach mehreren Gedicht­bänden mit Annuschka Blume den ersten Roman vor, den ich zunächst eher skeptisch (wie will die Autorin, die ich doch durch und durch als Lyrikerin sehe, die lange Prosaform meistern?) in die Hand nehme, um diese in der Form des Briefromans gestaltete traumhaft kluge, phantastisch liebevolle, wahrhaft weise, einfach schöne Geschichte – durchweg beglückt, beseelt, begeistert – in einem Rausch zu lesen:

Nacht. Ich sitze im Haus und stelle mir vor, ich wäre im Bauch eines Schiffes. Ich sage, nicht Berge umgeben mich, sondern steinerne Wellen, und schon ist es geschehen. Riesig bäumen sie sich vor mir auf, und ihre Schaumkrone glänzt in der Sonne, die nicht zu sehen ist, denn es regnet seit Tagen. Ich sage, es ist kein Schnee, es ist Schaum, auf das Deck geworfen. Ich sage es, und schon ist es geschehen. Ich bin ein betrunkener Kapitän. Mein Gang ist verdammt sicher in seiner Unsicherheit. Ich gehe auf und ab, und Schaum knirscht unter meinen Füßen. Meine Taschenuhr schlägt wie ein Herz, ich zerre und zerre daran und kann sie nicht aus der Tasche ziehen. Auch meine Weste fehlt, und das Knopfloch ist in meine linke Hosentasche gewandert und hat seinen Knopf dabei verloren. Ich sage, es ist nur ein Traum … ein Traum, und schlafe ein.

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  • Marjana Gaponenko, Annuschka Blume, Roman, 251 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Lesebändchen, Residenz Verlag, St. Pölten · Salzburg 2010.

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IV · Wer ist Neidhart?

Im vorliegenden Fall ist es unzweifelhaft nicht der Minnesänger Neithard von Reuental, der, wie Oswald von Wolkenstein ein höchst origineller, vitaler Dichter, den Minnesang des Mittelalters in höchste Höhe getrieben hat. Wer weiß, ob der 1954 in Basel geborene Christoph Neidhart, auch wenn die Buchstaben d und t vertauscht sind, nicht ein direkter Nachfahre jenes Sängers ist, der um die Zeit von 1180 bis 1220 im heutigen Bayern und Österreich lebte. Jedenfalls widmet sich Neidhart in seinem ersten Roman Museum des Lichts ebenfalls der Minne. Und wie. Diese Vierecksgeschichte ist eine exzellent strukturierte Geschichte, deren Lektüre mir – zum einen wegen der klaren Sprache, zum anderen wegen der in ein vortreffliches Porträt von Sankt Petersburg eingebetteten faszinierenden Liebesgeschichte – von Beginn an großes Vergnügen bereitet:

Liebe ist Projektion, also eine Frage des Lichts. Ihre Schatten sieht man nicht. ist sie verlöscht, bleiben nur Schemen, die meisten unscharf. Selbst die Gesichter sind mir verschwommen, auch jene von Lena und Mila. Ihre Stimmen, Bewegungen, ihre Gerüche, alles habe ich vergessen, selbst wie sich ihre Haut anfühlte.
Und dich hatte ich meines Gedächtnisses verwiesen.
Sankt Petersburg war im Nebel meiner Erinnerungen versunken.
Jetzt ist alles wieder da; einige Bilder klar wie Fotos.
Ein nasser Tag Ende Februar. Gegen Mittag war das Grau gewichen, der Matsch auf der Straße gefror wieder. Ich war in der Eremitage, zum letzten Mal, und blickte vom Nicolai-Saal durchs Fenster über die vereiste Newa. Die Nadel von Peter-und-Paul glimmte im Licht des frühen Abends.
Das Fenster als Bilderrahmen: Auf dem Eis vor der Festung stand ein grauer Quader, das Sitz-Zelt eines Eisfischers aus Plastikplanen. Geschützt vorm Wind hockte er dort, jeden Nachmittag, fast bewegungslos, allein. Nur gelegentlich zog er seine Leine aus dem Erdloch hoch, und wenn es dunkelte, steckte er eine Laterne an: Wir hätten ihn bestimmt in unsere Sammlung aufgenommen.

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  • Christoph Neidhart, Museum des Lichts. Petersburger Lieben, Roman, 141 Seiten, Broschur, Edition Isele, Eggingen 2010.

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V · Ja, der Krieg ist lange vorbei

Ich lese Katrin Heinaus Hochstaplerroman, in dem Fred Schiller, ein Held am unteren Ende der sozialen Leiter, seine Hartz-IV-Karriere kündigt und das Leben auf der Straße versucht. Er nutzt Zufälle, Zuschreibungen, Liebe und eine grandiose Verwechslung. Eines Tages kommt er als Künstler in New York beim bedeutendsten Galeristen der Welt unter Vertrag. Soweit der Teaser auf U4 des schön gebundenen Buches, das so einsetzt:

Ja, der Krieg ist lange vorbei. Aber wie lange währt heute ein Menschenleben? Sie leben noch unter uns, die Menschenkinder des Krieges, sind unsere Väter und Mütter, oft werden sie eingeholt von Kugeln, Ohrfeigen, Übergriffen. Das alles ist seit Ewigkeiten vorbei und doch ist eine bestimmte Art des Todes nicht mehr totzu­kriegen: der gewalt­same.

* * *

  • Katrin Heinau, Hochstaplerroman, 171 Seiten, Broschur, Leipziger Literaturverlag, Leipzig 2010.

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VI · Stollen · Tunnel · Steinzeithütte

Verschiedenste Orte imaginieren die Worte, anhand derer Patrick Beck in dem kleinen Buch mit dem großen Titel Ich habe ein Haus aus Licht gebaut mich an die entlegensten, bisweilen kafkaesk anmutenden Plätze der Phantas(magor)ie entführt. Mal dunkel, mal hell, mal schrill, mal still, sind es vor allem die kurzen Texte, die mich in besonderer Weise affizieren.

Der Ozean

Ich ritze meine Worte in den Ozean. Er dehnt sie, biegt sie, er dreht und verschiebt sie. Ein Schnabel verschluckt einen Strich, Kiemen filtern die Punkte, eine Flosse zieht einen neuen Bogen. Die größte Gefahr für die Worte: an einer Küste zu stranden.

* * *

  • Patrick Beck, Ich habe ein Haus aus Licht gebaut. Imaginäre Orte, Prosa, 93 Seiten, Broschur, Leipziger Literaturverlag, Leipzig 2010.

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VII · Sonntage · Milchmädchen · Schwarze Marien

Fünf längere und kürzere Erzählungen – Sonntage · Mathematik, Science Fiction, Wolken · Milchmädchen · Schwarze Marien · Elka – umfaßt Rainer Rabowskis erstes Buch Erste Lieben, das ich am 6. Dezember lese. Milchmädchen beginnt so:

Misslaunig, weil ihr Vater sie zu dieser Arbeit heranzog und alle draußen Vorüber­gehenden sie so sehen konnten: Marie-Luise, zwischen schlauch-gespritzten Kacheln in dem Milchladen Busemann am Samstag­nachmittag. Und während schon kein Kunde mehr erwartet wird, bringe ich noch leere Flaschen.
  (In den Silberfoliendeckeln dieser Milch­flaschen hatte ich noch kaum ein Jahr vorher die Glasbruchstücke meiner Murmeln eingepackt – die schönsten musste ich, mir selber unerfindlich, immer in ihrem Inneren inspizieren und sie dazu zertrümmern; vielleicht die früheste Spur eines aggressiv sezierenden Intellekts, wie mich später einmal jemand charakterisierte, der mir damals seine Verach­tung zu zeigen versuchte. Und ich erinnere mich genau, in dem Moment, als er mir das vorwarf, fiel mir ein, wie ich als Kind eine Zeit lang meine Pullover immer akkurat mit der Vorderseite aufs Bett gelegt hatte, die Arme ausgebreitet, um sie als Kleiderstück sozusagen in ihrer Richtigkeit für mich übersehen und dann überziehen zu können – und hatte sie also, weil ich mir ihr falsches Bild anzog, anfangs verkehrt herum an jedem Tag.)

Und Elka so:

Statt miteinander ins Bett zu gehen – wir sitzen schon drauf, wir müssten uns nur noch nach hinten fallen lassen zu den üblichen Vorbereitungen zu einer leichten Reiterei – fahren wir dann mit der Straßenbahn in die Stadt und müssen noch eine ganze Strecke laufen. Ich will unbedingt zu einer Stelle am Fluss, der Ecke am früheren Tonhallenufer, rechts von dem kleinen Rheinterrassenpark.

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  • Rainer Rabowski, Erste Lieben, Erzählungen, 127 Seiten, Broschur, onomato Verlag, Düsseldorf 2010.

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VIII · Du hast mir mit deiner Gitarre / In die Stirn geschossen

Im schön edierten Gedichtbuch Monolith versammelt Hadayatullah Hübsch Porträt-Gedichte, die er Menschen widmet, von denen er im Nachwort schreibt, daß sie ihn beeinflußt und er sie geschätzt, bewundert, geliebt hat: Brigitte Bardot · Humphrey Bogart · Marlon Brando · Eric Burdon · W. S. Burroughs · Leonard Cohen · Miles Davis · James Dean · Bob Dylan · Marianne Faithfull · Jerry Garcia · Allen Ginsberg · George Harrison · Jimi Hendrix · Audrey Hepburn · Mike Heron and The Incredible Stringband · Buddy Holly · Janis Joplin · Grace Kelly · Jack Kerouac · Arthur Lee und Love · John Lennon · Jim Morrison · Nico · Hilka Nordhausen · Jürgen Ploog · Elvis Presley · Arthur Rimbaud · Carlos Santana · Patti Smith · Gary Snyder · Cat Stevens alias Yusuf · The Rolling Stones · Van Morrison · Tom Waits · Anne Waldman · Townes van Zandt. Hadayatullah Hübschs Schreibfluß versiegt nicht. Er gehört, wie Friederike Mayröcker, zu den Menschen, die augenscheinlich Tag und Nacht schreiben müssen, denke ich, während ich Glenn Gould eine Sonate von Alban Berg spielen höre. Ich lese Hadayatullah Hübschs Bücher gern, habe rund 25 Lyrik- und Prosabände in der Sammlung.

* * *

  • Hadayatullah Hübsch, Monolith. Pop-Gedichte, 80 Seiten, Klappbroschur, Edition Schwarzdruck, Berlin 2010.

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IX · Ich hielt mich auf in der Unsicherheit

… ist eins der Gedichte in Elke Erbs neuem Gedichtbuch Meins überschrieben. Vielleicht sind Lyriker Botschafter der Unsicherheit/en schlechthin, indem insbe­sondere sie kein Hehl daraus machen, daß das einzig Sichere das Unsichere, das Unwägbare, das Unbestimmbare ist? Eigenwillig, extrem persönlich, sich das Fremde en passant anverwandelnd, traum­wandlerisch auf dem federnden Drahtseil guter Wörter wandelnd, so erlebe ich Elke Erb in all ihren Büchern, und so erlebe ich sie in Meins. Mehr muß ein Lyrikbuch 2010 nicht bieten, denke ich nach der lustvollen Lektüre und geselle Meins den Gedicht­büchern bei, die ich in Marginalie zum Gedicht in drei Schritten (Marginalien) als eindrucks­vollste der von mir gelesenen Bücher des Jahrgangs 2010 benenne.

Schonen

Gedanken wie Reisig zu Füßen, aufzweigend sich, sperrig,
widrig, nicht gehen dort, gelassen umgehen sie

Meine eigenen, störrische Zweige, zum Winter geworfen,
über-/wintert –

Mit den Füßen, Schuhen nicht auf sie,
wie man sagt, eingehn

20.2.09

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  • Elke Erb, Meins, 142 Seiten, Broschur, Roughbooks, Wuischke · Berlin · Holderbank SO 2010.

* * *

X · Jeder Tag ein Gedicht Seit Jahren verzichte ich nicht mehr auf diesen täglichen Wegbegleiter, der als Tischkalender immer greifbar neben dem All-in-One PC steht, den ich mir vor wenigen Monaten angeschafft habe, steht und Tag für Tag mit einer neuen Überraschung aufwartet: Der deutsche Lyrikkalender. Jeder Tag ein Gedicht, den Shafiq Naz auch für 2011 mit einer prächtigen Mischung von Gedichten aus allen Zeiten und Gegenden des deutschen Sprachraums bestückt hat. Eine interessante Frage stellt Hans-Ulrich Treichel in dem Gedicht, das ich am 12. August 2011 lesen werde:

Schreiben Sie eigentlich noch Gedichte?

Wenn mir was einfällt
Wenn mir was hinfällt
Im Dunkeln
Wenn ich allein bin
Wenn ich sehr allein bin
Für die Katze
Auf Reisen wenn ich Heimweh habe
Zu Hause wenn ich Heimweh habe
Aus Spaß an der Freud
Nur für meine Mutter
Um Himmels willen
Nur wenn ich will
Nur wenn es sein muß
Sonst nie

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Shafiq Naz (Hg.), Der deutsche Lyrikkalender 2011. Jeder Tag ein Gedicht, 365 Gedichte von 300 Autorinnen und Autoren von den Anfängen bis zur Gegenwart, 450 Seiten, Tischkalender mit Spiralbindung, Alhambra Publishing, B-Bertem 2010.

* * *

XI · Bevor das Jahr des Buches verschwindet … denke ich, stündlich beinahe, an die rauschhaften Tage und Stunden des Konstanzer Poesie­festivals zurück, bei dem ich so fabelhaft viele gleich­gesinnte Menschen traf. Swantje Lichtenstein betonte mehrfach den auffallend ausgeprägten menschlichen Faktor, der das Festival überstrahlte und der fast jedes Kennenlernen der schreibenden Kollegen zur besonderen Begegnung machte. Zum wiederholten Mal lese ich nun in Andrea Heusers Vor dem Verschwinden, diesem feinen, feinen Gedichtbuch mit filigranen Miniaturen, beispielsweise und eingedenk dieses denkwürdigen Dichter-Treffens, das Gedicht werfen, das die Autorin am ersten Abend mit Verve vortrug:

WERFEN in die wiese sich kopf über, und
beine stengeln, die stengel stutzen, blätter und blumen
bauschiges niedermähen, geiles gras grapschen, gras, und
ganz und gar rollig sein, blütenbauch und busengekitzel
käfern sich rückwärts, erdig, erde, in erde, und
kleesüße, vogeldreck, sonnengeflecktes, schmetterlingsschlag
wimpern, schlieren, schnecken, kot, und
ameisen, alles, alles befühlern, betasten, krabbelnd bepicken
beschnuppern, bespuren, blumen, und
wind werden, sporen, motten, hummeln, flügel, vögel, alles
alles sei halswärts, sei himmel-, WERFEN, sich werfen, und

* * *

  • Andrea Heuser, Vor dem Verschwinden, 89 Seiten, Broschur, Hör-CD, edition schwarzes quadrat, onomato Verlag, Düsseldorf 2008.

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XII · I was ate years ole yesturday, an Mamma she sez to me …

I Was ate years ole yesterday, an' mamma she says to me: „George, wot would you like for a burthday present?“

So I said a „diry“, cause all my growed-up sisters keep a diry, an' I thought it would be about the figger. So mamma she got me one. I wanted to begin it all rite, so I stole up to Lily's room to copy suthin out o' hern; but she keeps it locked up in her writing-desk, an' I had a offal time getting a key that would fit. At last I found one, an' set down when Lil was out a calling an' coppied oph a page good as I could.


Als letztes Buch, das ich hier Im Jahr des Buches 2010 kribbelt und wibbelt es weiter vorstelle, ist das erste mit der Jahreszahl 2011 im Impressum: Metta Victors A Bad Boy's Diary in der kongenialen Übertragung von Ni Gudix: Tagebuch von nem schlimmen Schlingel. Im Begleitbrief ist der erste Satz des Originals zitiert – I was ate years ole yesturday, an Mamma she sez to me: "George, wot would you like for a burthday present?" –, an den ich sofort andocke wie an das harte holländische Lakritz, das bei den niederländischen Freunden und Nachbarn Sophie und Peter Keldenich stets auf mich wartet. (Mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Lakritz und Scotch Single Malt habe ich seit einiger Zeit nur noch ganz ausnahmsweise im Haus: Beides schien im Dasein eine übermächtige Rolle spielen zu wollen … Die Bücher sind zwar noch übermächtiger, aber das ist eine andere Geschichte.)
  Übertragungen aus dem Englischen oder Amerikanischen lese ich eigentlich nie, und so rufe ich Verleger Michael Schönauer an, um ihn um ein paar Seiten des Originals zu bitten, damit ich mir, beim zähne­knirschenden Lesen des einge­deutschten Tagebuchs wenigstens einen Eindruck von der Qualität der Über­setzung machen kann. Die Antwort Schönauers ist ein unglaublicher Glücksfall: Er nennt mir den Namen des Amerikaners, der das komplette Diary, ins Netz gestellt hat, et voilà, here you go: A Bad Boy's Diary l. Es ist das erste – und hoffentlich letzte – Mal, das ich einen Roman im Internet lese, einen Roman, der 1882 erstmals erschien und in der Folge mehrfach, nicht unbedingt zu seinem Vorteil, ins Deutsche übersetzt wurde.
  Ni Gudix hingegen hat gute Arbeit bei diesem Buch geleistet, von dem ein Herausgeber einst meinte: It made us laugh until our sides ached and the tears came. So isses. Original ist und bleibt natürlich Original, und an der Auffassung, daß literarische Texte nur mit schwersten Verlusten zu übersetzen sind, halte ich fest, aber Ni Gudix hat sich Sprache und Stil der amerikanischen Autorin gleichsam anverwandelt und die Geschichte mit allen falschen Fehlern und stimulierenden Stilblüten seelenverwandt nachempfunden (dabei auch eine brauchbare Balance zwischen Idio­synkrasie und Lesbarkeit wahrend), so daß sie schon fast wie eine deutsche Story klingt und wirkt (aber nur fast, und auch das ist gut so):

Gestern bin ich 8 geworn un' da hat mich Mama gefragt:

„Georgie, was wünschste dir denn zum Geburtstag?“

Also hab ich gesagt: n Tagebuch, weil meine Großen Schwestern ham ja alle so wat, un' ich dacht jetz hab ich auch das Alter. Un Mama hat mir 1 gekauft. Ich wollt gleich richtig loslegen also bin ich hoch in Lilys Zimmer rein zum mal in ihrm spicken; aber sie schließt ihrs immer in die Schreibtisch­schublade ein, un' da is mir fast die Lust vergang weil ich erst n Schlüssel suchen mußt zum die lade aufkriechen. Denn hab ich endlicht ein gefunden, un' weil Lil grad wech war weil se Wen besucht hat hab ich mich hingesetzt un' ne Seite abgeschrieben, in meiner schönsten Schrift.

* * *

  • Metta Victor, Tagebuch von nem schlimmen Schlingel, aus dem Amerikanischen von Ni Gudix, 206 Seiten, Hardcover, Killroy media Verlag, Asperg 2011.

* * *


So endet Im Jahr des Buches 2010.

Zwischen den Jahren lese ich endlich, endlich, endlich den erst­mals 1955 erschie­nenen Roman von William Gaddis: The Recognitions, 956 Seiten, Broschur, Atlantic Books, London 2003.

Auf dem Wunschzettel für Weih­nachten stehen lauter Bücher von Urs Engeler Editor: Elke Erb, Sonanz. 5-Minuten-Notate (2008) · Jayn-Ann Igel, Berliner Tatsachen, Prosa (2009) · Gellu Naum, Pohesie. Sämtliche Gedichte (2006) · Oskar Pastior, o du roher iasmin (2002) · Ulrich Schlotmann, Die Freuden der Jagd (2009)

Und 2011? Kribbelt und wibbelt es weiter. Aber hallo.


Carl Spitzweg · Der arme Poet



MONDZEIT · 2010
EXEMPLARISCHE RUNDSCHAU VON A – Z
EINZELTITEL · SAMMELBÄNDE · ZEITSCHRIFTEN



Lyrik 2010

Das Gedicht geht gelesen eher ein. Der Aufnehmende nimmt von vornherein eine andere Stellung zu dem Gedicht ein, wenn er sieht, wie lang es ist und wie die Strophen gebaut sind. Ein modernes Gedicht verlangt den Druck auf Papier und verlangt das Lesen, verlangt die schwarze Letter, es wird plas­tischer durch den Blick auf seine äußere Struktur, und es wird inner­licher, wenn sich einer schweigend darüber­beugt.

Gottfried Benn · Probleme der Lyrik


  • Andreas Altmann, Das zweite Meer, 96 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Poetenladen, Leipzig 2010. Marginalien
  • Klaus Anders, Hotel Knossos, 83 Seiten, Broschur, Wiesenburg, Schweinfurt 2010.
  • Innokentij Annenskij, Wolkenrauch, zweisprachige Ausgabe, aus dem Russischen übertragen, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Martina Jakobson, 159 Seiten, Klappbroschur, Edition Rugerup, S-Hörby 2010.
  • Michael Arenz, Die Vulgarität der davongeschwommenen Felle. Poeme, 40 Seiten, geheftete Broschur, Silver Horse Edition, Marklkofen 2010.
  • Thomas Bader (Hg.), Wetzstein Gedichtekalender 2011, faksimilierte Abschriften des Autographen Thomas Bader mit Gedichten von Rose Ausländer, Gottfried Benn, Dietrich Bonhoeffer, Bertolt Brecht, Clemens Brentano, Joseph von Eichendorff, Theodor Fontane, Stefan George, Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Hebbel, Heinrich Heine, Hermann Hesse, Friedrich Hölderlin, Mascha Kaléko, Rainer Maria Rilke, Theodor Storm und Georg Trakl, 24 Blätter, Ringbindung, Klöpfer & Meyer, Tübingen 2010.
  • Michael Basse, skype connected. Ein Liebesbrevier, 67 Seiten, Hardcover, Landpresse, Weilerswist 2010.
  • Rudolf Bauer, Lotusfrau Mondlicht. Gedichte der Liebe aus dem Alten Indien, Texte und Illustrationen, 63 Seiten, Broschur, Sujet Verlag, Bremen 2010.
  • Rudolph Bauer · Lothar Bührmann, Schutzschirmsprache. Politische Lyrik und Cartoons, 112 Seiten, Broschur, Format 21 x 21 cm, Sujet Verlag, Bremen 2010.
  • Wolf Biermann, Dein freches Lächeln küsse ich so gern. Die schönsten Liebesgedichte, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Andreas Öhler, 128 Seiten, Hardcover, Hoffmann und Campe, Hamburg 2010.
  • Wolfgang Bittner, Der schmale Grat, 104 Seiten, Broschur, Lyrikedition 2000 · Allitera Verlag, München 2010.
  • Paulus Böhmer, Am Meer. An Land. Bei mir. Trilogie, 148 Seiten, Broschur, Verlag Peter Engstler, Ostheim an der Rhön 2010.
  • Michael Braun (Hg.), Deutschlandfunk Lyrikkalender 2011. Für jeden Tag ein Gedicht, mit Gedichten von rund 240 Autorinnen und Autoren, darunter Achim von Arnim, Rolf Bossert, Rainer Brambach, Rolf Dieter Brinkmann, Adelbert von Chamisso, Friedrich Christian Delius, Elke Erb, Heinz Erhard, Erich Fried, Stefan George, Heinrich Heine, Irischer Mönch des 9. Jahrhunderts, Ernst Jandl, Matthias Kehle, Christine Lavant, Friederike Mayröcker, Detlev Meyer, Helga Novak, Hellmuth Opitz, Heinz Piontek, Gerhard Rühm, Thomas Rosenlöcher, Kurt Schwitters, Ludwig Tieck, Unbekannter Dichter, Georg von der Vring, Robert Walser, Philipp von Zesen, Gerald Zschorsch u.v.a., 740 Seiten, Broschur zum Stellen oder Hängen, Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2010.
  • Michael Braun · Hans Thill (Hg.), Lied aus reinem Nichts. Deutschsprachige Lyrik des 21. Jahrhunderts, 148 Autorinnen und Autoren von Kurt Aebli über Urs Allemann, Hans Carl Artmann, Wolfgang Bächler, Jürgen Becker, Nora Bossong, Paulus Böhmer, Franz Josef Czernin, Daniela Danz, Michael Donhauser, Elke Erb, Daniel Falb, Walter Helmut Fritz, Claudia Gabler, Sylvia Geist, Elfriede Gerstl, Heinz G. Hahs, Wolfgang Hilbig, Felix Philipp Ingold, Hendrik Jackson, Thomas Kling, Jean Krier, Gregor Laschen, Johann Lippet, Rainer Malkowski, Jürgen Nendza, Brigitte Oleschinski, Oskar Pastior, Marion Poschmann, Arne Rautenberg, Christa Reinig, Michael Roes, Ulrike Almut Sandig, Kathrin Schmidt, Johann P. Tammen, Jürgen Theobaldy, Sandra Trojan, Raphael Urweider, Jan Wagner, Peter Waterhouse, Ernest Wichner, Ror Wolf bis Martin Zingg, Nachworte der Herausgeber, 246 Seiten, Hardcover, Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2010. Marginalien
  • Rolf Dieter Brinkmann, Vorstellung meiner Hände. Frühe Gedichte, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Maleen Brinkmann, Essay von Michael Töteberg, 96 Seiten, Hardcover, Lesebändchen, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2010.
  • Werner Bucher · Jolanda Fäh · Virgilio Masciadri (Hg.), Poesie-Agenda 2011, mit Gedichten von 150 Autorinnen und Autoren aller Zeiten und vieler Länder, darunter Hans Bender, Erika Burkart, Catarina Carsten, Radka Donnell, Manfred Enzensperger, Jolanda Fäh, Brigitte Fuchs, Hand Gysi, Franz Hohler, Alfred Ilk, Fred Kurer, Werner Lutz, Erwin Messmer, Andreas Noga, Monique Obertin, Paul Pfeffer, Lutz Rathenow, Christian Saalberg, Gabriele Trinckler, Clemens Umbricht, Jürgen Völkert-Marten, Rainer Wedler und Maximilian Zander, 256 Seiten, Broschur, orte-Verlag, CH-Oberegg 2010.
  • Inge Buck · Monica Schefold, Märzlicht, Gedichte und Collagen, 72 unpaginierte Seiten, Hardcover, Sujet Verlag, Bremen 2010.
  • Markus Bundi (Hg.), Von Ort zu Ort verschieden nachdenklich sein. Über ausgewählte Gedichte von Werner Lutz, mit Beiträgen von 30 Autorinnen und Autoren, darunter Kurt Aebli, Beat Brechbühl, Urs Faes, Andreas Neeser, Walle Sayer, Eva Christina Zeller, Martin Zingg, 160 Seiten, Klappbroschur, Edition Isele, Eggingen 2010.
  • Oswald Egger, Die ganze Zeit, 741 Seiten, Leinen, Lesebändchen, Suhrkamp, Berlin 2010. Marginalien
  • Manfred Enzensperger, Endlich Boppard, 87 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Horlemann, Bad Honnef 2010.
  • Elke Erb, Meins, 142 Seiten, Broschur, Roughbooks, Wuischke · Berlin · Holderbank SO 2010.
  • Gerhard Falkner, Kanne Blumma, 200 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, ars vivendi verlag, Cadolzburg 2010. Marginalien
  • Karin Fellner, hangab zur kehle, 98 Seiten, Broschur, yedermann, Riemerling bei München 2010.
  • Christian Filips, Heiße Fusionen, 76 Seiten, Broschur, Roughbooks, Berlin · Holderbank SO 2010.
  • Bernd HARLEM Fischle, Das Lied der Straße, 32 Seiten, geheftete Klappbroschur, Maro, Augsburg 2010.
  • Zsuzsanna Gahse, Donauwürfel, 141 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Edition Korrespondenzen, Wien 2010.
  • Nora Gomringer, Nachrichten aus der Luft, 80 Seiten, Hardcover, mit Audio-CD, Verlag Voland & Quist, Dresden 2010.
  • Florian Günther, Spätprogramm, vorgestellt von Michael Arenz, 16 Seiten, geheftete Broschur, Silver Horse Edition, Marklkofen 2010.
  • Marc Hermann, Vom Verschwinden bleibt, Nachwort von Rainer Stöckli, 112 Seiten, Broschur, Edition Isele, Eggingen 2010.
  • Hadayatullah Hübsch, Marock'n'Roll. Beatgedichte, 59 Seiten, Broschur, Gonzoverlag, Mainz 2010.
  • Hadayatullah Hübsch, Monolith. Pop-Gedichte, 80 Seiten, Klappbroschur, Edition Schwarzdruck, Berlin 2010.
  • Kwang-Kyu Kim, Botschaften vom grünen Planeten, aus dem Koreanischen von Chong Heyong und Birgit Mersmann, Nachdichtungen von Heinz Ludwig Arnold, 96 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Wallstein, Göttingen 2010.
  • Jean Krier, Herzens Lust Spiele, 85 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Poetenladen, Leipzig 2010. Marginalien
  • Michael Krüger, Ins Reine, 120 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Suhrkamp, Berlin 2010. Marginalien
  • Nadja Küchenmeister, Alle Lichter, 101 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2010. Marginalien
  • Axel Kutsch (Hg.), Versnetze_drei. Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart von 211 Autorinnen und Autoren, darunter Michael Arenz, Werner Bucher, Uwe Claus, Jutta Dornheim, Manfred Enzensperger, Brigitte Fuchs, Florian Günther, Manfred Peter Hein, Hans Josef Jungheim, Rainer Komers, Vesna Lubina, Dieter P. Meier-Lenz, Andreas Noga, Danilo Pockrand, Francisca Ricinski, Walle Sayer, Ralf Thenior, Beate Ünver, Olaf Velte, Mario Wirz und Ulrich Zimmermann, Vorwort des Herausgebers, 317 Seiten, Broschur, Verlag Ralf Liebe, Weilerswist 2010. Lyrikgetwitter
  • Norbert Lange, Das Geschriebene mit der Schreibhand, Aufsätze zur Lyrik, 112 Seiten, Broschur, Reinecke & Voß, Leipzig 2010.
  • Christine Langer, Findelgesichter, 112 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Klöpfer und Meyer, Tübingen 2010.
  • Arnold Leifert, Die Gewissheit der Walnüsse, 107 Seiten, Broschur, Lyrikedition 2000 · Allitera Verlag, München 2010. Marginalien
  • Christoph Leisten, bis zur schwerelosigkeit, 64 Seiten, Broschur, Rimbaud, Aachen 2010. Marginalien
  • Anton G. Leitner (Hg.), Die Hoffnung fährt schwarz, Gedichte von Erika Burkart, Axel Kutsch, Walle Sayer u.v.a., 120 Seiten, Broschur, Verlag Sankt Michaelsbund, München 2010.
  • Michael Lentz, Offene Unruh. 100 Liebesgedichte, 175 Seiten, Hardcover, Lesebändchen, S. Fischer, Frankfurt am Main 2010.
  • Michael Lentz · Michael Opitz (Hg.), In diesem Land. Gedichte aus den Jahren 1990–2010, 637 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Lesebändchen, S. Fischer, Frankfurt am Main 2010. Lyrikgetwitter
  • Swantje Lichtenstein, Entlang der lebendigen Linie. Sexophismen. Ein lyrischer Zyklus, 79 Seiten, Passagen Verlag, Wien 2010.
  • Joanna Lisiak, Klee composé. Lyrik mit Paul Klee, 94 Seiten, Broschur, Littera Autoren Verlag, Zürich 2010.
  • Gwendolyn MacEwen, Die T. E. Lawrence Gedichte, zweisprachige Ausgabe, aus dem Englischen von Christine Koschel, Nachwort von Margitt Lehbert, 159 Seiten, Klappbroschur, Edition Rugerup, S-Hörby 2010.
  • Siegfried Marquardt, Manegenstaub, 108 Seiten, Hardcover, Donat Verlag, Bremen 2010.
  • Siegfried Marquardt, Ich bereite mich aufs Vergessen vor: ich schreibe, Sprüche, 96 Seiten, Hardcover, Donat Verlag, Bremen 2010.
  • Ulrich Marzahn, luftschlosserei, 88 Seiten, Broschur, Lyrikedition 2000 · Allitera Verlag, München 2010.
  • Detlef Michelers · Oliver Voigt (Hg.), Der 35ste Spieltag. Kunst und Text zu 17 Heimspielen des SV Werder Bremen, mit Gedichten von Rudolph Bauer, Dirk Böhling, Wolfgang Schlott u.a., 40 Seiten, Broschur, Banane-Design-GmbH Verlag, Bremen 2010.
  • Jörg Neugebauer, Die Stille bricht aus den Wolken, 36 Seiten, geheftete Broschur, Silver Horse Edition, Marklkofen 2010.
  • Shafiq Naz (Hg.), Der deutsche Lyrikkalender 2011. Jeder Tag ein Gedicht, Gedichte von 300 Autorinnen und Autoren von den Anfängen bis zur Gegenwart, darunter Peter Altenberg, Ingeborg Bachmann, Gottfried Benn, Johannes Bobrowski, Paul Boldt, Claus Bremer, Joseph Buhl, Manfred Chobot, Klaus Peter Dencker, Carl-Christian Elze, Adolf Endler, Theodor Fontane, Walter Helmut Fritz, Claudia Gabler, Marjana Gaponenko, Sylvia Geist, Harald Gröhler, Dorothea Grünzweig, Peter Handke, Caroline Hartge, Harald Hartung, Simone Heembrock, Martina Hefter, Hans-Jürgen Heise, Guy Helminger, Nico Helminger, Henning Heske, Stefan Heuer, Andrea Heuser, Friedrich Hölderlin, Walter Höllerer, Arno Holz, Markus Manfred Jung, Daniel Ketteler, Sarah Kirsch, Barbara Maria Kloos, Jürgen Kross, Jan Kuhlbrodt, Günter Kunert, Axel Kutsch, Stan Lafleur, Norbert Lange, Christian Lehnert, Oskar Loerke, Sabina Lorenz, Marie T. Martin, Virgilio Masciadri, Hartwig Mauritz, Franz Mon, Stefan Monhardt, Heiner Müller, Andreas Neeser, René Oberholzer, Jutta Over, Silke Peters, Dirk von Petersdorff, Holdger Platta, Steffen Popp, Francisca Ricinski, Said, Joachim Sartorius, Robert Schindel, André Schinkel, Clemens Schittko, Christian Schloyer, Ferdinand Schmatz, Nathalie Schmid, Frank Schmitter, Raoul Schrott, Werner Söllner, Armin Steigenberger, Lutz Steinbrück, Suleman Taufiq, Volker von Törne, Thien Tran, Ludwig Uhland, Jürgen Völkert-Marten, Achim Wagner, Richard Wagner, Frank Wedekind, A. J. Weigoni, Norbert Weiß, Lino Wirag, Michael Wüstefeld, Gerrit Wustmann, Annemarie Zornack, Carl Zuckmayer u.v.a., 450 Seiten, Tischkalender mit Spiralbindung, Alhambra Publishing, B-Bertem 2010.
  • Andreas Noga, Lücken im Lärm, 36 Seiten, geheftete Broschur, Silver Horse Edition, Marklkofen 2010. Marginalien
  • Gisela Noy, Kopfüber, 35 Seiten, geheftete Broschur, Silver Horse Edition, Marklkofen 2010.
  • Elisabeth K. Paefgen · Peter Geist (Hg.), Echtermeyer. Deutsche Gedichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, mit Gedichten von rund 260 Autorinnen und Autoren, darunter Annette von Droste-Hülshoff, Hans Arp, Hugo Ball, Rudolf Borchardt, Paul Celan, Catharina Regina von Greiffenberg, Simon Dach, Der von Kürenberg, Joseph von Eichendorff, Günter Eich, Paul Fleming, Günter Bruno Fuchs, Johann Wolfgang Goethe, Andreas Gryphius, Hartmann von Aue, Helmut Heißenbüttel, Jakob van Hoddis, Ernst Jandl, Karoline von Günderode, Erich Kästner, Else Lasker-Schüler, Wilhelm Lehmann, Friederike Mayröcker, Ernst Meister, Friedrich Nietzsche, Novalis, Martin Opitz, Oswald von Wolkenstein, August von Platen, Reinhard Priessnitz, Reinmar, Rainer Maria Rilke, Nelly Sachs, Theodor Storm, Georg Trakl, Kurt Tucholsky, Ludwig Uhland, Ulrich von Hutten, Volkslieder, Johann Heinrich Voß, Walther von der Vogelweide, Frank Wedekind, Paul Zech und Ulrich Zieger, 942 Seiten, Leinen mit Schutz­umschlag, Cornelsen, Berlin 2010.
  • Marion Poschmann, Geistersehen, 126 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Suhrkamp Verlag, Berlin 2010. Marginalien
  • Martin Rolke, An den Tagen abgefüllter Monde, vorgestellt von Jürgen Völkert-Marten, 16 Seiten, geheftete Broschur, Silver Horse Edition, Marklkofen 2010.
  • Hendrik Rost, Der Pilot in der Libelle, 112 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Wallstein Verlag, Göttingen 2010. Marginalien
  • Horst Samson, Und wenn du willst, vergiss, Gedichte aus den Jahren 1981 bis 1994, Nachwort von Andreas Saurer, 130 Seiten, Broschur, Pop Verlag, Ludwigsburg 2010.
  • Horst Saul, Wurzelherz, du, 70 Seiten, Broschur, Pop Verlag, Ludwigsburg 2010.
  • Bernhard Saupe, Viersäftelehre, 104 Seiten, Klappbroschur, Klever Verlag, Wien 2010.
  • Dieter Schlesak, Der Tod ist nicht bei Trost. Liebes- und Todesgedichte, 160 Seiten, Broschur, Lyrikedition 2000 · Allitera Verlag, München 2010.
  • Kathrin Schmidt, Blinde Bienen, 90 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010. Marginalien
  • Lutz Seiler, im felderlatein, 102 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Suhrkamp Verlag, Berlin 2010. Marginalien
  • Pete Spence, Sonnets, Nachwort von Dan Penschuck, handgesetzt von Karl-Friedrich Hacker, 20 Seiten, Footura black edition, Itzehoe 2010.
  • Sylvia Steiner, eine andere geografie, 76 Seiten, Hardcover, Edition Isele, Eggingen 2010.
  • Norbert Sternmut, Nachtlichter, 103 Seiten, Broschur, Pop Verlag, Ludwigsburg 2010.
  • Hans Thill, Museum der Ungeduld, 94 Seiten, Broschur, Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2010. Marginalien
  • Günter Vallaster (Hg.), Ein Alphabet der visuellen Poesie, mit Arbeiten von Josef Bauer, Gerhild Ebel, Heinz Gappmayr, Gerhard Jaschke, Ilse Kilic, Axel Kutsch, Jürgen O. Olbrich, Valeri Scherstjanoi, Fritz Widhalm, Ottfried Zielke u.v.a., 75 Seiten, Broschur, edition ch, Wien 2010. Marginalien
  • Jan Wagner, Australien, 106 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Berlin Verlag, Berlin 2010.
  • Thomas Weiß, von weit, 210 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Klöpfer & Meyer, Tübingen 2010.
  • Ron Winkler, Frenetische Stille, 95 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Berlin Verlag, Berlin 2010. Marginalien
  • Christoph Wenzel, tagebrüche, 107 Seiten, Broschur, yedermann, Riemerling bei München 2010.
  • Maximilian Zander, Brief von Carl, 35 Seiten, geheftete Broschur, Silver Horse Edition, Marklkofen 2010.


PROSA 2010

  Christoph Neidhart
Museum des Lichts
Edition Isele 2010

Das Buch bei Amazon


  • Paul Auster, Sunset Park, Roman, 309 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Faber and Faber, London 2010.
  • Nicholson Baker, The Anthologist, Roman, 245 Seiten, Broschur, Pocket Books, Simon & Schuster, London 2010.
  • Patrick Beck, Ich habe ein Haus aus Licht gebaut. Imaginäre Orte, Prosa, 93 Seiten, Broschur, Leipziger Literaturverlag, Leipzig 2010.
  • Oliver Becker, Kleinstadtghetto Ballade, Roman, 170 Seiten, Broschur, Plöttner Verlag, Leipzig 2010.
  • Markus Berger, Kopftornado Oder: Tick, Stein! Ein Mikroroman, 65 Seiten, Broschur, Pop Verlag, Ludwigsburg 2010.
  • Thomas Bernhard, Die Autobiographie · Die Ursache. Eine Andeutung | Der Keller. Eine Entziehung | Der Atem. Eine Entscheidung | Die Kälte. Eine Isolation | Ein Kind, 640 Seiten, Hardcover, Lesebändchen, 5 Bände im Schuber, Residenz Verlag, St. Pölten · Salzburg 2010.
  • Thomas Bernhard, Goethe schtirbt, 98 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2010.
  • Jürgen Buchmann, Grammatik der Sprachen von Babel, Prosa, 72 Seiten, Broschur, Reinecke & Voß, Leipzig 2010.
  • Hugo Dittberner, Das See-Vokabularium, Roman, 136 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Wallstein Verlag, Göttingen 2010.
  • Ulrike Draesner, Vorliebe, Roman, 254 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Luchterhand, München 2010.
  • Oswald Egger, Die ganze Zeit, 741 Seiten, Leinen, Lesebändchen, Suhrkamp, Berlin 2010.
  • Margot Ehrich, Ich weiß wer du bist, Erinnerungen, 88 Seiten, Broschur, Rimbaud, Aachen 2010.
  • Marjana Gaponenko, Annuschka Blume, Roman, 251 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Lesebändchen, Residenz Verlag, St. Pölten · Salzburg 2010.
  • Doris Gercke, Tod in Marseille. Ein Bella-Block-Roman, 207 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Hoffmann und Campe, Hamburg 2010.
  • Tanja Griesel, Rothard. Ein Maxie-Kaiser-Roman, 239 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Hoffmann und Campe, Hamburg 2010.
  • Wieland Grommes, Vermessungen, Vermessenheiten. Kartografische Fragmente, Essay, 79 Seiten, Broschur mit Schutz­umschlag, Verlag im Waldgut, Frauenfeld 2010.
  • Katrin Heinau, Hochstaplerroman, 171 Seiten, Broschur, Leipziger Literaturverlag, Leipzig 2010.
  • Rolf Hermann · Michael Stauffer, Kein Zucker im Kaffee. Hommage an Grossmutter, Hörspiel, CD und Faltblatt, Rotten Verlag, CH-Visp 2010.
  • Nick Hornby, Juliet, Naked, Roman, 250 Seiten, Penguin Books, London 2010.
  • Nina Jäckle, NAI oder was wie so ist, Erzählung, 89 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Lesebändchen, Klöpfer & Meyer, Tübingen 2010.
  • Sarah Kirsch, Krähengeschwätz, Prosa, 176 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Deutsche Verlags-Anstalt, München 2010.
  • Dieter Kühn, Ich war Hitlers Schutzengel. Fiktionen, 206 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Lesebändchen, S. Fischer, Frankfurt am Main 2010.
  • Alexander Kluge, Wer sich traut, reißt die Kälte vom Pferd · Landschaften mit Eis und Schnee. Filme · Stroh im Eis. Geschichten, DVD und Buch im Schuber, 88 Seiten, Broschur, Suhrkamp Verlag, Berlin 2010.
  • Pierre Kretz, Ich, der kleine Katholik, Roman, aus dem Französischen von Irène Kuhn, 170 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Klöpfer und Meyer, Tübingen 2010.
  • Jan Kuhlbrodt, Vor der Schrift, Roman, mit s/w-Illustrationen von Stefan Walter Melzner, 168 Seiten, Broschur mit Schutz­umschlag, Plöttner Verlag, Leipzig 2010.
  • Selma Mahlknecht, Helena, Roman, 234 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Edition Raetia, I-Bozen 2010.
  • Friederike Mayröcker, ich bin in der Anstalt. Fußnoten zu einem nichtgeschriebenen Werk, 190 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Suhrkamp, Berlin 2010. Notizen zu Friederike Mayröckers Werk nach 2000
  • Christian Lorenz Müller, Wilde Jagd, Roman, 256 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Hoffmann und Campe, Hamburg 2010.
  • Herta Müller, Lebensangst und Worthunger. Im Gespräch mit Michael Lentz. Leipziger Poetikvorlesung 2009, 56 Seiten, Broschur, Suhrkamp Verlag, Berlin 2010.
  • ´Herta Müller, Niederungen, Prosa, 175 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Hanser, München 2010.
  • Herta Müller, Reisende auf einem Bein, Roman, 176 Seiten, Broschur, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2010.
  • hristoph Neidhart, Museum des Lichts. Petersburger Lieben, Roman, 141 Seiten, Broschur, Edition Isele, Eggingen 2010.
  • Doron Rabinovici, Andernorts, Roman, Hardcover mit Schutz­umschlag, Suhrkamp, Berlin 2010.
  • Rainer Rabowski, Erste Lieben, Erzählungen, 127 Seiten, Broschur, onomato Verlag, Düsseldorf 2010.
  • Philip Roth, Nemesis, Roman, 283 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Jonathan Cape, London 2010.
  • arald Nicolas Stazol, Porcella, Roman, 205 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Lesebändchen, Plöttner Verlag, Leipzig 2010.
  • Judith Tannenbaum · Spoon Jackson, By Heart. Poetry, Prison and Two Lives, 198 Seiten, Broschur, New Village Press, Oakland, Kalifornien 2010.
  • Metta Victor, Tagebuch von nem schlimmen Schlingel, aus dem Amerikanischen von Ni Gudix, 206 Seiten, Hardcover, Killroy media Verlag, Asperg 2011.
  • Bernd Völkle · Klaus Theweleit, Regal, Klaus Theweleit im Gespräch mit Bernd Völkle, herausgegeben von Dieter Weber, 80 Seiten, 50 Farbabbildungen, Hardcover, Fadenheftung, modo Verlag, Freiburg 2010.
  • J. Weigoni, Zombies, Erzählungen, Nachwort von Erik Lauer, 320 Seiten, Hardcover, Edition Das Labor, Mülheim an der Ruhr 2010.
  • Joachim Zelter, Der Ministerpräsident, Roman, 188 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Klöpfer und Meyer, Tübingen 2010.


ZEITSCHRIFTEN 2010

  Matrix
Zeitschrift für Literatur und Kunst

  • Urs H. Aerni u.a. (Hg.), entwürfe. Zeitschrift für Literatur, 63. Ausgabe: Literatur im Gespräch, Texte von 25 Autorinnen und Autoren, darunter Zsuzsanna Gahse, Katharina Hacker, Christian Haller, Michael Lentz, José F. A. Oliver, 168 Seiten, Broschur, Bern 2010.
  • Michael Arenz (Hg.), Der Mongole wartet, Zeitschrift für Literatur und Kunst, 20. Ausgabe mit Prosa, Lyrik und bildender Kunst, Gedichte von Michael Arenz, Dirk Bierbaß, Florian Günther, Wolfgang E. Herbst, Clemens Schittko, Ruth Velser und Maximilian Zander, 520 Seiten, Zenon Verlag, Düsseldorf 2010.
  • Ulrich J. Beil · Anton G. Leitner (Hg.), Das Gedicht, 18. Ausgabe: Die Poesie von Licht und Schatten, mit Gedichten von Manfred Ach, Leander Beil, Werner Bucher, Tanja Dückers, Hans Eichhorn, Gerald Fiebig, Alexander Gumz, Ulla Hahn, Fitzgerald Kusz, Axel Kutsch, Werner Lutz u.v.a., 155 Seiten, Broschur, Anton G. Leitner Verlag, Weßling 2010.
  • Hans Georg Bulla (Hg.), Eric van der Wal. Buch und Kunst, herausgegeben, anläßlich des 50jährigen Pressenjubiläums, zu Ehren von Eric van der Wal als Privatdruck in einer einmaligen Auflage von 1.000 Exemplaren, 24 Seiten im Zeitungsformat 22 x 32 cm, mit Beiträgen von Oskar Ansull, Georg Oswald Cott, Wolfgang Eschker, Peter Gosse, Gerd Kolter, Christiane Schulz, Hannelies Taschau u.a., Wedemark 2010.
  • Epidemie der Künste (Hg.), floppy myriapoda. Subkommando für die freie Assoziation, 13. Ausgabe, mit Gedichten von Dirk Fröhlich, Eberhard Häfner, Stan Lafleur, Alexander Nitsche, Kai Pohl, HEL Toussaint, Johannes Witek u.a., 40 Seiten, geheftete Broschur, Distillery Verlag, Berlin 2010.
  • Andreas Heidtmann (Hg.), Poet. Literaturmagazin, 8. Ausgabe, Redaktion Prosa: Katharina Bendixen, Dossier russische Lyrik: Alexander Nitzberg, Redaktion Gespräche: Walter Fabian Schmid, Gedichte von Konstantin Ames, Hans Bender, Mara Genschel u.a., Geschichten von Andreas Heuser, Hanna Lemke, Monika Radl u.a., Gespräche mit Maria Cecilia Barbetta, Jan Faktor, Ilja Trojanow u.a., 255 Seiten, Klappbroschur, Poetenladen, Leipzig 2010.
  • Andreas Heidtmann (Hg.), Poet. Literaturmagazin, 9. Ausgabe, Redaktion Prosa: Katharina Bendixen, Dossier niederländische Lyrik: Jürgen Nendza, Redaktion Gespräche: Walter Fabian Schmid, mit Gedichten von Ludwig Fels, Mathias Traxler, Julia Trompeter u.a., 270 Seiten, Klappbroschur, Poetenladen, Leipzig 2010. Lyrikgetwitter
  • Axel Helbig (Hg.), Ostragehege. Zeitschrift für Literatur, Kunst, 59. Ausgabe, Gedichte von Mark Breidenich, Zsuzsanna Gahse, Thilo Krause, Christiane Schulz, Lutz Steinbrück, Anja Utler u.a., 78 Seiten, Broschur, Literarische Arena, Dresden 2010
  • Karl E. Jirgens (Hg.), Rampike, Zeitschrift für experimentelle Literatur, Vol. 19 / N° 1: Visual Poetics, mit visueller Poesie von Reed Altemus, John Bennett, Jürgen Olbrich u.a., 80 Seiten, Broschur, Windsor (Kanada) 2010.
  • Theo Köppen · Peer Schröder · Katja Töpfer (Hg.), Trompete, 4. Ausgabe: Neueste Gedichte, mit Gedichten von Tone Avenstroup, Gerald Fiebig, Christian Futscher, Anna Rheinsberg, Olaf Velte u.a., 40 Seiten, geheftete Broschur, Edition Michael Kellner, Hamburg 2010.
  • Francis van Maele (Hg.), FRANTICHAM'S ASSEMBLING BOX, Künstler­zeit­schrift in der A-5-Schachtel, 8. Ausgabe, mit visueller Poesie, Collage, Druck, Multiple und Objektkunst von Demosthenes Agrafiotis (Griechenland), Fernando Aguiar (Portugal), Hartmut Andryczuk (Deutschland), Antic-Ham (South Korea), Vittore Baroni (Italien), Lancillotto Bellini (Italien), John M. Bennett (USA), Theo Breuer (Deutschland), Allen Bukoff (USA), J. M. Calleja (Spanien), Darlene Domel (USA), Gyorgy Galantai (Ungarn), Antonio Gomez (Spanien), Klaus Groh (Deutschland), Richard Kostelanetz (USA), Serse Luigetti (Italien), Emilio Morandi (USA), Fritz Sauter (Schweiz), Schoko Casana Rosso (Deutschland), Litsa Spathi (Deutschland), Pete Spence (Australien), Christine Tarantino (USA), und Francis Van Maele (Irland), 40 Exemplare, signiert und numeriert 1/40 bis 40/40, Redfoxpress, Dugort, Achill Island, County Mayo (Irland) 2010.
  • Peter Marggraf (Hg.), Berichte aus der Werkstatt, 9. Ausgabe, Gedichte von Oskar Ansull, Georg Oswald Cott, Hugo Dittberner, Johann P. Tammen, Christiane Schulz, Clemens Umbricht, Norbert Weiß u.a., 44 Seiten, Zeitungsformat, San Marco Handpresse, Neustadt 2010.
  • Traian Pop (Hg.), Matrix. Zeitschrift für Literatur und Kunst, 21. Ausgabe, Essay, Lyrik und Prosa von Horst Samson, Dieter Schlesak, Gerd Sonntag, Fred Viebahn, Rainer Wedler u.v.a., 200 Seiten, Broschur, Pop Verlag, Ludwigsburg 2010.
  • Thomas Keul · Christian Reder (Hg.), Volltext. Zeitung für Literatur, Gedichte von Helmut Heißenbüttel, Ulrich Koch, Werner Riegel und Volker Sielaff, Interview von Klaus Modick mit William Gaddis und viele andere Texte, 48 Seiten, 49. Ausgabe, Wien 2010.
  • Verein Literatur­gruppe Perspektive (Hg.), Perspektive. Hefte für zeit­genös­sische Literatur, 64. Ausgabe, mit Texten von Lilly Jäckl, Urs Jaeggi, Sophie Reyer u.a., 104 Seiten, Broschur, Graz 2010.
  • Norbert Weiß (Hg.), Signum, Blätter für Literatur und Kritik, 11. Jahrgang, Heft 1, mit Gedichten von Dorothea Dieckmann, Radek Fridrich, Axel Kutsch u.a., 163 Seiten, Broschur, Signum e.V., Dresden 2010.

in memoriam Walter Helmut Fritz (1929–2010)
Sistig/Eifel · 2. Januar 2010 – 13. Dezember 2010


Theo Breuer    22.12.2009    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
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