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August 2008
die horenzwischen den zeilenAm Erker
 
Zeitschriftenlese  –  August 2008
von Michael Braun | Saarländischer Rundfunk
Schallplatten waren schon immer ein magischer Geschichtsspeicher. Denn auf diesen mittlerweile veralteten Aufzeichnungssystemen ist der Sound­track unseres jugendlichen Erwachens festgehalten – die identitäts­stiftenden Tracks der heute Vierzig- bis Sechzigjährigen, die Songs, Schlager und Sounds der ekstatischen Pop-Kultur. Zwischen dem Tonarm des Plattenspielers, dem Lautsprecher und dem Ohr des Hörers scheint sich damals eine eigene Apparatur gebildet zu haben: eine Apparatur zur Speicherung von Gefühlsströmen. „Die Platten“, so hat es Klaus Theweleit einmal gesagt, „haben etwas aufgezeichnet, während sie liefen; sie haben nicht nur etwas abgespielt.“ Sie haben, so wäre zu ergänzen, das Herz der Hörer zu einem Tonraum gemacht.
Die Erforschung dieses Tonraums und der existenziell unauslöschlichen „Klangspuren“ hat sich nun die aktuelle Ausgabe, die Nummer 230 der Literaturzeitschrift „die horen“ vorgenommen. Dabei wird ein gewaltiges musikalisches Archiv persönlicher Offenbarungserlebnisse geöffnet. Über 30 Autoren – der älteste davon der mittlerweile 77jährige Manfred Peter Hein, die jüngste die 1981 geborene Marlen Pelny – haben hier ihre musikalische Initiationsszene aufgeschrieben. Und das Spektrum dieser Tiefbohrungen in der eigenen Biografie reicht von Lale Andersens unsterblicher Schnulze „Lili Marleen“ bis zur exzentrischen Soul-Sängerin Amy Winehouse. Dabei sind auch mehr oder weniger gelungene Übersetzungen und Nachdichtungen der meist englischen Stücke entstanden – nicht selten begleitet von der Klage, diese Pop-Evergreens seien unübersetzbar.
Manfred Peter Hein rekonstruiert die Erfolgsgeschichte von „Lili Marleen“, ein Song, der 1913 von dem unbekannten Dichter Hans Leip am Vorabend des Ersten Weltkriegs geschrieben worden war, aber erst im Verlauf des Zweiten Weltkriegs zu ungeheurer Popularität gelangte. Das Lied vom Soldaten, der sich von seiner Liebsten unter der Laterne losreißen muss, um in die Kaserne zurückzukehren und dem Arrest zu entgehen, war – in der englischen Version – bei britischen und amerikanischen Soldaten genauso beliebt wie die deutsche Originalfassung bei Angehörigen der Wehrmacht.
Zu den schönsten Beiträgen in diesem „horen“-Heft gehören sicherlich die Selbsterkundungen Hans-Ulrich Treichels und Josef Haslingers. Hans-Ulrich Treichel gelingt die Annäherung an ein Meisterstück der Hässlichkeit. „The Trashmen“ hatten 1964 ein One-Hit-Wonder in den Charts platziert, den mit diversen provokativen Krächz- und Gurgel-Lauten und Misstönen gespickten Song „Surfin' Bird“. Den Traum vom Abspielen dieses Songs in voller Lautstärke konnte Treichel damals nicht verwirklichen – und auch die Gewissheit, dass es sich dabei um ein die Welt zum Einsturz bringendes Pop-Stück handelt, musste er bei späteren Nachforschungen revidieren.
Ein wunderschönes Kindheitsmuster webt auch Josef Haslinger in seiner Erinnerung an die Erstbegegnung mit dem legendären „Child in time“ von Deep Purple. Es war eine Sensation für den damals fünfzehnjährigen Zögling eines Zisterzienserklosters, als er zum ersten Mal das „todes­feeartige Schreien“ Ian Gillans hörte. Später wird der entlaufene Klosterzögling verblüfft feststellen, dass die Deep Purple-Akkorde im Grunde eine Tonfolge des gregorianischen Chorals wiederholen.
Die 1965 geborene Martina Hefter hat einen der intensivsten Texte dieses „horen“-Heftes geschrieben: Hefter rekonstruiert eine elektrisierende Szene des Jahres 1984, da sie als junge Punkerin aus dem Allgäu nach Berlin gezogen war, um dort in einer alten Lagerhalle den Tod höchstpersönlich tanzen zu sehen. Der Tod trat auf in Gestalt von Blixa Bargeld, des Sängers der Band „Einstürzende Neubauten“, die einen apokalyptischen Höllenlärm zu erzeugen verstand. Und zwar nicht nur in dem von Hefter emphatisch interpretierten Stück „Der Tod ist ein Dandy“. In ihrem hinreißenden Text erzählt Martina Hefter auch von den Verwandlungen des einst „wüsten, bleichen“ und heute weiser gewordenen Blixa Bargeld. Es ist eine Erzählung vom Ende aller Illusionen: „Die Party – und ich sage: jede Party – ist aus.“

In der Kunst der Desillusionierung sind auch die internationalen Lyriker geübt, die uns Urs Engeler in Heft 28 von „Zwischen den Zeilen“, der nach wie vor besten Lyrik-Zeitschrift im deutschsprachigen Raum, vorstellt. Da ist der Belgier Paul Bogaert, der in seinem Gedichtzyklus „Zirkuläre Systeme“ ganz kalte Inspektionen unserer Lebenswelt vorlegt. Es sind anthro­pologische Befunde in Gedichtform, in denen fast nie ein „Ich“, statt dessen ein unpersönliches „Man“ im Zentrum steht und die das Leben als Folge unauflösbarer Zwangszusammenhänge schildern. „Man stöhnt, pausiert und stöhnt / im Kausalzusammenhang“, heißt es programmatisch an einer Stelle und kurz darauf taucht ein grusliges Ebenbild des Menschen auf: „der Angsthase im Riesenrad“. Etwas verhaltener und noch distanzierter sprechen die Gedichte des großen Niederländers Rutger Kopland, der auch als Psychiater und Schlafforscher tätig ist. Seine Übersetzer Mirko Bonné und Hendrik Rost berichten von dem „seltsamen Schauder“, den der lakonische Realismus Koplands verursacht. Dieser Schauder wird durch den skeptischen, alles scheinbar Sichere zersetzenden Blick Koplands erzeugt, der sich in den einfachsten Alltagsgegenständen und Naturdingen spiegelt. Eins seiner schönsten Gedichte besingt die Dinglichkeit eines Baumes:

Hier steht Die Rotbuche
mit ihrer endlos langen
Geduld eines Baums.

Hier steht die Rotbuche
sie sieht und hört uns
und hat uns vergessen.

Hier steht die Rotbuche
für sie ist es immer immer
und hier ist es nirgends.


Zum Schluss noch ein Seitenblick in ein aufschlussreiches Dossier, das wir in Heft 55 der Zeitschrift „Am Erker“ finden. Der Literaturkritiker Jürgen P. Wallmann hat hier einige Briefe Paul Celans aus seinem Privat-Archiv veröffentlicht, die im Zusammenhang mit der sogenannten Goll-Affäre stehen. Gleich zweimal hatte Claire Goll in den fünfziger Jahren üble Hetzkampagnen gegen Paul Celan initiiert, mit dem Ziel, ihn als Plagiator ihres Mannes Yvan Goll und als „Altmetaphernhändler“ zu denunzieren. Jürgen P. Wallmann – damals noch Student der evangelischen Theologie – hatte sehr früh Partei für Celan ergriffen und ihn in zahlreichen Artikeln gegen die haltlosen Plagiats-Vorwürfe verteidigt. Seltsam ist, dass Wallmanns Rolle in der einschlägigen Dokumentation zum Thema, Barbara Wiedemanns Textsammlung zur Goll-Affäre, sehr negativ bewertet wird. Mit der Veröffentlichung und Kommentierung der an ihn gerichteten Briefe Celans in Heft 55 von „Am Erker“ kann Wallmann diese Verdächtigungen schlüssig widerlegen.
die horen, Nr. 230   externer Link
Johann P. Tammen, Wurster Str. 380, 27580 Bremerhaven
240 Seiten, 14,- Euro

Zwischen den Zeilen, Heft 28 (2008)   externer Link
Urs Engeler Editor, Dorfstraße 33, CH-4019 Basel
156 Seiten, 10,- Euro
Heft 28 online | Zwischen den Zeilen   externer Link

Am Erker 55   externer Link
Daedalus Verlag, Oderstraße 25, 48145 Münster
216 Seiten, 9,- Euro.

Michael Braun18.08.2008Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-AnsichtSeite empfehlen  empfehlen

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