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Dezember 2012
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Zeitschriftenlese  –  Dezember 2012
von Michael Braun | Saarländischer Rundfunk – Literatur im Gespräch


In der Auflösung aller markanten Unterschiede zwischen der Welt des ästhetischen Scheins und der empirisch greif­baren Realität sind wir inzwischen weit fort­ge­schrit­ten. Die Ein­ebnung jedweder Dif­ferenz zwischen Kunst und Leben hatte sich offen­bar auch die Kura­torin der jüngsten documenta, die Kunst­histo­rikerin Carolyn Christov-Bakargiev, zur Auf­gabe gemacht. Ange­trieben von einem naiven animis­tischen Ehr­geiz, erklärte sie, sie sehe keinerlei Unter­schied zwischen einem Mann, einer Frau und einer Tomate. Sie wolle die Erdbeeren eman­zipieren, ein Wahl­recht für Hunde sei Pflicht­pro­gramm für eine Zivil­gesell­schaft. Und wer Unterschiede machen wolle zwischen einem Bienen­stock und einem Raffael-Gemälde, sei doch überaus „menschen­zentriert“.
  Angesichts solcher Verirrungen ist es wenig verwunder­lich, dass auch die zeit­genös­sischen Ver­treter der Avant­garde auf Abwege geraten sind. Besaß die histo­rische Avantgarde noch ein Bewusst­sein von den Normen der Tradi­tion, denen sie ein radi­kales Gegen­konzept entgegen­zu­setzen wusste, so geht es bei den derzeit agie­renden Schwund­formen des Avantgar­dismus oftmals nur noch um eine hyper­venti­lierende Exzen­trik. Diese sucht in den tabuierten Zonen des Patho­logischen, Obszönen, Ekel­haften oder Absurden nach wirkungs­vollen Schock­strategien. Von einer beson­ders ab­stoßenden Schock­strategie weiß nun die aus­ge­zeichnete Jubi­läums­aus­gabe, die Nummer 60 der Lite­ratur­zeit­schrift EDIT zu berichten, die eine Reihe fabelhafter Essays enthält. Der Philosoph Guillaume Paoli analysiert hier eine kanni­bal­istische Ver­stümmelungs-Aktion, die in der japani­schen Kunst-Szene tat­sächlich als „Performance“ rezipiert wurde. Der trans­sexuel­le Künstler Mao Sugiyama ließ sich seine Genitalien ope­rativ ent­fernen, um sie anschlie­ßend, mit Pilzen und Peter­silie angerichtet und gegen Zahlung einer horrenden Summe, an per Twitter geladene Gäste zu ver­kös­tigen. Der knappe Vorrat, so schreibt Paoli, reichte nur für fünf Personen; es kamen jedoch sieb­zig Gäste, die dann mit Kro­kodil­fleisch ver­tröstet wurden. Kanni­ba­lismus, so resümiert der EDIT-Essayist trocken, ist weder in Japan noch in Deutsch­land gesetz­lich verboten, so dass die grausige Aktion kein juris­tisches Nachspiel hatte. Für solche Insze­nie­rungen einer pro­vokativen „Asexua­lität“ findet der Autor des EDIT-Beitrags die Kategorie „Narzissmus-Nihilis­mus“. Das ist ein sehr milder Begriff für die bizarren Exhibi­tionismen, die in der inter­nationalen Kunst­szene als Avant­gardis­mus herum­geistern. Ein zweites Beispiel für eine etwas autis­tische Ver­suchs­anord­nung untersucht die junge Romanautorin Nina Bußmann in ihrem wunder­schönen EDIT-Essay über einen der zäh­flüssigs­ten Stoffe der Welt: das Pech. Vor über achtzig Jahren verfiel ein aus­tralischer Uni­ver­sitäts­pro­fessor auf ein eigen­artiges Experi­ment. Er füllte einen Trichter mit erhitztem Pech und ließ es zu­nächst unter einer Glas­glocke erkalten. Drei Jahre später öffnete er dann den Trich­ter, um die dereinst zäh­flüssige, jetzt scheinbar feste Materie ab­fließen zu lassen. Alle acht bis zwölf Jahre nur entweicht ein Tropfen aus dem Trichter. Mittler­weile aber sind Anlass und Sinn des Experiments verloren gegangen, nur noch die Faszi­nation am schwarzen, zäh­flüssigen Pech ist geblieben – eine Faszi­nation, die Bußmanns Text in poe­tisch dicht gefüg­ten Sätzen wiedergibt. Die Sinn­losig­keit des Experi­ments indes lässt sich auch als Sinn­bild für die Autismen der Avant­garde ver­stehen, die ihre ästhe­tische Intel­ligenz in den Dienst eines Spekta­kulums gestellt hat.
  Weitere Beispiele für eine trostlose Entgrenzung des Ästhetischen finden wir auch bei den Gegenwarts­künstlern, die mit großer Geste an die Lite­ratur­revo­lution des Dadaismus an­schließen wollen. Im Jahr 1869 hatte der Dichter Lautréamont in seinen „Gesängen des Maldoror“ einen Satz formuliert, der die nach­fol­genden Lite­ratur­revo­lutionen geprägt hat wie kaum ein anderer. Etwas sei schön, heißt es bei Lautréamont, „wie die zu­fällige Begeg­nung einer Näh­maschine und eines Regen­schirms auf einem Sezier­tisch“. Dieses Schön­heits-Konzept haben auch viele Dada­isten und Sur­rea­listen über­nommen – frei­lich war ihr Tun noch an kon­zise äs­the­tische Pro­gramme gebunden, nicht an die Apo­logie von purer Willkür.
  In die Geschichte und vor allem in die Nachgeschichte der lite­rarischen Avantgarde kann man sich nun mit Hilfe des tradi­tions­reichen Schweizer Kul­tur­maga­zins DU vertiefen. In der grafisch und bild­ästhetisch originellen, aber in den Text­beiträgen nicht immer über­zeu­genden November-Ausgabe von „Du“ feiert man die Erfin­dung des Dadaismus im Zürcher „Cabaret Voltaire“ vor 96 Jahren. Die Grün­dung des „Cabaret Voltaire“ im Februar 1916 wird hier zum An­lass genommen, sich mit der Wir­kungs­ge­schichte von Dada und vor allem mit dem dada­istischen Esprit der Gegen­warts­kunst aus­ein­ander­zusetzen. Intell­igente Argum­ente findet man indes nur in den histo­rischen Bei­trägen, etwa wenn Bernhard Echte den einzigen genu­inen Schweizer Beitrag zum Dada­ismus vorstellt, den mor­phium­süchti­gen Schrift­stel­ler Frie­drich Glauser, der als Kleptomane und Behörden-Bluffer eine erstaun­liche Lebens­kunst entwickelte. Auch der „Du“-Bei­trag von Stefan Zweifel führt zu einer Primärquelle des Dadaismus – zur Geburt der Poesie aus dem Rausch. „Opiumesser und Morphi­nisten erbauen eine Welt“, so wird hier aus dem Tagebuch von Hugo Ball zitiert, „die unserem ach so normalen Europa leider verloren­ging oder ihm immer fehlte. Es scheint eine Philo­sophie der Rausch­mittel zu geben: ihre Gesetze inter­es­sieren mich. Es ist ein ver­teufel­ter Weizen, der da blüht.“
  Leider wird in anderen Beiträgen des Heftes allzu oft einem Miss­verständnis gehul­digt, das der Dichter Raoul Hausmann mit der Behaup­tung in die Welt setzte, der Dadaismus sei „eine riesige Ent­bindung“ gewesen. So findet man auf den „Du“-Seiten immer wieder den irre­führenden Hinweis, die Dadaisten hätten gegen den „Widersinn der Zeit“ vor allem „gezielte Unlogik, Idiotie und Dilettan­tismus“ mobilisiert. Das ist besten­falls eine Halb­wahrheit. Denn der Dichter Hugo Ball, der intelli­genteste Kopf der Dada­isten, hat stets den demon­stra­tiven „Ernst“ betont, mit dem er nach der „innersten Alchemie des Worts“ suche. Es ging ihm nicht um bloße Gaukelei, sondern um mysti­sche Erfah­rungen auf der Suche nach dem innersten Glutkern der Wörter. Hugo Ball, der pro­duk­tivste Avant­gardist der kurzen Dada-Pe­riode, hat selbst das Wort „Avant­garde“ nur in einer Rand­bemer­kung verwendet und hat dann auch eine radi­kale reli­giöse Kehre vollzogen, als sich im „Cabaret Voltaire“ die Routine breit­machte. Völlig zurecht ver­weist daher Adrian Notz im „Du“-Heft auf Hugo Balls Ver­gleich der Da­daisten mit einer „gnostischen Sekte“, die sich im Angesicht des Bildes Jesu zurück­ver­wandelte in „Wickel­kinder“. Die selbst­ernannten Dada-Jünger der Gegenwart behelfen sich oft nur­mehr mit Ritualen der Regres­sion. Als ein regressiver Unfug ist auch die in „Du“ dokumentierte Aktion des Schweizer Künstler­duos Com & Com zu bewerten, die 2004 folgenden Aufruf lan­cierten: „Wir schen­ken ihrem Baby zehn­tau­send Franken, wenn Sie ihm den Namen Dada geben.“ Leider haben sich rasch Kandi­daten gefunden, die sich für diese sinnfreie Aktion begeisterten.
  Wenn man von diesen bedenklichen Fehl­leistungen im Zeichen von Dada absieht, bietet das „Du“-Heft doch auch viel Hilf­reiches zum Kontext der dadais­tischen Revolte. Der russisch-deutsche Dichter Valeri Scherstjanoi zieht zum Beispiel einige Ver­bindungs­linien zwischen der Laut­poesie Hugo Balls und der experi­men­tellen Dichtung des russischen Futu­risten Alexej Krucht­schonych, einem Freund und Weg­gefährten des radi­kalsten Avant­gardisten Russlands, Welimir Chlebnikow.
  Aus welcher materiellen Substanz und topografischen Erfahrung der Futurist Welimir Chlebikow seine futu­ristische „Sternensprache“ schöpfte, unter­sucht nun ein Essay in der aktuellen Ausgabe, der Nummer 99 der Kulturzeitschrift „Lettre Inter­national“. Der Schrift­steller Wassili Golowanow kann hier zeigen, dass Chlebnikows Wortschöpfungen elementar verbunden sind mit der Land­schaft, in der er aufwuchs. Das poetische Ko­ordinaten­system Chlebnikows ist die Land­schaft rund um das Kaspische Meer – das Wolgaudelta, das seit je nicht nur ein uralter Transit­raum von Waren aus allen Konti­nenten war, sondern auch ein kul­tureller Geschichts­ort, an dem die Kraftlinien vieler Kulturen zusammenlaufen. Welimir Chlebnikow, der Sohn eines Vogelkundlers, hat nicht nur ornithologische Begriff­lich­keiten, sondern auch die bota­nischen und geologischen Merkmale des kaspischen Raumes in die Sprache seiner Poesie integriert. Daraus entstand dann der Entw­urf seiner soge­nannten „Zaum“-Sprache, eine magische, nach allen Seiten hin offene, Grenzen sprengende „Sternen­sprache“. Nach der Oktober­revolution irr­lichterte Chlebnikow zwischen den Fronten, wurde zweimal inhaf­tiert, erkrankte an Typhus und starb schließlich, von Krank­heit und Hunger ausge­zehrt, im Mai 1922 auf einer abgelegenen Station im rus­sischen Norden. Erst ein halbes Jahrhundert später wurde er europaweit zur Kultfigur der literarischen Avantgarde.
  Wenn man heute in Literaturzeitschriften nach radikaler und auch sub­stantieller Dichtung im Geiste der Avant­garde Ausschau hält, muss man an die Ränder gehen, hin zu den kleinen Lyrik-Zeit­schriften, die kompromiss­los ihren Weg gehen. Da ist in erster Linie die „Mütze“ zu nennen, die neue Zeit­schrift des sich immer wieder neu erfindenden Lyrik-Editors Urs Engeler, der sein neues Blatt nun auch für Essays und aufregende Prosa-Projekte geöffnet hat. Die aktuelle September- und Dezember-Ausgabe, also die Nummer 2 und 3 der „Mütze“, sollte sich unbedingt aufsetzen, wer die neuesten Strömungs­linien sprach­reflexiver Dichtung kennen­lernen will. Hier finden sich zum Beispiel bewegende Gedichte aus dem Nachlass des Dichters und Übersetzers Wolfgang Schlenker, der sich vor Jahres­frist das Leben genommen hat. Es sind Gedichte, die das Melancholie-Motiv auf dem berühmten Stich Albrecht Dürers aufnehmen und es in ein Mosaik aus Verloren­heits-Bildern eintragen. „stichwort minimieren“ heißt da ein Text, der von der fort­schrei­tenden Schrumpfung des Lebens-Horizonts spricht und von dem paradoxen Daseinsgefühl des Ich, „ein eigen­ständiger und völlig korrekter teil / einer größeren entfernung zu sein“. Das schönste Ge­dicht aus dem „bruder morpheus“-Manu­skript Wolfgang Schlenkers ist die „freilaufende ge­schichte“, ein Text, der eine Meditation über Dürers Bild „Kleines Rasen­stück“ mit dem Bienen-Motiv der ameri­kani­schen Poetin Emily Dickinson zusammenführt. Nicht zufällig hat Schlenker viele Jahre seines Lebens darauf verwendet, eine ganz eigene Tonlage für seine Über­set­zungen der Gedichte Emily Dickinsons zu finden. Einige Meister­stücke lyri­scher Prosa liefert in der Nummer 3 der „Mütze“ die Dichterin Jayne-Ann Igel, die mit ihren poetisch sehr fein gewebten Traum­wande­rungen ein phanta­mago­risches Flimmern erzeugt. Es entsteht – wie in ihren früheren Gedichten – ein „gären von bildern in allen teilen des körpers“. Ein schwer zu ent­rät­selndes, gleich­wohl faszi­nie­rendes Stück herme­tische Poesie, in dem sich die Wörter zu ver­selbstän­digen scheinen, sind schließlich die „Quadrat­gedichte“ von Jean-René Lasalle, die in der „Mütze“ erst­mals einem deutschen Publi­kum prä­sentiert werden. Über­setzt hat diese „Quadrat­gedichte“ der wohl sprach­be­sess­enste Poet der Gegen­wart, der Öster­reicher Franz-Josef Czernin.
  Die verläss­lichste Zeitschrift für die Erkundung neuer dichte­rischer Sprech­weisen ist aber seit über drei­einhalb Jahr­zehnten der „Park“, im Allein­gang heraus­gegeben von dem Lyriker und Über­setzer Michael Speier. In der jüngsten Ausgabe, der Nummer 65 des „Park“, hat Speier wieder zauber­hafte Gedichte von Kerstin Preiwuß und Christoph Meckel versammelt, neben Texten finni­scher Dichter. Das darf schon deshalb als editorische Großtat gerühmt werden, weil finnische Dichtung nach dem Tod von Paavo Haavikko von der Landkarte der modernen Poesie verschwunden scheint. Einen Auftritt im „Park“ wie auch in der „Mütze“ hat der Dichter Ron Winkler, der kurz vor seinem vierzigsten Lebensjahr neue Möglich­keiten des Sprechens für sich entdeckt hat, die ihn von den stark techni­zistischen Bewusst­seins­gedichten seiner frühen Jahre wegführen. Wörter – so darf man viel­leicht im Rück­griff auf ein Winkler-Gedicht sagen – sind bei diesem Dichter „Animier­wesen“ in bestem Sinne, sie suchen nach einer Möglich­keit, uns gleichsam mitten im Wort zu wecken, uns los­zureißen vom bloß funktio­nalen Gebrauch der Sprache. In der „Mütze“ wagt sich Winkler nun auf das schwierigste Feld der Dichtung – er erprobt die Erkun­dung des eigenen Ich. In seinen Erin­nerungs­bildern aus einer DDR-Kind­heit blitzen da und dort noch einige manie­riert wirkende Sub­stantive auf, die aber zurück­treten hinter einer Kunst der poetischen Vergegen­wärtigung: „heute weiß man: Ge­schichts­bücher­jahre wurden eingebracht, -geweckt, / und von den Stoppeln ging ein Glosen / aus, das in die Sonne fand / und von dem die kleine Schwester sagte: doch, ich habe das gehört bis in die Puppen noch…..und es war Frieden, friedlich, hinter der Augenrändergrenze / wuchsen die Träume, wuchsen Träume nach.“

EDIT Heft 60  externer Link  
Gerichtsweg 28, 04103 Leipzig, 144 Seiten, 5 Euro.

Du 11 (2012)  externer Link
Du Kulturmedien, Stadelhoferstr. 25, CH-8001 Zürich. 114 Seiten, 15 Euro.

Lettre International 99  externer Link
Erkelenzdamm 59/60, 10999 Berlin. 140 Seiten, 11,90 Euro.

Mütze 2 (2012) und 3 (2012)  externer Link
Urs Engeler, Obere Steingrubenstr. 50, CH-4500 Solothurn. 52 Seiten, 6 Euro.

Park 65
Michael Speier, Tile-Wardenberg-Str. 18, 10555 Berlin. 96 Seiten, 7 Euro.

Michael Braun    12.12.2012   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  empfehlen

 

 
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