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Oktober 2012
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Zeitschriftenlese  –  Oktober 2012
von Michael Braun | Saarländischer Rundfunk – Literatur im Gespräch


In den sechziger Jahren galt der Dichter Walter Höllerer als der große Wirbel­wind des deutschen Lite­ratur­betriebs. Als passio­nierter Zeit­schriften­macher und großer Literatur-Impre­sario versuchte er die Poesie in einem ganz buch­stäblichen Sinn in Bewegung zu bringen. Bereits seine erste weg­wei­sende Antho­logie, die Gedicht­sammlung „Transit“ von 1956, markiert im Titel die Ent­schlossen­heit zum Durchgang durch den „Steinwald des Ge­wohnten“, wie es in einer Rand­notiz des Bandes heißt. In „Transit“ pro­pagierte Höl­lerer vor allem den Ausbruch aus jenen Kon­ventionen und Korset­tierun­gen, die eine formal kon­servative und ästhetisch immobile Nach­kriegs­lite­ratur geschaffen hatte. Die offene Struktur der Antho­logie „Transit“ sollte da­gegen die ideale Form für moderne Poesie vor­führen: nämlich „da zu sein als Mosaik vieler Felder, in dem jeder Teil zu dem anderen in beweg­liche, er­finderische Nach­bar­schaft treten kann“. Und diese Form der beweg­lichen Nach­bar­schaft poe­tischer Ele­mente reali­sierte Höllerer später in seinen Gedich­ten des 1969 er­schie­nenen Bandes „Systeme“, ein Buch, das noch zu entdecken ist in seiner epochalen Be­deu­tung für die Poesie der Gegenwart.
  Gleich zwei Literatur­zeit­schriften, das sehr experi­mentier­freudige Literatur­heft „randnummer“ und die dereinst von Höllerer selbst begründete Zeitschrift „Sprache im tech­nischen Zeitalter“, haben nun bislang unver­öffent­lichte Gedichte aus dem Nachlass des 2003 verstorbenen Höllerer aus­gegraben, die im Umfeld des Bandes „Systeme“ anzusiedeln sind. Der Berliner Dichter und Ver­anstal­tungs­macher Tom Brese­mann hat vor eini­ger Zeit im Literatur­archiv Sulzbach-Rosenberg ein Typo­skript mit Höllerer-Gedichten gefunden, die vielleicht auch wegen ihrer forma­len Kühnheit nie zur Ver­öffent­lichung gelangt waren. In der aktuellen Ausgabe, dem Heft 5 der „randnummer“ hat Bresemann nun einige Funde zusammengetragen und in einem kleinen Vorwort kommentiert.
  Im aktuellen Heft 203 von „Sprache im technischen Zeit­alter“ werden weitere Hölle­rer-Gedichte im Faksi­mile präsentiert und in einem kun­digen Aufsatz von Dieter M. Gräf in ihrem literaturhistorischen Kontext erschlossen. Gräf verweist zum Bei­spiel auf die berühmten „Thesen zum langen Gedicht“, in denen Höllerer bereits 1965 den Weg zu einer offenen Poetik bahnte, die dann in seinem Band „Systeme“ Gestalt annahm. In diesen Thesen spricht Höllerer dem langen Gedicht eine besondere Beweg­lichkeit zu: „die Entscheidung für ganze Sätze und längere Zeilen bedeutet Antriebs­kraft für Beweg­liches.“ Die offene poe­tische Form mani­festiert sich in den Nachlass-Gedichten in dem Umstand, dass die ein­zelnen Verse syste­matisch aus der Reihe tanzen und sich auf der Buchseite in viel­fach aufge­fächer­ten, sehr unregel­mäßigen, oft auch frag­mentierten Gedichtzeilen grup­pieren. Diese sehr freie Versform ist zum Teil auch ein Import aus der modernen ameri­kanischen Poesie, den Höllerer in den frühen 1960er Jahren selbst organisiert hat. Oft scheint es, als gehe es darum, die Gleich­zeitig­keit unter­schied­lichster Bewusst­seins­reize in der Gestalt des Gedichts selbst abzu­bilden. Das Ich der Gedichte beobach­tet sich selbst bei der For­mung der eigenen Wahr­nehmungen und es wird, so heißt es an einer Stelle, „in eine Kombi­nation gebracht und / sogleich wieder zer­legt“. Das Ich bleibt also Relais­station dis­parater punk­tueller Wahr­nehmungen : „›da bin ich noch nicht dahinter gekommen‹ / oder laut gewordene aufge­zeichnete Gedanken oder / Gegen­stimmen von uns / eine Art Telefonie“.
  Es geht bei dieser Ausgrabung der nachgelassenen Gedichte Walter Höllerers jedoch nicht um bloße Literatur-Archäologie. Denn die „randnummer“ nutzt diese offene Poetik Höllerers ganz offen­kundig als literarisches Leitbild. Neben die Höl­lerer-Gedichte plat­ziert die Redaktion sehr reizvolle visuelle Poeme der Autorin Angelika Janz, in denen durch verschiedene Montage­techniken Zeitungs­aus­risse oder kleine Maler­eien in die poetische Textur inte­griert werden. Das ist ebenso als eine wider­ständige Poesie in Bewegung zu be­grei­fen wie die hier abge­druckten Gedichte von Norbert Lange, Léonce Lupette oder Jan Skudlarek, in denen Verfahren der Über­schreibung, der seman­tischen De-Regu­lierung oder gar des Rückbaus von Texten ange­wandt werden. Jan Skudlarek beispiels­weise reduziert expres­sionistische Groß­stadt­gedichte von Georg Heym oder Ernst Blass auf wenige Wörter, um sie damit gleich­zeitig se­mantisch ungeheuer auf­zuladen. Überhaupt ist dieses neue Heft der „randnummer“ als ein viel­ver­spre­chendes Mani­fest der offenen Poetik und ihrer avan­ciertes­ten Autoren aus der jungen Gene­ration zu lesen. Diese offene Poetik mit ihrem Anspruch auf Subversion findet ihre Für­sprecher auch in den ameri­kani­schen Dichtern und Poeto­logen Bruce Andrews und Charles Bernstein, die hier mit forschen Plädoyers auf die Sabotage der herr­schenden Gramma­tik zielen. Es geht darum, so Andrews in seinem pro­gramma­tischen Essay, „Wörter zum Aus­gangs­punkt von Erwei­terungen (zu) machen“ und „aus dem geschlos­senen Kreislauf des Zeichens aus­zubrechen“. In einer Melange aus franzö­sischem Struk­turalis­mus und Kritischer Theorie wird eine politisch radikale Poetik der „Sub­version“ gefordert: „Eine anti-systemische Deto­nation gefes­tigter Bezie­hungen und anar­chische Freisetzung von Energieströmen.“ Gut gebrüllt, Löwe!
  Wer sich an traditionellere Konzepte der Dichtung halten will, sei auf die neue Ausgabe, die Nummer 67 der Zeitschrift „Ostragehege“ verwiesen. Dort resümiert die Lyrikerin Dorothea Grünzweig in einem sehr inspi­rierten Gespräch mit Axel Helbig ihre Vor­stellungen einer reli­giös grundierten roman­tischen Poetik. Seit 1989 lebt die in einem protes­tantischen Pfarr­haus auf­gewach­sene Auto­rin als „Bür­gerin zweier Sprach­welten“ in Finnland und schreibt dort Ge­dichte, die nicht nur von der innigen Berüh­rung der finnischen Land­schaft und Wörter­welt zeugen, sondern auch von einem spirituell-mystischen Ver­ständnis poe­tischer Schwebezustände. Eine direkte Linie führt von Grün­zweigs empha­tischer Dich­tung zurück zu ihrer Her­kunfts­welt, zum „freien Herzens­gebet“ des schwä­bischen Pietismus. Ihre Gedicht­zeilen sind durch­zogen von den Liedern ihrer Kindheit, von Wiegen­liedern, Psalm­versen und Gebets­formeln. Die Dich­terin selbst fühlt sich ange­sichts dieser Gedicht­formen an die ber­gende Wirkung eines Zelts, einer soge­nannten Jurte erinnert – „mit dem Ge­stän­ge und dem weichen Tuch da­zwi­schen.“
  Von einem Schwebezustand ganz anderer Art, nämlich einer unheimlichen Wahl­verwandt­schaft zwischen moderner Musik, einer Be­frei­ungs­phantasie und dem Tod berichtet ein fas­zinie­render Essay von Bruno Prei­sen­dörfer, der in der aktuel­len Ausgabe, der Nummer 59 der Zeitschrift „Edit“ nach­zulesen ist. Zwei scheinbar unzu­sammen­hängende Erfah­rungen – das längste Orgel­stück der Welt und ein sehr kurzer, lebens­gefährlicher Sprung in die Tiefe über dem afrikanischen Fluss Sambesi – werden hier zu­sammen­geführt. Preisen­dörfers Essay verknüpft in magi­scher Weise diese zwei Extrem­zustände. Drei Sekunden währt der Sprung in den Sambesi an einem Bungee-Jumping-Seil, dagegen dauert die Auf­füh­rung des längsten Orgelstücks der Welt von John Cage in einer Kirche in Halber­stadt in Sachsen-Anhalt insge­samt zwanzig Milliar­den Sekunden, das sind 639 Jahre. Am Aus­gangs­punkt dieses fas­zinie­renden Textes besucht ein Mann, der den Sprung in den Sambesi wagen wird, die Kirche in Halber­stadt, in der am 5. September 2001 das Orgel­stück von John Cage be­gonnen hat. Aber erst im Februar 2003 ertönt der erste Pfeif­ton, denn die Orgel muss gleich­sam siebzehn Monate Atem holen, bevor der erste Ton erklingt. Und bei jedem Ton wird der Orgel eine Pfeife hin­zugefügt, so dass am Ende, im Sep­tember des Jahres 2640 die Orgel 640 Pfeifen enthalten wird. Die Suggestion dieses Essays ist nun, dass sich die „Zeit-Sprünge“ der Orgel und die des Bungee-Jumping-Sprin­gers ähneln. Am Ende steht aber für den Springer und für die Hörer des Stücks von John Cage der Tod. Oder, wie es Preisen­dörfer mit einem Satz Flauberts sagt: „Der weiße Katarakt des Todes.“

Einen ebenso verstörenden Essay finden wir in der aktuellen Ausgabe, dem Heft 5/2012 der Kulturzeitschrift „Sinn und Form“. Hier resümiert der todes­besessene Schrift­steller Ulrich Horstmann, der seit langem an einer Philosophie des Freitods arbeitet, die letztlich wirkungs­losen Versuche unserer Therapie­gesell­schaft, die Selbstmörder durch präven­tive Maß­nahmen von ihrem Tun abzu­halten. Horstmann be­schreibt dagegen den Selbstmord als einen Akt der Souve­ränität und der Selbst­bestim­mung des Menschen, der durch Maß­nahmen der Suizid­präven­tion nicht ver­hindert werden kann, der aber auch an Dritte nicht delegierbar ist. Und hier zeigt sich denn auch die Pointe dieses Essays, der als raben­schwar­zes Plädoyer für den Frei­tod daher­kommt, aber sich am Ende in aller Schärfe gegen eine Ethik der Sterbehilfe wendet. Denn wer Voll­strecker des Ster­bens einsetzt, so argu­mentiert Horstmann, der ist nicht mehr Herr seiner selbst und liefert sich der Fremd­be­stimmung aus. „Selbst­mörder“, so Horst­mann trocken, „heißt jemand, der Hand an sich legt, wer Hand an sich legen läßt, heuert einen Auf­trags­killer an“. Wie eine er­zähle­ri­sche Beglau­bigung dieser Philosophie des Freitods liest sich in „Sinn und Form“ die großartige Erzählung „Die Ewigkeit des Augenblicks“ von Hartmut Lange. Ein Mann trauert hier um seine jung ver­stor­bene Frau und zieht sich nicht nur aus seinem Beruf als Archi­tekt, sondern aus allen so­zialen Zu­sammen­hängen zurück. Er wird Taxifahrer, aber nur, um sich in seinem Taxi in einer immer kleiner wer­denden Welt ein­zurichten. Eines Tages kehrt die Ver­gangen­heit zurück. Er trifft auf einen Fahrgast, der sich in der Wohnung ein­genistet hat, die der Trauernde zuvor mit seiner Frau bewohnte. Am Ende der Erzählung, die auch eine schöne Topo­grafie einiger Berliner Stadt­bezirke entwirft, ver­schwindet der lebens­müde Pro­ta­gonist am Ufer des Teltow­kanals auf Nimmer­wiedersehen.
  Zum Schluss noch ein Hinweis auf „Idiome“, eine sehr lebendige Zeit­schrift für neue Prosa, die der öster­reichische Schrift­steller Florian Neuner zu­sammen mit dem Verleger Ralph Klever herausgibt. Hier werden mehr oder weniger gelunge­ne Texte von Akti­visten der experi­mentel­len Poesie vor­gestellt, in der Nummer 4 bei­spiels­weise ein Virtuosenstück aus dem Geiste des Buch­stabens „A“ von Chris Bezzel und Tage­buchauf­zeich­nungen von Altmeister Paul Wühr. Der aufregendste Fund in diesem Heft der „Idiome“ ist aber das letzte Interview des links­radi­kalen und der Avant­garde nahe­ste­henden Schrift­stellers Peter O. Chotjewitz, der eine Woche vor seinem Tod im Dezember 2010 noch mit Florian Neuner gesprochen hat. Hier erinnert sich Chotjewitz an sein span­nungs­reiches Ver­hält­nis mit den Autoren der Wiener Gruppe und den Akti­visten der „Fluxus“-Bewegung. Als Schrift­steller ging Chotjewitz einen gänz­lich anderen Weg als die Experi­mentellen – den einer ästhe­tischen wie poli­tischen Radi­kali­sierung. Sein letz­tes großes Prosa­projekt war ein Roman über den RAF-Anwalt Klaus Croissant, dem er – wie sich selbst – be­scheinigte, ein veritabler „linker Kotz­brocken“ zu sein. An Non­kon­formis­mus ließ sich ein Peter O. Chot­jewitz von niemandem über­treffen.

randnummer, No 05  externer Link  
c/o Simone Kornappel, Okerstr. 43, 12049 Berlin. 252 Seiten, 8 Euro.

Ostragehege, No 67  externer Link
c/o Axel Helbig, Birkenstr. 16, 01328 Dresden, 70 Seiten, 4,90 Euro

Edit, No 59  externer Link
Gerichtsweg 28, 04103 Leipzig. 112 Seiten, 5 Euro.
,
Sinn und Form, 5/2012  externer Link
Postfach 2102 50, 10502 Berlin. 130 Seiten, 9 Euro.

Idiome, No 4  externer Link
c/o Florian Neuner, Lübecker Str. 3, 10559 Berlin.104 Seiten, 9,90 Euro.

Michael Braun    24.10.2012   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  empfehlen

 

 
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