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Februar 2014
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Zeitschriftenlese  –  Dezember 2013
von Michael Braun | Saarländischer Rundfunk – Literatur im Gespräch


In den erhitzten Diskursen über die zeitgenössische Lyrik werden die magi­schen Quel­len der Dich­tung oft ver­gessen – als da sind: der Schama­nis­mus, die ani­mis­tische An­rufung, der Be­schwörungs­zau­ber. An ihrer archa­ischen Quel­le ist die Dich­tung Gesang und das „Geheul“ des Priesters und Heilers. In dieser frühen kulti­schen Praxis sind die Seele und die Dinge noch nicht von­ein­ander ge­trennt, die Materie, die Tiere, Pflanzen und Menschen sind in­einander ver­wandel­bar. In diese Sphäre des Unge­schie­denen führen uns seit einiger Zeit die Dich­tungs­kon­zepte einiger ame­ri­kani­scher Dichter, die das Mysti­sche und das Biolo­gische in einer poeti­schen Sym­biose vereinigen wollen. An diese schama­nis­tische Vor­stel­lung knüpfen auch die Gesänge der Navajo-Indianer an, denen der jüdisch-ameri­kani­sche Dichter und Ethno-Poet Jerome Rothen­berg eine „Total-Über­setzung“, eine „Total Trans­lation“ ge­wid­met hat. Die aktuel­le Ausgabe, die Nummer 82 der Lite­ratur­zeit­schrift „Schreib­heft“ gibt einen faszi­nie­renden Ein­blick in diese Welt der Sprach­ma­gie. Im Blick auf diese Gesänge darf man sich den Dichter als „ver­rückten Hund“ oder aber als „weißes Geister­pferd“ vor­stel­len. Denn in dieser Dichtung sind die Tiere die poe­ti­schen Re­prä­sen­tanten der leib­lichen wie seeli­schen Ent­äuße­rung des Dich­ters. „Mal dich weiß an“, heißt es in einem dieser india­nischen Ge­sänge, „steig auf ein wei­ßes Pferd leg ihm die Hände auf die Augen und bring es dazu einen steilen und felsigen Hang hin­unter­zu­sprin­gen bis ihr beide zer­schmettert seid.“ Jerome Rothen­berg hat den para­dox an­mu­ten­den Ver­such unter­nom­men, die ur­sprüng­lich rein orale Kultur der Navajo-Indianer in eine poeti­sche Schrift­form zu bringen. Die reinen Laut­ketten des Navajao-Idioms werden in ein Englisch trans­feriert, das seiner­seits die scha­manis­tische Ener­gie des Ursprung-Gesangs in sich auf­nimmt. Die Her­kules­aufgabe der „Total Trans­lation“ der Navajo-Lieder ins Deut­sche hat sich im „Schreib­heft“ der Ber­liner Dichter Norbert Lange auf­ge­laden. Er hat nicht nur das „Schreib­heft“-Dos­sier zu Jerome Rothen­berg zu­sammen­ge­stellt, son­dern demon­striert auch am Bei­spiel des „Horse-Songs“, wie die archa­ischen poeti­schen Ener­gien ent­bunden wer­den können. Das Pferd ist nicht nur bei den Navajo-Indi­anern, sondern auch in der frühen euro­päi­schen Dich­tung das poe­tische Wappen­tier par exzel­lence. Norbert Lange findet für den „Horse-Song“ eine Sprache der unab­läs­si­gen laut­poeti­schen Auf­ladung und ab­soluten seman­ti­schen Ent­gren­zung – eine Zer­stäu­bung des Sinns zu­guns­ten mysti­schen Stammelns.
  Im zweiten Teil seines Dossiers startet Norbert Lange eine nicht minder faszi­nie­rende Expe­dition zu den expe­rimen­tellen Polen-Gedichten Jerome Rothen­bergs, in denen dieser nach den Quellen einer „jüdischen lin­guis­tischen Praxis“ forscht – nicht um eine genuin jüdische Iden­tität zu finden, sondern „Identität zu be­zweifeln oder in Frage zu stellen“. Der histo­rische Flucht­punkt dieser Bemü­hungen ist eine Dichtung der Shoah, die Adornos Verdacht gegen eine Dichtung nach Auschwitz geradezu umkehrt: „kein Sinn“, heißt es bei Jerome Rothenberg, „nach Auschwitz / gibt es nur noch Poesie keine Hoffnung / keine andere Sprache für die Heilung“.
  In einem weiteren Kapitel zur „Total Translation“ stehen zwei kürzlich ver­storbene Meister der Über­setzerzunft im Zentrum: Peter Urban, der die rus­sische Lite­ratur fast im Allein­gang über­setzt hat, und Hanns Grössel, der Über­setzer der Weltpoetin Inger Chris­tensen. Aus dem Nach­lass des 2012 ver­storbe­nen Hanns Grössel hat „Schreib­heft“-Heraus­geber Norbert Wehr einen sen­sationel­len Fund ans Tages­licht beför­dert. Es geht um eine noch un­veröf­fent­lichte Szeno­graphie Inger Chris­tensens, einen drama­tischen Text mit dem Titel „Der Äther“, den die Dichterin 1986 im Auftrag eines Kopen­gener Theaters ver­fasst hat. Vier mythi­sche Ge­stal­ten treffen auf vier Figuren aus der Gegen­wart, all diese Mono­loge und Medi­tatio­nen gehen in­einander über. Der Text liest sich wie ein langes Gedicht Inger Christen­sens, das dem Prin­zip folgt, wie es die Autorin in ihrem Text „Unsere Erzählung von der Welt“ beschrieben hat: „Die ganze fließende Veränder­lich­keit, ge­tragen vom ewig Gleichen.“
  In seiner fabelhaften Laudatio auf den James Joyce-Übersetzer Friedhelm Rath­jen hat Hans-Christian Oeser zudem einen Hinweis darauf einge­schmug­gelt, was uns die Lite­ratur­zeit­schrift „Schreibheft“ seit nunmehr drei­ßig Jahren zuver­lässig liefert: nämlich „Hand­reichungen und Fuß­noten zur Welt­literatur.“
  In Oesers Laudatio findet sich auch eine schöne Definition der Per­spektive, die ein Dichter, ein lite­rari­scher Über­setzer als auch ein Essayist einnimmt: Es ist in allen drei Fällen „ein unter dem beson­deren Neigungs­winkel seiner Existenz spre­chendes Ich“.

Die Gattung des Essays, die eine Beweg­lichkeit des Denkens mit einem anti­syste­matischen Impuls verbindet, hatte lange Zeit nur zwei Stütz­punkte in der deut­schen Zeit­schriften­szene: den „Merkur“ als Zen­tral­organ eines unab­hän­gigen Denkens und die Lite­ratur­zeit­schrift „Sinn und Form“. Und sowohl im Januar-, als auch im Februar­heft des „Merkur“ kann man auf der Suche nach gedankenreichen und stilis­tisch funkeln­den Essays eine reiche Ernte ein­fahren. Jürgen Kaube erinnert im Januarheft des „Merkur“ daran, dass im Essay „das Argu­ment als Kunstwerk“ aufleuchtet. Auffällig ist, dass dann in gleich zwei Beiträgen eine fast boshafte Kritik einer Schwund­form des Essays for­muliert wird: nämlich der Poetik­vorlesung. Matteo Galli mokiert sich in einer Glosse über die In­flatio­nierung der Poetik­vor­lesungen, die ihrem Autor zwar ein hohes symbolisches Kapi­tal einbringen, das zugleich wieder entwertet wird, da mittler­weile jeder Autor mittleren Zuschnitts zur Poetik­vor­lesung an­treten darf. In einem weiteren „Merkur“-Beitrag verweist Carlos Spoerhase auf eine gras­sie­rende Neigung in der Germanis­tik, sich mit lite­ratur­wis­senschaft­lichem Deu­tungs­willen auf Werke der Gegen­warts­lite­ratur zu stürzen, obwohl noch nicht einmal geklärt ist, wann denn der Beginn des Zeit­seg­ments „Gegen­warts­lite­ratur“ fixiert werden kann. Das Angebot an Epochenschwellen ist groß: Beginnt Gegen­warts­lite­ratur 1945 oder 1949, setzt sie erst 1959 mit der „Blech­trommel“ von Günter Grass ein, 1968 mit der Studentenrevolte, 1989 mit dem Fall der Mauer oder 2001 mit dem An­schlag auf das World Trade Center? Eine Antwort darauf ist die aktua­litäts­hun­grige Lite­ratur­wis­sen­schaft bis­lang schuldig geblieben.
  Wie sich der Essay jenseits eines fachlliterarischen Diskurses kontu­rieren kann – davon legt im Januar­heft des „Merkur“ der Beitrag des ameri­kani­schen Schrift­stellers Kenneth Gold­smith ein beredtes Zeug­nis ab. Er beginnt mit sehr lako­ni­schen Sätzen, die für Verwirrung sorgen: „Ich bin ein dummer Schrift­steller“, so Goldsmith, „viel­leicht einer der dümms­ten, der je gelebt hat. Wenn ich eine Idee habe, frage ich mich, ob sie hin­reichend dumm ist.“ Und wie zu er­warten, versteht sich Goldsmith sehr elegant darauf, im Fort­gang des Textes die Selbst­bezich­tigung zu relativieren und die Kategorien „dumm“ und „schlau“ selbst in Frage zu stellen.

Eine solche Form einer gelenkigen, zwischen Erzählung, Aphorismus, Reflexion und Selbst­ironie chan­gieren­den Essayistik präsen­tiert nun immer häufiger die Leipziger Literatur­zeit­schrift EDIT. Die aktuelle Nummer 63 der EDIT ermöglicht in dieser Hinsicht ein lehr­reiches Lese­vergnügen. Hier treffen wir den in New York lebenden Kenneth Goldsmith wieder, hier als Vertreter eines „kon­zeptuel­len Schreibens“.
  In einem essayistischen Glanz­stück des Heftes sabotiert die junge Publizistin Noemi Schneider alle lieb­gewonnenen Klischees über Männer und Frauen, über „Alpha­mädchen“ und Emanzen, über „Mannsbilder“ und besinnungs­losen Sexismus. Daneben unter­sucht Danilo Scholz all die neueren Ehrbezeigungen und Helden­legenden, die sich um den allseits bewun­derten „Whistleblower“ Edward Snowden ranken und dämpft deutlich die Erwartungen an das neue Freund-Feind-Denken, das sich in der Gegen­über­stel­lung von bösen Daten­schnüf­flern und helden­hafter digi­taler Guerilla erschöpft. Der Essayist formuliert eine schmerz­hafte Grund­tat­sache: „Mittler­weile sind wir alle zu er­bar­mungs­losen Informanten unserer Selbst geworden. Die NSA wäre nicht das, wo sie ist, ohne die – frei­wil­lige oder unfrei­willige – Hilfe von Email­an­bietern und sozialen Netz­werken.“ Der Essay, der am inten­sivsten das Kor­rekt­heits­ethos ver­letzt, ist sicher­lich der als trockene Repor­tage dra­pierte Text über ein Treffen mit dem fran­zösischen Filme­macher Claude Lanzmann. Lanz­mann erscheint hier als char­mantes Unge­heuer, ein mür­rischer Egomane und Womanizer, der sich als Mann von bald neunzig Jahren immer noch keine Pause gönnt und fünfzehn Frauen gleich­zeitig mit Liebes­bezeugungen beglückt.
  Wenn als Gradmesser für die Qualität eines literaturkritischen Essays auch seine Lust an provo­kativer In­korrekt­heit gelten kann, muss man gleich den Namen Ann Cotten nen­nen. Denn die sehr streitlustige Dichterin hat gerade wieder einen Essay über die zeit­genös­sische Lyrik ver­öffent­licht, der bei seinem Erschei­nen im Internet sofort heftige Pro­teste generierte. Nun kann man Ann Cottens „Stocherung in den Grundlagen und Voran­nahmen der ge­gen­wärti­gen Lite­ratur“ in aller Ruhe nochmal nach­lesen, und zwar in Heft 25 des öster­reichi­schen „Feuil­leton­magazins“ „schreibkraft“. Es handelt sich um einen – wie fast immer bei Ann Cotten – sehr asso­ziativen, sehr kryptischen Essay über einige Prota­gonisten der Berliner Lyrik-Szene. Und neben vielen un­ver­ständ­li­chen Pas­sagen of­feriert der Text auch einige auf­schluss­reiche Blitz­lichter, etwa die Behaup­tung, dass „die Iden­tität von kra­kee­lendem Witz und mystischer Er­leuchtung“ zu den Funda­menten philo­so­phisch in­spi­rier­ter Dich­tung gehöre. Das ist auf den Dichter Hendrik Jackson gemünzt. Eher selten werden Kom­pli­mente ver­teilt. Ann Cotten at­tackiert lieber, und zwar vor­zugs­weise, wie sie schreibt, „irgend­wie fade Dichter“. Und das klingt dann so: „…Tom Schulz, Björn Kuhligk, auch Ron Winkler betrei­ben, wie ein Fitness-Center, eine kleine Kraft­meie­rei in kras­sen, bunten Bildern.“ Man kann sicher einige Einwände erheben gegen die sprung­hafte Essayis­tik Ann Cottens; dass sie lang­weilig sei, kann man ihr wirklich nicht nachsagen.

Es ist immer wieder erstaunlich, dass es bei all den Wuche­rungen der Internet-Sphäre immer noch Kultur­men­schen gibt, die mit viel Mut zum Risiko und viel ästhe­tischem Sach­ver­stand eine neue Kultur­zeit­schrift gründen. Eine ganz ausge­zeich­nete Neu­grün­dung ist „Still“, das sehr edel gestal­tete „Magazin für junge Lite­ratur und Foto­grafie“, das soeben die zweite Aus­gabe vor­gelegt hat. Das sehr auf­wändig pro­du­zierte Heft ist durch so­ge­nann­tes crowd­funding finan­ziert worden und man kann nur hoffen, dass die Unter­stützer dem Projekt die Treue hal­ten. Mag sein, dass hier die Foto­strecken und die darin präsen­tierte Lyrik und Prosa noch etwas unver­bunden neben­ein­ander stehen. Aber neben den Foto­gra­fien von Anne-Sophie Stolz, die ein paar Blicke wirft in die See­len­lähmung des All­tags­lebens in der Provinz, sind beson­ders die Prosa­gedichte der jungen Schwei­zerin Lorena Simmel hervor­zu­he­ben. Es ist ein sehr fili­graner, traum­ver­lorener Zyklus über das Wasser und seine Aggregat­zustände:

Ein einzelnes Glas Wasser erleuchtet die Welt,
es steht draussen unterm Baum.

Am liebsten trinkt man mittags draus,
dann ist das Wasser schon gallig.

Man kommt hier nur ganz kurz vorbei.
Manchmal fällt einem die Zunge ins Glas,
das Wasser vergrössert sie dann.

Schreibheft. No 82.  externer Link
Rigodon Verlag, Nieberdingstraße 18, 45147 Essen. 180 Seiten, 13 Euro.

Merkur, H. 1 und 2 (2014)   externer Link
Mommsenstr. 27, 10629 Berlin. Klett-Cotta Verlag, 96 Seiten, 12 Euro.

Edit, No 63  externer Link
Gerichtsweg 28, 04103 Leipzig, 106 Seiten, 5 Euro.

schreibkraft, No 25  externer Link  
c/o Werner Schandor, Postfach 96, A-8011 Graz. 86 Seiten, 6 Euro.

Still, Heft 2   externer Link  
Sprengelstraße 6, 13353 Berlin. 86 Seiten, 12 Euro.


Michael Braun    28.03.2014   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  empfehlen

 

 
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