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Dezember 2011
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Zeitschriftenlese  –  Dezember 2011
von Michael Braun | Saarländischer Rundfunk – Literatur im Gespräch


„Spieglein Spieglein an der Wand – wer ist der Schönste im ganzen Land?“ Es ist nicht nur die böse Königin aus Grimms Märchen, die sich einen Triumph von der Befragung des Spiegels erhofft und eine Enttäuschung erlebt. Wie im Märchen kann der Blick in den Spiegel, kann die unerwartete Selbstbegegnung auch für Schrift­steller zu uner­freu­lichen Ergeb­nissen führen. So widerfuhr es auch dem radikal skeptischen Schrift­steller Andreas Maier, der in seiner aktuellen Kolumne in der neuen Ausgabe, der Nummer 4/2011 der Literatur­zeitung „Volltext“ von einem kleinen Offenbarungs­erlebnis vor einem Braun­schweiger Gardero­ben­spiegel be­rich­tet. Die luxu­riöse Lese­reisen- und Tingel-Existenz er­folg­reicher Gegen­warts­autoren bekommt hier das Signum der Erbärm­lich­keit. „Wir haben uns alle zu Idio­ten ge­macht“, bi­lanziert Andreas Maier in seiner schönen Selbst­beschimp­fungs-Suada im Geiste Thomas Bernhards, „jeder von uns … Du schreibst ein Buch und tingelst es ab, dann schreibst du ein Buch und tingelst es ab. Und selbst wenn du es nicht abtingelst, tingelst du es ab, weil Nicht-Abtingeln genauso ein Abtin­geln bedeutet. Die angeblichen Nicht-Abtingler, das sind die Leute, die überall Interviews an allen Stellen im so genannten Literaturbetrieb geben und in all diesen Interviews immer behaup­ten, sie würden nie wieder Inter­views im Literatur­betrieb geben. Es gibt Leute, die machen so etwas seit fünfund­zwan­zig Jahren. Seht ihr, so war Rex Gildo nicht. Der spuckte seinem Publikum nicht ins Gesicht. Der sprang wenigstens aus dem Fenster, weil er sein Publi­kum nicht mehr aushielt. Hut ab.“ Am Schlager­sänger Rex Gildo gewinnt Andreas Maier sein Modell einer lebens­geschicht­lichen Konse­quenz für Künstler, die sich dem ener­vie­renden Zirkel des Immer­gleichen entziehen wollen. Der Suizid erscheint bei Maier – nicht zum ersten Mal übrigens – als ideale Handlungs­form für Autoren, die den Ekel und den Ennui in ihrem viel­fältig subven­tionier­ten Biotop nicht mehr aus­halten mögen. Das ist als eine durchaus ernst ge­mein­te Invek­tive gegen das Jammern auf hohem Niveau zu lesen, in das sich Schrift­steller so behaglich wie in einer Schmoll­ecke ein­richten.
  Angriffslustige Interventionen in die Literatur-Debatte wie die von Maier findet man derzeit nur in diesem öster­reichi­schen Lite­ratur­blatt, das wie keine andere Zeit­schrift dieser Tage die heiligen Kühe des literarischen Milieus attackiert. Ein weiterer „Volltext“-Beitrag von Uwe Schütte konzen­triert sich auf einige Idiosyn­krasien des Schrift­stellers W.G. Sebald, der in der englisch­sprachigen Welt mittlerweile als „prime speaker of the holocaust“ gerühmt und in Deutsch­land – so Schütte etwas boshaft – als „Messias aus dem Allgäu“ verehrt wird. Schütte zeigt an einigen Pas­sagen aus Sebalds Romanen und Erzäh­lungen dessen Aversionen gegen eine poli­tische Gesin­nungs­ethik und die deutlich erkennbare Lust, syste­matisch die politische inkor­rekte Vokabel „Neger“ für Menschen afri­kanischer oder afroameri­kani­scher Herkunft zu ver­wenden. Freilich ist diese Tendenz zur Sabotage der Korrektheitsethik in jüngerer Zeit auch bei anderen Autoren nachweis­bar. So findet sich die „Neger“-Vokabel in demon­stra­tiver Verwendung auch bei Georg Klein oder auch in einem Gedicht Adolf Endlers, bei dem ein „schwarzer Sergeant“ auch als „riesiger Neger“ bezeichnet wird.

Mit der akribischen Zerlegung ideolo­gischer Vorurteile und Ressen­timents ist seit Jahr­zehnten die Kultur­zeitschrift „Merkur“ befasst, und zwar mit wach­sendem Erfolg. Das Programm der scheidenden Heraus­geber Karl Heinz Bohrer und Kurt Scheel war stets das Projekt einer „scho­nungs­losen Selbst­auf­klä­rung“ der Intel­ligenz, die Favo­risie­rung einer radikal ästhe­tischen Per­spektive und eines offenen Denkens, zumeist gegen den Konsens der links­liberalen Öffent­lich­keit. In ihrem Abschieds­heft, der aktuel­len Dezember-Ausgabe des „Merkur“ ziehen Bohrer und Scheel nun ihre Bilanz aus ihrer fast dreißig­jährigen Zusammen­arbeit. Karl Heinz Bohrer wiederholt noch einmal sein Bekennt­nis zu einer radikalen Ästhe­tik, die sich an Friedrich Schlegels roman­tischer Zeit­schrift „Athenäum“ orientiert und resümiert seine Kontro­ver­sen mit linken Intel­lektuellen. In Bohrers Aus­einander­setzung mit Jürgen Habermas kam es dabei zu einem offen­bar irrepa­rablen Bruch ihrer lang­jährigen Freund­schaft. In Bohrers und Scheels Rekon­struk­tion der wegweisenden „Merkur“-Essays der letzten 25 Jahre wird auch deutlich, dass es diese erfri­schend un-dog­mati­schen, stets auf nonkon­formis­tischen Positionen behar­renden Beiträge waren, die – pro domo gesprochen – den fort­lau­fenden Bil­dungs­roman für den hier schrei­benden Zeit­schriften­kritiker lieferten. Es waren Beiträge wie Bohrers frühe Polemik gegen die „Ästhetik des Staates“ und die „Häss­lichkeit“ des grünen Milieus, die das Feld der poli­tischen Debatte auf­wühlten, zuletzt im August-Heft mit der Polemik gegen die Selbst­ver­zwergung Deutsch­lands und den außen­poli­tischen Quietis­mus der deutschen Regierung. Und wenn nun im aktuellen Dezember-Heft aus der Feder des briti­schen Autors Jonathan Keates eine abseitig schei­nende Liebes­erklä­rung an das tradi­tionelle Eng­länder­tum zu lesen ist, ein Bekennt­nis zum engli­schen Patrio­tismus und Indivi­dualis­mus, dann ist das auch als kaum verhüllte Confessio Karl Heinz Bohrers zu lesen, der viele Jahre in England gelebt und dort das britische Selbst­wert­gefühl adoptiert hat.
  Eine weitere lebenslange Passion Karl Heinz Bohrers ist sein Faible für die historischen Avantgarde­bewe­gungen, das sich früh in seinem gran­diosen Essay über „Sur­realismus und Ter­ror“ manifes­tiert hat. Einen Nachhall davon liefert im aktuellen „Merkur“-Heft die subtile Spuren­suche nach „Anna Blume“, einer Kunstfigur des Dadaisten Kurt Schwitters, die möglicher­weise einer leibhaftigen Anna Blume nach­empfunden ist, wie der Kunsthistoriker Hans Ries ausführt.
  Dem okkultistisch gefärbten Gedanken­hintergrund der Avantgarde hat sich vor einiger Zeit bereits ein hoch­interes­santes Heft der „Neuen Rundschau“, das Heft 2/2011 gewidmet. Hier kann der Philosoph Christoph Türcke en detail die Affinitäten führender Avantgarde-Pro­pheten wie Wassily Kandinsky und Kasimir Malewitsch, zu den ideologischen Sub­straten der theosophischen Gesell­schaft um Helena Blavatsky belegen. Die Phantasmen des „reinen Klangs“, die Kandinsky den okkultistischen Zirkeln um Blavatsky entlehnt hat, begegnen einem auch bei Stefan George, der seine Poesie-Darbietungen in geradezu gottes­dienst­liche Zeremonien ein­bettete. Und selbst der radikale Surrealismus sei, so Türcke, von einem okkulten Hauch umweht, handelt doch André Bretons Roman „Nadja“ von einer hell­seherisch begabten jungen Frau, deren mediale Fähig­keiten den Autor geradezu ansaugen.
  Wenn man sich in heutigen Zeitschriften nach den ästhe­tischen Erben der historischen Avant­garde­bewe­gungen umsehen will, muss man eine Lupe zu Hilfe nehmen. Denn viele Innova­tions­bemü­hungen der soge­nannten jungen Schrift­stel­ler­generation nehmen sich aus wie matte Stil­übungen lite­rarischer Prakti­kanten. In der typo­grafisch zwar ein­falls­reichen, textuell eher substanz­armen Zeit­schrift für „junge Literatur“ „BELLA triste“, die soeben mit dem Förder­preis der Kurt-Wolff-Stif­tung aus­gezeichnet worden ist, weht – im Hinblick auf avantgar­dis­tische Konzepte – bestenfalls ein laues Lüftchen. Neugierig machen in Heft 31 immerhin die Gedichte von Jan Skudlarek, dessen lite­rarische Referenz­figuren aus der aller­jüngsten Gegen­wart stammen, wird hier doch in markanter Signal­gebung ein „rainald­goetz­gesicht“ aufgerufen.
  Sehr viel mehr Abenteuer des Ästheti­schen ermöglicht das neue Heft, die Nummer 57 der Leipziger Literaturzeitschrift EDIT. Hier findet man aufregende Es­says junger ameri­kanischer Autoren, etwa von Wayne Koesten­baum über „Hei­deg­gers Geliebte“, ein Text, der sich spiele­risch-asso­ziativ durch die deutsche Philo­sophie schlän­gelt. Zu den bemer­kens­werten Funden in EDIT gehören auch Ana­gramme und Über­schrei­bungen eines Gedichts von Carl Friedrich Claus, des visionären expe­rimen­tellen Künstlers und Grapho­manen, der seine Texte syste­matisch in faszi­nierende Schrift­bilder verwandelte. Hier treibt sich auch der sprach­ver­rückteste Dichter der jungen Generation herum, der aus dem Saarland stammende und in Berlin lebende Konstantin Ames, der in wort­akro­batischer Ver­gnügung einige Stilmasken aufsetzt und sprach­reflexiv dekon­struierte „Weltwaisen“ zum Besten gibt. „Vor stil­faschisten : barrikaden er­richten“, postuliert da beispiels­weise ein Text, der verschie­dene Dichter­gesten parodiert und am Ende in ironi­scher Verkeh­rung fordert: „Den jungdichtern ist komplexi­täts­reduk­tion zu wünschen = 1. brandrede an die stol­terfoht­epigonen“. Diese Produk­tions­anweisung, Gedichte zu er­mäßigten herme­neutischen Konditionen zu schreiben, wird jedoch sehr wahr­schein­lich von Konstantin Ames nie befolgt werden.

Auf welchen Lese-Wegen man zu einem Dichterleben gelangen kann, verdeutlicht in einer schönen Bekennt­nis-Collage das neue Heft, die sechste Ausgabe der Zeit­schrift „sprachgebunden“. Die Heraus­geber Jan Valk, Jonas Reuber und Traudl Bürger haben mit ins­gesamt fünfzehn Autoren und Ästheten aus allen Welt­winkeln über ihre litera­rische Sozia­lisation gesprochen und daraus eine Stimmen-Kompo­sition über das Lesen geknüpft. Ausgangs­punkt ist die berühmte Fest­stel­lung des argen­tinischen Welt­autors Jorge Luis Borges, dass er sich das Paradies immer als eine Bibliothek vor­gestellt habe.
  In diesem Sinne einer Lebens- und Welt-Erweckung erzählen die einzelnen Autoren von ihren Urszenen der Lektüre. Der älteste Bei­träger des Heftes, der Filme­macher Völker Schlön­dorff , berichtet von einer Parallelität der Schock­erfah­rungen. Die Grau­samkeit des Krieges, die ihn als Kind in Berichten über getötete Soldaten heimsuchte, spiegelte sich kurz darauf auch in seiner Lektüre der Märchen der Brüder Grimm, so dass für Schlön­dorff von Beginn an fühlbar wurde, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf ist.
  Nicht selten kommt es in dieser Partitur der Lese-Erfahrungen auch zu biografischen Ähnlichkeiten und Über­schneidungen der Lektüre. Es kommt zum Beispiel zu gewaltigen Absetz­bewegungen, wenn Karl May oder Hermann Hesse gestreift werden, an denen aber doch kaum je ein Autor vorbeikam. Auch werden einem einige Überraschungen aufgetischt, so etwa das Bekennt­nis Thomas Meineckes, dem von seinen Eltern als Auf­klärungs­buch ausge­rechnet ein Roman von Henry Miller aufs Kopfkissen gelegt wurde. Oder man staunt über die Empfeh­lung des beken­nenden Marxisten Dietmar Dath, der sich vorbehaltlos zum Buch der Bücher bekennt, der Bibel. Die schönste Geschichte des Lesens erzählt in „sprach­gebunden“ der mongolisch-deutsche Autor Galsan Tschinag. „In unserem Lehrbuch“, heißt es da, „stand ein Märchen, das hieß ›Bremer Stadt­musi­kanten‹. Ich hab nicht genau gewusst, was ›Bremer› zu bedeuten hat. Ich hab gedacht, hinterm Berg, dem nächsten oder über­nächsten, muss dieser Ort liegen. Obwohl ich die Stadt nie gesehen habe, habe ich gedacht, das Gehöft ›Bremen‹ liegt wahr­scheinlich hinter zwei, drei Bergen…ich konnte es viele Jahre nicht vergessen…. Ja, ja, das ist ein mongo­lisches Märchen, habe ich (einem Dozenten) geant­wortet, aus dem Altai, aus der Westmongolei …“

Volltext Nr. 4/2011  externer Link  
Porzellangasse 11/69, A-1090 Wien. 48 Seiten, 2,90 Euro.

Merkur 11/2011  externer Link
Mommsenstr. 27, 10629 Berlin. 96 Seiten, 12 Euro

Neue Rundschau, Heft 2/2011  externer Link
Hedderichstr. 114, 60596 Frankfurt a.M., 190 Seiten, 12 Euro.

BELLA triste, H. 31  externer Link
Neustädter Markt 3-4, 31134 Hildesheim. 106 Seiten, 5,35 Euro.

Edit Nr. 57,  externer Link  
Gerichtsweg 28, 04103 Leipzig. 130 Seiten, 5 Euro.

sprachgebunden, 6. Ausgabe (Sonderausgabe)  externer Link  
Gärtnerstr. 4, 10245 Berlin. 114 Seiten, 9 Euro.

Michael Braun    14.12.2011   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  empfehlen

 

 
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