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Stele [griech.] Pfeiler, Säule als Grab- oder Gedenkstein
Die Stelen sind der Anfang einer Sammlung kleiner lite­rarischer Gedenks­teine in Form eines Gedichtes jüngst ver­stor­bener Dichter, über­wiegend fremd­sprachiger, aber auch deutsch­sprachiger. Aus­gangs­punkt sind unter ande­rem aktuelle Todes­mel­dungen in den poetry news. Idee und Konzept: Hans Thill.

Liste der Stelen   ↓

 

Johannes Kühn
(Bergweiler 1934 – Dautweiler 2023)


Stiefel Klang
Stiefel höre ich wie Schuhe als etwas Selbstverständliches.
Arme Leute gibt es immer weniger,
die sie hören auf Treppen Absatz
und hören donnernde Geschosse mit
oder des Feldwebels Stimme:
Vorwärts!

Angst
hab ich nur,
daß mir aus Versehen einer
auf den weichen Lederschuh tritt, weil ich als Sonnengucker
mit Brille immer leicht geblendet bin.
Ich habe in guten Zeiten gelebt
und war nie im Krieg,
ich hör keine Schüsse beim Stiefelklang.

Aus: Michael Braun / Hans Thill. Das verlorene Alphabet. Deutschsprachige Lyrik der neunziger Jahre. Heidelberg, Wunderhorn 1998.

 

»Tatsächlich entlasten seine naiv-anmutigen, begütigenden Gedichte für wenige, aber kostbare Momente vom Druck des ›unglücklichen Bewußtseins‹.«
Michael Braun

 

Johannes Kühn wurde 1934 in Bergweiler (Eifel) geboren und wuchs als Sohn in einer Bergarbeiterfamilie im nahen Hasborn auf. Von 1956 bis 1961 war er Germanistik-Gasthörer an den Universitäten von Saarbrücken und Freiburg im Breisgau. Daneben besuchte er einige Jahre die Schauspielschule in Saarbrücken. Von 1963 bis 1973 arbeitete er als Hilfsarbeiter und schrieb nebenher Dramen und Gedichte ohne größere Resonanz. Zu Beginn der 1980er stellte er das Veröffentlichen seiner Gedichte nach und nach ein. Dem Schriftstellers Ludwig Harig u.a. ist es zu verdanken, dass in den darauffolgenden Jahren das dichterische Werk Kühns aufgearbeitet und stückweise herausgegeben wurde. Johannes Kühn starb im Alter von 89 Jahren im Oktober 2023 in Hasborn-Dautweiler.