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Umkreisungen    25 Auskünfte zum Gedicht
Herausgegeben von Jürgen Brôcan und Jan Kuhlbrodt

Henning Heske
Partikelwolken

Programmierte Lacke und intelligenter Staub
vom molekularen Fließband. Die Form
folgt der Funktion. Selbstreproduktive Maschinen
im Reich der Zwerge. Fantastische Reisen
durch die Blutbahn. Der Geist
im Quantenspiegel des Nanokosmos.
Roboterschwärme – selbstisolierende Röhren
auf Trägerblocks. Amorphe Kügelchen,
Latexperlen und magnetische Marker.
Unten gibt es noch viel Platz.
In abweichender Geometrie alles
atomar neu gestrickt: ultradünner Draht wie
Bakterienkompass. Genetische Sonden durchforsten
Bibliotheken bekannter DNA-Sequenzen.


Parallele Welten

Das ungelöste Problem der Superposition:
die Überlagerung mehrerer möglicher
Zustände. Hier und dort,
einzigartige Kopien unserer selbst.
Verwirrende Verzweigungen.
Ein Versuch der Beschreibung durch
Wellenfunktionen –
Wahrscheinlichkeiten der Wirklichkeit.
Trost im Gesamtzustand:
der Beobachter bleibt
ein integraler Bestandteil.

Fragmente einer naturwissenschaftlichen Poetologie

Positionsangabe I: Dem Verschwinden des lyrischen Subjekts folgt die Dege­neration der Verben, ein grammatikalischer Artenschwund. Statische Poesie als globaler Fokus.
  Konsequenz: Präzise Fachterminologie als Identifikation zur Decodierung von Expertenwissen.
  Beispiel: Partikelkollisionen erzeugen Energiedefizite. Dieser Satz aus einem physikalischen Fachbuch eignet sich auch als poetischer Baustein. Die Lyrik darf sich thematisch nicht nur zurück in die Natur flüchten und diese als Kontrastwelt zur anthropogen gestalteten Umwelt darstellen, sie muss sich auch mit den fortschreitenden naturwissenschaftlichen Erkenntnissen aus­einander­setzen.
  Zielperspektive: In diesem Zusammenspiel leuchtet Transzendenz auf.
  Programmatik: Der spezielle Schwerpunkt meiner lyrischen Arbeit ist die perio­dische Annä­herung an eine neue Poesie der Wissenschaften, speziell der Natur­wissen­schaften oder präzise der exakten Wissen­schaften Astro­physik, Biochemie, Chemie, Genetik, Geo­wissen­schaften, Informatik, Mathe­matik und Physik. Aus diesen Bereichen stammen auch die programma­tischen Titel meiner Gedicht­bände. Der Fach­begriff „Ereignis­horizonte“ besitzt eine immanente lyrische Auf­ladung und eröffnet einen subjektiven Klang- und Bildraum, unabhängig von der Kenntnis seiner astro­physi­kali­schen Bedeu­tung in der Theorie der Schwarzen Löcher. Gleiches gilt für „Wegintegrale“ – damit werden die Grenzwerte der auf stetigen Wegen gewonnenen, auf­summierten Erkennt­nisse bezeichnet. In diesem Band beschäftigt sich unter anderem ein Gedicht­zyklus mit „Bionik“, der techni­schen Anwendung von bio­logischen Er­rungen­schaften.
  Positionsangabe II: Entkleidung aus dem Korsett der For­men, aber Stab­reime als lyrisches Stil­mittel: Allite­rationen arran­gieren Asso­zia­tionen. Bedeu­tungs­über­tragung durch Komposita. Aufladung von Fach­begriffen durch Ver­fremdung der Kontexte. Entsubjek­tivierung als Versuch der Objekti­vie­rung bedingt eine Sub­stan­ti­vierung. Hohe seman­tische Kon­zen­tration im Text­körper.
  Werkstattbericht: Die Natur­wissen­schaften bilden eine Fundgrube für Neolo­gismen. Viele dieser Wort­neu­schöpfungen sind bereits leicht poetisch aufgeladen. Das galt früher schon für Begriffe der deskriptiven Biologie, die Flora und Fauna mit so poetischen Namen wie „Augen­trost“ (eine Pflan­zen­gattung) und „Fenster­schwärmer“ (eine Schmet­terlings­familie) beschrieb. Bereits Goethe nutzte den chemischen Begriff der „Wahl­verwandt­schaften“, die Vor­stellung vom Tanz der Moleküle, als zentrales Motiv für seinen bedeu­tenden Roman über verhäng­nis­volle zwischen­menschliche Anzie­hungs­kräfte und Verbin­dungen. Heute heißen solche Fundstücke zum Beispiel „Ver­gangen­heits­menge“, „Eigenwert“, „Selbst­ähnlichkeit“, „Reiz­um­wandlung“ oder „Teilchen­schauer“. Hinzu kommt eine Vielzahl von Fremdwörtern, die teilweise ebenfalls poetisch nutzbar sind: „Refu­gial­biotop“, „Kon­tinuums­hypothese“, „Protu­beranzen“ …
  Fündig werde ich in Wissenschafts­zeit­schriften, Fach­büchern und spezi­ellen Lexika. Ich suche neue, nicht ausgereizte Themengebiete und durch­forste dort die Texte nach Inhalten und Fach­begrif­fen mit lyrischem Potential, die sich in einen ver­frem­deten Kontext gestellt weiter poetisch aufladen lassen. Sonnenstrahl, Windrad und Sternenlicht gehören nicht dazu – das sind zu gewöhnliche, bereits abge­griffene Wörter. Ganz im Gegensatz zum mathe­matischen Terminus „Wellenfunktion“, auf den ich in einem Aufsatz über die Theorie der multiplen Universen stieß. Es ist nachrangig, dass mit dieser Wahr­scheinlich­keits­funktion sehr abstrakt Quanten­zustände bestimmt werden. Der Begriff besitzt ein hohes Assoziations­potenzial. Verwendung in meinem Gedicht findet jedoch nur der Plural, denn nur dann klingt die Welle nach­haltig rhythmisch durch das Gedicht: „Wellenfunktionen –“
  Der Physiker Hugh Everett entwickelte in den 50er Jahren eine Theorie der Quanten­mechanik, deren Inter­pretation zu der Annahme führt, dass zahlreiche Parallelwelten, Verzwei­gungen des Universums existieren. Eine faszinierende und zugleich zutiefst ver­störende Vorstellung. Eignen sich solche Kopfgeburten als Gegenstand eines post­modernen Gedichts? Unbe­dingt. Denn es handelt sich um existen­zielle Über­legungen zu unserem Dasein. Sein und Zeit waren immer schon die zentralen Motive der Lyrik.
  Der Begriff „Parallel­welten“ birgt eine asso­ziative Ver­knüpfung zu „Parallel­gesellschaften“. Damit würde der gedank­liche Fokus jedoch zu stark verengt werden und gesell­schaftliche Problem­stellungen mit einbinden, die ich nicht intendiere. Eine Verwen­dung des Terminus „Parallel­räume“ wäre denk­bar, er wirkt jedoch indifferent. Ich entscheide mich nach gründ­licher poe­tischer Abwägung schließlich für „Parallele Welten“ als Gedicht­titel. Dieses Wortpaar knüpft an Alltags­sprache und allgemeine Vorstellungen an, eröffnet jedoch durch seine unge­wöhnliche Verbindung neue Gedanken­spiel­räume. Zudem besitzt es durch seinen Rhyth­mus und seine Vokal­folge mit ab­schlie­ßender Assonanz eine besondere lyrische Form.
  Ausblick: Eine natur­wissen­schaft­liche Poeto­logie hat nicht nur den Makro­kosmos, sondern auch den Mikro­kosmos im Visier und vergisst dennoch nicht den Menschen, auf den sich – zumindest in der Literatur – alles bezieht. Exempla­risch für die lyrische Betrach­tung des fast unend­lich Kleinen steht das Gedicht „Partikel­wolken“, das Vorgänge, Er­rungen­schaften und Erkennt­nisse der Nano­techno­logie aufgreift.
  Konzeption: Opak oder luzid? Von allem ein bisschen. In herme­tische Räu­me fällt kein Licht. Das poetische Konzept verlangt eine geeignete Mi­schung der Ingre­dienzien.
  Agenda: Eine Hermeneutik der Natur­erscheinungen.

Jürgen Brôcan und Jan Kuhlbrodt (Hg.)
Umkreisungen
25 Auskünfte zum Gedicht
poetenladen 2010
ISBN 978-3-940691-11-8
192 Seiten, 15.80 EUR

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Kapitel

1   Die Innenseite des Papiers
2   Reste in der Hosentasche
3   Handwerk und Rätsel
4   Wirklichkeitsmorgen

Vor allem aber rücken einige Dichter dem Leser erstaunlich nah, ohne dass der Zauber ihrer Verse durch das Erhellen der Erlebnissituation leiden würde, aus der ihr Beitrag hervorgegangen ist.
Am Erker

Illustratorin Miriam Zedelius kleidetete die Umkreisungen subtil in ein Leichtigkeit verheißendes Gewand.
ND

In der unterschiedlichen Herangehensweise der Autoren liegt zugleich die Stärke des Bandes: So individuell wie die Autoren und ihre Gedichte sind auch die Perspektiven auf den eigenen Text.
Zeichen & Wunder

Henning Heske, * 1960 in Düsseldorf, lebt seit 1997 in Dinslaken. An der Universität Düsseldorf studierte er Mathematik, Geographie sowie Germanistik und promovierte dort. Er veröffentlichte Kinder- und Jugendbücher, Lyrikbände, Essays sowie Interpretationen für die Frankfurter Anthologie. Das Gedicht Partikelwolken stammt aus seinem Gedichtband Wegintegrale (Lyrikedition 2000, 2006).

Henning Heske  14.01.2010   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  

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   Henning Heske
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Die Geometrie des Gedichts
dannmals, baldhin, dadorthier
Einige Zusammenhänge
SIND NOCH SCHWALBEN DA?
Ein Gedicht und seine Geschichte
Drei Gedichte – Zyklisches Schreiben
wärme (Kapitel: Wirklichkeitsmorgen)
ich denke oft an pieroschka bierofka –
ein sattes grün in kleinen schritten
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Hochhäuser bestimmen
Selbstdiagnose
Im Steinbruch
Da Apfl
die stille fällt ins wort
Fragmente einer natur­wissen­schaft­lichen Poetologie
Belladonna
Bin wieder hier vorbeigekommen und habe diesen Text gesagt
L’ autre monde oder:
Von der Unmöglichkeit
Ins Leere
Mikroklima, Mikroflora, Mikrofauna
Nomaden
Das Pferd betreffend (Stücke)
Kraniche am Himmel –
oder wie ein Gedicht entsteht
J. Kuhlbrodt: Vom Diskurs zur Freiheit