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Daniel Grohn

Kind oder Zwerg

Spiel mit einer subjektiven Wirklichkeit

Daniel Grohn | Kind oder Zwerg
Daniel Grohn
Kind oder Zwerg
Roman
DVA 2006
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Der erfolgreiche Journalist Poninger schleust sich in eine psychiatrische Klinik ein, um dort vermeintliche Missstände aufzudecken: Angeblich werden Experimente an psychisch Kranken vorgenommen. Poninger hat selbst einige Semester Medizin studiert und so genügend Fachwissen, um Stimmen in seinem Kopf vorzutäuschen, die „Schostakowitsch!“ schreien. Eine junge Ärztin behandelt ihn, die im Verlauf der Therapie Poningers gescheiterte Beziehung zu der Filmemacherin Rabea untersucht. Die Ärztin erinnert Poninger zunehmend an Rabea und ruft in ihm zahlreiche bittere Erinnerungen wach, die zu artikulieren und ordnen ihm jedoch schwer fällt. Er diagnostiziert an sich selbst einen „Erinnerungslöschungsfehler" und verliert die Kontrolle über Zeit und Raum.

Die Therapiestunden – eigentlich nur Mittel zum Zweck – bekommen langsam eine wirkliche Fundierung. Eingebildeter und tatsächlicher Wahn geraten Poninger außer Kontrolle: „'Schostakowitsch, Glasunow', sagte Poninger, jetzt etwas lauter, und wo der Glasunow jetzt hergekommen war, wusste er beim besten Willen selbst nicht ...“ Der eigentliche Grund von Poningers Klinikaufenthalts tritt dadurch in den Hintergrund, zumal seine Recherchen ins Leere verlaufen, bis ihm sein Zimmergenosse Burkhard von einer Operation erzählt, in der ihm der Amygdala entfernt wurde, jener Teil des Gehirns, der für Emotionsverarbeitungen zuständig ist. Poningers Emails an den zuständigen Redakteur bleiben jedoch unbeantwortet, und Poninger gelingt es nicht, dieselbe Operation bei weiteren psychisch Kranken nachzuweisen. Als er schließlich während einer Therapiestunde ausrastet und mit Medikamenten ruhiggestellt werden muss, verschieben sich die beiden Welten – die des Journalisten und die des vermeintlich psychisch Kranken – unauflöslich ineinander.

Kind oder Zwerg heißt Daniel Grohns Debütroman, für den der 1976 geborene Autor bereits das Literaturstipendium der Stadt München erhielt. Grohn selbst hat Medizin studiert, und dieses Fachwissen erleichtert es ihm, die Zustände in der psychiatrischen Klinik und Poningers Therapiestunden eindrucksvoll und bildhaft zu beschreiben. Nicht nur diese genau recherchierte Grundlage des Romans überzeugt in ihrer Authentizität, auch Grohns sprachliche Verarbeitung des Themas ist dem Sujet angepasst und gleichzeitig eigen im besten Sinne: Kontrollierte Gedankenströme und rationale Selbstbeobachtungen der Protagonisten prägen einen eigenen Stil, der sich von den Aktennotizen über Groningers Fall nur wenig unterscheidet. Die sprachliche Ähnlichkeit der beiden Protagonisten, Groningers und der jungen Ärztin, irritiert nur im ersten Moment, löst sich im Laufe der Handlung auf und macht schließlich einem genau durchdachten Prinzip Platz.

Das eigentliche Thema von Kind oder Zwerg ist nicht die psychiatrische Klinik oder Burkhards Amygdalaoperation, sondern das Verhältnis von objektiver und subjektiver Realität. Beim Aufnahmegespräch fragt der diensthabende Arzt Poninger, was der Unterschied zwischen einem Kind und einem Zwerg sei. Poninger erklärt: „Also, das ist doch ganz klar, also, einen Zwerg, den gibt es doch nicht in der Wirklichkeit, nur bei Schneewittchen oder im Herr der Ringe oder eben bei Raylwin, Sie verstehen doch, was ich meine?“ Dieses Zitat bietet gemeinsam mit dem Romantitel den Schlüssel zu Poningers Erlebnissen in der psychiatrischen Klinik: Die Frage danach, welche Erlebnisse sich in der Wirklichkeit befinden und welche nur Poningers Fantasie entspringen, drängt sich im Laufe des Buches immer mehr auf. Die Grenzen zwischen literarischer Realität und Einbildung verschwimmen, wandern in grausamen Runden in Poningers Kopf und spielen auf höchst subtile Weise mit den Erwartungen des Lesers, bis sie in einem überraschenden Schluss zumindest dem Leser, wenn schon nicht Poninger, ein erleichterndes Aufatmen verschaffen.
Daniel Grohn wurde 1976 in den USA geboren und lebt in München. Er hat Philosophie und Medizin studiert und ist Arzt. Bisher hat er kürzere Texte in Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht. Für den Roman Kind oder Zwerg erhielt er 2003 ein Literaturstipendium der Stadt München.
Leseprobe | Zwerg oder Kind   externer Link

Katharina Bendixen     04.12.2006    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht

Katharina Bendixen
Prosa
Reportage
Gespräch