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Christoph Hein

Frau Paula Trousseau

Schwatzhafter Realismus

Christoph Hein | Frau Paula Trousseau
Christoph Hein
Frau Paula Trousseau
Roman
Suhrkamp 2007
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Eine Paula aus der DDR kennt man schon: die resolute, selbstbewusste Protagonistin aus Ulrich Plenzdorfs Film Die Legende von Paul und Paula. Christoph Hein stellt ihr in seinem neuen Roman Frau Paula Trousseau nun eine nicht weniger selbstbewusste Namensgefährtin zur Seite: die Malerin Paula, die gegen alle Widerstände ihrer Eltern und ihres Mannes in Berlin-Weißensee Kunst studiert, das Sorgerecht für ihre Tochter verliert, jahrelang mit einem Kunstprofessor liiert ist, sich von ihm trennt und schließlich resigniert, zwar als Malerin reüssiert, emotional jedoch verkümmert. Auf fünfhundert Seiten breitet Hein den Lebenslauf einer unpolitischen Frau aus: Die DDR stellt für Paula während ihrer Studentenzeit nur in sehr wenigen Momenten eine Grenze dar, lediglich einmal verbaut die eingeschränkte Kunstauffassung der DDR Paula eine Möglichkeit der künstlerischen Weiterentwicklung.

Frau Paula Trousseau ist ein Entwicklungsroman und eine Charakterstudie, aber in erster Linie ist es ein schwatzhaftes Buch. Dabei sind nicht einmal die zahlreichen Handlungsstränge, Männergeschichten und Bildbeschrei­bungen schwer zu ertragen, sondern die ständige Selbstbeobachtung und -erklärung von Paula: »Er gefiel mir, aber ich begehrte ihn nicht. ... Er war eigentlich ein idealer Partner für mich, aber ich liebte ihn nicht, ich begehrte ihn nicht, ich hatte keine Sehnsucht nach ihm, er ließ mich kalt. Mit Sibylle ging es mir anders, nach ihr sehnte ich mich, nach ihr und auch nach Katharina. Wenn ich mit Katharina oder mit Sibylle zusammen war, schwand mein Misstrauen und diese unaufhörliche Anspannung, alles zu kontrollieren, mich zu kontrollieren.« Diese Überreflektiertheit hat sicherlich System, aber sie lässt dem Leser wenig Spielraum für eigene Gedanken.

Eher überflüssig erscheinen zudem die eingestreuten Erinnerungen an Paulas Kindheit mit Schwester Cornelia und Bruder Clemens, mit einer hilflosen Mutter, die einen Suizidversuch verübt, und einem gewalttätigen, hinterhältigen Vater, dessen Verhalten bis zuletzt unverständlich und unmotiviert bleibt: Er quält die kleine Paula, verhöhnt die Kunst der heranwachsenden Paula und verstößt die erwachsene Paula, die ihre in jungen Jahren geschlossene Ehe auflöst. Die Selbstgerechtigkeit des Vaters ist vielleicht ein Erklärungsversuch der spröden Natur der Protagonistin, aber sämtliche Kindheitseinsprengsel wirken deplaziert, wozu auch der Wechsel der Perspektive beiträgt. Die eigentlich spannendste Zeit in Paulas Künstlerleben, den Übergang von einem relativ sorgenfreien Malerdasein in der DDR in die plötzlich Auftrags- und Ausstellungslosigkeit der Bundesrepublik, stellt Hein so gerafft dar, dass man sich plötzlich am Ende des Buches befindet, ohne recht zu wissen, wie einem auf den letzten zwanzig Seiten geschieht.

Frau Paula Trousseau ist trotz seiner erzählerischen Redundanz und der ständigen Selbsterklärungen in mancher Hinsicht ein typischer Christoph-Hein-Roman: Die spröde Stimme von Paula erinnert oft an die Ärztin aus Der fremde Freund / Drachenblut, die sich immer wieder einredet, ihr gehe es gut. So anstrengend diese Stimme stellenweise sein mag, so ist sie doch auch konsequent und auf glaubhafte Weise realistisch. Dieser Realismus, der nicht nur den Protagonisten selbst, sondern auch einmal den Leser schmerzen kann, zieht sich durch sämtliche Romane von Christoph Hein und rettet Frau Paula Trousseau vor dem Versinken in einer Flut aus Wiederholungen und Reflexionen. Einer von Paulas Professoren erklärt Paula in der Kunsthochschule: »Und geben Sie endlich diese Sentimentalitäten auf. Kunst hat nichts mit Verzückungen zu tun, mit Unverstandensein, das glauben nur Kleinbürger und Betschwestern. Kunst ist Kraft. Meinetwegen Gewalt. Aber ganz gewiss nicht Schwärmerei.« Vielleicht würde Hein selbst auch diese Kunstauffassung unterschreiben.
Christoph Hein, geboren 1944 in Heinzendorf (Jasienica/Polen), lebt als freier Schriftsteller in Berlin. Er wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, zuletzt mit dem Schiller-Gedächtnis-Preis.
Christoph Hein bei Suhrkamp

Katharina Bendixen     02.04.2007    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht

Katharina Bendixen
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