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Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | Teil 3 | Nachrufe & Abrechnung

Die Sächsische Autobiographie, in­zwischen ungetarnt offen als authen­tisches Auto­bio­gra­phie-Roman-Fragment – weil unab­geschlos­sen – defi­niert, besteht bis­her aus 99 Folgen (Kapiteln) und 99 Nachworten (Kapiteln). Der Dritte Teil trägt den Titel: Nach­rufe & Ab­rechnung.
  Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philo­sophen nennen das coinci­dentia opposi­torum, d.h. Einheit der Wider­sprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

  Nachrufe & Abrechnung 19

Gauck wurde Präsident. Bloch nicht. Warum?

 

Hanns Eisler, Peter Huchel, Alfred Kanto­rowicz, Wolfgang Harich: Sie woll­ten 1956 Ernst Bloch als DDR-Staats­präsi­denten und später als Prä­si­denten eines ver­ei­nigten Deutsch­land haben




Jürgen Trittin und Sigmar Gabriel unter­hielten sich über ihre Nazi-Väter. Mit meinem hatte ich Glück, sagte Trittin, er war zwar Ober­sturm­führer bei der Waffen-SS, nach dem Krieg aber ein­sich­tig und schuld­bewusst. Meiner war das nicht, sagte Gabriel, ich musste mich bis zuletzt gegen den Hitler-Anhänger behaup­ten. Den Unter­schied zu über­winden be­schlos­sen der SPD-Genos­se und der Grüne ein­trächtig, Joachim Gauck für die Wahl zum Bundes­präsi­denten vor­zu­schla­gen, denn er bot den klaren klassischen Fall: Der Vater ab 1934 NSDAP-Mit­glied, die Mutter schon seit 1932 in der Partei als alte Kämpfe­rin. Du sollst Vater und Mutter ehren. So einen Pracht­kerl mit den edels­ten Genen und, wie er selbst bekundet, »gut begrün­detem Anti­kom­munis­mus« brau­chen wir an der Spitze des Staates, beschlos­sen Jürgen und Sigmar. Angela Merkel wollte anfangs keinen zweiten christ­lichen Ossi neben – über – sich, was man als Politikum gegen sie nutzen konnte. In der Tat reprä­sen­tiert ein Bundes­präsident mit Nazi-Eltern den deut­schen Staat offener und ehr­licher als etwa der Philosoph Ernst Bloch mit seinem skan­dalös linken, revo­lutio­nären Hinter­grund von Auf­leh­nung und Ver­folgung.
  Über die, zugegeben, schön irr­witzige Idee eines Staats­präsidenten Bloch äu­ßer­ten wir uns zuletzt im Nachruf 12, als Hartwig Runge aus Leipzig auf Rolf Schneiders Buch Schon­zeiten verwies, wo die Bloch-Präsidenten-Story erwähnt wird. Wir ant­wor­teten: »Dank an den Pleißen­strand­bewohner. Die schöne Idee, Bloch fürs DDR-Präsi­den­ten­amt vor­zu­schla­gen, ent­stand im Okto­ber 1955 in einer privaten Tafel­runde, die Blochs Nationalpreis (2. Klasse) feierte. Wolf­gang Harich erbot sich, über Walter Janka für diese Idee auf Kultur­minis­ter Becher einzu­wirken, was auch geschah, wie ich kurz darauf bei Ge­sprächen im Ber­liner Aufbau Verlag erfuhr. Im Nach­hinein mag der Vorschlag irreal er­scheinen, wir betrach­teten ihn optimis­tisch – Bloch als Nach­folger Wilhelm Piecks im Amt des DDR-Präsi­denten – aber ja – und Bloch später als gesamt­deut­scher Präsident – das wär doch was gewesen!«
  In der Tat saßen 1955 am Tisch mit Ernst und Karola Bloch außer Wolfgang Harich auch Hanns Eisler, Peter Huchel, Alfred Kantorowicz, Hans Pfeiffer – mehr geben meine Notizen nicht her, jeden­falls waren wir als linke Ossis so glückhaft fu­turis­tisch gestimmt, dass wir uns Bloch als Präsi­denten so real vorzustellen ver­mochten wie es den Macht­habern beider Seiten unvorstellbar blieb. Links ist drau­ßen, Gauck im Amt, Gustav Heinemann war die Aus­nahme. Nie­möller wäre für die Polit-Archi­tekten inak­zeptabel gewesen, Bloch ein rotes Ge­spenst. Soviel zur Macht­statik im alter­nativ­losen Bereich, wo Gauck in­zwi­schen fest im Sattel sitzt. Wir warnten davor im Nachwort 29 vom 14.6.2010 unter dem Titel; »Pastor Gauck oder die Revanche für Stalingrad.« Inzwi­schen er­klärte sich der Bun­des­prä­sident immer mal wieder für den Krieg in Afghanis­tan, und weil die Bundes­wehr dort bald geschla­gen abziehen muss, wird er dem­nächst als tapfrer Frei­heits­kämpfer am Hindu­kusch in Stellung gehen, hat zugleich daheim viel zu tun und beschuldigt gerade Edward Snowden des »puren Ver­rats« von Staats­geheim­nissen, wo kämen wir denn hin, wenn jeder im Dienst der Wahrheit seinem Gewissen folgen wollte. Der Schloss­herr von Bellevue verkörpert in Person ein Deutsch­land zwischen NSU und NSA. Links blind und rechts Lakai.
  Nachtrag: Aber sein unschuldiger Papa, dieser 34er-Nazi wurde doch von den bösen Russen 1951 als Spion für vier Jahre nach Sibirien ver­schleppt. Ver­pflich­tet uns das nicht alle zur Soli­darität mit Vater und Sohn? Kurioser­weise gefiel sich die FAZ im Vorjahr gera­de mal wieder in kriti­scher Laune. Am 12.3.2012 durfte der Grazer Pro­fessor Stefan Karner eine ganze Zei­tungs­seite füllen. Artikel­über­schrift: Die MGB-Akte Joachim Gauck senior. Resultat: Die Agen­ten­tätigkeit des SA-Manns und Nazi-Marine-Offi­ziers ist nach­weis­bar. Sein bundes­präsi­dialer Sohn hält den Vater für schuldlos. Die FAZ aber ist auf ihre Auf­klä­rungs-Leistung so stolz, dass sie seither zu all diesen Fak­ten schweigt. Etwas ist zu konkre­ti­sieren. Gauck senior wurde 1951 zu vier Jahren Sibirien ver­urteilt. Ich weiß, was das bedeutet, war nichts weniger als ein Spion und hatte den­noch vier Jahre Gefan­gen­schaft durch­zu­stehen. So etwas konnte einem in unserem Zeitalter der Hoch­kultur leicht pas­sieren. Da haben wir ja noch Glück gehabt, Gaucks Vater und ich. Das Glück aber spielt Lotterie.
  Erst marschierte vor Jahrzehnten die sowjetische Armee in Afghanistan ein und verließ es nach langer Zeit geschlagen. Dann brachen die USA und wir auf an den Hindukusch und ziehen bald sieg­reich wieder ab. Eben meldet das Radio, die US-Jura­pro­fessorin Marjorie Cohn warnt: »Whistle­blowers drohen Einzelhaft und Folter.« So etwas vernahmen wir bisher meist aus östlichen Staaten, doch keine Angst, der Westen holt zügig auf. Mit Gauck sind wir sicher dabei.

     

Badiou bringt Platon nach Hollywood. Möchte Marx mit Liebe ermöglichen.



FAZ vom 4.7.2013, Redaktion Neue Sachbücher, mit Platon-Statue verzierte Re­zen­sion von Alain Badious Bekentnis-Ge­ständnis mit dem Titel »Platons ›Staat‹«. Noch kenne ich das Buch nicht. »Her mit dem großen Ereig­nis!« ruft die Zeitung enthu­siasmiert: Und dann: »Durch den Mund eines alten Philo­so­phen und mit Aus­blick auf eine wahrhaft kommunis­tische Gesell­schaft: Alain Badiou findet in Pla­tons ›Staat‹ vor allem das, was er sich schon lange dachte.« Wir staunen. Eine wahr­haft kommunis­tische Gesell­schaft – so bejubelnd empfohlen könnte das prompt den Ver­fas­sungs­schutz alarmieren, passierte es linker­hand, rechts ist es ungefährlich, weil nur Kultur. Ge­rechter­weise sei ange­merkt, Badiou ist es wert. In der FAZ vom 3.7.2011 wurde schon sein Lob der Liebe ange­priesen. Wir empfeh­len über­dies seinen Titel Ist Politik denkbar? Merve Verlag, Berlin 2010, besonders ab Seite 135: »Was es heißt, ein Marxist in der Philo­sophie zu sein.« Dazu Seite 33/34 über re­vo­lutionäre Subjektivität und warum sie bis heute unter­liegt. Philo­sophisch ist heute rechts­rheinisch nichts ver­gleich­bar, doch historisch-politisch stößt Mario Kesslers tau­frische Ruth-Fischer-Biographie ins Zentrum vor. Untertitel: Ein Leben mit und gegen Kommunis­ten – wir signali­sierten das Standardwerk im poetenladen kürzlich im Nachwort 13 unter dem Stichwort Ein Kampf um Moskau und Berlin als wär's aus Tolstois Krieg und Frieden. Ruth Fischer gibt als ge­schichts­trächtige Haupt­figur den Blick frei auf die unend­liche Liste der Ver­fol­gung, samt Wechsel der Verfolgten und Verfolger. Beginnend bei Wolf­gang Abendroth, nicht endend bei Arnold und Stefan Zweig. Beim Namen Jakob Moneta stutze ich – eine »sehr gute Zusammen­arbeit« Ruth Fischers mit Mone­ta wird notiert? Es gab gute Gründe. Kessler deckt ein Geheimnis nach dem andern auf, sein Buch ist ein Meilen­stein, um den keiner herumkommt, der die Kämpfe des Jahr­hun­derts beurteilen will. Die Lektüre geht mir nahe als wär's ein Roman im engsten Umkreis, jeder Name ein Kapitel für sich.

 

Caroline De Luis –
Drei Ehejahre mit Wolfgang Harich –
Viel Liebe und und noch mehr Lektüre



Das Gefühls­doppel von Freude und Trauer lässt mich Gründerjahre aus dem Regal nehmen, die Erinnerungen von Caroline De Luis, 1998 erschienen bei »Frank­furter Oder Edi­tionen«, der Klein­verlag hält sich tapfer, Caroline lebt seit langem in Italien. Drei Jahre lang ist sie mit Wolfgang Harich verheiratet gewesen, der ihr so en passant per Zettel auftrug, in einem Monat mehr als zwei­hundert Bücher zu lesen. Sie ertrug Wolfgangs pädago­gische Ungeduld mit liebender, wenn auch nicht unbe­grenzter Geduld. Die gelernte Schau­spie­lerin und spätere Philosophie­studentin berichtet so genau wie rasant über ihre indivi­duellen Erleb­nisse und Erfahrungen wie Kessler in seinem Mammutwerk aus dem großen geopoli­tischen Revo­lutions­raum. Dieser »Traum vom Dritten Weg« ist überall aufzuspüren. Caro­line dazu: »Europas Linke, die für den Dritten Weg eingetreten war, muss sich ent­scheiden …« (Seite 123) Und nun schlägt's 13, heute, am 7.7.2013 feiert die FAS einen »Vorhof des Morgens«, denn »Alain Badiou – schreibt ein Drehbuch über das Leben Platons. Brad Pitt soll ihn spielen, Sean Connery will Sokrates verkörpern. … « Da geht doch glatt die Post ab. Philosophie als Millionen­spektakel. Was wird Hollywood daraus machen? Eine Filmfabrik, die mit dem antiken Rom in allen Varian­ten schon die Kassen füllte, dass sich in Roms Untergang der USA-Untergang ankündigte. Mit Badious Drehbuch soll es nun zurück ins antike Griechen­land gehen. Platons Höhle als Zukunfts­modell. Inklusive Platons Utopia. Inklusive Badious Kommunis­mus der Liebe. Welch ein schönes optimistisches Spektakel. Aber – hat Bloch es nicht voraus­gehofft?

Kurzer Durchlauf zu Badious Anfrage, ob heute Politik noch möglich sei. Macht euch die Erde untertan, wie es in der Bibel heißt, ist falsch, weil überholt. Die Erde als glo­baler Untertan steht in Gefahr des Untergangs. Ihre Ausbeu­tung wurde wie die Ausbeu­tung des Menschen durch den Menschen zum unmittelbaren Existenz­risiko. Der gegen­gläu­bige Marxismus ist der Versuch, Philosophie und Politik identisch zu gestalten. Das führt zur Revolu­tions­frage mit den Po­lari­sie­rungen Revolution – Reform, Theorie – Praxis, links – rechts, Stra­tegie – Kultur, Ideologie – Ontologie, Klassen­kampf – Klassen­harmonie. Seit der griechi­schen Antike bietet sich dem Historiker die Parteien­frage mit den Polen Demokratie – Diktatur an. Der Weg von Marx zu Lenin, der das grundsätzlich ändern sollte, führ­te zur übermächtigen Einheits­partei. Dieser Prozess der Ent­fremdung des Marxis­mus von Marx setzt mit dem Ende der Sowjet­union einen Schlusspunkt. Die Praxis kollektiver Partei­poli­tik hat versagt. Rechts führt der Kon­kurrenz­kampf zu Kriegen um die Weltmacht. Links zum Kon­kurrenz­kampf der Partei­mäch­tigen um das­selbe Ziel. Philosophie ver­flacht zur Propaganda. Der Mensch wird ge­teilt in den Über- und den Unter­menschen. Damit steht die Iden­tität von Philo­sophie und Politik als Exis­tenz­frage neu zur Debatte. Es sei denn, die über­leben­den Genos­sen genü­gen einander in diversen Sekten und Vete­ranen­vereinen. Badious Frage »Ist Politik denkbar?« erhält eine unver­mu­tete Schärfe und Spreng­kraft, die er doch gerade verhindern möchte. Doch was brauchen wir Politik, wenn wir die Philo­sophie gewinnen?

 

Buchhandlung Gastl
in Tübingen



»Jetzt kommt Zwerenz, stellt Fragen, stellt in Frage, der Unbequeme, der beweist, dass alles auch ganz anders sein könnte …« So Walter Jens, wie er im Nachruf 18 am Ende zitiert wird und wie er eine meiner Lesungen in der Tübinger Buch­handlung Gastl einge­leitet hatte. Wer das gesamte Zitat – Seite 7 – nachliest, begreift, es geht weniger um mich und mehr um Bloch und mich als Bloch-Schüler, was zu sein ich seit langem verneinte, weil ich als Autor immer mehr zum Bloch-Prakti­ker wurde. Die Schüler der Meister­denker suchen ebenfalls Meister­denker zu werden. Mir fehlte es dazu am passablen Ehrgeiz und bürgerlichen Größen­wahn. Bloch ani­miert per se zum Weiter­denken, das Anders­denken hatte mir sechs Jahre Krieg und Gefangen­schaft beigebracht. Blochs Geistes­revolten ein­schließlich der Eskapaden wurden zum Schlüssel eigener Lebens- und Todes­erfahrung. Seine Sprache steckt voller Signale und Auf­forderungen zur Spuren­suche in der Welt und im eigenen Gedächtnis.
  Zitat aus dem www.poetenladen Nachwort 99 vom 25.11.2012: Bloch schickte uns seine Bücher stets mit Widmung für Ingrid und Gerhard Z. Ein einziger Band richtete sich nur an mich: »Ein Gruß vom Kurfür­sten­damm der zwanziger Jahre für Gerhard Zwerenz – herzlich Ernst Bloch.« Es geht um Erbschaft dieser Zeit, Suhrkamp 1962 – Buch und Widmung schlagen eine Brücke fünf Jahre zurück zu meinem heimlichen letzten Gespräch mit Bloch in Leipzig. Er war bereits ohne Lehrstuhl, ich auf dem Weg in den Westen. Das war ein heikles Thema, denn, so unsere Bedenken, würde eine BRD ohne DDR nicht zurückfallen in die Wirren und Gefährdungen einer Weimarer Republik? Die Widmung im Erbschafts-Buch spielte 1962 darauf an. Das ganze Werk ist eine Warnung vor der ewigen Wieder­kehr des üblen Gleichen.
(Ende Zitat)

Nicht der Philosoph Bloch wurde vor Zeiten Bundes­präsident, sondern vor kurzem Pastor Gauck, der sich auf 2000 Jahre Christen­tum, davon ein Halb­jahrhundert Luther­glaube stützen konnte, assistiert von Sozial­demo­kraten und Grünen, lauter dienst­baren Heerscharen des alten Gottes. Ernst Bloch überlebt lediglich als Zitat, Episode, besten­falls Seminar­stunde. Der Vor­schlag einiger Ostler von 1956 in Leipzig, den deutsch-jüdischen Philo­sophen als Staats­präsidenten zu küren, gilt einer über­wiegenden Mehrheit als Schnapsidee. Platon ging zwar drei­mal zum Tyrannen. Doch was hatte er davon? Badiou schreibt ein Drehbuch für Hollywood darüber.
  Philosoph ist, wer nicht aufgibt. Die Blochianer berufen sich dazu auf die Grundlinie von Aristoteles bis Bloch. Die Philosophie dazu ist in Blochs Erbschaft dieser Zeit ent­halten. Das hat zeit­geschicht­liche Gründe. Heideggers Sein und Zeit (1927) beurteilten Brecht, Bloch, Walter Benjamin, Günter Anders als philo­sophi­schen Vorschein des Faschis­mus. Ihr Plan eines Anti-Heidegger-Pam­phlets schei­terte, ihr Projekt, den aufstrebenden Nazis »eingreifendes Denken« entgegen­zu­stellen, blieb in Ansätzen stecken. Was als weit­aus­greifen­des Resultat vorliegt, ist Blochs Erbschaft dieser Zeit von 1935, sein Rückblick auf das Versagen der Weimarer Republik. In der Erweiterten Ausgabe von 1962 wird die exakte Analyse der Versagensursachen weitergeführt. Anti­faschis­tische Kritik inklusive anti­faschis­ti­scher Selbst­kritik ergibt De­kon­struktion. Blochs Haupt­werk ist Das Prinzip Hoffnung, die Erbschaft aber ist ein klas­sisches Dekon­strukt. Gelangten die fran­zösi­schen Philo­sophen (Kritiker) von Nietzsche über Heidegger und Sartre zu ihren neuen Erkennt­nissen, ver­lief die Linie in Deutsch­land über Nietzsche und Marx zu den anti­faschistischen Links­intellek­tuel­len. Linker Anti­marxismus wie in Paris verbot sich, Marxfresser gab es schon zahl­reich genug. Daraus folgt eine weitere Dif­ferenz. Die fran­zö­si­schen Dekon­struktionis­ten heimsten Erfolge ein.
 Die ANTIFA-Deutschen gehör­ten in der Bonner Republik zu den uner­wünschten Linken. In der DDR mussten die Philo-Linken sich tarnen. Im 1990 ein­gemeindeten Ostteil der Berliner Republik herrscht das Prinzip des Un­wissens und Ver­gessens, ganz wie in der DDR ab 1956/57. Danach wuchsen im Leipziger Philo­sophi­schen Institut Studenten heran, die den Namen Bloch nicht einmal kannten, wie wir bei unseren ersten Besuchen nach Ende der DDR fest­stellen mussten. Wir erhofften uns einen eigen­ständigen Denker und er­hielten einen geschwät­zigen Theo­logen. Das ist para­dig­ma­tisch. Statt Bloch Gauck. Denn in Adenauers per­pe­tuiertem Pa­nop­tikum lebt es sich ungestört und angenehm, während die Erde den Atem anhält, weil In Deutsch­land Wahlen bevor­stehen. Der Kampf um die Weltmacht geht ungestört weiter. Das alte Rom ging unter. Merkel ist heute die stärkste Frau, behauptet Obama. Er muss es wissen. denn er hört sie ab. Beide gewannen schon den Kalten Krieg. Statt gegen die Sowjetunion geht es gegen Russen und Chinesen. USA plus Deutsch­land sind unschlag­bar wie alle früheren Riesen­reiche.
  Was soll da noch dieser Bloch, der Utopist einer anderen Welt, was soll seine aristotelische Sprach­philo­sophie, was soll der Hiob-Affekt, das Hadern mit dem Herrn und seinen Knechten. Die Lage der arbei­tenden Klasse in England? Das war Friedrich Engels, der daraus die Revo­lution folgerte. Schopen­hauer war auch dort, zog aber die Ver­zweiflung vor. Marx fing mit dem Kapital an, Engels schloss es ab. Was tun? Der Staat als Dschun­gel­camp wird`s schon richten. Von Marx aber ist zu hören, »… dass der Mensch das höchste Wesen für den Men­schen ist, also mit dem Kate­go­rischen Impe­rativ, alle Ver­hält­nis­se umzuwerfen, in denen der Mensch ein ernie­drigtes, ein ge­knech­tetes, ein ver­lassenes, ein ver­ächt­liches Wesen ist …« So Marx statt aus der Hölle aus dem Himmel, nach­zu­lesen in der MEGA, und Bloch als Neubürger dort oben dicht neben dem Alt-Klas­siker, dem er seine marxistische Dekon­struk­tions-Onto­logie vor­trägt. Ernst zu Karl: »Wir sind Ge­nossen!« Karl zu Ernst:»Du machst mir Hoff­nung!« Ernst zu Karl: »Der Mensch ist etwas, das noch im Werden ist.« Und dann unter­halten sich die beiden über die Dif­ferenz zwischen der demo­kriti­schen und epiku­räischen Natur­philosophie, wäh­rend wir als bisher noch Über­lebende im Sep­tember außer der Bundes­tags­wahl keine Wahl mehr haben.

Postscriptum: Die freundlichen Einführungs­sätze bei meiner Lesung in der Buch­handlung Gastl bedürfen der Ergänzung. Zwischen Bloch und Jens hatte es kleine Un­stim­mig­keiten gegeben und mir verübelte er ein paar Sätze in meinem Buch Ärgernisse. Beides schaffte der brillante Rhetoriker mit wenigen Worten aus der Welt. Mich freute das und der im Pu­blikum sitzende Ernst Bloch erkannte die an ihn gerichtete Adresse. Denn er war und ist das Original, das in Leben und Werk belegt, es könnte alles auch ganz anders sein, versäumten wir nicht die besseren Möglich­keiten dazu.
Gerhard Zwerenz    22.07.2013    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Gerhard Zwerenz
Serie
Zwischenberichte
  1. Zum Jahreswechsel 2012/13
  2. Ins Gelingen oder Misslingen verliebt?
Nachrufe
  1. Es herrscht jetzt Ruhe in Deutschland
  2. Wer löst den Loest-Konflikt?
  3. Wo bleibt die versprochene Reformdebatte?
  4. Wortgefechte zur Linken und zur Rechten
  5. Küsst die Päpste, wo immer ihr sie trefft
  6. Wir Helden auf der immer richtigen Seite
  7. Ein Versuch, Stalingrad zu enträtseln
  8. Der Übermenschen letzter Wille
  9. Hitlers Rückkehr als mediales Opiat
  10. Von Leibniz zum tendenziellen Fall der Profitrate
  11. Vom langen Marsch den 3. Weg entlang
  12. Das Kreuz mit den Kreuzwegen
  13. Gibt es Marxismus ohne Revolution oder ist Marx die Revolution?
  14. Unser Frankfurter Rundschau-Gedenken
  15. Meine Rache ist ein dankbares Lachen
  16. Drei jüdische Linksintellektuelle aus dem Chemnitzer Marx-Kopf
  17. Aufmarsch unserer Kriegs­verteidigungs­minister
  18. Vom Linkstrauma zur asymmetrischen Demokratie
  19. Gauck wurde Präsident. Bloch nicht. Warum?
  20. Vorwärts in den Club der toten Dichter 1
  21. Der Mord an der Philosophie geht weiter
  22. Nie wieder Politik
  23. Abbruch: Erich Loests Fenstersturz
  24. Statt Totenklage Überlebensrede
  25. Philosophie als Revolte mit Kopf und Bauch
  26. Das Ende der Linksintellektuellen (1)
  27. Das Ende der Linksintellektuellen (2)
  28. Leipzig leuchtet, lästert und lacht
  29. Briefwechsel zum Krieg der Poeten
  30. Die Urkatastrophenmacher
  31. Abschied von der letzten Kriegsgeneration?
  32. Konkrete Utopien von Hans Mayer bis Joachim Gaucks Dystopien
  33. Vom Leben in Fremd- und Feindheimaten
  34. Was wäre, wenn alles besser wäre
  35. Von Schwarzen Heften und Löchern
  36. Die unvollendete DDR als Vorläufer
  37. Auf zur allerletzten Schlacht an der Ostfront
  38. »Der Mund des Warners ist mit Erde zugestopft«
  39. Die Internationale der Traumatisierten
  40. Fest-Reich-Ranicki-Schirrmacher – Stirbt das FAZ-Feuilleton aus?
  41. Grenzfälle zwischen Kopf und Krieg
  42. Linke zwischen Hasspredigern und Pazifisten
  43. Wahltag zwischen Orwell und Bloch
  44. Botschaft aus dem Käfig der Papiertiger
  45. Ernst Bloch und die Sklavensprache (1)
  46. »Weltordnung – ein aufs Geratewohl hingeschütteter Kehrichthaufen«
  47. Frankfurter Buchmesse als letztes Echo des Urknalls
  48. Autobiographie als subjektive Geschichtsgeschichten
  49. Die Sprache im Käfig und außerhalb
  50. Tage der Konsequenzen
  51. Oh, du fröhliche Kriegsweihnacht
  52. Merkel, Troika, Akropolis und Platon